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Rezensionen

Clipse

Clipse

Let God sort em out

Let God sort em out

Sechzehn Jahre ist es her, seit die Gebrüder Thornton – Pusha T und Malice – ihr letztes Album als Clipse veröffentlicht haben. Die beiden Rapper aus Virginia machten um die Jahrtausendwende von sich reden – mit Songs über den Handel mit Kokain und Beobachtungen aus dem Milieu, die der alten Trope neues Leben einhauchten. Über die wegweisenden Beats des Produzentenduos Neptunes, die sich nicht vor Synthie-Elementen scheuten, flogen ikonische Kokain-Vergleiche, die gleichermaßen schmunzeln wie staunen ließen. Nach drei Alben war 2009 Schluss: Genervt von Labelquerelen und persönlichen Differenzen gaben die Brüder bekannt, sich auf Solokarrieren zu fokussieren. Pusha T fand Gefallen daran, den Bogeyman der Szene zu spielen, Malice zu Jesus. 2025 nun das große Reunion-Album: produziert von Ex-Neptune Pharrell Williams, die Erwartungen hoch an das spektakulärste Release des Jahres. Mit 48 (Pusha T) und 52 (Malice) sind die beiden im jungen Rapgame graue Eminenz. It’s a young Man’s game? Keine Spur. Kalte Sprüche dafür en masse, die erste Veröffentlichung »So be it« schaffte Tatsachen. Über ein geniales Sample saudi-arabischer Volksmusik rappt Pusha T: »Your Soul don’t like your Body, we’ll help you free it« und in der letzten Strophe wird Travis Scott gedisst, als wäre es nichts. Die Beats von Pharrell haben immer noch die Tiefe und die einzigartigen Drums, »All Things considered« klingt wie ein finsteres Schachspiel um Leben und Tod während Clipse über Macht und ihre Implikationen rappen, als wären es Cäsar-Zitate. Ein Sample zieht sich durch das Album, auf dem eine KI-Frauenstimme emotionslos »This is culturally inappropriate« sagt. Hip-Hop im Jahr 2025 braucht das. Jan Müller

Motusneu & Steve Swell

Motusneu & Steve Swell

War der Clown gar nicht echt?

War der Clown gar nicht echt?

So verspielt wie das farbenfrohe Mixed-Media-Cover aus fabelhaft überzeichneten Pola- roids (Oskar Rottenbach) ist auch die Musik von Motusneu. Das 2022 gegründete Trio mit Bruno Angeloni am Saxofon, Stephan Deller am Kontrabass und Steffen Roth an Schlagzeug, Zimbeln und anderen Objekten schafft gemeinsam mit dem US-amerikanischen Musiker Steve Swell an der Posaune Improvisationen mit einer Kraft von mindestens 1,8 Meganewton. Ausgezeichnet ist die Arbeit des Trios – und zwar mit dem jüngst verliehenen Jutta-Hipp-Preis in der Kategorie Improvisation. Mit der aktuellen Veröffentlichung »War der Clown gar nicht echt?« bewegen sich die Musiker durch filigrane, herrlich versponnene Klanggewebe. So heben im dritten Song (»1«) die Bläsermelodien in außerweltliche Höhen ab, woraufhin sich die tiefen Kontrabass-Spielereien leichtfüßig um das eher dezent tönende Schlagwerk winden. Mit dem vierten Song (»8«) wird die Energie, die der Musik innewohnt, ganz unmittelbar durch den Atem der Bläser hörbar. Die Musiker experimentieren organisch mit allerlei Geräuschen, die sie auf ganz unterschiedliche Weisen ihren Instrumenten entlocken. Diese Eindrücke unterlaufen die Erwartungen, die der erste Track (»7«) weckt, der eher in das Album hineinpoltert und mit eifrigen Tönen die Hörerinnen und Hörer mit sich zerrt. Es lohnt sich allerdings, dem zu folgen, denn die Kraft, die sich mit den Livekonzerten der Musiker entlädt, wirkt auch gebannt auf der Platte – und das ist wirklich bemerkenswert. Claudia Helmert

