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Rezensionen

Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Mahler: Sinfonien

Mahler: Sinfonien

Es sollte der Saisonhöhepunkt des Jahres werden – das Leipziger Mahler-Festival mit unterschiedlichen Orchestern. Doch die Pandemie machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Kein Grund aber für Musikfreunde, auf die Werke des kurzzeitigen Wahl-Leipzigers zu verzichten: Denn die Berliner Philharmoniker veröffentlichen nun eine Box mit Aufnahmen aller Mahler-Sinfonien. Das Konzept ist spannend, vereint es doch eine Reihe namhafter Dirigenten, darunter den Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Sicher: Einzelne Nonplus-ultra-Interpretationen wie Blomstedts Zweite oder Bernsteins Erste lassen sich nicht toppen. Aber kaum ein Gesamtpaket bietet so spannende Einblicke in das Universum des vielschichtigen Sinfonikers. Erst recht, da die Berliner sich seit jeher als Mahler-Orchester bezeichnen dürfen. Fans, die auf der Suche nach einer kompletten Box sind, sollten jedenfalls an dieser nicht vorbeigehen. Denn wenn es überhaupt etwas zu meckern gibt, dann betrifft dies nur Details – etwa, dass im Beiheft das 1944 zerstörte zweite Gewandhaus als »Altes Gewandhaus« bezeichnet wird. Hagen Kunze

Mogwai

Mogwai

As The Love Continues

As The Love Continues

Herzlichen Glückwunsch! Exakt ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Mogwai ihre erste Single »Tuner/Lower« veröffentlicht haben. Dass sie damals ein neues Genre mitbegründet haben – Postrock –, berührt die Schotten wohl eher weniger. Sie machen seitdem stoisch das, was sie am besten können: ihren eigenen Sound und Revolution, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit jedem Album ein bisschen mehr davon. Deswegen ist jetzt nach neun Alben auch das zehnte ein buntes Mosaik aus sphärischem Ambientsound, sanften Basstunes, eindringlichen Streichern, dröhnendem Schlagzeug und klassischen Rockriffs. »As The Love Continues« bewegt sich zwischen erstaunlich leichten, schwerelosen Tracks (»Midnight Flit«) und hämmerndem Rock (»Ceiling Granny«). Und am Ende steht mit »It’s what I want to do, Mum« sogar fast noch ein Post-Pop-Stück. Es ist, als wollten Mogwai zum 25. noch einmal alle ihre Facetten zeigen und alle Spielarten ihres Sounds auffahren. Wenn man diese Facetten der elf Songs auf den Punkt bringen wollte, wäre der gemeinsame Nenner: Implosion. Jedes Lied ist eine Implosion. Das ist es auch, was Mogwai von anderen Post-Rock-Bands unterscheidet: Godspeed You! Black Emperor explodieren, ihr Sound treibt nach außen und springt die HörerInnen an. 65daysofstatic konstruieren – Lage um Lage ergibt sich aus den verschiedenen Instrumenten der Sound. Und Mogwai implodieren. Die Spannung der Songs bricht nicht aus den Instrumenten heraus. Die vier Musiker bauen sie auf, deuten an, halten sie aber immer unter Kontrolle: schon 10 Alben und 25 Jahre lang. Kerstin Petermann

