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Rezensionen

Leopold-Mozart-Quartett

Leopold-Mozart-Quartett

Aus der Enge in die Weite. Streichquartette Nr. 1–3 von Heinz Winbeck

Aus der Enge in die Weite. Streichquartette Nr. 1–3 von Heinz Winbeck

Die Einspielung aus diesem Jahr präsentiert drei Streichquartette des deutschen Komponisten Heinz Winbeck (1946–2019). Winbecks äußerst expressive, deutlich sich aus der klassisch-romantischen Tradition heraus erklärende Tonsprache versteht sich als Antwort auf eine Beliebigkeit, wie der Komponist sie in neuerer Musik für sich zu häufig wahrnahm. Seine Suche nach musikalischem Ausdruck war gebunden an existenzielle Fragen und immer wieder auch an seine Auseinandersetzung mit dem Tod. Nach 1996 beendete Winbeck seine kompositorische Tätigkeit. »Vielleicht sollte mehr und auch länger geschwiegen werden, verbal und auch musikalisch«, schrieb er 1995, »um erst wieder zu hören, was der wunden Zeit nottut.« Erst 2009 gab es nach langer Pause und auch auf Drängen des Dirigenten Dennis Russell Davies hin einen letzten großen musikalischen Ausstoß, eine fünfte Sinfonie. Winbecks drei Streichquartette entstanden in einer früheren Phase, zwischen 1979 und 1984, und haben einen äußerst strengen, expressiven und dramatisch aufgeladenen Tonfall. Der Einsatz des Instrumentariums ist in der Textur, dem konkreten Interplay der Instrumente und rhythmisch im Sinne einer weitergeführten klassischen Tradition zu verstehen und zeigt das Ringen um Neuformulierungen mit für »verbraucht« erklärtem musikalischem Material. Das Leopold-Mozart-Quartett interpretiert diese expressive Musik virtuos, farbenreich und fesselnd. Titel der Einspielung ist: »Aus der Enge in die Weite«. Grundstimmung dieser Musik bleibt jedoch äußerste Beklemmung, Weite scheint eher die unerreichte, ideale Qualität im Ringen nach Befreiung durch die Formulierung dieser Musik. Eine interessante Bereicherung des Repertoires. Anja Kleinmichel

Disillusion

Disillusion

Ayam

Ayam

»Ayam« bedeutet auf Malaysisch »Hahn«. Ob Disillusion das im Sinn hatten, als sie ihre neue Platte benannten, ist nicht bekannt. Jedenfalls schießen die Leipziger Progressive- Metaller den sprichwörtlichen Vogel mit der Veröffentlichung ab. Sie treiben die Richtung konsequent weiter, die sie mit ihrem Comeback »The Liberation« vor drei Jahren eingeschlagen haben, statt wie einst mit dem sehr differenten »Gloria« einen Teil der Fans vor den Kopf zu stoßen. Auch »Ayam« zeichnet sich durch zielstrebiges Mäandern in komplexen Kompositionen aus. Schon der Opener »Am Abgrund« überzeugt in seiner Vielschichtigkeit – und das kurzweilige elf Minuten lang. Die Progressive-Lawine wälzt sich unaufhaltsam nach unten, reißt dabei allerlei Death- und Thrash-Metal-Elemente mit, bevor sie epischer wird und an Geschwindigkeit verliert. Nur, um dann wieder Tempo aufzunehmen. Schon dieser erste Song sichert einen Beifallssturm. Der Rest der Platte steht aber nicht dahinter zurück. Dominiert anfangs noch der Klargesang, so reichert Sänger Andy Schmidt die Vokal-Ebene später mit finstererem Growling an. Fröhlich geht anders. Bei aller mittleren Härte und tobenden Ausbrüchen, die »Ayam« mitbringt, sticht vor allem der von Disillusion gewohnte melancholische Touch besonders heraus. Wie ließe sich diese Zeit nicht ohne ein gewisses Maß an Schwermut ertragen? Wunderbar emotional rauscht diese Musik dahin, legt sich als atmosphärischer Klangteppich wie Balsam auf die geschundene Seele. Eine dunkel-funkelnde Schönheit. Tobias Prüwer

