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Rezensionen

The Beths

The Beths

Jump Rope Gazers

Jump Rope Gazers

Glücklicherweise klingt das gar nicht mehr enden wollende 80s-Revival im Indie-Pop langsam aus. Langsam, aber sicher, hofft der Autor, der musikalisch von den Neunzigern geprägt wurde. Und nicht nur deswegen nie so richtig warm mit den achtziger Jahren wurde. Dem dauergewellten Jahrzehnt mit seinen unsäglichen Keytars und elektronischen Schlagzeugen. Gottlob klingen aktuell wieder mehr Bands nach der Folgedekade. The Beths haben gewiss die eine oder andere Platte von Elastica, Pavement oder den Lemonheads im Plattenschrank stehen. Auf ihrem Zweitling bleiben die Neuseeländer dem Sound ihres umwerfenden Debüts »Future Me Hates Me« treu. Die neuen Stücke sind wieder äußerst kurzweilig und catchy geraten. Sie schrammen immer knapp am Punk vorbei. Power Pop trifft es in diesem Fall ganz gut. Selten wurden Themen wie Entfremdung und Selbstzweifel so erfrischend aufgearbeitet wie auf »Jump Rope Gazers«. Und mit Elizabeth Stokes haben die Neuseeländer eine Sängerin, für die manch andere Band töten würde. Alvvays und Echobelly sind nicht sonderlich weit entfernt, was ihnen niemand verübelt. Kay Engelhardt

Perfume Genius

Perfume Genius

Set My Heart on Fire Immediately

Set My Heart on Fire Immediately

Zehn Jahre sind inzwischen vergangen, seit Mike Hadreas aka Perfume Genius seine großartige Debüt-LP »Learning« veröffentlicht hat. Sein neuestes Werk vermag jedoch nicht ganz an die Klasse des Erstlings heranzureichen. Denn ungeachtet aller eindringlichen und ergreifenden Emotionalität von »Set My Heart on Fire Immediately« fehlt manchen Stücken das gewisse Etwas. Während etwa das kontemplativ korrumpierende Kleinod »Just a Touch« aus der mittlerweile fünften Perfume-Genius-Platte hervorsticht, wirken Tracks wie »Leave« oder »Moonbend« folgerichtig eher skizzenhaft als wie ausgeformte Kammerpop-Kompositionen. Nichtsdestotrotz blitzt auch auf dem durch die Zusammenarbeit mit der Choreografin Kate Wallich inspirierten und von Künstlern wie Townes Van Zandt, Enya sowie Cocteau Twins beeinflussten »Set My Heart on Fire Immediately« das große Können Hadreas’ auf. Nur hätte man sich schlichtweg noch mehr Lieder gewünscht, die sich auf dem Niveau des lieblich-zärtlichen »Jason« oder der dunkel schimmernden Albumschönheit »Your Body Changes Everything« bewegen.  Dirk Hartmann

Everything Everything

Everything Everything

Re-Animator

Re-Animator

Halb Katze, halb Hund, nicht ganz Radiohead und nicht ganz Bloc Party, aber definitiv viel von beidem mit noch ein bisschen Extra obendrauf, nehmen Everything Everything im britischen Indiezirkus eine Sonderstellung ein. Wie viele Rockbands gibt es schon, die einst mit dem expliziten Anspruch angetreten sind, eine »poptimist aesthetic« in die Welt zu tragen? Diese führen sie auf »Re-Animator« konsequent fort: Der erste Song »Lost Powers« beginnt mit einem wuchtigen, gleichzeitig smart verstolperten Drumbeat, darüber legen sich ein verträumtes Gitarrenlick und leichte Violinen, der Bass dengelt entrückt im Hintergrund. Kurz darauf setzt Jonathan Higgs’ altbekannter Falsettgesang ein, dessen leicht quäkige Stimmlage man nach wie vor mögen muss, um an der Band langfristig Spaß zu haben. Des Weiteren drängen sich über seinen Gesangsstil die Vergleiche mit den eingangs erwähnten Radiohead und deren Sänger Thom Yorke beim ersten Hören stark auf. Anders aber als bei Thom und den immertraurigen Miesepetern scheint eine poppige Sonne über den Trackkonstrukten von Everything Everything. Flutschen diese zunächst allzu reibungslos durch den Gehörgang, lernt man mit jedem Durchgang die verschobenen Takte und kleinen Details im vielfältig schimmernden Soundbild mehr zu schätzen. Wer zudem aufmerksam hinhört, bemerkt die durchaus abgründigen Thematiken der Lyrics, welche zum Beispiel die heutige überhitzte Social-Media-Kultur reflektieren, ohne sich via wedelndem Zeigefinger in den Vordergrund zu drängeln. »Re-Animator« ist ein Kleinod für alle Freunde versponnenen Wohlklangs, funktioniert im Hinter- wie im Vordergrund und wächst mit jedem Durchgang. Kay Schier