Audio88 & Yassin

Audio88 & Yassin

Todesliste

Todesliste

»Glaub mir / dieses ganze Album ist ein Kompromiss / aus ›eigentlich gibts Wichtigeres‹ und was für ein Schmock du bist«: Da hat Yassin in einer Zeile schön auf den Punkt gebracht, was »Todesliste« inhaltlich ausmacht. Wobei er es mit der Bezeichnung »Kompromiss« definitiv unter Wert verkauft. Zum Beispiel klingt »Lauf« so kompromisslos wie wenig anderes in ihrer Diskografie: Soundtechnisch schließen die Underground-Lieblinge endgültig zur A-Riege auf. Die Beat gewordene Abrissbirne, düster, dissonant, mit einem Bass, der Beton sprengt, hat Bazzazian produziert, der vor allem für seine Arbeit mit Haftbefehl bekannt ist. Darauf geht es dann in der Tat um Wichtiges. Audio88 schießt wie gewohnt lyrisch hochpräzise gegen den rechtsradikalen Zeitgeist: »Gute Laune, Partykeller, Mettigel und Terrorzelle / Sportlerheim und Schützenfest und Chemtrails als Geschäftsmodelle / Fahne hoch im Schrebergarten, Luger unterm Ledermantel / Thema Menschenrechte wird bei Markus Lanz grad neu verhandelt.« Oft zynisch (»Jesus war ein weißer Mann und starb für mich den Heldentod / und nicht für hundert Wilde auf ’ner Kreuzfahrt in ’nem Rettungsboot«), in Yassins Fall zunehmend fatalistisch (»Die Welt geht nicht unter, nur weil es uns bald nicht mehr gibt«), stellen sie sich dem Schwachsinn der Menschheit, ohne zu behaupten, ein Mittel dagegen zu wissen. Als Ventil dient ihnen die höchst amüsant vorgetragene Verachtung für das Gros ihrer Berufsgenossen. Und einer Feststellung wie »Rap ist Arbeit, aber wir gehen trotzdem hin / irgendwer muss es ja machen, wenn die Kollegen Trottel sind« ist auch einfach wenig hinzuzufügen. Musikalisch entfernen sich Audio88 und Yassin in konsequenter Weiterentwicklung zunehmend von ihren Wurzeln im klassischen Boom-Bap. Auch Yassins Soloalbumausflug »Y« in eine Soundwelt, in der Trap und Indiepop ziemlich gut harmonieren, hat hier definitiv Früchte getragen. So hochwertig und vielseitig klangen sie noch nie. Textlich bilden sie mittlerweile eine eigene Liga: »Todesliste« hat nicht mehr den rohen Charme der frühen Alben, ist aber ihr bislang bestes. Kay Schier

Lael Neale

Lael Neale

Acquainted With Night

Acquainted With Night

Lael Neale wuchs auf einer Farm in Virginia auf, lebt aber bereits seit zehn Jahren in Los Angeles. Dort ist sie in diversen Clubs aufgetreten, tat sich jedoch bisher immer schwer mit Aufnahmen ihrer Musik. Orgel, Violine, Gitarren und Schlagzeug schienen die unmittelbare Poesie ihrer Songs eher zu verwässern als zu unterstreichen. Rettung nahte in Gestalt des genialen Instrumentes Omnichord. Ausgerüstet mit dieser Wunderwaffe und einem Vier-Spur-Rekorder nahm sie die Songs zu Hause auf. Ohne Kollegen und damit auf das Wesentliche beschränkt: Ihre kristallklare Stimme, die über den magisch-märchenhaften Klängen des Omnichords schwebt. Alle Stücke sollten in einem Anlauf im Kasten sein. Dieses selbst gewählte LoFi-Korsett ist nicht nur als Konzept spannend. »Acquainted With Night« klingt schwer nach Demoaufnahme und dadurch wohltuend aus der Zeit gefallen. Das Album könnte genauso gut ein auf dem Flohmarkt gefundenes Tonband aus den 60ern oder 70ern sein. Wir sind uns sicher, dass diese zauberhaften Songs auch mit Band und breiter produziert funktioniert hätten. In dieser Form machen sie aber doppelt so viel Freude. Liebhaberinnen von Cat Power, Aldous Harding und Stina Nordenstam dürften Kay Engelhardt

Schiller

Schiller

Summer in Berlin

Summer in Berlin

Auf dem Cover von »Summer in Berlin« dräut sich eine Assoziationskette zusammen (»Schiller! Viktoria! Dichter und Denker! Kulturnation! Weltmeister der Herzen!« etc.), von der man ziemlich schnell hohen Blutdruck bekommt. Zum Glück liegt der Ansichtskarte von der Siegessäule das wahrscheinlich längste Sedativum der Welt bei: In der Box enthalten sind um die acht Stunden Material. Die ersten zwei CDs, knapp drei Stunden Schiller, liegen zur Rezension vor, was allemal reicht, um sich ein erstes und letztes Urteil zu bilden. Dabei ist der typische Schiller-Sound gar nicht so einfach in Worte zu fassen. Wie beschreibt man einen akustischen Bildschirmschoner? Die Klänge sind elektronisch und die Lieder sind oft sehr lang. Es gibt Melodien und ab und zu auch Bässe. Manchmal singt dann noch eine Frau und es soll wohl wie Depeche Mode klingen. Schillers Lieblingseffekte sind der Hall und das Delay, sein künstlerischer Modus ist das Ungefähre. Das auf CD 2 enthaltene Livematerial unterscheidet sich nicht wesentlich von den anderthalb Stunden aus dem Studio. Man erinnert sich an »Wetten, dass..?« und stellt sich vor, wie jemand mit verbundenen Augen versucht, fünf Schiller-Tracks allein am Klang voneinander zu unterscheiden. Im bescheiden »Schiller« betitelten Stück auf der Live-CD wird es aber dann doch noch spektakulär: Eine mystische Vocoder-Stimme raunt »Schiller! Schiller!« durch den Saal, dass man sich schon Sorgen um ihn macht. Und wenn dann ab zwei Dritteln des Tracks die Scorpions-Gitarre losjodelt, fragt man sich endgültig, was der Mann eigentlich für ein Problem hat. Mit so einem Sound kriegt er zwar auf Tour die Mehrzweckhallen der Republik voll, aber niemanden hinterm Ofen hervorgelockt, der sich ernsthaft für elektronische Musik interessiert. Kay Schier

