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Rezensionen

David Erler

David Erler

Psalmen und Lobgesänge

Psalmen und Lobgesänge

In seinem Metier ist David Erler kein Unbekannter. Der Leipziger mit der seltenen Stimmlage des Altus gehört seit Jahren schon zu den Bekanntesten seines Faches. Da erstaunt es umso mehr, dass Erler erst jetzt seine erste CD präsentiert, und man reibt sich die Augen: War der Sänger nicht schon bei vielen preisgekrönten Aufnahmen beteiligt? Ja – aber nun gönnt er sich eben den Luxus einer Solo-Scheibe, die im vokalen Bereich wirklich einzig mit seiner Stimme aufwartet. Das Wort »Luxus« wirkt da jedoch euphemistisch. Denn der Altus gehört zu den Spezialisten, denen im März 2020 schlagartig die meisten Aufträge wegbrachen. Der wortgewandte Sänger formulierte darum eine Petition und trug diese bis ins Fernsehen. Weil Erler aber nicht nur Sänger und Streiter für die gesamte Zunft ist, sondern auch als Forscher auftritt, nutzte er den frei gewordenen Raum im Kalender, um sich gewissermaßen einen langjährigen Traum zu erfüllen: »Psalmen und Lobgesänge« vereint zahlreiche frühbarocke Musiken, von denen David Erler die meisten selbst ediert und in Weltersteinspielung auf Platte gebannt hat. Hagen Kunze

Gaechinger Cantorey

Gaechinger Cantorey

Bach: Matthäuspassion

Bach: Matthäuspassion

Auch in diesem Jahr wirbelt die Pandemie den vorösterlichen Aufführungskalender gehörig durcheinander. Dennoch gilt nach wie vor: Ohne Neueinspielung einer Bach-Passion geht es einfach nicht. Damit das auch in diesem Jahr gilt, hat das Label Accentus eine Doppel-CD produziert. Die Leitung der Neueinspielung der Matthäuspassion liegt in den Händen von Hans-Christoph Rademann, der die seit einigen Jahren konsequent auf historische Aufführungspraxis umgepolte Gaechinger Cantorey leitet und im Solistenapparat gleich mehrfach auf waschechte Leipziger setzt. Aus der Not, unter Corona-Bedingungen eine Aufnahme zu produzieren, so dass die Musiker mehr als den sonst üblichen Abstand zueinander halten, macht Rademann eine Tugend: Denn diese Passion atmet bis zuletzt eine ungeheure Plastizität. Erkennbar wird das vor allem an den schlicht gehaltenen, aber spannungsvollen Chorälen, unter denen das unbegleitete »Wenn ich einmal soll sterben« am meisten beeindruckt. Eine Einspielung, die man gehört haben muss – auch wenn es sich dabei um die gefühlte 287. Version der Matthäuspassion handelt. Hagen Kunze

Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach

Senza Basso – Auf dem Weg zu Bach

Nadja Zwiener: Barockvioline

Nadja Zwiener: Barockvioline

Nadja Zwiener hat sich nach ihrer Ausbildung auf der modernen Geige immer intensiver der Barockgeige und der Alten Musik zugewandt und ist seit Jahren Konzertmeisterin bei renommierten Ensembles wie The English Concert und der Bachakademie Stuttgart. Die Idee ihres ersten Solo-Albums war, einmal die übliche Perspektive zu wechseln, in der Johann Sebastian Bach vereinfacht oft als Anfangspunkt der hiesigen Musiktradition wahrgenommen wird. Das bedeutete für sie konkret, sich aus der Zeit um und vor Bach auf sein Werk zuzubewegen. Musikalisches Thema ist dabei die Violine als unbegleitetes Soloinstrument, etwas Besonderes im sogenannten Generalbasszeitalter. Die Sonaten und Partiten für Solovioline von Bach werden gemeinhin als Krönung dieser Gattung wahrgenommen und sind die bekanntesten ihrer Art. Sie loten mit aller Handwerkskunst und Raffinesse die Möglichkeiten der Mehrstimmigkeit auf einem Streichinstrument aus. Um so interessanter ist es, Kollegen aus Bachs zeitlichem Umfeld zu hören, zu vergleichen, Reminiszenzen wahrzunehmen. Unter den Meistern der Zeit, die Zwiener mit Natürlichkeit und Feinsinn zu Gehör bringt, sind Corelli, Baltzar, Vilsmayr und Purcell. Es handelt sich fast durchgängig um sehr kurze Stücke, das große Hauptwerk ist die Passacaglia von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704) aus seinen sogenannten Rosenkranzsonaten. Ein originales Leipzig-Produkt, eingespielt von der in Leipzig lebenden Barockgeigerin Nadja Zwiener, aufgenommen in der Bethanienkirche Schleußig, produziert beim Leipziger Label Genuin. Anja Kleinmichel

