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Rezensionen

Fast Color – Die Macht in dir

Fast Color – Die Macht in dir

Belastende Kraft

In einer nahen Zukunft schlägt sich Ruth mit Gelegenheitsjobs durch den mittleren Westen der USA. Wasser ist das kostbarste Gut und auch Lebensmittel sind knapp, denn seit acht Jahren hat es nicht mehr geregnet. Die Mittdreißigerin wirkt, als sei sie auf der Flucht, in ihrer Handtasche bewahrt sie eine Pistole auf. Als sie in einem Motel übernachtet, kommt es zu einem mysteriösen Erdbeben – einem Beben, vor dem Ruth die Motel-Besitzerin kurz zuvor gewarnt hat. Während der Zuschauer versucht, sich einen Reim auf das Ereignis zu machen, wird klar, dass Ruth auf dem Weg nach Hause ist, zurück zu ihrer Tochter Lila und ihrer Mutter Bo, die sie vor Jahren verlassen hat – und dass einige Staatsbeamte ihr dicht auf den Fersen sind, um ihre besonderen Kräfte zu ergründen. In atmosphärischen Bildern und unterstützt von einem hypnotischen Soundtrack erzählt »Fast Color« eine altbekannte Geschichte auf ungewöhnliche Weise neu. Denn Independent-Regisseurin Julia Hart (»I’m Your Woman«) geht es nicht um typische Superhelden-Action und Radau, sondern um Zwischenmenschliches und leise Töne. Wenn Marvel oder DC demnächst bei ihr anklopfen sollten, wäre es trotzdem nicht verwunderlich. Peter Hoch

Die Erlösung der Fanny Lye

Die Erlösung der Fanny Lye

Glaubenskämpfe

England zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Gerade ist der Bürgerkrieg mit der Hinrichtung des Königs und der Ausrufung einer Republik zu Ende gegangen. »Die Erlösung der Fanny Lye« verweist kurz auf den historischen Rahmen, ehe der Film sich ganz auf seinen Schauplatz konzentriert. In einem kleinen, puritanischen Bauernhaus lebt Fanny Lye gemeinsam mit ihrem Mann John und Sohn Arthur. Mit spektakulären Fahrten fängt Kameramann Giorgos Arvanitis (»Homo Faber«) ihren Alltag ein. Der wird auf den Kopf gestellt, als ein junges Paar bei den Lyes Zuflucht sucht. Thomas und Rebecca lehnen den Puritanismus und seine Lehren von Sünde und Bestrafung ab. Bald kommt es deswegen zur Auseinandersetzung mit John. Und Fanny muss überlegen, auf welcher Seite sie steht, ehe alles in bester Westerntradition mit einem Showdown auf dem Hof endet. Regisseur Thomas Clay (»Soy Cowboy«) hat sich mit seinem Film einiges vorgenommen, und das geht nicht an jeder Stelle gut. Gerade die Figuren wirken mitunter unausgereift, die Handlung lässt große Lücken. Besonders eindrücklich wird Clays Film in den Momenten, in denen alle schweigen und Bilder und Musik Augenblicke schaffen, die an das Werk von Terrence Malick erinnern. Ein wechselhaftes Vergnügen. Josef Braun

Captive State

Captive State

Trübe Aussichten

Rupert Wyatt (»Planet der Affen: Prevolution«) ist kein Optimist, was unsere Zukunft betrifft. In seinem neuen Film »Captive State« sind die Aliens im Jahr 2018 über die Erde hergefallen. Neun Jahre später hat die Welt kapituliert. Die Außerirdischen haben die Menschheit versklavt und sich in ihren Metropolen eingenistet. Eine polizeiliche Behörde sorgt dafür, dass jede Form von Widerstand drakonisch bestraft wird. Doch in vielen Teilen der Welt arbeiten Rebellen im Untergrund daran, die Kontrolle zurückzuerlangen. Der Reiz an Wyatts Vision liegt zum einen in der atmosphärischen Inszenierung und der Welt, die er kreierte. Sein Ansatz ist ernsthaft, schlüssig und deprimierend. Was »Captive State« außerdem sehenswert macht, sind die unterschiedlichen Perspektiven: Auf der einen Seite verfolgen wir William Mulligan – überzeugend verkörpert von John Goodman – dabei, wie er als Handlanger der Aliens einfach nur das Beste aus seinem Job macht. Auf der anderen Seite haben wir mit dem jungen Gabriel einen Charakter, der als Bruder eines Märtyrers unfreiwillig in den Widerstand hineingeraten ist. Das ist reizvoll erzählt, auch wenn es Wyatt nicht immer gelingt, alle Fäden in den Händen zu behalten. Lars Tunçay

