anzeige
anzeige

Rezensionen

Niñxs – Das Leben glitzert

Niñxs – Das Leben glitzert

MEX/D 2025, Dok, R: Kani Lapuerta, 96 min

Für seinen ersten Langfilm hat sich der Filmemacher Kani Lapuerta direkt ein äußerst komplexes Sujet ausgesucht: In »Niñxs – Das Leben glitzert« hat er über acht Jahre hinweg das Leben des Trans-Mädchens Karla Bañuelos mit der Kamera begleitet. Kani Lapuerta ist selbst trans und als sich die beiden kennenlernten, war Karla erst sieben Jahre alt, doch auch damals erkannte sie bereits, dass sie lieber als weiblich denn als männlich gelesen werden möchte. In ihrem progressiven Elternhaus hatte sie damit offene Türen eingerannt, aber aufgrund der Asthma-Erkrankung Karlas zieht die Familie von Mexico City in das eher provinzielle Tepoztlán. Nach den Corona-Jahren und dem obligatorischen Fernunterricht kommt Karla auf eine weiterführende Schule und will dort von Anfang an weiblich gelesen und adressiert werden. »Niñxs – Das Leben glitzert« ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm, sondern versprüht auch in seiner Machart den Charme und das Besondere seiner Protagonistin Karla. So gibt Kani Lapuerta vor, wie der Film über sie zu beginnen und wie er zu enden hat. Obwohl er etliche Jahre des Entwicklungsprozesses abdeckt, rückt das Narrative immer wieder zugunsten von Atmosphäre und liebenswerten Details in den Hintergrund. Auch kurze nachgestellte Szenen sind originell und ungewöhnlich. Die Botschaft ist ebenso simpel wie naheliegend: Karla will »einfach glücklich sein«, und dieser Film zeigt, wie das tatsächlich gelingen kann. Frank Brenner

The North

The North

NL 2025, R: Bart Schrijver, D: Bart Harder, Carles Pulido, Olly Bassi, 130 min

Der Niederländer Chris und der Spanier Lluis kennen sich seit Jugendzeiten. Inzwischen sind sie Mitte 30, leben weit voneinander entfernt und haben nur noch wenig Kontakt. Nun haben sie sich aber verabredet, um einen alten Traum wahr zu machen: eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands. Mit im Gepäck haben sie jedoch nicht nur ein Zelt, Proviant und sonstige Ausrüstung, sondern auch ihre gegenwärtige Lebenssituation – von der der jeweils andere kaum etwas weiß. So freut sich Chris auf seine nahende Vaterschaft, hat aber auch einen stressig-öden Bürojob, der ihn bis in den Urlaub verfolgt. Lluis wirkt dagegen recht freigeistig, hat aber ein eigenes Päckchen zu tragen, das sich Chris erst im Verlauf ihrer Reise erschließt. Die beiden Freunde erfahren grandiose Natureindrücke miteinander, aber auch Unerwartetes über den anderen und sich selbst. Regisseur Bart Schrijver, seine beiden Hauptdarsteller und eine Kerncrew haben den Trail von Milngavie bis zum Cape-Wrath-Leuchtturm im Zuge der Dreharbeiten selbst erwandert und chronologisch gefilmt. Das merkt man ihrem authentisch wirkenden Roadtrip-Drama deutlich an, welches das Publikum nicht nur mit grandiosen Naturaufnahmen belohnt, die Lust aufs Wandern wecken, sondern auch mit einem Schubser, möglichst bald einen lieben Menschen wiederzutreffen, den man viel zu lange nicht gesehen hat. Peter Hoch

Wild Foxes

Wild Foxes

B/F 2026, R: Valery Carnoy, D: Samuel Kircher, Faycal Anaflous, Anna Heckel, 92 min

