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Rezensionen

Kaja Draksler Octet

Kaja Draksler Octet

Bare, Unfolding

Bare, Unfolding

Das starke Summen durchdringt, flirrt und schliert mit der Violinenmelodie bis in höchste Höhen. Zartfüßig lockt das erste Stück »Of Years Past« ins neue Album von Kaja Drakslers Oktett. Dieses Mal inspirierte die gebürtige Slowenin die Poesie des japanischen Haikumeisters Matsuo Bashō (1644–1694). Wie auch seine Worte besticht die Musik mit vermeintlich klaren, einfachen Versen und bisweilen rätselhaften Beobachtungen. Es ist eine Leichtigkeit, in die komplexen Klangdimensionen abzutauchen, sich in dem herrlichen und durchgehend von Energie triefenden Zusammenspiel des Ensembles zu verlieren. Neben der Pianistin, Komponistin und Improvisatorin betören so insbesondere Laura Polence und Björk Nielsdóttir mit ihren erfüllenden Stimmen. Ihnen gelingen sowohl die besonders fragilen Gesangsparts als auch der hypnotisch repetitive Sprechgesang, wie etwa im Stück »Autumn Eve« – stets wohnt den beiden ein Zauber inne. Gemeinsam mit Ab Baars (Tenorsaxofon, Klarinette und Shakuhachi, eine japanische Flöte), Ada Rave (Tenorsaxofon und Klarinette), George Dumitriu (Violine und Viola), Lennart Heyndels (Kontrabass) sowie Onno Govaert (Drums und Perkussion) schmelzen Gedanken an traditionelle japanische Musik und zerfließen in hinreißender Pracht barocker Lieder, wie etwa in dem starken Stück »Flimsy Curtain«. Mit kühlen, melancholischen Klangfarben erschüttert auch das letzte Stück »Has it returned« auf eine besondere Weise. Auch die dritte Veröffentlichung des Oktetts ist ganz und gar umwerfend! Claudia Helmert

The Notwist

The Notwist

Magnificent Fall

Magnificent Fall

Seit 35 Jahren schraubt und schreddert die deutsche Indie-Institution um die Brüder Micha und Markus Acher nun schon an immer neuen Songideen. Dabei haben sie diesen ganz eigenen Notwist-Sound geprägt, eine Mischung aus Elektronik und Melancholie, die in den 13 Tracks auf »Magnificent Fall« allgegenwärtig ist. Hinzu kommen Jazz-Grooves und Spurenelemente des Krautrock, Anleihen an frühe kosmische Musik. Der gitarrenverstärkte Noiserock bleibt hier außen vor. In einigen Momenten ist die Handschrift von Martin »Console« Gretschmann unüberhörbar, der die Band 2014 verlassen hat – die Compilation besteht aus verschiedenen Sonderveröffentlichungen, darunter EPs, Splits und limitierte Singles seit 2002, sowie einigen bisher unveröffentlichten Stücken. Hinzu kommen drei Remixe der Wegbegleiter Odd Nostam (»13 & God«) sowie von Ada und Grizzly Bear. Das könnte als ideenlose Resteverwertung einer Band, der nichts mehr einfällt, verstanden werden, aber nicht hier: The Notwist begreifen »Magnificent Fall« als »Schatten-Album«, eine alternative Realität, und bei allen Einzelteilen lässt sich dieses Herbstalbum auch wunderbar als Gesamtwerk hören. Zudem kann von Ideenmangel nicht die Rede sein – The Notwist sind quicklebendig: Für März steht mit »News from Planet Zombie« bereits das nächste, zehnte Studioalbum an. Lars Tunçay

PVA

PVA

No more like this

No more like this

Für alle Partymäuse der Welt, die im Irrtum leben, am 23. Januar 2026 ein Fest voller treibender Tracks von PVA in Vinylform in die Ohren eingespritzt zu bekommen, sage ich nur: Achtung, träumt nicht zu tanzlustig! Drei Jahre nach »Blush«, dem Debütalbum des Londoner Trios, das der Welt zeigte, wie Acid mit Disco, viszeralen Synthesizern und postpunkigem Sprechgesang klingt, hofften viele, auf dem nächsten Album eine höhere Stufe der Elektroexplosion zu erleben. Die Realität sieht jedoch anders aus. PVA sind offensichtlich des Raves müde. Schließlich tourt die Band seit mindestens vier Jahren mit »Blush« um die Welt. Auch vom Label Ninja Tune hat sie sich getrennt, um nun eine Platte zu veröffentlichen, die mehr über ihren inneren Zustand preisgibt. Auf dem zweiten Langspieler verewigen PVA eigenständig einen sphärischeren, dunkleren und eher intimen Sound. Die zehn Songs sind näher an Pop oder Trip-Hop als am Dancefloor. Sie erinnern an Musik von Tricky oder Massive Attack – voller sinnlicher weiblicher Gesänge, umgeben von synthetischen und verzerrten Klangteppichen. Sie tragen eine Stille in sich, die viel Raum für den Gesang von Ella Harris schafft. Ihre Stimme surft auf Reverb- und Delay-Wellen und flüstert Zeilen wie: »My Jaw drops / Your Claws hit / To the Fat of my Cheek / You take a Bite.« Sensuell, schwermütig und somatisch klingt sie zu hypnotischen Synthesizern und gedämpften perkussiven Elementen, die die Party auf dem fernen Dancefloor erahnen lassen – und in Tracks wie »Send« kurz in den Vordergrund rücken, um dann wieder zu verschwinden. Es ist klar: PVA leben jetzt im Afterparty-Modus. Sind etwa die fetten Jahre schon vorbei? Libia Caballero Bastidas

