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Rezensionen

Paul Dessau / Ensemble Avantgarde

Paul Dessau / Ensemble Avantgarde

Chamber Music

Chamber Music

Musik von Paul Dessau (1894–1979) wird heutzutage kaum gespielt. Die vorliegende Aufnahme zeigt in ihrer Werkauswahl Einblicke in ein unerwartet vielfältiges kammermusikalisches Schaffen, facettenreich interpretiert von Steffen Schleiermacher am Klavier und dem Leipziger Ensemble Avantgarde. Die Aufnahme vereint Werke aus dem Zeitraum 1924 bis 1976, die Anordnung der Stücke lässt dabei dramaturgisch wirkungsvoll verschiedene Stilistiken und Stimmungen aufeinandertreffen. Zu Beginn das hochvirtuose und auch etwas akademische Concertino für Violine, Flöte Klarinette und Horn von 1924. Die Entstehungszeit des Stückes fällt zusammen mit dem Beginn von Dessaus musikalischer Laufbahn in der deutschen Filmmusikbranche. Gefolgt wird es von der Klavierkomposition Guernica, welche unter den Eindrücken des Spanienkriegs entstand und musikalisch viel direkter emotional anspricht. Berührend in ihrer Schlichtheit die »Elf jüdischen Tänze« für Klavier von 1946. Den unerwartet weichen und elegischen Ton der im Pariser Exil 1935 entstandenen Suite für Altsaxofon und Klavier unterstreicht die Saxofonistin Annegret Tully, ein Höhepunkt der Platte. Ein interessantes und hörenswertes, überzeugend interpretiertes Album, das eine eher private Seite des Komponisten zeigt, dessen Name heute neben seiner Zusammenarbeit mit Brecht vor allem außermusikalische Assoziationen hervorruft. Denn Dessau war nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den USA in seiner Wahlheimat DDR sowohl politisches Aushängeschild als auch Zielscheibe scharfer ästhetischer Debatten. Anja Kleinmichel

Ssio

Ssio

Messios

Messios

»Scheiß auf Trap, das ist Mittelalterrap«: Ssiawosch Sadat, besser bekannt unter dem Kampfnamen Ssio, hat sich für sein jüngstes Werk »Messios« vier Jahre Zeit gelassen, um im Wesentlichen alles beim Alten zu lassen. Getreu der Maxime »Rap immer wieder mit derselben Thematik« zu machen, geht es um das Paralleluniversum Bonn-Tannenbusch und die heilige thematische Trias Blunts, Beleidigungen und Bordellbesuche. Hat er sich schon auf den vorangegangenen Werken als Kulturkritiker hervorgetan, schlagen hier die Schellen gegen den Zeitgeist im Hiphop noch öfter ein, denn: »Rapper sind Witzfiguren / machen Instastory über Litschikuchen«. Mit protziger Virtuosität (»Afghanerrap, kein Ballermann 6 / tick Packs aus dem Avantgarde S / Goldring so fett wie Calamares«) zieht der Sympathieträger wider Autotunesingsang und Rap nach Schema F zu Felde. Seine wie immer bis ins Absurde überzeichnete Kunstfigur setzt sich wohltuend ab von den ganzen Jungspunden, die einen auf L.A. machen, aber am Ende doch nur Bietigheim-Bissingen sind, allein dadurch, dass er keinen Zweifel lässt, wo wir uns befinden, nämlich in good ol’ Germany (»Kein Fijiwasser, Fijiwasser, Fijiwasser / nur Leitungswasser, Leitungswasser / Das ist Bonn, nicht Paris / nicht Migos, nicht Kaaris«). Popkulturelle Relevanz zeigt sich daran, dass die Kiffer im Golf 3 ebenso besungen werden wie die Eiswürfel von der Aral-Tanke oder die Schüsse aus dem »Hochzeitskorso«. Hausproduzent Reaf sorgt für den künstlerischen Fortschritt, indem er knochentrockene Boom-Bap-Beats unter wuchtig-moderne Sounds legt, die verraten, dass im Studio wohl doch nicht nur Wu-Tang und Dr. Dre lief. Man kann sich berechtigt stören am ganzen Nutte-Bumsen-Deine-Mutter-Vokabular und Ssio eine entrüstete Postkarte schreiben. Im Zweifelsfall würde er das wohl witzig finden. »Messios« ist brilliant produziert, makellos gerappt, angriffslustig, selbstironisch humorvoll, neben OG Keemos »Geist« eigentlich das einzige deutsche Gangsta-Rap-Album, das man zwo neunzehn wirklich gehört haben muss. Kay Schier

