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Rezensionen

Gregor Meyer

Gregor Meyer

Adolph Bernhard Marx: Mose

Adolph Bernhard Marx: Mose

Tragischer geht es kaum: Jahrelang hatte Adolph Bernhard Marx den 14 Jahre jüngeren Mendelssohn vergöttert. Ohne Marx’ publizistische Hilfe wäre die Aufführung von Bachs Matthäuspassion 1829 kein Erfolg geworden. Elf Jahre später besucht der Musikschriftsteller den Gewandhauskapellmeister in Leipzig und legt ihm seinen »Mose« vor. Doch Mendelssohn verkündet nach knapper Durchsicht nur, das Werk sei misslungen. Nach Berlin zurückgekehrt, wirft der Verletzte die Briefe des einst Verehrten weg. Weil auch Schumann giftet, es habe ihn »lange nichts so abgestoßen«, verschwindet »Mose« in der Versenkung. Dort hat es nun Gewandhauschordirektor Gregor Meyer ausgegraben – seit seiner Einspielung von Friedrich Schneiders »Weltgericht« ist er Experte für zu Unrecht vergessene Chorsinfonik. Die Zwitterstellung des »Mose« zwischen Oper und Oratorium ist heute beileibe kein Nachteil mehr. Wohl aber der anspruchsvolle Chorpart, der sich durch das ganze Werk zieht. Für den Gewandhauschor ist das aber kein Problem: Er präsentiert sich hier ebenso auf höchstem Niveau wie die Camerata Lipsiensis. Hagen Kunze

Dagobert

Dagobert

Jäger

Jäger

Wem es gerade verstärkt auf den Senkel geht, dass einen alles von allen Seiten ankotzt und sich das aufsteigende Grauen über die Weltlage zum Morgenritual gemausert hat, dem empfehlen wir Punk der Marke Pisse oder Cotzraiz, oder – für verständlicherweise zarter Besaitete – eben diese Platte. Der Schweizer und Wahlberliner Dagobert nannte in der Vergangenheit unter anderen Leonard Cohen und David Hasselhoff als große Einflüsse für sein Schaffen, was nach wie vor hilfreiche Koordinaten sind, um seinen Sound einzuordnen: Auch auf seinem vierten Album dreht sich alles um die gepflegte Weltflucht mit den Mitteln von pompösen Synthiesounds und einer Extraladung melancholischem Zuckerguss. Im Unterschied zu vorigen Releases hat der Künstler aber diesmal vor lauter eidgenössischer Exzentrik nicht vergessen, gute Songs zu schreiben, die seine Spleens angemessen transportieren. »Soll ich dich ansprechen / ja, ich kann das / mein Herz klopft so laut wie zuletzt 1999 / es fühlt sich an, als würde Jesus gekreuzigt«, heißt es auf »Das Mädchen aus der schönen Welt« nach einleitendem Kirchenchor zu einem Beat, den auch die Flippers nicht verschmäht hätten, und weiter: »Ich will dich nicht für mich, sondern für die ganze Menschheit / du wirst uns vertreten im Rat der vereinten Planeten.« Ziemlich skurril, aber irgendwie auch ziemlich süß, was für vieles auf dem Album gilt, siehe zum Beispiel den charmanten Neonlicht-Shuffle »Nie wieder arbeiten«: »Ich will nie wieder arbeiten / nein nein, nur noch schön durch den Tag gleiten / nichts anderes tun, als an dich denken«. Ab und zu schauen Trapdrums oder R’n’B-Elemente vorbei, die signalisieren, dass wir es immer noch mit der Jetztzeit zu tun haben, ansonsten funktioniert »Jäger« ziemlich losgelöst von der Realität, so als würde man sich in einer Hütte auf dem Berg drei Wochen mit Rotwein besaufen und Schlager hören. Kann man mal machen.  Kay Schier

