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Rezensionen

Quavo, Takeoff

Quavo, Takeoff

Only Built For Infinity Links

Only Built For Infinity Links

Das Raptrio Migos erweckt manchmal den Eindruck, es würde sich ein Hirn teilen: Organisch der Flow, die eingestreuten Adlibs, die subtilen Lacher über die Lines der Kollegen. Quavo und Takeoff, zwei Drittel der Migos, haben nun ein gemeinsames Projekt auf Albumlänge vorgelegt. Frühere Soloprojekte der Rapper waren durchwachsen und die beiden Fortsetzungen des Trap-Meilensteins »Culture« (2017) enttäuschten. Mit einem Albumtitel, der an Eastcoast-Legende Raekwon anspielt, und einem Cover, das einem Salute an Outkasts »Stankonia« aus dem Jahr 2000 gleichkommt, sind die Ansprüche klar formuliert. Viele Songs sind Hommagen an Klassiker des Genres. Der Opener sampelt etwa Jay-Zs »1-900-Hustler«; »Bars Into Captions« bedient sich am Beat des Outkast-Hits »So Fresh, So Clean«. Diese Zitate funktionieren gut und der Flow der beiden harmoniert perfekt. Die Lines sind dann so, wie man es von den Migos gewohnt ist: Auf »Look @ this« ertönen erst nachdenkliche Streicher, dann der wuchtige Beat – und diese Zeilen: »Show out on these hoes, player / Patek, rose gold«. Sozialkritische Texte hingegen sucht man vergebens. Eine der grundlegenden Fragen in Bezug auf das Trap-Genre ist, wie zukunftsfähig Hiphop ist, der mehr auf Flow und Beats ausgelegt ist als auf Message und Lines. Quavo und Takeoff geben darauf keine endgültige Antwort. Davon abgesehen lässt sich das Album trotz mancher Längen bei 18 Songs gut durchhören. Jan Müller

Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich

Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich

Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich

Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich

Es heißt Mutter, es sieht aus wie Mutter und es ist Mutter drin: Die Rede ist vom neuen Album der Berliner Band um Sänger und Texter Max Müller: »Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich«. Und trotzdem hält die Frau auf dem Cover musikalisch nicht, was sie verspricht. Was auf dem von Müller selbst gezeichneten Cover so schmerzvoll und verzweifelt wirkt, entpuppt sich (wie so oft zuvor bei der Band) als musikalisch kräftig, kompromisslos, entschlossen und bestimmt, zuweilen aber auch als sanft und zerbrechlich. Mit diesen Mitteln thematisieren die Berliner die Unerreichbarkeit von Zielen, die uns die Gesellschaft mitunter aufbürdet – wie in »Und die Sonne scheint umsonst (Nur der Himmel weiß warum)«. Mit Poesie und swingenden Beats untermalen sie die Diskussion um das Patriarchat und Gleichberechtigung (»Tal der weißen Männer«). Das ist der wahre Kniff der seit über 30 Jahren bestehenden Band: Einfach alles zu nutzen, was ihnen künstlerisch zur Verfügung steht, und sich nicht festlegen zu lassen. Deshalb ist »Ich könnte Du sein, aber Du niemals ich« kein einfaches Post-Punk-Album, kein Post-New-Wave-Album oder was auch immer. Es changiert musikalisch irgendwo dazwischen, mit ein paar Blues-Elementen und Ausflügen in den Indie-Pop. Aber zum vollen Verständnis fehlt eben noch das Cover, das eine inhaltliche Ebene anbietet und dies gleichzeitig nicht soll. Die Band schiebt eine im Stile einer Kunstinterpretation gestaltete Video-Beschreibung des Covers zur Veröffentlichung hinterher. Sie lässt einen über die übergroße Bedeutung einer Mutter nachdenken und macht sich gleichzeitig lustig über die Ernsthaftigkeit einer solchen minutiösen Interpretation. Mutter lässt sich nicht festlegen. Und so ist am Ende eben doch wieder Mutter drin, wo Mutter draufsteht. Kerstin Petermann

