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Rezensionen

African Head Charge

African Head Charge

Drumming Is A Language

Drumming Is A Language

Im Jahr 2015 wiederveröffentlichte das Label On-U Sound einige Alben der Band African Head Charge: Musik einer britischen Band, die seit 1981 alle Genregrenzen in Frage stellte. Die Gruppe um den Perkussionisten Bonjo Noah mischte archaische, jamaikanische Rasta-Rhythmen mit Dub-Effekten und Industrial – und pfefferte das Ganze auch noch mit einer Prise Postpunk. African Head Charge setzten nie auf den schönen Klang. Diese Musik holpert, kreischt und brummt. Bässe verzerren, verenden im Nichts. Keyboards, Synthie-Sounds und Gesangsfetzen lösen sich in verstörendem Hall auf. Das Psychedelische, Düstere war stets das Terrain, auf dem African Head Charge ihren Platz fanden.  Niemand klingt wie African Head Charge und niemand wird in Zukunft so klingen. Das denkt man sich beim Hören der wunderschönen neuen CD-Box »Drumming Is A Language«, welche den zweiten Teil der Reissue-Serie darstellt und die Alben »Songs Of Praise« (1990), »In Pursuit Of Shashamane Land« (1993), »Vision Of A Psychedelic Africa« (2005) und »Voodoo Of The Godsent« (2011), den bisher unveröffentlichten Raritäten-Sampler »Churchical Chant Of The Iyabinghi« und ein 36-seitiges Booklet enthält. Und auch diese Zusammenstellung zeigt, dass African Head Charge mehr sind als eine klassische Dub-Reggae-Band. Schroffe, polyrhythmische Trommeln und tiefe Bässe treffen hier auf verzerrte Gitarren, Field-Recordings auf experimentelle Sound-Schleifen, Afrobeat auf Funk und Krautrock – eine Herausforderung durchaus, aber auch ein nahezu sakral anmutender, überaus obskurer Hörgenuss. Die jetzt vorliegende Box bietet eine lange Nacht wunderbar seltsamer, gefährlicher Musik, die ganz tief zu graben versteht. So tief wie die Bässe, die auf diesen CDs zu hören sind.  Marc Peschke

Princess Nokia

Princess Nokia

Everything is Beautiful

Everything is Beautiful

Destiny Frasquieri alias Princess Nokia legt hier ein Album der Stunde vor in dem Sinne, dass wir alle demnächst im selbst auferlegten Einschluss jedes bisschen Frühling gebrauchen können. Klingt schon auch ein bisschen nach Kampfansage, sein Album in dieser Zeit so zu nennen, und so muss man den Titel »Everything Is Beautiful« auch verstehen: als kompromisslose Aufforderung zur Selbstliebe. Tiefenentspannt flowt sie über Beats, die beim ersten Hören wie aus einem Guss wirken, sich bei genauerer Betrachtung aber in ihren verspielten Details unterscheiden: Während »Wavy« zum Beispiel zur akustischen Cocktailparty mit smoothem Synthie-Funk einlädt, ist »Gemini« ein Jazz-Loop-Kleinod, auf das sich Konservative wie Trap-Avantgardisten gleichermaßen einigen können; »Happy Place« schmuggelt ein polyrhythmisches Xylofon ins Soundbild. Auf »Blessings«, zusammen mit Jazzer Terrace Martin eingespielt, inszeniert sie vor einem organisch-instrumentalen Hintergrund ihren gereiften Soulgesang. Thematisch geht es darum, vom Leben ein paar auf die Schnauze bekommen zu haben und dem Leben trotzdem entgegenzugrinsen (während man eine mutierte Ratte in die Luft hält, siehe das großartige Cover), und die eigenen Widersprüche auch mal auszuhalten (»I’m boasy, yeah, I’m the shit / I’m a pimp and a hoe / I could take your bitch«). So tiefenentspannt hat man selten einen Rapper, eine Rapperin ein dreifaches »fuck these cops« flöten gehört wie Princess Nokia auf »Green Eggs & Ham«. Vergangenheit: mäßig, Zukunft: ungewiss, doch das Wichtigste ist sowieso die Arbeit an sich selbst und dass man über all dem Schlamassel nicht vergisst zu lächeln. Wichtiger Hinweis. Kay Schier

