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Rezensionen

Das Kinn

Das Kinn

Ruinenkampf

Ruinenkampf

»Toben Piel geht gern auf Friedhöfe. Orte der Ruhe und Idylle.« – Mit diesen Worten beginnt der Pressetext zu Piels aka Das Kinn erstem Studio-Album »Ruinenkampf«. Allerdings: Nach Ruhe und Idylle klingt hier erst mal gar nichts. Wer sich vorher schon mit dem Schaffen des Ein-Mann-Elektro-Punk-Projekts beschäftigt hat, wird kaum überrascht sein. Schon auf den früheren EPs hat Piel den düsteren Post-Punk und maschinellen Synthie-Sound der Achtziger übernommen und daraus seine eigenen übersteuerten, verschobenen und äußerst faszinierenden Soundlandschaften gebaut. Daran anschließend klingt nun auch »Ruinenkampf«, als hätten sich DAF mit Steroiden vollgepumpt und ihre Musik an der Hantelbank komponiert. Oder als hätten Kraftwerk ihr Debüt-Album im Schützengraben unter feindlichem Beschuss aufgenommen. Das Ganze hat etwas sehr Brachiales und Martialisches, nicht zuletzt wegen Piels bissigem und parolenhaftem Sprechgesang. Mit Textfetzen, die bestens in expressionistischen Gedichtbänden stehen könnten, aber genauso gut in unsere aktuellen zwanziger Jahre passen: »Bizeps Trizeps, alle rüsten auf« oder »Volk, Scheiße, Erlösung«. Das könnte nun Gefahr laufen, voreilig als stumpfe Aggro-Elektronik oder plumper Testosteron-Post-Punk abgetan zu werden – was dem Album allerdings Unrecht tun würde. Denn trotz allem sind die Stücke sehr durchdacht arrangierte, zuweilen filigran gearbeitete Klangkunstwerke, mit verspielten Synthies, komplexen Drum-Machine-Beats und – wie im als Verschnaufpause äußerst wichtigen Stück »Souterrain« – sogar mit romantischen Saxofon-Melodien. Und die verbreiten dann zumindest kurz doch noch so was wie Ruhe und Idyll. Yannic Köhler

Viagra Boys

Viagra Boys

Viagr aboys

Viagr aboys

Spätestens jetzt, mit dem Release des Albums »Viagr aboys«, wird klar, dass die Viagra Boys nicht in irgendeinem unterirdischen Musik-Laboratorium in Stockholm sitzen und akribisch ihre künftigen Konzeptalben gestalten. Nach der Veröffentlichung von »Cave World« im Jahr 2022 murmelten nämlich diverse arbeitslose Repräsentantinnen und Repräsentanten des Musiknerdtums, dass dies den Ton für ihre kommenden Alben setzen würde. ABER NEIN, NICHTS DAVON – ganz im Gegenteil. Auf dem vierten Album der Boys geht es nicht mehr um die Weltansicht von Querdenkern wie zuletzt, sondern um den Dosenbier-Humor von Sebastian Murphy: voller Frühstückszigaretten, Hunde-Anthropomorphismen, Leichenromantik und der Sorge um die Erhaltung der Gesundheit bei so viel Party. Etwas nach innen gerichtet? Total! Und zwar sowohl psychisch als auch physisch. Keine Metapher der Welt wird das je besser einfangen als die Tatsache, dass der Leadsänger gleich im Gesangsstrom des Openers »Man made of Meat« aufstößt – und dann einfach souverän weitermacht. Eine Tat, die laut Youtube-Fans Geschichte schreibt und offensichtlich nach Punk schreit. Punk als Attitüde wohnt dem Ganzen sowieso inne und macht es, kombiniert mit new-waveesken Harmonien, Dub-Grooves, Upbeats, einer ordentlichen Portion Rock’n’Roll, Electronica, Indie und Blues zu einem vielfältigen Album. Das Ding bangt so hart und auf so vielen Ebenen, dass man beim Hören auf alles kommt: Tanzen, Weinen und sogar Schreien (aber nur, wenn man’s echt ernst meint). Libia Caballero Bastidas

Mitra Kotte

Mitra Kotte

Herstory (A Century of inspiring female Composers)

Herstory (A Century of inspiring female Composers)