Riccardo Muti

Riccardo Muti

Neujahrskonzert 2021

Neujahrskonzert 2021

Es ist das beliebteste Klassikereignis des Jahres: das Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, weltweit in 100 Länder übertragen mit 60 Millionen Zuschauern. Doch in diesem Jahr trübte das schillernde Event ein fader Beigeschmack – trotz der Tatsache, dass man mit der 80. Ausgabe sogar ein Jubiläum feierte. Aber wo sonst das festliche Publikum sitzt, lauschten diesmal nur die steinernen Karyatiden. Und hätten die Österreicher nicht allen technischen Sachverstand aufgeboten, um mit einer App den Applaus der Fernsehzuschauer in den Saal zurückzuspielen, das diesjährige Neujahrskonzert wäre von einer Plattenaufnahme nicht zu unterscheiden gewesen. Zum Glück aber – und das beweist die gleich nach einer Woche vorgelegte CD des Neujahrskonzertes definitiv – ließ sich Dirigent Riccardo Muti von der trostlosen Stimmung nicht anstecken. Für sein sechstes Neujahrskonzert hatte er ein originelles Programm zusammengestellt, dem er mit einem Gruß an seine Heimat, einer schneidigen Quadrille, die Johann Strauß zu italienischen Opernarien komponiert hatte, die Krone aufsetzte. Hagen Kunze

Nikola Djoric

Nikola Djoric

Bach & Piazzolla

Bach & Piazzolla

Der größte aller Thomaskantoren und der bekannteste Vertreter des Tango Nuevo – passt das zusammen? Der Akkordeonist Nikola Djoric vereint beide Ebenen miteinander und sorgt so gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter Hans-Peter Hoffmann für ungewohnte Klangwelten. Dabei präsentiert der Serbe keinesfalls eigenwillige neue Arrangements und gar freie Improvisationen, sondern jeweils den bekannten Notentext – ob nun in Bachs Cembalokonzerten Nr. 1 und 7 oder in Piazzollas Bandoneonkonzert »Aconcagua«. Sicher: Zum Nebenbeihören eignet sich diese CD kaum. Zu überraschend wirken Bachs Klänge auf dem Knopfakkordeon, bei dem die metallischen Zungen ganz andere Obertöne hervorrufen als das mechanische Hämmern des Cembalos. Gut, dass sich Djoric im Vergleich zu traditionellen Aufnahmen jede Menge Zeit lässt und Bachs Musik atmen lässt. Piazzollas dazwischengesetztes Konzert ist jedoch mehr als nur »Luftholen« zwischen den Barockwerken: Hier entsteht er regelrecht vor dem inneren Auge, jener höchste Berg Südamerikas, den der Altmeister des Tango in atemberaubende Töne kleidet. Hagen Kunze

Komitas/Béla Bartók

Komitas/Béla Bartók

Folk tunes

Folk tunes

71 kurze Klavierstücke, heftig wechselnd im Charakter, lebendig, unmittelbar und berührend gespielt, vereint diese Platte. Der Leipziger Pianist Steffen Schleiermacher präsentiert hier eine Zusammenstellung zweier Komponisten, die an verschiedenen Orten der Welt Volksmusik gesammelt und diese für Klavier adaptiert haben. Bartóks Verdienst um die Bewahrung des reichen Volksmusikschatzes Ungarns und Rumäniens ist bekannt. Seine persönliche Musiksprache hat sich aus der Aneignung und Transformation dieser Musik heraus entwickelt. Ausgestattet mit einem Phonographen und Wachsplatten, auf der sich die Musik einschrieb, zog der Komponist Anfang des letzten Jahrhunderts über Land. Diese Tage unter den Bauern zählte er zu den glücklichsten Erfahrungen seines Lebens. Bartóks Originalaufnahmen sind heute über die Homepage der ungarischen Akademie der Wissenschaften abhörbar und sicher im Verhältnis zu Interpretationen der Klavieradaptionen sehr spannend zu hören. Komitas (1869–1935) gilt als Retter und Bewahrer der alten armenischen Musik. Er sammelte und transkribierte auch kurdische, türkische und persische Volksmusik. Im Unterschied zu Bartók harmonisiert er die Weisen nicht, sondern belässt sie zumeist in ihrer ursprünglichen Einstimmigkeit. Auffällig ist hier auch die Nachahmung des Klanges typischer Instrumente wie Hirtenflöte oder Trommeln auf dem Klavier. Reizvoll ist die ungewöhnliche Melodik, welche auf einem ganz eigenen Tonsystem gründet. Beste und vielfarbige Unterhaltung ist mit dieser Platte garantiert. Anja Kleinmichel

