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Stadtleben

Anti-Antifa marschiert

Antiimperialisten wollen in Connewitz Palästina befreien – mobilisieren allerdings mit rechten und antisemitischen Akteuren gegen Einzelpersonen und Institutionen

  Anti-Antifa marschiert | Antiimperialisten wollen in Connewitz Palästina befreien – mobilisieren allerdings mit rechten und antisemitischen Akteuren gegen Einzelpersonen und Institutionen  Foto: Leon Heyde

»Antifa means free Palestine« – Unter diesem Motto macht die Connewitzer Gruppe Lotta Antifascista gegen dortige Einrichtungen und Personen mobil. Unterstützt von der antisemitischen Gruppe Handala fand ihr Aufruf bundesweit Beifall – auch unter extrem Rechten. Diese haben ihr Kommen angekündigt. Derweil ist die lokale wie überregionale Solidarisierung mit Connewitz ebenfalls immens; indes scheint die Partei Die Linke zerrissen. Was im Kern die unterschiedliche Bewertung des Nahostkonflikts betrifft, führte dazu, dass Connewitzer Linke als »Nazis« im Fadenkreuz anderer Linker stehen.

Ziemlich genau zehn Jahre nachdem organisierte Neonazis Connewitz stürmten, Menschen angriffen und Läden zerstörten, wollen linke Antiimperialisten auf der Bornaischen und Wolfgang-Heinze-Straße gegen andere Linke protestieren. Den Aufruf von Lotta unterstützen zahlreiche andere Gruppen. Die Freien Sachsen und andere extreme Rechte applaudieren ebenfalls.

»Wir werden keine rassistische No-Go-Zone hinnehmen«, etwa schreibt die vom sächsischen Verfassungsschutz als »Extremisten« erfasste Gruppe Handala. Sie wirft Connewitzer Linken vor, gegen propalästinensische Migranten vorzugehen. Die Gruppe sekundiert Lotta Antifascista und dreht weiter an der verbalen Eskalationsschraube. Der pauschale Rassismusvorwurf wird über das ganze Viertel verhängt, weil Läden wie das Conne Island das Pali-Tuch nicht dulden. »Wir kommen mit Palästinafahnen und Kufiya nach Connewitz!«, schreibt die Gruppe auf Instagram. Handala ist hinlänglich bekannt, der kreuzer berichtete unter anderem hierhier und hier. Vermutlich aufgrund der Staatsschutzbeobachtung – einige Handala-Mitglieder arbeiten an Hochschulen – löste sich der Verein im Dezember 2025 auf. Als Aktionszusammenhang ohne Möglichkeit, Spendenquittungen auszustellen, besteht Handala weiter.

Handala benennt in seinem Unterstützungsaufruf zwei klare Ziele: Juliane Nagel (Die Linke) und das Conne Island. Diese stünden für die als rassistisch wahrgenommene Israelsolidarität im Viertel. Zionisten seien alles Rechte, erklärt die Gruppe und legitimiert somit das Ansinnen, gegen etablierte Strukturen zu kämpfen. Damit radikalisiert Handala noch den Aufruf zu einer Demo, die ursprünglich kiezintern wirken sollte.

Zehn Jahre nach dem Nazi-Angriff heißt es nun auf der Instagram-Seite von Handala: »Das alte Connewitz ist nicht mehr«, die antifaschistische Hochburg gebe es nicht mehr und man werde die letzten »Geister« der Israelsolidarität vertreiben. Unterstützt wird das durch markige Ankündigungen bis hin zu Gewaltaufrufen verschiedener Gruppen und Personen bundesweit. Zionisten sollen gejagt werden, heißt es da etwa, Abweichler würden etwas »hart gegen die Kauleiste« bekommen. Intensiv arbeitet sich Handala schon länger am Leipziger Süden ab. Mehrfach führten Demos bis zum Peterssteinweg, wo man per Lautsprecher siegessicher erklärte, man haben den Süden erobert.