Compagnia di Punto

Compagnia di Punto

Beethoven: Sinfonien 1 bis 3 (Kammerbesetzung)

Beethoven: Sinfonien 1 bis 3 (Kammerbesetzung)

So langsam findet der Musikbetrieb zur neuen Normalität. Doch die Konzertveranstalter sind deshalb noch lange nicht wieder im Post-Corona-Modus und fragen sich, wie sie angesichts zahlreicher Abstandsregelungen ein Programm bieten können, das über Quartett oder Solo-Recitals hinausreicht. Und entdecken darum Dinge, die ihnen sonst kaum aufgefallen wären. Etwa, dass es von Beethovens Sinfonien Versionen für Kleinensembles gibt, die einst dazu dienten, diese Zukunftsmusik auch im privaten Rahmen aufzuführen. Bereits im Herbst 2019 nahm die zehnköpfige Compagnia di Punto (ein Streichquartett, zwei Hörner, zwei Klarinetten, Flöte, Kontrabass) drei Bearbeitungen des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries sowie des aus Kassel stammenden Kapellmeisters Carl Friedrich Ebers auf. Konsequent, dass die Truppe bei Widersprüchen zwischen Original und Bearbeitung stets Beethoven den Vorrang gibt. Das Ergebnis ist eine spannende Interpretation, die dafür sorgen könnte, dass die Konzertveranstalter auch im Corona-Sommer nicht komplett auf das sinfonische Hauptwerk des Jubilars verzichten müssen. Hagen Kunze

Mogwai

Mogwai

Zerozerozero

Zerozerozero

Wenn Slint und Talk Talk so etwas wie die geistigen Väter des Post Rock waren, sind Mogwai der kauzige, im Umgang nicht immer ganz einfache Onkel, der die Familie beziehungsweise das Genre aber auch irgendwie zusammenhält. Mit vergangenen Großtaten wie »The Hawk is Howling« haben sie den Sound aus sparsamem Schlagzeug, massiven Distortionwänden und heftigen Wechseln zwischen laut und leise geprägt, der damals so frisch, wuchtig, überraschend war und bei vielen Genrekollegen mittlerweile zur Formel verkommen ist. Anders als diese haben Mogwai aber nie versucht, eine einmal erfolgreiche Herangehensweise ein zweites Mal zu reproduzieren. Um sich selbst zu einer anderen Herangehensweise zu zwingen, produzieren sie immer wieder auch Soundtracks, den jüngsten zur gleichnamigen italienischen Serie »Zerozerozero«, welche sich nach einer Vorlage von »Gomorrha«-Autor Roberto Saviano mit dem globalisierten Drogenhandel auseinandersetzt. Eine düstere Thematik, wie geschaffen, um von dieser dem Düsteren durchaus zugeneigten Band untermalt zu werden. Wenn man zum Album den Satz »Fans können hier bedenkenlos zugreifen« schreibt, ist das einerseits wahrheitsgemäßes Kompliment, andererseits aber auch Kritikpunkt an »Zerozerozero«. Mogwai verstehen es bei ihrem dritten Soundtrack auf so stilsichere wie routinierte Weise, ihren Kaskadensound so weit herunterzudimmen, dass er das Bewegtbild nicht dominiert, sondern ihm vielmehr atmosphärisch unter die Arme greift. Einerseits kann sich hier niemand beschweren, dass Mogwai nicht die typische Mogwai-Sturm-und-Drang-Melancholie unter Einsatz oben genannter Elemente (minus die lauten Anteile) liefern würden, andererseits wird man hier auch nicht wirklich überrascht. Als Soundtrack ist »Zerozerozero« sicherlich voll gelungen, als Album nicht voll und ganz. Kay Schier