Masha Qrella

Masha Qrella

Woanders

Woanders

Die Künstlerin Masha Qrella ist Anfang des Jahrtausends einem Berliner Ursumpf aus Post-Rock und Techno entstiegen und hat sich seitdem genretechnisch nicht beschränkt, eher im Gegenteil, wie jüngst »Woanders« beweist. Es ist ein im besten, gekonnten Sinne entgrenztes Album: Wie auf einer Houseparty, die fantastisch wird, gerade weil die auflegende Person vielleicht schon drei Gin Tonic vorne liegt, hat Qrella überhaupt keine Lust, sich auf einen einzelnen Sound für die gesamte Spielzeit zu beschränken, sondern fährt stattdessen alles auf, was ihr und dem Publikum Spaß macht. Freunde von Gudrun Gut, Barbara Morgenstern oder verwandten Berliner Experimental-Party-Acts werden sich hier gut zurechtfinden, andere sind vielleicht zunächst verwirrt davon, dass ein zu Beginn auf der Stelle stampfender Technoklopper wie »Geister« dann doch noch die Abzweigung zur Pianoballade nimmt, nur um am Ende noch mal einen U-Turn zu machen. Neben höchst tanzbaren Stücken wie letzterem oder dem Titeltrack stehen verkopfte Folksongs wie »Märchen« featuring Marion Brasch (hört, hört!), Übungen im Chanson wie »27. September« oder »Ratten«, auch ein schleppendes, psychedelisches Mantra à la »Haut« findet hier seinen Platz: eine crazy Reise durch die Emotions, also. Damit kann man arbeiten. Kay Schier

Die Zucht

Die Zucht

Heimatlied

Heimatlied

Im Orwell-Jahr 1984 schaffte Leipzig den Sprung vom Punk zum Post Punk. Während sich Pffft…! um Ex-Wutanfall-Sänger Chaos dem Industrial näherten und HerT.Z DAF-Bezüge pflegten, widmeten sich Die Zucht jener Verdunklungswelle, die durch Szenen dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs rollte, seit Peter Hook erste Basslinien für Joy Division zupfte. Apokalyptische Endzeit-Musik im vom Kalten Krieg fröstelnden Europa, deren tanzbare Untergangslust aber auch für Privat-Dramen passte. Auch Die Zucht züchteten adäquate Lyrik, zelebriert vom Tieforganträger Makarios, und kleideten sie in Zeitgeist-Sounds, die durchaus noch Punk-Energie übertrugen. Wovon aber nur Aufnahmen des letzten Konzerts vor der Umbenennung in Die Art vage zeugten. Denn Die Zucht sprangen 1985 zwecks Legalisierung über das Einstufungsstöckchen und den Staatsorganen missfiel natürlich der Name. 35 Jahre später, im Corona-Jahr 2020, spielte nun die Original-Formation die alten Stücke wieder ein, um das Werk in gereiftem, wenn auch etwas glattem Sound nochmals dunkel strahlen zu lassen. Alexander Pehlemann

Coucou

Coucou

Girl

Girl

Mit ihrer Besetzung aus einer Gitarristin und zwei Musikerinnen an Akustikinstrumenten, Stimmen, Percussion und Gadgets haben Coucou ihre Musik schon immer im Rahmen von selbst auferlegten Beschränkungen gemacht. In Form der »Girl«-EP haben sie sich der Herausforderung gestellt, diesen minimalen, intimen, mit Motiven von Folkmusik spielenden Soundraum zu erweitern und groß zu machen, ohne dabei eben diese Intimität über den Haufen zu werfen. In der Tat könnte man davon sprechen, dass die Band sich auf den fünf Tracks in jeder Hinsicht auf ein neues Level hebt, allerdings klingt das im Kontext der vorliegenden Musik unangemessen maximalistisch. An sich ist im Vergleich zum letzten Album im Soundbild außer elektronischen Effekten und, versteht sich, minimaler Perkussion nicht viel dazugekommen, diese neuen Mittel nutzen sie aber mit maximalem Effekt, siehe den effektiven Einstieg mit »Out Of My Head«: Ein wenig Hall auf die sparsame Gitarre gelegt, eine verwaschene Drummachine klopft dazu einen Cha-Cha-Cha-Beat, das alles so fein abgestimmt abgemischt, dass es präsent ist, ohne mit dem Gesang um Aufmerksamkeit zu konkurrieren, fertig ist, man kann es kaum glauben, eine Variante von Indiepop, die im Jahr 2020 zeitgemäß wirkt. Die Harmonien und Melodien, die Coucou auf der EP ausloten, sind in sich selbst so effektvoll, dass sie einen Song ohne schmückendes Beiwerk tragen, siehe zum Beispiel die eher behäbig beginnende Ballade »There’s A Place«, die sich ins Stadionformat hineinsteigert, oder den sich hymnisch emporschraubenden Pre-Chorus von »My Idea Of You«. Hier trifft am Jazz geschulte Finesse auf ein untrügliches Gehör für guten Pop und großen Schmalz, ohne die Grenze zum Kitsch zu überqueren. Diese fünf Songs sind ein mehr als angebrachter Soundtrack für die dunklen Monate und den Zustand, den Douglas Adams einmal den »langen, dunklen Fünf-Uhr-Tee der Seele« genannt hat, getragen von einer Melancholie, die ohne Larmoyanz auskommt, sondern sich den Hoffnungsschimmer für das letzte Drittel des Songs aufspart. Kay Schier