Slime

Slime

Wem Gehört Die Angst

Wem Gehört Die Angst

Nach knapp vierzig Jahren Bandgeschichte eventuell auch mal über die Rente nachzudenken, ist nicht die Sache von Slime. Den Verlockungen der bürgerlichen Existenz erfolgreich widerstanden, könnte man attestieren, doch diese haben Slime sowieso nie gereizt und tun es auch jetzt nicht: »Geboren um zu zittern, wir fürchten uns so gern / warum in die Ferne schweifen, wir sehen lieber fern.« Weiterhin glänzt die sich selbst so nennende »Mitte« nicht eben durch Courage oder gar Humanismus, also arbeiten sich Slime als Bürgerschrecks vom Dienst weiter an ihr ab. Punk und klare Kante, die Mittel des Kampfes, haben sich in vier Jahrzehnten nicht verändert, wieso auch? Das meiste ist immer noch scheiße. Eine gewisse Altersmilde wiederum lässt sich hier nicht völlig von der Hand weisen, wenn Frontmann Dirk Jora sich beispielsweise in »Paradies« der seligen Zeiten von Ton Steine Scherben und Anti-AKW entsinnt. Was will man machen, er ist eben keine 25 mehr und tut auch nicht so. Zugegeben, es ist kein hundertprozentiges Kompliment, wenn man schreibt, dass sich Slime auf »Wem Gehört Die Angst« wie eine Band anhören, die seit vier Jahrzehnten dieselben drei Akkorde spielt, es ist aber auch nicht despektierlich gemeint, denn die Übung mit diesen drei Akkorden hört man ihnen eben an. Das »zwo, drei, vier« spielen sie mit genug Elan und Raffinesse, dass man sich über die Laufzeit kurzweilig unterhalten fühlt, die Produktion klingt nicht mehr nach Vierspurgerät im Partykeller, hat aber immer noch genug Biss, um sich von H&M-Pop-Punk abzugrenzen. Ohne Überraschungen alles richtig gemacht: Slime bleiben Slime, das passt. Kay Schier

Babykopfjunge

Babykopfjunge

Anthropozän

Anthropozän

Mit wenigen ist über die Jahrzehnte derartig Schindluder getrieben worden wie mit dem Begriff Indie, vor allem, wenn man noch ein -pop dranhängt. Babykopfjunge aus Leipzig leisten ihren Beitrag, das Wort Indiepop wieder als positiven Assoziationsraum zu besetzen: Bisschen versponnen, aber nicht zerfahren, laufen sie einen halben Meter neben der Spur des Mainstreams, wissen aber zu gut Bescheid um die Süße umgarnender, eingängiger Melodien und lassen den Hörer ausgiebig von diesen kosten. Stilistisch bewegen sie sich irgendwo zwischen den Schweizer Kraut-Disco-Clubbern Klaus Johann Grobe und den ironisch-verträumten Songs von Die Kerzen, wobei sich die Krautrock-Schlagseite durch das meist stoisch klöppelnde Motorik-Schlagzeug besonders deutlich abzeichnet. Sie wollen sich immer nicht so richtig entscheiden zwischen Tanzalarm und Katerstimmung, meistens funktionieren die Songs auf »Anthropozän« in beiden Richtungen – was sehr gut ist, zwei Vibes zum Preis von einem, könnte man sagen. Ebenfalls scheuen Baybkopfjunge nicht den gelegentlichen Rockbreak und lockern diesen auf, wenn die Stimmung droht ins Verhipsterte zu kippen. Zudem kann die Band einfach Melancholie, siehe Zeilen wie »Und die Endmoränen wandern ins späte Holozän«, »Hotel Wanne Eickel, vor der Tür nasser Asphalt« oder »Frau Schuhmann streicht müde die Tischdecke glatt und sehnt sich nach ihrem Bett«. So kann das gerne weitergehen. Kay Schier

Caribou

Caribou

Suddenly

Suddenly

Und plötzlich – suddenly – merkt man, das ist vielleicht gar nicht für einen selbst gedacht. Verschämt möchte man sich in die nächste Ecke verdrücken – möglichst lautlos, um ja nicht zu stören. Entziehen kann – und möchte – man sich dem sanften, berührenden Gesang von Dan Snaith aber auch nicht. So lauscht man, wie er in »Sister« Zwiesprache mit seiner Mutter hält und ein virtuelles Duett singt. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus Aufnahmen von Liedern, die die Mutter den Kindern einst vorgesungen hat. Nun sind sie auf »Suddenly« und der vielleicht persönlichste Moment dieses 13. Albums des kanadischen Musikers. Der persönlichste Moment eines ohnehin persönlichen Albums. Die Rhythmen setzen sich wie gewohnt im Ohr fest, die Texte aber im Herzen. Es geht um Familie, Verlust und Vertrauen in der Freundschaft. Natürlich sind es keine Eins-zu-eins-Geschichten aus seinem Leben, aber es sind Ahnungen dessen, was er in den letzten Jahren seit »Our Love« von 2014 erlebt hat. Das ist auch das Besondere an »Suddenly«: Es ist kein reines Elektro-Pop-Album. Die Themen zwingen einen, von den Rhythmen wegzugehen, sie mitunter zu ignorieren. Mit dem Wissen um die tiefer liegende Bedeutung erschließen sie sich dann ganz anders. Und plötzlich merkt man: Das ist nicht so weit weg von meinem Leben.  Kerstin Petermann

