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»Dann haben wir es gewagt«

Der Fotograf Harald Kirschner über das Leben in Grünau seit 1981

  »Dann haben wir es gewagt« | Der Fotograf Harald Kirschner über das Leben in Grünau seit 1981  Foto: Harald Kirschner/Christiane Gundlach

Seit seinem Umzug aus dem Leipziger Süden nach Grünau dokumentiert Harald Kirschner das Leben in dem neuen Stadtteil – damals wegen der nicht befestigten Gehwege Schlammhausen genannt. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen unter anderem, wie Kinder sich den noch unfertigen Stadtraum als Spielplatz erobern, wie Menschen sich neu einrichten, Läden eröffnen. Das Jubiläum Grünaus bietet nun einen sehr guten Anlass, um mit dem Fotografen über sein Leben in Grünau zu reden und warum seine Aufnahmen 1991 enden.

Warum sind Sie nach Grünau gezogen?

Wir wohnten vorher in der Kurt-Eisner-Straße in einer Ladenwohnung, was eigentlich illegal war. Aber meine Frau Jutta und ich lebten von 1975 bis 1981 da, mit unserem Sohn Sebastian. Wir hatten kein Bad und keine richtige Küche. Die Toilette war, wie man so schön sagt, auf halber Treppe. Als sich dann unsere Tochter Halina 1982 anmeldete, mussten wir uns um eine Wohnung kümmern. Wir hatten einen Wohnungsantrag beim Verband bildender Künstler laufen.


Der Verband regelte die Wohnungsfrage für Künstlerinnen und Künstler in der DDR?

Ja, der war dafür verantwortlich. Im Sommer 1981 sagte uns Gerda Viecenz vom Verband: »Wir haben für euch eine schöne Wohnung, in Grünau.« Oh, da waren wir enttäuscht. Wir wollten nicht nach Grünau. Aber es hieß: »Das ist eine ganz tolle Wohnung, eine Atelierwohnung, eine Maisonette-Wohnung, 15. und 16. Etage.« Das hörte sich ganz gut an. 132 Quadratmeter für 200 Ostmark Miete. Eigentlich war sie für Maler vorgesehen, aber die Deckenhöhe war zu gering. Für einen Fotografen und eine Illustratorin war sie ganz gut mit zwei Arbeitsräumen und ich hatte gleich noch das Labor in der Wohnung. Da haben viele gesagt: »Wenn ihr die nicht nehmt, seid ihr blöd.« Dann haben wir es gewagt.


Und dort wohnen Sie noch?

Ja.


Wie viele Menschen vom Erstbezug leben noch in Ihrem Haus?

Ich schätze: höchstens zehn Familien oder Einzelpersonen.


Von wie vielen Wohnungen?

Es sind 15 Etagen mal neun Wohnungen, macht 135 Wohnungen.


Hat sich der Kontakt untereinander in den Jahrzehnten verändert?

Ja, der hat sich total verändert – das soziale Gefüge hat sich verändert. Zu DDR-Zeiten lebten vom Arbeiter bis zum Professor alle im Haus, eine gute soziale Durchmischung. Wir haben uns alle gut verstanden. Wir wollten alle etwas aus der Wohngemeinschaft machen, weil alle neu hier anfingen.


Woher kamen die Menschen?

Viele aus dem Leipziger Osten, also Ernst-Thälmann-Straße (heute Eisenbahnstraße, Anm. d. Red.) und deren Seitenstraßen, wo die Häuser abgerissen worden waren, manche aus dem Südraum, aus den Dörfern, die der Braunkohle weichen mussten.


Mussten alle die Hausordnung machen?

Ja, das war zu der damaligen Zeit so. Jede Etage war für die Sauberkeit selbst verantwortlich. Jeder war mal dran und das haben alle gemacht. Wir wollten eine
Gemeinschaft, wir wollten gut leben und heimisch werden. Da gab es keine Probleme. Ein Vorteil davon war, dass man mehr achtgab als heutzutage, wo vieles liegen gelassen wird. Das ist heute das Problem.