Wayne Graham

Wayne Graham

1% Juice

1% Juice

Hinter Wayne Graham stecken Hayden und Kenny Miles. Nach wie vor produzieren die Brüder ihre Platten im Keller des Elternhauses in einer Kleinstadt in Kentucky. Und nicht nur diese Tatsache weist auf die immense Bedeutung von Familie für das Duo hin. Ihre beiden Großväter waren namensgebend für Wayne Graham. In der Kirche ihres Vaters musizierten die Künstler schon in jungen Jahren mit. Und ihrer Mutter haben sie das neue Album gewidmet. »1% Juice« ist das sechste reguläre Album. Und obendrein ein waschechter und unverkennbarer Wayne-Graham-Longplayer: An der Oberfläche stoßen wir auf klassischen, warmen, melodieverliebten Americana. Allerdings ist dieser so reichlich mit filigranen Klang-Spielereien, Ecken und Kanten und jazzigen Ausflügen versehen, dass den Hörenden die Ohren schlackern und das Herz hüpft. Wieder haben die Miles-Brüder die meisten Instrumente selbst eingespielt. Erstmals aber wurde eine ganze Riege von Gastmusikern eingeladen, denen wir etwa geniale Bläsersätze verdanken. Stimmlich klingt die Band immer noch schwer nach Jeff Tweedy von Wilco. »1% Juice« wird aber auch den Fans von Neil Young ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und nicht nur denen.  Kay Engelhardt

VAK Leipzig

VAK Leipzig

VAK02

VAK02

Die VAK Leipzig, ein Zusammenschluss Leipziger Musikcrews, Off-Locations und Ladenprojekte, veröffentlicht zum zweiten Mal in diesem für Leipziger Musikcrews, Off-Locations und Ladenprojekte äußerst schwierigen Jahr einen solidarischen Sampler. Alle Einkünfte der über Bandcamp vertriebenen Veröffentlichung kommen in einen zentralen Nothilfetopf und werden dann nach dem Bedarfsprinzip in der freien Musikszene der Stadt verteilt. Das Ding ist aber nicht nur aus kulturpolitischen Erwägungen eine weise Investition, sondern auch, um sich zu vergewissern, dass das hiesige Nachtleben nicht schläft, nur weil es gerade leider nicht zu spüren ist, uns vielmehr weiterhin mit Kulturproduktion versorgt. Über 13 Tracks hinweg entführen einen die hier vertretenen lokalen Acts in eine Paralleldimension, in der ein Leipziger Freitagabend noch in vernünftigen, gewohnten Bahnen verläuft. Irgendwie beruhigend zum Beispiel zu hören, dass die Downtempo-Techno-Welle, im Volksmund »Schneckno« genannt, in der Leipziger Electroszene ungebrochen ist (kein Wunder, da die ja nur auf 33 Umdrehungen pro Minute abläuft): Cocoala Grand und Mayanáay liefern mit »Bacon Friing« respektive »Mckkenna« hochwertige Zeitlupen-Schwofs ab, bisschen analog, bisschen verzerrt, irgendwie anschmiegsam, irgendwie spooky. Ebenfalls weiterhin aktiv ist die Schule der stampfenden Fledermausmusik, hier hochwertig vertreten in Form von Carlotta Jacobi & Lilly – »Endurance« (schnell, hart) oder Sangeet – »Weather« (langsam, auch hart). Des Weiteren vertreten sind beispielsweise eine Drum’n’Bass-House-Perle (Chaos Katy & Shimmy – »DnB Youth«), Neunziger-Peaktime-Klopper (Napoleon Dynamite – »Sangerhausen«) oder der Soundtrack des Films »Drive« auf Steroiden (Crash To Desktop – »No. 12«). Das macht alles daheim ziemlich was her und erzeugt eine Mordswuschigkeit, sich endlich wieder in einem schimmligen Keller die Trommelfelle strapazieren zu lassen. Kay Schier

