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Rezensionen

The Zone of Interest

The Zone of Interest

USA/GB/PL 2023, R: Jonathan Glazer, D: Sandra Hüller, Christian Friedel, Freya Kreutzkam, 105 min

Rudolf Höss und seine Frau Hedwig haben sich ein vorzeigbares Heim aufgebaut. Hedwig hegt ihren Garten mit den herrlichen Rosenbüschen. Das Personal kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Nur die rußige Luft, das stete Rauschen und die vereinzelten Schreie trüben das Idyll. Denn das Anwesen der Familie Höss grenzt unmittelbar an das Konzentrationslager Auschwitz. Hinter der Mauer wird der systematische Plan der Judenvernichtung in grausame Tat umgesetzt. Rudolf Höss ist als Kommandant für die Leitung verantwortlich. Er hat das KZ Auschwitz zum Vorzeigeobjekt der Effizienz der Nazis gemacht. Doch jetzt soll er nach Oranienburg versetzt werden. Hedwig fürchtet um das Heim, das sie sich aufgebaut haben, und weigert sich, Auschwitz zu verlassen. Regisseur Jonathan Glazer setzt Hannah Arendts Theorie der »Banalität des Bösen« konsequent in Bilder um. Seine schrecklich nette Familie pflegt den Alltag, während nebenan Tausende Menschen getötet werden. Die Gespräche der Frauen über die aktuelle Mode wechseln sich mit denen der Männer über neue, noch effizientere Gaskammern ab. Der konstante Soundtrack aus Schreien wird zum Hintergrundrauschen. Die kontrastreichen digitalen Bilder zeigen den realen Schrecken und mahnen durch ihre Nachvollziehbarkeit. Demgegenüber stellt Glazer, wie schon bei seinem außergewöhnlichen Science-Fiction-Film »Under the Skin«, experimentelle Bildcollagen und schließlich Aufnahmen von Putzfrauen im heutigen Auschwitz. Ein Erlebnis, das man so leicht nicht aus der Erinnerung fegen kann. LARS TUNÇAY

Linoleum – Das All und all das

Linoleum – Das All und all das

USA 2022, R: Colin West, D: Jim Gaffigan, Rhea Seehorn, Katelyn Nacon, 101 min

Ein vom Himmel fallendes Auto überrascht den verplanten Wissenschaftsmoderator Cameron inmitten seiner Quasi-Midlifecrisis. Seine Frau Erin will sich von ihm trennen, weil er, so sagt sie, häufig geistig abwesend ist. Wie kann das auch anders sein, wenn plötzlich eine alte Dame aus dem Nichts erscheint und ihm zuwinkt, eine Rakete vom Himmel in seinen Vorgarten stürzt und der gemeinsame Sohn sein Aussehen täglich verändert? Zwischendrin wird eine klassische Familienstory erzählt: Tochter Nora verliebt sich in den verträumten Außenseiter Sam. Eine Idylle inmitten der Tragödie zwischen den zwei Eltern, wenn da nicht Sams gewalttätiger Vater Kent wäre, der Cameron aus seinem Job drängt. Letzterer beschließt daraufhin, eine Rakete zu bauen, wobei ihm sein dementer Vater Mac hilft. Was zu Anfang wie ein surrealer und ein wenig überfrachteter Familienfilm wirkt, entpuppt sich immer mehr als zu Tränen rührende Reise in das Innenleben eines Menschen, der sich einsam fühlt und mehr in seinen Träumen lebt als in der Wirklichkeit. Außerdem wird die Idee transportiert, dass ein gemeinsames Projekt, so abgedreht es auch sein mag, eine Beziehung wieder auf Vordermann bringen kann. Ein paar Minuten mehr hätten dem Film nicht geschadet, um die darin angesprochenen Themen noch genauer auszubreiten. Dafür gibt es am Ende ein Finale, das auch die aufmerksamsten Zuschauerinnen und Zuschauer überraschen wird. DANIEL EMMERLING

The Holdovers

The Holdovers

USA 2023, R: Alexander Payne, D: Paul Giamatti, Da’Vine Joy Randolph, Dominic Sessa, 133 min