Camila Cabello

Camila Cabello

Romance

Romance

Manche mögen es für eine steile These halten, aber wenn schon sonst nicht, so hat die westliche Welt im vergangenen Jahrzehnt Fortschritte in Sachen Mainstreampop gemacht. Vor zehn Jahren hatten wir die Black Eyed Peas und LMFAO, heute haben wir immerhin Beyoncé oder eben Camila Cabello. Dem Castingzirkus des amerikanischen Fernsehens entsprungen, ist sie aus ihrer Girlgroup Fifth Harmony ausgeschert, um sehr erfolgreich ihr eigenes Ding zu drehen. Die Zeichen für »Romance« standen nach den Vorabsingles mittelschwer auf Hype: »Shameless« klingt ungewöhnlich düster fürs Radio und erinnert im Einstieg mehr an Joy Division als an America’s Got Talent. »Living Proof« münzt den in den letzten Jahren erfolgreichen Emo-Trap erfolgreich auf Pop um, experimentiert gar mit einem rhythmisch versetzten Sample, »Liar« bindet Latino-Vibes und kurze Jazz-Fingerübungen organisch in den Sound ein. Auf solchen pfiffigen Instrumentals wirkt auch Cabellos Geschmachte rundum überzeugend, weiterhin stark sind das rockige »Cry For Me« und die Highschool-Ballade »Easy«. Problem ist nur, dass hier das gute Pulver mal wieder im Vorfeld verschossen worden ist, der Rest vom Fest ist mehr vom gleichen, nur weniger inspiriert, weniger gut. Man muss außerdem inhaltlich schon Bock darauf haben, ihr eine Dreiviertelstunde lang dabei zuzuhören, wie sie ihr Herzblatt Shawn Mendes ansäuselt, der ein Feature beiträgt, das hier rein- und da wieder rausgeht. Alles in allem sind die Ansätze schon stark ausformuliert, beim nächsten Versuch müsste man sie nur auf Albumlänge zu Ende denken.   Kay Schier

Pumarosa

Pumarosa

Devastation

Devastation

Obwohl Pumarosa mit ihrem Debütalbum »The Witch« eines der besten Alben des Jahres 2017 veröffentlicht haben und das Quartett mit Größen wie Depeche Mode oder Interpol getourt ist, gab es nicht nur Grund zur Freude für die aufregendste neue britische Formation der letzten vier Jahre. Ganz im Gegenteil. Denn genau in der Woche, als Pumarosa ihren Erstling veröffentlichten, wurde bei Sängerin Isabel Muñoz-Newsome Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, verließ auch noch Bassist Henry Brown die Band. Was für andere Bands das Aus bedeutet hätte, ließ Pumarosa neu zusammenwachsen. Muñoz-Newsome besiegte den Krebs, Browns Rolle übernahm bei den Aufnahmen zur neuen Platte Tool-Bassist Justin Chancellor. Folgerichtig ist »Devastation« dann auch wesentlich düsterer geraten als der durch Dream-Pop dominierte Vorgänger, dessen oft überlebensgroße Melodien die Endorphine sprießen ließen. Stattdessen bewegen sich die Tracks der Londoner nun zwischen Electronica, Triphop und Industrial. Dabei treten die auf »The Witch« im Zentrum stehenden Gitarrensounds fast vollkommen in den Hintergrund. Nur im wuchtig drängenden Monolithen »Into The Woods« bilden sie den wirkungsmächtigen Kontrast zu hypnotisch-sphärischen Sounds. Jedoch wirkt »Devastation« trotz aller selbstreflexiven Schwere nicht erdrückend. Denn Pumarosa lösen die mitunter sperrigen Strophen, wie im rau rumpelnden, mit Drum’n’Bass fusionierten Opener »Fall Apart«, immer wieder durch lichtdurchflutete Refrains auf. Aber auch in den Texten spiegelt sich die musikalische Dialektik Pumarosas wider. So bringt Muñoz-Newsome im unwiderstehlich vereinnahmenden »I Can Change« den transformativen Kern dieses mit jedem Hören wachsenden Werks auf den Punkt: »I can change, I can change, I can change. Be what you like. Rearrange, rearrange, rearrange me. Take me apart. I could be, I could be anything. Please give me order. I could be anyone, anywhere. Just let me learn it.« Dirk Hartmann