Sleaford Mods

Sleaford Mods

Spare Ribs

Spare Ribs

Das sanfte Bitten um Solidarität in der Covid-Pandemie ist die Sache der Sleaford Mods ja eher nicht. Überraschung. Jason Williamson, Andrew Fearn und Co. stochern mit Spare Ribs eher bestimmt und gar nicht mal so sanft in den Wunden, die Corona und der Brexit gerissen oder nur weiter aufgerissen haben. So grooven sie mit »Shortcummings« zum Beispiel gegen die »Vote Leave«-Kampagne von UK-Politiker Dominic Cummings und sein privates Verhalten wider jeden Ab(n)stand. Sie ätzen rumpelnd gegen Corona-Leugner und Ausländerfeindlichkeit. Und da eben auch die Politik und das chronisch unterfinanzierte Sozialsystem ihr Fett abkriegen, kann Jason Williamson in »Out there« fast versöhnlich brüllend feststellen: »I don’t rate you«. Auf »Spare Ribs« sind die britischen Punks der Sleaford Mods so ungeschliffen und rau wie auf den zehn Studienalben davor. Lediglich die Harmonien der Rhythmusbox, die die Gitarrenausbrüche immer wieder zusammenhalten, sind etwas harmonischer und versöhnlicher. Und so hört man den dreizehn Songs die Härte der drei Monate mitten in der Corona-Pandemie an, in der sie entstanden sind. Halt, nur zwölf der Songs, denn »Mork n Mindy«, die erste Single und Reminiszenz an die Sitcom »Mork vom Ork« glänzt mit einem Mief aus einer anderen Zeit und schlägt so, neben dem Sound, die Brücke zum Gesamtwerk der Mods.    Kerstin Petermann

Tele Novella

Tele Novella

Merlynn Belle

Merlynn Belle

Alles an Tele Novella ist retro. Sie lieben alte Aufnahme-Geräte und drehen Musik-Videos auf Super-8-Film. Sie tragen Klamotten, mit denen sie bei einer Zeitreise in die Sechziger kaum auffallen würden. Und natürlich lebten viele ihrer musikalischen Vorbilder wie die Byrds oder die Beach Boys vor einem reichlichen halben Jahrhundert. Auf ihrem überragenden Debüt »House of Souls« begeisterten sie 2016 mit partiell sehr fluffigem Twee-Pop im Stile von Camera Obscura und Alvvays. Auf dem Nachfolger »Merlynn Belle« dominieren Midtempo und verträumte Introspektion. Die Texaner ließen bereits auf dem umwerfenden Erstling ihre Vorliebe für Obskures und für Gruselgeschichten durchblicken. Dieses Faible wird auf »Merlynn Belle« wieder aufgegriffen und sogar vertieft. Leider vermissen wir diesmal jedoch klanglich die kickenden Momente, die wir auf dem Debüt so schätzten. Tele Novella schreiben immer noch tolle Songs mit reichlich Pop-Appeal, aber echte Hits sind diesmal Mangelware. »Paper Crown« und »Desiree« sind rühmliche Ausnahmen. Der Rest des Albums schmort etwas zu sehr im eigenen Saft, um den Hörenden wirklich umzuhauen. Tele Novella klingen freundlicherweise immer noch wie eine Band, die man idealerweise auf dem Rummel oder im Saloon einer Geisterstadt antrifft. Und so richtig übel nehmen können wir ihnen sowieso nichts.       Kay Engelhardt