Camille ist ein junger, erfolgreicher Boxer und sensibler Held seines vor Testosteron strotzenden Multikulti-Teams an einem französischen Sport-Internat. Immer an seiner Seite: Der beste Kumpel Matteo. Nachdem Camille schwer verunglückt, ist bald darauf medizinisch eigentlich alles überstanden – es bleibt jedoch eine Art Phantomschmerz im Arm, der alles ändert. Denn Camille bekommt Panik-Attacken, kann (und will?) nun nicht mehr trainieren, kämpfen und siegen. Seine Teamkollegen sehen darin jedoch nur eine Ego-Show und wenden sich immer mehr ab. Für weitere Gefühlstaumelei bei Camillie sorgt Taekwondo-Schülerin Yas, die die sanfte Seite des Boxers hervorlockt. Als Camille schließlich bei einem sicheren Sieg für sein Team freiwillig aufgibt, wird selbst Matteo zu einem erbitterten Gegner. Das Coming-of-Age-Drama zeigt nicht nur den Kampf mit den Kontrahenten, sondern vor allem mit archetypischen Rollenmustern von Männern: Schmerz verleugnend, erfolgs- und selbstversessen, gewaltgesteuert, dominant. Vor allem Hauptdarsteller Samuel Kircher (»Im letzten Sommer«) zeigt diese inneren Bruchlinien überzeugend. Dass der titelgebende Fuchs immer wieder als Leitmotiv auftaucht, ist zwar ein roter Faden – aufgrund der vielschichtigen Symbolik des Tieres bleibt diese für den Film aber auch etwas nebulös. »Wild Foxes« ist trotzdem sehenswert – auch wenn der letzte dramaturgische Punch fehlt. Markus Gärtner

Verflucht normal

Verflucht normal

GB 2025, R: Kirk Jones, D: Robert Aramayo, Maxine Peake, Somerled Campbell, 120 min

John Davidson geht nervös an den versammelten Menschen vorbei, um seinen Ritterorden in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg ruft er ein beherztes »Fuck the Queen!« in den Raum. Davidson leidet an Tourette und hilft anderen in seiner Situation, damit umzugehen. Der Weg hierher war lang und beschwerlich. Im Jahre 1983 war John ein aufgeweckter 14-Jähriger, der von einer Karriere als Profifußballer träumt, als er plötzlich unkontrollierbare Ticks entwickelt. In seiner Heimat Schottland ist Tourette damals noch kein Begriff. Zunächst unterstellen ihm selbst seine Eltern, er würde allen nur etwas vormachen. In der Schule wird er gehänselt, gerät in Schlägereien. Jahre später trifft er auf Dottie, die Mutter seines früheren Schulfreunds und die Erste, bei der er sein kann, wie er ist. Doch der Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung seiner Krankheit ist weit und steinig. Regisseur Kirk Jones (»Lang lebe Ned Devine!«) erzählt die Lebensgeschichte von John Davidson als flammendes Plädoyer für mehr Aufklärung und Akzeptanz von Tourette. Die Erforschung steht immer noch am Anfang, Therapien sind chronisch unterfinanziert. Davidsons Geschichte kann da auf der Leinwand für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. Robert Aramayo, bekannt aus »Game of Thrones« und der »Herr der Ringe«-Serie, wurde für seine eindrucksvolle Darstellung bereits mit dem BAFTA ausgezeichnet. Er ist das Herz des mitreißenden Films, der es immer wieder schafft, die tragischen Momente mit Situationskomik aufzulockern. Lars Tunçay

Arco

Arco

B 2025, R: Ugo Bienvenu, 88 min

Europäischer Filmpreis, Oscar-Nominierung, Preise bei allen wichtigen Animationsfilm-Festivals und viel Applaus von Künstlerinnen und Künstlern wie Alfonso Cuarón oder Thomas Bangalter: »Arco« ist wirklich etwas Besonderes. Bild für Bild handgemalt und animiert, ist in den Trickfilm des französischen Comic-Autos Ugo Bienvenu enorm viel Liebe geflossen. Ähnlich wie das Katzenabenteuer »Flow«, für das der Lette Gints Zilbalodis im vergangenen Jahr den Oscar erhielt, ist auch »Arco« komplett unabhängig produziert, abseits der großen Studios, und größtenteils handanimiert von einem Team aus Kunststudierenden. Durch seinen kindlichen Stil und eine recht konventionelle Erzählung ist Bienvenus Zeitreiseabenteuer aber deutlich zugänglicher als Zilbalodis’ wortloses Werk. Für seine Geschichte um einen Jungen aus einer fernen Zukunft, der auf dem Regenbogen durch die Zeit reist und mit einem einsamen Mädchen Freundschaft schließt, ließ sich Bienvenu von den Großen des Fachs inspirieren wie Hayao Miyazaki (»Das Schloss im Himmel«) und Steven Spielberg (»E.T. – Der Außerirdische«). Die Welt, die er schafft, ist einzigartig und gegenwärtig, geht es hier doch auch darum, wie wir unsere Zukunft gestalten. Mit viel Liebe zum Detail und zu seinen Figuren erweckte das Team um Bienvenu diese Welt zum Leben. »Arco« verbindet ernste Themen mit viel Witz und visuellen Spielereien – ein Kunstwerk für die ganze Familie, das große und kleine Kinogängerinnen und Kinogänger berühren wird. LARS TUNÇAY

