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Politik

Nachholbedarf im Gedenken

Noch bis Samstag widmet sich das Festival »Latcho Dives« der Kultur der Sinti und Roma in Sachsen

  Nachholbedarf im Gedenken | Noch bis Samstag widmet sich das Festival »Latcho Dives« der Kultur der Sinti und Roma in Sachsen  Foto: Latcho Dives

Bei sommerlichen Temperaturen in entspannter Nachmittagsstimmung versammeln sich am Neuen Rathaus ungefähr 35 Personen jeglichen Alters um Petra Sejdi. Die Stadtführerin und Gründungsmitglied vom Verein Romano Sumnal ist heute »Auf den Spuren der Roma und Sinti in der Leipziger Innenstadt«. Das Ganze findet im Rahmen der vierten Ausgabe des Festivals »Latcho Dives« statt, das sich vom 30. Mai bis 6. Juni mit Konzerten und Filmen der Kultur der Sinti und Roma widmet.

Nach einführenden Worten machen wir uns auf den Weg Richtung Wilhelm-Leuschner-Platz, erfahren dort Grundlegendes zur Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland und Sachsen.

Recht schnell kommt Sejdi dabei auch auf die Verfolgung der Sinti und Roma zu sprechen, die einen unerlässlichen Teil ihrer Geschichte in Europa bildet. In Deutschland zeichnete sich historisch sehr früh das SPD-Mitglied und der antifaschistische Widerstandskämpfer Wilhelm Leuschner in seiner Position als hessischer Innenminister mit der Einführung von Antiroma-Gesetzen aus. Schon 1929 beschloss der hessische Landtag – nachzulesen im hessischen Regierungsblatt aus dem Jahr 1929 – Gesetze, die es »Zigeunern und [...] nach Zigeunerart herumziehenden Personen« verbot, Vieh zu besitzen und deren Aufenthalt in Hessen an den Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, eines Gewerbescheins und eine erkennungsdienstliche Behandlung knüpfte.

Nach Petra Sejdi ist dies das erste einer Reihe von Antiroma-Gesetzen, die zur zunehmenden Stigmatisierung, Entrechtung und Verfolgung der Sinti und Roma führten. Ihren Höhepunkt erreichte die Verfolgung mit der systematischen Ermordung von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten. Allein in Leipzig wurden nach bisherigen Recherchen des Vereins Romano Sumnal 700 Personen ermordet.

Erst im Jahr 2003 stellte die Stadt Leipzig am Schwanenteich hinter der Oper ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der Sinti und Roma im Nationalsozialismus auf. Besonders hier merkt man der Stadtführungsgruppe besondere Betroffenheit an. Es gingen Fotos von den Dienstanweisungen aus der NS-Zeit bezüglich der Verfahrensweise bezüglich der Sinti und Roma in Deutschland herum. Bürokratisch korrekt und gesetzmäßig wird in den Anweisungen die Inhaftierung und Demütigung von inländischen sowie ausländischen Sinti und Roma befohlen. Im Gegensatz dazu steht das Denkmal des zusammengekauerten und »geschlagenen« Menschen, vor dem wir stehen, dass an die ermordeten Personen erinnert.

Petra Sejdi beschreibt der interessierten Gruppe die weitere Details der damaligen Behandlung von Sinti und Roma und deren Auswirkungen bis heute. Die Volksgruppen seien schon vor der NS-Zeit entrechtet worden, in dem ihnen das Recht auf Besitz, Gewerbe und später sogar Miete verwehrt wurde. Dies trieb sie auf die Straße und in die Kriminalität, so Sejdi. Sie wären oft unter anderen Bedingungen verhaftet und später deportiert worden, als andere Betroffene der Verfolgung. Diese speziellen Bedingungen würden es den Sinti und Roma erschweren als verfolgte Bevölkerungsgruppe anerkannt zu werden, was auch ihren Zugang zu Entschädigungszahlungen behinderte.

Ein älterer Mann aus der Gruppe stellt die Parallelen zum heutigen Umgang mit Migranten und Migrantinnen – vor dem Hintergrund von Stigmatisierung, fehlender Möglichkeit zu legaler Arbeit und Einschränkung der Freizügigkeit – fest. Aus dem Publikum gibt es zustimmendes nicken für diesen Vergleich.

Ein Mann von gleichem Fleisch und Blut

Die Führung endet, wo sie begann: am Neuen Rathaus. Dort ist zum Gedenken an Finanz Just Rose ein Stolperstein in die Straße eingelassen. Rose war Sinti, wurde aber polizeilich bekannt wegen angenommener Homosexualität. Der Stolperstein zu seinen Ehren wurde 2013 vor das Rathaus gelegt und nicht vor seinen letzten bekannten Wohnort, weil ein pflichtbewusster Postbeamter sich die Beschwerden sinngemäß merkte, die Rose von sich gab, als er am 27. Mai 1936 von einem Termin im Rathaus kam, um sie einen Tag später bei der Polizei zu Protokoll zu geben: »Man bewilligt mir keine Unterstützung, obwohl ich eine sterbenskranke Frau zu Hause liegen habe, die von 4 Ärzten behandelt werden muß. Es wird mir zugemutet, mit dem schlafenden Kinde auf dem Arm nach der Frankfurter Straße zu gehen. Von dem Dritten Reiche habe ich noch nichts Gutes gesehen. Ich bin als Zigeuner ein Mensch von gleichem Fleisch und Blut, werde aber anders behandelt. Wenn wieder ein Krieg losgeht, so bleibe ich hier, ich werde nicht mit hinausgehen und für das Vaterland einsetzen.«

Mit diesen neunzig Jahre alten und doch so aktuellen Worten endet die Stadtführung. Das Kulturfestival »Latcho Dives« aber geht noch bis morgen.


> Die Webseite des Vereins stellt gut aufgearbeitetes Bildungsmaterial zur Geschichte der Sinti und Roma in Leipzig, Sachsen und Deutschland bereit: www.romano-sumnal.de

> Latcho Dives – 4. Leipziger Kulturfestival der Sinti und Roma, 30.5.–6.6., www.latcho-dives.de

> Filmvorführung des Films Aferim!, 5.6., 19:00 Uhr, Cinemateque Leipzig

Abschlussveranstaltung mit Kulturprogramm: 6.6., ab 15:00 Uhr, Werk 2


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