Maria Taylor

Maria Taylor

Maria Taylor

Maria Taylor

Oh, du süßer Widerspruch, mag man seufzen, wenn Maria Taylor in »Waiting in Line« singt: »I’m getting older, but I’ve got time / Made my decisions / I’ve changed my mind / Now there’s this feeling I’m waiting in line.« Dabei ist ihre ganze Karriere von Widersprüchen geprägt. Sie wird als Folk-Pop-Elfe gefeiert, zierlich und mit sanfter Stimme. Dabei steckt in der Musik und dem Gesang all ihre Kraft. Denn die in sich ruhende Energie ist ihre Stärke. Sie wird als weibliche Ergänzung zu Bright Eyes aka Conor Oberst oder Moby besprochen. Dabei sind es die Herren, die sie dazu gebeten haben, weil sie ihre Songs rund macht. Weil sie auf allem musizieren kann, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.    Und trotzdem ist das Bild von Maria Taylor auch beim siebten, selbstbetitelten, Album nicht anders. Wie ein blinkendes Aushängeschild hängt der Name Adam Duritz aka Counting Crows an »Waiting in Line«. Dabei verstärkt er nur die gelassene, ausgeglichene Piano-Stimmung, die Maria Taylor vorgibt. Ganz selbstverständlich versammelt sie auf dem Album die Leute, die sie mag und die ihr so nahe sind: eben Adam Duritz, aber auch ihren Gitarristen Brad Armstrong und Bruder Macey oder Tiffany Osborne und nicht zuletzt ihren Sohn Miles, der in »Miley’s Song« verewigt ist. Sie schafft so eine Atmosphäre, in der sie sich wohlfühlt und ganz bei sich ist. In »Maria Taylor« ist also das drin, was drauf steht. Der größte Widerspruch ist also nicht der zwischen »I’m getting older« und »but I’ve got time«, zwischen »I made my decisions« und »I’ve changed my mind«, sondern zwischen »Now there’s this feeling I’m waiting in line« und dem Gefühl, dass sich Maria Taylor nirgendwo anstellen und warten muss. Sie hat ihren Weg gefunden, genau die Musik zu machen, die ihr entspricht, und mit dem zu verbinden, was ihr genauso wichtig ist wie eben diese Musik: Familie und Freunde und, ja, auch Liebe.  Kerstin Petermann

Bonnie »Prince« Billy

Bonnie »Prince« Billy

I Made A Place

I Made A Place

Will Oldham ist neben Bill Callahan und Jason Molina einer der bedeutendsten Indie-Country-Musiker der letzten 25 Jahre. Nicht zufällig coverte Johnny Cash seinen Song »I See A Darkness«. Anfang der neunziger Jahre veröffentlichte er erstmals mit Freunden unter dem Namen Palace. Später legte er sich das Pseudonym Bonnie »Prince« Billy zu. Aber selbst für ausgewiesene Fans ist es praktisch unmöglich, sein gesamtes Werk zu kennen. Zu viele Singles, EPs, Kollaborationen, Cover-Alben und zahlreiche Neuinterpretationen von eigenen Songs existieren. Erstaunlicherweise ist »I Made A Place« dennoch das erste Album seit sechs Jahren, auf dem komplett neue Stücke von Bonnie »Prince« Billy erscheinen. Das Warten hat sich gelohnt. Oldham zeigt sich von all seinen Schokoladenseiten. Ausgelassene Country-Hymnen wie »New Memory Box« und »Squid Eye« stehen gleichberechtigt neben gepflegter Introspektion, wie etwa im Titelsong. Laut Aussage des Maestros ist das Album stark von hawaiianischen Künstlern wie Johnny Lum Ho beeinflusst. Zudem freuen wir uns über Verneigungen vor Gospel und Jazz. »I Made A Place« ist vielseitig, kurzweilig und absolut schlüssig.       Kay Engelhardt

