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Rezensionen

Hatching

Hatching

FIN/S 2022, R: Hanna Bergholm, D: Siiri Solalinna, Sophia Heikkilä, Jani Volanen, 90 min

Die einen nennen es Body-Horror, die anderen schlicht Pubertät. Tinja ist zwölf und latent genervt von ihrer sterilen Spießerfamilie. Ihr Bruder ist eine kleine Petze, ihr Vater ein grinsender Duckmäuser und ihre Mutter eine jener überambitionierten Helikopter-Mamis, die ihre Töchter zu kleinen Wunderkindern dressieren wollen. Die Gymnastikwettkämpfe, für die Tinja so hart trainieren muss, dienen auch nicht der Selbstverwirklichung, sondern dem Prestige-Gewinn. Statt zu rebellieren, kümmert sich die sensible Tochter aber lieber um ihr neues unheimliches Haustier namens Alli. Alli ist einem Vogelei entschlüpft, das Tinja selbst ausgebrütet hat, und lebt nun unter ihrem Bett versteckt – eine monströse Kreatur, die beunruhigend schnell wächst und einen immer größeren Appetit entwickelt. Auch wer seine eigene Jugend schon etwas länger hinter sich hat, findet sich schnell in der Gefühlswelt von Hanna Bergholms Debütfilm zurecht. Steif und unecht wirken die Kulissen der Kindheit darin, wild und bedrohlich der nächste Lebensabschnitt, mit Alli als hässlichem Schutzengel. Auf Eltern kann die Metamorphose ihrer Kinder irritierend wirken, aber »Hatching« schlägt sich mit seiner Perspektive auf die Seite der Pubertierenden. Dort liegen ganz gegensätzliche Empfindungen so nah beieinander wie sonst nur bei gespaltenen Persönlichkeiten. Oder in Horrorfilmen, die eklig und zärtlich zugleich sind. Markus Hockenbrink

Die Zeit, die wir teilen

Die Zeit, die wir teilen

F/D/IRL 2020, R: Laurent Larivière, D: Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Swann Arlaud, 101 min

Es ist Nacht. Ein Auto fährt über eine einsame Landstraße. Am Steuer sitzt Joan, die ihren Blick plötzlich direkt in die Kamera wendet und sich vorstellt. Der Film beginnt und damit eine Irrfahrt durch ein Leben, in dem die Protagonistin weiß Gott nicht immer das Steuer in der Hand hat. Erinnerungen führen sie zurück in die Siebziger: Joan ist als Aupair in Irland und verliebt sich in Doug, einen Taschendieb. Fasziniert vom gesetzlosen Leben, verfällt sie ihm und seinem Metier. Als die beiden auffliegen, muss Doug in den Knast und Joan wird nach Hause geschickt. Sie erwartet ein Kind von ihm, wagt es jedoch nicht, ihm davon zu erzählen. Stattdessen zieht sie ihren Sohn Nathan alleine groß. Konflikte mit ihrer Mutter und ihr unerfüllter Drang nach Freiheit prägen die folgenden Jahre. Regisseur Laurent Larivière erzählt dies sprunghaft in Rückblenden, die sich mit der Gegenwart vermischen. In der ist sie als Verlegerin für den impulsiven Tim Ardenne (Lars Eidinger als Karikatur seiner selbst) zuständig, der ihr verfallen ist. Dann tauchen auch Joans mittlerweile erwachsener Sohn Nathan und die verschollen geglaubte Mutter wieder auf – und der Film kulminiert endgültig in einer Selbstkrise seiner Protagonistin. Scheinbar ziellos driftet Larivière immer wieder durch die Zeiten und wie so oft funktionieren Teile der Erzählung besser, andere wiederum wirken befremdlich. Isabelle Huppert bemüht sich redlich, die Fäden zusammenzuhalten. Eigentlich wäre das allerdings die Aufgabe des Regisseurs. Lars Tunçay

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

GB/VAE 2021, R: Gillies MacKinnon, D: Timothy Spall, Phyllis Logan, Saskia Ashdown, 86 min

Tom ist am Ende des Weges angekommen. Seine Frau ist bereits vorgegangen und auch für den Neunzigjährigen bleibt nicht mehr viel Zeit. Doch eine Aufgabe lastet noch auf ihm – er möchte ein Versprechen, das er seiner Frau gegeben hat, erfüllen: ihre Asche in ihre Heimat am südlichsten Zipfel Großbritanniens zu bringen. Also macht er sich auf den Weg von der Küste Schottlands nach Land’s End – mit Linienbussen. Auf dem Weg trifft er die unterschiedlichsten Menschen. Die Reise führt ihn aber auch in eine schmerzhafte Vergangenheit. Man denkt nicht nur ob des deutschen Titels (Original: »The Last Bus«) an den »Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand« – auch der Film des erfahrenen TV-Regisseurs Gilles MacKinnon ist ein sentimentales Roadmovie in die Erinnerung. Getragen wird es von Timothy Spall (»Mr. Turner«), der die rund 30 Jahre ältere Figur glaubwürdig mit den Marotten eines alten Mannes verkörpert. Ihn dabei zu begleiten, wie er unbeirrt seinen Weg zum Ziel verfolgt, tröstet über einige unglaubwürdige Begegnungen auf der Reise hinweg. Lars Tunçay