Dry Cleaning

Dry Cleaning

Secret Love

Secret Love

Auf dem dritten Langspieler des Quartetts aus Südlondon setzen sich Überforderung, Angst und gesellschaftlicher Druck unmittelbar im eigenen Körper fest. Stress bleibt hier nicht abstrakt, sondern schlägt direkt auf Haut, Gliedmaßen und Organe durch. Die Augen werden bei einem Bootstrip verbrannt, Blut taucht auf Haut, in den Augen und unter den Nägeln auf (»Blood«). »I constantly think there are Spiders on me and around me«, resümiert Frontfrau Florence Shaw in »Let me grow and You’ll see the Fruit«. »Evil Evil Idiot« zeigt einen Körper, der vorzeitig verbraucht ist. Der Genuss von verbranntem Essen steht hier neben Verfall und Kontaminationsangst. Der Körper schwankt zwischen Lust und Zersetzung, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Daneben verhandelt das Album vermeintlich leichter zugängliche Themen wie die Unmöglichkeit echter Nähe und Zuneigung (»Secret Love«, »The cute Things«), Leistungsdruck und Machismus. In einigen sehr gelungenen Zeilen – die im bekannt monoton-lethargischen Spoken-Word-Vortrag von Shaw gelegentlich untergehen – plädiert »Secret Love« jedoch für Sanftheit, das Eingestehen der eigenen Schwäche und Überforderung in einer dauererhitzten Zeit. Getragen wird all das von groovigen, eingängigen Riffs, die stellenweise an The Fall erinnern und dem Album trotz seiner Schwere eine erstaunliche Zugänglichkeit verleihen. Ein Muss bei der nächsten Augenspülung. Jonas Fritzsche

Die Sterne

Die Sterne

Wenn es Liebe ist

Wenn es Liebe ist

Totgesagte leben länger. Das gilt auch und gerade für Die Sterne. Nach dem Ausstieg der beiden Urmitglieder Thomas Wenzel und Christoph Leich war die Veröffentlichung des ersten Albums mit neuer Besetzung vor fünf Jahren ein erstes Achtungszeichen. »Hallo Euphoria« aus dem Jahr 2022 konnte die hohe Qualität halten. Und jetzt? Setzt die Band noch einen drauf! Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Band. Denn dass Die Sterne genau das (und eben nicht Die Frank-Spilker-Gruppe) sind, kann man auf diesem Album so deutlich hören wie zuletzt auf »Räuber und Gedärm« – und das ist immerhin zwanzig Jahre her. Die beiden (gar nicht mehr so) neuen Mitglieder Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch (beide Von Spar) und die Keyboarderin Dyan Valdés haben sich über die letzten fünf Jahren merklich warmgespielt und offenbaren einmal mehr, dass sie die Sterne-Gleichung – Funk mal Pop plus Krautrock minus Berechenbarkeit plus das gewisse Etwas – im Schlaf beherrschen. Songs wie »Ich nehme das Amt nicht an« (dieser Groove!), »Ändern wir je den Akkord« (dieses Riff!) oder »Es war nur ein Traum« (diese Melodie!) haben auf jeden Fall jetzt schon einen festen Platz auf zukünftigen Sterne-Best-ofs. Und ja, Sie haben recht: Warum dann »nur« vier Schiffchen für Die Sterne? Ganz einfach: Weil die Messlatte in diesem Fall aufgrund vergangener Veröffentlichungen wie »In echt« (1994) und »Posen« (1996) in geradezu unerreichbarer Höhe liegt. Aber auch wirklich nur deshalb! Luca Glenzer