Calmus Ensemble

Calmus Ensemble

White Christmas

White Christmas

Sie haben es wieder getan. Zum dritten Mal bringt das Calmus Ensemble eine Weihnachts-CD auf den Markt. Zweifellos hat jede Scheibe ihre Berechtigung: das traditionell anmutende Frühwerk mit den Blechbläsern ebenso wie die beiden jüngeren CDs, die ausschließlich auf betörenden A-cappella-Gesang setzen. Aber gerade im Vergleich zum Vorgänger aus dem Jahr 2009 muss man schon genau hinschauen, um nun nicht zur falschen CD zu greifen. Damals – das Produkt nannte sich »Christmas Carols« – prangte auf dem Cover eine Weihnachtsbaumkugel im Schnee, im Advent 2020 – jetzt heißt die Scheibe »White Christmas« – liegt eine Kerze im wohl gleichen Schnee. Glücklicherweise aber ist das Quintett einfallsreicher als der Grafiker von Carus, denn in den elf Jahren, die zwischen den beiden Scheiben liegen, hat sich das Ensemble klanglich deutlich entwickelt. Die Stimmen klingen erdiger und voluminöser, der einst spitze Sopran tönt wesentlich obertonreicher. Auch die Arrangements sind gewagter und ein wenig frecher. Das muss auch so sein: Kitschige Klänge würden nämlich nicht zu Calmus passen. Hagen Kunze

René Jacobs

René Jacobs

Beethoven: Leonore

Beethoven: Leonore

»Unsern täglich Beethoven gib uns heute«, heißt es im Jubiläumsjahr auf dem Plattenmarkt. Da fällt es schwer, im Einerlei noch das Besondere zu finden. Aber man findet es, wie der Originalklang-experte René Jacobs zeigt. Nicht Beethovens häufig eingespielten Opern-Solitär »Fidelio« legt er bei Harmonia Mundi vor, sondern die viel zu selten zu hörende Frühfassung »Leonore«, die eigentlich eine eigene Oper ist. Es sind keineswegs nur Kleinigkeiten, die da anders sind im Vergleich zu jener Version, die der Komponist nach jahrelanger Überarbeitung 1814 präsentierte. Dass der »Fidelio« so eigenartig schwankt zwischen Singspiel und Revolutionsoper, hat auch mit der finalen Fassung zu tun, während die frühe »Leonore« aus den Händen von Jacobs ein flammendes Befreiungsstück ist. Die Schwierigkeit der Partitur, an der 1805 die Zeitgenossen scheiterten, ist für Jacobs eher Anspruch: Später entfernte Nummern wie das Concertato in Leonores großer Arie oder das Duett »Um in der Ehe froh zu leben« sind in seiner flotten Interpretation wahre Perlen, die man auf der Bühne nicht missen möchte. Hagen Kunze

Niklas Liepe

Niklas Liepe

Goldberg Reflections

Goldberg Reflections

Den Zuhörern die Angst vor Neuer Musik zu nehmen, das ist der Anspruch des Geigers Niklas Liepe. Was vor Jahrzehnten noch für Exorzismen durch Avantgarde-Puristen gesorgt hätte, ist heute im Bereich der klassischen Musik der »letzte Schrei«: bewusst eklektizistische Symbiosen verschiedener Genres und Stile, um damit den Hörern einen einfachen Zugang zur sogenannten Hochkultur zu ermöglichen. Dass sich hinter solch einem Konzept Anspruchsvolles verbergen kann, zeigt die CD »Goldberg Reflections«, die nach Liepes »NewPaganiniProject« nun auf den Markt kam. Wie schon beim Erstling hat der Geiger auch diesmal eine Handvoll zeitgenössische Komponisten um Auseinandersetzung mit einem vorgegebenen Thema der alten Musik gebeten. Der Gegenstand ist mehr als 270 Jahre alt: Bachs vierter Teil seiner »Clavierübung«, die nach dem Cembalisten benannt wurde, der das Werk zuerst spielte – Johann Gottfried Goldberg. Nicht nur ein Streicherarrangement des berühmten Werks findet man auf der CD, sondern auch elf neue Stücke, von denen Moritz Eggerts »Goldberg spielt« zweifellos das spannendste ist. Hagen Kunze