Alcarràs – Die letzte Ernte

Alcarràs – Die letzte Ernte

E/I 2022, R: Carla Simón, D: Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Xenia Roset, 120 min

Der Kran schleppt das alte Autowrack, in dem die Kinder immer spielten, von seinem angestammten Platz, an dem es Wurzeln schlug. Ein Sinnbild für die Situation auf der Pfirsichplantage ihrer Eltern. Weil früher die Verträge per Handschlag besiegelt wurden, ohne offizielle Formulare, muss die Familie Solé ihr Land verlassen. Die Bäume sollen Solarzellen weichen. Damit verspricht sich der Sohn des verstorbenen Grundbesitzers Pinyol einen höheren Profit. Für den sturen Quimet und seine Familie bedeutet das, das Land, das die Familie seit Generationen ernährt, hinter sich zu lassen. Mühevoll bringen sie die letzte Ernte ein. Familiäre Konflikte brechen sich Bahn. Erzählt wird »Alcarràs – Die letzte Ernte« aus der Perspektive der Kinder. Während die Kleinsten das Verhalten der Erwachsenen nicht verstehen, wird der Wandel zum Anlass der Auseinandersetzung zwischen Quimet und seinem heranwachsenden Sohn Roger. Ein bewegendes Familiendrama, das viel über die gegenwärtige Situation der Bauern in Katalonien erzählt. Inszeniert hat es die Regisseurin Carla Simón (»Fridas Sommer«), die selbst aus der Gegend stammt und ihren Film gemeinsam mit Arnau Vilaró schrieb und hauptsächlich mit Laiendarstellern und -darstellerinnen aus der Region besetzte. Dies und die genaue Beobachtung des Alltags ihrer Figuren verleihen dem Gewinner des Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale Wahrhaftigkeit, gefasst in Kinobilder. Lars Tunçay

Willkommen in Siegheilkirchen

Willkommen in Siegheilkirchen

A/D 2021, R: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover, 86 min

Manfred Deix war eine Institution gegen das österreichische Spießbürgertum. Vortrefflich hielt er mit farbenprächtigen Karikaturen seinen Landsleuten den Spiegel vor. Markant und unverkennbar, sein Zeichenstil mit den typischen, überproportionierten Figuren in all ihrer glotzäugigen Hässlichkeit. Ausgerechnet Marcus H. Rosenmüller (»Beckenrand Sheriff«), dessen Filme eher für ihr Unterhaltungspotential bekannt sind und stets darauf bedacht scheinen, niemandem weh tun zu wollen – ausgerechnet er verfilmte nun die Kindheit des Deix. Der hatte allerdings vor seinem Tod 2016 noch gemeinsam mit Martin Ambrosch an einem Drehbuch gearbeitet, das nun als Grundlage für Rosenmüllers Film dient. Um den richtigen Ton zu treffen und den Zeichner selbst in seine eigenen Bilderwelten zu verfrachten, holte sich Rosenmüller Unterstützung von Santiago López Jover, einem in Wien beheimateten Animationskünstler, der zuvor unter anderem an dem oscarnominierten irischen Trickfilm »Die Melodie des Meeres« mitarbeitete. Gemeinsam schufen sie den ersten abendfüllenden Animationsfilm aus Österreich – ein würdiges Format für die Bilderwelten des Deix, die der Film detailverliebt auf die Leinwand überträgt. In satten Farben erweckt er den erzkatholischen Ort Siegheilkirchen zum Leben, ein konservatives Nest, in dem der von allen nur »Rotzbub« genannte Spross spießiger Wirtsleute in den Sechzigerjahren aufwächst. Seine Zuflucht ist sein gottgegebenes Zeichentalent, das er allerdings bald für nicht gerade züchtige Zwecke missbraucht, was ihm einerseits ein lukratives Geschäft eröffnet, gleichzeitig aber einen handfesten Skandal heraufbeschwört. Das Treiben erwecken Jover und Rosenmüller hübsch hässlich zum Leben und bleiben dabei dem ätzenden Ton des Provokateurs treu. Für Kinder ist dieser Trickfilm freilich rein gar nicht geeignet. Lars Tunçay

Thor: Love and Thunder

Thor: Love and Thunder

USA/AUS 2022, R: Taika Waititi, D: Chris Hemsworth, Natalie Portman, Christian Bale, 119 min