Mellie

Mellie

I Have Ideas, Too

I Have Ideas, Too

In der dritten Staffel der David-Lynch-Serie »Twin Peaks« nimmt das »Roadhouse« (eine Bar, in der in jeder Folge andere Interpreten die Bühne betreten und den Soundtrack zur jeweiligen bizarren Szenerie beisteuern) quasi die Rolle eines handlungstragenden Nebencharakters ein. Was diese Interpreten eint, ist, dass sie mit ihrem individuellen Je ne sais quoi die omnipräsente, düstere Surrealität der Erzählung verstärken. Genau diese Atmosphäre beschwört »Snail«, der Opener auf Mellies Debüt-LP »I Have Ideas, Too«: Zu einer nervösen Stakkato-Saite gesellt sich eine schleppende Gitarrenmelodie, bevor blecherne Drums und dissonanter Gesang – wie aus fremden Sphären – das Zerrbild komplettieren und die volle Aufmerksamkeit der Hörerschaft kassieren. Mellie ordnen sich selbst dem Genre Avant/Rock-Pop zu. Vergleiche mit Sonic Youth scheinen sich also aufzudrängen – würden Mellie aber nicht gerecht. Zum einen wirkt die Produktion der neun Titel auf »I Have Ideas, Too« zwar etwas weniger professionell, aber eben auch weniger bemüht-rotzig als beispielsweise auf Sonic Youths »Goo«. Zum anderen klingt das Verhältnis zwischen Vocals und Instrumentals hier eher symbiotisch als konkurrierend. Nach etwa der Hälfte des Albums wird das konzentrierte Lauschen für alle Nicht-Genre-Fans eventuell etwas mühselig, da der Aufbau der Songs stellenweise schablonenhaft anmutet. Mellies Spielfreude und die Kreativität, die sie in diesem durchschnittlich dreieinhalb Minuten spannenden Rahmen auffahren, lassen die meisten Hörenden – besonders nach dem sechsten Track »No, No, No« – sicher dennoch mit viel Lust auf einen Live-Gig der Band zurück. Laura Gerlach

Special Interest

Special Interest

Endure

Endure

Punk atmet das dritte Album von Special Interest in jedem Moment. »Endure« strotzt vor DIY und Kampfansagen an Diskriminierung und Ungleichheit. Die Verpackung hat aber so viel mehr Soul, ist mehr The Specials (ja, nicht nur wegen der Namensähnlichkeit) als The Slits, mehr NWA als The Damned. Schon auf den ersten beiden Alben wurde deutlich, wo die Wurzeln des Quartetts liegen – im Black-Conscious-Soul aus New Orleans. Wer das nicht gleich gehört hat, dem wurde es als Nina-Simone-Sample auf dem silbernen Tablett serviert. Und auf »Endure« zeigen es die Kollaboration mit der Rapperin Mykki Blanco oder auch der Verweis auf den Menschenrechtsaktivisten Herman Wallace im Song »(Herman’s) House«. So einzigartig jede der elf Geschichten in Song-Form ist, so einzigartig und vielseitig ist auch ihre musikalische Umsetzung: Ja, da ist der 3-Akkorde-Punk. Der geht aber über in Soul-Grooves. Über die Gitarre von Marina Elena rappt Mykki Blanco oder faucht auch mal Alli Logout. Und um noch mal klar zu sagen, was sie dabei für Ansagen macht, die Single »Foul« bringt es in wenigen Gegenüberstellungen auf den Punkt: »If it’s not my back – It’s my head / If not my head – It’s my heart / Short staffed – Overworked Sleep deprived – It’s an art / God, I need a cigarette but knowing it’s against the law«. Mit dieser Haltung ist »Endure« ein revolutionäres und rundum beeindruckendes Album. Kerstin Petermann