Euphorium Freakestra

Euphorium Freakestra

Soundz Offe Drzk Wähu

Soundz Offe Drzk Wähu

Aus dem Jahr 2001, aber zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich: Die »Soundz Offe Drzk Wähu«, das klangliche Gründungsdokument des sich seitdem immer wieder transformierenden Ensembles Euphorium Freakestra um den Leipziger Jazzradikalinski Oliver Schwerdt. Außer ihm fanden sich damals zur Session in Eisenach noch Weitere ein, deren Anzahl am exaktesten mit »ein Haufen« beschrieben ist: In den Credits stehen allein fünf E-Gitarristen, dann noch diverse Perkussionisten, Organisten, Vokalisten sowie einige, von denen man beim besten Willen nicht checkt, was die hier eigentlich wo machen. Wie auch in den späteren Arbeiten des Freakestras war aber hörbar nicht der Anspruch, dass irgendwer irgendwas checkt, wobei man einschränken muss: Im Vergleich zum letzten Album, »Grande Casino«, hat man hier deutlich weniger oft das Gefühl, dass sie einem in voller Absicht alle guten Geister aus dem Gehirn herausklöppeln. Ihr Free Jazz von damals ist nicht unbedingt weniger free als der jüngere, heute erlauben sie sich aber nicht mehr, so lässig loszugrooven, wie sie das seinerzeit auf »Bou Tazi« taten. Hier ist noch viel mehr Albernheit (»Drogenkonsum, Biertrinken, Räucherstäbchen: Guck mal, die Haut«), Lust am Zitat und auch an der Melodie am Werk, »Ist doch kein Thema, wenn das jetzt kurz bisschen nach Pat Metheny klingt« wäre auch ein schöner Name für das Album gewesen. Das hat alles noch nicht die Brutalität der späteren Arbeiten, tatsächlich sind die »Soundz« im besten Sinne Freakestra for Beginners. Man fühlt sich beileibe nicht unterfordert, aber deutlich weniger hart in den Arsch getreten. Kay Schier

Slowthai

Slowthai

Tyron

Tyron

Zwar bereits Mitte Februar erschienen, aber anhaltend relevant: Das zweite Album des britischen Ausnahmerappers Slowthai, welches nach seinem bürgerlichen Vornamen schlicht »Tyron« heißt. Seine Sperrigkeit bezieht es gerade aus seiner Kürze und stellenweise Skizzenhaftigkeit, der längste Song (»NHS«) kratzt gerade so an den dreieinhalb Minuten, für den kürzesten (»Wot«) braucht Slowthai keine 50 Sekunden. Die vierzehn Tracks des Albums verteilen sich auf zwei klanglich unterschiedliche Hälften, auf sieben basslastige Moshpitklopper folgen sieben nicht minder basslastige, aber melancholischere, introvertiertere Ausflüge in Tyron Framptons Gefühlswelt. Gerade in der ersten Hälfte rappt er wie außer Kontrolle: Immer wieder klingt Slowthais Flow, als würde es ihn vor lauter Energie gleich aus dem Beat tragen, lakonische Lines wie »Money is to me like shit to flies« wirken wie sich selbst vor die Füße gekotzt. Dass da mehr dahintersteckt als rohe Aggression, obwohl es als solche tadellos funktioniert, merkt man, wenn man beim Hören mitliest und Begrifflichkeiten nachschlägt, was an dieser Stelle auch empfohlen wird, sofern man nicht sehr sicher in zeitgenössischem britischem Slang ist (»Mazzalean / when I’m pulling up, muddy dungarees«). Seinen Part im musikalisch zwingend zündenden »Mazza« beginnt er mit einem launigen »suicidal tendencies, what’s up, man«, denn in seinem Kopf und im Großbritannien des Jahres 2021 fühlt sich irgendwie nichts so richtig nach Party an. Die Balladen in der zweiten Hälfte, wie »Push« oder eben »NHS«, die Popappeal und Gitarrenbegleitung nicht scheuen, schlagen dann nach dem Soundinferno der ersten emotional viel härter ein, als sie das für sich allein stehend könnten. Wenn es ihm um etwas geht, textet Slowthai zudem sehr präzise, lässt zwischen den Worten aber noch Platz für die Gefühle (»shit flies with the magpies / he drowned, got baptised / oh well, I guess that’s life«). Beim ersten Hören ist man verwirrt, beim zweiten angefixt, beim dritten begeistert: »Tyron« ist bislang eins der stärksten Rapalben des Jahres. Kay Schier