Thor zieht durch das Universum, rettet heilige Tempel, fremde Völker und lässt sich als Held feiern. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Gefahr aufzieht, die nicht nur ihn, sondern alle Götter bedroht. Nach dem Erfolg des Vorgängers inszeniert Regisseur Taika Waititi (»Jojo Rabbit«) auch den vierten Teil rund um den Donnergott. Chris Hemsworth schlüpft wieder in das Kostüm und ihm ist die Spielfreude ebenso anzumerken wie seiner zurückgekehrten Flamme Natalie Portman. Das ist erneut gespickt von Fanservice, doch was die Comicverfilmung von anderen ihrer Art abhebt, ist etwas anderes. Christian Bale als rachegetriebener Götterschlächter Gorr stiehlt allen die Show. Maske, Schauspiel, Kostüm – der finstere Gegenspieler, der die Schatten nutzt und ein verfluchtes Schwert mit sich führt, bildet einen interessanten Kontrast zu den ansonsten bunten und schrillen Szenen. Das offenbart aber auch eine Schwäche, die wohl zwangsweise durch das MCU kommen musste. Obwohl die Querverweise zu anderen Filmen nur eine kleine Rolle spielen, wirkt der Streifen überladen. Die Sprünge zwischen den Welten, den vielen Figuren und vor allem den Tonalitäten sind zu groß und abrupt. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken schafft es Regisseur Waititi nicht immer, den lockeren Humor und die tiefen Emotionen sinnvoll zusammenzuführen. Es muss einfach zu viel in die (zugegeben) kurzweiligen zwei Stunden passen. Das Ergebnis sind mehrere Expositionsblöcke, der Gegensatz von buntem Sci-Fi und Dark Fantasy, eine optisch experimentelle Szene und ein Abschnitt, der wohl kommende Figuren einführen soll, aber so gar nicht funktioniert. »Thor: Love and Thunder« ist somit ein sprunghafter, überladener Film, der wenig Überraschungen und Konsequenzen für die Figuren bereithält und trotzdem unterhält. Sollte dabei am Ende eine eigene Serie oder ein Film über den Antagonisten Gorr herausspringen, war es das allein schon wert. Kai Remen

Eine Sekunde

Eine Sekunde

CHN 2019, R: Zhang Yimou, D: Zhang Yi, Haocun Liu, Wei Fan, 103 min

China inmitten der Kulturrevolution: Ein abgekämpfter Mann durchquert die Wüste. Sein Ziel: das Kino eines kleinen entlegenen Dorfes. Die Menschen strömen aus dem Theater. Die Vorstellung ist vorbei. Draußen steht schon das Motorrad bereit, beladen mit den Filmrollen. Der Mann, Zhang Jiusheng, beobachtet, wie eine Vagabundin, das Waisenmädchen Liu, eine der Rollen stiehlt. Er nimmt die Verfolgung auf, durch die Wüste bis in den nächsten Ort, um dem Vorführer, »Mr. Movie« Fan Dianying, die fehlende Rolle auszuhändigen. Zhang Jiusheng ist allerdings nur wegen des Vorfilms hierher gekommen, einer Nachrichtenrolle, in der seine Tochter als strebsame Arbeiterin zu sehen ist. Es ist die einzige Chance, ihr für eine Sekunde nahe zu sein. Doch Liu hat ihre ganz eigenen Gründe, an das wertvolle Zelluloid zu kommen. Sind die Ziele der Allgemeinheit wirklich wichtiger als das Leid der Armen? Diese Frage stellt sich der Protagonist von Zhang Yimous (»Hero«) neuem Werk im Laufe der Handlung. Dass das Publikum sich eine eigene Antwort bilden kann, ist bemerkenswert für einen Film, der die chinesischen Zensurbehörden passierte. Bei der Berlinale 2019 war die Uraufführung noch kurzfristig abgesagt worden. »Technische Probleme« waren der fadenscheinige Grund. Nun ist der Film auf der Streaming-Plattform Mubi zu sehen und kommt vorher in unsere Kinos. Ein Glück, denn auf der Leinwand entfalten sich die großen Landschaftsporträts am besten. Raum für eine eigene Interpretation der Geschichte bleibt auch in der nun vorliegenden Fassung. Lars Tunçay

Tage am Meer

Tage am Meer

ARG 2016, R: Nadia Benedicto, D: Leticia Mazur, Sofía del Tuffo, Lucía Frittayón, 80 min