Sparta

Sparta

Sparta

Sparta

Komplette Throw-Back-Time, oder was? Sparta sind wieder da. Mit ihrem gleichnamigen fünften Studioalbum. Und sofort gehen erst einmal alle Türen zu den 1990ern und frühen 2000ern auf: euphorische Erinnerungen an At the Drive-in, wehmütige Gedanken an Emo-Core-Momente mit Thursday und The Get Up Kids. Denn die sind auf dem Album beziehungsweise der dazugehörigen Tour mit vertreten. Aber trotzdem: »Sparta« ist keine Nostalgie-Zweitverwertung. Das Album umfasst zwölf vielseitige und energiegeladene Songs, die in durchschnittlich 2:50 Minuten Spielzeit mal den Bass, mal das Schlagzeug von der Leine lassen und nach vorne treiben, die aber auch mal in fünfminütigen extended Tracks Raum für Soli und fürs Jammen bieten. Spielfreude nach zwei Jahren Ruhe und diversen Soloprojekten. Ein bisschen »erwachsener« vielleicht nach den Erfahrungen mit anderen Projekten, nicht mehr ganz so kompromisslos impulsiv wie At the Drive-in oder das erste Sparta-Album »Wiretap Scars«. Zu hören sind aber auf jeden Fall die Texas Roots (bei »Spiders«). Und das ist gut so. »Sparta« ist so eine Reminiszenz an den Beginn der 2000er, aber kein vergangenheitsseliger Altherren-Rock. Es ist ein Album, das Spaß macht. Kerstin Petermann

The Düsseldorf Düsterboys

The Düsseldorf Düsterboys

Duo Duo

Duo Duo

Schockverliebt. Anders kann ich meinen Erstkontakt zu den Düsseldorf Düsterboys nicht beschreiben. Zwei junge Männer – Peter und Pedro, der eine heißt, wie der andere aussieht –, eine Akustik- und eine Stromgitarre, dazu zweistimmiges Gebrumm absonderlicher Texte, im Fenster hinter der Bühne tut der Hamburger Hafen, als ob nichts wäre (Zusatzpunkt für alle, die den Pudel-Club erkannt haben). Aber von wegen! Das ist die mit Abstand aufregendste Band der Welt! Gerade weil sie dermaßen unaufgeregt ist, weil sie dermaßen zeitlos klingt, so unambitioniert rüberkommt und dabei nie an Dringlichkeit verliert. Album gibt’s an dem Abend noch keins, die EP auf Kassette ist ausverkauft. Wir spulen knapp fünf Jahre vor: Die Düsterboys veröffentlichen im Herbst 2022 ihr viertes Album. Dass zwei davon unter dem Bandnamen International Music erschienen, wird die Musikgeschichte dereinst als Randnotiz vermerken – beide Bands sind das Duo Pedro und Peter, das damit praktisch ein »Duo Duo« ist. Und so heißt nun die neue Platte, die sehr gut, aber nicht so gut wie »Die besten Jahre«, »Nenn mich Musik« und »Ententraum« ist. Mit »Ab und zu« und »Lavendeltreppen« gibt es aber wieder mindestens zwei richtige Anti-Hits, die einem in den seltsamsten Momenten nicht aus dem Kopf gehen. Und aus dem Verliebtsein ist längst Liebe geworden. Benjamin Heine

The Bug

The Bug

Absent Riddim

Absent Riddim

Song-Versionen auf dem gleichen Instrumental, dem »Riddim«, gehören zum vibrierenden Sound-Paket, das Jamaika dem Weltkulturerbe spendierte. Manche reihen Hunderte Varianten aneinander, und seit 1974, als »Yamaha Skank« erschien, ist die One-Riddim-LP Teil des Phänomens. Kevin Martin aka The Bug ist von dieser Kulturtechnik fasziniert und fügt nun seine eigene Perlen-Kette hinzu, die zudem das wohl erste Album dieser Art außerhalb Reggae-affiner Zirkulation ist. Denn »Absent« ist ein basslastiger, bebender Lava-Fluss, manisch walzend und überflogen von Dub-Effekten aus der Vorhölle. Entsprechend ist auch die Wahl der sechzehn auf dem Album vertretenen Stimmen ausgefallen, darunter Schwergewichte wie Justin K Broadrick, Nicholas Bullen, Mark Stewart, Dälek, Moor Mother und Nazamba (RIP), aber auch Kontrapunkte verzweifelter Schönheit wie Dis Fig oder sein King-Midas-Kompagnon Roger Robinson. Absolut zwingend! Alexander Pehlemann