Greenwoods Filter

Greenwoods Filter

Industry, water

Industry, water

Die Klassikwelt durch die Brille eines Popstars wie Jonny Greenwood (Komponist und Radiohead-Gitarrist) zu sehen, ist ganz spannend. Noch dazu in Form eines Fortsetzungsromans. »So regelmäßig wie möglich« plant Greenwood auf seinem im September 2019 neu gegründeten Label »Octatronic Records« befreundete Musiker zu Wort kommen zu lassen, mit denen er in der »zeitgenössischen klassischen Welt« zusammengearbeitet hat. Die Produktionen erscheinen auf Vinyl und als Downloads, Dauer jeweils um die dreißig Minuten. Schlicht gestaltete Plattencover ohne peinlichen Starkult prägen das äußere Erscheinungsbild. Die erste Platte widmete Greenwood Bachs Partita No. 2 für Solo-Violine, eingespielt von Daniel Pioro, der hier durch ungekannte rhythmische und agogische Freiheiten, mit unerwarteten Verzierungen und ausnehmender Klangschönheit besticht. Die zweite, nicht weniger hörenswerte Platte bewegt sich mit zeitgenössischen Klängen zwischen dem heftigeren »Industry« von Michael Gordon für Cello und Verzerrer und softeren Minimalstrukturen von Jonny Greenwoods drei Miniaturen aus »Water« für Klavier, Streicher und Tanpuras.   Anja Kleinmichel

Hyperculte

Hyperculte

Massif Oriental

Massif Oriental

Ein elektrisch verstärkter Kontrabass erscheint zunächst wie ein Anachronismus, genauso wie Franzosen, die Krautrock spielen oder den unkaputtbaren Evergreen »Eisbär« von Grauzone covern. Hyperculte beweisen aber nicht nur in jedem Fall das Gegenteil, sondern führen das alles auf »Massif Oriental« auch mit minimalem Personalaufwand zusammen: Schlagzeug, Kontrabass und Effektgeräte erzeugen einen naturgemäß sehr rhythmusbetonten Sound, der Assoziationen zu Krautrockbands wie Can genauso zulässt wie zu Post Punk, siehe »Eisbär«. Allerdings geht Hyperculte trotz Kontrabass die Arthouse-Atmosphäre von Krautrock ebenso ab wie die Kühle des Post Punk. Die Songs sind ebenso treibend tanzbar wie wohlig warm-psychedelisch angehaucht, die minimalen, mantraartigen Basslines laden zum meditativen Abdriften ein. »Massif Oriental« ist somit ein Album für alle Phasen des Abends und fährt zudem mit »Siamo Tutti« auch noch die ungewöhnlichste, weil unpunkigste Solidaritätshymne an den Schwarzen Block auf, die man seit Langem gehört hat. Kay Schier

Lingua Nada

Lingua Nada

Djinn

Djinn

Die Musik auf den früheren Veröffentlichungen von Lingua Nada wurzelte meist in Hardcore, Math- und Post Rock, in den dazugehörigen Leipziger Communities haben sie sich über die letzten Jahre einen glänzenden Ruf erspielt, ihre hiesigen Gigs sind meist kleine Szene-Events. Auf »Djinn« präsentieren sie sich als Band, die noch etwas vorhat im Leben – beziehungsweise, die auch mal rauskommen möchte aus Hardcore, Math- und Post Rock. Bei hartgesottenen Szenepuristen werden sie für das Album deswegen wohl Prügel einstecken müssen: Auf den Singles »Habiba« und »Yalla Yalla« etwa flirten sie so schamlos mit dem Pop, dass der innere Nietenpunk »Nehmt euch ein Zimmer!« rufen möchte, Synthies und elektronische Sounds sind so präsent wie noch nie. Dem inneren schlaksigen Indie-Pop-Weirdo hingegen ist nicht nur der Mut, vom eigenen Rezept abzuweichen, äußerst sympathisch, die entsprechenden Passagen funktionieren auch einfach sehr gut. Zudem hat das raffiniert gespielte Geprügel immer noch seinen Platz im Klang der Band, was einerseits den Sound frisch und abwechslungsreich hält, aber andererseits auch die Schwäche des Albums markiert: Beide, Nietenpunk wie Indie-Schlaks, stehen aber eher nebeneinander und beäugen sich aus dem Augenwinkel, als wirklich Freundschaft zu schließen, die Übergänge zwischen Pop und Punk kommen oft einfach eine Spur zu unvermittelt und kontextlos daher. Nichtsdestotrotz ist »Djinn« unterm Strich eine Ansage an alle Math-Rock-Langweiler da draußen, dass man auch anders interessant sein kann als mit komplizierten Rhythmen. Kay Schier