Sofia hat zwei Gesichter. Eines ist müde und abgekämpft, wie eine bleiche Maske mit tränenden Augen darin. Das andere setzt sie auf, sobald ihre Töchter den kleinen Bungalow am Strand betreten, dann lächelt sie und ihre starre Haut wird wieder lebendig. Der Bungalow fungiert für Sofia als Zufluchtsort. Nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde, ist sie mit ihren beiden Töchtern hergekommen, um Abstand zu gewinnen und ihre Wunden zu heilen. Hier in einer eher tristen kleinen Stadt, wo der Himmel häufig im Grau des Meeres versinkt, versucht die kleine Familie, einen neuen Umgang miteinander zu finden. Einfühlsam erkundet die argentinische Regisseurin Nadia Benedicto die Gefühlswelten ihrer drei Protagonistinnen und nimmt dabei die jüngste Tochter, die an Aliens glaubt, genauso ernst wie den Schmerz der Mutter oder die Verwirrung und den Zorn der Teenagertochter, die genug davon hat die Verantwortung für ihre kleine Schwester zu übernehmen. Alle drei erhalten im Film ihre ganz eigenen Momente, Zwischenspiele, die die Handlung unterbrechen und an die Arbeiten von Terence Malick oder Xavier Dolan erinnern. Zu Musik tanzt die Mutter unter kahlen Bäumen, rennt die älteste Tochter ins Meer. Auch wenn man Ähnliches schon gesehen hat, gelingt Benedicto doch ein ganz individueller Zugriff auf ihre Figuren, den man im Sinne des Female-Gaze als spezifisch weiblich bezeichnen könnte. Josef Braun

The Princess

The Princess

GB 2021, Dok, R: Ed Perkins, 104 min

Das britische Königshaus sorgt nach wie vor für Schlagzeilen, seien es das 70. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. oder die von ihrem Enkel Harry erhobenen Vorwürfe rassistischer Tendenzen. Wie kaum eine andere hat Diana Frances Spencer, seit ihrer Ehe mit Prinz Charles Fürstin von Wales, die Licht- und Schattenseiten am Königshof kennengelernt. Nachdem Pablo Larraín in seinem Biopic »Spencer« unlängst die Ehekrise im Hause Windsor thematisiert hatte, rekonstruiert Ed Perkins nun in seinem Dokumentarfilm Lady Dis Leben in der Öffentlichkeit anhand einer Flut dokumentarischer Archivaufnahmen, die chronologisch und unkommentiert aneinandergereiht wurden. Aus der Retrospektive heraus kann man hier nun etliche interessante Vorboten erkennen. Schon die 19-jährige Di wurde noch vor ihrer Ehe auf dem Weg zur Arbeit von ganzen Horden Paparazzi verfolgt, und schon kurz nach ihrer Hochzeit mit dem britischen Monarchen kann man in ihrer Miene Unzufriedenheit und Unbehagen erkennen, zumal auch damals schon die jetzige Gattin von Prinz Charles, Camilla Parker-Bowles, eine wichtige Rolle in dessen Leben spielte. Dieser sehenswerte Zusammenschnitt liefert ein detailliertes und umfangreiches Porträt eines Lebens zwischen überholten Traditionen und Sensationsgier und zeigt, wie eine engagierte und beliebte Frau an den Fesseln einer Institution zugrunde ging, die schon vor 25 Jahren aus der Zeit gefallen war. Frank Brenner

Das Pfauenparadies

Das Pfauenparadies

IT/D 2021, R: Laura Bispuri, D: Dominique Sanda, Alba Rohrwacher, Maya Sansa, 89 min

Palmen im Sturm, der Ozean. Ein Pfau auf dem Rücksitz eines Wagens, daneben ein schlafendes Mädchen. Vorn Mutter Adelina und Vater Vito, die mit dem ungewöhnlichen Haustier zum Geburtstag von Vitos Mutter Nena anreisen. Sie und weitere Familienmitglieder treffen ein, der Pfau stürmt in die Wohnung. »Ein Pfau verursacht nur Chaos«, fürchtet die Gastgeberin – aber ist es wirklich nur der Pfau oder war das Chaos vielleicht schon immer da? Als der scheinbare Unruhestifter auf den Balkon ausgesperrt wird, naht ein Ereignis, das alle Gäste dazu bewegen wird, sich in irgendeiner Weise zu offenbaren. Diese kleinen und großen Enthüllungen ziehen in Laura Bispuris Film nicht die für Familienkammerspiele dieser Art üblichen Explosionen lange schwelender Konflikte nach sich, bevor dann am Ende der Friede-Freude-Eierkuchen gereicht wird, sondern generieren subtile Momente der Klarheit und Erkenntnis. Vor allem, dass nicht alles perfekt sein muss, damit das Familiengefüge harmonisch ineinandergreifen kann. Manchmal reicht eine außergewöhnliche Erfahrung, um sich wieder nahe sein, sich vielleicht sogar verstehen zu können. Bis es so weit ist, wechseln sich (teils haarsträubend) skurrile Einfälle mit gut beobachteten Stimmungen und Momenten zwischen Nähe und Distanz ab – wie in »Figlia mia« zeigt Bispuri erneut ihr Gespür für komplexe Familiensituationen. Daneben überzeugt auch der formidabel in Interaktion versetzte Cast, unter anderem mit Alba Rohrwacher, mit der Bispuri schon in »Figlia mia« zusammenarbeitete. Karin Jirsak

Men

Men

Was dich sucht, wird dich finden

GB 2022, R: Alex Garland, D: Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, 100 min