Haben Sie eine Küche mit Durchreiche?

Ja, wir reichen aber nicht durch.


Gab es bei Ihrem Einzug in die damalige Wilhelm-Pieck-, heute Stuttgarter Allee überhaupt Gaststätten in Grünau?

Es gab fast keine Gaststätte. Die Infrastruktur stand hinten an. Der Wohnungsbau ging vor, auch die kulturellen Einrichtungen oder der Buchladen, der 1982 eröffnete …


Davon gibt es ein Foto von Ihnen mit einer Riesenschlange davor …

Da waren fast 200 Leute bei der Eröffnung. Das war so ein Bedürfnis. Das kann man sich gar nicht vorstellen.


Aber Kaufhallen gab es schon eher?

Wir hatten am Anfang eine an der Ratzelstraße und hatten keine Probleme. Man hat sich an die Situation in Schlammhausen (lacht) gewöhnt. Die Kinder haben aus der Not eine Tugend gemacht. Grünau war für sie ein toller Abenteuerspielplatz.


Sie haben seit 1981 in Grünau fotografiert. Wie würden Sie Ihre Fotoarbeiten beschreiben? Straßenfotografie oder Sozialdokumentation?

Sozialdokumentarische Fotografie – das war mein Schwerpunkt innerhalb der Fotografie. Sie entstand im Eigenauftrag, nicht im Auftrag der Stadt oder eines Verlages. Vorbilder waren dabei für mich Henri Cartier-Bresson (1908–2004) und Robert Frank (1924–2019). In der DDR haben das viele Fotografen verfolgt. Es meint eine beobachtende Fotografie ohne Inszenierung. Das kann man heute aus datenschutzrechtlichen Gründen und wegen dem Recht am eigenen Bild nicht mehr machen. Ich darf auch keine Kinder mehr fotografieren.


Sie haben bis Anfang der Neunziger in Grünau fotografiert. Da fehlen jetzt also die letzten drei Jahrzehnte.

Ja, das ist sehr schade, dass ich die Dokumentation so in Grünau nicht mehr verfolgen kann.


Gab es vor 1990 Ausstellungen mit Ihren Grünau-Aufnahmen?

Ich hatte nicht viele Ausstellungen: zu DDR-Zeiten eine oder zwei in der Pauluskirche (1983 geweihte evangelisch-lutherische Kirche in Grünau, Anm. d. Red.). Dort ging das ohne Weiteres. In der Galerie im Leibniz-Club, also im Kulturbund (in der Elsterstraße, gegenüber vom Haus Leipzig, heute befinden sich dort Wohnungen; die offizielle Bezeichnung lautete: Klub der Intelligenz »Gottfried Wilhelm Leibniz« im Kulturbund der DDR, Anm. d. Red.). Dort habe ich Grünau-Fotografien gezeigt. Und bei der letzten DDR-Kunstausstellung 1987/88
in Dresden war ich mit sechs Fotografien vertreten.


Wurden die von einer Institution angekauft?

Nein. Als ich die Ausstellung im Leibniz-Club hatte, berichtete mir jemand, der zufällig ein Gespräch zwischen zwei Funktionären mitgehört hatte, die sich die Ausstellungen angeguckt haben. Einer fragte: »Darf der Fotograf das überhaupt fotografieren?«


Gab es Probleme?

Ich hatte keine Probleme.


Sie leben jetzt mehr als vierzig Jahre in Grünau. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie wegziehen müssen?

Es sind 45 Jahre. Überlegt haben wir uns das nicht ernsthaft. Wir haben ein bisschen Ausgleich mit einem Wochenendgrundstück bei Grimma.


Was ist das Beste an der Wohnung in Grünau?

Das Schönste an unserer Wohnung ist, dass wir einen ganz tollen Blick auf Leipzig haben. Das ist eigentlich der Grund, dass wir immer noch da wohnen.


Ist es laut?