Durchlässigkeit, Klarheit und Virtuosität kennzeichnen das Spiel der österreichischen Pianistin Mitra Kotte, die insbesondere für die Interpretation klassischer Werke bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Auf »Herstory« präsentiert sie nun Werke von Komponistinnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In diesem Querschnitt durch eine weibliche Musikgeschichte entwickeln die vorgestellten Werke verschiedener Komponistinnen-Generationen, ausgehend vom virtuosen Salonstück bis hin zu spätromantischer und moderner Tonsprache, immer mehr Individualität und gewinnen zunehmend an Interessantheit. Während die Stücke von Louise Farrenc (1804–75) und Emilie Mayer (1812–83) noch recht unterkühlt und korrekt, ganz im klassischen Duktus eingespielt sind, atmen bereits die ersten Töne von Marie Jaëlls (1846–1925) Impromptu und später auch Cecile Chaminades (1857–1944) Sonate mehr Freiheit. Hier erhält man eine Ahnung von Mitra Kottes Gestaltungsvermögen, auch wenn alles immer noch recht gezügelt und in geordneten Bahnen läuft, was manchmal mehr Überschwang oder Beweglichkeit im Tempo vertragen könnte. Die auf Übertransparenz ausgerichtete Aufnahmetechnik kommt einem spätromantischen Klangbild nicht entgegen, das mehr Klangmischung und Flächigkeit vertragen würde. Sofort in den Bann zieht Kotte mit dem eindrucksvoll dunkel schreitenden Beginn von Nadia Boulangers (1887–1979) »Vers la Vie nouvelle« aus dem Jahr 1918. Zu den ausgesprochen interessanten Kompositionen gehören insbesondere Vítězslava Kaprálovás (1915–40) »April Preludes op.13« und die maschinenhafte Toccata von Maria Hofer (1894–1977) aus dem Jahr 1947. Anja Kleinmichel

Horsegirl

Horsegirl

Phonetics on and on

Phonetics on and on

Vergleichsweise kurz währte die allgemeine Begeisterung um Noise-Pop-Bands wie The Breeders, Pixies oder Pavement, die aus den späten Achtzigern in die frühen neunziger Jahre hinüberschwappte. Dass diese Phase der Musikgeschichte dennoch ihre Spuren hinterlassen hat, ist insbesondere in den vergangenen Jahren wieder deutlich spürbar gewesen: Neben Bands wie Soccer Mommy, Snail Mail oder Slow Pulp ist das US-amerikanische Trio Horsegirl ein gutes Beispiel dafür. Dass die drei nach ihrer Gründung 2019 zunächst Songs ihrer Lieblingsband Sonic Youth coverten, hört man insbesondere ihrem 2022 erschienen Debüt »Versions of Modern Performance« an. Nun, knapp drei Jahre und einen Umzug von Chicago nach New York City später, folgt mit »Phonetics on and on« das Zweitwerk des Trios. Doch anders als beim Vorgänger standen dieses Mal eher Bands wie Yo La Tengo oder Stereolab Pate. Das macht sich insbesondere an der stärkeren Präsenz cleaner Gitarren bemerkbar. Dadurch wird offenbar, was man auf dem Debüt bereits in Ansätzen erahnen konnte: Nämlich, dass die Songs von Horsegirl im Kern astreine, bewusst verhinderte Folknummern sind. Stücke wie »In Twos«, »Well I know you’re shy« oder »Switch over« hört man dabei nicht deshalb so gerne, weil man sie so oder so ähnlich vorher noch nie gehört hätte – das Gegenteil ist der Fall. Was der Band aber tatsächlich gelingt – und dahingehend war der mediale Hype um Horsegirl vor drei Jahren nicht unberechtigt –, sind Songs, die sich bereits nach einmaligem Hören tief in die Gehörgänge einnisten. Das allein ist eine Qualität, die nur selten erreicht wird. Einen Preis für das innovativste Album des Jahres wird die Band damit zwar nicht einfahren. Doch einen für das beste vielleicht schon. Luca Glenzer