Wooden Peak

Wooden Peak

Electric Versions

Electric Versions

Zwar bereits bekannt, aber so noch nicht gehört: Die »Electric Versions« von Wooden Peak, der Leipziger Autorität in Sachen harmonisch fein ziseliertem Spannungsaufbau. Das Album besteht aus neun Neueinspielungen von Songs aus zwölf Jahren Bandgeschichte, wobei der Titel vielleicht ein bisschen irreführend ist, denn weder wird auf einmal die verzerrte Klampfe geschwungen noch ein technoider Vierviertel unter irgendetwas gelegt, wo er garantiert nicht hingehört; für solche Sperenzchen sind Wooden Peak schlicht zu ausgecheckt in dem, was sie tun. Verstärkt um die Jazzmusikerin Antonia Hausmann und Wencke Wollny, im Hauptberuf Frontfrau der Singer/Songwriter-Band Karl die Große, hier an der Trompete tätig, schichten sie die Arrangements der Songs behutsam neu auf und verschieben sie eher noch mehr ins Somnambule, als sie das ohnehin schon sind. Soundtechnisch ist das Album eine Wonne, was man vor allem an den neuen Versionen älterer Songs wie »Great Farm« merkt: Schon damals mit einem gesunden Anspruch auf diesem Gebiet versehen, haben sich die Produktions- und Arrangementskills der Band noch einmal deutlich gesteigert. Den Mix des Albums würde man sich am liebsten zu Hause einrahmen, so exakt sind hier noch der zarteste Anschlag auf dem Xylofon und der bedachtsamste Einsatz der Trompete aufeinander abgestimmt. Das verdient alles zweifellos Applaus, doch zugleich wird man beim anerkennenden Klatschen das Gefühl nicht los, dass hier irgendwie mehr drin gewesen wäre: Teilweise ist die Band so sehr berauscht von der eigenen Subtilität und dem Verzicht auf die große Geste, dass alles am Song zum geschmackvoll gestalteten Hintergrundsound wird. Obwohl sich beides immer wieder andeutet, gehen sie nie die volle Distanz hin zum Pop oder zum Jazz, sondern verharren in einem Mittelding, das sie zwar absolut sicher beherrschen – das aber gerade dadurch auch ein bisschen langweiliger wird, als es sein müsste. Kay Schier

Andris Nelsons

Andris Nelsons

Bruckner: Sinfonien Nr. 2 und 8

Bruckner: Sinfonien Nr. 2 und 8

Aus Marketingsicht betrachtet ist der Bruckner-Zyklus des Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons eigenartig. Denn gewissermaßen macht man sich selbst Konkurrenz: Schließlich war die mit Preisen überhäufte Bruckner-Gesamt-aufnahme unter Herbert Blomstedt mit dafür verantwortlich, dass das Orchester nach Jahren medialer Dürre nun endlich wieder eine Rolle im Geschäft der Labelmajors spielt. Auch bei der jüngsten Veröffentlichung, die die Zweite mit der Achten kombiniert, lohnt sich ein Quervergleich des aktuellen Gewandhauskapellmeisters mit seinem Vorvorgänger – und letztlich findet man trotz der Verschiedenheit an beiden Sichtweisen Gefallen. Wo Blomstedt mit bewundernswerter Genauigkeit und feingliedrig-akkurat wie ein Präzisionschirurg agiert, holt Nelsons das ganz große Besteck heraus, um das Orchester zum Leuchten zu bringen. Dabei kommt ihm zupass, dass kaum jemand besser lange Bögen zaubern kann, die dann binnen kürzester Zeit in gigantische Entladungen führen: Hörbar (nicht nur, aber vor allem dort!) im Finale der Achten, dessen Wucht einen förmlich in den Sessel presst. Hagen Kunze

Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Mahler: Sinfonien

Mahler: Sinfonien

Es sollte der Saisonhöhepunkt des Jahres werden – das Leipziger Mahler-Festival mit unterschiedlichen Orchestern. Doch die Pandemie machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Kein Grund aber für Musikfreunde, auf die Werke des kurzzeitigen Wahl-Leipzigers zu verzichten: Denn die Berliner Philharmoniker veröffentlichen nun eine Box mit Aufnahmen aller Mahler-Sinfonien. Das Konzept ist spannend, vereint es doch eine Reihe namhafter Dirigenten, darunter den Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Sicher: Einzelne Nonplus-ultra-Interpretationen wie Blomstedts Zweite oder Bernsteins Erste lassen sich nicht toppen. Aber kaum ein Gesamtpaket bietet so spannende Einblicke in das Universum des vielschichtigen Sinfonikers. Erst recht, da die Berliner sich seit jeher als Mahler-Orchester bezeichnen dürfen. Fans, die auf der Suche nach einer kompletten Box sind, sollten jedenfalls an dieser nicht vorbeigehen. Denn wenn es überhaupt etwas zu meckern gibt, dann betrifft dies nur Details – etwa, dass im Beiheft das 1944 zerstörte zweite Gewandhaus als »Altes Gewandhaus« bezeichnet wird. Hagen Kunze