Hausen – Staffel 1

Hausen – Staffel 1

Horrorplatte

D 2020, 8 x 60 min, R: Thomas Stuber, D: Charly Hübner, Tristan Göbel, Alexander Scheer Der 16-jährige Juri und sein Vater Jaschek ziehen nach dem Tod der Mutter in einen heruntergekommenen Plattenbau am Rand der Stadt. Während Jaschek versucht, als Hausmeister des maroden Gebäudes eine neue Existenz für sich und seinen Sohn aufzubauen, entdeckt Juri nach und nach, dass das Haus ein bösartiges Eigenleben führt und sich vom Leid seiner Bewohner ernährt. Um es zu bekämpfen, muss Juri die teils feindselige, teils apathische Blockbevölkerung zur Zusammenarbeit bewegen – und sich gegen seinen Vater auflehnen, der immer mehr in den Bann des Hauses gerät. Gemeinsam mit Autorin Anna Stoeva erfüllten sich der Leipziger Thomas Stuber (»In den Gängen«) und Koautor Till Kleinert (»Der Samurai«) mit »Hausen« einen Traum: In acht Episoden zelebrieren sie ihre Liebe zum Horrorfilm. Ihre Hommage an klassischen »Haunted House«-Grusel setzen sie mit herrlich organischen Effekten und viel Atmosphäre in Szene. Auch wenn sie die Szenerie mit einigen Personen und Geschichten zu viel bevölkern, gelingt ihnen doch eine bahnbrechende Serie, die so im deutschen Free-TV wohl kaum möglich wäre. Bei Sky drehen sie frei und schaffen einen atmosphärisch düsteren Albtraum in einem Plattenbau. Mysteriös, kryptisch und mordsspannend. Lars Tunçay

Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins

Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins

Enthüllungsberichterstattung

PL/GB/UKR 2019, 118 min, R: Agnieszka Holland, D: James Norton, Vanessa Kirby, Peter Sarsgaard 1933 ist die Weltwirtschaftskrise noch nicht ausgestanden. Nur in der Sowjet-union rollt der Rubel wieder, weil mit Gewinnen aus internationalen Ernteverkäufen die Industrie angekurbelt wird. Der walisische Journalist Gareth Jones will es genauer wissen und reist nach Moskau, mit dem Ziel, Josef Stalin zu interviewen. Doch schnell mehren sich die Zeichen, dass etwas nicht stimmt: Ein befreundeter Kollege wurde vermeintlich bei einem Überfall getötet, die Wände haben Ohren und Jones darf nicht mit Stalin sprechen, sondern nur ein paar Vorzeigebetriebe besuchen. Unter Lebensgefahr entkommt er seinem Aufpasser und begibt sich in die eisige Ukraine, wo er erkennt, dass das Bauernvolk vom Staat ausgebeutet und einem grausamen Hungertod überlassen wird. Nicht jedem dürfte die als Holodomor in die Geschichtsbücher eingegangene Hungersnot ein Begriff sein, zumal umstritten ist, ob sie politisch herbeigeführt wurde oder nicht. Regisseurin Agnieszka Holland (»Hitlerjunge Salomon«) lässt daran in ihrem manchmal etwas zu klassisch inszenierten Drama jedoch keinen Zweifel, bricht eine Lanze für mutigen, unabhängigen Journalismus und setzt dem 1935 ermordeten Gareth Jones ein filmisches Denkmal. Peter Hoch