Kraftklub

Kraftklub

Sterben in Karl-Marx-Stadt

Sterben in Karl-Marx-Stadt

Mach doch mal ein Konzeptalbum, haben sie gesagt. Das ist deep, haben sie gesagt. Und dann kam »Sterben in Karl-Marx-Stadt« dabei raus. In der ersten Hälfte kommt das fünfte Album von Kraftklub wie eine Abhandlung über Tod, Vergänglichkeit und Sterben daher. Und es ist tatsächlich irgendwie deep. Gleich der erste Track heißt »Unsterblich sein« und zeigt Vergänglichkeit von ihrer größenwahnsinnigen und zarten Seite: Heute und in unserer Liebe sind wir unsterblich. »Wenn ich Tod bin« feiert das Afterlife als Paradies (»Wenn ich Tod bin, wird drei Tage geravet«), verhandelt dabei gleichzeitig Ideale im Hier und Jetzt und stellt die Tabuisierung des Todes in Frage. So klar das Konzept erst scheint, nach der Hälfte des Albums kommt mit »Schief in jedem Chor« der Plottwist. Da sind Kraftklub wieder ganz Kraftklub. »Solang noch einer ›Fickt euch alle‹ schreit, ist hier noch nichts verlorn«, ranzen die Chemnitzer und machen klar: Gemütlich im Jenseits auf der Wolke chillen und auf die Baustellen der Menschheit schauen ist nicht. Es gibt noch viel zu kämpfen. Noch klarer ist die Ansage im nächsten Track: »So rechts« rechnet mit Alltagsrassismus in all seinen hässlichen Facetten ab. Das selbstherrliche Ich-bin-ja- nicht-rechts-aber…-Gefühl wird gleich mit angezählt. Kraftklub, wie wir sie seit der ersten Platte kennen. Und genau so zeigen sie sich nicht nur textlich, sondern auch musikalisch: Den Beat immer auf die Zwölf, Rhymes und Flows auf den Punkt. Mit Nina Chuba, Faber, Dominanza und Deichkind gibt es spannende und logische Kooperationen. »Sterben in Karl-Marx-Stadt« ist weniger ein Konzeptalbum über Vergänglichkeit und Sterben als vielmehr eins über Kraftklub. Es bringt die Chemnitzer auf den Punkt. Nörgler würden sagen: Ist halt wieder Kraftklub, die feiern eh wieder alle ab, sind halt wieder Aussagen gegen rechts. Aber genau das ist auch richtig so. (...) Kerstin Petermann

Mexikodro

Mexikodro

Still goin The EP

Still goin The EP

Das Musikbusiness ist dreckig. Das musste Mexikodro, seines Zeichens Beatproduzent aus Atlanta, am eigenen Leib erfahren. Vor zehn Jahren zeichnete er mit seinem Kollektiv Beatpluggz verantwortlich für den »Plug«-Sound, der die Soundcloud-Ära prägte: reduzierte Beats mit ätherischen Synthesizern, dichten Basslines und eingängigen multi-instrumentalen Melodien. Mexikodro war der gefragte Mann und belieferte die Künstler der Stunde mit den heiß begehrten Beats mit dem ikonischen »Plug!«-Sample. Unter diesen war auch ein gewisser Playboi Carti, der durch den Kickstart auf Plug-Beats zu einem der erfolgreichsten Rapper der Gegenwart wurde. An der angemessenen Bezahlung ließ er es dann allerdings mangeln; Mexikodro wurde um Geld und angemessene Anerkennung geprellt. Nach Querelen mit Labels, Suchtproblemen und Haftstrafen war Mexikodros Stern am Sinken. Es wurde Zeit für einen Neustart und der Produzent wechselte vom Mischpult in die Booth. »Still goin« impliziert das Durchhaltevermögen eines geborenen Hustlers; auf der 14 Song starken EP geht es vor allem ums Wiederaufstehen, die Akzeptanz beschissener Zeiten und die stolze Zurschaustellung eines scheinbar langweiligen Lebens. Auf »Remy« rappt er in breitestem Südstaatenslang »Catch me with my Dogs by myself drinkin’ Wine / I be tired in my Bed, ’round nine«. In einer Hip-Hop-Kultur, die von der Glorifizierung verschreibungspflichtiger Medikamente und selbstzerstörerischen Verhaltens geprägt ist, durchaus erfrischend. Auf »Maid« wird die Indifferenz gegenüber anderer Leute Erwartungen – analog zum Cover – deutlich: »All these Folks staring, I got Crocs on my Feet«. Es ist sein Gespür für Beats, welches das Projekt herausragend macht. Musikalisch geht es immer weiter in Atlanta. Und man freut sich für einen, der Frieden mit sich gefunden hat. Jan Müller

