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Kultur

Von Minimal über Realismus zu feiner Wort-Bild-Ironie

Neue Ausstellungen locken in die Baumwollspinnerei

  Von Minimal über Realismus zu feiner Wort-Bild-Ironie | Neue Ausstellungen locken in die Baumwollspinnerei

Anfang Mai fand der erste Spinnereirundgang nach den Lockdowns statt. Wer keine Lust auf die Menschenmenge hatte, kann sich in den nächsten Wochen die Ausstellungen in Ruhe ansehen.

Minimal

Stehende Gemälde – »Standing Paintings – überraschen in der Galerie Jochen Hempel. Die Acrylfarbe leuchtet auf den jeweils unterschiedlichen Formaten der Aluminiumtafeln. Bei genauerem Hinsehen werden Farbbewegungen sichtbar, ansonsten weisen die Malereien wie auch die hier zu sehende Serie »Love Child« jeglichen Ansatz von Narration von sich. Zwischen 2020-2021 entstanden die Arbeiten von Imi Knoebel, der als Klaus Wolf Knoebel 1940 in Dessau zur Welt kam. In Dresden aufgewachsen, ging die Familie 1950 nach Kassel. Knoebel studierte erst an der Werkkunstschule in Darmstadt und ging später an die Düsseldorfer Kunstakademie zu Joseph Beuys. Er begann, die Malerei in ihre materiellen Einzelteile zu zerlegen und damit sowohl die Gattung, den Prozess wie auch die damit verbundene Repräsentation zu hinterfragen. All das gelingt ihm mit seinen neuen Arbeiten ebenfalls. Als Klassiker der westdeutschen neueren Kunstgeschichte sind seine Werke zudem in der Stadt kaum zu sehen. Gelegenheit bietet sich bis zum 4.6. in der Galerie Jochen Hempel.

Galerie Jochen Hempel
 

Realismus

In der Galerie b2 sind Fotografien aus der Serie »Turn« von Caroline Hake aus dem Jahr 2022 zu sehen. Hake, geboren 1968 in Wiesbaden, studierte von 1995-2000 an der HGB bei Alba D’Urbano Medienkunst sowie bei Joachim Brohm Fotografie und beendete die Ausbildung als Meisterschülerin von Brohm.

Mit ihren neuen Arbeiten begleitete sie die Auflösung von Karstadt-Warenhäuser in den Jahren

Caroline Hake
Caroline Hake

2020 bis 2021. Ihre Beobachtungen sind in drei unterschiedlichen Formaten ausgestellt. Gleich Waren in den traditionellen räumlichen Verkaufsinszenierungen sind Fotografien an der Wand auf einem Display drapiert. Auf ihnen ist jeweils der Blick auf die Realität der Auflösung zu sehen. Ob abgenutzte Teppichböden, am Boden liegende Kartons oder Schuhpaare zeigen die Auflösung einer Kathedrale der Moderne. Großformatige Abbildungen von unterschiedlichen Einrichtungen der Präsentation wirken in ihrer Leere sehr einfach. Rolltreppen, die einst die Menschenmassen ohne Anstrengung zu den Warenmassen brachten, rollen nun fast leer durch die hohen Räume. Ihre Abbildungen lässt Hake wie alte Tapete an der Wand erscheinen. Ein nicht nur formaler Abgesang auf das traditionelle Einkaufserlebnis in der Stadt. Bis zum 26. Juni ist die Ausstellung zu sehen, der Carsten Tabel den Text »Don’t turn around« beifügte.

Gallerieb2-Website
 

Wort-Bild-Ironie

Osmar Osten
Osmar Osten

Bei Thaler Originalgrafik sind noch bis zum 28. Mai Arbeiten von Osmar Osten zu sehen. Geboren als Bodo Münzner 1959 in Karl-Marx-Stadt, studierte er nach einer Landschaftsgärtnerlehre Malerei an der Dresdner Kunsthochschule von 1980 bis 1985. Im vergangenen Jahr richtete die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz für ihn eine Retrospektive aus und verglich den Künstler unter anderem mit Martin Kippenberger. Beiden gemein ist die ironisch-distanzierte Haltung zur malerischen Geste. Bei Osten dürfte einigen Menschen bereits der Ausstellungstitel »Mein Leben am PC ist schön« gefallen. Andere könnte beim Anblick der Arbeiten die lokal oftmals geschätzte heroische Geste auf der Leinwand vermissen. Doch genau diese zu vermeiden und sich stattdessen selbst herausnehmen und mit feinem bis etwas derbem Humor klar auf die gesellschaftliche Gegenwart zu schauen, schaffen nicht all zu viele. Die hintergründigen Wortspiele auf den Leinwänden verweisen jedoch allesamt auf eine dann meist sehr ungemütliche Lebenslage mit Blick auf Politik und Wirtschaft.

Thaler Originalgrafik

 

Titelbild: Spinnerei Neonreklame. Uwe Walter, 2006.


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