Connewitz gilt den Handala als Hauptfeind, weil sie die dortigen linken Akteure als proisraelisches Bollwerk ansehen. Der Stadtteil ist damit Projektionsfläche eines deutschlandweiten Konflikts um den sogenannten Nahost-Konflikt: Wo geht Palästina-Solidarität in Antisemitismus über – oder: Ist Israel-Solidarität blind gegenüber möglichen Kriegsverbrechen? Das führte in der Vergangenheit auch in Leipzig bereits zu gewaltförmigen Konflikten.
Für Lotta und Handala muss man sich einseitig positionieren, sonst ist man Unterdrücker und befürworte einen »Genozid«, so attestierend die Demoaufrufe. Wer dem nicht folgt, wird zum »Zionisten«, »Rassisten«, »Antideutschen« erklärt. »Wir werden weiter gegen die reaktionären Fußsoldaten der Staatsräson aktiv bleiben und den palästinensischen Befreiungskampf auch hier auf die Straße tragen.« Mit diesen Worten endet der Aufruf von Lotta, der laut Ordnungsamt 400 Teilnehmende anvisiert. Angesichts bundesweiter Mobilisierung könnten es viel mehr werden.

Die Demo wird mit Angriffen auf Kufiyaträger und Störungen von Pro-Palästina-Aktionen begründet. Verschwiegen werden Schläge und Flaschenwürfe auf eine israelsolidarische Kundgebung am Connewitzer Kreuz anlässlich des – brüchigen – Waffenstillstands, Feindmarkierung mit Hamas-Dreiecken, Drohschreiben unter anderem an die Bewohner des Hausprojekts B12 und »Zio-Nazis«-Sprühereien am Linxxnet. Durch die Gleichsetzung mit Nazis legitimieren die propälestinensischen Gruppen Gewalt gegen andere Linke – sie sprechen ihnen das Linkssein ab. Statt eine Deeskalation anzustreben und die Konflikte szeneintern abzuschwächen, führt die Demonstration zu einer weiteren Konfrontation und Verhärtung.


Kiezkonflikt wird überregional

Der Konflikt, der sich durch die Bundeslinke zieht, bekam nach dem 7. Oktober 2023 auch in Connewitz neues Feuer. Der Kampf auf der Straße wird augenscheinlich vor allem mit politischen Stickern geführt, Personen lieferten sich Wortgefechte, begannen, sich gegenseitig zu fotografieren. Gerade im Bereich des Schwan-Spätis am Herderpark. Dort kam es im Frühjahr 2024 zu Tätlichkeiten zwischen den Gruppen. Der kreuzer hatte Kontakt zu Beteiligten und Beobachtenden, aber unter den gegenseitigen Vorwürfen ließ sich keine Klarheit finden. Seitdem hält der Streit an, es folgten weitere Anschuldigungen. Während Lotta Connewitz als Feindesland für Palästina-Solidarität malt, wo »Antideutsche« und »Macker« leben, erklären hingegen andere Linke dem kreuzer, sich im Schwan-Umfeld und den sich dort treffenden, als antiimperialistisch wahrgenommenen Personen, unsicher zu fühlen. Um den Nahostkonflikt geht es augenscheinlich zumindest nicht allein.

Einen Tag nachdem Lotta am 17. Dezember die Demoankündigung lancierte, erfolgte Handalas zusätzlicher Aufruf. Erst dieser erzeugte ein überregionales Echo. Autoritäre K-Gruppen wie Young Struggle unterstützen den Aufmarsch. Das extrem rechte Compact Magazin begrüßte auf X diesen, die rechtsextreme Partei Freie Sachsen lobten in ihrem Telegram-Channel die »fortschrittliche[n] Antiimperialisten« und der einschlägige Aktivist Ferhat Sentürk, Ex-AfDler und Organisator von Nazidemos, kündigte aus Aachen sein Kommen an.