Die reichste Frau der Welt

Die reichste Frau der Welt

F/B 2025, R: Thierry Klifa, D: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs, 121 min

Basierend auf dem Skandal um die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt begibt sich Regisseur Thierry Klifa mit »Die reichste Frau der Welt« ins Milieu der französischen Superreichen. Isabelle Huppert verkörpert dabei Marianne Farrère, Erbin eines Kosmetikunternehmens, das sie – ganz in der Tradition ihres Vaters – konservativ führt. Frühstück, Vorstandssitzung, Mittagessen mit ihrer Tochter, Pressetermine – all das ist perfekt durchgetaktet. Doch die Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten Fotografen Pierre-Alain Fantin lässt sie ihre Prinzipien über Bord werfen, was von ihrer Familie mit großem Misstrauen beobachtet wird. Denn Pierre-Alain genießt das Luxusleben mit Marianne und lässt sich kaum lange bitten, ihr Geld anzunehmen und in großem Stile zu verprassen. Der Fokus des Films liegt auf dieser Freundschaft, andere Aspekte des Bettencourt-Skandals wie Antisemitismus-, Steuerhinterziehungs- und Bestechungsvorwürfe sind kaum mehr als eine Randnotiz in der Erzählung. Dazu gibt es fiktive Interviewsequenzen mit der Familie, die seltsam fehl am Platz wirken und nicht helfen, dem Film mehr Tiefe zu geben. So ist »Die reichste Frau der Welt« unterhaltsam und kann durch gute Darstellerinnen und Darsteller überzeugen – aber das Bewusstsein, dass der eigentliche Fall noch viel komplexer ist, führt einen nach dem Kinobesuch dann doch zum Streaming, wo es eine dreiteilige Doku zu den realen Hintergründen gibt. Hanne Biermann

Blame

Blame

CH 2025, Dok, R: Christian Frei, 122 min

Seit Beginn der 2000er Jahre forschte ein internationales Wissenschaftsteam am SARS-Virus, an dessen Ursprung und Verbreitung. Das Team sagte bereits 2005 voraus, dass es in Zukunft wieder zu weltweiten Pandemien kommen würde. Als das mit Covid-19, einer SARS-Variante, dann tatsächlich geschah, wurden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit bekannt. Aber anstatt ihre Forschungen und Warnungen anzuerkennen, konstruierten rechtskonservative Politiker wie Donald Trump um sie herum eine Verschwörungstheorie, die auch viele Medien unreflektiert verbreiteten: ein Laborleck im chinesischen Wuhan sei der Ursprung des Corona-Virus. Diese Fake-News-Narrative passten offensichtlich sehr gut zum geopolitischen Konflikt zwischen dem Westen und China. Christian Frei (»War Photographer«) hat in seinem investigativen Dokumentarfilm »Blame« die drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die als Sündenböcke abgestempelt wurden, über mehrere Jahre mit der Kamera begleitet. Mit großer Sorgfalt und voller Empathie hat er dabei die Hintergründe zusammengestellt und kann die Fake-News überzeugend als solche entlarven. Mithilfe der Erkenntnisse des Wissenschaftsteams und durch Dreharbeiten vor Ort in China kann Frei das eigentliche Problem benennen, vor dem sich die Politik nach wie vor verschließt. »Blame« ist ein wichtiger und aufrüttelnder Film, der trotz seiner Komplexität durchweg zu fesseln versteht. Frank Brenner

A Useful Ghost

A Useful Ghost

THA/F/SGP/D 2025, R: Ratchapoom Boonbunchachoke, D: Davika Hoorne, Wisarut Himmarat, Apasiri Nitibhon, 130 min

Wenn die Liebsten gehen, wünscht man sich, dass sie zurückkehren. Für den thailändischen March wird der Wunsch wahr: Seine an Staubverschmutzung gestorbene Frau Nat lebt wieder – allerdings als Staubsauger. Obwohl Geister und Aberglaube in Thailand eine große Rolle spielen, ist vor allem Marchs Mutter von der weltenübergreifenden und körperlich werdenden Liaison zwischen ihrem Sohn und seinem Sauger wenig begeistert. Es ist große Situationskomik, wenn sich ein Polizist dann ganz normal mit einem Vakuumreiniger unterhält. Außerdem wird die Firma von Marchs Familie, die selbst Haushaltsgeräte produziert, nach dem Tod eines Arbeiters von dessen Geist heimgesucht. Dieser fährt in die verschiedenen Geräte und stiftet Unruhe. Zum großen Showdown treten sogar Kühlschrank und Staubsauger gegeneinander an.  Der originelle Film von Ratchapoom Boonbunchachoke verweist in vielen lakonisch-metaphorischen Sequenzen auf den Umgang mit Tod und Vergessen, wird aber auch politisch und klagt am Ende neben konservativen Familien- und Denkstrukturen auch Missstände des südostasiatischen Staates, etwa im Umgang mit Protesten, an. Auffällig ist auch die Dominanz der verschiedenen Frauencharaktere. Die heitere Parabel gerät aber insgesamt etwas zu lang, macht am Ende einen harten Bruch und driftet ins Splatterartige. Trotzdem ist das cineastische Kleinod kein Fall für die Ghostbusters. Markus Gärtner