Collegium Musicum ’23

Collegium Musicum ’23

The Art of Fugue on Bach’s original Instruments

The Art of Fugue on Bach’s original Instruments

Ein echtes Leipziger Herzstück ist diese jüngst eingespielte CD zur »Kunst der Fuge«. Wer zu Beginn das berühmte Fugenthema erwartet, wird überrascht. Denn es erklingt erst einmal der für Orgel arrangierte Choral »Was Gott tut, das ist wohlgetan«. Thomasorganist Johannes Lang ist gemeinsam mit der renommierten Barockviolinistin Nadja Zwiener Begründer dieses jungen Leipziger Ensembles. Dessen Markenzeichen sind hervorragende Barockmusikerinnen und -musiker, zu hören an historischen Instrumenten, die Johann Sebastian Bach tatsächlich persönlich gespielt hat. Die Streichinstrumente aus dem Besitz der Thomaskirche wurden damals beim renommierten sächsischen Instrumentenbauer Hoffmann in Auftrag gegeben und überzeugen mit warmer Klangkultur durch wunderbare Homogenität. Der Geist der Interpretation ist getragen von Grundruhe und unaufgeregter Selbstverständlichkeit sowie mancher intonatorischen Ausdrucksfärbung, die das wohltemperierte Ohr aufhorchen lassen. Die zwei das Werk umrahmenden Choräle wurden von Johannes Lang auf der Hildebrandt-Orgel in Störmthal eingespielt. Bach selbst hat dieses Instrument 1823 geprüft und auch eingeweiht. Bachs letztes großes Werk, die »Kunst der Fuge«, enthält in der Handschrift die Anmerkung seines Sohns Carl Philipp Emanuel: »ueber dieser Fuge, wo der Nahme BACH im Contrasubject angebracht worden, ist Der Verfaßer gestorben.« Anja Kleinmichel

Josienne Clarke

Josienne Clarke

Far from Nowhere

Far from Nowhere

Von ihrem Solodebüt im Jahr 2010 über die Arbeit mit Ben Walker im Folk-Duo bis hin zu den jüngsten Eigenveröffentlichungen kommt die schottische Musikerin Josienne Clarke auf rund zwanzig Releases. Aber ihre jüngste Veröffentlichung ist alles andere als auf Nummer sicher produziert. Clarke gibt sich hier einer Verletzlichkeit hin, zog sich zurück in eine Waldhütte auf der Isle of Bute und ließ die Dinge geschehen. »Far from Nowhere« ist eine Momentaufnahme, perfekt in ihrer Unperfektion. Die Dielen knarzen und quietschen, man hört das Streichen der Finger auf den Nylonsaiten. Bei den Aufnahmen kam Clarke eine Bronchitis dazwischen. All das ist Teil dieser Aufnahme, auch weil Clarke Wert auf Vintage-Equipment legte. Das Ergebnis ist ruhig, fast schmerzhaft intim. Meist ist ihre Falsettstimme allein mit der Gitarre zu hören, hier und da mit einem zurückgenommenen Schlagzeug oder einem Drum-Computer, den ihr Mitstreiter Murray Collier bedient. »Far from Nowhere« ist ein Album, das aus Trotz heraus entstanden ist. Josienne Clarke verzweifelt an der Gesamtsituation der Welt, der Lage der Musikindustrie im Besonderen. Der Rückzug, die Konzentration aufs Wesentliche, war der einzige Ausweg. Das Resultat dieser Katharsis ist berührend, wunderschön und schenkt Hoffnung in der dunkelsten Stunde der Nacht. Lars Tunçay

Portugal. The Man

Portugal. The Man

Shish

Shish

»I liked Portugal. The Man before they sold out«, druckte die Band aus Alaska schon 2017 auf ihre T-Shirts. Zu dem Zeitpunkt hatte sie gerade ihr Breakthrough-Album »Woodstock« und den Überhit »Feel it still« veröffentlicht, der ihr Platin-Status, Grammy-Auszeichnung und über eine Milliarde Streams auf Spotify bescherte. Die Band, die den größten Teil ihrer Karriere als experimentell-verspulte Indie-Nischen-Gruppe galt, rechnete damit, dass einige Fans ihr den Mainstream-Erfolg übel nehmen könnten. Was dann auch der Fall war. Der kommerzielle Erfolg war dabei natürlich nicht das Problem, sondern eher der Wechsel zu einem recht angepassten Pop-Sound. Entsprechend überrascht dürften nun wiederum viele der neugewonnenen Fans von der kürzlich veröffentlichten Platte »Shish« sein. Hier kehren Portugal. The Man zum experimentierfreudigen und freigeistigen Spirit ihrer Frühphase zurück und liefern das vielleicht waghalsigste Album seit ihrem 2007 erschienenen »Church Mouth«. Die Band glänzt auf »Shish« mit supersweeten, sonnigen Psych-Pop-Melodien und souveränen Grooves, die dann aber immer wieder von wütenden Hardcore-Punk-Einlagen oder chaotischen Prog-Rock-Passagen zersägt werden. Ein wenig vermisst man zwar den roten Faden, der diese wilde Gemengelage zusammenhält, sehr viel Spaß macht das Ganze aber auch so – oder wie es ein Subreddit-User formuliert: »This Album RIPS!« Yannic Köhler