Σtella

Σtella

Adagio

Adagio

Hinter Σtella verbirgt sich Stella Chronopoulou. Der Projektname wird ungeachtet des griechischen Sigmas genau wie der bürgerliche Vorname der Künstlerin ausgesprochen. Zu ihrer griechischen Heimat hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Und weil es abgesehen von rar gesäten Ausnahmen nur sehr wenige muttersprachliche Export-Schlager aus dem Mittelmeer-Land gibt, war Chronopoulou früh klar, in englischer Sprache zu texten, um auch international gehört zu werden. Auf ihrem insgesamt fünften Album – dem zweiten auf dem namhaften Sub-Pop-Label – singt Σtella nun dennoch erstmals zwei Lieder in ihrer Muttersprache. Ähnlich wie das letztes Album »Up and away« klingt »Adagio« schwer nach Urlaub. Chronopoulou mixt versiert 80s-Synth-Pop mit Tropicália und Yé-Yé und teleportiert uns entspannt an den Strand. Obendrein findet sich mit »Can I say« auf »Adagio« eine als Liebeslied getarnte, äußerst charmante Ode an das gestohlene Fahrrad der Musikerin. Fans von Nouvelle Vague und The Saxophones sollten hier hellhörig werden. Kay Engelhardt

Captain Planet

Captain Planet

Reste

Reste

Mit dem Album »Come on, Cat« haben Captain Planet 2023 das erste Mal seit 2016 wieder von sich hören lassen. Am 25. April folgt nun via Zeitstrafe die EP »Reste«. Benannt wurde sie so, weil darauf Überbleibsel der Aufnahmesessions zum letzten Album Platz finden. Gitarrist Benni Sturm erklärt, das sei »ein bunter, kleiner Haufen von Sachen, die noch mal gesagt werden mussten. Dass das jetzt nicht alles total gut gelaunt ist, war ja abzusehen«. Am 7. März erschien mit »Staub« bereits die erste Auskopplung – und die vermittelt einen soliden Eindruck davon, was auf »Reste« zu erwarten ist: Emo-Punk voller Zeilen, die mitgeschrien werden wollen. Beispiel: »Ist es nicht komisch / Dass du jetzt brennst? / Ist es nicht komisch / Wer kann so schlafen?« Jan Arne von Twisterns Stimme scheint ständig kurz davor, sich zu überschlagen. Dazu eine kratzig-schrammelige Instrumentierung – melodisch, aber nicht beliebig. Damit erfinden sich Captain Planet nicht neu, aber warum sollten sie das nach über 20 Jahren Bandgeschichte mit unzähligen loyalen Fans auch müssen? Vinyl-Fans können sich auf eine bunte, einseitig bespielte 12“ aus recyceltem Material freuen – jede davon ein Unikat. Laura Gerlach

Görda

Görda

Schattengewächs

Schattengewächs

»Schattengewächs« heißt die zweite EP der beiden Leipziger Musikerinnen und langjährigen Freundinnen Annelie Weißel und Sophia Günst, die als Band Görda heißen. Die fünf Lieder handeln unter anderem von Depressionen, den Tücken zwischenmenschlicher Kommunikation und der Akzeptanz des Wandels im Leben: So verhandelt »Innen ist dicht« die Überforderung des Individuums mit der Gesellschaft und ihren Erwartungen. »Oh Boy« spielt hingegen als cleverer Perspektivwechsel mit den Phrasen und sexistischen Sprüchen, die sich Frauen im Nachtleben anhören müssen. Textlich assoziiert das Ohr direkt Judith Holofernes und Kleingeldprinzessin, die Reime wabern zuweilen wie im Rap und finden an teils unerwarteten Stellen zueinander – Sprachaffinität wird bei Görda großgeschrieben. Zwischen den Strophen ergießt sich die Musik, die zum Flanieren durch den sonnenbeschienenen Kiez ebenso einlädt wie zum entrückten Tanzen, zuweilen aus einem akustischen Füllhorn. Der Stimme gelingt es bei aller Akkuratesse und Ausdrucksstärke allerdings selten, ihren Coolnessfilter runterzuregeln und so fehlt leider hier und da die letzte emotionale Verbundenheit. Insgesamt sind die Musik und die Stimme meist leichter und beschwingter als die besungenen Themen, von denen überraschend viele in fünf Songs passen, ohne dabei zu erschlagen oder beliebig zu werden. Guter Beginn für die nächste Frühlingsplaylist. Martin Burkert

