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Kultur

Tanz auf dem Trockeneis

Das Icelab inszeniert mit Schlittschuhtanz polare Landschaften im Zoo

  Tanz auf dem Trockeneis | Das Icelab inszeniert mit Schlittschuhtanz polare Landschaften im Zoo  Foto: Angelina Ivanova

Ein »Gletscher«-Ruf ertönt und die vier Frauen werden zu einer Formation. Gravitätisch schiebt sich diese über die weiße Fläche – das »Polare Land« –, die in der Imagination zum Wasserspiegel oder Felsgestein wird. Denn Gletscher bewegen sich fließend. Dann bricht ein Stück heraus, bröckelt der schmelzende Komplex. »Kalt«, ruft jemand aus dem Publikum herein. Eine Tänzerin beginnt zu zittern, eine andere zwingt sich am Boden in die Embryonalstellung, während wieder eine andere wärmend ihre Arme um den Körper schlingt. Die vierte rast auf Kufen durch den Raum, um ihre Körpertemperatur zu erhöhen.

Die vier Frauen verausgaben sich sichtlich während der öffentlichen Probe im Icelab, wo zeitgenössischer Tanz und Eiskunstlauf kombiniert werden. Das Studio residiert am Rande des Schönauer Parks über einer Norma-Filiale. Auf der Etage haben sie eine Eislauffläche von circa 10 mal 15 Metern eingerichtet – aus miteinander verzahnten weißen Plastikquadraten. Auf Socken ist das Kunsteis etwas rutschig. Fast wie Eis, nur nicht kalt. »Es ist nicht ganz so schnell wie das Original, aber man kann gut darauf skaten«, erklärt Laura Wolf vom Icelab. Sie choreografiert das Tanzstück. Der Autor erfährt das Trockeneis als sehr glatt, als er es später auf Kufen staksend ausprobieren darf.

Das Icelab erarbeitet regelmäßig künstlerische Produktionen. Hier kann man auch in Kursen lernen, wie man auf Eis tanzt. Der Verein bietet mobile Veranstaltungen an, für die das Kunsteis verlegt wird. So kam der Erstkontakt mit dem Zoo zustande, der eine ästhetische Rahmung für den neuen Pinguinpool suchte. Man kam ins Gespräch und einigte sich aufs gemeinsame Projekt »Polares Land«. Das verweist auf die Klimakatastrophe, ohne pädagogisch sein zu wollen.

Bei der Probe mit Publikum soll dieses eigene Ideen einbringen. Zuvor tanzt es beim Aufwärmspiel mit den Künstlerinnen in Strümpfen auf der Kunsteisfläche herum. Wir zerfließen, frieren fest, tauen auf. Entlang einer Kreisaufstellung schießen wir mit den Kommandos »Switch«, »Boing«, »Pow« einen imaginären Ball.

»Vom Körper aus gehen wir an das Thema heran«, erklärt Laura Wolf. »Eis, Dunkelheit, Tierbewegungen: Wir versuchen die Landschaft im Inneren zu erspüren, wie die Tiere lieben, wie angepasst an die Lebensbedingungen.« Dafür hat sie im Leipziger Zoo recherchiert, dort mit Expertinnen und Experten gesprochen.

Neben dem Zoo ist die Musikschule Neue Musik involviert, was das Resultat einer besonderen Kulturförderung durch die Stadt ist. Das Dreiklangprojekt fördert ein Kunstprojekt finanziell, wenn es mit einem städtischen Eigenbetrieb und einer institutionell geförderten Einrichtung zusammenarbeitet. Dahinter steckt ein Vernetzungsgedanke. Die Musik komponiert Maxi Richter (Maxiversum), die an der Musikschule lernt: »Mit Sounds der Natur, mit Geräuschen von Orcas, Robben und Krokodilen habe ich vorher schon gearbeitet. Daher passt das Projekt super zu mir.« Sie war bei den Recherchen dabei, erarbeitet ihren atmosphärischen Elektrosound eigenständig. Nach gemeinsamen Proben passt sie Details an.

Schließlich beginnen die choreografischen Versuche von Publikum und Tänzerinnen. Beim »Pinguin«-Ruf legen diese sofort ihre Hände an die Oberschenkel und probieren den watschelnden Gang. Dann werden sie zu Raubtieren, pirschenden Jägerinnen, die sich lauernd und in voller Körperspannung an den Boden drücken. Eine Frau aus dem Publikum streut den Mythos ein, Inuit hätten kein Wort für Schnee.

Beeindruckend dynamisch drehen die Tänzerinnen auf engem Raum ihre Kreise. Das sieht nicht ungefährlich aus; einmal schlagen zwei mit ihren Kufen zusammen und verhaken sich. Wasserbewegungen beginnen an einer Stelle, werden raumgreifender und entwickeln sich zum federnden Schneesturm. »Aurora, Polarlichter«: Unterstützt durch sphärische Musik erzeugen die vier Frauen den Eindruck frostiger Leichtigkeit und schwebender Illumination. Jedenfalls kann man diesen erhaschen, wenn sie sich zur Decke strecken, zum Himmel. Sie scheinen leichter zu werden, hüpfen in Pirouetten über die Kunsteisfläche, die zur Premiere von Grünau in den Zoo verlegt werden wird. TOBIAS PRÜWER

> »Polares Land«: 4.7., 14.30 (Premiere), 16.30 Uhr, 5., 11./12.7., 14.30, 16.30 Uhr, 9./10.7., 16.30 Uhr, Zoo – www.icelab-leipzig.de


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