Ruben Brandt

Ruben Brandt

Meisterdiebe

HU 2018, 96 min, R: Milorad Krstic Ein Zug rast durch die Nacht. An Bord hat Ruben mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Die Mädchenfigur aus einem Gemälde von Diego Velázquez verfolgt ihn in einem Traum, der für Ruben erschreckend real wirkt. In letzter Zeit wird er immer wieder von den Figuren berühmter Kunstwerke verfolgt. Dabei ist er es eigentlich, der sich um die Psychosen seiner künstlerisch ambitionierten Patienten kümmert. So landet auch Mimi auf seiner Couch. Die unglaublich agile Kleptomanin hat es sich zum Sport gemacht, Kunst zu klauen. Um Ruben zu helfen, entwickelt sie einen Plan: Gemeinsam mit ihren Kopatienten macht sie sich daran, alle 13 Kunstwerke zu stehlen, die Ruben in seinen Träumen heimsuchen. Dabei geht es vom Louvre in die Uffizien, Botticellis »Die Geburt der Venus« wird ebenso eingesackt wie bekannte Kunstwerke von Monet, Renoir und Hopper. Es ist ein Fest für Kunstliebhaber, all die Vorlagen zu entdecken, die Milorad Krstic in seinem virtuosen Film verarbeitet hat. Traum, Wirklichkeit und Kunst vermischen sich auf kongeniale Weise, osteuropäische Trickfilmtradition trifft auf Picassos Kubismus. Ein Meisterwerk der Animationskunst, das zudem vortrefflich zu unterhalten weiß. Lars Tunçay

Port Authority

Port Authority

Harlem is burning

USA/F 2019, 101 min, R: Danielle Lessovitz, D: Fionn Whitehead, Leyna Bloom, McCaul Lombardi Als der 20-jährige Paul von Pittsburgh nach New York kommt, steht er unerwartet ohne Unterkunft da. Durch die Zufallsbekanntschaft mit Lee kann er in einem Obdachlosenasyl übernachten und hilft auch mit, wenn Lee und seine Kumpels Zwangsräumungen bei säumigen Mietern vornehmen. Immer wieder kreuzen sich Pauls Wege in Harlem aber auch mit der hiesigen Voguing-Szene, wo insbesondere die attraktive Wye seine Aufmerksamkeit erregt. Obwohl er auch von Anfang an Wyes queeren Freundeskreis kennenlernt, entgeht ihm vollkommen, dass er im Begriff ist, sich in eine Transfrau zu verlieben. Die queere, überwiegend von BIPOC-Menschen bevölkerte New Yorker Voguing-Szene, in der Tanz- und Catwalk-Battles ausgefochten werden, hat Jennie Livingston 1990 im Kult-Dokumentarfilm »Paris is Burning« bereits einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Danielle Lessovitz zeigt uns in »Port Authority«, dass es diese bunte und spannende Szene nach wie vor gibt. Gemeinsam mit dem toll besetzten Nachwuchsstar Fionn Whitehead (»Roads«) in der Hauptrolle taucht der unbedarfte Zuschauer hier in die faszinierende Welt der Dragqueens und Transgirls ein, die von etlichen Laiendarstellern in semi-autobiografischen Rollen authentisch verkörpert werden. Ein charmanter Außenseiterfilm, der sich wahrhaftig anfühlt. Frank Brenner

Wir beide

Wir beide

Die Nachbarin

F/LUX/B 2019, R: Filippo Meneghetti, D: Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker, 95 min Schon seit vielen Jahren sind Madeleine und Nina ein Paar – doch kaum jemand weiß davon. Selbst Madeleines erwachsene Kinder Anne und Frédéric aus ihrer heterosexuellen Ehe ahnen nichts davon, dass Nina mehr ist als nur die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber. Dabei planen die beiden in die Jahre gekommenen Frauen, ihren Lebensabend gemeinsam in einer Wohnung in Rom zu verbringen, wo sie sich vor 20 Jahren kennengelernt haben. Doch dann erleidet Madeleine, bevor sie ihren Kindern endlich reinen Wein einschenken kann, einen Schlaganfall. Nina versucht weiterhin, ihrer großen Liebe nah zu sein, was mehr und mehr Unverständnis hervorruft, zumal Madeleine nun nicht mehr sprechen kann. Auf sehr subtile und durchdachte Weise entspinnt Filippo Meneghetti die dramatische Geschichte. Was zunächst wie ein Neubeginn nach einem im Verborgenen gelebten Leben klingt, wird durch die tragischen Entwicklungen schnell in eine andere Richtung gelenkt. Dann entfaltet sich langsam ein kraftvolles und nachhaltiges Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang miteinander, gegen ein Leben voller Geheimnisse und für die Kraft der Liebe, durch die Unmögliches realisierbar wird. »Wir beide« ist ein Film, der einen schnell in seinen Bann zieht und bis zur letzten Minute nicht mehr loslässt. Frank Brenner

What You Gonna Do When the World’s on Fire?