Karl die Große

Karl die Große

Was wenn keiner lacht

Was wenn keiner lacht

Der Name des Albums deutet darauf hin, dass sie wussten, was sie taten: »Was wenn keiner lacht« ist in Teilen ein selbstbewusstes Experiment, und als solches kann es per Definition schiefgehen. Beim Eröffnungstrack »Das dicke Mädchen hat es den Berg hochgeschafft« etwa geht die Rechnung auf: Die ganze erste Minute fragt man sich, ob die karg verzerrte E-Gitarre und das elektronische Soundgewirr im Hintergrund unter dem Gewicht von Wencke Wollnys Spoken-Word-Storytelling nicht gleich einfach wegklappen, bis zum Break, der die Spannung punktgenau in einer Hook mit minimalistischem Piano und sanft schiebendem Beat auflöst. Cool! Im zweiten Höhepunkt der Platte, »31. März«, werfen Karl die Große dann einmal alles über Bord, was so im deutschen Indie-Pop zur guten Kinderstube gehört, Wollny lebt textlich ihre kryptische Ader aus und die Band knarzt, schrammelt, improvisiert und blasmusiziert dazu frei von der Leber weg. Spannend! Der Rest des Albums kann dieses Niveau mitunter nicht halten: Mit »Heute Nacht« gibt es eine musikalisch astreine Auf-Nummer-sicher-Radiosingle, in den ruhigen Liedern wie »Lied ohne Überschrift« entgleitet der Band manchmal die Spannung. Analog dazu funktionieren die wortreichen Texte von Wollny mal mehr, mal weniger gut, manchmal ist sie mit wenigen Worten ziemlich treffsicher, nur um sich dann im nächsten Moment zu wiederholen (»der Sommer ist vorbei / Fische im Kanal gibt es hier nicht mehr / ich hab den Sommer versucht, dazuzugehören / jeden Abend hab ich mir so viel Mühe gegeben / damit die Coolen mich in ihren Club aufnehmen«), aber genauso wie in der musikalischen Untermalung ist der Anspruch, sich auszuprobieren, künstlerisch zu wachsen, immer spürbar. »Was wenn keiner lacht« klingt wie ein Zwischenschritt in eine Richtung, aus der in Zukunft potenziell noch einiges kommt. Kay Schier

Gossenboss mit Zett

Gossenboss mit Zett

No Future

No Future

Gossenboss mit Zett, die maskierte Faust des Dresdner Lumpenproletariats, ist mittlerweile über 30, Vater und wagt sich inzwischen auch ohne Sturmhaube vor Kameras. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben. Was er mag: Sternburg trinken und Rapper beleidigen. Was er nicht mag (unter anderem): die Schufa, braune Trottel, andere Rapper. Im Grunde genommen ist es auch ziemlich egal, ob man ein Gossenboss-Album von 2010 oder 2021 anmacht, der Mann hat seine Themen gefunden und über die Jahre behalten. Ist das gut? Schlecht? Ansichtssache, auf jeden Fall mutet es schon ein wenig hängengeblieben an, sich stellvertretend für Straßenrap an einem acht Jahre alten Haftbefehl-Song abzuarbeiten (»du hast drei Kilo Crack unterm Fahrersitz / ich hab keine Ahnung wer der Babo ist«). Zum Glück macht sich der Gossenboss aber unverdächtig, ein verbitterter Oldschooler zu sein, sei es dadurch, dass er gegen ebenjene austeilt (»immer wenn du krass affektiert überbetonst / springt der Neunziger-Flavour durch das Fenster zum Hof, yo«), sei es durch die Beats. Die verraten zwar ziemlich klar, dass der Rapper seine musikalischen Wurzeln im letzten Jahrtausend verortet, haben aber Wucht, Bass und Herzblut in sich, vermeiden zudem das platte Abkupfern von Neunziger-Klischees, wie es so viele Kollegen praktizieren. Und letzten Endes kann man jemandem, der darauf derart trockene Pointen abliefert wie »Du sagst ›es geht hoch wie der Fernsehturm‹ / welcher Fernsehturm? Du kommst aus Merseburg« und einen ganzen Track übers Windelnwechseln und Impfgegner-auf-dem-Spielplatz-Beschimpfen macht (»Papa ist zurück feat. Danger Dan«), nicht ernsthaft böse sein. Das ist alles nicht aufregend, kann aber gern noch 20 Jahre so weitergehen. Kay Schier

Ensemble  Polyharmonique

Ensemble Polyharmonique

Schütz: Geistliche Chor-Music

Schütz: Geistliche Chor-Music

Es ist eine Sternstunde der hiesigen Musikgeschichte: Als 1648 der 30-jährige Krieg endlich vorbei ist, veröffentlicht der Dresdner Kapellmeister Heinrich Schütz eine Sammlung, wie es sie noch nie zuvor gab. Doch die Motetten widmet der berühmteste deutsche Komponist seiner Zeit nicht etwa den Sängern am Hof, sondern dem Thomanerchor, der unter Krieg und Pest gelitten hat wie kaum ein anderes Ensemble. Dennoch habe er »in der Tat befunden, wie der Musicalische Chor zu Leipzig allezeit vor andern einen großen Vorzug gehabt«, lobt Schütz in der Vorrede und verbindet das Geschenk mit einer Bitte: Die Stadt solle den Chor »wie bisher erhalten und stärken«. Natürlich ist die »Geistliche Chor-Music«, wie das Werk seitdem genannt wird, nicht nur den Thomanern vorbehalten. Das junge Ensemble Polyharmonique produzierte nun für das Leipziger Label Raumklang 15 Gesänge aus dem Zyklus und liefert so aus dem Stand eine der besten Interpretationen überhaupt. Das schreit regelrecht nach Fortsetzung: Denn dass die Einspielung gar keine Gesamtaufnahme ist, wird auf dem Cover leider verschwiegen.  Hagen Kunze