First Aid Kit

First Aid Kit

Palomino

Palomino

Tanzen als Akt der Befreiung und Emanzipation? Na klar! Wer das abstreitet, hat wohl noch nicht zu den Specials getanzt. Oder einfach zu einem Lieblingslied. Für »Palomino«, das fünfte Album von First Aid Kit, ist diese Assoziation schon sehr hoch gehängt. Ich möchte die Latte mal etwas weiter runter hängen und sagen: Es ist ein super Pop-Album. Die Refrains sind auf den Punkt genau, die Synthies schmiegen sich ins Ohr und das Schlagzeug geht direkt in die Füße. Im Vergleich zu den vier Vorgängern legen die beiden Schwestern aus Schweden noch einen drauf: mehr Harmonie, mehr Melodie, mehr Drums, mehr Epik. Mit elf Songs scheinen sie sich tatsächlich freizuspielen. So wie Fleetwood Mac sich dereinst voller Inbrunst in die Keyboard-Harmonien legten. So wie Kate Bush mit aller Energie den Berg hinaufrannte. Eine solche Kraft entdecken auch First Aid Kit auf »Palomino«. Vorbei die Zeiten, in denen zarte Folk-Klänge und reduzierte Songstrukturen ihr Wesensmerkmal waren. Stattdessen eine Hommage an die Tanzflächen der Siebziger und Achtziger mit ihrer hymnischen Epik und den unwiderstehlichen Rhythmen. Und damit erfüllt »Palomino« eine sehr legitime Aufgabe: Es bringt diese Musik in die heutige Zeit. Es macht Spaß und reißt einen aus dem Alltag heraus. Es ist ein unwiderstehlicher Time- Warp. Aber es ist kein neues »Ghost Town« oder »Running Up That Hill«. Ob es ein Befreiungsschlag ist, wie First Aid Kit für sich selbst sagen, muss auf der Tanzfläche jeder und jede für sich entscheiden. See you there! Kerstin Petermann

Stella Sommer

Stella Sommer

Silence Wore a Silver Coat

Silence Wore a Silver Coat

Stella Sommer hat in den vergangenen zehn Jahren eine erstaunliche künstlerische Entwicklung vollzogen. Will man verstehen, was ich meine, sollte man sich zuerst das Debüt »Herz aus Gold« von Sommers Stammband Die Heiterkeit, dann ihr neues Soloalbum »Silence Wore A Silver Coat« anhören. Kaum zu glauben, dass sich hinter beiden Platten dieselbe Songschreiberin und Sängerin verbirgt! Waren Die Heiterkeit anno 2012 für ihren schrammeligen deutschsprachigen Lofi-Pop bekannt (ein Rezensent des Debüts beklagte dereinst gar verstimmte Gitarren!), präsentiert Sommer auf ihrem neuen Album feingliedrig arrangierten, englischsprachigen Dream-Pop mit deutlicher Folk-Schlagseite. Die neuen Songs kommen dabei so fragil und zerbrechlich daher, dass man meint, jeden Moment von irgendwoher ein Klirren vernehmen zu können – aber nichts! Stattdessen Songs wie »A Single Thunder in November« oder »In My Darkness», die derartige Ruhe und Wärme ausstrahlen, dass einem in einem kurzen Anflug naiver Volltrunkenheit nicht einmal mehr die Aussicht auf ausfallende Heizungen in der kommenden Winterperiode Angst zu verschaffen vermag. Einzig die Länge von 24 Songs wirkt ein wenig überambitioniert und erschlagend. Betrachtet man die beiden Platten des Albums jedoch als zwei getrennte Entitäten mit je eigenem Spannungsbogen, hat sich auch der letzte potenzielle Einwand in Luft aufgelöst. Luca Glenzer

Dry Cleaning

Dry Cleaning

Stumpwork

Stumpwork

Wenige Alben-Cover schaffen es, mit so banalen Motiven so irritierend unangenehme Gefühle hervorzurufen wie das von »Stumpwork«, der zweiten Platte der britischen Post-Punk-Band Dry Cleaning: Nasse Haare auf einem Stück Seife, argh! Die absurd beunruhigende Abbildung von gleichzeitiger Cleanness und Schmutzigkeit. Das Absurde im Banalen zu entdecken, ist ohnehin eine wesentliche Fähigkeit der Band – und die große Stärke von Sängerin und Texterin Florence Shaw: »I thought I saw a young couple clinging to a round baby, but it was a bundle of trash and food«, um mal den titelgebenden Track »Stumpwork« zu zitieren. Wie schon auf dem Debüt-Album »New Long Leg« zeichnet sich Shaws Gesangsstil auch hier vor allem durch das aus, was sie nicht tut: singen etwa. Stattdessen gibt es mit überragender Lakonie vorgetragenen Spoken-Word-Rock über den Irrwitz des Alltags, der eine erstaunliche Intimität erzeugt; als ob Shaw in einsamen Nächten neben einem sitzt, um einem ihre geheimsten Tagebucheinträge ins Ohr zu flüstern. Die post-punkige Krachigkeit der Vorgängerplatte wurde auf »Stumpwork« etwas zurückgefahren, die Soundpalette dafür um Saxofon, Synthesizer und etwas, das vielleicht ein Akkubohrer sein könnte, erweitert. Eingängige Hits sucht man vergebens, aber die texturreichen Arrangements und die eigentümliche Stream-of-Consciousness-Lyrik machen »Stumpwork« definitiv zu einem der interessantesten Gitarren-Musik-Alben des Jahres! Yannic Köhler