What You Gonna Do When the World’s on Fire?

Faust in der Luft

IT/F/USA 2019, R: Roberto Minervini, 118 min  Manchmal ist es gut, Pläne über den Haufen zu werfen. Der italienische Regisseur Roberto Minervini etwa flog 2017 nach Louisiana, um dort eine Dokumentation über die Musik der 1930er Jahre zu drehen. Doch als er sah, wie hart das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung vielerorts war, verwarf er seinen ursprünglichen Plan. »What You Gonna Do When the World’s on Fire?« begleitet Mitglieder schwarzer Communities über mehrere Monate hinweg. Dabei kommt Minervini seinen Protagonisten unglaublich nah. Meist filmt er sie in Close-ups, wovon sie sich jedoch kaum irritieren lassen. So gerät der Zuschauer mitten in ihre Leben. In Diskussionen über die amerikanische Gesellschaft, Aktionen einer Black-Panther-Gruppe oder Szenen zwischen zwei Brüdern, die versuchen, sich auf eine Welt vorzubereiten, in der sie stets Gefährdete sind. Das zeigen die Todesfälle in der Nachbarschaft. Genauso wie Polizeigewalt, die am Ende des Films sehr real wird, und die Drohungen des Ku-Klux-Klans. In schwarz-weißen Bildern fängt Minervini die Verletzlichkeit und den Mut seiner Protagonisten ein. Die vielen Preise, die er damit gewonnen hat, gebühren auch ihnen, die den Zuschauern tiefe Einblicke in ihren Alltag gewähren. Josef Braun

Weathering With You

Weathering With You

Alle Wetter

J/CHN 2019, R: Makoto Shinkai, 108 min Mit »Your Name« schuf Makoto Shinkai vor vier Jahren den bis dahin erfolgreichsten Anime aller Zeiten und auch seine früheren Filme wie »The Place Promised in Our Early Days« und »Children Who Chase Lost Voices« gehören zu den besten des japanischen Trickfilmgenres. Das neue Werk des Regisseurs legt nun hinsichtlich visueller Qualitäten noch einmal eine Schippe drauf und begeistert mit prächtigen, detailverliebten Bildern. In puncto Story- und Charakterentwicklung kann es allerdings nicht ganz mit den poetischeren Vorgängern mithalten, zumal die Umweltschutzprämisse, die Shinkai im Sinn hat, teilweise etwas unausgegoren daherkommt. Die Handlung dreht sich um den 16-jährigen Ausreißer Hodaka, der in Tokio die etwa gleichaltrige Hina und ihren kleinen Bruder Nagisa kennenlernt. Das Mädchen besitzt die wundersame Fähigkeit, die Dauerregenwolken über der Stadt aufzubrechen und die Sonne scheinen zu lassen, was sie und Hodaka bald für ein einträgliches Geschäftsmodell ausnutzen. Doch Probleme tauchen nicht nur am Horizont auf, als sich zeigt, dass Hina einen hohen Preis zahlen muss, wenn sie die Metropole vor dem Klimakollaps bewahren will. Peter Hoch