Das ist sehr unterschiedlich. Auf unserer 15. Etage können wir nicht groß klagen, auch vom lauten Verkehrslärm sind wir verschont. Unerträglich ist aber die Zerstörungswut Einzelner. Zum Beispiel wird im Fahrstuhl gezündelt, werden die großen Spiegel demoliert oder die Wände mit Kritzeleien und Losungen verunstaltet.


Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert?

Die Mieterstruktur hat sich komplett verändert. Es wohnen viele hier, die soziale Probleme haben.


Wenn man durch Grünau mit dem Rad fährt, sieht man einerseits, dass durch den sogenannten Stadtumbau ursprünglich geplante Strukturen nicht mehr vorhanden sind. Andererseits gibt es sehr viele sehr ruhige und sehr grüne Wege im Gegensatz zum alten Leipzig …

Ich glaube, dass Grünau der grünste Stadtteil von Leipzig ist. Wir sehen das ganz gut von oben. Dann der Kulki – ganz wichtig für uns – meine Frau war heute wieder baden. Das Wasser ist glasklar, man kann gut spazieren gehen. In den Schönauer Lachen kann man auch gut wandern. Was nicht so schön ist: der Robert-Koch-Park – der ist vernachlässigt worden. Früher war er auch nicht umzäunt. Was gut ist in Grünau: der Skatepark am Heizhaus. Da kommen auch einige aus anderen Stadtbezirken hin.


Welche Klischees von Grünau nerven Sie am meisten?

Schlammhausen ist ja längst vorbei … Vieles ist den Leuten egal und sie sind gleichgültig. Was uns manchmal nervt, ist, dass die Leute einfach ihren ganzen Müll, Klamotten oder alten Hausrat irgendwo ablegen. Also nicht selbst wegbringen, sondern vors Haus stellen. Wir hatten zu DDR-Zeiten das Hausumfeld selbst gestaltet. Wir haben den Rasen angelegt, gepflanzt und in Ordnung gehalten. Nach der Wende wurde uns gesagt, dass wir das nicht
mehr machen müssen, sondern eine Firma das nun erledigt.


Und was macht die Firma?

Na ja, die hat erst mal alles ausgebuddelt, neu gepflanzt nach ihren Vorstellungen. Mehr oder weniger wird das auch gepflegt. Die Hausgemeinschaft hat damals insgesamt gut funktioniert. Wir haben uns einen Sportraum angelegt, einen Tischtennisraum, dann auch eine Wäschemangel gekauft und dafür gab es auch einen Raum.


Im Altbau kenne ich die Wäschemangel auf dem Boden, in Grünau war sie wo?

Im Keller; und wir haben es auch durchgedrückt, dass wir den Dachgarten benutzen können.


Es gab einen Dachgarten?

Ja, früher – über dem 16. Stock, der durfte eigentlich aus Sicherheitsgründen nicht benutzt werden.


Aber warum gab es dann einen Dachgarten?

Na ja, es gab einen Zaun drum herum. Aber wir haben uns durchgesetzt mit der Nutzung und dann stellte sich die Frage nach der Aufsicht. Da wir im 15. Stock wohnen, haben wir den Schlüssel erhalten. Und wer dann auf den Dachgarten wollte, musste zu uns kommen, bekam den Schlüssel und konnte sich da im Sommer sonnen.


Ist da auch jemand mal runtergesprungen?

Nach der Wende ist einmal einer … Wir waren häufig oben, haben Abendbrot gegessen, Kinderfeste und Geburtstage gefeiert und so weiter. Das war schön.


Und heute?

Er ist nicht mehr eingezäunt und somit ist auch keine Sicherheit mehr vorhanden. Das ist schade.


Was hat die Hausgemeinschaft früher sonst noch gemacht?