Sally Shapiro

Sally Shapiro

Ready to live a Lie

Ready to live a Lie

Mit ihrem fünften Studioalbum sind Sally Shapiro und Johan Agebjörn auf dem US-Label Italians do it better angekommen. Das passt nicht nur wegen des Namens perfekt, sondern auch wegen Labelmates wie den Chromatics. Mit denen teilt das Duo die Liebe zu Synthwaves der Achtziger, der melancholischen, artifiziellen Seite des Pop. 18 Jahre nach ihrem Debüt »Disco Romance« sind die Schweden ihrem Sound treu geblieben. Ein Klangkosmos, der keine Veränderung braucht. Immer noch baden sie im sehnsuchtsvollen Italo-Disco-Sound von Giorgio Moroder und italienischen One-Hit-Wundern wie Raf, Baltimora und Gazebo, die diesen Stil Mitte der Achtziger prägten. Shapiros Gespür für eingängige Popmelodien und Agebjörns kristallklare Produktion machen daraus ein einzigartiges Studioprojekt, das auf Promo- oder Liveauftritte verzichtet. Die Melancholie ist auf »Ready to live a Lie« präsenter denn je. War auf den ersten Alben noch die Euphorie des Verliebtseins zu spüren, zeigen sich jetzt überall Risse in den Beziehungen, die Zweisamkeit ist einer vorherrschenden Einsamkeit gewichen. Eine umarmende Traurigkeit umspielt die zehn Stücke, zu denen auch ein makelloses Cover des Pet-Shop-Boys-Hits »Rent« zählt. Sehnsucht verpackt in Synthflächen, Electro-Drums und Shapiros gehauchtem Gesang. Der melancholische Soundtrack zum Sommer. Lars Tunçay

Bed

Bed

Everything hurts

Everything hurts

Samstag, 7. Juni, Kantine am Berghain. Auf der Bühne: eine weißbezogene, herzförmige Matratze – grenzwertig kitschig, ja, aber irgendwie auch sexy und verdammt passend zum Abend. Denn die Band heißt schließlich Bed und singt Zeilen wie: »Heart-shaped Bed / Bugs in my Head / My Life is a Lie / That sells well.« Nicolás Astorga (Gesang), Sol Astolfi (Bass, Gesang) und Jon Brinkmann (Gitarre) stellen ihr Debütalbum »Everything hurts« vor. Statt bravem Shoegaze-Bodenstarren gibt’s Interaktion und zarte Erotik. Im roten Licht verschmelzen Stimme, Gitarre und Bass zu einem dichten Soundschleier. Astorgas Gesang ist kaum verständlich, völlig verfremdet: Durch den Octaver-Effekt wirkt die Stimme weiblich, engelsähnlich, choral, verhallt, verhüllt. Live bleiben Bed fast exakt am Albumklang. Musikalisch irgendwo zwischen My Bloody Valentine und Cocteau Twins – nur eben ausgesprochen queer, clubbig und mit Spoken Word. Ein bisschen mehr Körper würde sicher nicht schaden (wir sagen nur: Schlagzeug!), aber das wird schon noch. Entstanden aus toxischen Liebesgeschichten ist das Album hochpoetisch und klingt wie etwas, das man sicher kennt, ohne es je gehört zu haben: ein Phantomschmerz im eigenen Musikgedächtnis. Verwirrend schön oder angenehm falsch. Libia Caballero Bastidas

Jeanines

Jeanines

How long can it last

How long can it last

Alicia Jeanine und Jed Smith stecken hinter diesem etwas schwer auszusprechenden Projektnamen. Ihre Wahlheimat ist New York. Aber seit beinahe zehn Jahren huldigen sie dem Sound der späten Achtziger und frühen Neunziger Großbritanniens. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Tour-Bassistin Maggie Gaster haben sie dieses flotte und knackige Album eingespielt. Die Bands auf Sarah Records im Besonderen und das C86-Genre im Allgemeinen sind fraglos gute Koordinaten in ihrem Klangkosmos. Textlich handelt »How long can it last« vom üblichen Fluch und Segen des Lebens: Turbulenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Suchen und Finden von Verbindung und verschiedenen Formen des Scheiterns. Das Markenzeichen der Jeanines ist es, Pop auf den Punkt zu bringen. Elf der hier versammelten dreizehn Songs sind kürzer als zwei Minuten. Dennoch enthalten sie alles, was einen guten Song ausmacht: großartige Melodien, tolle Basslinien und vor allem jangly Gitarren. Auch wenn wir es nicht anders von dieser Band kennen, ist es doch immer wieder verblüffend, mit welcher Perfektion und Präzision ihr das gelingt. Stimmlich erinnert Alicia Jeanine oft an Vashti Bunyan, auch wenn der Sound der Jeanines ein anderer ist. The Garlands, Pale Lights und Dolly Mixture sind weitaus bessere Referenzen, wenn es darum geht, das Album musikalisch dingfest zu machen. Kay Engelhardt