Khruangbin

Khruangbin

Mordechai

Mordechai

Khruangbin sind die Konsens-Entspannungsband von Plattenfreunden und -freundinnen dieser Tage. Ungefähr das, was Air für die Neunziger waren. Wenn auch stilistisch völlig anders. Khruangbin überzeugen die vom Streaming-Zeitalter geplagten Single-Junkies auf sanfte Art, mal wieder ein komplettes Album zu hören. Die ersten beiden regulären Longplayer konnten wir problemlos ganztägig auf Repeat laufen lassen. Und praktischerweise gleich in der Hängematte bleiben. Daran ändert sich auch auf dem Drittling nichts. Allerdings gibt es hierauf mehr Songs mit Single-Attitüde, was die Platte weniger kohärent wirken lässt. Die kürzlichen Ausflüge Richtung Dub, Funk und Soul hallen auf »Mordechai« angenehm nach. Bisher ging es bei der texanischen Band überwiegend instrumental zu. Jetzt gibt es wesentlich mehr Gesang, was den zurückgelehnten, trackhaften Charakter aber nicht bricht. Das grundsätzliche Khruangbin-Gefühl bleibt erhalten. Und wir freuen uns unverhohlen, dass es offenbar kaum ein Genre gibt, welches Khruangbin nicht mühelos in ihr Repertoire zu integrieren wissen. Kay Engelhardt

Dream Wife

Dream Wife

So when you gonna

So when you gonna

»So when you gonna«, das zweite Album des britisch-isländischen Trios Dream Wife, ist ein Abgesang. Auf so vieles. Schon die erste Single »Hasta La Vista« zelebriert tanzend den Abschied von einem alten Leben, alten Bekanntschaften, die keine Freundschaften mehr sind, und von alten Gewohnheiten, die nicht mehr tragen. Tanzend, weil: Der Abschied verheißt ja auch einen Anfang. Eine unwiderstehliche Gitarren-Hookline und Rakel Mjölls treibender Gesang lassen dabei keinen Platz für melancholische Anwandlungen – ein Gefühl, das sich durch das ganze Album zieht. Die Melodien, Rhythmen und mitreißenden Riffs schreien: Tanzfläche, Sommer, Energie. Dabei sind die Texte und Themen alles andere als sonnig und leicht. Collagenhaft in Samples verpackt erzählen sie in Spots von Anspruchsdenken und Leistungsdruck. Der Titeltrack »So when you gonna« ist ein grandioser Abgesang auf Geschlechterrollen in der Beziehung ganz in klassischer Riot-Grrrl-Manier. Die spiegelt sich aber nicht nur in den Riffs, sondern auch in der Produktion: Konsequent holen Dream Wife Frauen an die Regler, Mischpulte und damit to the front. Und nicht nur die Produktion ist rein weiblich, auch im gleichnamigen Podcast, der zusätzlich zum Album entstanden ist, sind die Frauen in der Mehrheit. Das ist nur konsequent, denn es geht um ein Thema, bei dem Mehrheit nicht selbstverständlich ist: Frauen im Musikgeschäft. Das Bemerkenswerte an Dream Wife ist also, wie sie persönliche Empfindungen und Erfahrungen mit dem Gesellschaftlich-Politischen verbinden. Der Aufschrei hat immer eine persönliche Note. Und am Ende von »So when you gonna« stehen die Zeilen »It’s my choice, it’s my life. It’s my body, it’s my right«. Immer und immer wieder. Schmerzhaft gesungen über bedächtig akzentuierte Klavierakkorde. Es ist das einzige Lied des Albums, zu dem kein Tanzen möglich ist und dem jeglicher Optimismus fehlt. Aber selbst aus dieser tiefen Verletzlichkeit spricht noch ein unerschütterlicher Wille zum Kämpfen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. So verabschiedet sich das Album mit einem bezaubernd schönen Schlag in die Magengrube.    Kerstin Petermann

