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Politik

Picknicken gegen das Patriarchat

  Picknicken gegen das Patriarchat |   Foto: Annika Zegowitz

Ein globaler Frauenstreik, das war die Vision der Bewegung »Enough!« für den 9. März. Auch die Leipziger Regionalgruppe hat zu diesem Anlass einen Streiktag ausgerufen – mit Klappstuhl und Picknick vor dem alten Rathaus.

Bunte Picknickdecken liegen auf dem Leipziger Marktplatz, vor der Marktgalerie singt eine Gruppe »What’s up« von 4 Non Blondes – ein spontaner Protestchor. Viele haben Snacks mitgebracht, Baguette wird in Hummus gedippt und an Strickprojekten gearbeitet. Der Streik vor dem Alten Rathaus erinnert fast ein bisschen an einen Samstag im Park – wären da nicht die politischen Plakate und das Mikrofon, an dem immer wieder neue Personen zu Wort kommen: »Wir streiken für die demokratische Gesellschaft, für Vielfalt, soziale Verantwortung und Demokratie«, macht zum Beispiel Manuela Lißina-Krause zu Beginn klar, die die Veranstaltung mit organisiert hat. 

Gut 300 Menschen seien dem Aufruf zum Protest gefolgt, schätzt sie, vielleicht mehr. Viele tragen bunte Farben, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen – pink, lila und rot, wohin man auch blickt. Im Sinne des Mottos »Enough!« hat man die Teilnehmenden schon im Voraus dazu aufgerufen, den Veranstaltenden ihre eigenen »Genugs!« zu schicken – einige davon werden nun für die Menge verlesen. »Ich habe genug davon, dass Männer für Hilfe im Haushalt und der Kindererziehung gefeiert werden«, heißt es zum Beispiel, oder »Ich habe genug davon, dass immer noch nicht gilt ›Nur ja heißt ja‹!«. Lauter Applaus, Pfeifen aus der Menge. Dort finden sich weitere Schilder mit »Genugs«: »Genug Körpernormierungen« liest man da, »Genug von schweigenden Männern« oder »Genug von durchgeknallten Tech-Bros«. Die meisten Teilnehmenden haben einiges satt. Bei vielen hat die Anwesenheit aber ähnliche Gründe: »Wir sind heute hier, weil Frauen immer noch grundsätzlich benachteiligt werden und die Gewalt gegen Frauen weiterhin zunimmt«, betont eine Person. Eine andere erklärt, sie selbst komme aus der Nähe von Gera, wo im vergangenen Jahr ein Mann einen Mordanschlag auf seine Ex-Partnerin in einer Straßenbahn verübte: »Die Sicherheit von Frauen ist zunehmend bedroht. Es ist halt krass beängstigend – wir müssen als Frauen zusammenhalten und dagegen vorgehen, dass sich auch gesamtgesellschaftlich etwas ändert.«

Dabei ist für viele auch die Art des Protests wichtig. Der Streik sei niedrigschwellig, betonen viele Teilnehmende. Man könne seine Kinder mitnehmen, führt zum Beispiel eine Person aus, außerdem sei der Marktplatz gut zugänglich für Menschen mit einer körperlichen Einschränkung. »Und, man kommt vielleicht auch besser miteinander ins Gespräch, weil man nicht nur aneinander vorbeigeht, sondern sich an einem Ort aufhält«. Das Picknick biete die Möglichkeit zu zeigen, »dass Menschen, die feministische Werte vertreten, laut sein können, aber genauso zusammen im Leisen existieren«, sagt eine andere Streikende. 

Im Anschluss an das Picknick ziehen die Protestierenden auf den Augustusplatz, wo die Gruppe Feminist Rebellion über patriarchal geprägte Institutionen aufklärt. Der Tag endet mit einem Besuch in der Kinobar Prager Frühling, wo ein Film über den Frauenstreiktag in Island im Jahr 1975 gezeigt wird, den »Enough!« sich zum Vorbild genommen hat. Im kreuzer-Interview vor drei Wochen kündigten die Veranstaltenden schon an, dass nach dem 9. März die Planung für den Streiktag im kommenden Jahr losgehen soll. Dafür sind sie nach diesem Montag sicher warm-gestreikt.


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