Wet Leg

Wet Leg

Moisturizer

Moisturizer

»All Day long on the Chaise Longue«, mit diesem Reim für die Pop-Geschichtsbücher und dem dazugehörigen Song über gepolsterte französische Liegemöbel begann vor vier Jahren der – hier kann man diesen abgegriffenen Superlativ ruhig mal verwenden – kometenhafte Aufstieg der Indie-Band Wet Leg. Das Duo von der britischen Isle of Wight wurde mit seinem schnoddrigen Mix aus Indie-Rock, Post-Punk und Riot-Grrrl-Attitüde quasi über Nacht zu einer der gefragtesten Gitarren-Bands des Landes. Nun kam in Diskussionen über das Phänomen Wet Leg gelegentlich die Frage auf, ob es sich bei der ganzen Sache womöglich bloß um eine medial gehypte popmusikalische Eintagsfliege handele. Zumindest das lässt sich nach dem Hören des zweiten Albums »Moisturizer« mit einem ganz energischen Nein beantworten. Der Platte merkt man an, dass das anfängliche Just-for-Fun-Projekt mittlerweile zu einer eingespielten und musikalisch ehrgeizigen Einheit verschmolzen ist. So ist Wet Leg nun auch ganz offiziell kein Duo mehr, sondern zur fünfköpfigen Band angewachsen. Insgesamt legt »Moisturizer« auf die bewährten Wet-Leg-Sound-Komponenten noch mal eine ordentliche Schippe drauf (und spart allerhöchstens beim Ohrwurmpotenzial). Die Songs sind tighter, rotziger, lauter, crunchier, sassier, selbstbewusster (man könnte noch so einige weitere Adjektive aufzählen), verlieren dabei aber auch nicht die frische Unbekümmertheit und charmante Selbstironie des Debüts. Die gewohnt nonchalanten Lyrics drehen sich um das obsessive Chaos des In-Love-Seins, aber auch um das Gegenteil, sprich: unangenehm aufdringliche Typen: »I just threw up in my Mouth, when he just tried to ask me out.« Also alles in allem hat der Pressetext Recht: »Fun and freaky and fabulous!« Yannic Köhler

Pulp

Pulp

More

More

Oasis oder Blur?, lautete in den Neunzigern eine (viel) zu oft gestellte Frage, auf die es stets nur eine Antwort geben konnte: Pulp. Nicht nur, weil das Quintett aus Sheffield stets cleverer, subtiler und humorvoller war als seine prominente Konkurrenz, sondern vor allem, weil es mit Mastermind Jarvis Cocker sowohl den besten Songschreiber als auch den begabtesten Sänger in seinen Reihen hatte. Mit ihren beiden Alben »His ’n’ Hers« und »Different Class« stiegen Pulp ab 1994 in den britischen Pop-Olymp auf, bevor 2001 nach dem siebten Album »We Love Life« Schluss war. Doch ebenso wie ein klassischer Pulp-Song steckt auch die Geschichte der Band voller unerwarteter Wendungen. Und so erschien just im Juni nach 24 Jahren der langersehnte Nachfolger – mit dem schlichten Titel »More«. Und mehr meint in diesem Falle wirklich mehr, denn das Album ist weit entfernt von einem lauen Aufguss früherer Tage. Noch immer sprudeln lupenreine Hits aus Cockers jung gebliebenem Geist, der immerhin auch schon 61 Jahre zählt. Mit Songs wie »Spike Island«, »Grown ups« oder »Got to have Love« gelingt der Formation der Spagat zwischen den Neunzigern und der Gegenwart, was auch phänomenale Zeilen wie »I haven’t got an Agenda / I don’t even got a Gender« unterstreichen. Ein besseres Comeback wird es 2025 nicht mehr geben. Da werden höchstens die Gallagher-Brüder widersprechen. Luca Glenzer