Squid

Squid

Cowards

Cowards

Der Stachel eines Skorpions in den Fingern einer Frau ziert das Cover von »Cowards« – und diese Platte sticht. Auf seinem dritten Album öffnet das wütende Quintett aus Brighton seinen Sound. Das vielzitierte Label Post-Punk greift hier zu kurz. Squid sind mit ihrem Ansatz näher an Black Country, New Road als an Fontaines D.C. Auch, weil Squid als Kollektiv arbeiten. Cello, Kornett, Trompete und Cembalo stehen im freien Zusammenspiel mit dissonanten Gitarrenlinien. Das grenzt mitunter an Progressive Rock, auch Jazz-Einflüsse kommen auf »Cowards« zur Geltung. Dazu croont Sänger und Schlagzeuger Ollie Judge alkoholgeschwängerte Texte über Mord und Apathie. »Ein großer Teil des Albums handelt von der Idee, schlafwandlerisch in einer Welt der Selbstgefälligkeit zu leben«, sagt Judge. »Cowards« ist abgründig und fordert die Zuhörenden. Die Auseinandersetzung mit den neun Mörderballaden ist aber mehr als bereichernd. Den bereits vor dem Release des 2023er Albums »O Monolith« entstandenen Songs verlieh die Band bei der anschließenden Promotour den letzten Schliff. Tortoise-Mastermind John McEntire mischte die Aufnahmen schließlich in Seattle ab. Herausgekommen ist ein höchst spannendes, wegweisendes Album für die exzellente Liveband, das sie im April endlich auf die Bühne bringt. Lars Tunçay

Die Heiterkeit

Die Heiterkeit

Schwarze Magie

Schwarze Magie

»Alles ist so neu und aufregend«, sang Stella Sommer im gleichnamigen Heiterkeit-Hit 2012. Das galt für das im gleichen Jahr veröffentlichte Debütalbum »Herz aus Gold« genauso wie für die weiteren drei Alben, die bis 2019 folgten. Nun, ziemlich genau sechs Jahre nach dem letzten Lebenszeichen, folgt »Schwarze Magie«. Und um es gleich vorwegzunehmen: Anders als den vier Vorgängern fehlt es diesem Album nahezu gänzlich an magischen Momenten. Das liegt vor allem daran, dass hier zwei zentrale Elemente fehlen, die bisher zur DNA der Band gehörten: Zum einen die sakral anmutende Alt-Stimme Sommers, die in der Vergangenheit jedes Vergleiches entbehrte. Stattdessen singt Sommer nun höher, nüchterner – und damit gewöhnlicher. Zum anderen fehlt den 13 Songs jegliches Wiedererkennungsmerkmal. Vergeblich sucht man nach Melodien und Hooks, die nach dem zweiten oder dritten Hören verfangen. Einzig in der intimen Dark-Noir-Ballade »Wenn etwas Schönes stirbt« blitzt für einen kurzen Augenblick das songwriterische Potenzial Sommers auf. Mit ihren vier vorangegangen Alben trotzt Die Heiterkeit der weitverbreiteten These, dass die Geschichte des Gitarrenpops längst auserzählt sei. Hört man »Schwarze Magie«, fängt man an, ihr Glauben zu schenken. Denn mit dem Album begibt sich die Band dahin, wo sich das Gros ihrer Zunft schon befindet: ins Mittelmaß. Luca Glenzer

Patricia Kopatchinskaja, Thomas Kaufmann & Camerata Bern

Patricia Kopatchinskaja, Thomas Kaufmann & Camerata Bern

Exile

Exile

Mit ihrem neuen Album widmet sich die Geigerin Patricia Kopatchinskaja der Musik von Komponisten, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Bereits mit dem ersten Titel, der traditionellen Volksweise »Kugikly«, zeigt Kopatchinskaja Experimentierfreude. Gemeinsam mit der Camerata Bern und dem Cellisten Thomas Kaufmann gelingt es ihr, eine eindringliche Atmosphäre zu schaffen, die Schmerz und Einsamkeit des Exils in vielen Facetten erlebbar macht. Das Album entfaltet sich als vielschichtige Reise durch die Gefühlswelten von Komponisten wie Alfred Schnittke, Ivan Wyschnegradsky oder Eugène Ysaÿe. Kopatchinskajas Virtuosität erstrahlt besonders in Andrzej Panufniks Violinkonzert, das technische Brillanz mit emotionaler Tiefe verbindet. In drei Sätzen entfaltet sich die Geschichte des exilierten polnischen Komponisten, seine Suche nach einer neuen musikalischen Sprache und der damit verbundene Schmerz. Doch es sind nicht nur die virtuosen Momente, die »Exile« auszeichnen. Die intime Klangsprache der Werke, meisterhaft interpretiert, vermittelt die Zerrissenheit und Sehnsucht der Komponisten, deren Musik von ihrer entwurzelten Existenz geprägt ist. Für Kopatchinskaja selbst ist dieses Thema spürbar persönlich – besonders in der moldawischen Volksweise »Cucuşor cu pană sură«. »Exile« ist mehr als ein Album – es ist ein Plädoyer für Empathie und eine Hommage an die Kraft der Musik, Verlust und Hoffnung zugleich auszudrücken. Isabella Guzy

