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Kultur

Zehn Jahre Überzeugungsarbeit

Die Monaliesa macht einen Lila-Archiv-Schatz zugänglich – und bittet um Erinnerungsobjekte zur queeren DDR-Geschichte

  Zehn Jahre Überzeugungsarbeit | Die Monaliesa macht einen Lila-Archiv-Schatz zugänglich – und bittet um Erinnerungsobjekte zur queeren DDR-Geschichte  Foto: Sonntagsclub

Raus aus den Schubladen!‹ haben wir unsere Veranstaltung genannt, weil so viele Spuren queerer Geschichte Ostdeutschlands noch nicht geborgen sind. Wenn die Menschen auf Material wie Flyer oder Briefe stoßen, bitten wir sie, mit uns ihre Erinnerungen zu teilen.« Monaliesa-Mitarbeiterin Barbara Schnalzger empfängt den kreuzer-Besuch im Haus der Demokratie. Dort im vierten Stock hat die feministische Bibliothek mit Archiv ihren Sitz. Zugeschaltet per Videodienst ist Sonja Lindhauer. Beide arbeiten daran, dass sich die verschüttete Spurenlage ändert. Dazu stellen sie ihr Archivprojekt im Alten Rathaus mit einem Gespräch vor, das auch Zeitzeuginnen aus dem Publikum Raum lässt.

»Das ist die Kasse des Sonntagsclubs«, sagt Schnalzger und hält ein mit Stoff verkleidetes Kästchen in der Hand. Dieses ist Teil des Sonntagsclub-Archivs, das die Monaliesa digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen darf. »Darf« ist hier angebracht, denn es brauchte zehn Jahre Überzeugungsarbeit, bevor das möglich wurde.

Der 1987 gegründete Berliner Sonntagsclub war der erste Treffpunkt für Homosexuelle in der DDR jenseits kirchlicher Räume. Mitgründerin Ursula Sillge leitete ihn zeitweilig in ihrer Wohnung. Selbst Kulturwissenschaftlerin, sammelte Sillge Clubunterlagen als Teil ihres sogenannten Lila Archivs, in dem sie Material zur Lesben- und Frauenbewegung in der DDR zusammentrug. Irgendwann zog das Archiv nach Südthüringen, wo Sillge 1946 geboren wurde.

Dorthin fuhren Schnalzger und andere bereits vor zehn Jahren, um für eine Archivöffnung zu werben – ohne Erfolg. So sehr der Wissenschaftlerin Sillge auch an einer Auswertung der Quellen lag, sie wollte das selbst machen. Man blieb aber in Kontakt. »Es fällt ihr einfach schwer, das Material, mit dem auch Biografien verbunden sind, aus der Hand zu geben«, sagt Barbara Schnalzger.

Nun hat die mittlerweile 80-Jährige eingelenkt und zumindest den Sonntagsclub-Teil freigegeben. »Mehrere LKW-Ladungen« (Schnalzger) lagern noch in Thüringen, in Sillges Wohnhaus und in einer Art Garagenlager, das aufgrund klimatischer Schwankungen dafür eigentlich ungeeignet sei, erzählen die beiden Monaliesa-Mitarbeiterinnen.

Sie haben das ungeordnete Material gesichtet, sortiert, katalogisiert und dann digitalisieren lassen. Öffnet man eine der mehreren blauen Archivkisten, kann man erahnen, wie viel Arbeit darin steckt. Auf hauchdünnen Schreibmaschinenseiten etwa wurden die Clubsitzungen protokolliert. Sie tragen wie Briefe, Flyer und eine Spendendose individuelle Katalognummern, um auffindbar zu sein.

Bis Jahresende soll die Digitalisierung abgeschlossen sein, dann gehen die Originale zurück nach Thüringen. Die zugänglich gemachten Quellen werden von einordnenden Texten begleitet. Sie reichen über die queere ostdeutsche Bewegung hinaus, gerade zur Wende enthalten sie auch allgemeinpolitische Informationen.

»Mich hat ein Briefwechsel mit Rosa von Praunheim überrascht«, sagt Schnalzger, »in dem man über gegenseitige Besuche nachdenkt.« Lindhauer war vor allem begeistert, die collagenhaften Originale von Plakaten und Flyern zu sehen. Zu Zeiten ohne Designprogramme entstand alles noch händisch.

»Die Veranstaltung im Alten Rathaus soll verdeutlichen, dass Archivarbeit nichts Abstraktes ist«, erklärt Sonja Lindhauer. Daher werden nicht nur Podiumsgäste zu Wort kommen. Auch Personen aus dem Publikum sollen ihre Geschichten erzählen können, so die Monaliesa-Mitarbeiterin. »Wenn sie über dazugehöriges Material verfügen, dürfen sie es sehr gern herumzeigen.« Sie können es auch gern der Bibliothek übergeben, damit sie es archiviert. Dort sind auch Bücherspenden und -patenschaften sehr gern gesehen. Denn die Monaliesa wird zwar städtisch gefördert, allerdings für Veranstaltungen und nicht den Bucherwerb.

> Gespräch »Raus aus den Schubladen! Vom Erinnern queerer Geschichte in Leipzig und Ostdeutschland vor und nach 1989/90«: 2.7., 18 Uhr, Altes Rathaus, Grüner Salon –Eintritt frei


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