Connewitz-Unterstützung durch Linke-Stadtverband

Pikant ist, dass auch das Palästinabündnis Leipzig den Handala-Aufruf gegen Juliane Nagel unterstützt. Denn dieses nutzt unter anderem das Büro von Nagels Parteikollegen Nam Duy Nguyen für Treffen. Dort war auch ein Demoplakat aufgehängt – mittlerweile hat sich Nguyen von der Demo distanziert. Von Bundesebene erhielt Nagel Rückendeckung. Die AG Palästinasolidarität in der Leipziger Linken sowie die Linksjugend rufen allerdings zur Demo gegen Nagel auf. Am Freitag schließlich teilte der Linke-Stadtverband per Presseerklärung mit: »Wir verweisen auf den Unvereinbarkeitsbeschluss unseres Landesvorstandes mit Handala und fordern einen kritisch-solidarischen Umgang unter unseren Genoss:innen. Folglich appellieren wir an unsere Gliederungen und Strukturen weder zur Demo zu mobilisieren noch diese in anderer Form zu bewerben oder den Aufruf zu teilen.«

Nagel selbst spricht im kreuzer-Gespräch von einer »Instrumentalisierung« der Aktion: »Natürlich geht es nicht um Palästina-Solidarität. Das ist ein Vorwand, um Handalas Vormachtstellung in der linken Szene zu erstreiten. Ich verstehe nicht, warum da so viele aufspringen.« Sie habe nach einem Angriff auf palästinasolidarische Aktivisten ein Deeskalationstreffen initiiert. Dortige Teilnehmer beteiligen sich nun an den Demoaufrufen, was Nagel besonders wütend macht. »Mikrokonflikte über einen antisemitischen Akteur wie Handala zu lösen, funktioniert nicht.«

Die freuen sich, endlich in dem Stadtteil ihre Wirkmacht zu zeigen, der ihnen als antisemitische Projektionsfläche dient. Denn die Verhältnisse in Gaza werden durch Intervention am Kreuz nicht verbessert. Hinter der Opferinszenierung, kein Nicht-Weißer oder Propalästinenser werde in Connewitz geduldet, steckt eine ideologische Machtdemonstration. Das Symbol für das angeblich rote Leipzig ist und bleibt der Südkiez; und von diesem Mythos wollen die Antisemiten zehren. Und sei es, dass sie jene Strukturen und Institutionen angreifen, die dafür gesorgt haben und sorgen, dass der Süden seit mehr als 30 Jahren Ort linken Lebens ist. Lotta, Handala & Co. verfolgen damit dieselbe Zielstellung wie die Nazis 2016. Deshalb ist ihnen der Applaus von extrem rechts sicher.

Wohl deshalb ist die Solidarisierung mit Linxxnet und Conne Island groß. Auch Antifa-Gruppen von außerhalb, von Berlin und Köln, Dresden und Hamburg rufen zur Teilnahme an zwei Gegenkundgebungen auf. »Entgegen verkürzter Darstellungen war Connewitz nie auf einer Linie – im Gegenteil. Immer schon wurde wild diskutiert und solidarisch gestritten«, schreibt etwa die Ü30-Antifa-Gruppe Florida. »Es ist das undogmatische Connewitz, das wir bewahren müssen. [...] Nein, hier geht es nicht um ›Antideutsche vs. Hamas-Fans‹. Wir können uns nicht kopfschüttelnd abwenden. Deshalb schließt Euch bitte den Protesten gegen diesen Wahnsinn an.«


> »Antifa means: Free Palestine«, 13–17 Uhr, Connewitzer Kreuz – Wolfgang-Heinze-Str. – Mathildenstr. – Zwischenkundgebung Brandstr. – Wolfgang Heinze-Str. – Zwischenkundgebung Koburger Str. – Meusdorfer Str. – Bornaische Str. – Connewitzer Kreuz, Lotta Antifascista

> »Antisemit*innen raus aus dem Viertel«, 12.30–14 Uhr, Basketballplatz Connewitzer Kreuz, Bündnis Israelsolidarischer Gruppen

> »All Connewitzer are beautiful«,12–18 Uhr, kleine Insel/Connewitzer Kreuz, Wolfgang-Heinze-Str. – Zwischenkundgebung Koburger Str. – Wolfgang-Heinze-Str. – Brandstraße – Mathildenstraße – Wolfgang-Heinze-Str. - Connewitzer Kreuz, Initiative Solidarisches Connewitz

> »Kein Frieden mit Antisemit*innen«, 11 Uhr, S-Bahnhof Connewitz, Zubringerdemo zum Kreuz, AK7030


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