Trotz all ihrer Unzulänglichkeiten hat Alexander Payne (»About Schmidt«) eine Schwäche für die Spezies Mensch. Seine meist männlichen Protagonisten sind nicht wirklich sympathisch, aber in der Offenbarung ihrer Schwächen absolut liebenswert. Denn obwohl er ein Meister der Tragikomödie ist, bleibt Payne am Ende ein unverbesserlicher Humanist, der das Gute in seinen Figuren sucht. Mit Paul Giamatti fand er die perfekte Personifizierung seines Archetyps: Unter dem fliehenden Haaransatz und den tiefen Augenringen verbirgt sich ein unscheinbarer nuancierter Charakterdarsteller. Fast zwanzig Jahre nach ihrer Zusammenarbeit in »Sideways« steht Giamatti nun erneut vor der Kamera von Payne. Der verpasst ihm einen unvorteilhaften Schnäuzer und macht ihn zum unbeliebtesten Lehrer im Kollegium eines prestigeträchtigen Elitecolleges. Dieser Paul Hunham ist streng, überkorrekt, verbittert und ein passionierter Whiskeytrinker. Als ein Nachhilfelehrer für die Weihnachtstage gesucht wird, fällt die Wahl natürlich auf Paul, und so muss sich der Misanthrop mit dem Teenager Angus abmühen. Die unfreiwillige Zweisamkeit entwickelt sich zu einem konzentrierten Charakterspiel. Der Film erinnert dabei nicht von ungefähr an die Werke von Hal Ashby (»Harold & Maude«). Darüber hinaus hat »The Holdovers« mit Mary eine der besten weiblichen Nebenfiguren der Filmgeschichte zu bieten, großartig verkörpert von Da’Vine Joy Randolph, die sich ebenso wie Paul Giamatti über einen verdienten Golden Globe freuen darf. LARS TUNÇAY

Reality

Reality

USA 2023, R: Tina Satter, D: Sydney Sweeney, Josh Hamilton, John Way, 83 min

Whistleblower wie Edward Snowden bieten viel Material für innere Konflikte, Bedrohungsszenarien und Verhörduelle. Der reale Fall von Reality Winner (echter Name!) machte 2017 weniger Schlagzeilen, hat es aber auch in sich: Die NSA-Mitarbeiterin findet Dokumente, die beweisen, dass der russische Geheimdienst durch Hacker-Attacken die US-Präsidentenwahl 2016 beeinflusst hat. Die größte Schwäche des Films ist zugleich auch seine größte Stärke – denn fast das gesamte Geschehen der 83 Minuten erstreckt sich allein am und im Haus in Gesprächen zwischen der Frau und zwei FBI-Beamten, die ihr auf der Spur sind. Einerseits ist das als einzelner Handlungsstrang viel zu dünn, um dramatische Serpentinen und größere Überraschungspakete zuzulassen. Andererseits schafft es Regisseurin Tina Satter (auch echter Name) in ihrem Filmdebüt, aus dem begrenzten Raum und Inhalt doch ein kurzweiliges Kammerspiel zu formen. Weil die entscheidenden Infofetzen so langsam ins Skript kriechen wie die symbolische Schnecke, die später auftaucht. Die Frau scheint manchmal so, als könne sie kein Wässerchen trüben – und verweist im nächsten Moment etwa auf ihr respektables Waffenarsenal im Haus. Schauspielerin Sydney Sweeney wechselt glaubhaft und detailliert vom Unschuldslamm zur Unantastbaren über die gewiefte Unterhändlerin zur einknickenden Unruhestifterin. Garniert wird das Ganze durch Bilder der Original-Verhörprotokolle des FBI und von Winners Social-Media-Account sowie einen düster vor sich hin wabernden Musiknebel. MARKUS GÄRTNER

The Green Border

The Green Border

PO/F/CZ/B 2023, R: Agnieszka Holland, D: Jalal Al Tawil, Maja Ostaszewska, Behi Djanati Ataï, 147 min

Es ist selten, dass Filme so starke Reaktionen hervorrufen, wie es dem neuen Werk von Regisseurin Agnieszka Holland gelingt. Als ihr Film »Green Border« in Polen erschien, wurde er von Vertretern der damals regierenden PiS-Partei schnell angegriffen. Ein Minister verstieg sich gar zu der Behauptung, Agnieszka Holland – die Familienmitglieder im Holocaust verloren hat – habe im Propagandastil der Nazis gedreht, um Polen zu verunglimpfen. »Green Border« erzählt von den Geflüchteten, die 2021 gelockt von falschen Versprechungen Lukaschenkos nach Belarus kamen, um von dort aus weiter in die EU zu reisen. In drastischen Bildern zeigt der Film, wie sie auf polnischer Seite von Soldaten auf LKWs gezerrt und zurück an den belarussischen Grenzzaun gebracht werden. Die Botschaft ist klar: Auch in Europa sind die schutzbedürftigen Menschen nicht willkommen. Holland erzählt aus der Sicht einer syrischen Familie, von Aktivisten und einem jungen Grenzsoldaten. Leider fallen ihre Geschichten jedoch allesamt ziemlich flach aus. Die Botschaft scheint das Wichtigste. Und so geraten die zweieinhalb Stunden zu einer Aneinanderreihung von Gräueltaten, die einen beim Zuschauen in eine ähnliche Starre versetzen, wie es die Bilder von Leid und Gewalt tun, mit denen wir inzwischen fast täglich konfrontiert werden. Die Frage ist: Was kommt danach? Mögliche Antworten blitzen in winzigen Szenen auf, die jedoch zwischen Sümpfen und Schüssen rasch verloren gehen. JOSEF BRAUN

