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Rezensionen

Jakub Józef Orliński

Jakub Józef Orliński

Antonio Vivaldi: Stabat Mater

Antonio Vivaldi: Stabat Mater

»Stabat Mater« und Italien – das ist eine kongeniale Kombination. Die eindringliche mittelalterliche Dichtung, die die Schmerzen der Gottesmutter angesichts des Todes ihres Sohnes beschreibt, wurde von Giovanni Battista Pergolesi 1736 derart beispielhaft in Töne gefasst, dass Bach nicht umhinkam, das Stück abzuschreiben und als deutsche Kantate aufzuführen. Kaum weniger expressiv als dieser Meilenstein der Musikgeschichte ist das 25 Jahre ältere »Stabat Mater« aus der Feder von Antonio Vivaldi. Mit der für Barock hervorragend geeigneten Capella Cracoviensis legt der polnische Altus Jakub Józef Orliński hier eine meisterliche Interpretation vor, die als CD-Produktion dennoch eine Unverschämtheit ist. Denn die Scheibe, die im Normalpreisbereich angesiedelt ist, hat lediglich eine Spieldauer von gut 18 Minuten. Kein ergänzendes Werk findet sich auf dem Silberling, stattdessen liefert Orliński ein entbehrliches Musikvideo mit ihm in der Hauptrolle. Mein Tipp: Die hörenswerte Einspielung auf dem Streamingdienst des Vertrauens anhören, die CD aber im Fachgeschäft liegen lassen. Hagen Kunze

Kurt Masur

Kurt Masur

The Complete Warner Classics Edition

The Complete Warner Classics Edition

Beim Konzert zum Gedenken der Opfer des 11. Septembers erkannte die New York Times 2001 in Kurt Masurs Dirigat »den ungebrochenen Glauben an die Signalwirkung der Musik und ihre Heilkraft«. Dieser Satz ist kennzeichnend für den im Jahr 2015 verstorbenen Dirigenten. Denn stets setzte Masur seine Popularität auch politisch ein – nicht zuletzt, als er am Leipziger Schicksalstag des 9. Oktober 1989 deeskalierend wirkte. Dass Warner den Dirigenten nun mit einer Neu-Edition seiner Einspielungen der Plattenlabels EMI und Teldec ehrt, ist keinesfalls nur eine Marketing-Idee. Die 70-teilige Sammlung umfasst 35 Jahre und zeichnet ein Bild von Masurs facettenreichem Wirken in Leipzig, New York und London. Schwerpunkt der Aufnahmen mit dem Gewandhausorchester ist das große Repertoire: Tschaikowski ließ Masur wunderbar dunkel spielen, während sein Liszt Sinn für überbordende Leidenschaft erkennen lässt. Mendelssohn wiederum ist ein Heimspiel: Ob der »Sommernachtstraum« oder das Violinkonzert mit Maxim Vengerov – beides sind Referenzaufnahmen, die in keinem CD-Schrank fehlen dürfen. Hagen Kunze

Carlo Karacho

Carlo Karacho

ODY C

ODY C

Etwas mehr als neun Monate sind vergangen seit seinem ersten Album. Eine neue EP von Carlo Karacho stiftet nun zu Bewegung an und macht mit sechs Tracks und ohne jedweden Drill eingerostete Gelenke wieder locker für den Frühling. Sympathisch stumpfer Reim trifft auf Stimmung, die geringstenfalls wohlwollend nicken lässt. Die mal vom Gameboy, mal dubby übermittelten Signale im Klangbild widersprechen sich nicht. Und mindestens ein Reggae-Verweis sollte auf keinem souveränen NDW-Release fehlen – so weit also alles regelkonform. Eine gesunde Portion Atemgeräusche in der Aufnahme von Vocals steht bekanntlich für Echtheit. Die nicht immer klare Sprache handelt von klassischen und dabei immer aktuell bleibenden Themen wie Urin, Regen, Oberflächlichkeiten, Enttäuschung und Kommunikationshürden. Das klingt alles erst mal potenziell bemitleidenswert oder herausfordernd. Zum Glück wird sich dabei nicht zu ernst genommen: »Eine Qualle ist eben auch nur eine Spinne im Wasser.« Darin steckt der zarte, aber umso erfreulichere Schritt nach vorn im Songwriting. Es wird weniger dick aufgetragen. Konsequent maschinelle Beats tragen kompromisslos durch fast 17 schnelle Minuten. Es bleibt unbedingt zu empfehlen, auf »Repeat« zu drücken. Angenehm unkompliziert brettern die Synthies durch programmierte Träume mit geschultem Blick in Richtung Geschichte. Die Achtziger sind nicht so alt, wie gerne getan wird, und wer erst später zur Welt kam, kann jederzeit noch einsteigen. Elias Schulz