Filo & Eisman

Filo & Eisman

2020

2020

Irgendwann als Kind hat man einmal etwas beigebracht bekommen von wegen Respekt, Mitmenschlichkeit, Empathie, Achtung vor der Umwelt im übertragenen wie wörtlichen Sinn. Mittlerweile ist 2020 und die Kluft zwischen menschlichem Anspruch und Wirklichkeit größer denn je. Wie soll man sich in Letzterer verhalten, wie sich positionieren, wo braucht es das mitfühlende Gespräch, wo den Kampf, und ist der Karren überhaupt noch aus dem Dreck zu stemmen? »2020«, das Debütalbum von Filo & Eisman, dokumentiert das große Ringen mit diesen Fragen. »Hasse ich Menschen – nein / aber Handlungen, die Menschen zeigen« ist einer der Leitfäden ihrer Auseinandersetzung mit der Gesamtscheiße. Die musikalische Untermalung zeigt sich abwechslungsreich, die Beats atmen Oldschool-Attitüde, ohne sich dem soundtechnischen Zeitgeist zu verschließen. Attackiert werden toxische Verhaltensweisen, angeklagt werden Stereotype, doch immer ausgehend vom Menschen als einem Wesen, das aus seinen Fehlern lernen kann. In einem großen lyrischen Rundumschlag werden Umweltzerstörung, Ignoranz, Sexismus, Faschismus und immer wieder obsessiv Marken als Symbol für den Gesamtscheißer Kapitalismus attackiert (»Wachstum ist die Religion / der Glaube hat kein Limit«). Dabei verzichten Filo & Eisman auf stumpfe Parolen; wer ihren Texten folgen will, muss schon aufmerksam zuhören, denn die beiden Rapper machen es sich hörbar nicht leicht mit der Kritik, wissen sie doch zu sehr um ihre eigenen Privilegien und Macken (»Lebt eure Lügen, ich lebe meine / aber Beifall gibt es keinen«). Das ist einerseits grundsympathisch, hin und wieder hätte man sich als Hörer aber etwas weniger vertrackte Selbstreflexion und mehr klare Pointen wie »Ich will, dass deine Karre brennt wie Laternen an St. Martin / singende Kinder stehen auf dem Wrack des Maserati« gewünscht. Das ist aber selbstverständlich Ansichtssache, und für alle, denen das unbestritten größtenteils kreativarme Geprotze in den deutschen Rapcharts berechtigterweise auf den Keks geht, ist »2020« eine Wohltat. Kay Schier

Calmus Ensemble

Calmus Ensemble

Landmarks

Landmarks

»Landmarks« nennen die Engländer ihre Meilensteine. Solche hat das Leipziger Vokalensemble Calmus in der Musik des 20. Jahrhunderts gesucht und das Ergebnis auf CD gepresst: Werke von zehn Komponisten aus zehn Ländern, die zwischen Songwriter, Avantgarde, Folk, Jazz und Ethno pendeln. Musik, die zeigt, dass es nur ein kleiner Schritt von einem Stil zum anderen ist und dass die Zeit, die zwischen U und E kaum noch Unterschiede macht, auch die kleineren Schubladen immer mehr vermischt. »Klingende Globalisierung« nennen Calmus diesen Mix, der eine pluralistische Gesellschaft widerspiegelt. Was allein schon ein hehres Anliegen ist. Hier aber zeigt das Quintett zudem, wie versiert man stilistisch hin und her schalten kann. Lauscht man am Anfang noch einer überartifiziellen Version von Leonard Cohens »Here It Is« (wie immer sorgt Anja Pöches ätherischer Sopran für das gewisse Etwas), so wird man am Schluss mit einer schlichten Lesart von Stings »Moon Over Bourbon Street« wieder in den Alltag entlassen. Und auch dazwischen liegen zahlreiche Perlen, die es wert sind, entdeckt zu werden.  Hagen Kunze

Alban Berg Ensemble Wien

Alban Berg Ensemble Wien

Mahler, Schönberg, Strauss

Mahler, Schönberg, Strauss

Haben die Musiker des Wiener Alban Berg Ensembles eine Zeitmaschine? Denn auf dem Cover ihrer schon 2019 aufgenommenen neuen CD schauen die sieben ihre Zuschauer richtig ernst an und halten dabei auch brav coronagerecht Abstand zueinander. Und überhaupt: Den Programmplanern, die aktuell ausrechnen, wie viele Musiker auf eine Bühne passen, wenn alle den vorgeschriebenen Abstand einhalten, hat dieses Ensemble zweifellos der Himmel geschickt. Gut möglich also, dass derlei kammermusikalische Versionen von großer Spätromantik wenigstens die spärlichen Reste der Saison retten. Zu wünschen wäre es allemal. Denn diese Adaptionen sind nicht nur wunderschön transparent durchhörbar, sondern atmen auch den Geist der Entstehungszeit. Eindrucksvoll zu erleben ist dies bereits in der himmlischen Ruhe, mit der sich die eröffnende Solostimme im Adagio von Mahlers Zehnter ausbreitet, ehe die restlichen Musiker dann ganz beseelt den Faden übernehmen. Das muss man gehört haben – nicht nur als Mahler-Fan. Aber jede Wette: In diesem Sommer gibts das garantiert auch noch ein paar Mal live zu erleben.  Hagen Kunze