Mogwai

Mogwai

As The Love Continues

As The Love Continues

Herzlichen Glückwunsch! Exakt ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Mogwai ihre erste Single »Tuner/Lower« veröffentlicht haben. Dass sie damals ein neues Genre mitbegründet haben – Postrock –, berührt die Schotten wohl eher weniger. Sie machen seitdem stoisch das, was sie am besten können: ihren eigenen Sound und Revolution, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit jedem Album ein bisschen mehr davon. Deswegen ist jetzt nach neun Alben auch das zehnte ein buntes Mosaik aus sphärischem Ambientsound, sanften Basstunes, eindringlichen Streichern, dröhnendem Schlagzeug und klassischen Rockriffs. »As The Love Continues« bewegt sich zwischen erstaunlich leichten, schwerelosen Tracks (»Midnight Flit«) und hämmerndem Rock (»Ceiling Granny«). Und am Ende steht mit »It’s what I want to do, Mum« sogar fast noch ein Post-Pop-Stück. Es ist, als wollten Mogwai zum 25. noch einmal alle ihre Facetten zeigen und alle Spielarten ihres Sounds auffahren. Wenn man diese Facetten der elf Songs auf den Punkt bringen wollte, wäre der gemeinsame Nenner: Implosion. Jedes Lied ist eine Implosion. Das ist es auch, was Mogwai von anderen Post-Rock-Bands unterscheidet: Godspeed You! Black Emperor explodieren, ihr Sound treibt nach außen und springt die HörerInnen an. 65daysofstatic konstruieren – Lage um Lage ergibt sich aus den verschiedenen Instrumenten der Sound. Und Mogwai implodieren. Die Spannung der Songs bricht nicht aus den Instrumenten heraus. Die vier Musiker bauen sie auf, deuten an, halten sie aber immer unter Kontrolle: schon 10 Alben und 25 Jahre lang. Kerstin Petermann

Audio88 & Yassin

Audio88 & Yassin

Todesliste

Todesliste

»Glaub mir / dieses ganze Album ist ein Kompromiss / aus ›eigentlich gibts Wichtigeres‹ und was für ein Schmock du bist«: Da hat Yassin in einer Zeile schön auf den Punkt gebracht, was »Todesliste« inhaltlich ausmacht. Wobei er es mit der Bezeichnung »Kompromiss« definitiv unter Wert verkauft. Zum Beispiel klingt »Lauf« so kompromisslos wie wenig anderes in ihrer Diskografie: Soundtechnisch schließen die Underground-Lieblinge endgültig zur A-Riege auf. Die Beat gewordene Abrissbirne, düster, dissonant, mit einem Bass, der Beton sprengt, hat Bazzazian produziert, der vor allem für seine Arbeit mit Haftbefehl bekannt ist. Darauf geht es dann in der Tat um Wichtiges. Audio88 schießt wie gewohnt lyrisch hochpräzise gegen den rechtsradikalen Zeitgeist: »Gute Laune, Partykeller, Mettigel und Terrorzelle / Sportlerheim und Schützenfest und Chemtrails als Geschäftsmodelle / Fahne hoch im Schrebergarten, Luger unterm Ledermantel / Thema Menschenrechte wird bei Markus Lanz grad neu verhandelt.« Oft zynisch (»Jesus war ein weißer Mann und starb für mich den Heldentod / und nicht für hundert Wilde auf ’ner Kreuzfahrt in ’nem Rettungsboot«), in Yassins Fall zunehmend fatalistisch (»Die Welt geht nicht unter, nur weil es uns bald nicht mehr gibt«), stellen sie sich dem Schwachsinn der Menschheit, ohne zu behaupten, ein Mittel dagegen zu wissen. Als Ventil dient ihnen die höchst amüsant vorgetragene Verachtung für das Gros ihrer Berufsgenossen. Und einer Feststellung wie »Rap ist Arbeit, aber wir gehen trotzdem hin / irgendwer muss es ja machen, wenn die Kollegen Trottel sind« ist auch einfach wenig hinzuzufügen. Musikalisch entfernen sich Audio88 und Yassin in konsequenter Weiterentwicklung zunehmend von ihren Wurzeln im klassischen Boom-Bap. Auch Yassins Soloalbumausflug »Y« in eine Soundwelt, in der Trap und Indiepop ziemlich gut harmonieren, hat hier definitiv Früchte getragen. So hochwertig und vielseitig klangen sie noch nie. Textlich bilden sie mittlerweile eine eigene Liga: »Todesliste« hat nicht mehr den rohen Charme der frühen Alben, ist aber ihr bislang bestes. Kay Schier