Gregor Meyer

Gregor Meyer

Adolph Bernhard Marx: Mose

Adolph Bernhard Marx: Mose

Tragischer geht es kaum: Jahrelang hatte Adolph Bernhard Marx den 14 Jahre jüngeren Mendelssohn vergöttert. Ohne Marx’ publizistische Hilfe wäre die Aufführung von Bachs Matthäuspassion 1829 kein Erfolg geworden. Elf Jahre später besucht der Musikschriftsteller den Gewandhauskapellmeister in Leipzig und legt ihm seinen »Mose« vor. Doch Mendelssohn verkündet nach knapper Durchsicht nur, das Werk sei misslungen. Nach Berlin zurückgekehrt, wirft der Verletzte die Briefe des einst Verehrten weg. Weil auch Schumann giftet, es habe ihn »lange nichts so abgestoßen«, verschwindet »Mose« in der Versenkung. Dort hat es nun Gewandhauschordirektor Gregor Meyer ausgegraben – seit seiner Einspielung von Friedrich Schneiders »Weltgericht« ist er Experte für zu Unrecht vergessene Chorsinfonik. Die Zwitterstellung des »Mose« zwischen Oper und Oratorium ist heute beileibe kein Nachteil mehr. Wohl aber der anspruchsvolle Chorpart, der sich durch das ganze Werk zieht. Für den Gewandhauschor ist das aber kein Problem: Er präsentiert sich hier ebenso auf höchstem Niveau wie die Camerata Lipsiensis. Hagen Kunze

Dagobert

Dagobert

Jäger

Jäger

Wem es gerade verstärkt auf den Senkel geht, dass einen alles von allen Seiten ankotzt und sich das aufsteigende Grauen über die Weltlage zum Morgenritual gemausert hat, dem empfehlen wir Punk der Marke Pisse oder Cotzraiz, oder – für verständlicherweise zarter Besaitete – eben diese Platte. Der Schweizer und Wahlberliner Dagobert nannte in der Vergangenheit unter anderen Leonard Cohen und David Hasselhoff als große Einflüsse für sein Schaffen, was nach wie vor hilfreiche Koordinaten sind, um seinen Sound einzuordnen: Auch auf seinem vierten Album dreht sich alles um die gepflegte Weltflucht mit den Mitteln von pompösen Synthiesounds und einer Extraladung melancholischem Zuckerguss. Im Unterschied zu vorigen Releases hat der Künstler aber diesmal vor lauter eidgenössischer Exzentrik nicht vergessen, gute Songs zu schreiben, die seine Spleens angemessen transportieren. »Soll ich dich ansprechen / ja, ich kann das / mein Herz klopft so laut wie zuletzt 1999 / es fühlt sich an, als würde Jesus gekreuzigt«, heißt es auf »Das Mädchen aus der schönen Welt« nach einleitendem Kirchenchor zu einem Beat, den auch die Flippers nicht verschmäht hätten, und weiter: »Ich will dich nicht für mich, sondern für die ganze Menschheit / du wirst uns vertreten im Rat der vereinten Planeten.« Ziemlich skurril, aber irgendwie auch ziemlich süß, was für vieles auf dem Album gilt, siehe zum Beispiel den charmanten Neonlicht-Shuffle »Nie wieder arbeiten«: »Ich will nie wieder arbeiten / nein nein, nur noch schön durch den Tag gleiten / nichts anderes tun, als an dich denken«. Ab und zu schauen Trapdrums oder R’n’B-Elemente vorbei, die signalisieren, dass wir es immer noch mit der Jetztzeit zu tun haben, ansonsten funktioniert »Jäger« ziemlich losgelöst von der Realität, so als würde man sich in einer Hütte auf dem Berg drei Wochen mit Rotwein besaufen und Schlager hören. Kann man mal machen.  Kay Schier