Die Einstürzenden Neubauten

Die Einstürzenden Neubauten

Alles in Allem

Alles in Allem

Ab wann kann man von einem Alterswerk sprechen? Ihr 40-jähriges Bandjubiläum begehen die Neubauten dieses Jahr, das letzte Album liegt 13 Jahre zurück und bei ihrem Best-of-Konzert auf der Leipziger Parkbühne 2017 feierte Klangtüftler N. U. Unruh seinen 60. Geburtstag – vom Alter her hauts also hin. Aber »Alles in Allem« klingt auch so: in sich ruhend, etwas weise und aus dem schöpfend, was man schon erlebt hat. Blixa Bargeld singt über Töchter und Dachterrassen, über seine Kindheit am Grazer Damm oder über den Tod von Rosa Luxemburg. Mal klingen die Neubauten dabei noch nach dem industriellen Einsturz wie im »zivilisatorischen Missgeschick«, manchmal auch wie Rio Reiser, der allein »am Landwehrkanal« sitzt. Am Ende klingt es natürlich immer wie Blixa Bargeld, der auch den Hornbach-Katalog wie Poesie vorlesen kann. »Sieben Schrauben halten mich zusammen«, singt er nun etwas kryptisch, als Instrumente halten diesmal die Taschen von Migranten her. Den Titeln zufolge könnte man es als Berlin-Album bezeichnen, aber die Stadt besticht eher durch Abwesenheit. »Alles in Allem«: ein Alterswerk, jung und schön! Juliane Streich

Lance Butters

Lance Butters

Loner

Loner

Für einen Typen, der seit Jahren in seinen Songs davon erzählt, dass er die meiste Zeit drin sitzt, niemanden sehen will und dabei abnorme Mengen Gras wegraucht, müssen eigentlich gerade goldene Zeiten herrschen. Zwar ist die EP zum größten Teil vor der Quarantäne entstanden, jedoch passt sie natürlich gerade wie Arsch auf Eimer: weltabgewandter Battle-Rap, unbarmherzig mit der Außenwelt wie mit sich selbst. Tatsächlich wirkt Lance Butters hier aber geradezu aufgeräumt und geerdet, vergleicht man die EP mit den Seelentiefen auslotenden Depressionsmanifesten des vorherigen Albums »Angst«. Dass er ein »scheiß Loner« ist, konstantiert er nüchtern, ohne sich dafür abzufeiern oder zu bemitleiden. Im aktuellen Rapgame findet er immer noch keinen relevanten Gegner außer eben sich selbst, spottet in seinen wie Kaugummi langgezogenen Betonungen über eine Szene, die permanent dem nächsten Hype aus Amerika hinterherrennt, ohne zu so etwas wie einer Identität zu finden. Diese wiederum hat Lance Butters nicht nur in seiner Raptechnik, sondern auch beattechnisch fest etabliert. Producer Kidney Paradise zimmert für ihn dunkle, minimalistische Beats zurecht, die Dissonanzen und tiefe Bässe betonen, im Kern klassisches Kopfnickermaterial, das musikalische Hiphop-Klischees aber weiträumig umschifft. Kühl und desillusioniert, aber ebenso angriffslustig, ist »Loner« Musik für die aktuelle Zeit.  Kay Schier