Lael Neale

Lael Neale

Acquainted With Night

Acquainted With Night

Lael Neale wuchs auf einer Farm in Virginia auf, lebt aber bereits seit zehn Jahren in Los Angeles. Dort ist sie in diversen Clubs aufgetreten, tat sich jedoch bisher immer schwer mit Aufnahmen ihrer Musik. Orgel, Violine, Gitarren und Schlagzeug schienen die unmittelbare Poesie ihrer Songs eher zu verwässern als zu unterstreichen. Rettung nahte in Gestalt des genialen Instrumentes Omnichord. Ausgerüstet mit dieser Wunderwaffe und einem Vier-Spur-Rekorder nahm sie die Songs zu Hause auf. Ohne Kollegen und damit auf das Wesentliche beschränkt: Ihre kristallklare Stimme, die über den magisch-märchenhaften Klängen des Omnichords schwebt. Alle Stücke sollten in einem Anlauf im Kasten sein. Dieses selbst gewählte LoFi-Korsett ist nicht nur als Konzept spannend. »Acquainted With Night« klingt schwer nach Demoaufnahme und dadurch wohltuend aus der Zeit gefallen. Das Album könnte genauso gut ein auf dem Flohmarkt gefundenes Tonband aus den 60ern oder 70ern sein. Wir sind uns sicher, dass diese zauberhaften Songs auch mit Band und breiter produziert funktioniert hätten. In dieser Form machen sie aber doppelt so viel Freude. Liebhaberinnen von Cat Power, Aldous Harding und Stina Nordenstam dürften Kay Engelhardt

Schiller

Schiller

Summer in Berlin

Summer in Berlin

Auf dem Cover von »Summer in Berlin« dräut sich eine Assoziationskette zusammen (»Schiller! Viktoria! Dichter und Denker! Kulturnation! Weltmeister der Herzen!« etc.), von der man ziemlich schnell hohen Blutdruck bekommt. Zum Glück liegt der Ansichtskarte von der Siegessäule das wahrscheinlich längste Sedativum der Welt bei: In der Box enthalten sind um die acht Stunden Material. Die ersten zwei CDs, knapp drei Stunden Schiller, liegen zur Rezension vor, was allemal reicht, um sich ein erstes und letztes Urteil zu bilden. Dabei ist der typische Schiller-Sound gar nicht so einfach in Worte zu fassen. Wie beschreibt man einen akustischen Bildschirmschoner? Die Klänge sind elektronisch und die Lieder sind oft sehr lang. Es gibt Melodien und ab und zu auch Bässe. Manchmal singt dann noch eine Frau und es soll wohl wie Depeche Mode klingen. Schillers Lieblingseffekte sind der Hall und das Delay, sein künstlerischer Modus ist das Ungefähre. Das auf CD 2 enthaltene Livematerial unterscheidet sich nicht wesentlich von den anderthalb Stunden aus dem Studio. Man erinnert sich an »Wetten, dass..?« und stellt sich vor, wie jemand mit verbundenen Augen versucht, fünf Schiller-Tracks allein am Klang voneinander zu unterscheiden. Im bescheiden »Schiller« betitelten Stück auf der Live-CD wird es aber dann doch noch spektakulär: Eine mystische Vocoder-Stimme raunt »Schiller! Schiller!« durch den Saal, dass man sich schon Sorgen um ihn macht. Und wenn dann ab zwei Dritteln des Tracks die Scorpions-Gitarre losjodelt, fragt man sich endgültig, was der Mann eigentlich für ein Problem hat. Mit so einem Sound kriegt er zwar auf Tour die Mehrzweckhallen der Republik voll, aber niemanden hinterm Ofen hervorgelockt, der sich ernsthaft für elektronische Musik interessiert. Kay Schier