Kevin Morby

Kevin Morby

Sundowner

Sundowner

Kevin Morby hat nicht auf der faulen Haut gelegen. Nach seinem gelungen-kontemplativen weltlichen Gospel-Album »Oh My God« im letzten Jahr, kommt jetzt bereits das nächste Album heraus. Wer sich eine Neuauflage seines rockenden und groovenden Meisterwerks »City Music« erhofft hat, wird enttäuscht sein. Wir schicken aber auch gleich hinterher: Wer sich die nötige Zeit nimmt, wird auch hierauf Wunderbares entdecken. Wenn »City Music« die wilde Nacht in der Großstadt war, ist »Sundowner« der gemütlich-melancholische Abend am Lagerfeuer. Morby lässt durchaus das eine oder andere lebhafte Riff springen. Überwiegend kommen die neuen Songs jedoch in stressfreiem Downtempo daher. Ganz im Stile der letzten Platte. Nur noch reduzierter. »Sundowner« klingt schwer nach Yoga-Übungen in der Wüste und ländlicher Geruhsamkeit. Gelegentlich auch nach ländlicher Einsamkeit. Morby zog 2017 von Los Angeles zurück nach Kansas City. Allein in seiner alten Heimat und allein im eigenen Haus genoss er die Möglichkeit, sich ohne Ablenkungen auf seine Musik konzentrieren zu können. »Sundowner« ist das folgerichtige Resultat: Minimalistischer und geerdeter Indie-Folk, der Morbys Qualitäten als Geschichtenerzähler und Sänger perfekt unterstreicht.  Kay Engelhardt

Róisín Murphy

Róisín Murphy

Róisín Machine

Róisín Machine

Diesen Winter werden die Nächte voraussichtlich noch düsterer als sonst, so ganz ohne Clubs, Stroboskop, Neonlicht und Drama unter der Discokugel. Gar kein Drama? Falsch, eine ebenso altgediente wie unerschrockene irische Raverin lässt nicht ab vom House und hat uns zur auf den ersten Blick völlig falschen Zeit mit einem der besten Dance-Alben des Jahres beschenkt. Wobei »Dance-Album« ein Begriff ist, den man eigentlich nicht gern in den Mund nimmt, das klingt irgendwie nach Mitte-Achtziger-BRD und Hitparade, aber hier passt er einfach, denn genau darum geht es Madame Murphy auf ihrer Soundstudie zu puristisch-rotzigem Discohouse namens »Róisín Machine«: Dancen, feiern und in clublosen Zeiten die Ohren steif halten. Mitte der achtziger Jahre ging es weit weg von Dieter Thomas Heck und NDW, jenseits des Atlantiks in Detroit und Chicago, gerade so richtig los mit dem Sound namens House, der vollends die konventionellen Songstrukturen auflöste, die Disco noch stehen gelassen hatte, und stattdessen voll auf Trance (nicht wie in dem Genre, sondern wie in der spirituellen Erfahrung) und Wiederholung von harten Beats zu weichen Vocalsamples setzte. Auf diese Wurzeln besinnt sich Murphy, das Album klingt in all seiner soundtechnischen Rafinesse roh und unbehauen, Synthies und Kickdrum bratzen um die Wette, das es eine helle Freude ist. Ob hypnotisch-verlorene Four-to-the-Floor-Kunststücke wie »Incapable« oder peitschende Brecher á la »We Got Together«, Murphy meistert die ganze Palette und klingt dabei vor allem niemals Retro, sondern einfach nur begeistert vom Bewährten. Mit diesem Album kann man überwintern. Kay Schier

Mallorca

Mallorca

Melancholie und Wahn

Melancholie und Wahn

Das hat hier nichts mit Ballermann zu tun, so viel ist sicher. Außer vielleicht Schnaps. Eher schlecht gelaunt, doch feuchtfröhlich rotzen die fünf Männer von Mallorca ihre Songs hin. Nachdem die letzte Veröffentlichung noch auf Kassette zu erstehen war, erscheint das Debütalbum »Melancholie und Wahn« nun auf Vinyl auf dem neuen Label Dran, das in den letzten Monaten dem Ilses-Erika-Keller-Kosmos entstiegen ist. 14 Lieder über Liebe, Leiden und Leben. Storys aus dem Leipziger Süden, in dem sich die Sonne nicht blicken lässt. »Irgendwann kriegt jeder mal ne Krise«, singt Sänger Oliver Meisel in »Du bist dran«. Und so darf jedes Bandmitglied ein eigenes Musikvideo lang allein Bier trinken und/oder rauchen. Future-Schlager nennen sie ihr Genre selbst, andere würde Britpop mit deutschen Texten dazu sagen. In den oldschooligen Gitarrensongs versteckt sich hinter den Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Texten jede Menge Poesie, die irgendwo zwischen Hotel-Seeblick-Tresen, Späti-Bier und Indiedisko noch eine Kippe raucht. Optimistische Ohrwürmer aus der Hoffnungslosigkeit, ein Jammer zum fröhlichen Mitsingen und Musik für lebensmüde Momente, in denen gilt: »Ich will sterben auf Mallorca«. Juliane Streich

