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Kultur

Die Grammatik der Geschlechter oder Medeas Rache auf Georgisch

Tamar Tandaschwillis fulminanter Roman

  Die Grammatik der Geschlechter oder Medeas Rache auf Georgisch | Tamar Tandaschwillis fulminanter Roman

Unzählige Bücher überfluten den Markt. Martina Lisa, Josef Braun und Michelle Schreiber helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl und teilen Gedanken, die in die Lektüre hineingenommen werden können. Diesmal liest Redakteurin Martina Lisa »Als Medea Rache übte und die Liebe fand« von Tamar Tandaschwilli eine schillernde Geschichte der Ermittlerin Medea und eine Abrechnung mit der machistischen georgischen Gesellschaft.

Kolchis hieß die antike Landschaft an der Ostküste des Schwarzen Meeres, die Heimat Medeas, sie liegt in heutigem Georgien. In ihrem zweiten Roman »Als Medea Rache übte und die Liebe fand« stellt Tamar Tandaschwili den uralten Mythos auf den Kopf, die Liebe folgt erst nach der Rache und die Königstochter ist eine unerschrockene Ermittlerin in Fällen von sexueller Gewalt – Medea Chimschiaschwili. Die antike Tragödie erscheint hier in grellen Farben: Furios, rasend, mit sprudelnder Sprache und bizarren Bildern wird die konservative, machistische und homophobe georgische Gesellschaft seziert, wird nach und nach das brutale Bündnis zwischen Patriarchat, Politik und Kirche aufgedeckt. Ein Buch, das in Georgien für Furore sorgte – und auf der Shortlist des renommierten SABA-Literaturpreises stand. Tandaschwili kennt ihre Materie, die Autorin ist Psychologin und setzt sich als Aktivistin vor allem für die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten ein.

Cover
Cover: Residenz Verlag

»Männer leben in erster Person Plural und sterben in der dritten Person Singular. Frauen werden in der dritten Person Plural vergewaltigt, sterben aber stets in der ersten Person Singular.« Das hat die Kriegsjournalistin Tina gelernt, und mit diesem Satz steigen wir ins Buch ein. In einer fast filmischen Handschrift folgt eine Szene der nächsten – eine Ästhetik, die sich auch als Hommage an Pedro Almodóvar lesen lässt: Scharfe Schnitte, überraschende Wendungen, surreal-sarkastische, ja überzeichnete Bilder, zeitliche Sprünge. Ein kaukasisches Karussell, das sich immer schneller dreht, ein allusives Spiel mit dem Gestus eines antiken Dramas – der Ernsthaftigkeit des Themas tut dies keinen Abbruch. Nur die im Titel proklamierte gefundene Liebe packt Medeas krächzendes Gelächter ein bisschen zu wohlig in Watte.

Tamar Tandaschwili: Als Medea Rache übte und die Liebe fand. Aus dem Georgischen von Tamar Muskhelischwili. Salzburg/Wien: Residenz Verlag 2021, 144 Seiten, 18 €


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