Paul Bernewitz

Paul Bernewitz

Between the Years

Between the Years

Der Winter hat in den hiesigen Breitengraden meteorologisch Einzug gehalten – Paul Bernewitz legt mit seinem neuen Soloalbum »Between the Years« akustisch sogar eine Woche vor. Insgesamt zwölf Stücke versammelt der Leipziger Pianist darauf, die sich allesamt in zerbrechlichen Klangfarben präsentieren. Die künstlerische Reife des 1997 geborenen Leipzigers spiegelt sich nicht zuletzt in der Reduktion musikalischer Themen: Statt auf eine Fülle an Ideen zu setzen, vertraut Bernewitz der poetischen Kraft seines Spiels. Der Einstieg ist mit der Interpretation von »Over the Rainbow« durchaus gewagt, gehört das Stück doch mutmaßlich zu den am häufigsten gespielten Songs der Welt. Doch statt an der melodischen Oberfläche des Stückes zu kratzen, gelingt es Bernewitz, sich in dessen kompositorische Tiefen zu begeben und ihm mit zarten Anschlägen Leben und Charakteristik einzuhauchen – ganz so, als wären die bekannten Akkordfolgen Bernewitz selbst entsprungen. Gleiches gilt für seine rührende Interpretation von »On the Street where You live« aus dem Musical »My Fair Lady«, mit dem der Pianist das Album beschließt. Stücke wie diese fügen sich nahtlos zu Eigenkompositionen wie »The Angels of Weed Seeds« oder »Justification «. In seiner Gesamtheit wohnt »Between the Years« dabei ein durchaus radikales Moment inne: Stellt es doch mitsamt seinem konsequenten Minimalismus inmitten einer bis zum Anschlag lauten Welt eine akustische Antithese dar. Ob sie gehört werden wird, bleibt abzuwarten. Verdient hätte sie es allemal. Luca Glenzer

Anna von Hauswolff

Anna von Hauswolff

Iconoclasts

Iconoclasts

Als Genre hätte hier auch Kraut-Rock, Dark Ambient, Goth oder Experimental-Pop stehen können und trotzdem würden all diese Begriffe zusammen vermutlich noch immer nicht die Bandbreite dieses 72-Minuten-Brechers abbilden können. »Iconoclast«, das sechste Studioalbum der schwedischen Musikerin Anna von Hauswolff, sucht nach der eigenen Identität, der eigenen Weiblichkeit und Verletzungen aus der Vergangenheit. Womit es einen sehr weiten Bogen spannt. Gleich im ersten Song beschwört Otis Sandsjö – der neben von Hauswolff und Produzent Fillip Leyman auch maßgeblich am Album beteiligt war – mit wiedererkennbaren Saxofon-Licks »The Beast« herauf, das dann acht Songs später in »Struggle with the Beast« unkontrolliert freigelassen wird. Von Hauswolffs Stimmeneinsatz und das ekstatische Spiel von Sandsjö lassen einen nicht daran zweifeln, dass hier tiefsitzende Traumata behandelt werden. Dazwischen gibt es sehr ruhige Songs mit Disney-reifem Chorus, ein Duett mit Iggy Pop, den vermutlich besten Lana-Del-Rey-Song der letzten zehn Jahre (ohne Lana Del Rey, aber mit Ethel Cain) und immer wieder unendlich gelayerte Instrumentalstücke sowie einen 10-minütigen Titelsong, der klingt wie drei verschiedene. Man soll sich ja immer etwas zurückhalten mit Superlativen und Jahresbestenlisten, aber dieses sehr ambitionierte Projekt könnte … Jonas Fritzsche