Geliebte Köchin

Geliebte Köchin

F/B 2023, R: Tran Anh Hung, D: Juliette Binoche, Benoît Magimel, Emmanuel Salinger, 145 min

Ein französischer Landsitz irgendwann im 19. Jahrhundert: Gourmetkoch Dodin Bouffant und seine Köchin Eugénie leben hier seit vielen Jahren zusammen. Eugénie ist die Herrin der Küche, Dodin der Hausherr des noblen Anwesens. Wenn sie gemeinsam am Herd stehen, begegnen sie sich auf Augenhöhe. Immer wieder hat er ihr Avancen gemacht, aber sie liebt ihre Freiheit und lässt sich nicht blicken, wenn die Herren im Zimmer oben genussvoll ihre Kreationen verspeisen. Regisseur Tran Anh Hung (»Der Duft der grünen Papaya«) zelebriert die Zubereitung von der Ernte im Garten des Anwesens bis zum Gaumengenuss. Juliette Binoche und Benoît Magimel harmonieren wundervoll vor der Kamera von Jonathan Ricquebourg, aber die wahren Stars sind die Speisen, deren Entstehungsprozess detailverliebt festgehalten wird, so dass sich Düfte und Geschmäcker förmlich im Kinosaal entfalten. Selbst über die Verdauung philosophieren die Herren, während für Eugénie die Virtuosität in der Küche und das Weitergeben uralter Traditionen und Rezepte an die junge Gehilfin Violette das größte Glück bedeuten. Mit viel Sorgfalt und Ruhe inszenierte der vietnamesische Filmemacher einen urfranzösischen Film nach dem Roman von Marcel Rouff über den Genuss des Lebens durch den Magen. Ausgezeichnet wurde er dafür beim Filmfestival in Cannes mit dem Preis für die beste Regie. Lars TUNÇAY

Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons

Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons

BG/D 2023, R: Stephan Komandarev, D: Gerasim Georgiev, Ivan Barnev, Rozalia Abgarian, 114 min

Ein Leben lang hat Blaga als Lehrerin für bulgarische Sprache gearbeitet und auch mit 70 gibt sie noch Privatunterricht, um eine junge Frau aus dem Kriegsgebiet für die Prüfung vorzubereiten. Was bleibt, sind 570 Lew – gut 300 Euro – Rente im Monat. Damit kommt sie kaum über die Runden. Als ihr Ehemann stirbt, verkauft sie deshalb ihren gemeinsamen Besitz, um ihm eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Doch dann wird Blaga Opfer eines Telefonbetrugs. Das Geld ist weg, die Scham über ihre Leichtgläubigkeit sitzt tief. Die Beerdigung rückt näher, doch die Grabstätte kostet ein Vielfaches ihrer Rente. Statt auf Hilfe trifft sie bei der Polizei nur auf Menschen, die ebenfalls Opfer der rumänischen Betrügerbande geworden sind. In die Ecke gedrängt beschließt Blaga, ihre moralischen Grenzen zu überschreiten, und heuert als Kurierin für die Betrüger an. »Eine Frage der Würde« ist in der bulgarischen Gesellschaft immer auch eine Frage des Geldes. Stephan Komandarev (»Die Welt ist groß und Rettung lauert überall«) blickt unversöhnlich auf seine Heimat. Ruhig, konzentriert und trotzdem hochspannend erzählt er seine Alltagsgeschichte, die mit dem Hauptpreis beim Filmfestival in Karlovy Vary ausgezeichnet wurde. In deren Mittelpunkt: eine große Schauspielerin – Eli Skorcheva, einst ein Star des bulgarischen Kinos, steht nach über dreißig Jahren wieder vor der Kamera und verleiht ihrer Figur Kontur und Würde. LARS TUNÇAY