Allegro Pastell

Allegro Pastell

D 2026, R: Anna Roller, D: Sylvaine Faligant, Jannis Niewöhner, Haley Louise Jones, 100 min

Irgendwie funkt es zwischen dem Webdesigner Jerome Daimler und der Autorin Tanja Arnheim, als sie sich auf einer von Tanjas Lesungen erstmals begegnen. Man landet schnell miteinander im Bett und führt nach dem Sex die für gebildete Mittelstands-Millennials so typischen semi-tiefschürfenden Gespräche mit zu vielen Anglizismen. Schließlich entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Irgendwie, denn so richtig will man sich doch nicht aneinander binden, ist wegen Kleinigkeiten genervt und sie zieht sich plötzlich zurück, etwa als er ihr zum Geburtstag eine Website erstellt, die ihr nicht gefällt. Hinzu kommen eine Fernbeziehungs-Situation und Versuchungen durch andere Mitmenschen. Die beiden Mittdreißiger treiben aber ohne echte existenzielle Sorgen durchs Leben und gehen einfach nie den letzten Schritt, während sie im Off Zeilen aus dem hier adaptierten gleichnamigen Bestseller von Leif Randt zitieren. Jannis Niewöhner und Sylvaine Faligant spielen gut, wenngleich der nicht zur Rolle passende Akzent der Deutsch-Französin bisweilen irritiert. Regisseurin Anna Roller lässt auf ihr Coming-of-Age-Roadmovie »Dead Girls dancing« ein distanziertes Liebesdrama folgen, das das Lebensgefühl der porträtierten »Generation Unverbindlich« gekonnt einfängt. Wirklich erschließen wird und soll Letzteres sich dem Publikum dadurch nicht – bestenfalls so irgendwie, und das muss reichen. Peter Hoch

Der Magier im Kreml

Der Magier im Kreml

F 2025, R: Olivier Assayas, D: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, 145 min

Olivier Assayas hat einige Filme über zeitgeschichtliche Personen gedreht. (»Irma Vep«, »Carlos – Der Schakal«). Wladimir Putin allerdings dürfte auch für ihn eine Herausforderung gewesen sein. Immerhin konnte er sich aber für »Der Magier im Kreml« auf die gleichnamige Buchvorlage stützen. Protagonist ist nicht, wie zu erwarten, Putin selbst, sondern ein an Wladislaw Surkow angelehnter Berater. Surkow ist eine schillernde Figur in Russland, ehemaliger Theatermacher, Schriftsteller, wichtige Figur in Putins innerem Zirkel. Bei Assayas wird er von Paul Dano gespielt und sitzt in seinem Haus am Rand von Moskau, wo er einem amerikanischen Journalisten emotionslos von seiner Karriere berichtet. In Rückblenden erfahren wir zunächst aus Surkows eigenem Leben und von den wilden neunziger Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – eine Zeit, die der Film funkelnd zum Leben erweckt: luxuriöse Partys, Männer, die sich schamlos bereichern, Attentate auf offener Straße. Mitten in das politische Chaos wird Putin als Ministerpräsident installiert. Ein KGB-Mann, der Ordnung bringen soll. Jude Law spielt ihn überzeugend, vielleicht ein bisschen zu charmant. Weniger überzeugend ist die zweite Hälfte des Films: Indem er wirklich jede Station auf Putins Weg bis zum Krieg in der Ukraine aufnimmt, gerät er immer mehr zur bebilderten Geschichtsstunde. Das hat etwas Ermüdendes, vor allem weil es wenig Neues erzählt. Sehenswert bleibt »Der Magier im Kreml« trotzdem. Josef Braun

Blue Moon

Blue Moon

USA/IRL 2025, R: Richard Linklater, D: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale, 100 min