Herbert Blomstedt

Herbert Blomstedt

Schubert: Sinfonien

Schubert: Sinfonien

Die lange geplante große Feier zum 95. Geburtstag am 11. Juli im Rosental musste Herbert Blomstedt wegen eines Sturzes leider absagen. Mittlerweile geht es dem Ehrenkapellmeister des Gewandhausorchesters besser, neue Projekte sind geplant. Und ganz verzichten mussten die Fans im Sommer ja auch keineswegs: Kurz vor dem Geburtstag erschien eine neue CD des agilen Schweden, die dessen hörenswerte Sicht auf Franz Schubert präsentiert. Eine Neuigkeit, die selbst für den 95-Jährigen mit der großen Diskografie beachtlich ist. Denn das Album, das mit der »Unvollendeten« und der »Großen« die beiden bekanntesten Sinfonien Schuberts nebeneinanderstellt, ist die erste Produktion, die Blomstedt für das Prestige-Label Deutsche Grammophon produziert, das nun dank der Bindung an den aktuellen Chefdirigenten die Heimstatt des Gewandhausorchesters ist. Die späte Label-Premiere lohnt sich selbst für die, die beide Werke schon dutzendfach im Schrank stehen haben. Auch hier sorgt Blomstedts Lesart für Überraschungen: Der Dirigent formt die Musik gewissenhaft und gestaltet mit viel Liebe zum Detail. Hagen Kunze

Steffen Schleiermacher/Josef Matthias Hauer

Steffen Schleiermacher/Josef Matthias Hauer

Early Piano Music

Early Piano Music

Nach seiner Veröffentlichung von bereits vier CDs mit Klavierwerken, Liedern und Kammermusik von Josef Matthias Hauer (1883–1959) legt der Leipziger Pianist und Komponist Steffen Schleiermacher nun Hauers Frühwerk für Klavier vor. Josef Matthias Hauer – der wenig bekannte Antipode Arnold Schönbergs – erschuf seine ganz eigene Zwölftonmusik, sah sich im Gegensatz zu Schönberg aber nicht in Fortsetzung der Kunstmusiktradition. Nahezu isoliert und verarmt lebte und wirkte er in Wien, wo er einen ganz eigenen Kosmos mit seiner Vision einer ornamentfreien architektonischen Musik erschuf. Sein Frühwerk beinhaltet mehrere Zyklen sehr kurzer Stücke. Der Widmungsträger des Zyklus Nomos op.1 schreibt: »die mir fremden Akkorde und Melodien, die klangen, als ob einer in tiefstem Schlaf aus einem schweren Traum heraus geheimnisvolle Worte spräche«. Fast schwebend körperlos tönen auch die Nachklangstudien op.16 bei Schleiermacher. Geradezu rätselhaft sind die Miniaturen zu imaginierten Filmszenen, »Musik-Film« op.51 von 1927 mit Stücktiteln wie »Schleichende Stunden«, »Verglühende Leidenschaft« und »Sport«, deren Entstehungskontext nicht geklärt ist. Sie stehen im scheinbaren Gegensatz zur angestrebten emotionalen Entschlacktheit der von Hauer proklamierten Ästhetik. Für den Interpreten sind sie besonders anregend, insofern sie keinerlei Angaben zu Dynamik und Tempo enthalten. Steffen Schleiermacher ist hier mit seiner typisch unpathetischen, manchmal verschmitzten und überaus prägnanten Darstellung dieser Musik ganz in seinem Element. Anja Kleinmichel

The Beths

The Beths

Expert In A Dying Field

Expert In A Dying Field

The Beths machen es uns sehr leicht, sie zu mögen. Und sie kommen wie gewohnt schnell zur Sache. »Expert In A Dying Field« zieht uns flugs in seinen Bann. Power-poppige Gitarren sind der Ausgangspunkt für alle zwölf Songs und kicken die Hörerin und den Hörer umgehend. Über allem schweben der einnehmende Gesang von Elizabeth Stokes sowie der versierte Harmoniegesang aller vier Bandmitglieder. Daher ist es keine allzu große Überraschung, dass The Beths bekennende Bee-Gees-Fans sind. Prägend für den Band-Sound waren aber eher die Neunziger: Allo Darlin’, Echobelly und The Pains Of Being Pure At Heart dürfen in diesem Kontext gut und gerne als Idole herhalten. Die Texte auf dem dritten Longplayer drehen sich oft um die schattigen Seiten der Liebe. Verlust, auslaugendes Vermissen und Bindungsangst kommen nicht zu kurz. Dem gegenüber stehen sonnengetränkte Gitarrenlinien, die uns sanft in den Hintern treten. »Expert In A Dying Field« behandelt voller kindlicher Freude die lebenslangen Tücken des Erwachsenwerdens. Und es ist das bisher schlüssigste Album dieser Band aus Neuseeland. Kay Engelhardt