Riccardo Muti

Riccardo Muti

Neujahrskonzert 2021

Neujahrskonzert 2021

Es ist das beliebteste Klassikereignis des Jahres: das Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, weltweit in 100 Länder übertragen mit 60 Millionen Zuschauern. Doch in diesem Jahr trübte das schillernde Event ein fader Beigeschmack – trotz der Tatsache, dass man mit der 80. Ausgabe sogar ein Jubiläum feierte. Aber wo sonst das festliche Publikum sitzt, lauschten diesmal nur die steinernen Karyatiden. Und hätten die Österreicher nicht allen technischen Sachverstand aufgeboten, um mit einer App den Applaus der Fernsehzuschauer in den Saal zurückzuspielen, das diesjährige Neujahrskonzert wäre von einer Plattenaufnahme nicht zu unterscheiden gewesen. Zum Glück aber – und das beweist die gleich nach einer Woche vorgelegte CD des Neujahrskonzertes definitiv – ließ sich Dirigent Riccardo Muti von der trostlosen Stimmung nicht anstecken. Für sein sechstes Neujahrskonzert hatte er ein originelles Programm zusammengestellt, dem er mit einem Gruß an seine Heimat, einer schneidigen Quadrille, die Johann Strauß zu italienischen Opernarien komponiert hatte, die Krone aufsetzte. Hagen Kunze

Nikola Djoric

Nikola Djoric

Bach & Piazzolla

Bach & Piazzolla

Der größte aller Thomaskantoren und der bekannteste Vertreter des Tango Nuevo – passt das zusammen? Der Akkordeonist Nikola Djoric vereint beide Ebenen miteinander und sorgt so gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter Hans-Peter Hoffmann für ungewohnte Klangwelten. Dabei präsentiert der Serbe keinesfalls eigenwillige neue Arrangements und gar freie Improvisationen, sondern jeweils den bekannten Notentext – ob nun in Bachs Cembalokonzerten Nr. 1 und 7 oder in Piazzollas Bandoneonkonzert »Aconcagua«. Sicher: Zum Nebenbeihören eignet sich diese CD kaum. Zu überraschend wirken Bachs Klänge auf dem Knopfakkordeon, bei dem die metallischen Zungen ganz andere Obertöne hervorrufen als das mechanische Hämmern des Cembalos. Gut, dass sich Djoric im Vergleich zu traditionellen Aufnahmen jede Menge Zeit lässt und Bachs Musik atmen lässt. Piazzollas dazwischengesetztes Konzert ist jedoch mehr als nur »Luftholen« zwischen den Barockwerken: Hier entsteht er regelrecht vor dem inneren Auge, jener höchste Berg Südamerikas, den der Altmeister des Tango in atemberaubende Töne kleidet. Hagen Kunze

Komitas/Béla Bartók

Komitas/Béla Bartók

Folk tunes

Folk tunes

71 kurze Klavierstücke, heftig wechselnd im Charakter, lebendig, unmittelbar und berührend gespielt, vereint diese Platte. Der Leipziger Pianist Steffen Schleiermacher präsentiert hier eine Zusammenstellung zweier Komponisten, die an verschiedenen Orten der Welt Volksmusik gesammelt und diese für Klavier adaptiert haben. Bartóks Verdienst um die Bewahrung des reichen Volksmusikschatzes Ungarns und Rumäniens ist bekannt. Seine persönliche Musiksprache hat sich aus der Aneignung und Transformation dieser Musik heraus entwickelt. Ausgestattet mit einem Phonographen und Wachsplatten, auf der sich die Musik einschrieb, zog der Komponist Anfang des letzten Jahrhunderts über Land. Diese Tage unter den Bauern zählte er zu den glücklichsten Erfahrungen seines Lebens. Bartóks Originalaufnahmen sind heute über die Homepage der ungarischen Akademie der Wissenschaften abhörbar und sicher im Verhältnis zu Interpretationen der Klavieradaptionen sehr spannend zu hören. Komitas (1869–1935) gilt als Retter und Bewahrer der alten armenischen Musik. Er sammelte und transkribierte auch kurdische, türkische und persische Volksmusik. Im Unterschied zu Bartók harmonisiert er die Weisen nicht, sondern belässt sie zumeist in ihrer ursprünglichen Einstimmigkeit. Auffällig ist hier auch die Nachahmung des Klanges typischer Instrumente wie Hirtenflöte oder Trommeln auf dem Klavier. Reizvoll ist die ungewöhnliche Melodik, welche auf einem ganz eigenen Tonsystem gründet. Beste und vielfarbige Unterhaltung ist mit dieser Platte garantiert. Anja Kleinmichel