Charli XCX

Charli XCX

How I’m Feeling Now

How I’m Feeling Now

Charlotte Aitchison ist selbst ernannter Popstar von Beruf und hat diesen schon immer sehr ernst genommen. Ihre Fannähe ist nicht gespielt, oder nur insofern, als sie Teil der Kunst ist, was sie im Zuge der Produktion von »How I’m Feeling Now« eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Aus ihrem Schlafzimmer heraus führte sie nach Beginn der Quarantänemaßnahmen in den USA Massen-Zoom-Meetings mit ihrer Anhängerschaft und bezog sie in die Produktion des Albums mit ein, was noch untertrieben klingt. Betitelungen von Songs ließ sie abstimmen, teilte Arbeitsskizzen, ließ sie an kreativen Diskussionen teilhaben. Alle Netzutopisten da draußen können sich in ihrem Glauben ans Internet als einem demokratischen Katalysator tatsächlich einmal bestätigt fühlen. Vor allem, weil man dem Endprodukt die vielen Hilfsköche kaum anmerkt. Das Album formuliert die Tonlage fort, die der Titel setzt: Pop mit wie üblich drei Lagen Zuckerguss, der aber trotzdem roh klingt, ungefiltert, sentimental, ohne Effekthascherei zu betreiben. Auf vergangenen Releases schielte Charli XCX hin und wieder etwas zu sehr auf den Mainstream, obwohl sie für diesen trotz aller eingängigen Melodien und großer Gefühle einfach den entscheidenden Tick zu exzentrisch ist. Hier lebt sie das aus, kümmert sich nicht darum, dass Popsongs ganz ohne Drums oder mit elektronischen Störgeräuschkaskaden im Mittelteil vielleicht nicht die Charts erobern werden, solange es bei den Fans zündet. Abgeschottet intim und einladend zugänglich, experimentell und stadiontauglich zugleich trifft Charli XCX mit »How I’m Feeling Now« genau den richtigen Nerv.  Kay Schier

Gary Olson

Gary Olson

Gary Olson

Gary Olson

Gary Olson ist uns in guter Erinnerung als Chef von The Ladybug Transistor, die ihre vorerst letzte Platte 2011 herausbrachten. Die Band stand für fluffigen Kammer-Pop mit starkem 60s-Einschlag. Das vorliegende Album ist das erste Solo-Album Olsons, der ansonsten als Produzent und Tontechniker in Brooklyn arbeitet. Am bewährten Sound hat sich erfreulicherweise auch nach einem knappen Jahrzehnt Funkstille nichts geändert. Streicher, Bläser, flirrende Gitarren und warme Vokalarbeit an allen Ecken und Enden verstärken das ausgeprägte Frühlingsgefühl. Die Grenze zwischen zuckersüß und angenehm cheesy ist auch hier fließend. Das war schon bei The Ladybug Transistor so. Aber in surrealen Zeiten wie diesen haben wir nichts gegen eine Extraportion Schokoladeneis. Aufgenommen wurden die Songs in der Nähe von Oslo und in Brooklyn. Fans von Künstlern wie Pale Lights, The High Llamas oder The Essex Green werden ihre helle Freude haben.    Kay Engelhardt

White Wine

White Wine

Hunt Fear. Walk Fine.

Hunt Fear. Walk Fine.

Hier könnte jetzt eine Reihe musikjournalistischer Kalauer der Marke »süffiger Indierock« oder »wohltemperierter Avantgarde-Pop« stehen, aber das ersparen wir uns lieber. Stattdessen kann man sich zunächst darüber freuen, dass auch Monate nach dem offiziell letzten Konzert der Band offenbar immer noch nicht Schluss ist mit White Wine. Gut möglich, dass die ganze Coronakacke ein treibendes Element bei der Entscheidung war, im Studio wieder zusammenzufinden, was soll man als Musiker gerade auch sonst machen. Dort haben sie in Gestalt von »Hunt Fear. Walk Fine.« ein Album produziert, dessen Songs man die Spontanität des kreativen Prozesses zu jeder Zeit anhört: Ein polternder Schlagzeugbeat, düster-dramatische Chords, grummelnder Bass, darüber Joe Haeges entrückt wehklagender Gesang, der klingt, als würde Thom Yorke von Radiohead in einer Grungeband singen, fertig ist der Lack. Ausnahmen bilden »Tamar«, das auf einer angeschwipsten Spielzeugkeyboardmelodie basiert, und der Closer »Just Break Down«, auf dem White Wine über knapp sechs Minuten zu ganzer Form auflaufen und die gewitzten Haken im Songwriting schlagen, für die man sie kennt und liebt. Der Rest der Platte ist grundsolides Material für Fans der Band und alle, die eine Vorliebe für schnoddrig produzierten Garage-Pop haben. Die Band spielt auf »Hunt Fear. Walk Fine.« selbstsicher ihren Stiefel herunter, wagt sich aber nicht in neue musikalische Regionen vor.  Kay Schier