Hunney Pimp

Hunney Pimp

Chicago Baby

Chicago Baby

Hätte Hildegard Knef damals schon Zugang zu Drummachines gehabt und Trapmusik gekannt, wäre dabei vielleicht etwas Ähnliches herausgekommen wie »Chicago Baby«: Die Eckkneipendiva und Vorzeigewienerin Hunney Pimp fährt auf dem Album einen Film, der in Sepiaoptik und mit viel Budget für zeitgenössische Kostüme daherkommt. In einer gefühlten Zeit, in der Gangster noch Halunken genannt wurden, spielt die Bonnie-und-Clyde-Story des Albums, für deren Verständnis man als Nichtwiener aufgrund der Sprachbarriere allerdings auf die Videos angewiesen ist. Das schadet der Musik jedoch kein bisschen, denn die mit einem trockenen, lakonischen Flow zum Verknallen gerappten Parts klingen einfach verdammt cool. Auf den langsameren Tracks, in melancholische, funkelnde Beats gehüllt wie in ein rotes Cocktailkleid aus den Fünfzigern, dominiert die rauchige Gesangsstimme. Gerade diese zerstreuten Momente des Albums weisen aber auch gewisse Längen auf, hin und wieder droht die Melancholie zu versumpfen. Dessen ungeachtet ist »Chicago Baby« aber ein Projekt, das zeigt, dass Rap eigentlich alles kann – auch Fünfziger und Hildegard Knef. Kay Schier

Tindersticks

Tindersticks

No treasure but hope

No treasure but hope

Manchmal ist Hoffnung der größte Schatz. Dann, wenn einem alles andere abhandengekommen ist. Die Liebe. Die Kraft, dem bedrückenden Leben zu entfliehen. Der Silberstreif am Horizont. »No treasure but hope« heißt das aktuelle Album der Tindersticks. Und Stuart Staples besingt eine neue Beziehung. Er singt von Urlaub statt Flucht und dem Sonnenaufgang am Anfang eines neuen Tages. Dabei ist dieses dreizehnte Album der Briten geprägt von einer noch größeren Fragilität als bisher. Im Gegensatz zu früheren Alben haben sie »No treasure but hope« gewissermaßen live und nicht in einzelnen Spuren eingespielt. Das erfordert, dass die Musiker aufeinander hören. Mit sanftem Hauchen setzt Stuart Staples zum Gesang an und signalisiert den Streichern ihren Einsatz. Mit Nachdruck spielt David Boulter den letzten Akkord der Bridge und scheint Stuart Staples förmlich anzuschauen und dabei leicht zuzunicken. Diese intimen Momente machen auch die Melodien kleiner und leichter. So transportieren sie etwas von der sonnig-luftigen Atmosphäre Griechenlands, wo Staples sie geschrieben hat. Sie lösen auch sein Versprechen sein, bei jedem Album etwas Neues auszuprobieren. Das bekannt-bewährte Gewand des Kammermusik-Pops hat eine hellere Farbe bekommen. Und so ist »No treasure but hope« eine sanfte Ode an die Hoffnung. Kerstin Petermann

Gang Starr

Gang Starr

One of the best yet

One of the best yet

Ein Album nach 16-jähriger Pause; und man grübelt, ob diese LP nach Gurus viel zu frühem Tod wirklich angebracht ist. Es ist indes ein sehr gutes Album geworden, wenn man den früheren Qualitätsmaßstab des legendären Duos zugrunde legt. Und völlig ausblendet, dass Hiphop sich über die Jahre immer wieder verändert hat und nach »T-Paining« einige Trap- sowie Internet-Leichtgewichte aktuell mehr Zähler haben, als sie an Gewicht bzw. Format ins Genre einbringen können. Gegen Ende der Zehnerjahre, die jetzt von Namen wie Travis Scott, den A$APs und A Boogie Wit Da Hoodie dominiert werden, legt DJ Premier rigoros und kompromissbefreit den Rückwärtsgang ein, um eine goldene Ära erneut ins Bewusstsein dieser schnelllebigen Zeit zu rufen. Mit dabei: Gurus Sohn Keith Casim und verdiente Rap-Recken wie M.O.P., Q-Tip und Group Home. Positiv ist, dass neun Jahre nach Gurus Ableben keine »Früher war alles besser«-Geste zelebriert wird, sondern einfach Sound und Rhymes gefeiert werden wie zu Gang Starrs besten Zeiten. Und so enthält die LP fast ausschließlich geprüfte »Certified Street Poetry« in hoch korrekten Tracks wie »Family and loyalty«, »What’s real« und »Take flight«. Falls dieses Gang-Starr-Album außer ehrenvollen Reminiszenzen einen tieferen Sinn hat, dann könnte es der sein, später Geborene zu motivieren, sich aktiv und eingehender mit der Materie auseinanderzusetzen – und es nicht beim Konsum aktueller Streams zu belassen. Im Idealfall so, wie damals – als Guru und Primo anfingen – nach Samples getaucht wurde und Funkschätze aus den Tiefen der Siebziger- und Achtziger-Jahre-Ozeane an Deck gebracht wurden. Torsten Fuchs