Caroline Rose

Caroline Rose

Superstar

Superstar

Caroline Rose hat sich im Laufe ihrer Karriere stetig neu erfunden. Ihre ersten beiden Alben passten noch gut in die Schublade »alternativer Country/Folk«. Auf den Drittling »Loner« packte sie jede Menge Synthies und eine ordentliche Portion Ironie. Dieser Trend setzt sich konsequent auf dem neuen Album fort. Hierauf stilisiert sich Rose als Superstar, der sie nie war und wohl auch nie sein wird. Mithilfe dieser Kunstfigur kann Rose schlechte Charakterzüge ausleben und gleichzeitig schmissigen Indie-Pop mit viel Dancefloor-Appeal raushauen. O-Ton der Künstlerin: »Für mich bedeutet Hybris sowohl Humor als auch Horror. Auf dem Album geht es um bestimmte Teile meiner Persönlichkeit, die ich vor allem abstoßend und peinlich finde.« Das Zelebrieren von Anmaßung und dem damit verbundenen Scheitern hat etwas zugleich Überzogenes, Heilsames und Emanzipatorisches, was sich wunderbar in der Musik niederschlägt. Die Musikerin surft galant zwischen großer Tragik und absoluter Freiheit. Wer Kolleginnen wie Basia Bulat oder Anna Burch schätzt, sollte Caroline Rose unbedingt eine Chance geben. Kay Engelhardt

Kuhnau

Kuhnau

Geistliche Musik

Geistliche Musik

Am Anfang mögen nicht wenige gelächelt haben angesichts des Planes, alle vorhandenen Kirchenmusiken des Bach-Vorgängers im Amt des Thomaskantors Johann Kuhnau auf CD zu bannen. Denn im Streaming-Zeitalter scheint solch ein Großvorhaben durchaus riskant, zudem lag für viele Werke nicht einmal Aufführungsmaterial vor. Doch mittlerweile ist das Bergfest gefeiert und die vorliegende fünfte von insgesamt acht Scheiben zeigt, dass die musikalische und editorische Qualität des Projektes über Jahre hinweg gehalten werden kann. Wie ihre Vorgängerscheiben präsentiert auch Volume 5 eine große musikalische Bandbreite. Fünf Kantaten vereint die CD: Beachtlich ist vor allem »Singet dem Herrn ein neues Lied« – eine opulent besetzte Psalmkantate, in der der Komponist die klanglichen Möglichkeiten der Thomaskirche effektvoll nutzt. Geschickt setzt Gregor Meyer das Werk ans Ende der Scheibe, denn hier dürfen die Sänger und Instrumentalisten noch einmal mit faszinierender Vitalität und Musizierfreude aufwarten und so eine Lanze für den noch immer in Bachs Schatten stehenden Kuhnau brechen. Hagen Kunze

John Eliot Gardiner / English Baroque Soloists

John Eliot Gardiner / English Baroque Soloists

Bachs Violinkonzerte

Bachs Violinkonzerte

Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte, Live-Aufführungen der English Baroque Soloists mit Konzertmeisterin Kati Debretzeni unter der Leitung John Eliot Gardiners zu erleben, wird sich freuen, die Barockgeigerin mit ihrem innigen und agilen Spiel in der vorliegenden Aufnahme so exponiert zu hören. Die zwei bekannten Violinkonzerte a-Moll BWV 1041 und E-Dur BWV 1042 erfüllt Debretzeni in den schnellen Ecksätzen mit viel Emphase und unglaublicher Lebendigkeit. Eine Atmosphäre, der man sich kaum zu entziehen vermag, entsteht aus dem Kontrast zwischen rhetorisch phrasiertem und stark artikuliertem Continuo und der tragenden, von innig-lebendigem Klang erfüllten Linearität der Solovioline.  Ganz im Sinne von Bachs eigener Parodiepraxis, das heißt der Mehrfachverwendung seiner Werke für verschiedene Anlässe, liegt hier das Cembalokonzert D-Dur BWV 1035 in einer Fassung für Violine vor. Bei dieser Bearbeitung von Kati Debretzeni stützt sich die Geigerin auch auf zahlreiche Verwertungen dieses Werks von Bach selbst, jeder der Sätze des Cembalokonzertes nämlich taucht auch in einer Fassung mit obligater Orgel in Kantaten auf. Das Cembalokonzert in d-Moll existierte wie eine Reihe anderer Konzerte ursprünglich in einer Form für andere Soloinstrumente. Lange Zeit ging man aufgrund zahlreicher sehr violinistisch komponierter Passagen deshalb davon aus, dass dieses Konzert ursprünglich für Violine komponiert wurde. Die vorliegenden Aufnahmen überzeugen mit dieser Version der Konzerte restlos. Anja Kleinmichel