Harper will nach einem aufwühlenden, tragischen Ereignis zur Ruhe kommen und hat dazu ein malerisches Cottage im ländlichen England angemietet. Den eigentümlichen Besitzer komplimentiert die junge Londonerin nach der Begehung schnell aus dem Haus. Eine unheimliche Bildstörung beim folgenden Videotelefonat mit ihrer Schwester soll jedoch nur der Anfang mehrerer erschreckender Vorkommnisse sein, die aus Harpers Auszeit einen Albtraum machen – oder doch eine Heilung? Mit seinen Drehbüchern zu Filmen wie »28 Days Later«, »Sunshine« und »Dredd« hat sich der »The Beach«-Romanautor Alex Garland bei Genrekinofans einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Mit dem packenden Androidendrama »Ex Machina«, dem ungewöhnlichen Netflix-Monsterfilm »Auslöschung« und der für Disney-Plus produzierten Serie »Devs« glückten dem Multitalent dann sogar drei spannende erste Regie-Arbeiten. Den so geweckten hohen Erwartungen wird sein jüngster Streich »Men« leider nur bedingt gerecht. Jessie Buckley ist zwar großartig in der Hauptrolle, Bildgestaltung, Tondesign und visuelle Effekte sind meisterlich verstörend und die Atmosphäre ist bedrohlich. Die Geschichte selbst jedoch tritt leider nach einem makellosen ersten Drittel zu früh auf der Stelle und mündet trotz des gelungenen Finales unterm Strich in einem durchschaubaren Arthouse-Horrordrama zu einem inzwischen etwas zu oft bemühten, wenngleich wichtigen Thema. Peter Hoch

Meine Stunden mit Leo

Meine Stunden mit Leo

GB 2022, R: Sophie Hyde, D: Emma Thompson, Daryl McCormack, Isabella Laughland, 97 min

Die Pandemie hat auch im Film ihre Spuren hinterlassen. Dabei ist der Versuch einer filmischen Auseinandersetzung mit dem Tod, der Einsamkeit oder aber auch der Absurdität der Situation, die uns alle über zwei Jahre beschäftigt hat, derzeit noch unbeholfen. Sie hat aber auch die Drehbedingungen maßgeblich beeinflusst und manche Regisseure und Regisseurinnen machten aus der Not eine Tugend – wie die von gleich zwei Filmen im Hauptprogramm der diesjährigen Berlinale: des spannenden Gangsterkammerspiels »The Outfit« (s. kreuzer 05/22) und »Meine Nacht mit Leo«. Ein Hotelzimmer, zwei Personen – mehr braucht die Komödie nicht, um auf Touren zu kommen. Also, abgesehen von einem pointierten Drehbuch aus der Feder von Stand-up-Comedian Katy Brand und einem furchtlosen Paar in den Hauptrollen: der wundervollen Emma Thompson und des Newcomers Daryl McCormack (»Peaky Blinders«). Nancy Stokes und Leo Grande begegnen sich in dem Hotelzimmer. Schnell wird klar, dass Nancy ihn herbestellt hat und »Leo Grande«, nun ja, ein Künstlername ist. Für die ältere Lehrerin ist es das erste Mal, dass sie einen Callboy gebucht hat, und sie fühlt sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. Leo ist Profi und weiß, welche Knöpfe er drücken muss, damit sich Nancy entspannt. Doch der ist mehr nach Reden zumute und so entspinnt sich eine witzige, ehrliche und höchst charmante Auseinandersetzung über Liebe und körperliche Bedürfnisse, bei der vor allem die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson Spiel- und Risikofreude beweist. Lars Tunçay

Everything will change

Everything will change

D/NL 2021, R: Marten Persiel, D: Noah Saavedra, Jessamine-Bliss Bell, Paul G. Raymond, 92 min

Im Jahr 2054 sind Flora und Fauna quasi ausgestorben, Menschen tragen einen Chip im Brustbein und haben den Glauben an Bilder längst verloren. Ben lebt mit seiner Freundin Cherry und seinem Freund Fini in einer Dreiecksbeziehung inmitten dieser Dystopie. In einem Antiquariat findet er das Foto einer Giraffe und das Weltbild der Freunde kippt. Kann das echt sein? Die drei Antihelden entdecken auf einem Roadtrip, was die Menschheit an Artenvielfalt und Biodiversität verloren hat. Bisher haben sie nichts vermisst, das sie nicht kannten, doch das ändert sich nun: Sie unternehmen eine Zeitreise ins Jahr 2020, um die Menschen (vor den Bildschirmen) zu warnen. Marten Persiel hat mit »Everything will change« ein Science-Fiction-Drama mit Doku-Elementen gedreht. Leider ist das gewagte Konzept nicht stimmig: Im Doku-Teil lässt Persiel zwölf Expertinnen und Experten zu Wort kommen, von denen man erst im Abspann erfährt, wer sie sind. Der immensen Fülle ihrer Botschaften fehlt ein roter Faden, sie bleibt Nebenprodukt der eigentlichen Storyline trotz hochinteressanter Fakten. Neben der ohnehin komplizierten filmischen Struktur überlädt das den Film. Aber es gehört Mut dazu, so radikal mit filmischen Konventionen zu brechen. Die Idee, statt einer düsteren Prognose eine Zeitreise in den natürlichen Reichtum zu unternehmen, ist erfrischend. Eine Erinnerung an unsere Verantwortung für die Welt von morgen. Sarah Nägele