Damon Locks

Damon Locks

List of Demands

List of Demands

»The Doors are locked / Exits are blocked / We have found ourselves in an impossible Situation« – Die ersten Worte könnten eine direkte Reaktion auf die Wiederwahl Donald Trumps sein. Aber sie entstammen der Analyse einer gesellschaftlichen Situation, die schon länger schwelt und nach wie vor brennt – und das nicht nur in den USA. Damon Locks, Musiker, Dichter, Educator, trägt sie mit einer didaktischen Ruhe vor. Auch wenn die klugen Texte auf »List of Demands« finster sind, strahlen sie keine Hoffnungslosigkeit aus. »The People in Power are no longer controlling our Lives«, heißt es nur kurz darauf in einem Sample. Locks, der zunächst als Frontmann der legendären Punkband Trenchmouth shoutete, später als Leiter des Musikkollektivs Black Monument Ensemble in Erscheinung trat, aber auch mit inhaftierten Künstlern in seiner Heimatstadt Chicago arbeitete, vereint all das auf seinem ersten Soloalbum. Er loopt Jazzsamples, schneidet politische Reden dazwischen, mischt das mit Livemusik von seinem Weggefährten, dem Kornettisten Ben LaMar Gay, und anderen – und trägt dazu seine Spoken Words vor, die an die Beat-Poesie der Spätsechziger ebenso erinnern wie an die Reden der Black-Power-Aktivisten Stokely Carmichael und Angela Davis. Das wirkt hochgradig hypnotisch und sophisticated und trotzdem zugänglich und anschlussfähig, weit über die schwarze Community hinaus. Lars Tunçay

Rose City Band

Rose City Band

Sol y Sombra

Sol y Sombra

Wenn Sänger und Gitarrist Ripley Johnson nicht gerade als eine Hälfte des Projektes Moon Duo unterwegs ist, widmet er sich mit seinem anderen Projekt Rose City Band der psychedelischen Country-Musik. Längst befindet sich die Band mit dem floralen Namen wirklich knietief im Country. Und das nicht erst, seitdem Mitstreiter Barry Walker regelmäßig mit seinen Pedal-Steel-Soli für Entzücken sorgt. Chefkoch Johnson macht in Interviews keinen Hehl daraus, dass seine Stimmung und damit die Musik stark von den Jahreszeiten beeinflusst wird. Während etwa die ersten beiden Alben ausgewiesene Sommerplatten waren, geht es auf »Sol y Sombra« verhältnismäßig herbstlich-melancholisch zu. Das angenehm Velvet-Undergroundige »Wheels« und die fluffig im Mid-Tempo groovenden Stücke »Open Roads« und »Radio Song« bilden da erwähnenswerte Ausnahmen. Ansonsten sind die ausufernden Ausflüge, die ebenfalls reichlich Raum für Orgel- und Gitarren-Soli lassen, leicht düster, also mehr Sombra als Sol, was aber dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch tut. Schließlich gehört das Schattige ebenso zum Leben. Kay Engelhardt