Get Well Soon

Get Well Soon

Amen

Amen

Konstantin Gropper, der Kopf hinter Get Well Soon, hat während der Pandemie mit Schrecken festgestellt, dass er Optimist ist. Und das hört man seinem neuen Album »Amen« an. In der Ouvertüre wird gleich klar, was Gropper vom Versinken in Melancholie und Selbstmitleid neuerdings hält: nämlich nichts. Genervt scheint er vor allem von sich selbst zu sein. In gewohnter Manier singt er sein Klagelied und wird prompt von einem mehrstimmigen Chor abgemahnt: »Stop your whining, you are alright.« Nur konsequent, dass der Song von einer Computerstimme mit: »This is an intervention« angekündigt wird – gegen den Weltschmerz in einer zunehmend düsteren Welt. Im Gegensatz zu früheren Alben fallen Tempo, Rhythmik und Energie der Lieder auf. Mit feuerwerksartig explodierenden Momenten reihen sich wuchtige Indie-Elegien zu einem abwechslungsreichen Kunstwerk aneinander. Mit »I Love Humans« liefert Gropper eine ambivalente Liebeserklärung an die Menschheit mit all ihren Verfehlungen. »One For Your Workout« handelt vom gesellschaftlichen Selbstoptimierungszwang, der schnell in Selbsthass umschlagen kann: »It’s a steep route up to the top shelf / Relax, erring and failing’s fine / just fail your best next time / It’s not good enough / never enough for them.« Auch musikalisch werden neue Pfade zwischen Elektro, Dance und Pop betreten – Arcade Fire trifft Pet Shop Boys und Beatles. Die schnellen 80s-Beats und funky Disco-Ästhetik von »My Home Is My Heart« irritieren nur im ersten Moment. Denn Get Well Soon erfindet sich auf dem neuen Album durch die Überwindung des eigenen Images neu – und es funktioniert. Sarah Nägele

Jack White

Jack White

Fear Of The Dawn

Fear Of The Dawn

Man kann nicht sagen, Jack White hätte es nicht versucht. Das Problem ist eher, dass er es ein bisschen zu sehr versucht. »Fear Of The Dawn«, das erste von zwei Soloalben, die dieses Jahr veröffentlicht werden, ist vor allem eins: anstrengend. Dabei öffnet das Album noch vielversprechend mit »Taking Me Back«. Gut platzierte Gitarrensoli, stoisch treibende Drums, Synthiefetzen und die schneidende Stimme – alles Dinge, die White gewohnt gut in Szene setzen kann. Da kann man über das fehlende Understatement mal hinwegsehen. Bereits »Fear Of The Dawn« klingt dann eher uninspiriert. Übersteuert, verzerrt und überladen mit E-Gitarren-Effekten bleibt außer einem Dröhnen in den Ohren wenig übrig. Leider wirkt dieser Gitarrenrock mit dem Vorschlaghammer von einem alternden Mann ein wenig aus der Zeit gefallen, selbst wenn er von einer Ikone kommt. White hat zwar durchaus neue Ideen, nur hat er die meisten nicht zu Ende gedacht. Skurril wird es spätestens beim gemeinsam mit Q-Tip produzierten Song »Hide-Ho«. Es ist schwer zu erklären, was da überhaupt passiert. Das Lied beginnt mit einem Muezzin-artigen Gesang, untermalt mit düsterem Gitarrensound, um dann zwischen repetitivem Autoscooter-Rap und spanischer Flamencogitarre zu pendeln. Auf ominöse Weise ist das zwar catchy, aber nicht wirklich gut. Alles also sehr schnell, sehr ekstatisch, ein bisschen zu viel. Die besten Momente finden sich da, wo White einen Gang zurückschaltet, musikalischen Ideen Raum und Zeit gibt, wie im dahingroovenden, etwas sanfteren »Shedding My Velvet«, mit dem das Album schließt. Viele gibt es davon leider nicht. Sarah Nägele