Betterov

Betterov

Große Kunst

Große Kunst

Große Kunst dreht sich um … Menschen. Große Kunst berührt … Menschen. Deshalb ist »Große Kunst« große Kunst. Das zweite Album des Thüringers Manuel Bittorf alias Betterov ist das musikalische Gegenstück zu Romanen wie »Wild Wild Ost« oder »Die schönste Version«. Es erzählt vom Aufwachsen in der (Nach-)Wendezeit, ohne die Aggressivität dieser Baseballschlägerjahre, aber mit der dringlichen Emotionalität der gebrochenen Biografien, die diese Zeit begleitete. Dabei ist Manuel Bittorf dafür eigentlich zu spät geboren, nämlich 1994. Mit einer Generation Abstand beobachtet er und spürt nach. Wenn er in der Doppel-Single »17. Juli 1989« und »18. Juli 1989« von der Flucht seines Vaters und der Trauer seiner daheim gebliebenen Mutter erzählt, dann sind das verschwommene Erinnerungen. Wenn er in »Sag nicht deinen Namen« von Stasi und Akten singt, dann kennt er das allenfalls aus Erzählungen. Mehr fernes Gefühl als Wissen sind vermutlich auch die Fahrten in »Papa fuhr immer einen großen LKW«. Ein Gefühl zwischen Das-kann-doch-nicht-alles-gewesen-sein und Wenn-du-nicht-dreckig-bist-hast-du-nicht-gekämpft. Auf »Große Kunst« schafft Betterov es aber auch, in 45 Minuten und 17 Tracks diese Gefühle von der Vergangenheit ins Jetzt und Heute zu heben. Oder wie in »In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab« auf die Größe eines Kinderzimmers zu komprimieren. Die Welt mit ihren Herausforderungen (und ihrer Schönheit) war 1989 sicher nicht dieselbe wie heute. Aber die Unsicherheit, die Wut und die Trauer sind nach wie vor da. Gebrochene Herzen und schüchterne Hoffnung werden nie alt. Und beides bringt Betterov in Strophen und Zeilen hervorragend auf den Punkt. Mit mal dringlichem, mal zerbrechlichem Gesang. Mit Gitarren, die mal zerstören und mal streicheln wollen — ganz wie das Gefühl es verlangt. Die Stärke des Albums ist nicht nur die Lyrik, sondern auch die Musik, die ganz im Dienst der Texte und ihrer Gefühle steht. Zusammen berühren sie. Und sind durchaus »Große Kunst« Kerstin Petermann

Kali Malone & Drew McDowall

Kali Malone & Drew McDowall

Magnetism

Magnetism

Fans des Genres wissen längst, dass es im Drone- und Ambient-Bereich mitunter wissenschaftlich zugehen kann. Auch »Magnetism«, die erste aufgezeichnete Kollaboration zwischen Kali Malone und Drew McDowall, stellt dabei keine Ausnahme dar. Den fünf Stücken, die sich in einer gut verdaulichen Dreiviertelstunde ausspielen, liegt die Technik der Karplus-Strong-Synthese zugrunde. Bei der werden synthetisch Töne erzeugt, die in Textur und Klang an Saiteninstrumente erinnern. Der Sound ist beeindruckend – weil die Illusion von Instrumenten mit metallischen Saiten oder von Glockenklängen entsteht, die aber nie ganz eindeutig einem uns bekannten Instrument zuzuschreiben sind. Ausgedehnte Töne ergänzen sich, reiben sich aneinander und verhallen, mal ungreifbar klar und himmlisch anmutend, dann wieder so dissonant, dass sie sich ineinanderzuätzen scheinen. Wer die Solo-Veröffentlichungen Malones und McDowalls anhört, erkennt sofort, wie hier zwei ganz individuelle künstlerische Stile gewinnbringend miteinander reagieren. Da sich die fünf Titel aufgrund ihres technischen Grundkonzepts klanglich stark ähneln, weder durch Tempo noch Rhythmus klar voneinander zu unterscheiden sind und das Album auch als Ganzes keine erkennbare innere Dramatik bietet, bleibt am Ende aber nur der Eindruck, einem ambitionierten ersten Versuch beigewohnt zu haben. Bleibt zu hoffen, dass Malone und McDowall sich noch öfter ins Labor begeben. Das Potenzial für einen großen Knall ist da. Jakob Semmer

Lüften

Lüften

Lüften

Lüften

Eine Einladung zum Tagträumen ist die erste gemeinsame Veröffentlichung der Leipziger Supergroup Lüften. Für die Veröffentlichung des gleichnamigen Albums fanden die hier lebenden Musiker Damian Dalla Torre, der erst im vergangenen Jahr mit seinem Album »I can feel my Dreams« die Liste für die beste zeitgenössische Musik des Guardian anführte, Max Kraft, der, wie auch Dalla Torre, mit Tristan Brusch an der »Woyzeck«-Inszenierung des Berliner Ensembles mitwirkte, sowie Markus Rom aka Oh No Noh, der mit seinen Musikrobotern jüngst ein geschätztes Album veröffentlichte, zusammen. Alle drei eint, dass sie unermüdlich mit ihren Sounds experimentieren, so auch hier im Zusammenspiel: Die acht Tracks schmelzen ineinander und schaffen so eine schwelgerische Klangwelt, in der man nur zu gern umherträumt. Die Melodien der Synthesizer verwurzeln sich in den Tiefen der Musik, durchdringen mit den Bassläufen, und türmen sich von da aus auf und überragen die Hörerinnen und Hörer alsbald. Nachzulauschen, wie die Klänge sich ineinander verschlingen, wachsen und verdichten, ist dabei nicht herausfordernd oder abenteuerlich, sondern lädt dazu ein, sich treiben zu lassen. Besonders eindrücklich sind zwei Stücke: zum einen »Nova«, das an die Ästhetik von Videospiel-Musik aus den achtziger Jahren erinnert, und zum anderen: »Waking up after psychotic Nights is Bliss«. Jenes wirkt ganz verspukt, wie eine Klangcollage, wenn die aufscheinenden Saxofontöne wie auch die Klaviermelodien die elektronischen Klangflächen heimsuchen. Und statt sie zu durchbrechen, verspulen sie sich zwischen ihnen. Stark! Claudia Helmert