Sleaford Mods

Sleaford Mods

Spare Ribs

Spare Ribs

Das sanfte Bitten um Solidarität in der Covid-Pandemie ist die Sache der Sleaford Mods ja eher nicht. Überraschung. Jason Williamson, Andrew Fearn und Co. stochern mit Spare Ribs eher bestimmt und gar nicht mal so sanft in den Wunden, die Corona und der Brexit gerissen oder nur weiter aufgerissen haben. So grooven sie mit »Shortcummings« zum Beispiel gegen die »Vote Leave«-Kampagne von UK-Politiker Dominic Cummings und sein privates Verhalten wider jeden Ab(n)stand. Sie ätzen rumpelnd gegen Corona-Leugner und Ausländerfeindlichkeit. Und da eben auch die Politik und das chronisch unterfinanzierte Sozialsystem ihr Fett abkriegen, kann Jason Williamson in »Out there« fast versöhnlich brüllend feststellen: »I don’t rate you«. Auf »Spare Ribs« sind die britischen Punks der Sleaford Mods so ungeschliffen und rau wie auf den zehn Studienalben davor. Lediglich die Harmonien der Rhythmusbox, die die Gitarrenausbrüche immer wieder zusammenhalten, sind etwas harmonischer und versöhnlicher. Und so hört man den dreizehn Songs die Härte der drei Monate mitten in der Corona-Pandemie an, in der sie entstanden sind. Halt, nur zwölf der Songs, denn »Mork n Mindy«, die erste Single und Reminiszenz an die Sitcom »Mork vom Ork« glänzt mit einem Mief aus einer anderen Zeit und schlägt so, neben dem Sound, die Brücke zum Gesamtwerk der Mods.    Kerstin Petermann

Tele Novella

Tele Novella

Merlynn Belle

Merlynn Belle

Alles an Tele Novella ist retro. Sie lieben alte Aufnahme-Geräte und drehen Musik-Videos auf Super-8-Film. Sie tragen Klamotten, mit denen sie bei einer Zeitreise in die Sechziger kaum auffallen würden. Und natürlich lebten viele ihrer musikalischen Vorbilder wie die Byrds oder die Beach Boys vor einem reichlichen halben Jahrhundert. Auf ihrem überragenden Debüt »House of Souls« begeisterten sie 2016 mit partiell sehr fluffigem Twee-Pop im Stile von Camera Obscura und Alvvays. Auf dem Nachfolger »Merlynn Belle« dominieren Midtempo und verträumte Introspektion. Die Texaner ließen bereits auf dem umwerfenden Erstling ihre Vorliebe für Obskures und für Gruselgeschichten durchblicken. Dieses Faible wird auf »Merlynn Belle« wieder aufgegriffen und sogar vertieft. Leider vermissen wir diesmal jedoch klanglich die kickenden Momente, die wir auf dem Debüt so schätzten. Tele Novella schreiben immer noch tolle Songs mit reichlich Pop-Appeal, aber echte Hits sind diesmal Mangelware. »Paper Crown« und »Desiree« sind rühmliche Ausnahmen. Der Rest des Albums schmort etwas zu sehr im eigenen Saft, um den Hörenden wirklich umzuhauen. Tele Novella klingen freundlicherweise immer noch wie eine Band, die man idealerweise auf dem Rummel oder im Saloon einer Geisterstadt antrifft. Und so richtig übel nehmen können wir ihnen sowieso nichts.       Kay Engelhardt

Karl die Große

Karl die Große

Was wenn keiner lacht

Was wenn keiner lacht

Der Name des Albums deutet darauf hin, dass sie wussten, was sie taten: »Was wenn keiner lacht« ist in Teilen ein selbstbewusstes Experiment, und als solches kann es per Definition schiefgehen. Beim Eröffnungstrack »Das dicke Mädchen hat es den Berg hochgeschafft« etwa geht die Rechnung auf: Die ganze erste Minute fragt man sich, ob die karg verzerrte E-Gitarre und das elektronische Soundgewirr im Hintergrund unter dem Gewicht von Wencke Wollnys Spoken-Word-Storytelling nicht gleich einfach wegklappen, bis zum Break, der die Spannung punktgenau in einer Hook mit minimalistischem Piano und sanft schiebendem Beat auflöst. Cool! Im zweiten Höhepunkt der Platte, »31. März«, werfen Karl die Große dann einmal alles über Bord, was so im deutschen Indie-Pop zur guten Kinderstube gehört, Wollny lebt textlich ihre kryptische Ader aus und die Band knarzt, schrammelt, improvisiert und blasmusiziert dazu frei von der Leber weg. Spannend! Der Rest des Albums kann dieses Niveau mitunter nicht halten: Mit »Heute Nacht« gibt es eine musikalisch astreine Auf-Nummer-sicher-Radiosingle, in den ruhigen Liedern wie »Lied ohne Überschrift« entgleitet der Band manchmal die Spannung. Analog dazu funktionieren die wortreichen Texte von Wollny mal mehr, mal weniger gut, manchmal ist sie mit wenigen Worten ziemlich treffsicher, nur um sich dann im nächsten Moment zu wiederholen (»der Sommer ist vorbei / Fische im Kanal gibt es hier nicht mehr / ich hab den Sommer versucht, dazuzugehören / jeden Abend hab ich mir so viel Mühe gegeben / damit die Coolen mich in ihren Club aufnehmen«), aber genauso wie in der musikalischen Untermalung ist der Anspruch, sich auszuprobieren, künstlerisch zu wachsen, immer spürbar. »Was wenn keiner lacht« klingt wie ein Zwischenschritt in eine Richtung, aus der in Zukunft potenziell noch einiges kommt. Kay Schier