Mattiel

Mattiel

Georgia Gothic

Georgia Gothic

Atina Mattiel Brown und Jonah Swilley sind die Köpfe hinter dem Projekt Mattiel. Das Cover-Artwork der ersten beiden Alben suggerierte, dass Brown die Bandleaderin ist. Dabei waren die Songs schon immer ein komplett gemeinschaftliches Produkt. Bei »Georgia Gothic« ist Swilley erstmals mit auf dem Cover gelandet. Das Album wurde im ländlichen Georgia in aller Abgeschiedenheit und frei von den üblichen Distraktionen aufgenommen. Nach wie vor sind Rock und Blues essenzielle Fixsterne am Mattiel-Himmel. Eine neue Komponente ist die lässige Integration der Achtziger. Wer insbesondere New Order und The Cure mag, kann sich sicher auch mit dieser Platte anfreunden. Die wunderbar-markante Stimme von Brown wurde etwas weiter in den Hintergrund gemischt, so dass der Sound offener und fluffiger wurde. Und auch auf dem Drittling »Georgia Gothic« gehen dem Duo nicht die Ideen aus. Musik zu machen, ist für die beiden Künstler offenkundig ein Heidenspaß. Kein Wunder also, dass das Album wahnsinnig energiegeladen ist und an allen Ecken und Enden groovt. Kay Engelhardt

Widowspeak

Widowspeak

The Jacket

The Jacket

Widowspeak sind gerade äußerst umtriebig. Nicht einmal zwei Jahre sind seit ihrem Meisterwerk »Plum« ins Land gegangen. Und schon warten sie mit »The Jacket« auf, welches nahtlos am letzten Album ansetzt. Musikalisch wie qualitativ. Sängerin und Songwriterin Molly Hamilton singt so schwelgerisch wie eh und je. Und ihr musikalischer Gefährte Robert Earl Thomas hat ein schier unerschöpfliches Reservoir an Gitarrenlinien, die auch Vorbild Neil Young begeistern dürften. Widowspeak bleiben ihrem verträumten, weltentrückten Sound treu. Auch auf ihrem sechsten Longplayer beschreiten sie ähnliche Wege wie The Velvet Underground, Cowboy Junkies und Yo La Tengo. Kürzlich sind Hamilton und Thomas übrigens wieder vom Land zurück nach New York City gezogen, wo sie bereits zu Beginn ihrer Karriere wohnten. Bei den Aufnahmen hat ihnen diesmal Homer Steinweiss vom renommierten Daptone-Label unter die Arme gegriffen. Einmal mehr rocken Widowspeak am überzeugendsten aus dem meditativen Mid-Tempo heraus. Erstaunlicherweise hält die Band weiter das hohe Niveau. Wir sind jederzeit bereit für einen Nachschlag. Kay Engelhardt