Widowspeak

Widowspeak

Plum

Plum

Widowspeak schätzten schon immer das Subtile und leicht Abgründige. Wenn sie rockten, dann stets sparsam und pointiert, nie mit dem Holzhammer. Ihr bittersüßer und verträumter Sound klingt auf ihrem fünften Album noch reifer und vollkommener. Ganz besonders freuen wir uns, dass es diesmal weitaus sonniger zugeht als auf dem moderat-düsteren letzten Longplayer »Expect The Best«. Kaum zu glauben, dass dem Entstehen von »Plum« eine waschechte Schaffenskrise der Sängerin und Songwriterin Molly Hamilton vorausging. Sie hinterfragte Kunst und Karriere komplett. Ihre Antwort hätte nicht überzeugender ausfallen können. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Robert Earl Thomas ist ihr ein schwelgerisches, hypnotisches Glanzstück des zeitgenössischen Folk gelungen. Die flirrenden Gitarrenlinien von Thomas setzen den sinnlichen Gesang Hamiltons so perfekt in Szene, dass Mazzy Star und Speck Mountain allen Grund hätten, neidisch zu sein. Unabhängig davon, was noch kommt, ist »Plum« fraglos eines der besten Alben des Jahres. Kay Engelhardt

Antilopen Gang

Antilopen Gang

Adrenochrom

Adrenochrom

Wenige Monate nach dem Album »Abbruch Abbruch« bricht das Trio aus dem Laschet- Land NRW mit den Gesetzen des Kulturbetriebs, dem gerade seuchenbedingt das Rückgrat gebrochen wurde, und schießt eine weitere LP raus wie ein Geysir. Klar, das ist auch Friendly Fire gegen die Vertragsheimat JKP, deshalb wurde flugs ein Antilopen-Label-Baby geboren, um den Cashflow reinzuwaschen. Die 14 Tracks mussten wohl ganz einfach raus, sind witzig-wütendes und resigniert-optimistisches Statement aus der Isolation und atmen den Zeitgeist der Pandemiemonate. Denn »eure Tage sind gezählt wie Festivals 2020«. Die Rhymes sind überlegt, wirken spontan und immer weit weg von den 95 Prozent der gerade inflationär auftretenden, unsagbar peinlichen Deutsch-(T)Rapper. Eine Punchline wie »Ihr fallt aus allen Wolken wie Möllemann« wäre höchstens den seligen Blumentöpfern eingefallen, aber denen fehlte nun wirklich die Punkattitüde. Das Kleinstadtfeuilleton würde wohl von einem »Augenzwinkern in den Songtexten« schreiben, und das wäre sogar Album-anhaltend zutreffend, aber es rezensiert ja eher selten die wichtigste Rapcrew Europas. Ach was, der Welt. Die Platte hat alles dabei: Battle-Tracks wie »Globuli«, Party-Jams wie »Pepsi und Basmatireis«; und letztgenannte Vollverpflegung kann sogar ein Radiohit werden – zumindest auf den Handy-Jugendwellen der Schulhöfe. Vermutlich bricht sich demnächst eine ganze Welle von Coronaalben ihre Bahn – die Antilopen haben mit »Adrenochrom« schon mal den ultimativen »Soundtrack zum Social Distancing« gedroppt. Wer sollte den noch übertreffen »in (ich kanns nicht mehr hören, schreibs aber trotzdem) Zeiten von Corona«? Torsten Fuchs