Die Hausgemeinschaft hat fast jedes Jahr ein Kinder- oder Hausfest organisiert. Wir hatten im Haus ungefähr fünfzig Kinder. Das war wunderbar. Fast alle haben mitgemacht. Die Hausgemeinschaft sollte ja aus politischen Gründen bestehen. Wenn man das Politische ignorierte, dann hat es gut funktioniert und war auch wichtig. Ich war mehrere Jahre Hausgemeinschaftschef. Natürlich gab es manchmal Meinungen wie: »Na gut, wenn das so ist, dann könnt ihr es machen, aber wir machen es nicht.« Wie zum Beispiel die Vorgabe, dass eine Etage gemeinsam zur Wahl gehen würde. Da habe ich gesagt: »Wer das machen will, der soll es machen. Aber wir machen das auf unserer Etage nicht.«


Durch den sogenannten Stadtumbau verschwanden auch viele Hochhäuser. Wie viele gibt es eigentlich noch in Grünau?

Von den 19 Hochhäusern gibt es noch 5. Das war eine schöne Silhouette und für viele Menschen auch ein Orientierungspunkt. Aber Grünau hat jetzt wieder über 48.000 Bewohnerinnen und Bewohner.


Es waren mal 100.000 …

Nicht ganz – so um die 85.000 lebten zur Wendezeit hier. Die niedrigste Einwohnerzahl war mal 41.000 im Jahr 2010.


Was war und ist für Sie wichtig in Grünau?

Die beiden Kirchen in Grünau (die oben bereits genannte Pauluskirche und die 1985 geweihte katholische St.-Martin-Kirche, Anm. d. Red.) besaßen wichtige Funktionen in Grünau zu DDR-Zeiten für uns. Da konnte man hingehen und frei reden oder wenn man Probleme hatte. Man traf sich dort. Es wurde Kultur geboten, sei es Musik, Lesungen oder auch andere Veranstaltungen. Ein Beispiel: 1985 oder 86 war der ehemalige Regierende Bürgermeister von West-Berlin Heinrich Albertz (1915–1993, Anm. d. Red.) da und erzählte aus seiner Regierungszeit 1966–67, über den umgebrachten Benno Ohnesorg und den damaligen Polizeieinsatz.


Wo gehen Sie heute hin in Grünau?

Aus gesundheitlichen Gründen gehen wir in letzter Zeit nicht mehr so oft weg. Ins Cineplex-Kino im Allee-Center gehen wir nicht. Da fahren wir lieber in die Schauburg.


Und wohin auf einen Wein?

(überlegt) Eigentlich gar nicht, höchstens in die Gartensiedlung in der Nähe der Ratzelstraße. Da gibt es ein tolles Café, die machen eigenen Kuchen.


Wie ist es mit dem Allee-Center?

Da gehen wir nicht hin. Wir fahren in die Innenstadt.


Grünau stand Anfang der Neunziger auch für Nazis. Wie haben Sie das
wahrgenommen?

Das haben wir schon wahrgenommen. Wir haben aber vor allem auch die Gegendemonstration wahrgenommen. Ich habe sie auch von oben fotografiert.


Wie ist es heute?

So offensichtlich sind sie nicht zu sehen. Aber auch in unserem Haus war vor einem Jahr an einem Spiegel im Fahrstuhl ein 50 x 50 Zentimeter großes Hakenkreuz angebracht. Ich habe die Polizei gerufen, die nach einer halben Stunde kam. Und als ich denen das zeigen wollte, hatte es die Reinemachfrau schon weggemacht.


Biografie: Harald Kirschner wird 1944 in Reichenberg (heute Liberec) geboren und wächst in Mecklenburg-Vorpommern auf. Nach einer Fotografenlehre in Loitz studiert er von 1968 bis 1973 in Leipzig Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Dort arbeitete er von 1978 bis 1981 als Assistent, seitdem ist er freischaffend tätig. Unter anderem erschienen von ihm die Bildbände »Grünau – ein Fotolesebuch« (Leipzig 2006), »Vom Heimischwerden – Leipzig-Grünau 1981 bis 1991« (Halle 2015) und »Abenteuer Platte« (Halle 2021).

Aktuelle Ausstellungen in Leipzig mit Arbeiten von Harald Kirschner: »50 Jahre Grünau – als Grünau noch ›Schlammhausen‹ hieß« (bis 18.9. im Komm-Haus) und »BMW Photo Award« (11.6.–13.9. im Museum der bildenden Künste) – www.harald-kirschner.de


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