Ätna

Ätna

Made By Desire

Made By Desire

Ziemlich schade, dass Metro Goldwyn-Mayer die Chance vertan hat, Ätna für den neuen »James Bond«-Titelsong anzufragen: Style, Gefahr, Glamour, Abenteuer, »Made By Desire« liefert das alles und ist nebenbei noch das bislang spannendste Debüt des jungen Jahres. Der Titel samt durchgestyltem Cover, das wirkt wie einer Ausgabe der Vogue entnommen, deutet schon an, dass hier mit bewusst großen Gesten musiziert wird. Anspruch bedeutet bei Ätna aber nicht Großspurigkeit als Selbstzweck: Die sind wirklich so gut, wie sie tun, und auch noch extrem cool dabei. Wen die Ästhetik des Duos an schultergepolsterte Jacketts, Duran Duran und verhallte Drums denken lässt, der liegt damit an sich schon richtig, nur sprengen Ätna sämtliche Grenzen, die einem der Begriff Synthiepop vorgibt. Elemente aus Techno, Reggaeton, Indie, ein untrügliches Gespür für die überraschende Abzweigung im Song, die das Gehirn an der genau richtigen Stelle kitzelt, sowie allgemeine kreative Unerschrockenheit verbinden sich mit Songwriting im Imax-Format zu einem explosiven Cocktail. Sie können mit flirrenden Beats die große Festivalbühne aufpeitschen, wie in »Won’t Stop« oder »Ruining My Brain« exerziert, aber auch melancholisch-drängend im Schlafzimmer schmachten wie in »Try« (und dabei ihr Klavierspiel gar vorzüglichst phrasieren). Instrumentalistin und Sängerin Inéz Schaefer moduliert ihre Stimme nach Belieben von sirenenhaftem Heulen über zart gehauchte Balladen bis hin zu Ragga-artigem Sprechgesang und performt ebenso abwechslungsreich wie virtuos. Bei aller an der Musikhochschule gestählten Finesse verlieren Ätna nie das Ziel aus dem Blick: großer Moment, großes Gefühl, großer Pop. Frühling kommt früh dieses Jahr: Erwerben Sie »Made By Desire«! Weinen Sie dazu, tanzen Sie dazu! Hören Sie Ätna! Kay Schier

Prinz Porno

Prinz Porno

Mit Abstand

Mit Abstand

Wenn Friedrich Kautz, Familienvater aus dem Prenzlauer Berg und so ziemlich der deutscheste Typ unter unserer trüben Sonne, in den Eröffnungstrack ein launiges »Inshallah« einstreut und von seinen »Akhis« schwadroniert, wirkt das durchaus befremdlich. Es selbst sieht das wahrscheinlich anders, farbenblindes Straßenkind und so. »Ferrari in Orange / ihre Haare platinblond / ich fühl mich auf dem Beat so wie der Pate in der Bronx«: Nicht, dass man ihm dieses Gefühl nicht gönnen würde. Extra zu diesem Behufe hat Prinz Pi schließlich das Prinz-Porno-Alter-Ego reaktiviert: Das Käppi mal wieder um 180 Grad nach hinten drehen und ohne den Druck großer Themen den Battlerap zelebrieren. Die Beats sitzen tadellos, serviert wird Trap der ruhigeren, mitunter melancholischen Machart. Sie funktionieren als Kontrapunkt zur angriffslustigen Lyrik im Prinzip gut. Sie würden noch besser funktionieren, wenn sie sich untereinander nicht so saumäßig ähnlich wären. Dass er in der Rap- und Reimkunst bewandert ist, will man Ihro Majestät nicht absprechen, der Flow passt stets wie angegossen, die Reimketten über Auto, Uhr und das stattliche Eigenheim unterhalten durchaus, wenn man sich darauf einlässt, dass Battlerap eben kein Seminar in Kritischer Theorie ist. Schade nur, dass sich Prinz Porno so bierernst nimmt in seinem Anspruch, lyrisch den Gangster spielen zu wollen. Zweckreim-Zeilen wie »Jeder Motor klingt wie ’ne AC/DC-EP / Ve-ni, Vi-di, Vi-ci« oder Weisheiten der Marke »Nur wenn man wirklich immer wieder aussiebt / hat man irgendwann eine, die nie auszieht«, garniert mit Kalauern à la »unterscheiden wie Always Ultra« lassen eher an Onkel Axel auf der Familienfete nach fünf Kurzen denken als an ein Kreuzberger Original, respektive an den selbst ernannten »coolen Lehrer«, den die Neuntklässler mal vom Joint ziehen lassen, damit er sie mit seinem »Yo Yo, alles fresh, Alter?« in Ruhe lässt. Kay Schier