Corsage

Corsage

H/LUX/F/D/A 2022, R: Marie Kreutzer, D: Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Manuel Rubey, 112 min

Wien, 1877: Kaiserin Elisabeth ist müde. Der Alltag zu Hofe langweilt sie nur noch. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ihr Haar zu flechten und die Krone zu repräsentieren. Dabei würde sie lieber reisen und lieben. Doch die Ehe zu Franz Joseph ist erkaltet. Das kaiserliche Paar verbindet nur noch die jüngste Tochter Valerie, die sich allerdings immer mehr von ihrer Mutter entfremdet. Elisabeth wird zunehmend impulsiver und bricht bei jeder Gelegenheit aus dem goldenen Käfig aus. Der ständige Blick der Öffentlichkeit auf ihr Leben und das Korsett der Monarchie drohen ihr die Luft abzuschneiden. Marie Kreutzers (»Der Boden unter den Füßen«) verspieltes Porträt der Kaiserin in ihrem 40. Lebensjahr hat nichts vom Kitsch vergangener »Sissi«-Filme. Ihr Blick auf die ausgehende österreichische Monarchie ist melancholisch geprägt. Die kunstvoll fotografierten herrschaftlichen Kulissen tragen Patina. Ihre Elisabeth – virtuos verkörpert von Vicky Krieps (»Der seidene Faden«) – ist eine moderne Frau, eigenwillig und widerspenstig. Ihre Inszenierung kunstvoll und modern und mit einem Augenzwinkern. Wie schon bei Sofia Coppolas »Marie Antoinette« verlangt die Monotonie zu Hofe jedoch einiges an Geduld vom aufgeschlossenen Publikum. Während Coppola Antoinette jedoch zeitgemäß als Rokoko-Popstar inszenierte, ist Kreutzers Elisabeth eine greifbare Figur mit Bedürfnissen. Lars Tunçay

Jurassic World – Ein neues Zeitalter

Jurassic World – Ein neues Zeitalter

USA 2022, R: Colin Trevorrow, D: Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Sam Neill, 146 min

Das Treffen der Helden von »Jurassic World« mit den vorzeitlichen Figuren des 90er-Hits »Jurassic Park« ist ein großer Spaß. Wenn dann noch Dinosaurier-Action hinzukommt, ist der Kassenhit fertig. Schon wenn Cowboys im Schnee besonders große Rinder einfangen, ist das in 3D ein tolles Spektakel, denn gejagt werden zahme Saurier, die hier im Norden Amerikas weiden. Nebenan im Sägewerk müssen erst Riesen-Dinos geweckt werden, bevor die Arbeit weitergehen kann. Seit den Ereignissen des letzten Films »Jurassic World: Das gefallene Königreich« (2018) im Dino-Reservat Isla Nublar tummeln sich die Urzeit-Riesen frei auf dem Festland, neben und zwischen den Menschen. Dinosaurier-Experte Owen Grady (Chris Pratt), und seine große Liebe Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) leben friedlich in einer Blockhütte, soweit es der rebellische Teenager Maisie Lockwood (Isabella Sermon) erlaubt. Maisie ist allerdings ebenso im Visier übler Gestalten wie das süße Dino-Baby vom Velociraptor Blue. Nach der Entführung beider Kinder beginnt eine Jagd rund um die Welt, die zum mysteriösen und mächtigen Biotech-Unternehmen namens Biosyn führt. Auf Madagaskar wird der erste Rettungsversuch zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit tödlichen Sauriern: Die Schurken sorgen mit einer Kombination aus hochmoderner militärischer Laser-Kennung und animalischem Jagdinstinkt der Vorzeit für lange Verfolgungsjagden. Nach dem gelungenen Action-Mittelteil wird die gesamte Belegschaft zum Labor von Biosyn in ein Dolomiten-Tal geflogen. Dort kommt es im letzten Drittel endlich zum Treffen mit den Alt-Stars Laura Dern, Sam Neill und Jeff Goldblum aus Steven Spielbergs »Jurassic Park«, die in einer Parallelhandlung eingesammelt wurden. Jede der vielen Filmminuten von Regisseur Colin Trevorrow liefert tolle Popcorn-Unterhaltung. Bei all dieser digitalen Kreativität liegt der Clou von »Jurassic World: Ein neues Zeitalter« allerdings im generations-übergreifenden Treffen der Hauptfiguren. GÜNTER JEKUBZIK

