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Politik

Zeuginnenschaft

Am Dorotheenplatz entwickelt eine Initiative einen Gedenkort gegen Femizide

  Zeuginnenschaft | Am Dorotheenplatz entwickelt eine Initiative einen Gedenkort gegen Femizide  Foto: Christiane Gundlach

Wenn man an einem sonnigen Tag auf die Kolonnadenstraße und den angrenzenden Dorotheenplatz tritt, ist es leicht, den Ort ins Herz zu schließen. Ein älterer Herr putzt seine Fensterläden, unter ihm Cafégäste, die sich angeregt unterhalten. Gleichzeitig kennen die hier Wohnenden auch eine andere Realität: betrunkene Männergruppen in den Abendstunden und prekäres Leben in Sozialwohnungen oder auf der Straße. Mit diesen Facetten der »Kolle« werden bereits viele Themen auf engstem Raum verhandelt. Ein weiteres soll nun mit dem Gedenkort gegen Femizide auf dem Dorotheenplatz hinzukommen. Über dessen Ausgestaltung will die Initiative Feministisches Gedenken, die aus Mitgliedern des Vereins Phia und der Leipziger Gruppe Keine Mehr besteht, in einer Veranstaltungsreihe mit der Anwohnerschaft, Expertinnen und Experten ins Gespräch kommen.

Mit dem Begriff Femizid meint die Initiative die geschlechtsspezifische tödliche Gewalt gegen Frauen oder FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen). Laut Bundeskriminalamt wurden 2024 in Deutschland 308 Frauen und Mädchen getötet, davon 191 durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. In Leipzig gab es in den letzten 15 Jahren 15 Femizide. Das Thema bleibt hier erschreckend aktuell: Dem Femizid an Susann K. in Reudnitz im August 2025 folgte im Mai die Amokfahrt in der Innenstadt, der häusliche Gewalt und Frauenhass vorausgingen (s. kreuzer 6/2026).

Dass 2024 zum ersten Mal ein »Bundeslagebild« von »geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten« erschien, zeigt, wie wenig Sichtbarkeit dem Thema bisher zugekommen ist. Deshalb, so betont nun die Leipziger Initiative, sei ein Gedenkort wichtig. Geschlechtsspezifische Gewalt sei alltäglich »und genauso alltäglich soll das Thema hier in diesem Ort sichtbar sein«, sagt Franzi vom Verein Phia dem kreuzer. Im letzten Jahr beschloss der Leipziger Stadtrat, einen solchen Gedenkort mit künstlerischer Arbeit im öffentlichen Raum zu realisieren. Der Beschlussvorschlag zum Haushaltsantrag kam von Stadträtinnen der Grünen, Linken, SPD und PARTEI. Dafür wurden in das Erinnerungskultur-Budget der Stadt im Jahr 2025 zusätzlich 40.000 Euro eingestellt. Weitere 100.000 Euro sollen dieses Jahr freigegeben werden – das beschloss der Stadtrat in seiner Sitzung Anfang Juli. Zum 8. März 2027 möchte die Initiative mindestens den Grundstein legen. Als Standort für den Gedenkort wurde der Dorotheenplatz entschieden, da ganz in der Nähe auf der Kolonnadenstraße bereits des Femizids an Sophia L. im Jahr 2018 gedacht wird. Die Straße selbst sei laut der Initiative für den Gedenkort zu sehr ein Durchgangsraum; auf dem anliegenden Platz sollen nach dessen Neugestaltung mehr intime Momente möglich sein.

Statt klassischer Symbole wie Kreuze oder Todesdaten solle der Dorotheenplatz »ein Ort des Austausches, des Miteinander-Erlebens, der Ruhe, des Gedenkens und der Schönheit sein«, erklärt Klara Charlotte Zeitz. Sie ist im Vorstand des Vereins Phia und für die künstlerische Umsetzung des Gedenkorts verantwortlich. Sie sieht drei Ebenen vor: Eine Dachinstallation mit Schrift, bunte beschriftete Gläser an den Kolonnaden und eine Sitzstruktur direkt auf dem Platz. Eine Webseite soll Hintergrundinformationen zu geschlechtsspezifischer Gewalt und den Femiziden in Leipzig bereitstellen. Künftig soll der Platz Start- und Endpunkt für Demonstrationen sein können oder für Workshops genutzt werden. Der Initiative sei es ein Anliegen, dass sich verschiedene Gruppen aktiv beteiligen und das Gedenken auf deren Weise aufgreifen. Dafür bezieht sie im gesamten Entwicklungsprozess viele unterschiedliche Stimmen ein. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe gab es beispielsweise Anfang Juni eine Podiumsdiskussion mit Aktivistinnen und Mitwirkenden ähnlicher künstlerischer Projekte aus anderen Städten. Abende wie diese geben Zeitz Kraft und zeigen Wertschätzung. Sie findet, dass der Begriff »Zeuginnenschaft« gut passe, um genau dieses Gemeinschaftsgefühl zu beschreiben.

Ein Femizid ist kein tragischer Einzelfall, kein Beziehungsdrama. Das soll der Gedenkort vermitteln und das betont auch Hanna von Keine Mehr: Bei Femiziden »ist es immer noch die Aufgabe, zu politisieren, in die Öffentlichkeit und aus dem privaten Diskurs herauszuholen«. Diese Öffentlichkeit gehört auch mit den Anwohnerinnen und Anwohnern ausgehandelt – das weiß die Initiative. Viele, die im Viertel leben, haben Bedenken, die sie zu Anke Schleper vom Buchladen Rotorbooks tragen. Sie ist in der nachbarschaftlichen Kolonnadenstraße gut vernetzt. Nicht alle möchten sich vor der eigenen Haustür dieses schweren Themas annehmen, erzählt Schleper im Gespräch mit dem kreuzer. Sie findet aber: »Ich glaube, da wird etwas verwechselt. Nicht der Ort ist die Zumutung, sondern die gesellschaftlichen misogynen und patriarchalen Strukturen«. Dass der Gedenkort nicht abschrecken solle und hier auch weiterhin Kaffee getrunken und mit Kindern gespielt werden könne, ist der Initiative wichtig zu betonen. Auf dem Dorotheenplatz solle es um das Leben gehen. Genau deshalb brauche es die Vermittlungsarbeit. Immer wieder zeigt sich die Initiative deswegen in dem Viertel präsent und bietet Raum für Gespräche. Am 4. Juli findet dafür ein Straßenfest in der Kolonnadenstraße statt. Alle Anwohnenden sind zu einer großen Tafel geladen und können ihre Ideen und Bedenken äußern. Für die Initiative ist klar: Feministisches Gedenken geschieht im Dialog. Es muss auf vielen Schultern getragen werden und ist ein wohl nie abgeschlossener Prozess. 

> Kolonnadenstraßenfest: 4.7., ab 15 Uhr mit Kaffeetrinken, Lesung bei Rotorbooks, Tischgespräch und Essen, Musik von ANTR


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