Thomanerchor

Thomanerchor

Bach-Kantaten

Bach-Kantaten

Ein Weihnachtsoratorium ist es zwar noch nicht, aber die erste Bach-CD der Thomaner unter Gotthold Schwarz lässt hoffen: Im schlichten Blau kommt die »Cantatas« betitelte Scheibe daher – zweifellos der Beginn einer Serie. Alles andere wäre auch verwunderlich, denn seit Karl Straube hat jeder Thomaskantor seine individuelle Sicht auf JSB auf Konserve gebracht. Die Unterschiede zum Vorgänger sind erstaunlich. Scheinbar en passant wird zugunsten des Sächsischen Barockorchesters die Kopplung an das Gewandhaus aufgehoben. Auch die Verkleinerung des Chores fällt auf: Nicht einmal 40 Sänger bieten einen bewundernswert lichten Bach. Dass die CD nicht in der Lutherkirche produziert wurde, mag praktische Gründe haben. Dennoch ist Schwarz der erste Thomaskantor seit Straube, der für Kantaten-Aufnahmen nicht die Heimstätte wählte. Interessant ist auch das Repertoire: Keine Highlights, sondern drei seltene Kantaten werden präsentiert. Die Kombination ist inhaltlicher Fingerzeig und künstlerische Visitenkarte, denn sie gibt allen Beteiligten Raum zu Entfaltung – den sie zu nutzen wissen. Hagen Kunze

La Tempête

La Tempête

Monteverdi: Marienvesper

Monteverdi: Marienvesper

Sorry, liebe Leipziger, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Das großartigste Stück der Kirchenmusikgeschichte ist kein Werk von Bach. Keine h-Moll-Messe, kein Weihnachtsoratorium, keine Matthäuspassion. Sondern Claudio Monteverdis Marienvesper als dem Jahr 1610, ohne die die Musikgeschichte anders verlaufen wäre. Es gehört zu den Besonderheiten des Werks, dass jede Interpretation einen anderen Akzent setzt. Simon-Pierre Bestion und sein Ensemble La Tempête haben in ihrer bei Alpha Music veröffentlichten Version den bisher subjektivsten Zugang zum Meisterwerk gewählt. Indem sie es vom allzu dogmatischen Zugriff der historischen Aufführungspraxis befreiten und als lebendige Kirchenmusik in den Kontext der Musik der Mittelmeer-Region stellten. So klingt Monteverdi vielleicht nicht mehr so ätherisch wie bei Gardiner. Aber in Kombination mit korsischer, sardischer und baskischer Stimmgebung entfalten die Bibeltexte eine neue, ungeahnte Kraft. Und so spürt man auch noch 400 Jahre später, welch eruptive Urgewalt einst hinter dieser genialsten Avantgarde der Musikgeschichte stand. Hagen Kunze

Korova

Korova

Insight

Insight

Während vor dem Fenster die letzten Blätter und Reste vom goldenen Oktober sterben, lassen sich ziemlich gut Einsichten in die »Insight«-EP gewinnen: Es sei eine melancholische Grundstimmung empfohlen. Strukturell sind Korova aus Dresden eine Rockband, zwei Gitarren, ein Bass, Drums, Synthies und die beiden Stimmen enthalten sich aber jeglicher Rockismen. Die fünf Tracks der EP wabern und gleiten, oft dominiert die cleane Gitarre den Klang. Eine Ernsthaftigkeit und Spannung dominiert, die an Post Rock erinnert, ohne aber in Genreplatitüden zu verfallen. Sympathisch ist, dass sich Korova der Herausforderung stellen, die Songs im ruhigen Aggregatszustand jeweils zu Ende zu denken, keine verzerrten Eruptionen oder Effektorgien nach Schema F, Korova möchten erforschen, was die leisen Töne alles auslösen können. Der mal zwischen, mal in den Songs sich abwechselnde weibliche und männliche Gesang bringt zudem eine klangliche Varietät ins Spiel, welcher rein instrumentaler Musik aus dem Bereich oftmals abgeht. Korovas filigrane Songgewebe haben ihre Durchhänger und schwächeren Momente, in denen das Soundkartenhaus sich selbst nicht ganz trägt und in Beliebigkeit abdriftet, es überwiegen aber die, in welche man sich versinken lassen kann wie in eine weiche Couch an einem depressiven Herbsttag. Kay Schier

