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Medea-Logik

Lina E. ist nur ein exponiertes Beispiel für die Medea-Logik – ein Kommentar

Der Fall der mutmaßlich militanten Linksradikalen Lina E. zeigt auch: Frauen sind noch immer das »andere« Geschlecht, findet Tobias Prüwer.

Schöner hätte sich kein Chefredakteur den Fall Lina E. ausdenken können. Da wird über das Verhältnis ihrer Rocklänge und der Liste von Tatvorwürfen gewitzelt. Oder eine Ähnlichkeit mit NSU-Terroristin Beate Zschäpe konstruiert: Denn Sex and Crime sells einmal mehr. Und welch bessere Projektionsfläche kann der Boulevard bespielen als eine Studentin aus Connewitz, die Nazis boxt, eine männermordende Autonome? Diese sexistischen Entgleisungen und Auswüchse der Hufeisentheorie muss man hier nicht weiter kommentieren – sie entlarven sich selbst. Interessant ist, dass diese Exotisierung einer weiblichen mutmaßlichen Täterin auch die seriösere Berichterstattung durchzieht und selbst in der Anklage mitschwingt.

Ende Mai erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen vier mutmaßliche radikale Linke aus Leipzig mit dem Vorwurf, eine »linksextreme« kriminelle Vereinigung gebildet zu haben. Sie sollen an fünf Angriffen auf Nazis in Leipzig und anderen Städten beteiligt gewesen sein. Besonders bemerkenswert am Walten der Verfolgungsbehörden – und in Folge auch an der Arbeit der Medien – ist das Herausstellen einer vermutlich beteiligten Person: Lina E. Ihr wird von der Auskundschafterin bis zur Anführerin ein Sonderstatus zugeschrieben, es ist von einer »herausgehobene[n] Stellung« die Rede, von »Kommando übernommen« – mutmaßlich, weil E. eine Frau ist.

Ob die Vorwürfe an die vier überhaupt Bestand haben, kann hier nicht beurteilt werden. Sie konzentrieren sich auf Lina E. So soll sie im Oktober 2018 einen Nazi in Wurzen ausspioniert haben, der danach von mehreren Tätern zusammengeschlagen worden sei. Als im Januar 2019 ein Straßenarbeiter in Connewitz wegen Tragens einer Naziklamotte angegriffen wurde, soll E. mit Reizgas Personen davon abgehalten haben, ihm zu helfen. Weiterhin wird ihr die Mittäterschaft bei zwei Angriffen auf den Wirt einer rechten Szenekneipe in Eisenach zur Last gelegt. Zuletzt soll sie beim Angriff auf sechs Neonazis in Wurzen im Februar 2020 beteiligt gewesen sein. Ihre Anwälte sehen die Anklage auf tönernen Füßen, so beruhe eine Tatzuordnung allein auf der Tatsache, dass ihr Lebensgefährte beteiligt war.

Tobias Prüwer ist Interims-Chefredakteur des kreuzer.

Und hier lohnt es, hellhörig zu werden. Denn was auffällt: Mehrfach ist nur von einer Frau die Rede, die Zeugen bemerkt haben wollen – sofort ist Lina E. verdächtig. Als ob es nur eine militante Frau gäbe. Die Szeneveränderungen in dieser Hinsicht haben die Behörden offenbar nicht mitbekommen, genauso wenig wie den Umstand, dass Führerstruktur und autonome Gruppe nicht zusammenpassen. Weil E. eine Frau, das »andere« Geschlecht, ist, muss sie eine besondere Stellung innehaben. Sie kann nicht wie die anderen mutmaßlichen Täter »einfach« mit Teleskopschlagstock oder Fäusten Nazis (schwer) verletzt haben. Sie muss ausgespäht und geplant haben, also hinterhältig und fies sein, oder gleich ganz kaltblütig die Anführerin. Als Frau kann sie keine »normale« militante Antifaschistin sein: Ob man dieser Medea-Logik bewusst oder implizit folgt, ist fürs Ergebnis unerheblich.

Dem Mythos nach soll Medea als rachedurstige Furie ihre Kinder getötet haben. Dieser Archetyp wird immer wieder bedient, wenn einer Frau eine Gewalttat attestiert wird. Denn Frauen haben der überkommenen Vorstellung nach handlungsunfähige Objekte, also Opfer zu sein. Und wenn sie schon Täterin werden, dann muss man das als übermenschliche Tat beschreiben. Lina E. ist nur ein besonders exponiertes Beispiel für die Medea-Logik. Und natürlich gilt die Unschuldsvermutung.

Der Text erschien zuerst in der Juli-Ausgabe des kreuzer 07/21.

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