La Rubina

La Rubina

Rorate Coeli

Rorate Coeli

»La Rubina« nennt sich ein Leipziger Barock-Quintett (warum wird die Cembalistin auf dem Cover-Foto unterschlagen?), das endlich einmal nicht die Musik des großen JSB zum 127. Mal erforschen will, sondern sich der weniger bekannten Musik des 17. Jahrhunderts widmet. »Leipziger und venezianische Kammermusik«, schreibt der versierte Beiheftautor und gesellt freizügig den Dresdner Kapellmeister Heinrich Schütz zur Musikhistorie der Messestadt. Wirkliche Verbindungen zwischen Leipzig und Venedig gibt es trotzdem massenhaft – etwa infolge der Flucht des designierten Thomaskantors Johann Rosenmüller, der potenziellen Ruhm in Italien reizvoller fand als die Aussicht auf sächsische Kerkerhaft wegen angeblicher Pädophilie. Das Programm unter dem adventlichen Titel »Rorate Coeli« ist sicher kein dramaturgisch bis ins Detail durchdachtes Konzept – es verbindet 19 unterschiedliche Werke zu einem bunten frühbarocken Blumenstrauß. Dennoch fasziniert die Vielschichtigkeit, mit der die fünf Musiker die Werke umsetzen und dabei auch Adaptionen von Vokalmusik geschickt ins Bouquet einflechten. Hagen Kunze

Jazz. Spors. Bach

Jazz. Spors. Bach

Triosonaten

Triosonaten

Jazz und JSB – das ist seit Jahrzehnten eine kongeniale Einheit, die schon unzählige Male beim Open Air des Bachfestes gemixt wurde. Nun wagen das Stuttgarter »Michael Spors Trio« und der Grazer Orgelprofessor Ulrich Walther die Symbiose mit drei Bach-Sonaten – jeweils im Original und als jazzige Bearbeitung. Was es dem Speziallabel Organum Classics immerhin wert ist, das Programm auf eine mit 81 Minuten randvoll gefüllte CD zu pressen. Um es vorwegzunehmen: Puristen werden die Haare zu Berge stehen. Denn Walther schert sich einen feuchten Kehricht darum, was Originalklangexperten zur fein ziselierten Stimmführung der Bach’schen Triosonaten in historischer Aufführungspraxis zu sagen haben. Seine Aufnahmen spiegeln die Interpretationsgeschichte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts – anhand eines hochbarocken und eines romantischen Instruments sowie einer lieblich schnarrenden Hammond-Orgel. Auf die Idee, damit BWV 529 zu spielen, muss man erst mal kommen. Und so ist es auch kein Wunder, dass in der sehr freien Jazz-Version von BWV 526 erst einmal »Fly me to the moon« zitiert wird. Hagen Kunze

The Weeknd

The Weeknd

Dawn FM

Dawn FM

The Weeknd schreibt seit über zehn Jahren im Prinzip immer wieder denselben Songtext, aber den kann er halt auch: »It’s 5 AM, I’m high again, and you can see that I’m in pain / I’ve fallen into emptiness, I want you ’cause we’re both insane«, heißt es in »Gasoline«, zack, da ist er, der Abgrund, schmalzig schmachtend einem verführungswilligen Gegenüber vorgetragen. Das ist kein Frank Ocean, aber lyrisch sehr effektiv, und allerspätestens seit »Blinding Lights« weiß man, dass Abel Tesfaye kein fancy Kritikerliebling sein, sondern die Halbzeitshow des Super Bowl spielen will, was er mittlerweile auch getan hat. »Dawn FM« unterstreicht diesen Anspruch. Man muss neidlos anerkennen, dass es wohl keinen zweiten Act auf diesem kommerziellen Level gibt, der auf dem Weg dorthin seine eigene Musik so gekonnt und stilbewusst weichgespült hat. Bis auf das makellose Falsett erinnert hier wenig an den experimentellen R’n’B von früher, dafür hat er mit Tracks wie »How Do I Make You Love Me« und »Take My Breath« die Formel für epische Dancefloor-Peitscher geknackt, die den Spagat hinbekommen, gleichzeitig nach Schulterpolstern unter weißen Jacketts im Trockeneisnebel und nach dem Hier und Jetzt zu klingen. Dem gegenüber stehen schamlose Ausflüge in die Niederungen des 80er-Jahre-Yuppie-Pops wie »Out Of Time« oder »Less Than Zero«, bei denen man sich nicht sicher ist, wo er damit hinwill, ob das als eine Art ironischer Metakommentar Assoziationen zu American Psycho bewusst hervorrufen soll oder ob es doch mehr darum geht, dass das im Spotify-Shuffle gut flutscht. Gefühlt ist beides wahr, in jedem Fall ist es konsequent gemacht. Das Album erlaubt sich zudem ein paar sympathische Schrulligkeiten wie einen durch fiktive Radioansagen etablierten konzeptuellen Anstrich, das als Song getarnte experimentelle Kurzhörspiel »Every Angel Is Terrifying« und diverse Spoken-Word-Auftritte von Jim Carrey, der ganz zum Schluss im A-b-a-b-Reimschema über persönliches Wachstum und (...) Kay Schier