Nick Cave & The Bad Seeds

Nick Cave & The Bad Seeds

Ghosteen


Ghosteen


»Hörs Dir an und entscheide selbst.« Das ist die wohl gängigste Antwort, wenn Musiker gefragt werden, was ein bestimmter Song bedeuten soll. Nick Cave ist die Personifizierung dieser Antwort. Nicht, weil er selbst keine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung hätte. Im Gegenteil: Er hat sie ganz klar und entschieden. Aber für sich, und nicht für die Menschen, die die Songs hören. Das ist spätestens seit dem letzten Album, »Skeleton Tree«, hoffentlich klar. Der persönliche Schmerz über den Verlust seines Sohnes ist allein die Sache des Musikers und was alle anderen damit anfangen, darf und muss ihm egal sein. Auf dem aktuellen Album »Ghosteen«, dem 17. Studioalbum, setzt Nick Cave diese Haltung fort. Wer apokalyptische, morbide Bilder und entsprechend düstere Musik erwartet, wie es das Image des Rockpoeten aus dem Jenseits vorsieht, dürfte enttäuscht werden. Und der dürfte sich dessen bewusst sein und sich trotzdem in hingebungsvoller Ignoranz in sphärischen Synthie-Klängen und himmlischen Gesängen eines Frauenchors suhlen. »Ghosteen« ist ein Album, das sich ganz der Romantik und Harmonie verschrieben hat. Bis zum Pathos zelebriert es die Schönheit, die auch in der Melancholie liegt. Das ist nicht unbedingt neu bei Nick Cave. Neu hingegen ist, dass der Pathos dieses Mal nicht durch Humor oder Zynismus gebrochen wird. Wer das nicht ertragen kann, für den wird »Ghosteen« nicht gemacht sein. Und Nick Cave wird das mit einem Achselzucken und einer hochgezogenen Augenbraue akzeptieren.  Kerstin Petermann

Patrick Watson

Patrick Watson

Wave

Wave

Das Leben hat es mit Patrick Watson in der letzten Zeit nicht allzu gut gemeint: Sein langjähriger Drummer Robbie verließ die Band, Watson und seine Partnerin trennten sich und seine Mutter verstarb während der Aufnahmen zu »Wave«. Der kanadische Künstler machte das Beste daraus. Mit »Wave« schenkt er uns eine Ode an die Energie, die jeder Neuanfang freisetzt und an die Kunst, wieder aufzustehen, wenn man vom Schicksal am ärgsten gebeutelt wird. Als Kind sang er im Kirchenchor. Sein charakteristischer Gesang ist das Fundament für sein gesamtes Werk. Laut eigener Aussage ist »die Stimme von allen Instrumenten das intimste«. Der meist sparsame Einsatz von Piano, Gitarre und Streichern ist dem sphärischen, weltentrückten Sound zuträglich, der ihn bereits auf Platz zwei der kanadischen Charts brachte. Leonard Cohen hat sein Songwriting stark beeinflusst. Und Liebhaber von Andrew Bird und Jeff Buckley werden dieses Album von Patrick Watson mit Kusshand in ihre Plattensammlung aufnehmen.   Kay Engelhardt

