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Kultur

Unter der Oberfläche eines Menschen gelangen

Zwei Ausstellungen zeigen in Leipzig Werke des 1933 emigrierten Fotografen Fred Stein

  Unter der Oberfläche eines Menschen gelangen | Zwei Ausstellungen zeigen in Leipzig Werke des 1933 emigrierten Fotografen Fred Stein  Foto: Fred Stein Archive

Überlebensgroß begrüßt er die Ankommenden in der Deutschen Bücherei. Er lächelt, leicht verschmitzt, mit seiner Rolleiflex in der Hand und Fototasche über der Schulter. Aufgenommen wurde das Bild ungefähr 1954 in New York von Lilo Stein, der Frau des Fotografen Fred Stein.

Er wird 1909 als Alfred Stein in Dresden geboren, sein Vater Leopold ist Rabbiner und stirbt 1915, seine Mutter Eva arbeitet als Religionslehrerin. Stein studiert Jura, in Leipzig schließt er sein Erstes Staatsexamen 1933 ab. Er engagiert sich politisch, heiratet im August 1933 Lilo Salzburg (1910–1997), Tochter eines jüdischen Arztes in Dresden, die in den USA später als Professorin für Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft arbeiten wird. Sie bekommen eine Leica I, eine Kleinbildkamera, zur Hochzeit geschenkt. Im Gegensatz zu den damals großen Fotoapparaten können damit Aufnahmen ohne große Vorbereitungen und fast unbemerkt gelingen, innen wie außen. Unter dem Vorwand der Hochzeitsreise verlassen Lilo und Fred Stein Anfang Oktober 1933 Dresden und gehen nach Paris. Ab 1934 arbeitet er als freier Porträt- und Pressefotograf gemeinsam mit seiner Frau als Studio Stein. 1938 wird die Tochter Ruth geboren, 1941 emigriert die Familie in die USA, zwei Jahre später kommt Sohn Peter auf die Welt. Er verwaltet heute das Archiv seines 1967 in New York gestorbenen Vaters, arbeitete selbst als Kameramann (u. a. bei »Friedhof der Kuscheltiere«).

Daniel Siemens beschreibt das Leben Fred Steins in seinem Buch und in Leipzig zeigen zwei Ausstellungen unter dem gemeinsamen Titel »Fred Stein – Der Mensch im Fokus« das vielschichtige und immer noch neu zu entdeckende Werk des Fotografen, der mit seinen Aufnahmen nicht an, sondern unter die Oberfläche der Abgebildeten gelangen wollte.

In der Deutschen Nationalbibliothek zeigt »Out of the Exile« elf Tafeln in den Foyers im Erdgeschoss, in der ersten und zweiten Etage. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–45 und dem Fred-Stein-Archiv – und basiert auf dem Dokumentarfilm »Out of Exile – The Photography of Fred Stein« seines Sohnes aus dem Jahr 2021. Fotografien und Texte verweisen vor allem auf die vielen Themen, die Stein mittels Fotografie verhandelte. Als »Pionier der Kleinbildkamera« prägte er ab den vierziger Jahren das wichtige Genre der Straßenfotografie, nimmt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven den Alltag jenseits von inszenierten Situationen auf.

Im Bestand des Deutschen Exil-Archivs befinden sich allerdings die Porträts der Menschen, die wie er und seine Frau aus Deutschland fliehen und in Paris oder den USA neu beginnen mussten. Mehr als hundert Porträtaufnahmen übergab seine Frau Lilo Stein in den Siebzigern an das Archiv. Hier sind stellvertretend Anna Seghers, Klaus Mann, Thomas Mann oder der recht keck in die Kamera guckende Willy Brandt zu sehen. Brandt war wie Stein Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), die sich im Herbst 1931 von der SPD abspaltete, und besuchte die Steins einige Male in Paris. Ebenso sind Aufnahmen aus Paris, vom Montmartre, zu sehen wie auch eine Draufsicht einer Demonstration der Volksfront – einer Allianz aus Kommunisten, Sozialisten und bürgerlichen Linken – aus dem Jahr 1936. In New York entstanden dann Aufnahmen der Stadt, der Skyline und einzelner Bauten sowie Porträts von Albert Einstein, Max Horkheimer, Hannah Arendt oder Marlene Dietrich.

Mit der SAPD, die auch in Leipzig aktiv war, sympathisierte auch Gerda Taro (1910–1937), die wie Stein vor ihrer Flucht nach Frankreich 1933 antifaschistische Flugblätter verteilte.

Das für Leipziger Verhältnisse bekannteste Foto von Gerda Taro dürfte das mit Robert Capa auf der Terrasse des Pariser Café du Dôme sein – aufgenommen 1935/36 von Fred Stein. Es ziert das Buch »Freiheit im Fokus. Gerda Taro und Robert Capa in Leipzig« von Irme Schaber, das 2024 im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist. Wie auch die Steins arbeiteten Taro und Capa in einer Studiogemeinschaft in Paris zusammen.

Im Capa-Haus zeigt das Stadtgeschichtliche Museum ebenfalls gemeinsam mit dem Fred-Stein-Archiv sowie Peter Stein die Ausstellung »Fred Stein und der Spanische Bürgerkrieg«. Sie widmet sich ebenfalls unterschiedlichen Epochen und Motiven in Steins Werk. Zu sehen sind hier die erst vor wenigen Jahren aufgetauchten Kontaktabzüge mit Porträts von Taro. Ebenso wird eine Aufnahme der im Spanischen Bürgerkrieg schwer verletzten Taro sterbend im Krankenhaus gezeigt.

Auf der anderen Seite sind spielende und turnende Kinder und Jugendliche zu sehen, die Stein in Frankreich aufnahm. Sie zeigen die Auswirkungen des Spanischen Bürgerkrieges auf die Kinder, die hier in Obhut genommen gesunden sollten. Daneben zeigt eine Projektion eine Auswahl an Motiven von Stein mit Stadtansichten aus Paris und New York oder Porträts.


> »Out of the Exile. The Photography of Fred Stein«: bis 4.7., Deutsche Nationalbibliothek

> »Fred Stein und der Spanische Bürgerkrieg«: bis 31.7., Capa-Haus


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