All of us Strangers

All of us Strangers

GB/USA 2023, R: Andrew Haigh, D: Andrew Scott, Paul Mescal, Claire Foy, 105 min

Adam ist einer der wenigen Bewohner in einem neuen Hochhauskomplex eines Londoner Vorortes. Auch der schwule Harry ist in die triste Siedlung eingezogen und versucht, mit Adam anzubändeln. Doch dieser ist noch nicht bereit, sich auf die Avancen des attraktiven jüngeren Mannes einzulassen, weil er mit seinen Gedanken gerade tief in seiner eigenen Vergangenheit steckt. Adam arbeitet an einem Drehbuch über seine schmerzerfüllte Kindheit, denn mit zwölf Jahren wurde er durch einen Autounfall seiner Eltern zur Vollwaise. Nun besucht er die beiden in Gedanken im Jahr 1987 und zeigt ihnen, wer er mittlerweile geworden ist – inklusive seiner homosexuellen Identität. Andrew Haigh (»Weekend«) ist einer der prominentesten und erfolgreichsten Vertreter des Queer-Cinema. In »All of Us Strangers« hat er den 1987 erschienenen Roman »Sommer mit Fremden« von Taichi Yamada verfilmt und dafür die sexuelle Orientierung des Protagonisten geändert. Dadurch erhält die Figur eine viel größere Fallhöhe und die Geschichte ein enormes Spannungspotenzial. Quasi im Schnelldurchlauf macht Haigh hier die Entwicklungen in der Queer-Bewegung der letzten Jahrzehnte greifbar, indem er sie an der Biografie eines schwulen Mannes in mittleren Jahren nacherzählt. Die Tagtraumsequenzen sind dabei ungewöhnlich für den dokumentarischen Stil des Regisseurs, entfalten aber eine ganz eigene Dynamik und am Ende eine unerwartete Dramatik, die zu Tränen rührt. Frank Brenner

Die Unsichtbaren

Die Unsichtbaren

D 2023, Dok, R: Matthias Freier, 98 min

Vor einem Jahr wurde auf Prime-Video die Serie »German Crime Story: Gefesselt« veröffentlicht. Oliver Masucci ist darin in der Rolle eines Doppelmörders zu sehen, Angelina Häntsch spielt die Polizistin, die gegen ihn ermittelt und sich dabei als einzige Frau in der Hamburger Mordkommission in einer Männerdomäne behaupten muss. Die packende Geschichte klingt nach einem Hollywoodthriller im Stil von »Das Schweigen der Lämmer«, basiert aber auf dem wahren Fall um den »Säurefassmörder« Lutz Reinstrom, der Anfang der neunziger Jahre bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Regisseur Matthias Freier, der sonst für Musikvideos und Werbefilme verantwortlich zeichnet, geht das Thema nun dokumentarisch und aus einem sehr persönlichen Blickwinkel an. Im Vordergrund stehen dabei weniger die grauenvollen Taten als vielmehr die titelgebenden »Unsichtbaren«: die beiden Opfer und ihre Angehörigen sowie Freiers 2017 verstorbene Stiefmutter, die Kripo-Beamtin Marianne Atzeroth-Freier, die den Killer einst mit Intelligenz, Fleiß, Hartnäckigkeit und Empathie überführte und deren Stimme in alten Tonbandaufnahmen durch den Film führt. Die True-Crime-Doku arbeitet, wie viele Vertreter des Genres, dabei auch mit nachgestellten Aufnahmen und Interviews mit Betroffenen und Weggefährten, ist aber nie reißerisch und gewährt interessante – bisweilen auch beschämende – Einblicke in den Ermittlungsalltag von einst. Peter Hoch

Im letzten Sommer

Im letzten Sommer

F/NOR 2023, R: Catherine Breillat, D: Léa Drucker, Samuel Kircher, Olivier Rabourdin, 104 min

Anne, eine elegant und souverän auftretende Anwältin für Familienrecht, lebt gemeinsam mit ihrem älteren Mann Pierre und zwei adoptierten Töchtern in einem schicken Haus im Pariser Umland. Laue Champagnersoirées auf der Terrasse, Reitunterricht für die Mädchen, mit dem Cabriolet durch die Landschaft düsen: Mitten in den bourgeoisen Lebensstil platzt Pierres leiblicher Sohn Théo, der mit 17 Jahren zum Vater zieht. Nach einem holprigen Start findet Anne einen Draht zu ihrem Stiefsohn – und fängt prompt eine Affäre mit ihm an. Ausgerechnet sie, die in ihrer Arbeit vergewaltigte und missbrauchte Teenager vor Gericht verteidigt, lässt sich hinreißen, mit dem minderjährigen Théo zu schlafen. Wohlstandsverwahrlosung? Weitaus komplexer. »Manchmal wird aus dem Opfer eine Angeklagte«, erklärt Anne noch zu Beginn des Films einer Mandantin. Spätestens als Théo vor seinem Vater zusammenbricht und alles gesteht, zeigt sich, wie gut sie dieses grausame Spiel selbst beherrscht. Anne tut alles, um ihr angenehmes Leben zu verteidigen. Catherine Breillat hat mit »Im letzten Sommer« ein Porträt verfilmt, das schonungslos die Verletzlichkeit, die Lust und die moralischen Abgründe seiner Protagonistin zeigt – und wie diese Dinge letztlich miteinander in Verbindung stehen. Léa Drucker ist herausragend in der Rolle der ambivalenten Anne, die ihr Wissen um die Manipulierbarkeit ihrer Mitmenschen eiskalt missbraucht. SARAH NÄGELE