Fernando Falcão

Fernando Falcão

Memória Das Águas

Memória Das Águas

»Memória Das Águas«, das 1979 erschienene Album von Fernando Falcão, ist ein vergessenes Stück brasilianischer Kultur. Schon zu seiner Entstehungszeit war diese Musik ungewöhnlich. Ein ganz besonderes Werk, das schwer einzuordnen war. Falcão, Dichter, Komponist, Improvisationsmusiker, Instrumentenbauer, Künstler, war ein Mann, der keine musikalischen Grenzen kannte. Seine Musik spielte der 1969 nach Paris emigrierte Brasilianer unter anderem auf selbst gebauten Instrumenten, machte Feldaufnahmen im Regenwald, in Städten und Dörfern, mischte das Ganze mit Streichern und legte bisweilen einen treibenden, synkopischen Beat darunter, der es in sich hatte. Schon 1979 hatte diese experimentelle Musik kaum jemand verstanden – was sich heute nicht verändert haben wird. »Memória Das Águas«, vor Kurzem bei dem brasilianischen Label Selva Discos wiederveröffentlicht, erinnert an einen 2002 verstorbenen Musiker, der 1987 noch ein zweites Album, »Barracas Barrocas«, herausgebracht hat. Doch Falcão, der sich in den 1960er Jahren der studentischen Protestbewegung gegen die Militärdiktatur angeschlossen hatte, verstand sich nicht nur als Musiker: Seine surrealen Soundskulpturen waren gleichzeitig auch Werke der bildenden Kunst. Und so freigeistig klingt auch diese instrumentale Musik. Selten klang so vieles auf einmal: Volksmusik verschiedener Länder und freier Jazz, afrikanische Rhythmen, Neue Musik, Samba, Filmmusik, Progressive Rock, Krautrock und Ambient, alles tönt zusammen. »Memória Das Águas« ist ein Album für Menschen, die keine Angst vor dem musikalischen Experiment haben, vor wilden Brüchen, vor der Schönheit der Unordnung.  Marc Peschke

Nada Surf

Nada Surf

Never not together

Never not together

»Never not together« als Antithese zu »Ich bin immer da, wo du nicht bist«? Nein, nein, nein. Es ist nicht einmal eine Art Übersetzung von »Drüben auf dem Hügel möchte ich sein«. Das neunte Studio-Album von Nada Surf ist kein Liebesalbum. Es knüpft vielmehr an die Refrainzeile von »Always Love« an: »Hate will get you every time«. Zu dieser Zeile vom 2005er Album »The weight is a gift« bildet »Never not together« den optimistischen, humanistischen Gegenentwurf. Ein Album, das mit Harmonien kontert, wenn ihm der erhobene Mittelfinger entgegengestreckt wird. Dabei schaffen Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot das Kunststück, nicht kitschig zu sein. Sie sagen einfach: Pack den Finger weg. Wir wollen eine Gesellschaft ohne Mittelfinger und zeigen dir mal, wie das geht. Dann hauen sie ordentlich in die Saiten und auf Felle. Und an dieser Stelle wären sie eine recht gängige Rockband. Aber die Texte, die liebevoll in das (Er-)Leben von Kindern, Jugendlichen, Männern und Frauen reinzoomen, erzählen von Unsicherheit in der Pubertät, Sätzen, die noch gesagt werden müssen, und Menschen, denen wir noch vergeben müssen. Die warme Stimme von Matthew Caws und die sanften Harmonien machen Nada Surf zu einer Band, mit der man gerne den 15. Geburtstag ihres Erfolgsalbums »Let Go« feiert (vor zwei Jahren) und es ihr gönnt. Eine Band, deren Liedern man gerne in Filmen und Serien begegnet (»Oh Boy«, »Pastewka«), weil sie ohnehin das eigene Leben beschreiben. Eine Band, die nicht umsonst seit über 20 Jahren eine Konstante im nicht mehr ganz so Indie-Kosmos ist. Mit »Never not together« haben sie die Grenze zwischen Rock und Pop wieder etwas mehr in Richtung Pop verschoben. Wie sie aber entgegen allen negativen Nachrichten, wütenden Posts und irrationalen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft so viel guten Glauben an die Menschen auf Vinyl pressen, ist herzerwärmend. Merci.  Kerstin Petermann