Tocotronic

Tocotronic

Nie wieder Krieg

Nie wieder Krieg

Tocotronic – die zarteste Versuchung, seit es Revolution gibt. Klassiker des Graffiti wie »Macht kaputt, was euch kaputt macht« sind bei Tocotronic ein mit Dirk von Lowtzows sonorer Stimme gesungenes »Du weißt, ich muss jetzt gehn. Ich kann nur eine Viertelstunde im Schlund überstehen« (»Ich tauche auf«), mit energisch gezupfter Gitarre und flirrendem Bass untermalt. »Nie wieder Krieg« heißt das 13. Studioalbum des Trios. Es ist so politisch, wie der Titel verspricht, gemäß dem Tocotronic’schen Verständnis von Politik, und schließt Zerrissenheit und Liebe ein. So stellen sie die Frage, wie wir leben wollen, und machen dabei klar, wie sie und wie wir nicht leben wollen: mit Diskriminierung, Ausgrenzung oder Hetze … Feine Sahne Fischfilet mögen mehr Schweiß und mehr »F*ck N*z*s«- T-Shirts auf ihren Konzerten haben. Aber die Kraft, die in »Jugend ohne Gott gegen Faschismus« steckt, ist von einer zarten Wucht. Es braucht eine Band wie Tocotronic: die seit 28 Jahren Stellung bezieht, selbstverständlich und ohne je radikal zu wirken. Mehr noch: die zeigt, dass es neben Faschismus auch andere Baustellen gibt. Denn wie kann man von jemandem Mitgefühl und Anstand erwarten, für den noch nicht mal Anti-Faschismus eine Selbstverständlichkeit ist? Diese sanfte Wucht bei Tocotronic ist mehr wert als jede Interpretation der Texte. Das Rätselhafte ist der Reiz. Die Zweideutigkeit der Zauber. Will ich wirklich wissen, dass Dirk von Lowtzow bei einem Satz ein ganz anderes Bild im Kopf hatte? Eins zu eins ist bei Tocotronic schon seit 20 Jahren vorbei und trotzdem sind sie Meister darin, Themen und Gefühle in den lyrischsten Zeilen unzweifelhaft zu vermitteln. Bis hin zur Revolution. Kerstin Petermann

Alt-J

Alt-J

The Dream

The Dream

Was der Traum wäre: eine Welt, in der man sich versteht. In der man sich ohne Vorurteile und voller Toleranz begegnet. In der das Du ebenso eine Bedeutung hat wie das Ich. Die britischen Folk-Tüftler von Alt-J versuchen mit ihrem vierten Album »The Dream«, dem ein Stückchen näher zu kommen. Mit fast schon rührender Naivität erzählt das Trio aus Leeds von den unschuldigen Freuden und Träumen eines unbeschwerten Sommers, Urlaubs oder einfach des Alltags. Die Formel der Glückseligkeit lässt sich offenbar in zwölf Songs packen und beinhaltet als Variablen Sonne, Liebe, Eis, Gesundheit (natürlich auch für die Liebsten) und die richtige Melodie im Ohr. Tatsächlich könnte »The Dream« der Beweis sein, dass die Formel aufgeht. Nur allzu gerne möchte man sich von dem wiegenden, leichten Gesang Joe Neumans davontreiben lassen. Vor allem, wenn flirrende Synthesizer und Gitarren die Richtung vorgeben. Was wir haben: Corona, einen Fast-Krieg in der Ukraine, Tausende von frierenden und hungernden Geflüchteten an der polnischen Grenze, Klimawandel. Dieser Clash zwischen Wunsch und Tagesschau ist das Eindrücklichste an »The Dream« und vielleicht die stärkste Aussage des Albums. Eventuell sogar ein Weckruf, sich aus dem eigenen watteweichen Wohlfühl-Kokon zu schälen und sich zu engagieren. Vielleicht – und das hoffe ich – ist es aber auch das Resümee aus mehreren Monaten Welttour mit unzähligen Begegnungen, Bekanntschaften und freundlich-unbekümmerten Eindrücken. Denn während der Tour rund um die Welt sind die ersten Songs und Aufnahmen entstanden. Kerstin Petermann