Monos

Monos

Bande

KOL/ARG/NL/D/SWE/UR/USA/CH/DK/F 2019, R: Alejandro Lande, D: Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, Karen Quintero, 102 min Auf einem entlegenen Plateau, irgendwo in den kolumbianischen Bergen, trainiert eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst »Monos« nennen, für den paramilitärischen Einsatz. In der menschenleeren Umgebung entwickeln sich Hierarchien und Machtkämpfe. Eine amerikanische Ärztin dient als Geisel. Als die Situation ernst wird, ist die Gruppe gezwungen, sich tief in den Dschungel zurückzuziehen. Das Gefüge droht auseinanderzubrechen. Archaisch und wild sind die Riten, die von den Jugendlichen exerziert werden. Sie robben durch den Schlamm, tanzen um das Feuer. Vollkommen auf sich allein gestellt, werden ihre ureigenen Triebe erweckt. Mit einer bemerkenswerten Gruppe junger Darsteller hat der brasilianische Regisseur Alejandro Landes ein filmisches Experiment in der entlegenen Wildnis des Chingaza Nationalparks gewagt. Motive von »Apocalypse Now« und William Goldings »Herr der Fliegen« vermischen sich zu einem Fiebertraum. Das Ergebnis ist berauschend, mitreißend und in großartige Bilder gefasst. Dafür gab es zahlreiche Preise bei Filmfestivals, unter anderem in Sundance und San Sebastián. Das beeindruckendste Kinoerlebnis des Jahres. Lars Tunçay

Harriet

Harriet

Freiheitskämpferin

USA 2019, R: Kasi Lemmons, D: Cynthia Erivo, Leslie Odom Jr., Janelle Monáe, 121 min 1849 flüchtet die Sklavin Minty (später: Harriet Tubman) von einer Südstaaten-Plantage in den Norden. In Pennsylvania schließt sie sich der Underground Railroad an, einem geheimen Netzwerk, das entflohene Sklaven auf dem Weg in die Freiheit unterstützt. Unter dem Decknamen »Moses« kehrt Minty in den folgenden Jahren immer wieder in den Süden zurück, um insgesamt über 300 Menschen zu befreien. Freiheit oder Tod – das war das erklärte Motto von Harriet Tubman, einer der spannendsten Schlüsselfiguren des afroamerikanischen Freiheitskampfes. Ihre unglaubliche Geschichte passt aktuell sehr gut in den leider immer noch notwendigen #Blacklivesmatter-Diskurs und wird von Kasi Lemmons (»Black Nativity«) mitreißend erzählt – wenn auch etwas altmodisch inszeniert, vor allem, wenn sie ihre zutiefst gläubige Protagonistin in manchen Momenten wie eine Heiligen-Ikone aus Bibelschinken wie »Die zehn Gebote« in Szene setzt. Dank der famosen Kraft und Natürlichkeit von Cynthia Erivo (»Bad Times At The El Royale«) stört das bisschen Staub am Saum der Heldin allerdings nicht wirklich. Für ihre Performance (und den von ihr zum Soundtrack beigesteuerten Song »Stand up«) wurde die Britin in diesem Jahr mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Karin Jirsak

Für Sama

Für Sama

An die Menschlichkeit

GB/SYR/USA 2019, R: Waad Al-Kateab, Edward Watts, 100 min Die Kamera zeigt ein kaum einjähriges Mädchen, das nicht reagiert, wenn aus nächster Nähe Bombendetonationen zu hören sind – sie ist an dieses Geräusch gewöhnt. Dieses Mädchen ist Sama. Sie und die anderen Kinder harren mit ihren Familien in Ostaleppo aus, während über ihren Köpfen ein Krieg tobt, der keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Regisseurin Waad al-Kateab hat all diese Erlebnisse mit ihrer Kamera festgehalten: den Schrecken des Krieges, aber eben auch die hoffnungsvollen Momente, die Freude der Menschen, die füreinander da sind und weder aufgeben können noch wollen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Hamza, lebte Waad al-Kateab in einem selbst eingerichteten Krankenhaus in Ostaleppo, später wird es die letzte Einrichtung dieser Art sein, die nicht komplett zerstört wurde. Als ihre Tochter Sama geboren wird, schwanken sie zwischen der Verantwortung für die Menschen vor Ort und für ihre eigene, kleine Familie. Die emotionalen und teils drastischen Bilder gingen um die Welt. »Für Sama« wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und erhielt eine Oscarnominierung. Hinsehen ist nicht immer leicht, aber der Film macht deutlich, dass Wegsehen niemals eine Lösung ist. Hanne Biermann

Bohnenstange

Bohnenstange

RUS 2019, R: Kantemir Balagov, D: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov, 137 min