Warpaint

Warpaint

Radiate like this

Radiate like this

Nach sechs langen Jahren legen Warpaint mit »Radiate like this« ein neues Album vor, das man richtig laut aufdrehen sollte, um ganz vom wabernden Sound der betörenden Lieder eingehüllt zu werden. Schon im Opener »Champion« taucht man in das Meer aus dreamy Elektro- und Indie-Pop – die Lyrics bestätigen das: »I’m an ocean / breathing in and out.« Es ist ein ruhiges Album, wohltemperiert, könnte man sagen. Doch trotz des ausbleibenden Überschwangs wird es nicht fad. Der scheinbar spielerische Instrumenten-Einsatz, Rhythmuswechsel, gut dosierte Synthies und die sanften, tragenden Stimmen sorgen für genug Abwechslung. Dass die Platte im Homeoffice erstellt wurde, merkt man zu keiner Sekunde. Im treibenden »Hips« wechseln Emily Kokal (Gesang, Gitarre) und Theresa Wayman (Gesang, Gitarre) perfekt abgestimmt vom sanften Trällern zu bedrohlichem Sprechgesang, Stella Mozgawa führt mit stoischen Drums durch den Song. Das zarte »Like Sweetness«, das Jenny Lee Lindberg mit gefühlvollem Bass untermalt, knüpft an den Sound früherer Warpaint-Alben an, wirkt aber etwas konzentrierter. Es gibt auch nette Überraschungen: »Stevie«, ein gefühliger R’n’B-Song mit dezent eingesetzten Hintergrundvocals, schwebt irgendwo zwischen schmachtendem Neunziger-Kuschelrock-Kitsch und authentischer Gefühligkeit. Eine ähnliche Gratwanderung legt die etwas überladene Piano-Ballade »Trouble« hin. Das Beste kommt eigentlich zum Schluss, wenn das Album mit dem wunderschönen, mehrstimmigen »Send Nudes« endet. Lethargisch plätschert der Song mit sanfter Gitarrenbegleitung dahin, nur dann und wann von abrupt einsetzenden treibenden Drums und Synthie energetisiert. Fade out. Sarah Nägele

Kurt Vile

Kurt Vile

(watch my moves)

(watch my moves)

Kurt Vile braucht wahrlich nicht viel, um glücklich zu sein. Laut eigener Aussage genügt es ihm, morgens mit einer Tasse Kaffee am Fenster zu stehen und Sun Ra zu hören. Praktischerweise half auf dem neuen Album neben Cate LeBon auch gleich James Stewart vom Sun Ra Arkestra mit aus. Das Album »(watch my moves)« ist Viles Debüt auf Verve, einem Label, das traditionell mit Jazz in Verbindung gebracht wird. Der ebenso augenzwinkernde wie leicht kryptische Titel klingt eher nach Hiphop als nach Psychedelic-Pop. Aber keine Angst – der Musiker aus Philadelphia ist sich treu geblieben. Cooler Sprechgesang und pointierte Texte sind zwar bekanntlich eine Spezialität von Vile. Überhöhte Geschwindigkeit jedoch war noch nie sein Ding. Der König der Kontemplation verkündet seine Botschaften lieber auf sanfte Art. Nach wie vor schüttelt er unzählige grandiose Gitarrenlinien aus dem Ärmel und sediert uns mit wohltuenden Dauerschleifen. Sein neuntes Album rockt vielleicht etwas weniger als der letzte Longplayer »Bottle It In«. Dafür erweist es sich als ein tiefenentspanntes Werk wie aus einem Guss. Kay Engelhardt

Poliça

Poliça

Madness

Madness

»Madness« und »Rotting« sind die beiden dystopischen Eckpunkte des sechsten Studio-Albums der US-Indie-Popband Poliça: »Madness«, der Titel des Albums, und »Rotting«, die Vorab-Veröffentlichung, geben vor, in welche Richtung es thematisch treibt: Vergänglichkeit, die Akzeptanz, dass Dinge vergehen und damit auch unser Weltbild unter sich begraben. Poliça wären aber nicht Poliça, wenn sie uns nicht einen Rettungsanker zuwerfen würden, um uns vor dem Abdriften in Verstörung und Irrsinn zu bewahren. Dieser Rettungsanker heißt »Alive«. Als Opener bietet er die von Poliça gewohnten wabernden Synthie-Rhythmen und den beruhigend glasklaren Gesang von Channy Leaneagh. Kurz: »Alive« stimmt erst mal positiv und stärkt das emotionale Immunsystem für die kommenden Dystopien. Die Rhythmen und wabernden Sounds ziehen sich auch durch die folgenden sechs Songs, ungeachtet der besungenen Zerrissenheit. Fast scheint es, als wollte die Band, dass wir dagegen antanzen, Bass und Schlagzeug als Medizin gewissermaßen. Auch wenn sie mitunter unheilvoll daherkommen und sich schwer aufbäumen, um dann leicht auszuklingen. Die Schwere und das Dunkle, die sich mehr durch »Madness« ziehen als durch die vorigen Alben, sind aber nicht nur ein inhaltliches Thema, sondern auch musikalisches Spiel – ein Spiel mit All-overs, einem extra designten Produktions-Tool, das die Stimmung des Albums abrundet. Kerstin Petermann