Cat Power

Cat Power

Covers

Covers

Chan Marshall aka Cat Power hat schon seit jeher ein Faible für Cover-Versionen. »Covers« ist bereits die dritte Sammlung von Neuinterpretationen nach »The Covers Record« (2000) und »Jukebox« (2008). Erstere überzeugte durch geniale Reduktion. Letztere spielte sich durch ihre enorme musikalische Vielseitigkeit ins Herz der Hörenden. In dieser Hinsicht ist »Covers« näher an »Jukebox«. Diesmal covert Cat Power elf überwiegend etablierte Künstler:innen sowie einen eigenen Song. Lana Del Rey, Iggy Pop und Nick Cave gehören zu den bekannteren. Von weit entfernt vom Original (»Bad Religion«) bis dicht an der Vorlage (»These Days«) ist alles vorhanden. Glücklicherweise gibt es keine größeren Experimente, dafür jederzeit spannende und intensive Variationen. Marshall gelingt durchgängig das, was gutes Covern auszeichnet: den Songs unbekannte Seiten zu entlocken und sich gleichzeitig vor dem Vorhandenen zu verbeugen. Das feste Gerüst der Originale hilft die ansonsten bisweilen uferlose Melancholie Marshalls perfekt zu kanalisieren. Ihre süchtig machende Stimme sowie die versierte Song-Auswahl machen dieses Album zu einem frühen Lichtblick im neuen Jahr. Kay Engelhardt

Deep Throat Choir

Deep Throat Choir

In Order To Know You

In Order To Know You

Der Deep Throat Choir ist ein Vokalensemble aus London, das komplett aus weiblichen und nicht-binären Mitgliedern besteht. Das Kollektiv mit dem augenzwinkernden Namen fand sich auf Initiative von Luisa Gerstein zusammen. Ursprünglich konzentrierten sich die Künstlerinnen auf Cover-Songs im Chorformat. Ansinnen war es, den Originalen neues Leben einzuhauchen. Hilfreich war dabei die Beschränkung auf die reine Kraft von Stimmen und Schlagzeug. Auftritte fanden vor allem zum eigenen Vergnügen und im kleineren Kreis statt. Mit dem zweiten Album begibt sich das Projekt auf eine neue Reise. »In Order To Know You« wartet komplett mit Eigenkompositionen auf. Unterstützt durch zusätzliche Bläser, Streichersätze, Piano-Passagen und Synthie-Sounds wird die Klangwelt behutsam erweitert. Der neue Sound des Deep Throat Choir schwebt genial zwischen Chamber-Pop, Jazz und Indie-Pop. Das erinnert bisweilen an Artverwandte wie Tune-Yards und This Is The Kit. Wie gehabt wird die geballte Energie und Grazie des weiblichen Gesangs zelebriert. Die neuen Stücke sind luftig, erhebend und verspielt. Und ein extrem kurzweiliges Beispiel für zeitgenössische Chormusik. Kay Engelhardt

Ragnhild Hemsing

Ragnhild Hemsing

Edvard Grieg: Peer Gynt

Edvard Grieg: Peer Gynt

Schauspielmusik zu »Peer Gynt« ist nicht gerade eine Neuentdeckung. Im Gegenteil: »In der Halle des Bergkönigs« und »Morgenstimmung« gehören zu den meistgespielten Klassik-Werken – Letzteres auch dank massiver Verwendung in der Werbung. Doch wer die Interpretation der Norwegerin Ragnhild Hemsing hört, die mit den Trondheim Soloists den Klassiker neu aufgenommen hat, der erfährt diese Komposition mit neuen Ohren. Weil Hemsing die Tatsache, dass sich Grieg von skandinavischer Volksmusik inspirieren ließ, ernst nimmt und nicht nur zur gewöhnlichen Geige, sondern auch noch zur Hardanger-Fiedel greift. Die oft gehörten ersten vier Töne der »Morgenstimmung« erklären sich so plötzlich von allein – sie entsprechen den leeren Resonanzsaiten der Fiedel. So wird die Bühnenhandlung endlich einmal verständlich: Aus dem Unterbewusstsein schleichen sich die vertrauten Klänge aus Peer Gynts Heimat in sein Ohr und wecken die Lebensgeister des nach einem Schiffsunglück fast schon toten jungen Mannes aufs Neue. Perfekt: So funktioniert wirkliches Crossover, mehr davon! Hagen Kunze