Alvvays: Blue Rev

Alvvays: Blue Rev

Blue Rev

Blue Rev

Alvvays haben sich ganze fünf Jahre Zeit gelassen mit dem Nachfolger zum superben »Antisocialites«. Nicht ganz freiwillig. Diverse Lockdowns machten Proben schwer bis unmöglich. Kurioserweise ließ zudem ein Einbrecher einen Rekorder mit zahlreichen Demos aus Molly Rankins Wohnung mitgehen. Und zu allem Überfluss fiel wenig später nahezu das gesamte Equipment der Band einer Überschwemmung des Proberaums zum Opfer. Die erstaunliche wie erfreuliche Reaktion der kanadischen Gruppe auf all diese Arschtritte des Daseins: zuckersüßer, alles zerstörender, kathartischer Lärm. Und davon gibt es nicht zu wenig. Während sich die ersten beiden Alben noch überwiegend im Mid-Tempo bewegten, wird auf dem Drittling gerockt, was das Zeug hält. Gepaart wird das Ganze wie gehabt mit dem abhängig machenden Bubblegum-Gesang von Rankin. »Blue Rev« ist ein wilder Ritt, an dessen Ende uns die Ohren schlackern. Alvvays spielen 2022 eine überzeugende Mischung aus Twee-Pop und Shoegaze. Bands wie Best Coast und The Jesus And Mary Chain dürften den Hut ziehen. Kay Engelhardt

Kokoroko: Could We Be More

Kokoroko: Could We Be More

Could We Be More

Could We Be More

Seit der Streaming-Algorithmus Kokorokos »Abusey Junction« vorgeschlagen hat, ist die Band aus der Playlist der musikalischen Neuentdeckungen nicht mehr wegzudenken. Mit seinen langsamen Gitarrenbeats und den sanften Vocals hat der Song es geschafft, auch Musikliebhaber außerhalb der Grenzen von Jazz und Afrobeat anzusprechen. Immerhin 50 Millionen Klicks hat der Track der aus London stammenden Band bis heute erzielt. Drei Jahre später haben Kokoroko nun endlich ihr Debütalbum veröffentlicht. Mit »Could We Be More« beweist die 8-köpfige Band, dass sie weit mehr als ein One-Hit-Wonder ist. Schon der erste Song »Tojo«, was in der westafrikanischen Sprache Yoruba so viel wie »Pass auf« heißt, gibt den Ton für das Album an. Bläser dominieren hierin mehr denn je und bilden den energetischen Anker des sonst eher ruhigen Oktetts. In Verbindung mit der Jazzgitarre setzen Nummern wie »We give thanks« Schwung und Energie frei, die über jeden Zweifel erhaben sind: »Don’t you know I love you? / Each and everyone of you.« Wir wollen mehr. Anna Hoffmeister

Eyedress

Eyedress

Full Time Lover

Full Time Lover

Der fleißige Produzent und Songwriter Eyedress bleibt dran: Er sammelt Genres und lässt die Diskografie unaufhörlich größer werden, wie eine Blase, die nie platzt. Hier weicher, verträumter Lobgesang, da härtere, direktere Töne – ein gutes Gleichgewicht aus Balladen und Handgemenge. Nicht zu knifflige Beats, warme Synthies und runtergefilterte Chords machen den Bedroom-Pop perfekt und wo es schneller wird, ist Post-Punk nicht weit. Obendrauf erinnert der Skater aus Manila nimmersatt an seine langjährige Hiphop- und Trap-Erfahrung. Eine Menge Crime-Life-Reflexionen prägen das Album – aber die Cops werden nicht gerufen. Und dann tritt wieder die romantische Ader hervor. 28 Tracks für 28 Ereignisse – dazwischen hält Eyedress’ effektdurchzogene Stimme mit nichts hinterm Berg. Das international bestens vernetzte Vocal-Alien hat über zwei Dutzend Gäste geladen, wie The Drums, Nosaj Thing und N8NOFACE. Extracharakter durch Features und viele Freunde zu haben, war schon immer seine Stärke: zwei sich ergänzende Wesenszüge. Nicht zu vergessen bei allen Liaisons sind Bee Eyes, die Band, in der Idris Vicuña Gitarrist und Sänger stellt. Sie hat das gesamte Album künstlerisch begleitet. Es ergibt also alles Sinn: das Repertoire an der E-Gitarre, der Bienenfleiß und die Sonnenbrille-nie-abnehmen-Nonchalance des Wahlkaliforniers im Sinne der Insektenaugen. Elias Schulz