Joan Baez: I Am a Noise

Joan Baez: I Am a Noise

USA 2023, Dok, R: Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle, 113 min

Das Leben von Joan Baez ist filmreif, keine Frage. Schließlich ist die amerikanische Sängerin eine lebende Folk-Legende, hat mit ihrer Stimme und ihrem Stil Generationen anderer Musikerinnen und Musiker beeinflusst – unter anderem Patti Smith, die nun auch Produzentin dieses Films ist. Baez marschierte mit Martin Luther King, engagierte sich immer wieder gegen Krieg und Gewalt und war mit dem jungen Bob Dylan nicht nur liiert, sondern hat ihn auch beim Starten seiner Karriere unterstützt. All diese Anekdoten finden in »I am a Noise« Erwähnung, aber nur beiläufig, denn der Dokumentarfilm erzählt nicht straight den klassischen Lebensweg einer begnadeten Musikerin, sondern vielmehr die sehr persönliche Geschichte einer humorvollen, sympathischen Frau, die nach dunklen Phasen wie Depression und Missbrauch nun mit rund 80 Jahren Lebenserfahrung das Licht am Ende des Tunnels erreicht hat und tanzt. Denn eigentlich wollte sie einst Tänzerin werden, erfährt man in diesem Film dreier Regisseurinnen, mit denen Baez auch befreundet ist – und daher sehr ehrlich das gut gepflegte Familienarchiv öffnet, in dem sich Tagebucheinträge, Therapiesitzungen sowie viele Audio- und Filmaufnahmen befinden. So ist ein ungewöhnliches Künstlerinnen-Porträt gelungen, das nebenbei auch zeigt, wie man in Würde altern kann. Juliane Streich

Black Friday for Future

Black Friday for Future

F 2023, R: Olivier Nakache, Éric Toledano, D: Pio Marmaï, Jonathan Cohen, Noémie Merlant, 120 min

Wer die täglichen Grabenkämpfe zwischen (sich festklebenden) Klima-Aktivisten und Autofahrerinnen sieht, weiß: Das Thema Umweltschutz bietet an sich jede Menge Nervenkitzel und Drama. Auch »Black Friday for Future« widmet sich dem Klimawandel der Erde und zeigt das Spannungsspektrum zwischen leidenschaftlichem Umweltschutz und Opfern der für den Planeten-Gau mitverantwortlichen Konsumspirale. Albert und Bruno, beide hoch verschuldet, schlingern durch Zufall und Freibier in eine Gruppe ideologisch gefestigter Klimaretterinnen und -retter, in deren Mittelpunkt die bezaubernde »Kaktus« steht. Die beiden Finanzfatalisten erkennen ihre Chance, aus den Protestaktionen der Gruppe ein paar Euro für sich abzuzweigen. Und natürlich haben beide auch ein Auge auf die Anführerin geworfen. Das Regieduo Olivier Nakache und Éric Toledano hat mit seinem Welterfolg »Ziemlich beste Freunde« sein Gespür für dynamische Beziehungen und Situationskomik bewiesen. Das geht ihm bei seinem aktuellen Werk aber ab. »Wir wollten zwei Themen miteinander verbinden, wie zwei Flussufer – Überschuldung und Umwelt –, die augenscheinlich nicht viel miteinander zu tun zu haben«, so die Idee. Zwar harmonieren die Charaktere und kleine Gags zünden, aber insgesamt erscheint alles zu unausgegoren, zu nett. Am Ende wird ein Hauptteil der Story nicht auserzählt und dafür eine weitere, völlig unglaubwürdige Liebesgeschichte etabliert. Markus Gärtner

Lola

Lola

IRL/GB 2023, R: Andrew Legge, D: Stefanie Martini, David Bowie, Rory Fleck Byrne, 79 min