Kae Tempest

Kae Tempest

Self titled

Self titled

Mit dem fünften Studioalbum machen wir eine sehr persönliche Tour zu den Wurzeln und der Entwicklung von Kae Tempest. Es ist deshalb nur logisch, dass das Album »Self titled« heißt. Die zweite Single schlägt mit dem Titel »Know yourself« auch den thematischen Bogen. Sie heißt aber nicht nur »Kenne dich selbst«, sondern ist eine ganz aktive und reale Vergangenheitsarbeit: Mit älteren Samples wird Tempests frühere, höhere Stimme der jetzigen Stimme gegenübergestellt. Gleichzeitig spiegeln die Samples auch (innere) Dialoge wider, die Tempest zu der Zeit geführt hat. Sie nehmen uns mit auf den Weg einer Identitätsfindung. Wie schwierig und schmerzhaft diese Identitätsfindung sein kann – insbesondere für eine queere Person –, zeigt die erste Single des Albums »Statue in the Square«. Sie beinhaltet die bittere Erkenntnis, als queere Person vielleicht aus Gründen des Pink-Washings oder sonstiger Bigotterie geehrt zu werden, als »so eine« aber eigentlich nicht gewollt zu sein. Auf den zwölf Songs geht es aber nicht nur um Queerness, sondern ebenso um Selbstbestimmung und Selbstliebe. Diese Themen verhandelt »Self titled« sehr persönlich entlang der eigenen Biografie und Erfahrungen Kae Tempests. Auf dem Album sind deshalb auch Artists wie die Young Fathers, Connie Constance oder Neil Tennant vertreten, die Tempest über die Jahre hinweg begleitet und inspiriert haben. Trotz aller Intimität, die in diesem Album steckt, ist dieses auch eine gesellschaftliche Ansage und Anklage: Anklage, weil es zeigt, welche Unsicherheit und Diskriminierung mit Queerness immer noch verbunden sind. Ansage, weil es auch zeigt, welches Empowerment und welche Schönheit in Queerness stecken. Mit »Self titeld« ist nicht nur im Juni Pride Month, sondern immer. Kerstin Petermann

Various Artists

Various Artists

Jahtarian Dubbers Vol. 5

Jahtarian Dubbers Vol. 5

Mehr als eine Dekade brauchte es, bis sich die »Dubbers« von Jahtari, des in Connewitz residierenden, ansonsten aber weltweit agierenden wie wahrgenommenen Labels, zur fünften Runde versammelten. Wobei die zweiten zehn Jahre der Label-Existenz – deren XXer-B-Day-Party noch aussteht – nicht zuletzt eine Phase vermehrter Dub-Diversitäts-Suche waren. Nach Sound-Entgrenzung jenseits der zur Erfolgsformel gewordenen Trademark-Mixtur, die 8Bit-Trashigkeit mit Bass-Schwere verbinden konnte, verwiesen sei auf Waq Waq Kingdom, The Other Others, Cosmic Threat oder das letzte Tapes-Album. Nachdem also Erwartungen unterlaufen oder neue geschaffen wurden, scheint es nun mit Volume 5 umso leichter, an die Ursprünge anzuschließen. Nämlich, ohne sich einzwängen zu lassen. Wobei der beschwingte Electric-Reggae-Bogen von Teneriffa, Japan (im Nebenzimmer) oder Neuseeland über Frankreich, die Niederlande oder UK bis zurück nach Connewitz schlägt. In einer Selection mit Rewind-Effekt. Alexander Pehlemann

Various Artists

Various Artists

Free/Future/Music Volume 1

Free/Future/Music Volume 1

Zukunftsmusik? Hani Mojtahedy erinnert mit ihrem Track »Passaporte« an ihre Kindheitsträume von einem Pass, der damals einem Zukunftsversprechen auf Freiheit glich. Die im Iran geborene, kurdische Sängerin träumt dabei in traditionellen Melodien, die sich um hypnotische Rhythmen winden. Konturiert von Andi Tomas (Mouse on Mars) elektronischen Akzenten, erhebt sich aus der Musik Mojtahedys starkes Timbre, ihr energetisierender Gesang. Mit dem Track »General Assembly« zeigt sich eine ganz andere Kollaboration: The Space Lady – die in den Achtzigern ihren Namen erst wegen ihres Sounds und Looks vom Publikum zugeschrieben bekam – durchbricht mit ihren Worten und ihrem rauschvollen Klang einen gleichförmigen Dub. Jene Repetitive des Hamburger Trios Cloud Management sollen dabei gar nicht den Eindruck von Einfallslosigkeit aufkommen lassen, sondern schaffen vielmehr eine klare Fläche, auf der die Worte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte leuchten, die die US-amerikanische Künstlerin rezitiert. Und das sind nur zwei Beispiele für die Vielfalt, die das Leipziger Label Altin Village & Mine auf »Free/Future/Music« versammelt. Verbundene und befreundete Künstlerinnen und Künstler finden für den Sampler teilweise erstmals zueinander und zeigen, wie ihre Synergien nicht nur besondere Klänge schaffen, sondern auch ein Zeichen für Zusammenhalt und Solidarität in und durch die Musik sind. Die rhizomartigen Verbindungen, also Verflechtungen, reichen über Genres, Länder, Generationen und Künste hinaus – und sind erst der Anfang, auf den, laut Label, weitere Essays und künstlerische Interventionen folgen werden. Und das ist gut, denn diese Musik macht Lust auf mehr. Claudia Helmert