Martin Helmchen / Andrew Manze / Deutsches Symphonie-Orchester

Martin Helmchen / Andrew Manze / Deutsches Symphonie-Orchester

Beethoven Klavierkonzerte 1&4

Beethoven Klavierkonzerte 1&4

Der Fokus dieser Aufnahme liegt auf dem Verhältnis von strahlender »Objektivität«, dem Gestus des Repräsentativen auf der einen und auf der anderen Seite Introspektion und lyrisch-romantischer Selbstverlorenheit. Sie vereint Beethovens noch klar in klassischer Tradition stehendes feierliches Jugendwerk Opus 15 mit dem in formaler und psychologisch-expressiver Hinsicht unkonventionellen vierten Klavierkonzert Opus 58 auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Reife. Obgleich man auf einen Solisten wie Martin Helmchen immer gespannt sein darf, überrascht diese Interpretation scheinbar wohlbekannter Musik mit ihrer fesselnden Darstellung musikalischer Bildwechsel, Trübungen, Verschiebungen und Zustände.   Hohe und edle Klangkultur gepaart mit energetischem Esprit entfaltet das Deutsche Sinfonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Andrew Manze, der zu den führenden Spezialisten historischer Aufführungspraxis zählt. Die Aufnahmeästhetik setzt, den Solopart des Klaviers betreffend, auf Unmittelbarkeit, jede Nuance des Anschlags ist auf eine Weise vernehmbar, die so im Konzertsaal in der Verbindung mit einem Orchester nicht möglich wäre. Helmchen ist mit seinem empfindsamen Spiel, das jeden Seelenschatten aufzuzeichnen scheint, mit glasklarer Artikulation und freudig sprudelnder Virtuosität hier aus absoluter Nähe zu erleben. Von perkussiver Direktheit bis zu sinnlich-schattenhaften Passagen über herrliche Dialoge mit den Bläsern liegt hier eine Aufnahme vor, deren eindringlicher Ausdruckskraft man sich kaum entziehen kann.  Anja Kleinmichel

Frieder Bernius / Deutsche Kammerphilharmonie / Kammerchor Stuttgart

Frieder Bernius / Deutsche Kammerphilharmonie / Kammerchor Stuttgart

Mendelssohn: Die erste Walpurgisnacht

Mendelssohn: Die erste Walpurgisnacht

Für Weihnachten gibts Weihnachtsmusik, für Ostern Österliches. Und der 1. Mai? Wer da nur an »Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!« denkt, der liegt falsch. Mendelssohn hat den klassischen Soundtrack zum Feiertag geschrieben – genauer gesagt: zur Nacht vor dem 1. Mai. »Die erste Walpurgisnacht« heißt die weltliche Kantate, deren Text der junge Mendelssohn vom alten Goethe erhielt. Das 30-minütige Werk zeichnet ein paganes Frühlingsfest nach, das im Angesicht der Christianisierung heimlich gefeiert wird. Wobei Pantheist Goethe dem Hokuspokus natürlich aufklärerische Züge verleiht. Im Kanon von Mendelssohns Werken führt die Kantate nur eine Randexistenz – obwohl Kurt Masur sie regelmäßig in Leipzig dirigierte. Der sonst auf Barockes spezialisierte Frieder Bernius nahm sie nun mit der Deutschen Kammerphilharmonie und dem Kammerchor Stuttgart für Carus auf. Klanglich zweifellos ein großer Wurf, denn Bernius rückt Mendelssohn ganz nah ans 18. Jahrhundert und zeigt so, wie es funktionierte, dass der junge Komponist in Berlin quasi Bachs Geist aus Zelters Händen empfing.  Hagen Kunze