Großbritannien zu Beginn der 1940er Jahre: Die Schwestern Thom und Mars leben allein in einem abgeschiedenen Haus. Hier haben sie eine Maschine entwickelt, die Radio- und Fernsehwellen aus der Zukunft empfangen kann. Wobei Thom das Entwicklergenie ist und Mars die Ereignisse dokumentiert. Sie verlieben sich in David Bowie, entdecken Bob Dylan und die Kinks. Doch als der zweite Weltkrieg ausbricht, werden sie sich der Tragweite ihrer Erfindung bewusst. Lola – wie sie die Maschine nennen – könnte Großbritannien den entscheidenden Vorteil im Krieg gegen Hitler liefern. Anonym schicken sie zunächst die Angriffsdaten der Nazis an die britischen Streitkräfte, um so Leben zu retten. Aber natürlich kommt ihnen das Militär auf die Schliche und will die Erfindung für seine Zwecke vereinnahmen. Schließlich stehen Thom und Mars vor tiefgreifenden moralischen Entscheidungen und müssen abwägen, ob das Opfer eines einzelnen Menschenlebens zugunsten der Allgemeinheit gerechtfertigt ist. Andrew Legge inszeniert sein Langfilmdebüt im Stile einer Mockumentary. In schwarz-weißem Found-Footage dokumentieren die beiden Frauen ihre Erfindung und ihre Begeisterung für den Blick in die Zukunft. Das wirkt auch ohne ausladende Special-Effects absolut überzeugend und mitreißend. Wenn jedoch die Welt über sie hereinbricht, gerät das Konzept ins Wanken. So ist »Lola« am Ende vor allem der einfallsreiche Erstling eines vielversprechenden Regisseurs. Lars Tunçay

Die unendliche Erinnerung

Die unendliche Erinnerung

CHL 2023, Dok, R: Maite Alberdi, 85 min

Augusto Góngora (1952–2023) war einer der populärsten chilenischen »Underground«-Journalisten, der in den achtziger Jahren seinem Land in einer populären Fernsehsendung und in einigen Büchern auf den Zahn fühlte. Dabei war es ihm stets sehr wichtig, die Erinnerungen an die Vergangenheit Chiles wachzuhalten, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Welch Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Góngora am Ende seines Lebens an Alzheimer erkrankte und mehr und mehr den Bezug zur Realität und zu seinem bisherigen Leben verlor. An seiner Seite muss seine Lebensgefährtin von mehr als zwanzig Jahren, die Schauspielerin und ehemalige chilenische Kulturministerin Paulina Urrutia, täglich aufs Neue damit klarkommen, nicht erkannt zu werden – oder in den wenigen klaren Momenten Góngoras dessen grenzenlose Liebe zu erfahren. Hierzulande sind die beiden Protagonisten in Maite Alberdis Dokumentarfilm natürlich längst nicht so bekannt wie in ihrem Heimatland. Aber die Demenz-Geschichte, die hier erzählt wird, ist so allgemeingültig und von großer Liebe durchströmt, dass das Publikum weltweit etliche Anknüpfungspunkte für sich finden dürfte, zumal der geistige Verfall im Alter längst zu einer Volkskrankheit geworden ist. Am beeindruckendsten an »Die unendliche Erinnerung« ist, dass uns der Film vermittelt, dass man selbst in einer ausweglos erscheinenden Situation die Hoffnung niemals aufgeben sollte. Gleichwohl wird man hier emotional stark mitgenommen, da der degenerative Verlauf der Krankheit unumgänglich ist. Frank Brenner

Der Junge und der Reiher

Der Junge und der Reiher

J 2023, R: Hayao Miyazaki, 124 min

Es fühlte sich schon wie ein Abschied an, als Hayao Miyazaki 2013 »Wie der Wind sich hebt« präsentierte. Aber irgendwie wollte niemand an ein Versiegen der unbändigen Kreativität des damals 72-Jährigen glauben. Nun, zehn Jahre später, entführt uns Miyazaki-San erneut in seine Fantasie. »Der Junge und der Reiher« ist gleichermaßen vertraut und faszinierend. Wieder ist es ein junger Protagonist, der ähnlich wie etwa in »Chihiros Reise« aus der Realität mitten hinein in eine magische Welt fällt, die von irrwitzigen Kreaturen bewohnt wird. Doch die Motive in Miyazakis zwölftem Langfilm sind deutlich düsterer: Der 12-jährige Mahito muss zu Beginn hilflos mit ansehen, wie seine Mutter Hisako bei einem Luftangriff auf Tokio ums Leben kommt. Als der Krieg vorbei ist, zieht der Junge mit seinem Vater Shoichi aufs Land. Hier muss er sich an ein neues Umfeld und seine Stiefmutter Natsuko gewöhnen, die die Erinnerung an seine verstorbene Mutter hervorruft – ist sie doch Hisakos Schwester. Als ein mysteriöser Reiher auftaucht und Mahito angreift und schließlich Natsuko spurlos verschwindet, macht sich der Junge auf in ein Abenteuer, bei dem er sich der eigenen Trauer stellen und über sich hinauswachsen muss. Mahitos Reise entwickelt sich zu einer Reflexion Miyazakis über die Vergänglichkeit und das, was uns Menschen ausmacht. Für uns ist es ein Geschenk, vielleicht des Abschieds. Meister Miyazaki zeichnet derweil einfach weiter. Lars Tunçay