Haim

Haim

I quit

I quit

»Das war’s. Ich bin dann mal weg.« – Die drei Schwestern von Haim sagen auf ihrem vierten Album: »I quit«. Es gehört schoneiniges dazu, um sich so zu verabschieden: Mut zum Beispiel. Oder Wut. Und Abenteuerlust und Selbstbewusstsein. Genau darum geht es auch auf »I quit«. Es ist kein Abschiedsalbum und auch kein Tritt in den Hintern der Musikindustrie. Es ist eine Ode ans Sich-Durchbeißen und an den Mittelfinger. Und gegen wen hebt man diesen? Gegen alles, was einem nicht passt und was nervt, das Patriarchat beispielsweise. Oder gegen die eigene Unsicherheit und gegen das, was andere über einen denken. So feiert die Single »Relationships« die Freiheit, die eine Trennung auch bedeuten kann. Danielle am Schlagzeug setzt den treibenden Beat und steht damit für die Energie, die die neue Beziehungslosigkeit freisetzt. Noch mehr Kraft steckt aber in »Down to be wrong«. Auch dieser Song feiert die Unabhängigkeit. Er ist der Soundtrack zum Alles-hinter-sich-lassen-und-Abhauen. Dabei schwingt in Zeilen wie »I’m on the next Flight and you can’t talk me out of it« kein bisschen Wehmut oder Zögern mit. Im Gegenteil: Danielle Haims Gesang ist nicht nur gradlinig-kraftvoll wie nur was – in der Melodie schwingt auch eine Leichtigkeit mit, als würde sie vom Flug in den Urlaub singen. Während »Relationships« eher electro-poppig und mit Dance-Appeal daherkommt, wirkt »Down to be wrong« durch den unmittelbaren Gesang fast schon roh und kraftvoll. An anderer Stelle verzichten Danielle und Rostam Batmanglij bei der Produktion auf Synthies und Spielereien und lassen einen eher folkigen Popsound stehen. Damit gelingt Haim ein wunderbar abwechslungsreiches Pop-Album. Die Schwestern zeigen auf »I quit«, auf wie viele Arten Pop Kraft und Energie freisetzen kann. Kerstin Petermann

Etienne de Crécy

Etienne de Crécy

Warm up

Warm up

Neue Musik gab es in den vergangenen zwei Dekaden ja durchaus von Etienne de Crécy. Neben der Reihe »Superdiscount« waren das vor allem Singles und EPs. Sein letztes »reguläres« Studioalbum war sein Debüt »Tempovision« im Jahr 2000. Mit »Warm up« kommt nun also ein neues Werk vom Mitbegründer des French Touch und gleichzeitig die Weiterentwicklung seines Sounds. Der erste von zahlreichen Gästen auf dem Album ist Alexis Taylor von Hot Chip. Der schwedische Singer-Songwriter Peter von Poehl ist auf dem poppigen »Brass Band« zu hören. Der britische Hip-Hop-Künstler Master Peace rappt mit Frank Leone. Olivia Merilahti von The Dø ist mit dabei, Kero Kero Bonito, eine britische Indie-Band, und Damon Albarn auf dem wundervollen Closer »Rising Soul«. Etienne de Crécy legte die Tracks als Instrumentals an und schickte sie an die Künstlerinnen und Künstler, die ihre Texte und Vocals beisteuerten. Sie haben aber hörbar auch eigene Soundideen mit hineingebracht und dem Ganzen so ihren eigenen Touch verliehen. »World away« könnte auch ein Hot-Chip-Track sein. »Rising Soul« mischt die melancholische, verschrobene Note von Damon Albarn mit dem Elektrosound von Crécy. So ist die Handschrift der Gäste bei jedem der elf Stücke zu spüren. Das geht erstaunlich gut zusammen. Etienne de Crécy zielt hier nicht wie in der Vergangenheit auf den Dancefloor. »Warm up« ist entspannter, chilliger und von der Pandemie beeinflusst, als wir uns den House eher ins Haus holten. Lars Tunçay