Patrick Watson

Patrick Watson

Uh Oh

Uh Oh

Wie geht man als Musiker damit um, wenn einem das wichtigste Instrument versagt? Die Reaktion des kanadischen Künstlers Patrick Watson prangt in großen Lettern auf seinem neuen Album: »Uh Oh«. Aber ebenso verspielt, wie die Lettern im Artwork arrangiert sind, war auch sein Umgang mit der Krise. Watson versammelte kurzerhand befreundete Musikerinnen vor dem Mikro, viele von ihnen aus der quirligen Szene Montreals, darunter Klô Pelgag und Charlotte Cardin, aber auch die Folk-Sängerin Martha Wainwright. Ihre Stimmen fügen sich ganz wundervoll in das weit gefasste musikalische Gewand zwischen Barock-Pop und elektronischen Klängen, die einen auf dem zehnten Album des Komponisten umgarnen und umflirren. Textlich geht es um die vielen großen und kleinen Momente der »Uh Ohs« in unserem täglichen Leben. Watson reflektiert durch den Wegfall seiner äußeren Stimme, wie sehr uns die innere begleitet, und offenbart in den elf Stücken viel Humor angesichts des Schicksalsschlags. Seine Stimme hat er schließlich wiedergefunden. Der gehauchte Falsett vereint sich mit den Stimmen der Mitmusikerinnen und schraubt sich in Pianoklängen zu neuen Höhen. In der aus der Not heraus geborenen Kollaboration entstand so vielleicht sein schönstes Album. Lars Tunçay

Tristan Brusch

Tristan Brusch

Am Anfang

Am Anfang

Nach Rest und Wahn folgt der Anfang – und damit der Abschluss einer »Am …«-Trilogie, die Tristan Brusch und seine Musik in den vergangenen Jahren auf ein gänzlich neues künstlerisches Niveau gehievt hat. Den spielerisch-süßen Popstar im Kleinen, den er in den 2010er Jahren mit Songs wie »Zuckerwatte« und »Fisch« noch zu verkörpern versuchte, hat er jedenfalls längst hinter sich gelassen und ist stattdessen über die Jahre zu einer Art dunkelromantischem Volksbarden avanciert. Sein mitunter pathetischer Gestus samt kammermusikalischem Pop-Sound mag manchen dabei antiquiert erscheinen – wie die Reinkarnation eines Scott Walker oder Jacques Brel im 21. Jahrhundert. Doch genauso gut kann man eben auch dagegenhalten, dass die Meta-Themen von damals heute immer noch die gleichen sind: etwa »Lieben und geliebt werden«, wie Brusch wohl nicht ganz zufällig in »Geboren, um zu sterben« singt, dessen Titel sein Wirken gleich noch um eine weitere existenzialistische Komponente ergänzt. Was ihn dabei in Songs wie »Vierzehn«, »Die lange Nacht« oder »Heiliges Land« vom Gros seiner Generation unterscheidet, ist der vollständige Verzicht auf ironische Brüche. »Für die Liebe in Maßen habe ich kein Talent«, singt er an einer Stelle im Album, und man darf froh sein, dass das so ist. Denn in Zeiten des Dating-Portal-getriebenen Liebeskontrollwahns hält Tristan Brusch der Gesellschaft ihren Spiegel vor. Ob sie bereit ist, hineinzublicken, wird sich indes noch zeigen müssen. Luca Glenzer