Pixies: Doggerel

Pixies: Doggerel

Doggerel

Doggerel

P-I-X-I-E-S: Ach du meine Güte! Nur sechs Buchstaben, die zusammen in ihrer Bedeutung aber sehr groß sind. Bei der Band wundert man sich fast, dass »Doggerel«, das aktuelle Album, erst das achte ist und nicht das 99. Nun gut. Aber die Geschichte der Entstehung passt zum Indie-Disco-Sound, den man eigentlich von dem Quartett erwarten würde: etwas schief, die Gitarren und der Bass mit Ecken, das Schlagzeug dafür umso präziser. Black Francis hat sich – ganz alter Indie-Rocker – ein paar Wochen mit der Gitarre auf dem Dachboden eingeschlossen, weil nach drei Jahren einfach mal wieder ein Album fällig war und er das Songschreiben mal wieder bis zur letzten Minute aufgeschoben hatte. Raus kam er mit 40 Tracks, von denen es jetzt 12 auf »Doggerel« geschafft haben. Und auch der Sound ist absolut noch Indie-Rock – aber deutlich differenzierter, als man ihn von den größten Hits der Band kennt. Fast schon opulenter Ballroom-Pop ist zu finden, ebenso wie krud-reduzierter Folk. Und dazwischen immer wieder das verschwitzte, straighte Drauflos-Spielen von »Doolittle«. Diese What-the-heck-Haltung haben sich die Pixies also auch nach 36 Jahren noch bewahrt und tragen sie auch in die Texte: Es geht um Feiern, Den-Moment-Genießen und Abhängen. Eine Sorglosigkeit, für die man der Band danken möchte. Erhobene Zeigefinger und gerunzelte Stirnen gibt es anderswo genug. Auf jeden Fall ist »Doggerel« musikalisch das sehr stimmige Ergebnis einer Band, die einst zur Komplettierung einen Bassisten suchte, der sowohl Hüsker Dü als auch Peter, Paul and Mary mag. Kerstin Petermann

Dillon: 6abotage

Dillon: 6abotage

6abotage

6abotage

Die Löcher in der Jeans stammen nicht vom jahrelangen Tragen. Sie wollen Getragen- Sein zeigen. Und die reduzierten Electro-Beats und Beeps sind nicht vom DIY. Sie wollen den Klang der Lieder reduzieren. Dillon ist nach 14 Jahren und vier Alben nicht mehr DIY. »6abotage« hat sie mit Alexis Troy aufgenommen, Corona-konform übers Internet und nicht gemeinsam im Studio. Die verspielten Synthie-Sounds und Melodiefetzen klingen gewohnt flockig, leicht und der Drum-Computer lässt den Zeh in der Sandale wippen. Aber der Sound ist klarer, geschliffener. Es sind perfekt gesetzte Akzente und keine per Zufall in der Küchenaufnahme getroffenen. Noch immer ist aber der Schmerz in Dillons Stimme zu erahnen. Die Sängerin hat immer schon eine Wehmut und eine Ernsthaftigkeit transportiert, die weit weg ist von der Karnevalsstimmung ihrer brasilianischen Heimat. Auch »6abotage« ist wieder betont introvertiert. Es thematisiert das Innenleben: Selbstzweifel, Druck, Vorurteile, bei denen man sich selbst wider besseres Wissen ertappt. Mehr noch als beim Vorgänger-Album »Kind« sagen die Tracks und die schwingenden und immer wieder aufschwappenden Beats: Das hast du gar nicht nötig. Das geht auch anders. Und vor allem: Das schaffst du schon. »6abotage« ist keine billige Fast-Fashion-Jeans mit ausgefransten Löchern. Es ist ein liebevoll hergerichtetes Stück Kunst, das ganz genau weiß, wo welches Loch und wo welcher Beat sitzen muss, um das richtige Gefühl zu erzeugen. Kerstin Petermann

