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Kultur

Der Kampf um Öffentlichkeit

Die GEDOK wird hundert – am 20. September feiert die Gruppe Mitteldeutschland

  Der Kampf um Öffentlichkeit | Die GEDOK wird hundert – am 20. September feiert die Gruppe Mitteldeutschland  Foto: Marcel Noack

Als Ida Dehmel (1870–1942) in Hamburg 1926 die Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Sparten (GEDOK) initiierte, ging es um die Sichtbarmachung von Künstlerinnen und ihrer Produktionen, ihrer Förderung und Vernetzung, sowohl von Künstlerinnen untereinander als auch mit Fördernden. Nach Hamburg kam es zu weiteren Gründungen der bis heute ältesten europäischen Künstlerinnenvereinigung aller Disziplinen – etwa 1927 in Hannover, 1930 in Leipzig oder 1932 in Berlin.

Edith Mendelssohn Bartholdy (1882–1969) initiierte die hiesige Gründung. Die Ortsgruppe unterstützte beispielsweise auch Aenne Pevsner (1876–1942), die das Auguste-Schmidt-Haus leitete und Mutter des Kunsthistorikers Nikolaus Pevsner (1902–83) war. Sie brachte sich wie Dehmel auch aus Angst vor der Deportation 1942 um.

Die in der Leipziger GEDOK organisierten Künstlerinnen stellten im Mai 1931 im Museum der bildenden Künste aus. Zu sehen waren die Arbeiten von Ruth Baumann, Johanna Bemmann, Else Bossert, Gertrud Drucker-Flatow, Katharina Geigenmüller, Johanna Gödel-Schütze, Johanna Hauschild, Frieda Kieser-Maruhn, Grete Kroch-Fischmann, Johanna Miersch-Berger, Marianne Oppelt, Marianne Margarete Rohland, Marianne Scheel, Grete Tschaplowitz und Trude Zierfuss. Wie die Sächsische Arbeiterzeitung am 19. Juni 1931 schrieb, wurde kein einziges Werk von der Stadt für das Museum angekauft. Obwohl heute einige Werke von einzelnen Künstlerinnen sich im Museumsbestand befinden, bedeutet das weder mehr Sichtbarkeit, geschweige denn überhaupt Kenntnis von den Künstlerinnen.

Die Leipziger GEDOK tritt bei der 3. Großen Leipziger Kunstausstellung 1933 an, bevor sich die Organisation landesweit zur Reichs-GEDOK umformiert. Dehmel wird aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus dem Amt gedrängt. Die neue sogenannte Reichsgemeinschaft leitet eine der ältesten Hitlerunterstützerinnen – die Münchnerin Elsa Bruckmann (1865–1946). In Leipzig findet beispielsweise 1942 die Ausstellung »Die Frau als Künstlerin« im Museum der bildenden Künste statt.

Nach 1945 entstehen in Westdeutschland und Österreich wieder GEDOK-Gruppen, nach 1990 auch Regionalgruppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wie die 1992 gegründete Regionalgruppe Mitteldeutschland – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umfassend. Heute besitzt die GEDOK 23 Regionalverbände in Deutschland mit 2.750 Mitgliedern in den Sparten bildende Kunst, Literatur, Musik, Angewandte Kunst/Design sowie Interdisziplinäre Kunst/Darstellende Kunst. Die Gruppe in Österreich löste sich allerdings 2010 auf.

Im Literaturhaus Leipzig – Haus des Buches – befindet sich der Sitz der ­Gruppe mit insgesamt 85 Mitgliedern. Neben den drei Ehrenmitgliedern – der Publizistin und Kunstwissenschaftlerin Rita Jorek, der Autorin Eva Lehmann und der Fotografin Sigrid Schmidt – umfassen die Sparten 49 Mitglieder im Bereich Angewandte und bildende Kunst, 17 in der Sparte Kunstfördernde, acht in der Musik, vier in der Literatur und zwei in den Darstellenden Künsten. Im Haus des Buches finden regelmäßig Ausstellungen in der En-passant-Galerie in der ersten Etage statt sowie auf der Ausstellungsfläche im Foyer die Jahresausstellungen.


Ursprüngliche Forderung nach Sichtbarkeit weiter aktuell

Birgit Wesolek, seit zwei Jahren Mitglied in der Sparte Musik und zweite Vorsitzende, sowie Brunhild Fischer, ebenfalls aus der Sparte Musik sowie Vorstandsvorsitzende der Regionalgruppe und Vizepräsidentin im Bund, betonen im Gespräch mit dem kreuzer, dass die anfänglichen Schlagwörter wie die Forderung nach Sichtbarkeit, Förderung von Talenten und Stärkung von Netzwerken aktueller denn je sind. Sie werden auch die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen am 26. September bestimmen. Das Jubiläum wird in der Nikolaikirche und in der Hochschule für Musik und Theater begangen. Unter der Schirmherrschaft von Petra Köpping, der Sächsischen Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, sind in der Nikolaikirche nicht nur die Werke von Künstlerinnen zu sehen, sondern eine Ton-Bild-Installation im Eingangsbereich gibt auch die Erfahrungen von Künstlerinnen im Alltag und im Kunstfeld wieder. Um 14.45 Uhr findet zudem die Podiumsdiskussion mit dem Titel »Kunst als Beruf – Genialer Weg oder harte Realität« statt. Im Kammermusiksaal der HMT beginnt um 19.30 Uhr das Festkonzert mit der Verleihung des Isolde-Hamm-Preises. Isolde Hamm (1939–2006), Mitbegründerin der Regionalgruppe sowie langjährige Geschäftsführerin, übergab ihren Nachlass als Stiftung an die GEDOK, um Ausstellungen und Kataloge zu fördern sowie einen Preis zu vergeben.

Wesolek und Fischer betonen das Engagement im Ehrenamt in der GEDOK wie auch die politische Arbeit. Die Vereinigung ist beispielsweise im Kulturrat vertreten, um für gute Rahmenbedingungen der künstlerischen Produktion von Frauen zu kämpfen. Von freiberuflich tätigen Künstlerinnen hört Fischer sehr oft das Argument: »Ich habe keine Zeit, mich noch zusätzlich gesellschaftlich zu engagieren«, was sie in Zeiten von Haushaltskürzungen verheerend findet. Der Kampf um die Daseinsfürsorge bleibt aktuell – sowohl für die Einzelne als auch für Institutionen wie die GEDOK.


> www.gedok-mitteldeutschland.de
> 20.9., Nikolaikirche: 10 Uhr Gottesdienst, 12 Uhr Kirchenführung, 14.45 Uhr Podiumsdiskussion; Hochschule für Musik und Theater, Kammermusiksaal: 19.30 Uhr Festkonzert mit Isolde-Hamm-Kunstpreis-Verleihung


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