Ezra Furman

Ezra Furman

Goodbye small Head

Goodbye small Head

Eine angenehme Begleiterscheinung des Daseins als Musikjournalist ist es, viele Konzerte besuchen zu können. Dies wiederum ist mit der weniger angenehmen Begleiterscheinung verbunden, dass das Gros der besuchten Konzerte im Angesicht der schieren Quantität in der Erinnerung schon nach kurzer Zeit zu einem unentwirrbaren, mittelmäßig guten großen Ganzen verkommt. Anders aber ist das bei Ezra-Furman-Konzerten. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht daran, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, in die inneren Abgründe der US-amerikanischen Musikerin zu blicken. Was man dabei zu sehen bekommt, ist eine in dieser Intensität selten erfahrene Mixtur aus roher Punk-Energie und tief empfundener Verletzlichkeit. Diese beiden Parameter sind auch auf den ersten neun Alben maßgeblich – ebenso wie auf dem nun just erschienenen »Goodbye small Head«, das mitunter so klingt, als hätten sich The Stooges, MGMT und Joni Mitchell zu einem gemeinsamen Jam getroffen. Schwer zu sagen, wie man das nennen soll. Furman schlägt »orchestrales Emo-Prog-Rock-Album mit Samples« vor, nicht unpassend, vielleicht aber ein bisschen sperrig. Ganz anders als Songs wie »Sudden Storm«, »Jump out« oder »Veil Song«, die sich spätestens nach dem zweiten Hören in die Hirnrinde fräsen. Bleibt nur zu hoffen, dass Furmans bisherigem Tourneeplan demnächst noch ein paar Deutschland-Termine folgen. Luca Glenzer

Drangsal

Drangsal

Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen

Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen

Die Asche lügt nicht. Sie erinnert nur an das, was war, was brannte und erlosch. Daraus formt Max Gruber alias Drangsal sein viertes Album und sein neues Projekt. Drangsal ist tot – es lebe Drangsal. Nach dem persönlichen und künstlerischen Kollaps in Folge des 2021er-Albums »Exit Strategy« hat Gruber sein bisheriges Soloschaffen abgewickelt und Drangsal als Kollektiv wiederbelebt. Mit Lukas Korn und Marvin Holley an Grubers Seite ist ein Album entstanden, das sich nicht auf alten Stärken ausruht: »Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen« trägt einen Titel, der so sperrig ist wie die Songs darauf. Statt des finsteren Synth-Pops der frühen Jahre dominieren nun warme analoge Klänge: Akustikgitarren, Streicher, Holzbläser und viel Raum. Titel wie »Ich hab von der Musik geträumt« oder »Inkomplett« spielen mit Reduktion und Intimität, lassen Dissonanzen und Fragmente zu. Die Arrangements wirken teils unaufgeräumt, was Max Riegers Produktion und dem Credo »so wenig wie möglich, so viel wie nötig« geschuldet ist. Das Album driftet aber nie ins Beliebige ab, dafür sind die beteiligten Musiker zu achtsam und Grubers Texte zu präzise in ihrem Blick auf Grenzen und Brüche. Inhaltlich folgt die LP den Rändern der Selbstauflösung: Identitätsverlust, Angststarre, Kontrollverzicht – aber da ist auch das vage Versprechen, dass Kunst tröstet. Laura Gerlach

Blond

Blond

Ich träum doch nur von Liebe

Ich träum doch nur von Liebe

Blond haben es drauf, den aktuellen feministischen Diskurs in humorvollen Party-Bangern zu verhandeln, wie sie schon auf ihren beiden Alben »Martini Sprite« und »Perlen« gezeigt haben. Auf »Ich träum doch nur von Liebe« perfektionieren die drei aus Chemnitz das Ganze noch einmal. So geht es in »Ich wär so gern gelenkiger« nicht nur darum, wie absurd lange es gedauert hat, bis die Wissenschaft die Klitoris entdeckte, sondern auch um den Wunsch, sie gerne selbst lecken zu können. Auch »So hot« erzählt nicht einfach nur von sexueller Lust, sondern von den Gefahren des Datings, in die sich junge Frauen begeben, wenn sie mit Männern mitgehen. In »Bare Minimum« singt Bassist und Keyboarder Johann Bonitz erstmals einen ganzen Song, der sich darüber lustig macht, dass bei Männern schon die kleinste Geste reicht, damit sie als geiler Ally abgefeiert werden. Kapitalismuskritik haut die Band als Ode ans Klauen an der SB-Kasse heraus, unterlegt mit Bumm-Bumm-Beats. Die bewegendsten Songs sind »Fliederbusch« über das eigene Versagen in einer guten Freundschaft und »16 Jahr, blondes Haar«, der endlich mal klarmacht, dass es nicht okay ist, als älterer Typ Teenagerinnen abzuschleppen. Bei Blond klingt das alles selbstverständlich, logisch und macht trotzdem jede Menge Spaß. Große Popsongs mit großen Rock-Gesten – nicht nur für Blondinators. Juliane Streich

C.A.R.