Dennis Bovell

Dennis Bovell

Sufferer Sounds

Sufferer Sounds

Dennis Bovell, geboren auf Barbados und aufgewachsen in London, hat eine unglaubliche Bandbreite als Produzent aufzuweisen: vom experimentellen dubby Post-Punk mit The Slits, The Pop Group, Saâda Bonaire oder gen Gitarrenpop schwenkend mit Orange Juice, über den Afro-Funk von Fela Kuti bis zu jenem klassischen UK-Reggae der Jahre 1976–80, inklusive des ach so süßen Bovell-Gezüchts namens »Lover’s Rock«. Genau diese Periode deckt auch die wunderbar groovende Sammlung »Sufferer Sounds« ab. Der Titel verweist dabei auf das Jah Sufferer Sound System, mit dem er jener aufgewühlten Tage (Punk-Durchbruch, National-Front-Aufschwung, Notting Hill Carnival Riots) aktiv war und nicht zuletzt eine direkt auf den Dancefloor zielende Teststation für die eigenen Produkte hatte. Sei es für seine Bands Matumbi, African Stone, Young Lions und die Linton Kwesi Johnson begleitende Dub Band oder mit dubwise federnden Riddims für Janet Kay, Pebbles, Dennis Curtis oder Errol Campbell. Killer-Selection, wie Soundbwoys sagen würden. Alexander Pehlemann

Memory Pearl

Memory Pearl

Cosmic-Astral

Cosmic-Astral

»Man kann es sich wie eine Weltraumreise vorstellen, bei der dich jedes Stück weiter aus dir selbst heraus und tiefer in eine kosmische Sphäre trägt« – so Moshe Fisher-Rozenberg aka Memory Pearl über »Cosmic-Astral«, sein neues Album. Für die Reise in das innere Universum bedient sich der Multiinstrumentalist und Produzent, der auch als Psychotherapeut tätig ist, eines Musikprogramms aus den siebziger Jahren. Die von ihm neu interpretierte Musik wurde damals von Psychotherapeuten in Kombination mit LSD eingesetzt. Die bewusstseinserweiternde Substanz sollte nicht nur bei der Sinnsuche unterstützen, Patientinnen und Patienten könnten, laut dem in den Sechzigern und Siebzigern wirkenden Psychologen Timothy Leary, im Rausch auch Konditionierungen überwinden. Weitaus interessanter als für Medizinerinnen und Mediziner war die heilende Wirkung der Droge jedoch für Künstlerinnen und Künstler, so auch für Fisher-Rozenberg. »Cosmic-Astral« klingt – ohne LSD (die Autorin verzichtet auf eine vergleichende Analyse) – unweigerlich trippig: Gediegen verschmelzen die Synthesizerklänge mit Improvisationen von beispielsweise Joseph Shabason am Saxofon, Moritz Fasbender am Klavier oder Alex O’Hanley an der Gitarre. Und formen immer neue kaleidoskopische Klanggefilde. Jene sind vergleichbar mit dem Sound von Tangerine Dream in den Neunzigern und entfalten mindestens innere Ruhe und Entspannung. In diesem Zustand lohnt es sich, das Album alsbald erneut zu starten, um in der Wiederholung immer neue Facetten der Musik und vielleicht auch im inneren Universum zu entdecken. Claudia Helmert

Rolf Blumig

Rolf Blumig

Alles hat seine Zeit

Alles hat seine Zeit

Eines ist offensichtlich: Rolf Blumig hat viele Ideen. Seit seinem Debüt »Liebe lohnt sich« (2021) bringt die Leipziger Kunstfigur fast jährlich neue Alben heraus – jedes ein einzigartiges, schräges Universum. Mit »Alles hat seine Zeit« zieht er nun die Zügel an: weniger verspielt und weniger sonnig als das dritte Album »Zirkus Blumig«, dafür düsterer und mit mehr sexy Stoner- und Krautrock-Einschlag. Blumigs viertes Album umfasst sieben Songs und bleibt seiner Handschrift treu: Die Arrangements sind komplex, die Gitarren dröhnen, die Rhythmen sind verschachtelt und die Texte voller bissigem Humor. Während die letzten beiden Alben noch von Hoffnung und Tropicalia durchzogen waren, wirkt »Alles hat seine Zeit« introvertierter und schwerer. Mit seinem schlageresken Charme knüpft es stärker ans Debütalbum an. Aber jetzt mal ehrlich: Trotz der Kohärenz des neuen Albums vermissen wir die wahnsinnige, heitere Verspieltheit der letzten beiden Platten! Gut, es sind eben harte Zeiten und nicht mehr die Siebziger, die »Zirkus Blumig« nachzubilden versuchte. Es ist Musik, passend zu einer Gegenwart, die uns mit ihren Kriegen, der omnipräsenten Trump-Show und dem Aufstieg der AfD zunehmend verstört. Trotz allem: Daumen hoch. »Alles hat seine Zeit« ist das Baby eines talentierten Musikers – irgendwo zwischen der Virtuosität von Frank Zappa oder Helge Schneider und der Rätselhaftigkeit von Alf. Aber bloß nicht zu sehr was drauf einbilden, Rolfie! Libia Caballero Bastidas

