anzeige
anzeige
Stadtleben

»Wir wollen dem Kiez etwas zurückgeben«

Haushaltwaren Rauch zieht nach 43 Jahren um – und stellt die alte Ladenfläche als Raum für Kunst und Kultur zur Verfügung

  »Wir wollen dem Kiez etwas zurückgeben« | Haushaltwaren Rauch zieht nach 43 Jahren um – und stellt die alte Ladenfläche als Raum für Kunst und Kultur zur Verfügung  Foto: Dietmar und Maxi Rauch im alten Laden/Maika Schmitt

Haushaltwaren Rauch in der Karl-Liebknecht-Straße 22 ist eine Institution. Seit 1983 verkaufen Dietmar und Antje Rauch hier alles, was einem im Haushalt oder Garten fehlen könnte – von der einzelnen Schraube über Handtücher bis zur Kaffeemaschine. Nachdem die Rauchs Anfang des Jahres informiert wurden, dass das Haus verkauft wurde und der neue Eigentümer die Miete drastisch erhöht, musste der Laden zum ersten Mal in der Geschichte umziehen.Eine neue Bleibe hat das Geschäft direkt auf der gegenüberliegenden Seite in der Nummer 23 gefunden. Ab dem 31. August soll wieder verkauft werden, am 5. September gibt es eine Eröffnungsfeier am neuen Standort. Und die alte Ladenfläche? Für die müssen die Rauchs noch bis Ende des Jahres Miete zahlen. Sie soll für die Zeit aber nicht leer stehen, sondern einen offenen Kunst- und Austauschraum für Vereine, Initiativen und Einzelpersonen bieten. Die Idee hatte Tochter Maxi Rauch gemeinsam mit drei Freundinnen und Freunden. »Das Gegenteil von Leerstand« heißt das Projekt. Bis zum 31. August können sich Interessierte noch mit ihren Ideen bewerben. Wir treffen uns für ein Gespräch im alten Laden. Während Dietmar und Maxi Rauch vom Projekt erzählen und davon, wie der Umzug läuft, bleiben immer wieder Menschen vor den Schaufenstern stehen, blicken in den leeren Verkaufsraum. Einmal klopft jemand und möchte Infos zur Bewerbung für die Nutzung des Raumes haben.


Wie lief denn der Umzug?

DIETMAR RAUCH: Der Umzug lief glücklicherweise wie geplant. Wir haben zwei Tage zugemacht und die Ware eingepackt. Es sind etwa 140 Regale, die gefüllt waren, insgesamt 250 Kartons. Mit Freunden, Verwandten und Bekannten haben wir dann die Regale auseinandergenommen und im neuen Laden wieder zusammengebaut. Dann kam die große Aktion am Sonntag: Früh um acht Uhr waren über 100 Menschen da, um zu helfen. Das war unvorstellbar toll. Ich war hier im Laden, meine Frau hat im neuen Laden Anweisungen gegeben, wo was hinkommt. Ja und dann waren wir innerhalb von einer Dreiviertelstunde fertig. Jetzt sind wir ein paar Tage dabei, alles wieder in die Regale zu räumen.


Und wie ist das jetzt hier den leeren Laden zu sehen?

DIETMAR RAUCH: Noch bin ich nicht drüber weg. (schweigt kurz und ist sichtlich bewegt). 43 Jahre waren wir jetzt hier, da ist das natürlich schwierig. Aber drüben ist es wirklich schön, es ist hell und übersichtlich. Ich bin ja Rentner, aber ich brauche meine Beschäftigung. Die Rente würde außerdem bei Weitem nicht reichen. Die nächsten sechs, sieben Jahre werden wir den Laden also auf jeden Fall noch machen.


Mit der alten Ladenfläche haben Sie ja auch noch Etwas vor.