Stasikomödie

Stasikomödie

D 2022, R: Leander Haußmann, D: David Kross, Antonia Bill, Deleila Piasko, 116 min

In der Gegenwart kann Ludger Fuchs endlich in seine alte Stasi-Akte schauen. Neben Unterlagen über den früheren Widerstandskämpfer befindet sich darin auch ein zerrissener Liebesbrief. Seine Frau wird hellhörig, denn sie ist sich sicher, dass die beiden zu der Zeit schon zusammen waren. Ludger erinnert sich an die achtziger Jahre zurück, seine Zeit in der Berliner Kulturszene, die undurchschaubare Natalie und seine geheime Laufbahn als Spitzel der Stasi. Im deutschen Film gibt es Werke über die DDR wie Sand am Meer. Zumeist sind das ernste Dramen oder spannende Thriller. Vielleicht ist es da schon ein Statement, dass Regisseur Leander Haußmann genau das Gegenteil gemacht hat. Die »Stasikomödie« ist nicht nur der dritte und letzte Teil seiner DDR-Trilogie, sondern auch alles andere als konventionell. Das liegt an der Tonalität des Films, denn der wird seinem Namen allemal gerecht. Haußmann gelingt es, die Emotionen, Handlungen und Konflikte seiner Figuren nachvollziehbar und oft sympathisch zu inszenieren. Das ist bemerkenswert, weil Albernheit, überdrehte Figuren und unkonventionelle Ideen hier immer wieder an einen Humor erinnern, den Monty Python geprägt hat und den man zuletzt herausragend in »Jojo Rabbit« erleben konnte. Dem jungen Ludger (David Kross) und seiner Zerrissenheit zwischen Systemtreue und freiem, kreativen Leben schaut man deshalb genauso gerne zu, wie dem grotesk, überdrehten Henry Hübchen als Stasi-Offizier. Wenn diese überdrehte Albernheit funktioniert, ist das die große Stärke des Films, doch wo bei wichtigen Figuren der Balanceakt zwischen komischen Handlungen und plausiblen Figurenmotivationen gelingt, sind einige Nebenfiguren eine Karikatur ihrer selbst. Diese forcierten Witze braucht es deshalb ebenso wenig wie die Rahmenhandlung der Gegenwart. Ihr ist geschuldet, dass der Film rund 20 Minuten braucht, um in Fahrt zu kommen. Sie sorgt zwar für Versöhnung und Pathos, aber das Wichtigste ist hier eh der Humor und das Vorführen der Stasi. KAI REMEN

A E I O U – Das Alphabet der Liebe

A E I O U – Das Alphabet der Liebe

D 2022, R: Nicolette Krebitz, D: Sophie Rois, Udo Kier, Milan Herms, 105 min

Anna ist eine erfolgreiche Schauspielerin, die auf eine lange und beeindruckende Karriere zurückblicken kann. Trotzdem erklärt sie sich einverstanden, Adrian, einem ins soziale Abseits geratenen jungen Mann, der bei einer Pflegefamilie aufwächst, Sprechunterricht zu erteilen. Dadurch und durch Adrians Mitwirken in einem Schultheaterstück erhofft man sich, dass sich auch seine schulischen Leistungen verbessern. Als Anna erkennt, dass Adrian ihr vor einigen Tagen die Handtasche gestohlen hat, ist sie gleichermaßen aufgewühlt und fasziniert von dieser Tatsache, lässt sich aber auf das Lehrerin-Schüler-Verhältnis ein, das sich bald in eine andere Richtung entwickelt. Die Filme der Schauspielerin Nicolette Krebitz (»Wild«, »Das Herz ist ein dunkler Wald«) lassen sich meist nicht in gängigen Filmkonventionen fassen und sprechen deswegen in erster Linie ein experimentierfreudiges und aufgeschlossenes Publikum an. Das ist auch bei »A E I O U« nicht anders, dessen Handlung immer wieder neue, überraschende Haken schlägt und ganz auf die grandiose Sophie Rois in der Hauptrolle zugeschnitten ist. Die originelle Geschichte kann einige inszenatorische Durchhänger auffangen. Dem Newcomer Milan Herms (als Adrian) und Nebendarsteller Udo Kier bietet der Film, der seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale feierte, darüber hinaus Gelegenheit, in dankbaren und authentisch gezeichneten Rollen ihr Schauspieltalent zur Geltung zu bringen. Frank Brenner