David Erler

David Erler

Psalmen und Lobgesänge

Psalmen und Lobgesänge

In seinem Metier ist David Erler kein Unbekannter. Der Leipziger mit der seltenen Stimmlage des Altus gehört seit Jahren schon zu den Bekanntesten seines Faches. Da erstaunt es umso mehr, dass Erler erst jetzt seine erste CD präsentiert, und man reibt sich die Augen: War der Sänger nicht schon bei vielen preisgekrönten Aufnahmen beteiligt? Ja – aber nun gönnt er sich eben den Luxus einer Solo-Scheibe, die im vokalen Bereich wirklich einzig mit seiner Stimme aufwartet. Das Wort »Luxus« wirkt da jedoch euphemistisch. Denn der Altus gehört zu den Spezialisten, denen im März 2020 schlagartig die meisten Aufträge wegbrachen. Der wortgewandte Sänger formulierte darum eine Petition und trug diese bis ins Fernsehen. Weil Erler aber nicht nur Sänger und Streiter für die gesamte Zunft ist, sondern auch als Forscher auftritt, nutzte er den frei gewordenen Raum im Kalender, um sich gewissermaßen einen langjährigen Traum zu erfüllen: »Psalmen und Lobgesänge« vereint zahlreiche frühbarocke Musiken, von denen David Erler die meisten selbst ediert und in Weltersteinspielung auf Platte gebannt hat. Hagen Kunze

Gaechinger Cantorey

Gaechinger Cantorey

Bach: Matthäuspassion

Bach: Matthäuspassion

Auch in diesem Jahr wirbelt die Pandemie den vorösterlichen Aufführungskalender gehörig durcheinander. Dennoch gilt nach wie vor: Ohne Neueinspielung einer Bach-Passion geht es einfach nicht. Damit das auch in diesem Jahr gilt, hat das Label Accentus eine Doppel-CD produziert. Die Leitung der Neueinspielung der Matthäuspassion liegt in den Händen von Hans-Christoph Rademann, der die seit einigen Jahren konsequent auf historische Aufführungspraxis umgepolte Gaechinger Cantorey leitet und im Solistenapparat gleich mehrfach auf waschechte Leipziger setzt. Aus der Not, unter Corona-Bedingungen eine Aufnahme zu produzieren, so dass die Musiker mehr als den sonst üblichen Abstand zueinander halten, macht Rademann eine Tugend: Denn diese Passion atmet bis zuletzt eine ungeheure Plastizität. Erkennbar wird das vor allem an den schlicht gehaltenen, aber spannungsvollen Chorälen, unter denen das unbegleitete »Wenn ich einmal soll sterben« am meisten beeindruckt. Eine Einspielung, die man gehört haben muss – auch wenn es sich dabei um die gefühlte 287. Version der Matthäuspassion handelt. Hagen Kunze

Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach

Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach

Nadja Zwiener: Barockvioline

Nadja Zwiener: Barockvioline

Nadja Zwiener hat sich nach ihrer Ausbildung auf der modernen Geige immer intensiver der Barockgeige und der Alten Musik zugewandt und ist seit Jahren Konzertmeisterin bei renommierten Ensembles wie The English Concert und der Bachakademie Stuttgart. Die Idee ihres ersten Solo-Albums war, einmal die übliche Perspektive zu wechseln, in der Johann Sebastian Bach vereinfacht oft als Anfangspunkt der hiesigen Musiktradition wahrgenommen wird. Das bedeutete für sie konkret, sich aus der Zeit um und vor Bach auf sein Werk zuzubewegen. Musikalisches Thema ist dabei die Violine als unbegleitetes Soloinstrument, etwas Besonderes im sogenannten Generalbasszeitalter. Die Sonaten und Partiten für Solovioline von Bach werden gemeinhin als Krönung dieser Gattung wahrgenommen und sind die bekanntesten ihrer Art. Sie loten mit aller Handwerkskunst und Raffinesse die Möglichkeiten der Mehrstimmigkeit auf einem Streichinstrument aus. Um so interessanter ist es, Kollegen aus Bachs zeitlichem Umfeld zu hören, zu vergleichen, Reminiszenzen wahrzunehmen. Unter den Meistern der Zeit, die Zwiener mit Natürlichkeit und Feinsinn zu Gehör bringt, sind Corelli, Baltzar, Vilsmayr und Purcell. Es handelt sich fast durchgängig um sehr kurze Stücke, das große Hauptwerk ist die Passacaglia von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704) aus seinen sogenannten Rosenkranzsonaten. Ein originales Leipzig-Produkt, eingespielt von der in Leipzig lebenden Barockgeigerin Nadja Zwiener, aufgenommen in der Bethanienkirche Schleußig, produziert beim Leipziger Label Genuin. Anja Kleinmichel