Florence + The Machine

Florence + The Machine

Dance Fever

Dance Fever

»Dance Fever« – Tanzwut. In dem Titel steckt eigentlich alles, was das fünfte Studioalbum von Florence + the Machine zu bieten hat: Manie, Ekstase, Hingabe, Selbstaufgabe, Euphorie – aber auch Drama und Tragödie. Denn der – im Deutschen manchmal auch Veitstanz lautende – Begriff ist die alte Bezeichnung für die Nervenkrankheit Chorea Huntington und beschreibt Symptome wie unwillkürliche Zuckungen. Eine grausame Erkrankung, die besonders im Mittelalter stark stigmatisiert und verteufelt wurde. Ganz nebenbei deutet der alte Begriff des Titels also auch das Mystische des Mittelalters an, das sich wie der bekannte rote Faden durch die Gestaltung des Albums zieht. Es findet sich in den Coverbildern des Albums und der Singles wieder: Florence Welch ist da als mittelalterliche Monarchin zu sehen, überschrieben mit dem Titel »King«, der Name einer der Singles. In denselben Kostümen taucht sie auch in den zugehörigen Videos auf – womit der rote Faden Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Florence Welch will das Ganze selbstverständlich auch als feministische Ansage für unsere heutige Gesellschaft verstanden wissen. Und auch der Entstehungsprozess ist tief mit der aktuellen (Pandemie-)Lage verbunden: Nicht nur, dass die Tanzwut auch in pandemischen Schüben aufgetreten ist, die Aufnahme des Albums musste sich den Kontaktbeschränkungen beugen und verschoben werden. Fast schon ein bisschen unheimlich, wie sich hier gestalterisch und inhaltlich ein Kreis schließt. Mehr als je zuvor ist ein Album von Florence + the Machine deshalb als ein Gesamtkunstwerk aus bildnerischer und musikalischer Gestaltung sowie dessen Inhalt zu verstehen. Und wenn man all das ignorieren und sich einfach ekstatisch den Melodien des klaren Gesanges und den unwiderstehlichen Rhythmen hingeben würde, käme man dennoch der Tanzwut ganz nah. Kerstin Petermann

Arcade Fire

Arcade Fire

We

We

»Wir«, Menschenkinder des Jahres 2022, blicken in gestellte Gute-Laune-Visagen auf Instagram und Tiktok. Gleichzeitig finden ökonomischer Zusammenbruch, Klimakrise, Pandemie und Krieg statt. Willkommen in der Plastikwelt, die uns digital vorgaukelt, alles sei gut, doch in Wirklichkeit läuft da draußen alles aus dem Ruder. Arcade Fire besingen mit ihrem neuen Album in alter, an ihr Meisterstück »The Suburbs« aus dem Jahr 2010 anknüpfender Manier den Untergang eines Imperiums, das wir Spätmoderne nennen. So jagt thematisch ein Gegenwartsproblem das nächste – das digitale Rabbit Hole wird genauso verhandelt wie Smartphone-Sucht und Klimawandel. Für das Emo-Indie-Rock-Kollektiv um Sänger Win Butler ist »We« eine musikalische Rückbesinnung auf den alten Sound, der beim letzten Werk »Everything Now« abhandengekommen war. Damals versuchte sich die Band an einem an ABBA angelehnten Disco-Pop-Sound, der ihr einfach nicht stehen wollte. Fans waren enttäuscht. Und nun der sechste Streich: eine 40-minütige Fokussierung auf die eigenen Stärken. Zusammen mit Radiohead-Produzent Nigel Godrich entstanden glanzvoll wirkende Rock-Balladen à la »Bohemian Rhapsody«. Manchmal vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Doch dann reihen sich süße Sci-Fi-Pop-Elemente hinzu, die mit noch süßeren Texten (»Unconditional I (Lookout Kid)«) einen doch stimmigen Gesamteindruck hinterlassen. Für das Album der Stunde hat es diesmal nicht gereicht, auch wenn so einige davon ausgegangen waren. Dann muss eben eine jüngere Band die Komposition des Soundtracks einer dystopischen Zukunft schreiben. Lennart Wichmann