RUS 2019, OmU, 137 min, R: Kantemir Balagov, D: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov Leningrad 1945: Tagsüber arbeitet Iya in einem Krankenhaus, wo die Kriegsversehrten landen, verwundete, paralysierte, wie sie selbst traumatisierte menschliche Trümmer. Abends kümmert sich die groß gewachsene Frau, die von allen immer nur »Bohnenstange« genannt wird, liebevoll um den aufgeweckten Pashka. Doch ihre Anfälle, in denen sie davongleitet, nehmen überhand und gefährden schließlich das Leben des kleinen Kerls. Kurz darauf kehrt Masha heim von der Front. Sie ließ Pashka zurück, um den Tod ihres Geliebten zu rächen. Nun ist sie allein und besessen davon, wieder ein Kind zu bekommen, an dem sie sich festhalten kann. Deshalb schmiedet sie einen perfiden Plan und Iya hat keine Wahl, als ihr dabei zu helfen. In langen Einstellungen bewegt sich die Kamera durch das Haus der Frauen, in dem jedes Zimmer von unzähligen Überlebenden bevölkert wird. Dem Hunger stellt der junge Regisseur Kantemir Balagov den Überfluss der Familie des naiven Sasha gegenüber, der eine Leidenschaft für Masha entwickelt. Die detailgenaue Ausstattung, in kräftigen Farben, kunstvoll ausgeleuchtet, und nicht zuletzt die großartigen schauspielerischen Leistungen geben ein intensives Gefühl für die Zeit, für die klirrende Kälte und bittere Armut jenes Nachkriegswinters im zerbombten Leningrad. Darüber hinaus lässt Balagov den Zuschauer immer wieder rätseln, was sich im Kopf seiner schweigsamen Figuren regt, in denen die Bilder des Kriegs tiefe Spuren hinterlassen haben. Lars Tunçay

Doch das Böse gibt es nicht

Doch das Böse gibt es nicht

Nein sagen

IRN/D/CZ 2020, 151 min, R: Mohammad Rasoulof, D: Baran Rasoulof, Zhila Shahi, Mahtab Servati Heshmat führt ein gewöhnliches Leben. Einen Tag lang begleitet ihn die Kamera, wie er mit seiner Frau streitet, sich um seine erkrankte Mutter kümmert und mit der Tochter Pizza isst. Meist hört er ihnen zu. Nur manchmal wirkt er dabei etwas isoliert von ihrer Welt. Mohammad Rasoulof gehört zu den bekanntesten Regisseuren des Irans. Seit 2017 darf er von dort nicht mehr ausreisen. Gegen ihn steht eine Haftstrafe aus. Der Vorwurf: Gefährdung der nationalen Sicherheit und feindliche Propaganda. Überdies wurde er mit einem Drehverbot belegt. »Doch das Böse gibt es nicht« drehte er unter falschem Namen, am Set erschien er stets in Verkleidung. In vier Episoden erzählt er darin von Menschen, die mit der Todesstrafe in Berührung kommen. Früh am Morgen steht Heshmat in einem weißen Raum, der durch eine Scheibe geteilt ist. Er wirft einen Blick auf die andere Seite, dann drückt er einen Knopf. Eine Klappe öffnet sich und sechs Männer sind tot. Der Familienvater wird zum Henker des iranischen Regimes. Ein ähnliches Schicksal ist auch für Pouya vorgesehen. Der junge Mann leistet seinen Wehrdienst ab. Anders als Heshmat verweigert er jedoch das Töten, mit überraschenden Konsequenzen. Rasoulof gelang ein inhaltlich wie formal außergewöhnlicher Film, der auch visuell besticht. So sind die Bilder stellenweise atemberaubend. Völlig verdient gewann Rasoulof im Februar dafür den Goldenen Bären. Josef Braun