Sorry 3000

Sorry 3000

Warum Overthinking Dich Zerstört

Warum Overthinking Dich Zerstört

Die Schwierigkeiten mit Sorry 3000 aus Halle fangen beim Bandnamen an (irgendwie witzig, irgendwie furchtbar) und setzen sich in der Musik fort. Denn plötzlich ist wieder Nullerjahre-Indiepop, obwohl man sich nicht erinnern kann, dass jemand danach gefragt hat. Sorry 3000 ist das wurscht: Im Geiste jener einfacheren Tage machen vier bekennende Studis ihre Studimusik, meint Post-Punk-Indiediscosound, bei dem 2008 auf dem Prenzlauer Berg sicherlich die Hütte gebrannt hätte. Da die Band weiß, dass das alles nicht mehr ganz taufrisch ist, geht sie ironietechnisch in die Vollen, anders ist es nicht zu erklären, dass man derart hemmungslos uncoole Tracks wie »Fitness« und »Nasenspray« als Singles auskoppelt. Bei Ersterem pliepen und tuten die Kinderkeyboardsounds in einer dümmlichen Fröhlichkeit, dass man daran denkt, einmal kräftig in die eigenen Boxen zu treten. Dergleichen ist wie gesagt wahrscheinlich so gewollt, etwa auch Stephanie Heartmanns Gesangsperformance, die auf den meisten Tracks so klingt, als würden ihr gleich die Füße einschlafen. Zeilen wie »ist es nur ’ne Phase / wann ist wieder Normalität in seiner Nase« mögen in Halle- Neustadt vielleicht irgendeine Art von Humor bedienen, schmälern aber in ihrer Lahmarschigkeit derart deutlich den Hörgenuss, dass auch der eigentlich gekonnt reproduzierte Franz-Ferdinand-Groove des Songs gestrig kopiert wirkt. So was ist schade, denn in den Momenten, in denen die Band willens ist, den eigenen Ironiepanzer zu durchdringen, liefert sie. Die von sich selbst eingeschüchterte Erotik von »Dirty Talk« erkennt man nur allzu gut wieder: »Auf dem Fahrrad sind wir still / doch im Hausflur geht es los / auf meinem Bett in meinem Zimmer / lesen wir uns etwas vor / Dirty Talk Dirty Talk«. Die lässig hingerotzte »Vorstellung« beweist, dass die Band eigentlich gar nicht so uncool ist, wie sie tut, »Portwein« steigert sich in einen mitreißenden Ennio-Morricone-Part hinein, im dramaturgisch treffsicheren »Zu Schwach« spielt die Band ihre Songwritingkünste und Heartmann ihre Lakonie in der Beschreibung unerfüllter Zweisamkeitshoffnungen aus. Man hofft, dass Sorry 3000 schleunigst mit dem Overthinking aufhören und sich darauf konzentrieren, coole Musik zu machen. Kay Schier

Jordi Savall

Jordi Savall

Beethoven: Sinfonie Nr. 1 und 5

Beethoven: Sinfonie Nr. 1 und 5

Es sollte angesichts seines 250. Geburtstags eigentlich ein riesiges Festjahr werden. Denn gemeinhin gilt Ludwig van Beethoven als der Größte unter den Großen in der Klassik-Szene. Doch die Pandemie machte den meisten Plänen für den Beethoven-Sommer der Superlative einen Strich durch die Rechnung. Übrig blieben mediale Projekte wie die hier vorliegenden Sinfonien, die es wert sind, einen Stammplatz im heimischen Regal zu erhalten. Zugegeben: An Einspielungen der ersten und fünften Sinfonie des Wieners gibt es keinen Mangel in den Katalogen der Plattenfirmen. Doch aus den Händen des katalanischen Originalklangexperten wird eben auch Beethoven so geliefert, als hätte man ihn nie zuvor gehört. Dabei wartet Jordi Savall in seiner quicklebendigen Interpretation nicht einmal mit besonders rasanten Tempi auf. Vielmehr ist es der durchweg tänzerische Charakter, der dieser Aufnahme ihren Stempel aufdrückt. Titanisch ist da nichts mehr. Stattdessen hört man angesichts der klug ausgesuchten historischen Instrumente plötzlich wieder Klangfarben-Details, die nie zuvor so auffielen.  Hagen Kunze