Poor Things

Poor Things

IRL/GB/USA 2023, R: Yórgos Lánthimos, D: Emma Stone, Willem Dafoe, Mark Ruffalo, 141 min

Mit eigenwilligen Filmen wie »Dogtooth« und »Alpen« hat sich der griechische Regisseur Yórgos Lánthimos einen Namen gemacht. Mit »The Lobster« gelang ihm der internationale Durchbruch im englischsprachigen Kino. Nach ihrer Hauptrolle in »The Favourite« stellt sich nun erneut Emma Stone furchtlos in seine Dienste. Sie verkörpert Bella Baxter, die Schöpfung des exzentrischen Wissenschaftlers Dr. Godwin Baxter. Der junge Londoner Medizinstudent Max McCandless wird von ihm angeheuert, das Verhalten und die Entwicklung seines Experiments zu dokumentieren. Doch Bella ist das Anwesen ihres Schöpfers bald zu klein. Es zieht sie in die Welt hinaus, und so reist sie an der Seite des Frauenhelden Duncan Wedderburn nach Lissabon, um ihrerseits das Leben der Menschen zu erforschen. Mit ihrem unbedarften Blick auf die Welt eckt sie immer wieder an und wird ihres überforderten Reisebegleiters schon bald überdrüssig. Lánthimos entwirft in »Poor Things« eine eigene Welt, die er mit Fischaugen-Objektiv, fantasievollen Kostümen und Sets in Szene setzt. Seine Adaption des Romans von Alasdair Gray irritiert bewusst. Bellas Beobachtungen der menschlichen Natur, insbesondere der Rolle der Frauen sind entlarvend. Aus den bekannten Motiven des Frankenstein-Mythos entwickelt der Ausnahmeregisseur ein cleveres, kunstvolles Horror-Märchen. Sein exzellentes Ensemble, zu dem Willem Dafoe als Schöpfer und Mark Ruffalo als Schaumschläger gehören, setzt Lánthimos’ Einfallsreichtum in pure Spielfreude um. Lars Tunçay

Olfas Töchter

Olfas Töchter

F/TUN/D/SA 2023, Dok, R: Kaouther Ben Hania, 107 min

»Olfa hat vier Töchter«, heißt es im Trailer, »die beiden jüngsten, Eya und Tayssir, leben noch bei ihr. Die beiden ältesten, Rahma und Ghofrane, hat der Wolf gefressen.« Der gefräßige Wolf ist die Terrororganisation Islamischer Staat. Olfas ältere Töchter haben Tunesien verlassen, um an seiner Seite in Libyen zu kämpfen. 2016 wurde Olfa Hamroun bekannt, als sie die tunesischen Behörden öffentlich kritisierte. Weil diese Rahma ausreisen ließen. Weil sie auch nach der Festnahme der beiden Töchter durch libysche Streitkräfte nicht reagierten. Weil sie es Olfa nicht gestatteten, in Libyen auf eigene Faust nach ihren Töchtern zu suchen. In ihrem Film lässt Kaouther Ben Hania, die 2020 mit »Der Mann, der seine Haut verkaufte« für den Oscar nominiert war, die verbliebene Familie den Schmerz experimentell verhandeln. Drei Schauspielerinnen springen jeweils für die verschwundenen Schwestern und auch für Olfa ein, wenn ihre Gefühle sie überwältigen. Während die halbfiktive Familie reale Ereignisse, Entwicklungen und Generationskonflikte diskutiert, gelingt es Ben Hania, die Zuschauerperspektive so zu positionieren, dass die globale Relevanz dieser Makrobeobachtungen unmittelbar emotional verstanden wird. »Olfas Töchter« feierte im Rahmen des Filmfestivals von Cannes Premiere und gewann den L’Œil d’Or – den Preis für den besten Dokumentarfilm. Laura Gerlach

