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Stadtleben

Mit Kultur gegen Nazis

Der 30. Grünauer Kultursommer startet – ein Blick zurück, wie alles begann

  Mit Kultur gegen Nazis | Der 30. Grünauer Kultursommer startet – ein Blick zurück, wie alles begann  Foto: Über den Dächern von Grünau/Slacknet e.V Florian Eschauer

»Händel auf der Platte gibt es schon; Händel um die Platte hatten wir auch; aber Händel in der Platte ist neu.« Diese lobenden Worte fand der damalige Kulturbürgermeister Georg Girardet für den ersten Grünauer Kultursommer. Der hieß 1996 noch Konzertsommer und wurde in der Ratzelschule von der Leipziger Musikschule mit Händel und anderen Klassikern eröffnet. Das Viertel feierte sein 20-jähriges Bestehen – und sich selbst mit dem Musiksommer.

»Die Grünauer hatten sich mit diesem ersten Jubiläumsprogramm selbst belohnt und gleichzeitig trotzig den Finger gehoben: ›Wir sind noch hier und wir beleben unseren Stadtteil!‹«, erinnert sich eine Chronistin. Damals ahnte sicher niemand, welche Entwicklung die Veranstaltungsreihe nehmen wird. In diesem Jahr wird der Stadtteil, durch den sich die Alte Salzstraße zieht, 50 und der Kultursommer befindet sich im 30. Jahr.

Der Kultursommer entstand 1996 aus dem Bedürfnis heraus, das schlechte Image des Stadtteils zu bekämpfen – und gegen Neonazis vorzugehen. Grünau galt als DDR-Relikt, niemand wollte hinziehen, die Bewohner wurden abgestempelt. Damals war das dortige Kirschberghaus ein Treffpunkt für extrem rechte Jugendliche und junge Erwachsene. Die zu dieser Zeit verbreitete akzeptierende Jugendarbeit ließ sie gewähren, statt Grenzen zu setzen. Auf der Straße herrschte Gewalt. Daher entschloss sich die Leitung des ebenfalls in Grünau befindlichen Komm-Hauses mit den Veranstaltungen Menschen aus anderen Vierteln anzulocken. Daraus entwickelte sich der Kultursommer, das Komm-Haus wurde zur zentralen Anlaufstelle, deren Verwaltung das Kulturamt auf den soziokulturellen Träger Die Villa übertrug.

Bis heute ist die Teilhabe der Bewohner das Ziel des Kultursommers. Lokale Akteure werden eingespannt, dem Viertel nichts übergestülpt. Es geht auch darum, mögliche Schwellenängste vor angeblich zu ernster Hochkultur abzubauen. Die Menschen sollen zusammengebracht werden, nicht zuletzt ist die Veranstaltungsreihe auch ein Signal an die Bewohner, dass die Stadt sie wahrnimmt. Der Kultursommer bündelt Verschiedenes in einem Programm. Das Festival findet an möglichst vielen Orten im Stadtteil statt. Ein Koordinierungskreis bereit über eine mögliche Kleinstförderung. Das Gesamtbudget für den Kultursommer aus städtischen Mittel und Förderung beträgt 40.000 Euro.

Am Samstag startet die fette Geburtstagsparty am Nachmittag. Zwischen den Hochhäusern werden drei gespannte Slacklines von Athleten begangen. Die spektakuläre Aktion in 30 Metern Höhe kann das Publikum von unten bestaunen. Vereine stellen sich vor, Clowns ulken herum und mehrere Bands spielen. Abends gibt‘s Hiphop, Beats und Elektronisches vom Pult – von der Live-DJane der Antilopen Gang. Bis in den Oktober werden sich unzählige Veranstaltungen hineinziehen. Der Kultursommer ist aus einem zarten Pflänzchen zur Riesenreihe geworden. Fanden beim Auftakt neun Konzerte statt, so arbeitete das Kulturamt im Folgejahr schon mit lokalen Akteuren für Größeres zusammen. Im Jahr 2025 besuchten 10.000 Menschen 120 Einzelveranstaltungen.

Ein Kunstwettbewerb wurde ausgelobt, um die zum Teil verschwundene Kunst im öffentlichen Raum zu ergänzen. Außerdem entstehen großformatige Fassadengemälde, welche eine Tour miteinander verbindet. Eine bleibende Attraktion aus dem Jubiläums- Kultursommer für den Grünauer Alltag und die kommenden Festivals. Ins Programm werden einige Jubiläen eingebunden: So feiern das Parkfest, das Theatrium und das Alleecenter jeweils 30 Jahre, die Tastentage werden zehn. Ein Audiowalk um den Kulkwitzer See widmet sich den so genannten Baseballschlägerjahren. Jenen Jahren in den Neunzigern, wo Neonazis das Stadtbild vielerorts in Ostdeutschland bestimmten. Und die damals 1996 einen Anstoß gaben, den Kultursommer ins Leben zu rufen.


> Eröffnungsveranstaltung Grünauer Kultursommer, 13.6., ab 14 Uhr. Mehr Informationen zum Programm


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