Sie waren das Traumpaar des Broadways: Richard Rogers und Lorenz Hart schufen einige der größten Hits des 20. Jahrhunderts. Hart schrieb die cleveren Texte, Rogers komponierte die unvergessenen Melodien. Aus ihrer Feder stammen Evergreens wie »My funny Valentine«oder »Blue Moon« und unzählige Musical-Erfolge. Regisseur Richard Linklater hegte schon länger den Wunsch, das tragische Ende von Lorenz Hart zu verfilmen. In der Hauptrolle: sein Freund und Wegbegleiter Ethan Hawke. Der darf als Hart ein Stakkato an cleveren Dialogen abfeuern, die ihm Drehbuchautor Robert Kaplow (»Ich & Orson Welles«) in den Mund legt. Er zeichnet Hart als einen ebenso bemitleidens- wie liebenswerten Künstler, der neun Monate vor seinem frühen Tod bei der Premierenparty von »Oklahoma!« ein Comeback versucht. Doch seine Liebe zum Alkohol hat einen Keil zwischen ihn und Rogers getrieben. Der feiert mit seinem neuen Partner Oscar Hammerstein II inzwischen noch größere Erfolge. Harts angebetete Elizabeth sieht in ihm nicht mehr als einen guten Freund, auch wenn seine lebendige Fantasie das anders sieht. So bleibt ihm nur die Gesellschaft des Bartenders Eddy und des Pianisten Morty Rifkin. »Blue Moon« ist ein Kammerspiel, das – wie so oft bei Linklater – vom Dauerfeuer seiner Dialoge lebt. Am Ende schwirrt einem der Kopf. Hawkes einnehmende Darstellung, für die er auch für den Oscar nominiert wurde, bleibt einem aber noch lange in Erinnerung. LARS TUNÇAY

Pillion

Pillion

GB/IRL 2025, R: Harry Lighton, D: Alexander Skarsgård, Lesley Sharp, Harry Melling, 107 min

Der schüchterne Colin lebt in einer Kleinstadt im Haus seiner Eltern. Im örtlichen Pub trifft er eines Abends auf Ray. Colin ist sofort fasziniert von dem muskulösen Biker und findet sich kurz darauf in einer Seitengasse auf den Knien vor Ray wieder, der ihn erst erniedrigt und dann ignoriert. Der Beginn einer unterwürfigen Beziehung, in der sich Colin von Ray wie ein Hund halten lässt. Er kümmert sich um den Haushalt und schläft auf dem Boden zu Füßen Rays. Auf der anderen Seite lernt Colin aber auch unter den Bikern eine vollkommen neue Welt aus Freundschaft, Anerkennung und Leidenschaft kennen. Basierend auf der preisgekrönten Romanvorlage »Box Hill« von Adam Mars-Jones erzählt Regisseur Harry Lighton mit viel Verständnis, Charme und Witz eine dominante Beziehungsgeschichte. Dabei spart Lighton auch nicht Colins Eltern aus, die sich zunächst liebevoll um seine Bedürfnisse sorgen, aber dann doch erschrocken reagieren, als sie Ray kennenlernen. Der Regisseur vermeidet aber melodramatische Momente bis hin zum schlüssigen Finale. Harry Melling, der als Dudley Dursley in den »Harry Potter«-Filmen begann, zieht als Colin die Sympathien auf sich. Der »Northman« Alexander Skarsgård spielt Ray hingebungsvoll und mit vollem Körpereinsatz. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde das Regiedebüt gefeiert und erhielt den Drehbuchpreis in der Sektion Un Certain Regard. LARS TUNÇAY

Good Luck, Have Fun, Don't Die

Good Luck, Have Fun, Don't Die

USA/D 2025, R: Gore Verbinski, D: Sam Rockwell, Juno Temple, Haley Lu Richardson, 134 min

Neun Jahre ist es her, dass Gore Verbinski (»Fluch der Karibik«) zuletzt auf dem Regiestuhl saß. In der ersten Dekade der 2000er war jeder seiner Filme ein Ereignis. Zuletzt inszenierte er den Gothic-Horror »A Cure for Wellness« komplett in Deutschland. Dann wurde es ruhig um den Regisseur. Für »Good Luck, have Fun, don’t die«, erneut produziert vom Constantin-Filmverleih, griff er nun auf ein Drehbuch von Matthew Robinson (»Love and Monsters«) zurück. Dabei ließen sich die Filmemacher offensichtlich vom Erfolg von »Everything everywhere all at once« beflügeln. Der Typ, der um Punkt zehn nach zehn den Diner betritt (Sam Rockwell), sieht aber eher aus wie ein obdachloser, zauselbärtiger James Cole aus »Twelve Monkeys«. Voll verkabelt unter dem Plastikmantel, mischt er die Gäste auf und macht ihnen nachdrücklich klar, dass er aus der Zukunft kommt und die Menschheit vor dem Untergang retten will. Eine übermächtige KI wird die Herrschaft übernehmen und es ist an ihm und einer Gruppe Freiwilliger, dies zu verhindern. Kurze Rückblenden erzählen, welche aberwitzigen Ereignisse die Auserwählten an diesem Abend an den Ort der Handlung geführt haben. Dabei verliert der Film etwas den irren Schwung, den Rockwells Eröffnungsmonolog vorlegt. Die ausdrückliche Kritik daran, wie die Technik unser Leben übernimmt, sorgt aber immer wieder für einfallsreiche Wendungen. Langweilig wird es also auf keinen Fall, auch wenn das Ende reichlich effektüberladen ist. LARS TUNÇAY