Real Estate

Real Estate

The Main Thing

The Main Thing

Real Estate basteln seit nunmehr fünf Alben am perfekten nostalgischen Schlafzimmer-Pop. Nostalgisch sind dabei vor allem die Reminiszenzen an den amerikanischen Folk-Pop der Sechziger und Siebziger. Spätestens seit dem letzten Album ist auch der Einfluss der Achtziger unüberhörbar. Die Beach Boys, Yo La Tengo und Felt sind immer noch Klangverwandte im Real-Estate-Kosmos. Die Band, die in Brooklyn wohnt und arbeitet, schafft es wie kaum eine andere, mit Balladen und Instrumentals zu grooven. Das ist auch wieder auf »The Main Thing« frappierend. Neu sind das eine oder andere Streicher-Arrangement sowie die Zuarbeit von Gastmusikern. Mitgeholfen haben etwa Amelia Meath von Sylvan Esso, Matt Barrick von The Walkmen und Aaron Johnston von Brazilian Girls. Und nach dem eher soliden letzten Album »In Mind« sind Real Estate auf »The Main Thing« glücklicherweise wieder in absoluter Top-Form. Kay Engelhardt

Patricia Kopatchinskaja

Patricia Kopatchinskaja

Time and Eternity

Time and Eternity

Die in der Schweiz lebende, 1977 in Moldawien geborene, mittlerweile legendäre Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat sich von herkömmlichen Konzert- und Plattenformaten verabschiedet, bringt künstlerische Konzepte auf die Bühne, die sogenannte »Klassik« in ungewohnte Kontexte stellen. Ihre künstlerischen Statements leben nicht nur von überraschenden Einfällen, sondern vor allem von der unglaublichen Intensität ihres Violinspiels. Kopatchinskajas erdverbundene Klanglichkeit ist für jedermann auch sichtbar, stets spielt sie barfuß auf der Bühne. Bei Alpha erschien zuletzt gemeinsam mit dem Ensemble »Camerata Bern«, dessen künstlerische Leiterin Kopatchinskaja seit 2018 ist, das neue Album »Time and Eternity«. Die Repertoireauswahl kreist um die Themen Vergänglichkeit, Sterben, Angst. Erinnerung an die Opfer von Krieg und Verrat steht neben der christlichen Passionsgeschichte. »Diese Musik handelt von uns, unserer Vergangenheit und unserer Zukunft«, schreibt die Geigerin zum Programm. Sie bestimmt Karl Amadeus Hartmanns (1905–1963) Violinkonzert »Concerto funebre« aus dem Jahr 1939, entstanden aus Empörung und Verzweiflung über den Nationalsozialistischen Terror in Deutschland, zu einem Hauptwerk dieser Aufnahme. Das Konzert zitiert Lieder und assoziiert Gesänge, die in die Dramaturgie der Platte wirkungsvoll eingewoben sind und einen ungewöhnlichen und Aufmerksamkeit einfordernden Ablauf bis zum letzten Ton garantieren. Das andere Hauptwerk ist Frank Martins (1890–1974) hochexpressives »Polyptyque«, entstanden nach mittelalterlichen Bildern aus der Passionsgeschichte. Kontrapunktiert werden die ergreifend gespielten Sätze durch für Streicherensemble bearbeitete Bach-Choräle aus der Johannes-Passion, die den Schmerz der Welt in eine zumindest musikalische Erlösung transformieren. Anja Kleinmichel