FKA Twigs

FKA Twigs

Magdalene


Magdalene


Lasst uns ein Stück Schokolade in Salz tunken und Widersprüche vereinen, von denen wir bisher dachten, dass sie uns zusammen gar nicht schmecken: sanfte Klavierklänge und Rap, ein zerbrechlicher Falsett-Gesang und unbeugsame Stärke, artistische Höchstleistungen beim Poledance und Verletzlichkeit in der Beziehung. FKA Twigs fährt auf ihrem zweiten Album »Magdalene« ein ganzes Potpourri solcher Gegensätze auf. Sie erzählt von verflossenen und kommenden Freund- und Liebschaften. In der Single »Cellophane« singt sie schmerzverzerrt mit unverfremdeter Stimme: »Didn’t I do it for you. Why didn’t I do it for you.« Und macht den Titel damit zum Herzstück des Albums, denn dieser so verletzliche Moment ist gleichzeitig der Moment größter Stärke und Würde. Im Video sieht man sie dabei an der Stange tanzen und hoch über den Köpfen des Publikums schweben. Die körperliche Energie, die davon ausgeht, ist nicht nur Umdeutung einer Situation, die für Frauen oft Erniedrigung bedeutet. Aber FKA Twigs hat hart dafür trainiert, um die Stange so zu beherrschen. Sie hat nach mehreren Operationen 2018 hart dafür gekämpft, wieder so arbeiten zu können. Diese Stärke ist in jedem Song des Albums präsent. Ob in der fast klassischen, emotionalen Klavierballade »Mirrored Heart«, dem vom monotonen Bass dominierten »1000 Eyes« oder dem Dance Track »Holy Terrain«, den sie zusammen mit dem Rapper Future aufgenommen hat. Nach drei Jahren musikalischer Fast-Abstinenz tobt sie sich auf »Magdalene« aus und zeigt die enorme Vielseitigkeit ihrer Stimme. Kerstin Petermann

Temples

Temples

Hot Motion

Hot Motion

Bei Temples aus dem englischen Kettering stehen die Zeichen zu ihrem mittlerweile dritten Album deutlich auf Veränderung. So hat sich die Band nicht nur von ihrem alten Label Heavenly getrennt und inzwischen bei ATO Records unterschrieben, sondern auch Drummer Sam Toms verließ Anfang 2018 die Formation, um sich zunächst seinem Soloprojekt Secret Fix zu widmen und danach Fat White Family anzuschließen. Musikalisch bleibt jedoch vieles beim Alten. Zwar ist der elektronifizierte Klangkosmos des Vorgängers »Volcano« einem rockigeren Sound gewichen, aber insgesamt kreieren Temples weiterhin ihren für sie so typisch melodieverliebten, die 60er-Jahre ein- und ausatmenden Psychelic Pop, dem man sich auf »Hot Motion« ebenfalls nur schwer zu entziehen vermag. Während der als erste Single ausgekoppelte Titeltrack hymnisch galoppierend hypnotisiert, betont das mitreißend marschierende »The Howl« die ungeschliffenen Facetten des neuen Werks. Auch, wenn »Hot Motion« nicht als stärkste Temples-Platte in die Geschichte eingehen wird, so handelt es sich nichtsdestotrotz um ein großartiges Album, aus dem die unwiderstehlich weltumarmende zweite Single »You’re Either On Something« und das dringlich drängende Schlussstück »Monuments« herausragen. Wer Tame Impala sagt, muss auch Temples sagen.                     Dirk Hartmann

Calmus

Calmus

Best of 20 Years

Best of 20 Years

Es war der 25. April 1999, als in Borsdorf vier ehemalige Thomaner gemeinsam als A-cappella-Ensemble auftraten. Weil es zu dieser Zeit öfter vorkam, dass Ex-Thomaner das Singen nicht sein lassen konnten – immerhin schickte sich in den späten neunziger Jahren mit Amarcord ein Ex-Thomaner-Ensemble an, den Sänger-Olymp zu erklimmen –, beachtete kaum jemand dieses Konzert. Was im Rückblick schade ist, denn heute gehört das Ensemble Calmus, das da das Licht der Welt erblickte, in die Champions League des A-cappella-Gesangs. Inzwischen hat sich das Quartett zum Quintett erweitert: Eine Sopranistin bildet den klanglichen Gegenpol zu vier Männern, was Raum für außergewöhnliche Arrangements gibt. 23 CDs und 1.200 Konzerte in 20 Ländern hat Calmus bisher angehäuft. Es wird keine leichte Aufgabe gewesen sein, fürs Jubiläum lediglich eine Doppel-CD mit wegweisenden alten Aufnahmen zu füllen. Die aber erledigte die Plattenfirma Carus mit Hilfe von Querstand, wo Calmus zunächst veröffentlichte, mit viel Liebe fürs Detail: »Best of 20 Years« ist ein virtuoser Rückblick auf 20 fruchtbare Jahre. Hagen Kunze