anzeige
anzeige
Stadtleben

Kein Grund, sich zu verstecken

Die Anlaufstelle für von häuslicher Gewalt betroffene Männer hat seit Sommer ein eigenes Beratungsangebot

  Kein Grund, sich zu verstecken | Die Anlaufstelle für von häuslicher Gewalt betroffene Männer hat seit Sommer ein eigenes Beratungsangebot  Foto: Chris Schneider

Es fing schon nach zwei, drei Monaten an«, erinnert sich Martin, »ganz komische Situation, wir hatten uns gestritten.« Vor ihm steht eine Tasse Kaffee, er spricht ruhig, als er an den Tag zurückdenkt. Er habe noch versucht, seine damalige Partnerin zu beruhigen, »dann hat sie mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen«. Ein gutes halbes Jahr wird Martin in der Beziehung bleiben, in der er körperliche und psychische Gewalt erfährt, bis er sich schließlich trennt.

Für ihn, erzählt er, habe dieser Tag mit einer Platzwunde geendet – und mit einer Anzeige gegen seine ehemalige Partnerin. Martin ist nicht sein richtiger Name. Um seine Anonymität zu wahren, wurde er geändert. Was er erlebt hat, ist kein Einzelfall: Laut Bundeskriminalamt (BKA) gab es 2024 mehr als 35.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt mit männlichen Opfern, insgesamt waren knapp 80.000 Männer von häuslicher Gewalt betroffen. Hilfsangebote speziell für männliche Betroffene gibt es nur wenige. Eine Anlaufstelle für Männer, die Gewalt im sozialen Nahraum – oft bezeichnet als häusliche Gewalt – erfahren haben, ist der Verein Lemann in Leipzig. Seit neun Jahren gibt es dort Schutzwohnungen für Männer, seit 2024 auch Vater-Kind-Wohnungen. Im Juni wurde zusätzlich eine Beratungsstelle eröffnet.

Man sei in der »Aufbauphase«, sagt Peter Panda. Er und seine Kollegin Rita Schwaiger gehören zum Team. Beide heißen eigentlich anders, wollen aber anonym bleiben, um die Einrichtung zu schützen. Schon vor der neu eröffneten Stelle habe man dort Beratungen angeboten, erinnert sich Panda, »jetzt ist der Punkt, wo wir mehr Kapazitäten haben und mehr gewaltbetroffene Männer unser Angebot in Anspruch nehmen können«. Dieses ist stark gefragt: Im vergangenen Jahr wurden insgesamt zwölf Männer und vier Kinder in den Schutzwohnungen aufgenommen. 98 Beratungs- und Aufnahmeanfragen musste der Verein allein 2025 ablehnen.


Blinder Fleck

Gewalt gegen Männer sei immer noch ein »Nischenthema«, so Panda – wenn auch eines mit großen Dimensionen: Laut einer BKA-Studie aus dem Jahr 2024 sind gut 20 Prozent der von Partnerschaftsgewalt betroffenen Personen männlich, bei häuslicher Gewalt sind es knapp 30 Prozent. Dass die Zahlen in der Realität weitaus höher sind, legt die Dunkelfeldstudie »Lesubia« des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Februar nahe. Darin wurden Teilnehmende nach erlebter Partnerschaftsgewalt befragt. Männer sind ähnlich häufig davon betroffen wie Frauen.

Trotzdem gibt es Unterschiede: So ist die gegen weibliche Betroffene ausgeübte Gewalt oft häufiger und schwerer. Panda bestätigt: Gewalt gegen Frauen sei das Hauptthema, »aber auch viele Männer sind laut Studie von häuslicher Gewalt betroffen und diese Zielgruppe versuchen wir zu erreichen«. Diese Ausrichtung macht den Verein Lemann zur Ausnahme: Weitere Anlaufstellen in der Stadt, die Koordinierungs- und Interventionsstelle für häusliche Gewalt (KIS) und die Interventions- und Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt, stehen Betroffenen unabhängig vom Geschlecht offen. Der Großteil der beratenen Personen ist dort weiblich, bestätigen beide Stellen. Bei der KIS lag der Anteil an männlichen Betroffenen in den letzten Jahren bei vier bis sieben Prozent.

Panda hält es für wichtig, Männer mit einem Unterstützungsangebot klar zu adressieren. Denn: »Es ist immer noch ein schwieriges Thema.« Viele bräuchten viel Zeit, um ihre Erfahrungen zu teilen, oft werde Betroffenen nicht geglaubt, wenn sie über Erlebtes sprechen: »Weil es eben mit bestimmten Männlichkeitsvorstellungen und -bildern nicht konform geht.«

Diese Erfahrung hat auch Martin gemacht. Er habe es nicht geschafft, sich nach der Trennung seinem Umfeld anzuvertrauen, weil er sich schämte: »Ich konnte es in dem Moment selbst noch nicht glauben, geschweige denn, meinen Freunden anvertrauen: ›Hey, ich wurde von meiner Ex-Freundin geschlagen‹.« Erst durch die Beratung bei Lemann habe sich das geändert. Eigentlich habe Martin nach einem Therapieplatz gesucht, der war aber nur mit einem halben Jahr Wartezeit zu bekommen. Um die zu überbrücken, kontaktierte er den Verein. Dort wurde ihm zugehört und ihm wurde auf Augenhöhe begegnet. Nach und nach habe er gelernt, wieder nach vorne zu blicken. Wenn er das Männerhaus nicht gehabt hätte, sagt Martin, wer weiß, wo er heute wäre.


Flächendeckende Versorgungslücke

Um gesellschaftliche Vorurteile und Stigmata abzubauen sowie Männern den Zugang zu Hilfsangeboten zu erleichtern, sei es nötig, offen über Gewalt gegen Männer zu sprechen, unterstreicht Panda: »Häusliche Gewalt passiert vor allem da, wo sie nicht sichtbar ist, nicht als solche benannt und besprochen wird.« Man müsse mehr Zugang zu Männerschutzeinrichtungen gewährleisten, betont Kollegin Rita Schwaiger.
Im Jahr 2024 gab es in Deutschland zwölf Männerhäuser. Von flächendeckender Versorgung kann nicht die Rede sein. »Je mehr Angebote es gibt, desto sichtbarer wird das Thema auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext«, so Schwaiger.

Was dabei helfen würde, diese Infrastruktur aufzubauen? Eine langfristige Finanzierung: »Damit man sich nicht jedes Jahr wieder aufs Neue Sorgen machen muss: Können wir diese Arbeit weiterhin so machen, wie wir das gerade tun?« Die Beratungsstelle wird durch die Stadt bis Ende des Jahres gefördert – 100.000 Euro fließen in diesem Haushaltsjahr in das Programm. Panda hofft, dass es auch danach weitergeht. Und auch Martin wünscht sich, dass der Verein auch künftig eine Anlaufstelle sein kann. Er will anderen Betroffenen Mut machen, Hilfe anzunehmen. Denn heute weiß er: Was er erlebt hat, ist kein Grund, sich zu verstecken. 


> www.maennerhausleipzig.de


Kommentieren


0 Kommentar(e)