Belle

Belle

J 2021, R: Mamoru Hosoda, 122 min

Ihre Mutter ertrank in einem Fluss, als sie ein anderes Kind rettete, seitdem kann Suzu nicht mehr singen. Damals war sie sechs, inzwischen ist sie siebzehn, konnte das Trauma aber nie verarbeiten. Die Gelegenheit, sich aus ihrer Melancholie in eine andere Realität zu flüchten, bietet sich, als Suzu von einer virtuellen Welt namens U erfährt. Mit dem Foto der Schulschönheit Luka baut sich das unscheinbare Mädchen einen Avatar und schafft sich in U ihre Traum-Identität. Hier findet sie ihre Stimme wieder und steigt unter dem Nickname Belle schnell zur gefeierten Sängerin auf. Doch in der scheinbar kontrollierbaren Welt treibt ein »Biest« sein Unwesen. »Die Schöne und das Biest« als Animé-Update: Mit viel Gespür für die Generation seiner Heldin verquickt Regisseur Mamoru Hosoda (»Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft«) die märchenhafte Romantik der Geschichte, die Realität der Teenager und die Texturen der digitalen Welt (inklusive Chat-Bubbles und Hashtags) zu einem berührenden Coming-of-Age-Trip. Virtueller Eskapismus und Influencer-Kult werden nicht verdammt, stattdessen wird ihnen eine Message entgegengesetzt: Finde dich und sei du selbst, dann wird am Ende alles gut. Im Gegensatz zu den meisten US-Produktionen mit ähnlicher Botschaft nimmt sich Hosoda viel Zeit und Raum, um dieses innere Werden inmitten überbordender Bilderbögen wirklich zu erzählen – und zitiert dabei sogar den Disney-Klassiker »Beauty and the Beast«. Karin Jirsak

Der schlimmste Mensch der Welt

Der schlimmste Mensch der Welt

N/F/DK/S 2021, R: Joachim Trier, D: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, 128 min

Ihre Mutter war mit 30 schon verheiratet, ihre Oma bereits zweifache Mutter und ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter bereits gestorben. Julie ist Ende zwanzig und hat keine Ahnung, was sie will. Sie hat Medizin studiert, bis sie feststellte, dass sie doch lieber Fotografin sein will. Sie fängt eine Beziehung an, nur um sich neu zu verlieben. Als sie in der intellektuellen Künstlerszene Oslos den gefeierten Underground-Comickünstler Aksel kennenlernt, verliebt sie sich sofort. Die beiden scheinen sich zu ergänzen, führen lange Gespräche bis tief in die Nacht. Als Julie auf Eivind trifft, setzt es in ihr einen Gedanken frei, der die Nähe zu Aksel zerstört. Die scheinbar unendliche Vielzahl der Möglichkeiten unserer Zeit offenbart eine trügerische Freiheit, die sich zum Gegenteil wendet. Das Versprechen, alles sein zu können, steht der Entscheidung im Weg. Joachim Trier (»Reprise«) analysiert diese Krankheit einer Generation in seinen Filmen mit genauem Blick. Seine sorgfältig ausgearbeitete Geschichte in zwölf Kapiteln, Pro- und Epilog spiegelt die menschlichen Verhaltensweisen mit all ihren Fehlern und Widersprüchen. Sein Film trifft einen universellen Nerv, zu Recht regnete es daher Lob und Preise weltweit. Zu sehr großen Teilen ist das auch seiner Hauptdarstellerin Renate Reinsve zu verdanken, die in Cannes vollkommen verdient als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Lars Tunçay

Glück auf einer Skala von 1 bis 10

Glück auf einer Skala von 1 bis 10

F/CH 2022, R: Alexandre Jollien, Bernard Campan, D: Alexandre Jollien, Bernard Campan, Tiphaine Daviot, 92 min

Bestattungsunternehmer Louis ist ein Meister seines stillen Fachs. Unaufdringlich kümmert er sich um die Wünsche vorausplanender Menschen und trauernder Hinterbliebener. Nach einem Hausbesuch gerät er eines Tages in den Gegenverkehr und drängt Transportdreiradfahrer Igor von der Straße eine Böschung hinunter. Glücklicherweise ist der körperbehinderte Mann nur leicht verletzt und nachdem Louis im Krankenhaus noch einmal pflichtschuldig nach ihm gesehen hat, trennen sich ihre Wege. Vorerst, denn Igor – sympathisch, belesen, stets freundlich und höflich, aber aufgrund seiner Behinderung vom sozialen Leben oft ausgeschlossen – hat sich in den Kopf gesetzt, den spröden Bestatter als Freund zu gewinnen. Der Mix aus Road- und Buddymovie fügt dem überstrapazierten Genre »französischer Wohlfühlfilm« nicht von ungefähr einen der gelungensten Einträge der letzten Jahre hinzu: Regisseur und Louis-Darsteller Bernard Campan und Schauspieldebütant Alexandre Jollien, der zu den profiliertesten Philosophen Frankreichs zählt und mit zerebraler Kinderlähmung geboren wurde, sind seit Jahren befreundet und haben sich ihre Rollen selbst auf den Leib geschrieben. Zwar recht vorhersehbar, aber mit gut dosiertem Humor und jeder Menge Respekt und Liebe für ihre Figuren nehmen sie das Publikum mit auf die Reise zweier Menschen, die sich erst gemeinsam dazu aufschwingen, im echten Leben anzukommen. Peter Hoch