Driveways

Driveways

Festgefahren

USA 2019, 83 min, R: Andrew Ahn, D: Lucas Jaye, Hong Chau, Brian Dennehy Was wissen wir schon über unsere Nachbarn? Über das, was sich hinter der Tür verbirgt? Ihre Einsamkeit, die seelischen Abgründe. Del (Brian Dennehy) teilte sich eine Einfahrt mit April, doch mehr als ein paar Worte wechselte er nie mit der mächtigen Asiatin. Selbst ihre Schwester Kathy (Hong Chau) kannte sie kaum. Als sie mit ihrem achtjährigen Sohn Cody (Lucas Jaye) anreist, um das Haus ihrer Schwester auszuräumen, erwartet sie eine Überraschung jenseits der Veranda: Das Haus ist mit Müll vollgestopft, im Bad eine Katze verendet. Kathy macht sich alleine daran, das Haus zu entrümpeln. Cody treibt sich währenddessen in der Nachbarschaft herum und freundet sich mit Korea-Kriegsveteran Del an, dessen Leben auf der Stelle tritt. Behutsam schildert Regisseur Andrew Ahn die Begegnung der drei einsamen Charaktere. In ruhigen, unaufgeregten Szenen erzählt er viel über die Menschen der Vorortsiedlung, über Einsamkeit, Armut und das Altern. Dabei kann er auf ein starkes Ensemble bauen. Hauptdarstellerin Hong Chau (»Downsizing«) verkörpert die alleinstehende Mutter mit einer schroffen Selbstbestimmtheit. In seiner letzten Rolle spielt Brian Dennehy den alten Del als Durchschnittstypen, dessen Vita die von Millionen Amerikanern ist. »Driveways« ist eine herzerwärmende Perle des amerikanischen Independentkinos, beseelt vom Geiste asiatischer Kinokunst. Lars Tunçay

Falling

Falling

Kotzbrocken

Als Darsteller liefert Viggo Mortensen seit über drei Jahrzehnten regelmäßig überzeugend ab, egal ob als Held Aragorn in der »Der Herr der Ringe«-Trilogie oder in Charakterrollen, etwa als getriebener Mafiascherge in »Tödliche Versprechen« oder zuletzt in »Green Book«. Mit dem unsentimentalen Familiendrama »Falling« legt er nun sein Regie- und Drehbuchdebüt vor, und auch das kann sich mehr als sehen lassen. Eine der beiden Hauptrollen hat der Schauspieler natürlich auch noch übernommen: Willis lebt glücklich mit seinem Mann Eric und der gemeinsamen Tochter Monica in Los Angeles. Seiner tristen Kindheit auf der Farm seines kaltherzigen Vaters John konnte er gemeinsam mit Mutter und Schwester entfliehen. Alles holt ihn wieder ein, als er John pflichtbewusst zu sich nimmt, weil dessen Demenzerkrankung sich verschlimmert. Von Altersmilde ist bei dem Kotzbrocken jedoch nichts zu spüren, ständig äußert er sich beleidigend über alles und jeden, und insbesondere die Homosexualität seines Sohnes ist ihm ein Dorn im Auge. In immer wieder eingestreuten Rückblenden setzt sich dann ganz unaufgeregt das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen und man wird Zeuge vom persönlichen Scheitern eines auf sich selbst fixierten und lieblosen Mannes, bravourös unsympathisch gespielt vom sträflich unterschätzten B-Movie-Furchengesicht und Ex-»Aliens«-Androiden Lance Henriksen. Peter Hoch

Das perfekte Schwarz

Das perfekte Schwarz

Unbunt

D 2019, Dok, 78 min, R: Tom Fröhlich Schwarz ist die Abwesenheit von Licht oder ein optischer Zustand, bei dem keine visuellen Reize die menschliche Netzhaut erreichen. Auch wenn in »Das perfekte Schwarz« diese und andere Definitionen geliefert werden, etwa von einem Astrophysiker, geht es Regisseur Tom Fröhlich (»Ink of Yam«) nicht allein um eine wissenschaftliche Annäherung an das Phänomen Schwarz und seine jeweilige Manifestation, z. B. am Nachthimmel oder auf einer Buchseite. Im Zentrum des Filmes stehen vielmehr sechs Protagonisten, darunter eine Trauerbegleiterin und ein Tätowierer, die jeweils über ihre Beziehung zur Farbe und deren symbolischen Gehalt ausschnitthaft porträtiert werden. Die Musikerin Katja Krüger kann als Synästhetikerin aufgrund ihrer physiologisch-sensorischen Veranlagung Schwarz und andere Farben akustisch wahrnehmen und in Tonfolgen übersetzen. Mittlerweile halbseitig erblindet, hat Dieter Kirchner über 30 Jahre damit verbracht, eine Technik zu entwickeln, ein möglichst intensives Schwarz herzustellen. Künstler und Fotografen wie Sebastião Salgado und Annie Leibovitz lassen ihre Arbeiten bei ihm drucken. Neben klassischen Talking-Head-Situationen zeigt »Das perfekte Schwarz« – und das unterscheidet ihn von einer bloßen Dokumentation – seine Protagonisten bei der Verrichtung ihrer Arbeit. Lange, statische Einstellungen verorten sie in ihren örtlichen und sozialen Kontexten; mit zum Teil großem technischen Aufwand, etwa Tiefseeaufnahmen, wird der Blick für Naturphänomene geweitet. Sebastian Gebeler