C.A.R.

Valonia

Valonia

Dichte Wälder, Felsformationen, ausgedehnte Küsten und endlose Steppen: Mit »Valonia« entwirft das Kölner Quartett C.A.R. einladende, ausgedehnte Klanglandschaften. In zehn Postkarten gleiten sie durch diese pittoreske Szenerie hinein in futuristische Soundscapes. Die Musik lebt dabei vom Kollektivgedanken. So stößt die in Berlin lebende Griechin Evi Filippou mit Marimba und Vibrafon zur Reisegesellschaft und die belarussische Künstlerin Oxana Omelchuk lässt ihr Theremin vibrieren und analoge Synthesizer über den Sound der Band schweben. Am Ende singt der aus Istanbul stammende Elif Dikeç sogar von Gärten und Geistern. Dazu gesellen sich Saxofon, Wurlitzer, Bass und ein treibendes Schlagzeug. Wie auf den früheren Alben der Band ist der Krautrock von Neu! und Can hier Ausgangspunkt, driftet auf dem siebten Album aber verstärkt in Richtung Jazz. Das erinnert mal an die Berliner Formation Contriva, mal an den Space-Pop der Franzosen Air oder an Jason Swinscoes Cinematic Orchestra, hier und da gar an Christian Bruhns legendären Soundtrack zur Serie »Captain Future«. Dazwischen schälen sich Popminiaturen aus den Synth-Arpeggios über treibende Beats, wie etwa im Highlight des Albums, dem infektiösen »Debo-See«. Jedes der vier Bandmitglieder steuert dazu Klangideen bei, die das Album in musikalische Nebenstraßen führen. Ein nie vorhersehbarer, versatiler Trip, von dem man im höchsten Maße bereichert heimkehrt. Lars Tunçay

Lael Neale

Lael Neale

Altogether Stranger

Altogether Stranger

»Altogether Stranger« ist das mittlerweile vierte Album der aus Virginia stammenden Künstlerin Lael Neale, die seit über einer Dekade in Los Angeles ihre Wahlheimat gefunden hat. Trotz einer Laufzeit von nur 32 Minuten bieten die neun Stücke eine erstaunliche musikalische Vielfalt, die von Garage-Rock bis hin zu reduzierten Omnichord-Meditationen reicht. Das geniale Instrument Omnichord kennen wir bereits von ihrem ersten Sub-Pop-Album »Acquainted with Night« von 2021, ein echtes Lo-Fi-Kleinod. »Altogether Stranger« kommt vergleichsweise üppig produziert daher und ist musikalisch wesentlich heterogener. Ihre derzeitige Lesart von Drone-Pop bewegt sich zielsicher zwischen Kraftwerk und The Velvet Underground. Die neue LP ist obendrein ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer Verbindung zu L.A. – die Stadt fungiert nicht nur als Kulisse, sondern geradezu als lebendiger Charakter, der das gesamte Album durchdringt. Das allem zugrunde liegende Thema ist die Entfremdung des großstädtischen Menschen. Der außerirdische Charakter wird durch Neales glasklare Stimme und die atmosphärischen Klanglandschaften des Produzenten Guy Blakeslee verstärkt. Selten hat das Gefühl der urbanen Einsamkeit so viel Spaß gemacht. Kay Engelhardt

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Egg Benedict

Egg Benedict

Hamburg, Münster, Köln, Hannover, Dortmund, Göttingen, Stuttgart, Mainz, Karlsruhe, München, Nürnberg, Flensburg, Bremen und sogar noch mal Hamburg und Berlin. Geht’s noch? Kann mal bitte jemand die Gentlemen-Spieler aus Hamburg nach Leipzig booken? Denn natürlich ist deren neues Album doch vor allem Grund, diese Band mal wieder live zu erleben, die so dermaßen unprätentiös und so dermaßen vergnügt auf der Bühne steht, dass einem nicht mal im Traum ein Wort wie »unprätentiös« einfallen würde. Eher so was wie »erfrischend hemdsärmelig«. Unvergessen, wie Carsten Friedrich, der große ehrliche Mann vor Jahren in der Ilse verkündete, die Band sei im ICE angereist und habe Nicnacs an Bord gekauft »wie Stars«. Ohne die Liga der gewöhnlichen Gentlemen gäbe es auch keinen kreuzer-Sportsong des Monats. Sie sehen schon: im Grunde genommen fünf von fünf Schiffchen der Herzen. Und natürlich hat auch die neue Platte Titel, wie sie nur diese Band schreiben kann: »Ist Gunther da?« und »Paare vorm Kino« zum Beispiel, viel mehr aber noch »Hedy Lamarrs siebter Mann«, der sich um jene Schauspielerin dreht, die – 1914 in Wien geboren – im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten eine Funkfernsteuerung für Torpedos erfand und sechsmal verheiratet war. Dass so jemand Stoff für einen Popsong ist, weiß man nur in dieser Liga – Grüße an Werner Enke. Aber trotzdem: Früher war mehr Lametta. Benjamin Heine

