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Kultur

Asphaltspektakel

Die Straßentheatertage gehen in die Fläche und setzen auch dem Alltag im Osten und Westen der Stadt den Clownsriecher auf

  Asphaltspektakel | Die Straßentheatertage gehen in die Fläche und setzen auch dem Alltag im Osten und Westen der Stadt den Clownsriecher auf  Foto: Knalltheater

»Guck mal, die haben ja rote Nasen«, prustet ein kleiner Junge los, als er beim Einkaufsbummel auf Ungewöhnliches stößt. Die Mutter klärt auf: Die Typen in den bunten Klamotten sind Clowns, die hier eine komische Vorführung mitten in der Einkaufsmeile vorlegen. Die Szene trug sich vor fast zwanzig Jahren zu. So lange schon gibt es die Leipziger Straßentheatertage, die dieses Jahr übers Zentrum der Stadt hinauswachsen.

Vier Tage lang verwandeln zahlreiche Akteurinnen und Akteure nicht nur die Adern der Innenstadt zur Bühne. Jenseits der Einkaufsmeile entstehen kleine künstlerische Refugien zwischen Poesie und Klamauk, Pantomime und Akrobatik auch in Neustadt-
Neuschönefeld, im Park und in Plagwitz.

Straßentheater findet im öffentlichen Raum statt, unter freiem Himmel werden die Vorübergehenden zum Publikum. In Naumburg und Görlitz sind das etablierte Festivals. Die Leipziger Version ist kleiner – und dennoch ein fester Termin. Vom Knalltheater und dem sächsischen Landesamateurtheaterverband angestoßen, treten seither jährlich zwischen sieben und zehn Künstlerinnen und Künstler sowie Gruppen auf, um sich vorm Publikum zu bewähren. Das kann jederzeit kommen und gehen. Ehrlicher kann Kunst kaum sein: Um einen kleinen Obolus wird erst nach der Aufführung gebeten – ohne Verpflichtung.

»Ich war inspiriert vom Straßenmusikfestival in Leipzig«, sagt Knalltheater-Charge Larsen Sechert, der die Veranstaltung bis heute organisiert. »Ich hatte davon gehört, dass es Ende der Neunziger wegen fehlender Fördermittel wegbrach.« Also ersann Sechert etwas, das auch stattfinden kann, wenn es gar keine Förderung gibt – wie im vergangenen Jahr. Dann fällt es halt kleiner aus. »Dieses Mal unterstützt dankenswerterweise das Kulturamt unser Vorhaben«, so Sechert. Eine beantragte Förderung vom Staatsministerium für Kultur werde mutmaßlich kurzfristig wegbrechen. Dann muss das Publikum einspringen – sofern es will.

Zum Großevent wie in Görlitz oder Naumburg soll das Festival nicht werden, sagt
Sechert. Der Schauspieler und Regisseur spricht sich bewusst gegen die Professionalisierung aus, auch wenn Profiakteure beteiligt sind. »Sie müssen noch Leidenschaft dabei haben. Lieber sehe ich Amateure, die mit Passion 30 Leute um sich scharen, als Profis, die 80 Zuschauer anziehen.« Zu routiniert seien oft die Nummern jener, die permanent auf den Straßen unterwegs sind. »Da ist dann zu erwartbar, was passiert. Das ist handwerklich auf hohem Niveau. Aber wenn ich teilweise die leeren Blicke der Künstler sehe, die was abspulen, dann springt nichts über. Es geht weniger um Raffinesse. Um abgeholt zu werden, muss man die Menschen berühren. Das gelingt professionell-
artifiziellen Nummern weniger.«

Dass das Festival, das sich länger schon auch im Clara-Zetkin-Park austobt, auf den Osten und Westen der Stadt übergreift, war eine Anregung aus dem Kulturamt. Sechert fand diese sehr gut und ist gespannt, wie die Stuhlperformance von Clown Trine aus Dortmund auf der Karl-Heine-Straße funktioniert. Geht das Publikum im Rabet mit den Plagwitzer Tanzmäusen so ab wie die Passanten im letzten Jahr? Funktioniert das Miniaturtheater um einen hypnotisierten Vogel auf der Eisenbahnstraße? Die Jugendtheatergruppe Eilenburg zeigt einen Auszug aus ihrem Utopiestück. Sie begeistert Sechert besonders: »Sie haben in Eigenregie eine Mischung aus ›1984‹ und ›Momo‹ auf die Beine gestellt. Das ist super gebaut, die Dramaturgie stimmig.« Lokale Akteure wie das Theaterpack, die Leipziger Nasen und mehrere Improgruppen sind mit von der Partie.

Bevor in Leipzig Hut und Eimer kreisen, ist zu erleben, mit wie wenig Mitteln sich Theater veranstalten lässt. Da reicht manchem ein Kreidekreis, der zur Manege wird. Andere erklären gleich die ganze Fußgängerzone zum bespielbaren Areal. »Hier muss alles seine Ordnung und Sauberkeit haben«, kann schon mal der Appell eines Narrenduos lauten, das symbolisch Fassaden und Schaufenster putzt und auch Passantenschuhen auf die Pelle rückt. Oder es geht ganz dadaesk zu, wie einst das Knalltheater zur »Taubenfütterung« bat: »Ihr könnt ruhig stehen bleiben, das ist Kunst«, ruft eine der beiden auftretenden Vogelgestalten in
weißem Overall, pinken Strumpfhosen und angeklebtem Schnabel. Die innehaltenden Menschen sind zunächst irritiert, greifen dann beherzt zu, um die schrägen Vögel mit Brot zu bewerfen. TOBIAS PRÜWER

> 24.–27.6, www.knalltheater.de/strassentheatertage


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