Anna Burch

Anna Burch

If You’re Dreaming

If You’re Dreaming

Mit ihrem umwerfenden Debüt »Quit The Curse« von 2018 hat Anna Burch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wer erwartet, dass es jetzt nahtlos dort weitergeht, wird eines Besseren belehrt. Während der Erstling wie eine Ansammlung toller Singles anmutete, ist »If You’re Dreaming« wesentlich homogener, dichter und zurückhaltender. Inhaltlich widmet sich die Detroiter Musikerin hierauf Themen wie Lustlosigkeit, Isolation und anderen unerfreulichen Aspekten von menschlichen Beziehungen bzw. dem Fehlen selbiger. Ausgiebiges Touren und diverse Umzüge forderten laut Auskunft der Künstlerin ihren Tribut. Flotter Power-Pop ist daher Mangelware. Dafür finden wir grandios-verträumte Midtempo-Songs, die uns trotz der Thematik nie herunterziehen, sondern hohes Abhängigkeitspotenzial besitzen. Das ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Sam Evian, der als Solokünstler bereits zwei großartige Platten herausbrachte. Er half mit mehreren Instrumenten aus und produzierte »If You’re Dreaming« zusammen mit Burch in seinem Home-Studio in den Catskills. Die luftige Produktion bringt ihre glasklare Stimme bestens zur Geltung und wird Burch wieder diverse Vergleiche mit Carole King einbringen.  Kay Engelhardt

Nap Eyes

Nap Eyes

Snapshot Of A Beginner

Snapshot Of A Beginner

Nap Eyes haben alle bisherigen Alben als Live-Sessions im Studio eingespielt. »Snapshot Of A Beginner« ist ihr erstes Studio-Album, welches von diesem Ansatz abweicht. Ganz konventionell wurde diesmal jeder Song einzeln aufgenommen und bearbeitet. Das hindert sie nicht daran, genauso roh rockend daherzukommen. Ihre Interpretation von verträumtem Psychedelic-Pop hat nichts von seiner direkten Art eingebüßt und erinnert immer noch an eine genial produzierte Jam-Session, der man ewig beiwohnen möchte. Die Kanadier lieben nach wie vor Lou Reed, haben aber ihren eigenen Sound so versiert weiterentwickelt, dass das große Vorbild nur noch im Hintergrund zusammen mit Pavement und Bishop Allen ein Bierchen trinkt. Mit »Snapshot Of A Beginner« finden Nap Eyes die ideale Balance zwischen Pop-Appeal, Introspektion und Lärm. Und Nigel Chapman präsentiert seine tollen Texte per Sprechgesang so zurückgelehnt und ungekünstelt, dass wir ihm gern auch noch ein paar Alben zuhören. Bitte mehr davon!  Kay Engelhardt

Baauer

Baauer

Planet’s Mad

Planet’s Mad

Dieses Album erscheint wie bestellt zur beginnenden Festivalsaison. Eigentlich. Wir wollen es hier nicht noch einmal ausbuchstabieren, das Elend ist sattsam bekannt. So gewinnt »Planet’s Mad« eine tragische Größe, die dieser Musik ansonsten nicht zwingend zukäme, denn sie ist im Selbstverständnis Funktionsmusik. Der Beat muss knallen. Dieser Mix aus Trap, Techno, Trance und Drops, die man durchaus vorher schon kommen sieht, damit man sich darauf freuen kann, ist dafür gedacht, den wildfremden Spaniern vom Zeltplatz lachend in die Arme zu fallen, nachdem man sich im Moshpit gegenseitig das Fell über die Ohren gezogen hat. Das Album kann man sich vorstellen wie einen guten Freizeitpark: Irgendwann weiß man recht genau, wie sich eine Achterbahn anfühlt, was nichts daran ändert, dass das Gefühl auch nach dem achten Mal immer noch geil ist. Baauer schlägt seine Haken und Loopings im Sound dabei clever genug, dass das Geschehen stets rasant bleibt und nicht in Autoscooter-Einöde abdriftet. So wie der Titel des Albums ist die Musik am Puls der Zeit, der Producer erweist sich als gewissenhafter Streber, der zeitgenössischen Reggaeton, Trap und Auf-die-Zwölf-Techno studiert hat, ihn nach Belieben reproduzieren und für seine Zwecke einsetzen kann. Innovativ ist sicherlich etwas anderes, Baauer macht weniger Haute Cuisine als vielmehr den »Best Burger in town«: Dieses Album ist für alle, die in der Tautologie, dass ein dicker Bass nun mal ein dicker Bass ist, eine tiefe Wahrheit erkennen, für alle, die den ganzen Sommer über Heimweh haben werden nach dem Dreck, der Masse, den großen Bühnen und den Lichtern.  Kay Schier