Kevin Morby

Kevin Morby

This Is A Photograph

This Is A Photograph

Trotz seines zarten Alters von 34 Jahren hat Kevin Morby bereits ein so umfangreiches Werk geschaffen wie manch andere Künstler und Künstlerinnen in einer ganzen Karriere. »This Is A Photograph« ist der siebente Longplayer des in Kansas City ansässigen Künstlers und wurde beinahe komplett in Memphis geschrieben. Und die Platte hat es in sich. Nach den recht reduzierten beiden letzten Alben ist sie ähnlich heterogen und variabel wie Morbys Meisterwerk »City Music«. Der Titelsong ist ein rockendes Monster irgendwo zwischen Country und afrikanischem Desert-Rock. »Bittersweet, TN« ist eine wunderbar melancholische Folk-Hymne. Auf »Five Easy Pieces« klingt Morby fast so theatralisch und exaltiert wie Hamilton Leithauser, mit dem er kürzlich eine gemeinsame Single aufnahm. Und »It’s Over« ist ein opulenter, moderner Gospel-Song, der obendrein noch groovt wie ein Motown-Hit. »This Is A Photograph« ist nostalgisch, düster, kraftvoll, heilsam. Und obendrein eine mitreißende Ode an das Leben und die Vergänglichkeit. Kurzum: Ein Album, welches schon jetzt eines der besten des Jahres ist. Kay Engelhardt

Gregor Meyer

Gregor Meyer

Johann Kuhnau: Geistliche Werke Vol. 8

Johann Kuhnau: Geistliche Werke Vol. 8

Man kann sich gar nicht tief genug verbeugen: Pünktlich zum 300. Todestag des Thomaskantors Johann Kuhnau hat Gregor Meyer gemeinsam mit Opella Musica und Camerata Lipsiensis seine groß konzipierte Gesamtaufnahme aller geistlichen Werke Kuhnaus beendet und legt nun mit Volume 8 das krönende Finale vor. Anderen weitgespannten Projekten mag bisweilen die Luft ausgehen – die Leipziger haben trotz Corona langen Atem bewiesen und die Musik Kuhnaus endlich aus dem Schatten des Nachfolgers Bach geholt: Gut vierzig Werke sind erhalten, viele von ihnen wurden von David Erler, Altus des Ensembles, in Archiven entdeckt, eingerichtet und erstmals eingespielt. Das führt erneut Kuhnaus Schaffen in voller Breite vor: Einerseits steht es noch mit beiden Beinen im 17. Jahrhundert, wie die frühen Zittauer Werke zeigen. Andererseits ist Kuhnau in Leipzig mit allen Wassern modernster Musik gewaschen. Es ist ein Unding, dass dieser Komponist so lange fast vergessen war. Wenn es zukünftig anders wird, dann haben Meyers Ensembles eine riesige Aktie daran. Zu wünschen wäre es! Hagen Kunze

Gewandhausorchester/Herbert Blomstedt

Gewandhausorchester/Herbert Blomstedt

Beethoven: Sinfonien

Beethoven: Sinfonien

95 Jahre alt wird Herbert Blomstedt in diesem Monat. Grund genug, die traditionellen Rosental-Konzerte in diesem Jahr zur Festveranstaltung für den Ehrendirigenten des Gewandhausorchesters zu labeln. Auch auf dem Musikmarkt hat sich seit dem letzten Jubiläum vor fünf Jahren einiges getan: Am überraschendsten ist dabei die Neuaufnahme aller Beethoven-Sinfonien. Denn Beethoven und Blomstedt – da gibt es eigentlich schon seit Jahrzehnten eine Kombination, die hierzulande in keinem Haushalt fehlen darf. Vielfach verkauft wurde in den siebziger und achtziger Jahren die Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sinfonien mit der Dresdner Staatskapelle – die nach mehr als vier Jahrzehnten etwas Staub angesetzt hat. So dass der altersweise Blomstedt nun all sein aktuelles Wissen rund um den Klassiker in eine neue Interpretation mit dem Gewandhausorchester einfließen lässt: Jetzt spielen die Musiker konsequent die originalen Tempi und führen so nebenbei die unsäglichen Vorurteile gegenüber Beethovens eigenen Angaben ad absurdum. Hagen Kunze