Gelbe Briefe

Gelbe Briefe

D/F/TR 2026, R: Ilker Çatak, D: Yusuf Akgün, Emre Bakar, Tansu Biçer, 128 min

Vor der Universität in Ankara tobt der Protest der Studentinnen und Studenten gegen den Krieg und die Regierung. Drinnen hat es Aziz aufgegeben, den wenigen, die erschienen sind, etwas über Dramaturgie beizubringen. Die Staatsführung bringt ihre eigene Inszenierung auf die Bühne. Aziz ermutigt die Anwesenden, auf die Straße zu gehen. Das wird ihm zum Verhängnis, als ihm und einigen Kollegen ein »Gelber Brief« zugestellt wird. Ihre Kurse werden ebenso abgesetzt wie das Stück, das der Theaterregisseur mit seiner gefeierten Hauptdarstellerin und Partnerin Derya an der Staatsbühne inszeniert. Es folgt ein Prozess, der sich immer länger hinzieht. Gemeinsam mit seiner Teenagertochter Ezgi zieht das Paar nach Istanbul. Während Aziz an einem Stück für ein Off-Theater arbeitet, versuchen Derya und Ezgi ihren eigenen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen. Regisseur İlker Çatak verlagert die Geschichte nach Deutschland, wo er den Film gedreht hat: »Berlin als Ankara« und »Hamburg als Istanbul« ist im Film zu lesen. Dieser künstlerische Spagat gibt der Handlung auch inhaltlich eine weitere Ebene. Wenn Aziz in Ankara/Berlin vor Gericht steht, sind die deutschen Schriftzüge um Recht und Gerechtigkeit an der Wand deutlich im Bild zu sehen und geben zu denken, wie es eigentlich im Rest Europas darum bestellt ist. Vor der Kulisse verdichtet sich der Druck und entlädt sich in einem intensiven Ehedrama. Meisterhaft verbindet Çatak das Politische mit dem Privaten. Dafür gab es bei der Berlinale viel verdienten Applaus. LARS TUNÇAY

Father Mother Sister Brother

Father Mother Sister Brother

USA/F/I/D/IRL 2025, R: Jim Jarmusch, D: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, 111 min

Jim Jarmusch hat im Kino längst seine eigene Nische. Die Hauptzutaten seiner Filme: entspanntes Tempo, lässige Protagonisten, wortkarge Dialoge und ein unaufdringlicher, gleichzeitig formbewusster Regiestil. Dazu Einflüsse, die von amerikanischem Hip-Hop bis zu europäischem Autoren-Kino reichen. Sein neuestes Werk, in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, widmet sich dem Thema Familie. Genauer: den Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Erzählt wird episodisch, in New Jersey, Dublin und Paris. In den Hauptrollen bekannte Jarmusch-Gesichter wie Cate Blanchett und Adam Driver neben neuen wie Vicky Krieps, die sich mühelos in ihre Rolle einer flatterhaften Influencer-Tochter fügt. Kunstvoll verwebt der Film seine Geschichten – auch so ein Jarmusch-Kennzeichen, der hier lustvoll aus seinem eigenen Kanon zitiert: die Begegnungen in »Coffee and Cigarettes«, lange Autofahrten, der Kleinkriminelle Tom Waits aus »Down by Law«, diesmal ein unehrlicher Vater. Melancholisch geht es zu zwischen den Familienmitgliedern. An den Esstischen wechselt sich Schweigen ab mit hilflosen Bemerkungen. Lustig wird es in den Missverständnissen. Manchmal auch philosophisch. Darunter läuft leise der von Jarmusch eingespielte Soundtrack. Nach dem eher durchwachsenen »The Dead don’t die« kehrt er mit »Father Mother Sister Brother« zu alter Form zurück. Ein zärtliches Spätwerk. Josef Braun

