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Umsatz und Gewinn

Die Regelung für die ermäßigte Mehrwertsteuer in der Gastronomie läuft zum Ende des Jahres aus – Die Branche fürchtet erneut Einbußen und Schließungen

  Umsatz und Gewinn | Die Regelung für die ermäßigte Mehrwertsteuer in der Gastronomie läuft zum Ende des Jahres aus – Die Branche fürchtet erneut Einbußen und Schließungen  Foto: Adobe Stock

»Preisschock« heißt die Angst beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Bis Ende des Jahres können Restaurants und Gaststätten Essen noch mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent verkaufen. Eingeführt wurde diese vorläufige Ermäßigung im Sommer 2020, in der Krisensituation der Pandemie, als Lokale geschlossen bleiben oder Abstandsregelungen durchsetzen mussten. Mitte November hatte sich die Ampelkoalition darauf geeinigt, dass die Mehrwersteuer Anfang kommenden Jahres wieder auf 19 Prozent steigt. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim rechnete in einer Anfang Oktober erschienenen Studie vor, dass mit den ermäßigten sieben Prozent Steuerausfälle von rund drei Milliarden Euro im Jahr verbunden sind.  

Die Preisdifferenz zwischen 7 und 19 Prozent Mehrwertsteuer bei den Speisen – bei Getränken wird sich nichts ändern – müssten die gastronomischen Betriebe mindestens teilweise an die Gäste weiterreichen. »Wir haben einen Speisenanteil von 70 Prozent, da käme jeden Monat eine enorme Summe zusammen«, sagt René Stoffregen, geschäftsführender Gesellschafter von Auerbachs Keller. Die Gastrobranche hatte in den letzten Jahren ohnehin mit gestiegenen Preisen in sämtlichen Bereichen zu tun: Personal, Lieferanten, Produkte, Energie, Inflation. Deshalb ist Essengehen bereits teurer geworden. Theoretisch gibt es also folgende Möglichkeiten: »An der Qualität sparen oder die Portionen verkleinern«, sagt Stoffregen. Oder praktisch: »Wir verteuern Speisen wie Getränke ein bisschen.« Aktuell kostet in Auerbachs Keller zum Beispiel eine Rindsroulade 22,50 Euro. »Steigt die Mehrwertsteuer wieder, würden wir auf 24,50 Euro hochgehen.« Damit nach Abzug der dann höheren Mehrwertsteuer derselbe Betrag beim Wirt bleibt, müsste er auf 25,80 Euro gehen. 

Vor allem Besserverdienende profitieren von gesenkter Mehrwertsteuer in Restaurants

In einer bundesweiten Umfrage des Dehoga in 6.500 Betrieben gab die überwiegende Mehrheit in diesem Sommer an, mit weniger Gästen und Konsum zu rechnen, sollten wieder 19 Prozent Mehrwertsteuer eingeführt werden. 6,5 Prozent der Befragten planen, ihren Betrieb zu schließen, 90 Prozent wollen die Preise erhöhen. Mit der ermäßigten Mehrwertsteuer könnte laut Branchenverband der Gaststättenbesuch auch für Normalverdiener und Familien bezahlbar bleiben.  

Untersuchungen zeigen jedoch, dass vor allem Menschen mit steigendem Einkommen und Kinderlose eher auswärts essen. Christopher Seifert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Universität Leipzig, sagt: »Vor allem Kinderlose und Familien mit höherem Einkommen würden überproportional vom ermäßigten Steuersatz profitieren. Es ist der falsche Ansatz, einkommensschwächere Familien über den Mehrwertsteuersatz zu einem Restaurantbesuch zu bewegen.«  

Allerdings gelten die Steuersätze nicht nur für Gaststätten und Restaurants, sondern auch für die Mahlzeiten in Kitas und Schulen. Hier sieht das ZEW eine Möglichkeit, ärmere Haushalte zu entlasten, und auch Seifert findet: »Darüber könnte man sprechen, das wäre zielgenau.« 

Ist tatsächlich ein Preisschock zu erwarten?

Eine grundsätzliche Ungleichbehandlung sehen Restaurantbetreibende übrigens zum Liefer- und To-go-Geschäft, das regulär mit sieben Prozent besteuert wird. Während also etwa René Stoffregen in Auerbachs Keller für jede Portion unter anderem in Personal, Räumlichkeiten und Geschirr investiert, hat ein Lieferservice oder ein Imbiss weit weniger Kosten. 

Insgesamt hält Steuerexperte Seifert die Fortführung der sieben Prozent »angesichts der Fakten und Daten nicht unbedingt für gerechtfertigt«. Einerseits bestehe die Krisensituation der Pandemiejahre nun nicht mehr, andererseits beträfen die Sorgen, mit denen die Gastronomie konfrontiert ist – vor allem Personalmangel und Energiekosten –, die gesamte Wirtschaft, weswegen es nicht sinnvoll sei zu sagen: »Wir fördern jetzt nur noch die Gastronomie«, findet Seifert. Hinter manchen Aspekten stehen strukturelle Probleme oder Veränderungen wie der gestiegene Home-Office-Anteil, die dazu führen, dass weniger außer Haus gegessen wird. Das lasse sich aber nicht mit einem ermäßigten Steuersatz auffangen. 

Die Wissenschaft ist sich nicht sicher, ob eine Rückkehr zu 19 Prozent wirklich einen Preisschock bedeuten würde. Das ZEW führt an, dass inzwischen die Energiepreise wieder gesunken seien. Und Christopher Seifert sagt: »Preissteigerungen in der Gastronomie sind bereits seit 2020 erkennbar. Man geht davon aus, dass die teilweise in Erwartung des Wegfalls der Ermäßigung vorgenommen wurden. Daher ist es fraglich, ob es tatsächlich zu so einem starken Preisschock kommt, der dann dazu führen würde, dass die Nachfrage entsprechend sinkt, mit allen befürchteten Konsequenzen.« 

Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Gehen Sie ruhig mal wieder aus!


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