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Warten, hoffen, Bier ausschenken

Leipziger Gastronomien öffnen zögerlich

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Nach sieben dürren Monaten darf die Gastronomie wieder öffnen, jedenfalls draußen. Viele Gastronomen warten allerdings noch ab. Der kreuzer hat sich umgehört, wie sie mit den Lockerungen umgehen.

»Die Umsätze waren besser als erwartet, wir hätten uns das angesichts des Wetters und des noch kleinen Freisitzes schlechter vorgestellt«, sagt Carlos vom Cantona in der Windmühlenstraße. Die Rede ist von den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung am letzten Freitag. Nun starteten dank gefallener Inzidenzen und damit außer Kraft gesetzter Bundesnotbremse die ersten Lokale wieder – bei nasskaltem Wetter und unter verschiedenen Auflagen, von denen eine lautet, dass die Öffnung nur für die Außengastronomie gilt.

In manchen Gaststätten wird zur Stunde noch gewerkelt und die demnächst anstehende Wiedereröffnung vorbereitet, andere wollen lieber noch abwarten, denn die aktuelle Lage birgt bei aller Euphorie einige Unabwägbarkeiten. Abgesehen davon, dass sich ein Betrieb nicht von jetzt auf gleich hochfahren lässt – deshalb braucht beispielsweise der Wilde Heinz in Lindenau noch bis zu diesem Pfingstwochenende –, lässt sich nur schwer voraussagen, mit wie vielen Gästen zu rechnen ist und wie groß die Bestellungen ausfallen sollten.

Auflagen und Personalprobleme

Momentan dürfen sich im Biergarten oder auf dem Freisitz maximal zehn Personen aus zwei Haushalten zusammenfinden, müssen dafür aber ein aktuelles negatives Testergebnis vorweisen oder vollständig geimpft bzw. genesen sein und zudem einen Termin buchen. Das Lokal hat in Zusammenarbeit mit den Gästen die Kontaktnachverfolgung zu ermöglichen. Im Cantona lief alles gut an: »Die Leute kommen und bisher war alles entspannt, niemand hat sich über die Auflagen aufgeregt, alle freuen sich, dass sie wieder raus können.«

Noch fehlt es im Cantona an Personal, weshalb dort im Moment Selbstbedienung angesagt ist. »Einerseits können wir nicht langfristig planen«, heißt es dort zur Personalsituation, die bei Weitem nicht nur das Cantona betrifft und schon vor der Pandemie schwierig war. Andererseits konnten die 450-Euro-Kräfte nicht geduldig die Lockdowns abwarten und suchten sich andere Jobs, auch frühere Festangestellte sind längst anderswo beschäftigt.

Vom Personalproblem berichtet die ganze Branche. Mustafa Türker vom Green Soul erzählt, dass Leute aus seinem Team teilweise in Restaurants mit Take-away und Lieferbetrieb untergekommen sind, andere im Handel arbeiten oder sich zum Fahrradmechaniker ausbilden lassen. »Wäre ich vermögend, hätte ich alle weiterbezahlt und jeden Tag herkommen und Sachen erledigen lassen«, sagt Türker. Er öffnet sein vegetarisch-veganes Restaurant erst Anfang Juni, am liebsten wäre ihm, wenn er auch drinnen bedienen kann. Außerdem behagt ihm die Verantwortung in puncto Datenschutz nicht, wenn Gäste nur mit eigentlich sensiblen Daten die Berechtigung erhalten, sich bei ihm hinzusetzen.

Blick auf Wetter und Inzidenzen
Zur schwierigen Personalfrage und zum Datenschutz kommt die Wirtschaftlichkeit: Wer nur einen kleinen Freisitz hat, für den wird sich die Wiedereröffnung kaum lohnen. Wer gar keinen Freisitz hat – etwa die Rorschach-Bar in der Arndtstraße oder das Bricks im Brühl –, kann nur hoffen, dass die Innengastronomie ebenfalls bald wieder öffnen darf. Schließlich könnte eine überstürzte Öffnung ein wirtschaftliches Risiko bergen, wenn die Infektionszahlen doch wieder nach oben schnellen und der Betrieb wieder runter gefahren werden muss, weggeschüttetes Bier und obsolete Dienstpläne inklusive. Sinken die Inzidenzwerte in Leipzig dauerhaft unter 50, sind Testpflicht und Kontaktnachverfolgung obsolet. Damit entfällt auch ein gewisser organisatorischer Aufwand, die Beschränkung auf Freisitze und Biergärten bleibt jedoch bestehen. Es ist dann also immer noch unklar, was man den Gästen anbieten kann, wenn es einen plötzlichen Regenguss gibt. Und die Restaurants, Kneipen und Cafés ohne großzügigen Außenbereich haben weiterhin das Nachsehen.

»Eigentlich bin ich derzeit rund um die Uhr am Überlegen, wie wirs am besten machen«, fasst Oliver Kröck vom Fela in der Karl-Liebknecht-Straße in Worte, wie viele Erwägungen derzeit anzustellen sind, wie viele Aspekte bedacht werden wollen. Er plant, nach Pfingsten wieder Tische rauszustellen – auch hier sind Wetter und Personal die relevanten Faktoren. Ebenfalls relevant: Kröck möchte gerne etwas Richtiges anbieten, »nicht nur improvisieren«, und das bedarf der Vorbereitung.

Im Biergarten vom Oskar in der Riemannstraße standen die Tische noch nie unangenehm eng, seit letztem Freitag kann man da nun wieder sitzen. »Wir waren sehr gut besucht, es gab trotz des Wetters einige Reservierungen«, sagt Betriebsleiter Daniel Gereke. Die Auflagen waren hier ebenfalls kein Thema: »Die Gäste waren sehr einsichtig.« Neben den derzeit sinkenden Zahlen stimmt ihn die Aussicht auf den nahenden Sommer optimistisch. Auf den Sommer – oder vielleicht erst einmal: sommerliches Wetter – warten sicher viele. Nicht nur Barthels Hof in der Hainstraße, die Symbiose in der Karl-Liebknecht-Straße oder die Vodkaria in der Gottschedstraße werben im Netz um Verständnis bei den Gästen, die sich noch eine Weile gedulden müssen, bis sie dort wieder einkehren können. Etwas gedulden muss sich auch das Barcelona in der Gottschedstraße, bis die Bauarbeiten erledigt sind und man den Hof wieder bespielen kann. Voraussichtlich ist das Anfang Juni der Fall, zufällig am 23. Geburtstag der Bar. Wenn alles klappt, gibt es dort also gleich doppelten Grund zum Feiern.

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