LXC

LXC

Cyanz

Cyanz

Cyan train is coming! Mit groovy Gefahrengut! 45Seven, das Alphacut Records-Sublabel für 7"-Singles mit bassschwerem und teils gen Jungle Roots verstricktem Dub (ohne -step: längst Schritte weiter), beginnt 2020 mit der Jubiläumsnummer 20 und die ist von ausgesucht ätzender Qualität. Denn die vom Labelchef LXC produzierte Soundattacke klingt A-seitig, als wäre King Tubby-Sprössling Scientist definitiv Chemiker und hier zur Session im kaputten Leuna der Spät-Achtziger gewesen, assistiert von verrückten Professoren. Ein extrem scharf schneidendes Acid-Blubber-Breakbeat-Monster, das mit dem Lion of Cyan durch schillernde Giftpfützen tanzt – als wundervoll chaotisch gemixte Fortführung dessen, was LXC schon 2010 mit der Sozialistischer Plattenbau-7" »Lyzerk« als Säure-Dub anrührte. Die B-Seite »How Bleep Is Your Dub« lässt dazu die melancholische Melodica von Emperor Echo über ein fröhlich dystopisches Geräuschgroll-Riddim fliegen, als wäre es der letzte Morgen überhaupt. Gepresst in schönstes cyanfarbenes Vinyl. Alexander Pehlemann

Blond

Blond

Martini Sprite

Martini Sprite

Es fängt ein bisschen albern an, wenn die drei Chemnitzerinnen singen, dass wir viel Spaß haben sollen mit dem Album. Aber dann haben wir den! Denn sie foppen uns so schön. Wenn sie von esoterischen Relax-Szenarien wie Meeresrauschen und Geborgenheit im Hier und Jetzt singen, knallt der Refrain überraschend raus: Ich will und kann mich nicht entspannen. Wenn es in »Nah bei dir« heißt: »I love you, alles, was ich will, bist du«, wird am Ende eine Konkurrentin im Garten begraben. Wenn sie von einem Baggersee-Date mit dem jugendlichen Studi-VZ-Schwarm singen, dann kickt da gerade die Menstruation voll rein. Bloody storm in my uterus. Blond, die Band von Lotta Kummer, Nina Kummer und Johann Bonitz, spricht in fast jedem Song feministische Themen an. Da geht es um die Angst, die Frauen ständig auf dem Nachhauseweg begleitet und sie eine Faust um den Haustürschlüssel ballen lässt, da geht es um »Für eine Frau ganz gut«-Sprüche gegenüber Musikerinnen, wenn sie ihre Technik selbst verkabeln können. Und um das Gefühl, dass man sich einfach nicht verliebt, weil der Typ zwar lustig ist, aber dann Dickpics schickt. Auch das Rock’n’Roll-Leben wird thematisiert – und es ist nicht so glamourös, wie es die Musik von Blond vermuten lässt. Die ist nämlich voller Glam. Popchansons mit Rockgitarre und fröhlichen Melodien. Eine Platte voller Ohrwürmer zum Tanzen und (kranke) Hits zum Mitsingen. Grandios! Juliane Streich

And you will know us by the Trail of Dead

And you will know us by the Trail of Dead

X: The Godless Void and Other Stories

X: The Godless Void and Other Stories

Ein X ziert das Cover des aktuellen Albums der Texaner Art-Post-Rocker von And you will know us by the Trail of Dead. Nicht groß und symbolhaft wie bei The XX. Natürlich nicht. Denn es ist kein Stoppschild. Es ist klein und verschlungen. Wie ein Ornament ziert es verschämt den Titel des Albums: »X: The Godless Void and Other Stories«. Es ist eine Zehn. 10 Alben haben sie schon gemacht in 26 Jahren. Dabei haben sie Standards gesetzt und Teenager musikalisch sozialisiert. Das lastet schwer und man möchte Danke sagen dafür, dass sie sich fünf Jahre Zeit gelassen haben, um es reifen zu lassen. Conrad Keely war in Kambodscha. Um Inspirationen zu sammeln, möchte man meinen. Die Einflüsse exotischer Rhythmen und Instrumente finden sich aber erstaunlich wenig auf dem Album. Songs wie das titelgebende »Into the void« oder »Don’t look down« sind überraschend klassische Rocksongs. Letzteres wirkt mit dem introspektiv sprechenden lyrischen Ich besonders wie eine Rückschau auf das vergangene Vierteljahrhundert und das Ergebnis der fünfjährigen Auszeit, an deren Ende die konsequente Antwort auf die Frage »Wo wollen wir hin« steht: Wenn ihr in uns eure musikalischen Wegbegleiter seht, dann geben wir euch Emo, Reminiszenzen und Identifikationspotenzial. Statt Anklänge an Mythen und anthropologische Theorien gibt es ziemlich straighten Postrock. Nicht back to the future, sondern vorwärts in die Vergangenheit.  Kerstin Petermann