Breu

Breu

Endlich: Für dieses sieben Tracks fassende Album hat sich die Band des in Leipzig ansässigen Maximilian Breu Zeit genommen. Dessen Schlagzeug ist der Gruppe Bauleitung und Gerüst, ständig weiterentwickelnd auf- und abbauend. Pausen, in denen man sich vergessen kann, werden zu gefährlichen Gewässern für die unentbehrlichen virtuosen Komplizinnen Breus: Olga Reznichenko an Klavier und Keyboard, Andreas Lang am Kontrabass und Andreas Dombert an der Gitarre. Die Dynamik in jedem Stück wird zur Herausforderung – im Guten. Konzentration ist eine Kunst. Ständig wird aufgebrochen, was sich eben erst zusammenfügte. Aufhorchen. Ereignismusik. Arrangements, in denen passiert und passiert und wieder passiert. Das sind Strecken, die zurückgelegt werden müssen. Vielseitige Strecken, die post-rockend an Stilen vorbeispielen, diese passieren, verschmelzen, wieder auseinandernehmen. Immer mal krautig, wuchernd kommen die Nummern daher. An anderer Stelle sprechen sie eine überaus klare Formsprache. Dass auf Sprache beziehungsweise Gesang verzichtet werden muss: ein bisschen schade. Das Album ist vorerst nur digital verfügbar, doch dabei soll es nicht bleiben und auch sonst hat der Namensgeber gute Absichten. Für dessen Aktivitäten gibt es reichlich Vorsätze zum Jahresstart. Das Wesen des Albums macht es vor: Hängenzubleiben ist nur ein Angebot, sich wieder loszureißen. Elias Schulz

Band of Horses

Band of Horses

Things Are Great

Things Are Great

»I think I got a crutch on you« – so einfach und wundervoll macht Ben Bridwell den Crush zu einer Krücke. Offen bleibt, ob sie eine Belastung ist oder eine Stütze. Das ist nur eines der zauberhaften Wortspiele auf dem sechsten Album von Band of Horses, »Things Are Great«. Ganz selbstverständlich jonglieren die Texte wieder mit Widersprüchlichkeiten: Da ist die dritte Single »Lights«. Sie erzählt von Einbruch, Polizei und Scheinwerfern. Für Letztere steht der Titel ebenso wie für das sanfte Licht der Freundschaft und Heimeligkeit, die in dem Song anklingt. Das Bemerkenswerte an dem Quintett aus Seattle ist die Nähe zwischen Songs und Songschreiber Ben Bridwell. Die Szenen, die sich wie ein Puzzle zu einem Songtext zusammensetzen, stammen aus seinem Leben und tragen seinen sympathisch-skurrilen Humor. Die zehn Songs sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden und man merkt, dass nach dieser längeren Zeit die Spielfreude die Snares und den Bass noch einmal ordentlich getrieben hat. Sie klingen so rockig wie eine junge Band, die von Band of Horses inspiriert ist. Vielleicht ist es die neu entdeckte Spielfreude, vielleicht der Frühling oder einfach auch der Drive, den die beiden Neuen Matt Gentling und Ian MacDougall in die Band bringen … Sei’s drum: »Things Are Great« ist great und genau das Richtige, um dem Frühling entgegenzutanzen. Und wenn jemand fragt: Das Glas ist halbvoll und die Krücke eine Stütze. Kerstin Petermann