Euphorium Freakestra

Euphorium Freakestra

Soundz Offe Drzk Wähu

Soundz Offe Drzk Wähu

Aus dem Jahr 2001, aber zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich: Die »Soundz Offe Drzk Wähu«, das klangliche Gründungsdokument des sich seitdem immer wieder transformierenden Ensembles Euphorium Freakestra um den Leipziger Jazzradikalinski Oliver Schwerdt. Außer ihm fanden sich damals zur Session in Eisenach noch Weitere ein, deren Anzahl am exaktesten mit »ein Haufen« beschrieben ist: In den Credits stehen allein fünf E-Gitarristen, dann noch diverse Perkussionisten, Organisten, Vokalisten sowie einige, von denen man beim besten Willen nicht checkt, was die hier eigentlich wo machen. Wie auch in den späteren Arbeiten des Freakestras war aber hörbar nicht der Anspruch, dass irgendwer irgendwas checkt, wobei man einschränken muss: Im Vergleich zum letzten Album, »Grande Casino«, hat man hier deutlich weniger oft das Gefühl, dass sie einem in voller Absicht alle guten Geister aus dem Gehirn herausklöppeln. Ihr Free Jazz von damals ist nicht unbedingt weniger free als der jüngere, heute erlauben sie sich aber nicht mehr, so lässig loszugrooven, wie sie das seinerzeit auf »Bou Tazi« taten. Hier ist noch viel mehr Albernheit (»Drogenkonsum, Biertrinken, Räucherstäbchen: Guck mal, die Haut«), Lust am Zitat und auch an der Melodie am Werk, »Ist doch kein Thema, wenn das jetzt kurz bisschen nach Pat Metheny klingt« wäre auch ein schöner Name für das Album gewesen. Das hat alles noch nicht die Brutalität der späteren Arbeiten, tatsächlich sind die »Soundz« im besten Sinne Freakestra for Beginners. Man fühlt sich beileibe nicht unterfordert, aber deutlich weniger hart in den Arsch getreten. Kay Schier

Slowthai

Slowthai

Tyron

Tyron

Zwar bereits Mitte Februar erschienen, aber anhaltend relevant: Das zweite Album des britischen Ausnahmerappers Slowthai, welches nach seinem bürgerlichen Vornamen schlicht »Tyron« heißt. Seine Sperrigkeit bezieht es gerade aus seiner Kürze und stellenweise Skizzenhaftigkeit, der längste Song (»NHS«) kratzt gerade so an den dreieinhalb Minuten, für den kürzesten (»Wot«) braucht Slowthai keine 50 Sekunden. Die vierzehn Tracks des Albums verteilen sich auf zwei klanglich unterschiedliche Hälften, auf sieben basslastige Moshpitklopper folgen sieben nicht minder basslastige, aber melancholischere, introvertiertere Ausflüge in Tyron Framptons Gefühlswelt. Gerade in der ersten Hälfte rappt er wie außer Kontrolle: Immer wieder klingt Slowthais Flow, als würde es ihn vor lauter Energie gleich aus dem Beat tragen, lakonische Lines wie »Money is to me like shit to flies« wirken wie sich selbst vor die Füße gekotzt. Dass da mehr dahintersteckt als rohe Aggression, obwohl es als solche tadellos funktioniert, merkt man, wenn man beim Hören mitliest und Begrifflichkeiten nachschlägt, was an dieser Stelle auch empfohlen wird, sofern man nicht sehr sicher in zeitgenössischem britischem Slang ist (»Mazzalean / when I’m pulling up, muddy dungarees«). Seinen Part im musikalisch zwingend zündenden »Mazza« beginnt er mit einem launigen »suicidal tendencies, what’s up, man«, denn in seinem Kopf und im Großbritannien des Jahres 2021 fühlt sich irgendwie nichts so richtig nach Party an. Die Balladen in der zweiten Hälfte, wie »Push« oder eben »NHS«, die Popappeal und Gitarrenbegleitung nicht scheuen, schlagen dann nach dem Soundinferno der ersten emotional viel härter ein, als sie das für sich allein stehend könnten. Wenn es ihm um etwas geht, textet Slowthai zudem sehr präzise, lässt zwischen den Worten aber noch Platz für die Gefühle (»shit flies with the magpies / he drowned, got baptised / oh well, I guess that’s life«). Beim ersten Hören ist man verwirrt, beim zweiten angefixt, beim dritten begeistert: »Tyron« ist bislang eins der stärksten Rapalben des Jahres. Kay Schier