Nouvelle Vague

Nouvelle Vague

F 2025, R: Richard Linklater, D: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, 106 min

Im Spätsommer 1959 dreht der bis dahin als Filmkritiker tätige Jean-Luc Godard einen Krimi, der Filmgeschichte schreiben und diese nachhaltig beeinflussen wird. »Außer Atem« avanciert zum Aushängeschild der »Nouvelle Vague« getauften, innovativen Art und Weise, Filme zu erschaffen und zu erzählen – mit Handkameraeinsatz, improvisierten Dialogen und fragmentierter Handlung. US-Regisseur Richard Linklater, dessen Werke wie die »Before …«-Trilogie oder »Boyhood« maßgeblich hiervon beeinflusst sind, setzt nun nicht nur »Außer Atem« und allen daran Beteiligten, sondern gleich der gesamten cineastischen Umbruchsära um 1960 herum ein Denkmal, wenn er die Dreharbeiten zu jenem Meilenstein nachstellt und einfängt, natürlich in Schwarz-Weiß und im Format 1,37:1 wie einst. Dabei geben sich im Minutentakt Godards Kollegen wie François Truffaut, Claude Chabrol und Éric Rohmer ein Stelldichein, während der despotische, aber nie bösartige, geniale Regisseur die aufstrebende US-Schauspielerin Jean Seberg an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibt und ihr Co-Star, ein gewisser Jean-Paul Belmondo, lächelnd und lässig durchzieht. Und das Schönste daran ist: Linklaters Film kommt authentisch und voller Namedropping, Anekdoten und ikonischer Bilder daher, bereitet aber erstaunlicherweise auch dann viel Vergnügen, wenn man nahezu nichts über die Nouvelle Vague und ihr Drumherum weiß. Peter Hoch

The Chronology of Water

The Chronology of Water

USA/F/LET 2025, R: Kristen Stewart, D: Imogen Poots, Thora Birch, Jim Belushi, 128 min

Die Kindheit von Lidia und ihrer älteren Schwester Claudia ist überschattet von einem dominanten, übergriffigen Vater und einer drogensüchtigen Mutter. Im Schwimmen glaubt Lidia Heilung zu finden, doch die Chancen auf eine Olympiateilnahme verpuffen, als sie selbst alkohol- und drogenabhängig wird. Nebenbei bringt sie autobiografische Erlebnisse und Gedanken zu Papier und erhält durch eine Freundin die Möglichkeit, an einem Workshop mit dem gefeierten Schriftsteller Ken Kesey teilzunehmen. Der ermutigt sie, sich ihren Dämonen zu stellen und ihre Verletzungen im Schreiben zu kanalisieren. »The Chonology of Water« basiert auf dem erstmals 2011 erschienenen autobiografischen Buch von Lidia Yuknavitch. Die musste nicht nur den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit verarbeiten, sondern auch die Totgeburt ihres ersten Kindes und die Abgründe ihrer Drogensucht. Das alles hat Schauspielerin Kristen Stewart (»Love Lies Bleeding«) in ihrem Langfilmdebüt als Regisseurin exzellent auf die Leinwand gebracht. In einem fragmentarischen Stil, der Momentaufnahmen eher emotional und symbolisch miteinander in Verbindung bringt, als einer klaren narrativen Linie zu folgen. Auf diese herausfordernde Herangehensweise muss man sich einlassen können, wird dann aber mit einer beeindruckenden Lebensgeschichte belohnt, die auch dank Imogen Poots’ intensiver Schauspielleistung sehenswert ist. Frank Brenner

Marty Supreme

Marty Supreme

USA 2025, R: Josh Safdie, D: Timothée Chalamet, Larry »Ratso« Sloman, Mariann Tepedino, 149 min