791 km

791 km

D 2023, R: Tobi Baumann, D: Iris Berben, Joachim Król, Nilam Farooq, 103 min

Die Prämisse ist einfach: Vier Menschen finden während eines stürmischen deutschen Herbstabends am Münchener Hauptbahnhof zusammen. Und weil sie ganz dringend weiter nach Hamburg müssen, beschließen sie, sich ein Taxi zu teilen. Gemeinsam mit dem verschlossenen Taxifahrer geht es durch die Nacht, wo zwischen der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe schnell alle Themen auf den Tisch kommen, die Deutschland derzeit beschäftigen. Persönliches wie die Verluste geliebter Menschen oder eine beginnende Demenzerkrankung genauso wie Politisches (Klimawandel, Geschlechterfragen und Rassismus) machen im engen Innenraum des Autos die Runde, bis die Köpfe rauchen oder erschöpft auf die Schulter des Nebensitzers sinken. Selten ist ein Casting in einem deutschen Film der letzten Jahren so perfekt aufgegangen. Neben Iris Berben als politisch engagierter Professorin im Ruhestand und Joachim Król als Taxifahrer ohne Führerschein, denen man beiden den Spaß an ihren Rollen deutlich anmerkt, brillieren die Nachwuchsschauspieler Nilam Farooq, Ben Münchow und Lena Urzendowsky. Gute Dialoge, ein perfekter Soundtrack und die Neonlichtromantik hiesiger Autobahnen runden das Erlebnis ab und machen aus »791 km« vielleicht den Feelgood-Film des Winters. Eine Leistung, die man bei all den schweren Dramen, die sonst oft erscheinen, gar nicht genug würdigen kann. JOSEF BRAUN

Perfect Days

Perfect Days

J/D 2023, R: Wim Wenders, D: Kôji Yakusho, Min Tanaka, Tokio Emoto, 123 min

Morgen für Morgen erwacht Hirayama in seinem kleinen Haus im Schatten des Tokio Towers. Er rollt seine Tatamimatte zusammen, zieht seinen Arbeitsoverall über und putzt die Zähne, greift das Kleingeld und die Schlüssel und tritt in die Dunkelheit. Er saugt die frische Morgenluft wein, grüßt den Baum vor seinem Haus, zieht sich einen Dosenkaffee und steigt in den Kleinbus in seiner Einfahrt. Am Abend liest er, löscht das Licht und am nächsten Morgen beginnt das Ritual von vorne. Trotz seines scheinbar monotonen Tagesablaufs ist Hirayama glücklich. Denn die Tage zwischen Aufstehen und Schlafengehen sind mit Begegnungen gefüllt − der schweigsame Mann putzt die öffentlichen Toiletten in der Millionenmetropole. Episodenhaft erzählt Regisseur Wim Wenders zunächst von Hirayamas Alltag. Dann erfahren wir Bruchstücke von seinem Weg, der ihn an diesen Punkt geführt hat. Eine junge Ausreißerin wirft den geregelten Tagesablauf des Sechzigjährigen gehörig durcheinander. Ganz organisch formt sich ein Bild des verschlossenen Einzelgängers, der aus seiner Deckung gelockt wird. Es ist meisterhaft, wie Wenders das erzählt, wie sein Hauptdarsteller Koji Yakusho (»Shall we dance?«) Es verkörpert. In Cannes gab es dafür den Hauptstellerpreis. In nur sechzehn Drehtagen entstand ein intimes Porträt, das Wenders’ Liebe zu Tokio und den Filmen Yasujiro Ozus (»Die Reise nach Tokio«) spiegelt. LARS TUNÇAY

Falling into place

Falling into place

D/GB 2023, R: Aylin Tezel, D: Chris Fulton, Aylin Tezel, 110 min

Hat man über Liebende im Film nicht alles schon gesehen? Von »So wie wir waren« bis »Her« wurde doch quasi jede Konstellation und Dynamik in allen Facetten ausgeleuchtet. Aylin Tezels Debütlangfilm »Falling Into Place« gibt dem Genre zwar keine neuen Impulse, zeigt aber dennoch eine eindrucksvolle Annäherung zweier Suchender. Die Mittdreißiger Ian und Kira treffen sich zufällig auf der Isle of Skye, er vergeben, sie grade frisch getrennt. Zwischen den beiden entfaltet sich der Zauber des Anfangs, die Nacht und der Morgen in der malerischen Umgebung könnten ewig dauern, die Chemie zwischen ihnen ist fast physisch spürbar. Bevor sie allerdings später wieder aufeinandertreffen, müssen sie ihre Leben ordnen: er seine Distanz zu seiner suizidalen Schwester und seine unausgeglichene Beziehung, sie ihren noch in ihr wabernden Ex-Freund und ihre Selbstzweifel. In all diesen Szenen großer Verletzlichkeit und Wahrhaftigkeit greift vor allem Aylin Tezel (»Der Russe ist einer, der Birken liebt«) auf ein weites Sortiment an Emotionseruptionen zurück – angesichts der Dreifachrolle als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin eine famose Leistung. Nebenbei werden einige große Fragen von Sinn-, Selbst- und Partner-Suche angeschnitten, deren vermeintliche Lösung sich besonders in Kiras Selbstoffenbarung im Gespräch mit ihrem Ex dramatisch Bahn bricht. MARKUS GÄRTNER