Wooden Peak

Wooden Peak

Electric Versions

Electric Versions

Zwar bereits bekannt, aber so noch nicht gehört: Die »Electric Versions« von Wooden Peak, der Leipziger Autorität in Sachen harmonisch fein ziseliertem Spannungsaufbau. Das Album besteht aus neun Neueinspielungen von Songs aus zwölf Jahren Bandgeschichte, wobei der Titel vielleicht ein bisschen irreführend ist, denn weder wird auf einmal die verzerrte Klampfe geschwungen noch ein technoider Vierviertel unter irgendetwas gelegt, wo er garantiert nicht hingehört; für solche Sperenzchen sind Wooden Peak schlicht zu ausgecheckt in dem, was sie tun. Verstärkt um die Jazzmusikerin Antonia Hausmann und Wencke Wollny, im Hauptberuf Frontfrau der Singer/Songwriter-Band Karl die Große, hier an der Trompete tätig, schichten sie die Arrangements der Songs behutsam neu auf und verschieben sie eher noch mehr ins Somnambule, als sie das ohnehin schon sind. Soundtechnisch ist das Album eine Wonne, was man vor allem an den neuen Versionen älterer Songs wie »Great Farm« merkt: Schon damals mit einem gesunden Anspruch auf diesem Gebiet versehen, haben sich die Produktions- und Arrangementskills der Band noch einmal deutlich gesteigert. Den Mix des Albums würde man sich am liebsten zu Hause einrahmen, so exakt sind hier noch der zarteste Anschlag auf dem Xylofon und der bedachtsamste Einsatz der Trompete aufeinander abgestimmt. Das verdient alles zweifellos Applaus, doch zugleich wird man beim anerkennenden Klatschen das Gefühl nicht los, dass hier irgendwie mehr drin gewesen wäre: Teilweise ist die Band so sehr berauscht von der eigenen Subtilität und dem Verzicht auf die große Geste, dass alles am Song zum geschmackvoll gestalteten Hintergrundsound wird. Obwohl sich beides immer wieder andeutet, gehen sie nie die volle Distanz hin zum Pop oder zum Jazz, sondern verharren in einem Mittelding, das sie zwar absolut sicher beherrschen – das aber gerade dadurch auch ein bisschen langweiliger wird, als es sein müsste. Kay Schier

Andris Nelsons

Andris Nelsons

Bruckner: Sinfonien Nr. 2 und 8

Bruckner: Sinfonien Nr. 2 und 8

Aus Marketingsicht betrachtet ist der Bruckner-Zyklus des Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons eigenartig. Denn gewissermaßen macht man sich selbst Konkurrenz: Schließlich war die mit Preisen überhäufte Bruckner-Gesamt-aufnahme unter Herbert Blomstedt mit dafür verantwortlich, dass das Orchester nach Jahren medialer Dürre nun endlich wieder eine Rolle im Geschäft der Labelmajors spielt. Auch bei der jüngsten Veröffentlichung, die die Zweite mit der Achten kombiniert, lohnt sich ein Quervergleich des aktuellen Gewandhauskapellmeisters mit seinem Vorvorgänger – und letztlich findet man trotz der Verschiedenheit an beiden Sichtweisen Gefallen. Wo Blomstedt mit bewundernswerter Genauigkeit und feingliedrig-akkurat wie ein Präzisionschirurg agiert, holt Nelsons das ganz große Besteck heraus, um das Orchester zum Leuchten zu bringen. Dabei kommt ihm zupass, dass kaum jemand besser lange Bögen zaubern kann, die dann binnen kürzester Zeit in gigantische Entladungen führen: Hörbar (nicht nur, aber vor allem dort!) im Finale der Achten, dessen Wucht einen förmlich in den Sessel presst. Hagen Kunze