Fußball, Tennis, sogar Golf – über fast jeden beliebten (Breiten-)Sport gibt es einen Film. Tischtennis war bisher aber noch terra incognita. Das ändert sich nun mit »Marty Supreme«. Doch obwohl der Kampf um die Platte überaus dynamisch dargestellt wird, ist das Drama kein reiner Sportfilm, sondern zuvorderst das Porträt eines vielschichtigen Charakters mit Seitenhieben auf die gesellschaftlichen Machtstrukturen. Die fünfziger Jahre in New York: Marty Mauser ist Schuhverkäufer, eigentlich aber Tischtennis-Profi – schade nur, dass »Ping-Pong« noch eher belächelt wird und wenig Cash und Ehre bringt. Also muss der Dampfplauderer sich über viele Hürden quatschen, manipuliert meist charmant sein gesamtes Umfeld und verdreht nebenbei noch einem gealterten Filmstar den Kopf bzw. Hals. Das Ziel: Weltruhm als Sportler, Geschäftsmann – und Entertainer. Doch immer wieder trifft Mauser auf Hierarchien, meist ältere weiße Männer, die seinen wilden Ritt stoppen wollen. Timothée Chalamet spielt den sowohl geschliffen als auch böswillig argumentierenden Glücksritter mit trumpeskem Selbstvertrauen voller überquellender Energie. Kein Wunder, dass vor allem die Dialoge hin- und herpeitschen wie Topspin-Ballwechsel. Auch die Sport-Szenen versprühen diese oft noch unbekannte Dynamik des unterschätzten Tischtennis. Chalamet soll rund sechs Jahre dafür trainiert haben. Insgesamt eine furiose Demaskierung eines zwiespältigen Traumjägers, garniert mit treibender Musik, einigen skurrilen Szenen – und Werbung für eine fantastische Sportart. Markus Gärtner

La Grazia

La Grazia

I 2026, R: Paolo Sorrentino, D: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, 133 min

Die Charaktere aus den Filmen von Paolo Sorrentino (»La Grande Bellezza – Die große Schönheit«) hadern mit ihrer irdischen Existenz in einer verführerischen Welt des Scheins. Ob als Andreotti (»Il Divo«) oder Berlusconi (»Loro«): Die schillernden Figuren der italienischen Politik, die Sorrentino immer wieder ins Zentrum seiner Filme stellt, werden stets genial verkörpert von Toni Servillo. Auch in ihrer erneuten Zusammenarbeit spielt Servillo einen Politiker: Den fiktiven, alternden Präsidenten der Republik. Der alte »Betonkopf« steht kurz vor der Pensionierung. Während er ein letztes Mal versucht, seinen Ruf für die Nachwelt zu definieren, ist seine Tochter und Beraterin engagiert, seine Unterschrift unter das Euthanasiegesetz zu bekommen. Der Präsident hadert mit sich selbst, seiner verstorbenen Frau und den Entscheidungen. Ist Ugo Romani wirklich der Richtige für seine Nachfolge? Und wer hat seine Worte der Begnadigung wirklich verdient? Wie immer hüllt das Daria D’Antonio hinter der Kamera in berauschende Bilder, von denen jedes einzelne gerahmt an die Wand gehört. Die Drehorte sind exquisit, der Aufwand beträchtlich. Auch wenn Sorrentino hier also dieselben Motive des hadernden Abgangs bedient, hat auch »La Grazia« eine gewisse Grazie. Ein manchmal etwas prätentiöser Sinnesschmaus mit hintergründigem Humor. Lars Tunçay

A Poet

A Poet

KOL/D/SWE 2025, R: Simón Mesa Soto, D: Ubeimar Rios, Rebeca Andrade, Guillermo Cardona, 123 min

Oscar Restrepo ist eine tragische Gestalt. Als Dichter ist er ebenso erfolglos wie in seiner übrigen Existenz. Seiner Tochter Daniela, die bei seiner Ex-Frau lebt, ist er peinlich. Seine Dichterkollegen belächeln ihn. Das Geld ist knapp, sein Wohnsitz bei seiner Mutter auch keine Lösung. Oscar nimmt notgedrungen einen Job als Lehrer an, um seiner Tochter die Uni zu finanzieren. Dort trifft er auf die 15-jährige Yurlady, die ihre Gedanken in Versen und Zeichnungen festhält. Oscar ist fasziniert und meldet das Mädchen bei einem Dichterwettbewerb an, um ihr eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Doch Yurlady lebt in einer Familie, die wenig von Oscars Ambitionen hält. Und überhaupt ist Yurlady überhaupt nicht scharf auf Ruhm. Hier entwickelt sich kein »Good Will Hunting«, keine Geschichte davon, wie beide durch diese Begegnung auf den Pfad der Läuterung gelangen. Autor und Regisseur Simón Mesa Soto unterläuft diese Erwartungen und erzählt stattdessen eine aufrichtige, lebensnahe Geschichte von unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen und Lebensentwürfen. Oscar ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch, der sich jedoch durch seine Sturheit immer tiefer in die Misere reitet. Ubeimar Rios spielt ihn körperlich brillant zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung. Wie er sich windet, um sein Leben auch nur einen Zentimeter vorwärts zu bewegen, ist eine tragikomische Freude. Mit seinem rauen, kantigen Charme gewinnt der kolumbianische Film nicht nur die Herzen der Jury in Cannes. Lars Tunçay