Young Meyerlack & Smog

Young Meyerlack & Smog

AWN 2

AWN 2

Neues von Young Meyerlack aka Ali Whales heißt immer auch, dass Deutsch-Rap ein klein wenig feinfühliger wird. Und wenn in der Ankündigung einer neuen Platte dann noch der Produzenten-Name Smog steht, weiß man in einschlägigen Kreisen, dass Formelhaftes und Gewöhnliches links liegen gelassen werden – spätestens seit dem 2019 veröffentlichten ersten gemeinsamen Album »AWN« (Alles Wird Nichts). Zusammen mit dem Bremer Label Erotik Toy Records und all seinen Protagonisten hat Young Meyerlack in den letzten Jahren dem Prollo-Player-Rappertum einen sanftmütigen, interessanten Gegenentwurf aufgezeigt. Dessen Richtung folgt das anknüpfende Album »AWN 2« der beiden Brudis, die es mittlerweile von Leipzig nach Hamburg verschlagen hat. Die 13 Stücke darauf sind variantenreich: mal trappy, mal housy, mal gesellt sich gelungen ein NDW-Sound hinzu. Gleich der erste Track steht für die Freshness des ganzen Albums: »Viel Lust und viel Leid und viel Liebe / Vielleicht wird sich hierbei einer verlieren / Er lebe hoch«. Diese Zeilen zeugen von Entschlossenheit, die nun – trotz Herzschmerz und Rausch – die auf dem ersten Album noch ab und zu hochkommende Flatterhaftigkeit der beiden ersetzt. Mit von der Partie sind Hochkaräter der Szene wie Doz9, Neromun und Lugatti & 9ine. Aber auch die Leipziger Formation Junge Römer ist dabei sowie der Newcomer Lunis, der sich auf dem Track »Obststand« perfekt ins gemachte Sound-Bett von Smog und Young Meyerlack legt und für Sommerhit-Vibrations sorgt – danke dafür, sie leben hoch! Lennart Wichmann

Martin Courtney

Martin Courtney

Magic Sign

Magic Sign

Gut Ding will Weile haben. Ganze sechs Jahre hat sich Martin Courtney für sein zweites Solo-Album Zeit gelassen. Hauptberuflich ist er bei der Band Real Estate angestellt. Auch da gehören nostalgische und schwelgerische Indie-Songs zum Standard-Repertoire. Real Estate sind inzwischen pophistorisch tief in den Achtzigern gelandet. Für den Solokünstler Courtney sind die Vorbilder eher in den Sechzigern und Siebzigern aufzuspüren: Die drei großen Bs (Byrds, Beatles und Beach Boys) haben sicher nichts dagegen, wieder mal als Referenzen herzuhalten. »Magic Sign« entstand 2020 und 2021, vornehmlich nachts, da Courtney zu Hause die Kinder hütete, während seine Frau Nachtschichten im Krankenhaus schob. Ein guter Deal, da sonst sie die gesamte Erziehungsarbeit leistet, wenn er auf Tournee ist. Im Vergleich zum Debüt fällt der Zweitling stellenweise noch orchestraler, vielschichtiger und komplexer aus. Insgesamt ist die Platte wunderbar zugänglich, leichtfüßig und zurückgelehnt. Ideal für laue Sommertage und -nächte. Kay Engelhardt