Jackboys

Jackboys

Jackboys EP

Jackboys EP

Wer die Netflix-exklusive Dokumentation »Look Mom I Can Fly« gesehen hat, ist zwar nicht sonderlich schlauer geworden, was die Person von Travis Scott angeht, denn die Heldenverehrung des Regisseurs war ganz offensichtlich ebenso ausgeprägt wie die des durchschnittlichen Fans. Dafür gewann man einen ziemlich guten Einblick in das Phänomen, das der Mann in Amerika darstellt: Moshpits mit einem Kilometer Durchmesser, Teenager, die vor der Kamera beschwören, seine Musik habe ihr Leben gerettet, absoluter Ausnahmezustand vor jedem Konzert schon in der Einlassschlange. Neben seinem Hauptberuf als Popstar und Stilikone betreibt Travis Scott das Label Cactus Jack und will mit der nun vorliegenden Compilation seine Zöglinge einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Das funktioniert alles in allem so mittelgut. Zum einen schwankt die musikalische Qualität der Labelmitglieder recht stark, ein Don Toliver zum Beispiel verfügt über eine sehr markante Stimme samt Gesangs- und Rapstil, ein Sheck Wes wiederum ist ein One-Hit-Wonder und wird es vermutlich auch bleiben. Zum anderen ist jeder Track auf der EP um den Travis-Scott-Part herum gebaut, schon ab der ersten Sekunde wartet man auf seine charakteristische Autotune-Stimme, was den Hörgenuss merklich schmälert: Die Tracks auf der EP sind einfach zu berechenbar. So, wie sie ist, wirkt die ganze Unternehmung weniger wie Promotion für Scotts Label als vielmehr wie ein weiteres Solo-Tape, für das er sich aber nicht ganz so viel Mühe gegeben hat. Kay Schier

Tarek

Tarek

Golem

Golem

KIZ haben den deutschen Rap geprägt wie wenige andere Acts: Vorher gab es in dieser Form eigentlich keine Selbstironie im Genre. Von den drei Rappern Tarek, Maxim und Nico traute man Ersterem stets am ehesten eine Solokarriere zu, er war nicht nur immer schon der versierteste Rapper der Gruppe, seine Punchlines zündeten das entscheidende My bissiger als die der Kollegen, außerdem kann er singen. Schade nur, dass er auf seinem Soloalbum keine dieser Qualitäten wirklich ausspielt. Die Midlife-Crisis scheint präsent zu sein, thematisch geht es um Berliner Feiernächte aus der Perspektive von jemandem, der das Ganze schon ein bisschen zu lange macht. Selbstzweifel können zwar wertvolles lyrisches Material darstellen, aus dem Mund eines der kommerziell erfolgreichsten Rapper Deutschlands wirken Zeilen über Abstürze im Club mit Mitte dreißig aber einfach nicht unbedingt zwingend. Das Soundbild besteht aus einem Vocoder-Autotune-Matsch, der vermutlich Musikalität simulieren soll, wo keine ist. Man wünscht sich den Assi von einst zurück, beziehungsweise, dass Tarek einen Produzenten findet, der seine Dreißiger musikalisch interessanter unterfüttern kann. Kay Schier

Lautten Compagney

Lautten Compagney

Circle Line

Circle Line

Der Name führt in die Irre: »Circle Line« heißt das neue Album der Berliner Alte-Musik-Experten von Wolfgang Katschners Lautten Compagney. Gemeint ist nicht die Londoner U-Bahn, sondern die Ringbahn der deutschen Hauptstadt. Und natürlich ist der Titel auch nur im übertragenen Sinn zu lesen. Als: Alles ist mit allem verbunden. Denn gleich, ob man sich für die Ideen der alten Musik interessiert oder für die Konzepte der neuen: Die heutigen und einstigen Avantgardisten eint mehr, als man auf den ersten Blick glaubt. Das Konzept ist einleuchtend: eine CD als Rundreise durch die Musikgeschichte. Als Startpunkt dient die Frührenaissance, sprich: der Franko-Flame Guillaume Dufay, der rhythmisch komplexe Gebilde zu einem Ganzen formte und damit Mitteln der Minimalisten des 20. Jahrhunderts vorgriff. Schön: Die Idee der Rundfahrt wird plastisch umgesetzt, wenn am Ende der CD die Stücke vom Anfang erneut aufgegriffen werden. So fährt Philip Glassʼ »Train To São Paulo« mit seinen stampfenden Rhythmen nach gut einer Stunde Hörerlebnis gleich noch ein zweites Mal in den Bahnhof ein. Hagen Kunze