Sarah Willis

Sarah Willis

Mozart y Mambo

Mozart y Mambo

In der noch jungen Music Education ist die Hornistin der Berliner Philharmoniker ein Star. Sarah Willis hat die früher so trockene Musikvermittlung in Deutschland einerseits unterhaltsam gemacht, andererseits bietet sie im Gegensatz zum einstigen Dampfplauderer Justus Frantz viel Tiefgang. So kommt es, dass sich ihre Berliner Kultveranstaltung inzwischen schon zur eigenen Fernsehsendung gemausert hat: »Sarah Musik« heißt die Serie, in der die eloquente Bläserin Musik in ihrer ganzen Vielfalt und mit Herzenswärme präsentiert. Was die wenigsten aber wissen: Die zweite Leidenschaft der Wahlberlinerin gilt Kuba, wo sie nach einem Meisterkurs mit einheimischen Blechbläsern das Ensemble Havanna Horn gründete. Mit »Mozart y Mambo« präsentiert Willis ihre Liebe zum Karibikstaat erstmals auf CD. Zusammen mit dem Havana Lyceum Orchestra unter José Antonio Méndez Padrón spielte sie dafür nicht nur traditionelle Mozart-Werke ein, sondern auch ein »Rondo alla Mambo« und einen (Achtung, Wortspiel!) »Sarahnade Mambo«, hinter dem sich eine Latin-Version der »Kleinen Nachtmusik« verbirgt. Hagen Kunze

La Chapelle Harmonique

La Chapelle Harmonique

Bach: Magnificat Es-Dur BWV 243a

Bach: Magnificat Es-Dur BWV 243a

Es ist kein rundes Jubiläum, aber dennoch bietet sich Bachs 270. Todestag am 28. Juli an, ein wenig zu schauen, was auf dem gut bestellten Feld der Bach-Interpretation aktuell so passiert. Das Spannendste hierbei kommt in diesen Tagen aus Frankreich: Valentin Tournet, erst 23 Jahre alt, gilt als Shootingstar der dortigen Historistenszene. Denn anders als die Musikerkollegen seines Landes widmet sich Tournet eben nicht nur den Werken des französischen Barock, sondern stellt Bach in den Mittelpunkt des Interesses. Gleich seine Debüt-CD zeigt, dass es der junge Mann damit auch ernst meint. Mit der Werkauswahl setzt Tournet nicht auf die sichere Bank berühmter Kantaten, sondern präsentiert ein inhaltliches Konzept. Den Auftakt macht die Rekonstruktion der Weihnachtsmusiken aus Bachs erstem Leipziger Amtsjahr 1723 mit der Es-Dur-Fassung des Magnificat. Davon mangelt es zwar beileibe nicht an Einspielungen, doch Tournets klangprächtig dargebotene und stilistisch akkurate Version gehört zweifellos zu den empfehlenswerten Lesarten. Den Namen des jungen Franzosen sollte man sich merken. Hagen Kunze

Haiyti

Haiyti

Sui Sui 

Sui Sui 

»Ruf mir ein Taxi nach Paris, denn ich war noch nie verliebt.« Diese Zeile ist so etwas wie das Destillat von Sui Sui, dem vierten Studioalbum von Haiyti, wollte man sie denn so weit zusammenpressen und reduzieren. Sie verspricht Leichtsinn und Entschlossenheit, Abenteuerlust und Melancholie. So manisch der Wunsch, jetzt gleich und sofort der neuen Liebe entgegenzujetten, so abgrundtief dunkel sind die Erzählungen über »Sui sui suicide«. In 15 Liedern und knapp 45 Minuten lotet die Hamburger Rapperin diese Extreme aus. Mitunter vermischt sie sie auch: »Für Dich würd ich auf die Gangster schießen, pow, pow, pow«, rappt sie in »LaLaLand« und die Grenzen zwischen Liebe und Gewalt zerfließen. »Blizzard« erzählt von Trennung und davon, wie das Sterben im Inneren doch dem auf der Straße gleicht.  »Ruf mir ein Taxi nach Paris, denn ich war noch nie verliebt« trägt aber auch den Habitus vor sich her, immer und jederzeit alles zu bekommen, wenn Geld keine Rolle spielt. Ein feiner Anklang an die glatte, platte Welt des Konsums mit »Bentley« und Designerdrogen. Gleichzeitig trieft die Zeile vor Schlager und überbordenden Gefühlen. Auch das ist bezeichnend für Sui Sui. Nicht nur, dass sich dadurch weitere thematische Gegensätze zeigen. Musikalisch ist die Spannbreite ebenso weit und reicht vom härteren Trap bis zu Dance-Pop. Da zeigt sich auch Haiytis Hang, die Grenzen des Hiphop auszuloten und nicht nur spielerisch zu experimentieren, sondern ihre Sound-Chimären gezielt umzusetzen. Damit ist Sui Sui ein Album, das vor Souveränität strotzt, aber auch vor Überraschungen und Gegensätzen überquillt. So sehr, dass es einen nicht nur rastlos, sondern manchmal auch ratlos zurücklässt.  Kerstin Petermann