MAXI RAUCH: Genau, wir haben etwas Schönes vor. Als klar war, dass meine Eltern ab September eine neue Verkaufsfläche haben, aber noch bis Ende des Jahres Miete zahlen müssen, hatte ich mit drei Freund:innen die Idee, dass man diesen leeren Raum nutzen könnte. Ich arbeite zwar nicht im Unternehmen, aber ich habe hier einen großen Teil meiner Kindheit verbracht und wollte gerne meine Eltern unterstützen. Die Hilfsbereitschaft und Solidarität beim Umzug waren so groß und wir wollen so dem Kiez etwas zurückgeben. Wir nennen das Projekt »Das Gegenteil von Leerstand«. Es soll ein Raum sein, den alle nutzen können und dürfen, innenstadtnah und ohne Miete zahlen zu müssen.


Sie haben einen Open Call gestartet, bei dem sich Menschen mit ihren Ideen bewerben können. Wie ist die Resonanz bisher?

MAXI RAUCH: Wir haben schon viele schöne Ideen zugeschickt bekommen. Von einem Improvisationstheater-Workshop über einen Kunst- und Kreativmarkt bis hin zu Workshops für Meditation, Siebdruck und Stempel, aber auch Malkurse für Kinder und Erwachsene. Es gibt verschiedene Vereine hier in Leipzig, die ihre Arbeit vorstellen wollen.

DIETMAR RAUCH: Als wir noch hier verkauft haben, kamen viele Menschen und haben uns gesagt, wie gut sie das Projekt finden. Jemand möchte mit einem Frauenchor hier auftreten, jemand anderes einen Adventsgottesdienst halten. Es ist wirklich interessant, wer da alles kommen möchte.

MAXI RAUCH: Wir haben auch 250 Menschen, Vereine und Einrichtungen direkt angeschrieben, von denen wir uns wünschen, dass sie den Raum hier nutzen können. So kam zum Beispiel der Kontakt zu Senior:innen zustande, die hier ihre Kunst ausstellen wollen. So kommen viele Ideen zusammen, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten.


Dietmar Rauchs Handy klingelt. Er wird drüben im neuen Laden gebraucht. Trotz vieler helfender Hände ist noch viel zu tun. Er verabschiedet sich. Maxi Rauch bleibt, um mehr von dem Projekt zu erzählen. Gemeinsam mit einem Team aus drei weiteren Personen kümmert sie sich um die inhaltliche Planung, den Auswahlprozess und die Organisation des Projekts.


Haben Sie Kriterien, wer die Fläche nutzen darf?

MAXI RAUCH: Es soll keine rein politischen Veranstaltungen geben, wo eine einzelne Partei den Raum als Bühne nutzt. Und wir schließen rein kommerzielle Projekte aus. Wir hatten auch Anfragen von Unternehmen, die die Fläche für die drei Monate als Pop-Up-Store mieten wollten. Aber das möchten wir genau nicht. Es geht wirklich darum, dass Vereine oder Kollektive, die nicht viel Geld haben, einen Raum bekommen.


Wie wählen Sie aus den Bewerbungen aus?

MAXI RAUCH: Bei der Bewerbung können Terminwünsche angegeben werden. Manche möchten den Raum einen Nachmittag nutzen, manche eine ganze Woche, manche wollen einmal die Woche ein Reparaturcafé anbieten und brauchen nur eine kleine Ecke. Wir versuchen, alle unterzubringen. Es gab schon Doppelungen, für die wir jetzt Ausweichtermine suchen. Es soll jeder seinen Platz bekommen. Inhaltlich organisieren die Projekte sich selbst, wir unterstützen eher in der Organisation und mit Netzwerkarbeit.


Dass Ihre Eltern die Ladenfläche zur Verfügung stellen können, ist einmalig. Aber könnte das trotzdem ein wiederkehrendes Konzept werden?

MAXI RAUCH: Natürlich liebäugeln wir damit. Aber es war jetzt eine besondere Situation: Meine Eltern haben sehr schnell die neue Ladenfläche gefunden, es war klar, dass der alte Laden bis Ende des Jahres leer steht. Außerdem arbeiten wir im Team alle nebenher noch Vollzeit in unseren anderen Berufen. Wir schauen jetzt erstmal, wie es läuft ab Oktober und danach sehen wir weiter.


> Mehr Informationen: @gvl_leipzig


Kommentieren


0 Kommentar(e)