Katy J Pearson

Katy J Pearson

Sound Of The Morning

Sound Of The Morning

Katy J Pearson hat ausdrücklich etwas dagegen, als Country-Sängerin bezeichnet zu werden. Und tatsächlich: Nur weil die Künstlerin aus Bristol in einem ihrer Videos Western-Klamotten trägt und dem Line-Dance frönt, ist ihre Musik noch lange kein Country. Wenn unbedingt Schubladen geöffnet werden müssen, passt ohnehin eher Folk-Pop. Auf ihrem zweiten Werk »Sound Of The Morning« erweitert Pearson ihr klangliches Spektrum: »Talk Over Town« klingt wie ein Song von Real Estate, »Alligator« beamt uns in die Seventies-Disco. Und »Game Of Cards« beginnt wie ein moderner R&B-Hit und kommt ebenfalls mit einem waschechten Disco-Groove daher. Der kleinste gemeinsame Nenner ist aber nach wie vor der gute alte Folk. Neben ihrer prägnanten Stimme besitzt Pearson ein famoses Gespür für tolle Pop-Melodien und Spannungsbögen. Die elf Songs auf »Sound Of The Morning« haben genau das richtige Maß an Bittersweetness. Gekrönt wird das Album durch eine extrem frische Produktion, die unzählige spannende Details und musikalische Spielereien freilegt. Kay Engelhardt

Horace Andy

Horace Andy

Midnight Rocker

Midnight Rocker

Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass Horace Andy im legendären Studio One erste Aufnahmen machte. Seine außergewöhnliche Stimme, ein hohes Falsett in rauchigem Vibrato, gehört seitdem zu den Fixsternen im karibischen Klanguniversum. Oder in postkolonialen Konstellationen der Sound-Inspiration, von denen natürlich Massive Attack die bekannteste ist. Deren Klassiker »Safe From Harm« vom 1991er Debüt »Blue Lines« ist nun nicht nur der Album-Titel entlehnt, er gehört auch zu den besten Songs dieser Kooperation mit Adrian Sherwood, dem Dub-Mixmaestro und nun auch schon seit mehr als vierzig Jahren Betreiber des Londoner Labels On-U Sound. Der sich mit der Zusammenarbeit nicht nur einen lang gehegten Wunsch erfüllte, sondern nach dem leider dann auch letzten Album von Lee Scratch Perry ein weiteres Werk produziert hat, das nicht nur Würdigung in bester Produktion ist, sondern dem Gesamtschaffen einen großen Moment späten Aufglühens hinzufügt. Dem wie bei Perry hoffentlich auch noch eine radikal veredelnde Dub-Version folgt, um wirklich alle Potenziale auszuloten. Alexander Pehlemann

Sharon van Etten

Sharon van Etten

We’ve Been Going About This All Wrong

We’ve Been Going About This All Wrong

Das neue Album der Amerikanerin ist bisher wohl ihr persönlichstes. In »We’ve Been Going About This All Wrong« bringt van Etten eine Überwältigung angesichts der dauerhaft anhaltenden Krisen der letzten beiden Jahre zum Ausdruck, mit der sie nicht allein ist. Im Kontext der Pandemie habe sie einen Tiefpunkt gehabt und sich in ihrer damals noch neuen Wahlheimat L. A. furchtbar abgeschnitten von Freunden und Familie gefühlt, erzählt die Sängerin in Interviews. Aber auch persönliche Traumata seien im Zuge der Arbeit an der Platte wieder aufgetaucht. »It’s too much, but I’ll try«, singt sie passenderweise. Tieftraurige, melancholische Lieder wie »Home To Me«, das von der Verlustangst einer Mutter erzählt, oder das sehnsüchtige »Come Back« finden sich auf dem neuen Album. In »Headspace« wird Einsamkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen bedrückend greifbar, wenn es mit düsterem Industrial-Sound untermalt heißt: »Eyes on screen to left of me […] Hardly see what’s next to you / Can’t you see I’m trying to get through?« Die Offenheit schafft Intimität. Musikalisch bedient die Künstlerin eine große Bandbreite von sanftem Folk bis zu strahlendem Elektro-Pop. Immer hört man dabei widerständigen Trotz heraus, wie im catchy federnden Popsong »Mistakes«, in dem van Etten triumphierend singt: »Even when I make a mistake, turns out it’s great.« Zu dieser Resilienz passt es auch, wenn sie in »Darkish«, einem leisen Stück mit Gitarrenuntermalung, tröstend feststellt: »It’s not dark – it’s only darkish.« Sarah Nägele