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Kultur

»Sie haben uns nicht gebrochen«

Geralf Pochop erzählt, warum er als Punk in der DDR Häkeln lernen musste

  »Sie haben uns nicht gebrochen« | Geralf Pochop erzählt, warum er als Punk in der DDR Häkeln lernen musste  Foto: Punks vor der Lutherkirche in Halle/Saale 19982/Geralf Pochop


Müllhalde, Wutanfall, Schleimkeim sind nur drei Namen aus der Punkszene der DDR. Weitaus mehr bewegende Klänge kennt der 1964 in Halle an der Saale geborene Geralf Pochop. Als Zeitzeuge, Kurator und Autor berichtet er eindrucksvoll von seiner Jugend als Punk in der DDR, um jungen Menschen den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur zu vermitteln. Wir haben den Label- und Schallplattenladenbetreiber, der auch Teil der Gruppe Gleichlaufschwankung ist, getroffen.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Punk-Konzert erinnern?

Ja, natürlich. Das war 1982 in der Lutherkirche in Halle. Dort hat damals Wutanfall gespielt, die erste Leipziger Punkband. Und Größenwahn, mit dem Künstler Moritz Götze. Für mich war das ein Wahnsinnskonzert, das mich sehr geprägt hat. Ein Freund hat mir damals erzählt, dass am selben Tag in der Lutherkirche ein Punk-Konzert stattfinden würde. Ich wusste vorher gar nicht, dass es Punkbands in der DDR gab. Und wenn doch, warum sollten die bitte schön in der Kirche spielen? Fand ich vollkommen irre, den Gedanken. Ich wollte das auf keinen Fall verpassen und bin ganz schnell hin. Tatsächlich habe ich dort das erste Mal Punks gesehen: Ungefähr 25 bildeten so ein kleines Grüppchen vor dem Gemeindehaus, und als sie reinliefen, bin ich mitgeflitzt. Aus heutiger Sicht war das Konzert wahrscheinlich eine Katastrophe.


Eine Katastrophe? Warum?

Wutanfall haben insgesamt etwa sechs Lieder gespielt und wurden in jedem Lied unterbrochen, weil alle im Schneidersitz vor dieser Band sitzen sollten, damit der Parkettfußboden vom Kirchengemeindehaus nicht kaputtgeht. Und immer, wenn die Band anfing zu spielen, sprangen alle auf und tanzten, und immer wieder wurde der Stecker gezogen: Alle hinsetzen, alle hinsetzen! Es war eine ewige Diskussion. Dann saßen alle und es ging wieder los – und alle sprangen wieder auf.


Aufregend! Ein Kapitel in Ihrem Buch »Untergrund war Strategie«, das 2018 im Hirnkost-Verlag erschienen ist, überschreiben Sie mit: »Haare hoch mit Seife und Ei«. Der Zugang zu Kleidung und Ähnlichem war damals nicht so einfach, richtig?

Die DDR-Punk-Szene war unheimlich kreativ. Es gab ja nichts zu kaufen, was irgendwie mit Punk zu tun hatte. Jede einzelne Niete, jeder einzelne Button wurde selbst hergestellt, jeder Armreif, jeder Ohrring. Ich wollte unbedingt ein Netzhemd und habe daher gelernt, wie man häkelt, und mir tatsächlich meine Netzhemden selbst gehäkelt.


Und die Frisuren?

Um die Haare zu färben, haben wir alles ausprobiert: Filzstifte, Wasserfarbe, manchmal gemischt mit Seife – das hat dem Regen natürlich nicht standgehalten. Und dann hatte jemand eine Hautkrankheit und erzählte: Mein Bettlaken, meine Haut und alles ist lila von dem Medikament, es geht überhaupt nicht ab! Das war natürlich der Moment, wo wir gefragt haben: Was ist das? Das war Kaliumpermanganat, also Castellani-Lösung, und hat tatsächlich lila gefärbt und Regen ausgehalten. Wenn jetzt die Schwarz-Weiß-Bilder alle bunt wären, würde man sehen, dass dieses Lila die verbreitetste Haarfarbe gewesen ist. Und das Zeug hilft auch gegen Fußpilz. Wahrscheinlich haben die Apothekerinnen und Apotheker damals gedacht: Die Punks haben alle Fußpilz.


Sie haben brutale Restriktionen und Gewalt erfahren, mussten sogar in Haft. Dennoch sagen Sie, Punk sei das Beste gewesen, was Ihnen in der DDR passieren konnte.

Ja, trotz Verbot haben wir es geschafft, Punk-Konzerte zu veranstalten. Wir haben Wohnungen besetzt – sonst hätte man sich anmelden und 10 oder 15 Jahre warten müssen. Viele von uns haben den Wehrdienst verweigert und gemerkt, dass sie dafür nicht eingesperrt wurden. Wir waren vogelfrei, und gerade deshalb haben wir uns viele Sachen herausgenommen, die sich andere DDR-Bürger nicht mal im Traum vorstellen konnten. Man hat sich jeden Tag neu erfunden. Wirklich alle, mit denen ich für das Buch gesprochen habe, sagen: Ich würde es genauso wieder machen. Sie haben uns nicht gebrochen, wie sie es gerne gewollt hätten.


> Lesung mit Geralf Pochop zu »Untergrund war Strategie – Punk in der DDR« mit Ausstellung »Aus Grau wird Bunt« mit Informationen zur Subkultur in der DDR und zahlreichen Fotos: 22.8., Uhrzeit, Kulturfest am Bermudadreieck (Plagwitz)

> www.untergrund-war-strategie.de


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