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Kultur

Spurensuche

Die Ausstellung »Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938–1945« im Ariowitsch-Haus

  Spurensuche | Die Ausstellung »Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938–1945« im Ariowitsch-Haus  Foto: Birte Sedat/Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Ein Mann mit Stahlhelm auf dem Kopf steht mit dem Rücken zu den Fotobetrachtenden. Neben ihm stehen weitere Menschen, allerdings in Zivil und sie tragen Hüte. Vor ihnen befindet sich ein Karren oder Wagen. Auf ihm stehen Männer, Frauen und Kinder. An einigen Mänteln sind sogenannte Judensterne zu sehen. Hinter dem Karren ist ein Personenzugwaggon zu sehen. Auf eine Frau, die ganz rechts steht, zeigt ein Pfeil.

Bei dem Foto handelt es sich um eine Aufnahme aus dem Katalog zur ersten Ausstellung über jüdisches Leben in Leipzig nach 1945 – »Juden in Leipzig. Eine Dokumentation« (Leipzig 1989). Auf Seite 196 kann es mit der Bildunterschrift nachgeschlagen werden: »Dokumentaraufnahme einer Deportation in Leipzig: das einzige Bild, das von einem solchen Transport existiert. Es könnte die Deportation vom Januar 1942 oder die vom Februar 1943 sein. Die Aufnahme ist wahrscheinlich auf einem der Vorort-Bahnhöfe entstanden. Näheres zum Entstehen des Bildes und seiner Überlieferung ist nicht bekannt.« Ein Nachweis – woher das Foto stammt, wer den Pfeil einzeichnete – findet sich hier nicht.

Über dreißig Jahre später taucht das Foto im »Bildatlas #Lastseen« auf, das mit der Wanderausstellung »Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938–1945« bis zum 14. September im Ariowitsch-Haus zu sehen ist.

Im Bildatlas wird es auf den 10. Mai 1942 datiert. Dort sind auch einzelne Elemente des Fotos beschrieben und historisch kontextualisiert. So ist zu erfahren, dass das Foto von einer unbekannten Person Anfang der 1970er Jahre bei der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem abgegeben wurde. Als der Leipziger Lokalhistoriker Erwin Märtin im Herbst 1987 im Archiv von Yad Vashem zur jüdischen Geschichte in Leipzig forschte, erhielt er den Verweis, dass der Fotograf ein Bekannter der Frau, die mit dem Pfeil gekennzeichnet sei – Hela Siegelberg – gewesen sei. Er notierte dies in seinen Unterlagen, die sich in seinem Nachlass befinden. Seine Recherchen zur Leipziger Geschichte wurden nicht publiziert. Hela Siegelberg – so ist in Ellen Bertrams Buch »Leipziger Opfer der Shoah. Ein Gedenkbuch« (Leipzig 2015) nachzulesen – wurde 1889 in Warschau geboren und ist nach 1942 verschollen. Sie besaß die polnische Staatsangehörigkeit, war Büroangestellte und später Zwangsarbeiterin, wohnte in der Blumenstraße 27 in Leipzig und später im sogenannten Judenhaus Nordplatz 7 und wurde am 10. Mai 1942 nach Bełżyce deportiert. Ihr Bruder identifizierte sie auf dem Foto, ein Abzug mit ihrem Namen auf der Rückseite bewahrt die französische Gedenkstätte Mémorial de la Shoah auf.

Die Wanderausstellung »Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938-1945«, die das Forschungsprojekt Lastseen von Arolsen Archives zu Fotografien von Deportationen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie Menschen, die unter das sogenannte Euthanasieprogramm fielen, vorstellt, organisiert die Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft. Zu sehen sind weitere Fotografien samt Erklärungen und Recherchen des sehr intensiven wie wichtigen Forschungsprojektes.

Zur Eröffnung am Montagabend sprach Ramona Bräu-Herget von Arolsen Archives über die Arbeit am Bildatlas seit 2021. Darin sind mittlerweile über 600 Fotografien zusammengekommen, die die Deportationen aus über 70 deutschen Städten dokumentieren. Über 280 Biografien konnten erschlossen werden. Im Rahmen dessen wurden 1.500 Archive angeschrieben.

Der digital zugängliche Bildatlas kann nach Orten ausgewählt werden. Auffallend ist, dass zum Beispiel aus Berlin bisher kein einziges Foto zu finden ist. Obwohl – so Bräu-Herget – viele Menschen dort Kameras besaßen und das Fotografieren der Deportationen auch nicht unter Strafe stand. Daher ist die Frage wichtig: Wie sieht ein Foto aus, das Deportationen zeigt? So banal die Frage klingt, umso schwieriger ist die eindeutige Klärung verbunden mit den weitergehenden Fragen: Wann, wo und wer es aufnahm?

Die Ausstellung zeigt, dass die Forschung zum Nationalsozialismus keinesfalls abgeschlossen ist. Vielmehr besteht ein Ziel der Wanderausstellung neben dem damit zu vermittelnden Wissen, um Biografien, Recherchemittel und Methoden auch darin, zu sensibilisieren, ob sich in privaten Alben und Sammlungen noch Fotografien finden. Das ambitionierte Projekt auf ganz Europa auszuweiten, wäre ein weiterer Schritt.


> »Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938-1945: bis 14.9., Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstr. 14, Mo–Do 14–18 Uhr

> atlas.lastseen.org



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