Masha Qrella

Masha Qrella

Woanders

Woanders

Die Künstlerin Masha Qrella ist Anfang des Jahrtausends einem Berliner Ursumpf aus Post-Rock und Techno entstiegen und hat sich seitdem genretechnisch nicht beschränkt, eher im Gegenteil, wie jüngst »Woanders« beweist. Es ist ein im besten, gekonnten Sinne entgrenztes Album: Wie auf einer Houseparty, die fantastisch wird, gerade weil die auflegende Person vielleicht schon drei Gin Tonic vorne liegt, hat Qrella überhaupt keine Lust, sich auf einen einzelnen Sound für die gesamte Spielzeit zu beschränken, sondern fährt stattdessen alles auf, was ihr und dem Publikum Spaß macht. Freunde von Gudrun Gut, Barbara Morgenstern oder verwandten Berliner Experimental-Party-Acts werden sich hier gut zurechtfinden, andere sind vielleicht zunächst verwirrt davon, dass ein zu Beginn auf der Stelle stampfender Technoklopper wie »Geister« dann doch noch die Abzweigung zur Pianoballade nimmt, nur um am Ende noch mal einen U-Turn zu machen. Neben höchst tanzbaren Stücken wie letzterem oder dem Titeltrack stehen verkopfte Folksongs wie »Märchen« featuring Marion Brasch (hört, hört!), Übungen im Chanson wie »27. September« oder »Ratten«, auch ein schleppendes, psychedelisches Mantra à la »Haut« findet hier seinen Platz: eine crazy Reise durch die Emotions, also. Damit kann man arbeiten. Kay Schier

Die Zucht

Die Zucht

Heimatlied

Heimatlied

Im Orwell-Jahr 1984 schaffte Leipzig den Sprung vom Punk zum Post Punk. Während sich Pffft…! um Ex-Wutanfall-Sänger Chaos dem Industrial näherten und HerT.Z DAF-Bezüge pflegten, widmeten sich Die Zucht jener Verdunklungswelle, die durch Szenen dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs rollte, seit Peter Hook erste Basslinien für Joy Division zupfte. Apokalyptische Endzeit-Musik im vom Kalten Krieg fröstelnden Europa, deren tanzbare Untergangslust aber auch für Privat-Dramen passte. Auch Die Zucht züchteten adäquate Lyrik, zelebriert vom Tieforganträger Makarios, und kleideten sie in Zeitgeist-Sounds, die durchaus noch Punk-Energie übertrugen. Wovon aber nur Aufnahmen des letzten Konzerts vor der Umbenennung in Die Art vage zeugten. Denn Die Zucht sprangen 1985 zwecks Legalisierung über das Einstufungsstöckchen und den Staatsorganen missfiel natürlich der Name. 35 Jahre später, im Corona-Jahr 2020, spielte nun die Original-Formation die alten Stücke wieder ein, um das Werk in gereiftem, wenn auch etwas glattem Sound nochmals dunkel strahlen zu lassen. Alexander Pehlemann

Coucou

Coucou

Girl

Girl

Mit ihrer Besetzung aus einer Gitarristin und zwei Musikerinnen an Akustikinstrumenten, Stimmen, Percussion und Gadgets haben Coucou ihre Musik schon immer im Rahmen von selbst auferlegten Beschränkungen gemacht. In Form der »Girl«-EP haben sie sich der Herausforderung gestellt, diesen minimalen, intimen, mit Motiven von Folkmusik spielenden Soundraum zu erweitern und groß zu machen, ohne dabei eben diese Intimität über den Haufen zu werfen. In der Tat könnte man davon sprechen, dass die Band sich auf den fünf Tracks in jeder Hinsicht auf ein neues Level hebt, allerdings klingt das im Kontext der vorliegenden Musik unangemessen maximalistisch. An sich ist im Vergleich zum letzten Album im Soundbild außer elektronischen Effekten und, versteht sich, minimaler Perkussion nicht viel dazugekommen, diese neuen Mittel nutzen sie aber mit maximalem Effekt, siehe den effektiven Einstieg mit »Out Of My Head«: Ein wenig Hall auf die sparsame Gitarre gelegt, eine verwaschene Drummachine klopft dazu einen Cha-Cha-Cha-Beat, das alles so fein abgestimmt abgemischt, dass es präsent ist, ohne mit dem Gesang um Aufmerksamkeit zu konkurrieren, fertig ist, man kann es kaum glauben, eine Variante von Indiepop, die im Jahr 2020 zeitgemäß wirkt. Die Harmonien und Melodien, die Coucou auf der EP ausloten, sind in sich selbst so effektvoll, dass sie einen Song ohne schmückendes Beiwerk tragen, siehe zum Beispiel die eher behäbig beginnende Ballade »There’s A Place«, die sich ins Stadionformat hineinsteigert, oder den sich hymnisch emporschraubenden Pre-Chorus von »My Idea Of You«. Hier trifft am Jazz geschulte Finesse auf ein untrügliches Gehör für guten Pop und großen Schmalz, ohne die Grenze zum Kitsch zu überqueren. Diese fünf Songs sind ein mehr als angebrachter Soundtrack für die dunklen Monate und den Zustand, den Douglas Adams einmal den »langen, dunklen Fünf-Uhr-Tee der Seele« genannt hat, getragen von einer Melancholie, die ohne Larmoyanz auskommt, sondern sich den Hoffnungsschimmer für das letzte Drittel des Songs aufspart. Kay Schier

