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Kultur

Metaphysik der Sitten

Für seinen »radikalen Universalismus« erhält der Philosoph Omri Boehm den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

  Metaphysik der Sitten | Für seinen »radikalen Universalismus« erhält der Philosoph Omri Boehm den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung  Foto: Hans Scherhaufer

»Was du nicht begründen kannst, das setze a priori an.« Unabhängig von unserer Erfahrung also sollen dem verballhornten philosophischen Leitsatz zufolge diejenigen Überzeugungen angesiedelt werden, die sich nicht beweisen lassen. Das ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Um so überraschender ist zu lesen, mit welcher Verve der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm das Prinzip in »Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität« vertritt. Denn darin geht es ihm nicht nur um die Verteidigung eines Universalismus, auf dem beispielsweise die Menschenrechte und der demokratische Rechtsstaat gründen. Seiner Vorstellung nach reicht das moralische Gebot hinter jede Konvention zurück und ist eine Wahrheit, der sich sogar ein Gott beugen muss. Dafür – und für seine Haltung zum Nahost-Konflikt – erntet Boehm auch Kritik. Sein humanistisches Plädoyer ist ehrbar, findet die Jury der Buchmesse und wird ihn mit dem in Höhe von 20.000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung auszeichnen.

Der 1979 in Haifa geborene Boehm – seine Großmutter hat deutsche Wurzeln – studierte in Tel Aviv und promovierte in Yale/USA über Kants Kritik an Spinoza. Sein »Radikaler Universalismus« erschien im September 2022 auf Deutsch.

Darüber, ob für die gesellschaftliche Entwicklung partikulare oder universelle Prinzipien von konstitutiver Wichtigkeit sein sollen, wird derzeit heftig gestritten. Wenn es um Identitätspolitik geht, wird meist nur an linke Positionen gedacht, die die Kategorien Gender und Ethnie betonen. Dass aber von rechts mit Volk und Nation auch auf Identität gesetzt wird und jeder, der »Normalsein« betont, das ebenfalls tut, wird übersehen. Zumindest indirekt richten sich solche Positionen gegen den Universalismus, demzufolge alle Menschen gleiche Wertigkeit haben sollten – unabhängig von Status, Herkunft etc. Der Universalismus ist vor allem deswegen in Misskredit geraten, weil er dem westlichen Denken entsprang und noch dazu viele seiner Vertreter rassistische Ansichten vertraten oder gar selbst Sklavenhalter waren.

Boehm gibt der Kritik an den Personen Recht, entgegnet aber, Immanuel Kant & Co. hätten trotzdem eine tiefe moralische Wahrheit verkündet. Um das zu zeigen, greift Boehm neben dem Kategorischen Imperativ auch auf die biblische Überlieferung zurück: Abraham habe Gottes Gebot, seinen Sohn Isaak zu opfern, in Wirklichkeit missachtet. Die Verse, in denen der Engel erscheint, um Abraham von der Aufgabe zu erlösen, seien nachträglich eingefügt worden. Wo genau diese schon Abraham motivierende moralische Wahrheit herkommt, kann Boehm allerdings nicht sagen, außer eine metaphysische Begründung für solch eine absolute Gerechtigkeit einzufordern. Das Problem: Wenn diese jenseits menschlicher Diskussionen angesiedelt und damit auch jeder Korrektur entzogen ist, wird es fatal. Jeder könnte sich auf eine solche Wahrheit berufen, Fanatismus wäre Tür und Tor geöffnet, auch wenn das nicht Boehms Absicht ist. Letztendlich geht er aber den Weg zurück zur Prophetie, die die Aufklärung ja überwinden wollte. Diese Projektion einer guten Idee überzeugte hingegen die Buchpreis-Jury.

Da nimmt sie es wohl in Kauf, dass Boehms politische Agenda auf heftige Kritik stößt. Er verteidigte die Documenta fifteen gegen alle Kritik. Weiterhin kritisierte er die Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestags, die laut Boehm besagt, es sei »antisemitisch«, »auf der schieren Gleichheit von Juden und Palästinensern zu bestehen«. Nur steht davon nichts im Text. Boehm arbeitet sich immer wieder an Israel ab. Zionismus – dessen verschiedene Ausformungen unterschlägt er – hält er in seiner Streitschrift »Israel. Eine Utopie« (2020) für einen Widerspruch zu humanistischen Werten. Dort fordert er die Einstaatenlösung, wobei in seiner Darstellung die Araber in Palästina nur als Opfer jüdischer Täter vorkommen. Vernichtungsfantasien etwa einer Hamas ignoriert er, während er ein vereinfachtes, israelkritisches – wie man so sagt – Bild zeichnet. Ralf Balke kommentierte in der Jüdischen Allgemeinen nüchtern: »Es gibt in Deutschland für sie einen Markt und Omri Boehm bedient diesen gerne.« Vielleicht kann der Buchpreis Anlass sein, sich radikal zu verständigen – mit aller, nicht jenseits aller Erfahrung.

> Preisverleihung zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse. Die Laudatio hält die Soziologin Eva Illouz. 20.3., 19 Uhr, Gewandhaus


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