Gossenboss mit Zett

Gossenboss mit Zett

No Future

No Future

Gossenboss mit Zett, die maskierte Faust des Dresdner Lumpenproletariats, ist mittlerweile über 30, Vater und wagt sich inzwischen auch ohne Sturmhaube vor Kameras. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben. Was er mag: Sternburg trinken und Rapper beleidigen. Was er nicht mag (unter anderem): die Schufa, braune Trottel, andere Rapper. Im Grunde genommen ist es auch ziemlich egal, ob man ein Gossenboss-Album von 2010 oder 2021 anmacht, der Mann hat seine Themen gefunden und über die Jahre behalten. Ist das gut? Schlecht? Ansichtssache, auf jeden Fall mutet es schon ein wenig hängengeblieben an, sich stellvertretend für Straßenrap an einem acht Jahre alten Haftbefehl-Song abzuarbeiten (»du hast drei Kilo Crack unterm Fahrersitz / ich hab keine Ahnung wer der Babo ist«). Zum Glück macht sich der Gossenboss aber unverdächtig, ein verbitterter Oldschooler zu sein, sei es dadurch, dass er gegen ebenjene austeilt (»immer wenn du krass affektiert überbetonst / springt der Neunziger-Flavour durch das Fenster zum Hof, yo«), sei es durch die Beats. Die verraten zwar ziemlich klar, dass der Rapper seine musikalischen Wurzeln im letzten Jahrtausend verortet, haben aber Wucht, Bass und Herzblut in sich, vermeiden zudem das platte Abkupfern von Neunziger-Klischees, wie es so viele Kollegen praktizieren. Und letzten Endes kann man jemandem, der darauf derart trockene Pointen abliefert wie »Du sagst ›es geht hoch wie der Fernsehturm‹ / welcher Fernsehturm? Du kommst aus Merseburg« und einen ganzen Track übers Windelnwechseln und Impfgegner-auf-dem-Spielplatz-Beschimpfen macht (»Papa ist zurück feat. Danger Dan«), nicht ernsthaft böse sein. Das ist alles nicht aufregend, kann aber gern noch 20 Jahre so weitergehen. Kay Schier

Ensemble  Polyharmonique

Ensemble Polyharmonique

Schütz: Geistliche Chor-Music

Schütz: Geistliche Chor-Music

Es ist eine Sternstunde der hiesigen Musikgeschichte: Als 1648 der 30-jährige Krieg endlich vorbei ist, veröffentlicht der Dresdner Kapellmeister Heinrich Schütz eine Sammlung, wie es sie noch nie zuvor gab. Doch die Motetten widmet der berühmteste deutsche Komponist seiner Zeit nicht etwa den Sängern am Hof, sondern dem Thomanerchor, der unter Krieg und Pest gelitten hat wie kaum ein anderes Ensemble. Dennoch habe er »in der Tat befunden, wie der Musicalische Chor zu Leipzig allezeit vor andern einen großen Vorzug gehabt«, lobt Schütz in der Vorrede und verbindet das Geschenk mit einer Bitte: Die Stadt solle den Chor »wie bisher erhalten und stärken«. Natürlich ist die »Geistliche Chor-Music«, wie das Werk seitdem genannt wird, nicht nur den Thomanern vorbehalten. Das junge Ensemble Polyharmonique produzierte nun für das Leipziger Label Raumklang 15 Gesänge aus dem Zyklus und liefert so aus dem Stand eine der besten Interpretationen überhaupt. Das schreit regelrecht nach Fortsetzung: Denn dass die Einspielung gar keine Gesamtaufnahme ist, wird auf dem Cover leider verschwiegen.  Hagen Kunze