Wayne Graham

Wayne Graham

1% Juice

1% Juice

Hinter Wayne Graham stecken Hayden und Kenny Miles. Nach wie vor produzieren die Brüder ihre Platten im Keller des Elternhauses in einer Kleinstadt in Kentucky. Und nicht nur diese Tatsache weist auf die immense Bedeutung von Familie für das Duo hin. Ihre beiden Großväter waren namensgebend für Wayne Graham. In der Kirche ihres Vaters musizierten die Künstler schon in jungen Jahren mit. Und ihrer Mutter haben sie das neue Album gewidmet. »1% Juice« ist das sechste reguläre Album. Und obendrein ein waschechter und unverkennbarer Wayne-Graham-Longplayer: An der Oberfläche stoßen wir auf klassischen, warmen, melodieverliebten Americana. Allerdings ist dieser so reichlich mit filigranen Klang-Spielereien, Ecken und Kanten und jazzigen Ausflügen versehen, dass den Hörenden die Ohren schlackern und das Herz hüpft. Wieder haben die Miles-Brüder die meisten Instrumente selbst eingespielt. Erstmals aber wurde eine ganze Riege von Gastmusikern eingeladen, denen wir etwa geniale Bläsersätze verdanken. Stimmlich klingt die Band immer noch schwer nach Jeff Tweedy von Wilco. »1% Juice« wird aber auch den Fans von Neil Young ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und nicht nur denen.  Kay Engelhardt

VAK Leipzig

VAK Leipzig

VAK02

VAK02

Die VAK Leipzig, ein Zusammenschluss Leipziger Musikcrews, Off-Locations und Ladenprojekte, veröffentlicht zum zweiten Mal in diesem für Leipziger Musikcrews, Off-Locations und Ladenprojekte äußerst schwierigen Jahr einen solidarischen Sampler. Alle Einkünfte der über Bandcamp vertriebenen Veröffentlichung kommen in einen zentralen Nothilfetopf und werden dann nach dem Bedarfsprinzip in der freien Musikszene der Stadt verteilt. Das Ding ist aber nicht nur aus kulturpolitischen Erwägungen eine weise Investition, sondern auch, um sich zu vergewissern, dass das hiesige Nachtleben nicht schläft, nur weil es gerade leider nicht zu spüren ist, uns vielmehr weiterhin mit Kulturproduktion versorgt. Über 13 Tracks hinweg entführen einen die hier vertretenen lokalen Acts in eine Paralleldimension, in der ein Leipziger Freitagabend noch in vernünftigen, gewohnten Bahnen verläuft. Irgendwie beruhigend zum Beispiel zu hören, dass die Downtempo-Techno-Welle, im Volksmund »Schneckno« genannt, in der Leipziger Electroszene ungebrochen ist (kein Wunder, da die ja nur auf 33 Umdrehungen pro Minute abläuft): Cocoala Grand und Mayanáay liefern mit »Bacon Friing« respektive »Mckkenna« hochwertige Zeitlupen-Schwofs ab, bisschen analog, bisschen verzerrt, irgendwie anschmiegsam, irgendwie spooky. Ebenfalls weiterhin aktiv ist die Schule der stampfenden Fledermausmusik, hier hochwertig vertreten in Form von Carlotta Jacobi & Lilly – »Endurance« (schnell, hart) oder Sangeet – »Weather« (langsam, auch hart). Des Weiteren vertreten sind beispielsweise eine Drum’n’Bass-House-Perle (Chaos Katy & Shimmy – »DnB Youth«), Neunziger-Peaktime-Klopper (Napoleon Dynamite – »Sangerhausen«) oder der Soundtrack des Films »Drive« auf Steroiden (Crash To Desktop – »No. 12«). Das macht alles daheim ziemlich was her und erzeugt eine Mordswuschigkeit, sich endlich wieder in einem schimmligen Keller die Trommelfelle strapazieren zu lassen. Kay Schier