Billy Nomates

Billy Nomates

Metalhorse

Metalhorse

Schon mal im Spiegelkabinett verloren gegangen? Dutzende Spiegel, die alle ein anderes Bild von dir zeigen? Und: »If they can see us, that’s the Test.« So singt Tor Maries aka Billy Nomates in »The Test«, der ersten Single ihres dritten Albums »Metalhorse«. Denn vor irgendeinen Test stellt uns das Leben doch jeden Tag: Komm ich finanziell klar? Erfülle ich die Anforderungen des Alltags? Verstehe ich mich mit den Leuten? Und darin liegt vielleicht der schwerste Test: Wenn ich mich anderen so zeige, wie ich wirklich bin und sie mich so sehen, wie ich wirklich bin – akzeptieren sie mich? Mögen sie mich? Jetzt singt Billy Nomates aber nicht nur von Beziehungen und persönlichen Dilemmas. In den elf Songs thematisiert sie das globale Chaos in der Welt, Krisen und Unsicherheit im Allgemeinen. Wie ein Wirbelsturm toben die Nachrichten um sie herum, ziehen sie hinein und werden zum Teil ihres Lebens. Und wenn sie versucht, herauszukommen, stößt sie nur auf verzerrte Fratzen ihrer selbst. Wie im Spiegelkabinett. »Metalhorse« ist ihr neuer Versuch, dem zu entkommen: Billy Nomates tanzt mit dem Sturm. Mit kräftigen Melodien und explodierenden Klavierarrangements wirft sie sich in den Sturm. Sie kämpft nicht mehr gegen ihn, sondern mit ihm. Was auf ihren ersten beiden Alben »Billy Nomates« und »Cacti« noch rau und nach Punk klingt, ist jetzt getragen von Soul und Blues. Ihre Kraft steckt sie nun in Harmonien und Melodien. Das Album ist nicht mehr geprägt von collagenhaft arrangierten Drums und Sprechgesang, es wird gehalten von Bass und Schlagzeug der Band, mit der Nomates erstmals aufgenommen hat. So zeigt sich die Musikerin aus Bristol nicht nur als die hochemotionale und engagierte Künstlerin, als die sie sich schon auf den ersten beiden Alben offenbarte, sondern auch als technisch und musikalisch versierte Sängerin. Kerstin Petermann

Anika

Anika

Abyss

Abyss

Knapp 50 Jahre ist es mittlerweile her, dass David Bowie sich in den Berliner Hansa Studios niederließ und dort mit seinen beiden Alben »Heroes« und »Low« eine abermalige musikalische Neuausrichtung vollzog. In ebenjene »heiligen Hallen« hat sich vor Kurzem auch Annika Henderson aka Anika eingefunden, und auch sie unterstreicht mit dem nun veröffentlichten Album »Abyss« ihren Ruf als Pop-Chamäleon. Waren ihre beiden vorangegangenen Alben von elektronisch-folkloristischem Dark-Noir-Pop (»Anika«) und Trip-Hop-lastigen, flächigen Klanglandschaften (»Changes«) geprägt, setzt sie diesmal auf ein Konzept, das selbst Bowie 1976 als ganz schön retro empfunden hätte: Denn Synthesizer sucht man dieses Mal vergeblich, stattdessen dominieren verzerrte Gitarren, straighte Drums und abgründig wummernde Bässe das Geschehen. Einzig Anikas charakteristische, zumeist mehr sprechende als singende Alt-Stimme erinnert vage an ihren Backkatalog. So frönt sie in Songs wie »Hearsay«, »Walk away« oder »Oxygen« einem Sound, der mal an Sonic Youth und mal an The Breeders erinnert. Das ist einerseits natürlich alles andere als neu, andererseits aber trotzdem verdammt aufregend. Luca Glenzer