Joya Marleen

Joya Marleen

The Wind is picking up

The Wind is picking up

Irgendwo zwischen gefühlvollen Lovesongs, Heartbreak-Balladen und Pophymnen über den Mut, die eigenen Ängste zu überwinden, trifft Joya Marleen mit ihrem Debütalbum »The Wind is picking up« den Nerv ihrer Generation. Mit gerade einmal 21 Jahren erreichte die Schweizerin als erste weibliche Solokünstlerin die Nummer 1 der Schweizer Airplay-Charts. Nicht nur das spricht für ihr Ausnahmetalent: Joya Marleen beeindruckt mit einer unverwechselbaren Stimme, schreibt ihre Songs selbst und beherrscht nebenbei auch noch Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier. Musikalisch treffen in ihrem Album folkige Gitarren auf tanzbare Rhythmen und eine emotionsgeladene Wärme im Gesang. Dabei geht es, wie so oft, um die Liebe: »I think I’m in Love« fängt im Beat das euphorische Herzklopfen der Verliebten ein und sogar der Weltuntergang in »End of the World« ist erträglich, solange man ihn nur gemeinsam durchsteht. Das Album kratzt jedoch nicht nur an der Oberfläche: In Songs wie »Difficult« und »Fire« thematisiert die Künstlerin Selbstzweifel, Ängste und den Wunsch, diese zu überstehen, nicht ohne sich selbst ein Versprechen zu geben: »There’s gonna be a better Day. You’re gonna make it out the Rain.« Aktuell ist Marleen in der Schweiz auf Tour, nach Leipzig kommt sie im Herbst. Celina Riedl

Susanne Fröhlich

Susanne Fröhlich

Ukai – 迂回

Ukai – 迂回

Mit »Ukai – 迂回« entführt die Blockflötistin Susanne Fröhlich in eine Klangwelt abseits vertrauter Pfade. Die Verbindung von traditionellen japanischen Klängen und zeitgenössischen Kompositionen von Markus Zahnhausen, Chaya Czernowin, Gerriet Krishna Sharma, Sarah Nemtsov und der Interpretin selbst lassen die Blockflöte in einem unbekannten Licht erstrahlen. Gleich die ersten Stücke machen deutlich: Diese CD ist nichts für den beiläufigen Musikgenuss, sie fordert Neugier und Offenheit. Fröhlich präsentiert nicht nur ihre beeindruckende Virtuosität, sondern auch ihre intensive Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Instrumentenfamilie der Blockflöte. Hier zeigt sich, wie die moderne Weiterentwicklung des Instruments neue Klangspektren eröffnet, die weit über traditionelle Vorstellungen hinausgehen. In den Kompositionen, darunter mehrere Welt-Ersteinspielungen, verschmelzen schwebende, meditative Passagen mit experimentellen Klangfarben, die die expressive Bandbreite der Blockflöte in den Mittelpunkt rücken. Dabei überrascht das Instrument mit einem erstaunlichen Tonspektrum, klingt mal traditionell warm und hölzern, dann zischend, derb oder ungewohnt laut, lässt in ungeahnten Höhen aufhorchen, während staccatoartige Passagen seine rhythmische Präzision betonen. »Ukai – 迂回« präsentiert ein oft unterschätztes Instrument als eigenständige, faszinierende Klangwelt – und beeindruckt dabei nachhaltig. Isabella Guzy