Tortoise

Tortoise

Touch

Touch

Tortoise ist ein Künstler-Kollektiv, dessen Mitstreiter lange Zeit in Chicago aktiv waren. Sie sind so etwas wie Ikonen des Post-Rocks der ersten Stunde. Also jenes Genres, das Jazz und Metal als Grundpfeiler hat. Und obendrein durch eine große Offenheit für viele andere Stile begeisterte: Krautrock, Indie-Rock, Hip-Hop und Ambient. Natürlich immer begründet in den individuellen, aktuellen Interessen der Mitglieder. Die beiden bekanntesten sind wohl Jeff Parker und John McEntire, wobei alle Mitglieder in zahlreichen anderen musikalischen Projekten zugange waren und sind. Inzwischen leben die Multi-Instrumentalisten über die USA verstreut in Los Angeles, Portland und Chicago. An allen drei Orten wurde Studio-Zeit fürs Einspielen von »Touch« gebucht, so dass alle Mitglieder gleichzeitig an allen Ideen weiterarbeiten konnten. So klingt das dann laut eigener Aussage von Tortoise: »Der Weg zur finalen Version eines Tracks ist kein geradliniger. Er besteht aus Schreiben, Arrangieren, Editieren und Orchestrieren und so etwas wie dem Platzieren der Dinge in einem Klangraum, der sich gut anfühlt – und das alles zugleich.« Daran hat sich auch beim Einspielen von »Touch«, dem neuesten Werk nach neun Jahren Pause, nichts geändert. Das Ergebnis ist fast schon überraschend kohärent, spritzig, innovativ und entspannt. Natürlich alles zugleich. Kay Engelhardt

Lucrecia Dalt

Lucrecia Dalt

A Danger to Ourselves

A Danger to Ourselves

Spätestens nachdem »¡Ay!« 2022 vom renommierten britischen Fachmagazin The Wire zum Album des Jahres gekürt wurde, war Lucrecia Dalt zumindest szeneintern in aller Munde. Die auf dem Album zwar immer mal klaustrophobische, entrückte Ästhetik schuf eine sonderbare Behaglichkeit, die bei aller Zerstreuung auf Dalts zentrale Stimme zurückgeht. Für die ebenso zentrale Perkussion war Alex Lázaro verantwortlich, der Dalt auch auf ihren ausgedehnten Touren begleitete und auf »A Danger to Ourselves« wieder für die vielstimmige Rhythmik verantwortlich ist. Das im Studio ihres Partners David Sylvian – der in Kreisen komplizierter Musik Legendenstatus hat und dessen Färbung man unschwer heraushört – aufgenommene Album ist das Ergebnis akribischer Arbeit. Jede noch so willkürlich und beiläufig erscheinende Entscheidung, jeder Gitarrenknarz, jeder Flaschenhals und natürlich jede stimmliche Betonung ist bewusste Setzung. Die Spannbreite der äußerst dichten und atmosphärischen Stücke geht von folkloristischeren Songs wie »Amorcito caradura« über dekonstruierten Bolero wie auf dem Liebestingeltangel-Duett mit Sylvian, »Cosa rara«, bis hin zu weit ausholenden, hallenfüllenden Hymnen wie »Hasta el final«. Jeder Song wäre einen eigenen Text wert, so divers sind sie in den erzeugten Stimmungen. Überall gibt es etwas zu entdecken, auch nach zehn Umdrehungen hört man noch neue Nuancen heraus. Die kolumbianische Ex-Wahlberlinerin ist nach ihrem Erfolg mit »¡Ay!« ein schwieriges Erbe angetreten, das ihr aber auch dank künstlerischer Unterstützung durch Sylvian und Lázaro grandios gelungen ist. Philipp Mantze

Sorry

Sorry

Cosplay

Cosplay

Poppig als Synonym für glatt und eingängig? Nö, nicht mit Sorry. Asha Lorenz und Louis O’Bryen fügen dem Genre noch ein paar gehörige Ecken und Kanten hinzu. Auch auf ihrem dritten Album experimentiert die Londoner Band mit Lo-Fi-Sounds, Field-Recordings und Loops – gefühlt mit allem, außer klassischen Instrumenten (obwohl Gitarre und Schlagzeug die Songs melodisch tragen). Heraus kommen elf Tracks zwischen sanft wogenden Störgeräuschen und knarzenden Balladen. Sie nacheinander als Album hören? Keine gute Idee. Denn jeder Track beinhaltet genug Wendungen und Brüche für zwei oder drei Alben. Dazu kommen Textsplitter und Geschichten über Identitätsfindung und Schattenwelten – wie zum Beispiel über ein Echo, das zu einer dritten Person wird. Sie zu interpretieren? Auch keine gute Idee. Aber stattdessen die Atmosphäre aufnehmen. Sich treiben lassen von den Reimen und Versen. Oder aber ein Proseminar zur Analyse neuerer Lyrik daraus machen. Warum muss oder darf man das dann aber doch poppig nennen? Weil in all den musikalischen Fragmenten ganz viel Melodie steckt. Und in Asha Lorenz’ Gesang sowieso. Es ist zudem unheimlich erfrischend, mit Sorry wieder eine Band zu haben, die wie Moldy Peaches oder Guided by Voices Genre-Grenzen ad absurdum führt, Hörgewohnheiten herausfordert und dabei die sperrigsten Ohrwürmer hervorzaubert. Und jeder der elf Tracks auf »Cosplay« kann so einer werden. Kerstin Petermann