Beach House

Beach House

Once Twice Melody

Once Twice Melody

Hinter Beach House verbergen sich Victoria Legrand und Alex Scally, die seit 2005 unter diesem Namen veröffentlichen. »Once Twice Melody« ist bereits das achte Album des Duos aus Baltimore. Schon der letzte Longplayer »7« stand ganz im Zeichen der Neuausrichtung und Weiterentwicklung ihres Sounds. Die große Qualität von Beach House besteht darin, sich sehr geschmeidig und organisch zu transformieren. Auf jeder neuen Platte klingen sie schwer nach Beach House und dennoch geringfügig anders. Damit bleiben ihnen auch Fans der frühen Jahre treu. »Once Twice Melody« ist das erste vollständig in Eigenregie produzierte Album. Zudem enthält es erstmals live eingespielte Streicher- Passagen. Im Laufe der Jahre wurde der Sound des Duos immer opulenter, breitwandiger und melodieverliebter. Artverwandte wie Stereolab, Future Islands und Burning Hearts scheinen durch die eine oder andere Schicht des neuen Albums hindurch. Auch hierauf flirten Beach House noch gelegentlich mit der Melancholie. Im Großen und Ganzen ist es aber ihr mit Abstand unbeschwertestes Werk, was wir hiermit ausdrücklich gutheißen. Kay Engelhardt

Kae Tempest

Kae Tempest

The line is a curve

The line is a curve

Ab wann wird eine Linie zum Kreis und hört auf, eine Linie zu sein, nur weil sie sich biegt? Ab wann wird ein Sandkorn zum Haufen, wann ein Push zum Flow, ein Gestoßenwerden zum Antrieb? Kae Tempest wirft auf dem fünften Studioalbum »The line is a curve« das »T« des Vornamens endgültig über Bord und verhandelt fließende Übergänge, die Widersprüche aufheben. Einer der offensichtlichsten Widersprüche oder Gegensätze ist der von Mann und Frau. Schon das Sachbuch »On Connection« von 2020 ist eine intime Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Es fällt zusammen mit der öffentlichen Bekundung, nicht mehr »sie«, Kate, zu sein, sondern »they«, Kae. Ganz logisch knüpfen die Lyrics des aktuellen Albums an diese Verweigerung von Binarität an. Im geliebten Cockney-Englisch reflektiert Kae Tempest über Ungleichheiten in der Gesellschaft: über Privilegien versus Diskriminierung, über Druck versus Freiheit. So persönlich der Ausgangspunkt des Albums ist, so sehr mündet er doch in Gemeinsamkeit und Kommunikation. Auch für dieses Album sucht sich Kae gezielt Menschen zur Kooperation: Fontaines DC-Sänger Grian Chatten, Lianne La Havas oder einfach ausgesucht sympathische Menschen, wie junge Fans oder die Dichterin Bridget Minamore. Diese Gemeinsamkeit ist nur konsequent. Sie macht das Album bunter, sie zeigt, was die Lyrics sagen: Ich kann euch alleine etwas über Ungleichheit erzählen, klar, aber wenn ich etwas verändern möchte, brauch ich auch euch dazu. Müssen wir viele sein. Kerstin Petermann

Molly Nilsson

Molly Nilsson

Extreme

Extreme

Beim Hören des neuen Albums »Extreme« der Schwedin Molly Nilsson möchte man rausgehen, losrennen, laut mitsingen. Allerdings sollte man sich nicht auf dem wuchtigen, treibenden 80s-Synthiesound davontragen lassen, ohne auf die Texte zu achten. Denn das zehnte Album der Wahlberlinerin ist ein sehr persönliches Manifest zum Umsturz bestehender Machtstrukturen. Geschickt verpackt sie feministische Botschaften in ihre Texte, wie in »Earth girls«, wo sie sich an die heranwachsende Generation von Frauen mit den Worten wendet: »You ask yourself ›Is it in my head?‹ You turn that finger on the world instead. Women shame themselves. But don’t blame yourselves. ’Cause Women have no place in this world.« Ähnlich ermutigende Botschaften finden sich in »Fearless like a child«. »Intermezzo«, ein schnelles, treibendes, rein instrumentales Lied unterteilt das Album. Auf der zweiten Hälfte geht es weiter mit kapitalismuskritischen Klängen, »fresh young face, king of a lovely place, silicone life, wash your face«, heißt es in »Sweet smell of success«. Nicht nur textlich, auch musikalisch ist »Extreme« dichter und direkter als frühere Alben. Nilsson bleibt ihrer Ästhetik durchaus treu: Es gibt weiterhin den von ihr orchestrierten Plastiksound mit dominantem Keyboard, den man kennt und liebt. Der Synthesizer kommt teils so amplifiziert zum Einsatz, dass die Musik im Synthieschauer verschwimmt. Doch auch schroffe Metal-Riffs finden verstärkt Eingang in die Musik. Der Name ist Programm: Mehr von allem, klarer, stärker – Extreme eben. Sarah Nägele