Popkornzone

Popkornzone

Polyacryl

Polyacryl

Wie ein harter Kern brodelt der Bass, schrammelt die Gitarre, scheppert das Schlagzeug. Im hitzigen Zusammenspiel schwillt der Sound der Band an, um – puff! – schließlich in ganz individuellen Formen zu kulminieren. So macht die Punk-Gruppe Popkornzone ihrem Namen alle Ehre. Am Bandnamen nicht unschuldig sind sicher die Popkornbrüder, Milan und Ferdinand Dölberg, die außerhalb der Band bildende Künstler und Filmemacher sind. Die erste EP der Berliner erschien 2022. Von dieser wärmen sie den DIY-Spirit nun wieder auf, der viel wuchtiger durch die sieben Tracks von »Polyacryl« heizt. So raunt der Sänger Ferdinand Dölberg am Ende des Tracks »Stal-no« treffend: »Na, es wird immer unrhythmischer.« Der rotzige und trotzige Gesang wildert, die Riffs treiben. Ein Gespür dafür, wie es sich anfühlt, »schlecht geträumt« zu haben, vermitteln sich auftürmende Klangcollagen. Die zumeist deutschen Lyrics gleichen in ihrer Impulsivität der Musik: Schlagartig reihen sich Eindrücke aneinander, wie etwa davon, an der Kasse in der Schlange zu stehen, mal ruft die Gruppe mit wunderbar Dada-haften Slogans wie »Perücken verzücken« zum gemeinsamen Grölen auf. Die allesamt kurzen Tracks setzen schnelle Schnitte zwischen die unterschiedlichen Stimmungen der Songs und bestärken nur die Wucht, die der Musik innewohnt. Tolle Energien setzt die Popkornzone frei. Claudia Helmert

Von Spar / Eiko Ishibashi / Joe Talia / Tatsuhisa Yamamoto

Von Spar / Eiko Ishibashi / Joe Talia / Tatsuhisa Yamamoto

Album I & II

Album I & II

Die japanische Experimentalmusikerin Eiko Ishibashi, die in der Vergangenheit vielfach mit Jim O’Rourke zusammenarbeitete, wurde international bekannt durch ihre Soundtracks für die Filme von Oscarpreisträger Ryusuke Hamaguchi, »Evil does not exist« und vor allem »Drive my Car«. 2019 stand sie beim Kölner Week-End-Fest gemeinsam mit den Schlagzeugern Tatsuhisa Yamamoto und Joe Talia auf der Bühne, die für ihr improvisiertes Spiel in der Tokioter Musikszene geschätzt werden. Bei diesem Gastspiel kam es zum Treffen mit den Musikern der Kölner Von Spar, die sich eher als offenes Musikkollektiv verstehen denn als Band. Dieses Zusammentreffen mündete in ihrer Zusammenarbeit an Von Spars letztem Studioalbum »Under Pressure«. Es entstand eine Freundschaft und der Wunsch einer ausgedehnten Session, die jetzt auf zwei Alben Raum findet. Ishibashis experimenteller Ansatz mischt sich darauf mit Von Spars Liebe zu Can, die sie 2013 bereits mit Stephen Malkmus und ihrer gemeinsamen Interpretation von »Ege Bamyasi« unter Beweis stellten. Album I und mehr noch Teil II sind offene Räume für Improvisation, in denen sich mal mehr, mal weniger Songstrukturen entdecken lassen. Von den treibenden Kraut-Grooves, jazzigen Bassläufen, schwebenden Gitarrenstrichen und sanften Synths geht aber stets eine hypnotische Faszination aus. Atmosphärische Soundscapes für aufgeschlossene Ohren. Lars Tunçay

Flora Hibberd

Flora Hibberd

Swirl

Swirl

Zu unserem Glück motivierten die Londonerin Flora Hibberd ihre Pariser Kunstfreundinnen und -freunde dazu, ihrem feinen Gespür für musikalische Ideen nachzugehen und Ausdruck zu verleihen. Zu ihren unüberhörbaren Vorbildern zählen Cat Power, Leonard Cohen und Aldous Harding. Ihre eigene Klangwelt bewegt sich passenderweise irgendwo zwischen Indie-Folk und entspanntem Jazz-Pop. Über ihre Arbeit sagt die Musikerin: »Es ist nicht leicht zu erklären, wie Songwriting überhaupt funktioniert. Nicht, weil es sonderlich schwierig oder geheimnisvoll ist. Aber die einzelnen Schritte zum fertigen Song sind nebulös und können sehr intuitiv sein. Man braucht schon ein wenig Vertrauen, dass einen der Song an die Hand nimmt.« An jenem Vertrauen fehlt es der Britin nicht. Dementsprechend kommt ihr Debüt-Album auch ätherisch, verspielt und homogen daher. Seinem Namen macht es alle Ehre, ist dabei aber ein sehr sanfter Strudel. Die außerirdische Stimme Hibberds nimmt uns sofort gefangen und trägt uns durch dieses zurückgelehnte Album. Kay Engelhardt