Und morgen die ganze Welt

Und morgen die ganze Welt

D 2020, Dok, R: Julia von Heinz, D: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, 111 min

D 2020, 111 min, R: Julia von Heinz, D: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider »Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr?« Die Eingangsszene schwört Egotronic herauf. Wütend stapft die Antifa-Heroin mit der Flinte durchs Feld. Ratlosigkeit spricht aus ihr. Dann nimmt der Film eine 180-Grad-Wende, nähert sich als Erklärstück dem Linksradikalismus. Lisa, gut betuchtes Elternhaus in der Provinz, studiert in der Großstadt Jura. Sie zieht in ein alternatives Hausprojekt, lernt Alfa und Lenor kennen, die Teil eines gewaltbereiten Antifa-Netzwerks sind. Gemeinsam hebt das Trio ein Sprengstoffdepot von Rechtsterroristen aus, wird vom Verfassungsschutz verfolgt und kommt bei einem Ex-RAF-Mitglied unter. Am Ende findet Lisa zur bürgerlichen Welt zurück. Eigene Erlebnisse sollen Regisseurin Julia von Heinz inspiriert haben, so die PR-Botschaft: »Ich war bei der Antifa«, wird sie vor dem Filmstart zitiert. Vielleicht ist er wirklich gut gemeint, aber übers Klischee kommt ihr Film nicht hinaus. Alfa, klar muss der so heißen, ist charismatisch-sexy, weshalb die verliebte Lisa ihm folgt. Im queer-bunten Hausprojekt gehts um Party, Haarefärben und Liederabende. Die Militanzdebatte wird darauf verkürzt, dass man die Hausräumung fürchtet. Politische Debatten finden nicht statt, alles ist Bauchgefühl, verhärtet sich beim Schauen zum Urteil: »Denn sie wissen nicht, was sie tun.« Warum der Filmtitel der Zeile eines NS-Liedes gleicht, erklärt sich ebenso wenig. Tobias Prüwer

Zombi Child

Zombi Child

Vielschichtig

F 2019, OmU, 103 min, R: Bertrand Bonello, D: Louise Labeque, Wislanda Louimat, Katiana Milfort Achtung, dies ist kein Zombie-Horror! Mit seinen präzisen Gesellschaftsbeobachtungen – in elegischen Bildern eingefangen und mit subtilen Nuancen des Unheimlichen geladen – bewegt sich Regisseur Bertrand Bonello hier tatsächlich näher an Peter Weirs verstörendem Meisterwerk »Picknick am Valentinstag« als an »The Walking Dead« und Co. Hauptschauplatz ist ein katholisches Elite-Mädcheninternat in der Nähe von Paris. Die Viererclique von Teenagerin Fanny (wunderbar lebendig: Louise Labeque) entscheidet sich, die neue Mitschülerin Mélissa (enigmatisch: Wislanda Louimat) aufzunehmen. Die schweigsame junge Haitianerin kam nach dem Erdbeben 2010 als Waise nach Frankreich und lebt seitdem bei ihrer Tante. Bald ahnen ihre neuen Freundinnen, dass Mélissa ein beunruhigendes Geheimnis in sich trägt. Ratio und Mystik, Freiheit und Gefangenschaft, Freundschaft und Gegensätzlichkeit – zwischen diesen Polen schillert das vielschichtige Rätsel, das Bertrand Bonello hier Szene für Szene mit Bedacht entfaltet und klugerweise auch im rauschhaft inszenierten Voodoo-Finale nicht gänzlich auflöst. Mit viel Gespür für die tosenden Gefühlswelten seiner Figuren gelingt es Bonello, der 2016 mit dem hochexplosiven Jugenddrama »Nocturama« faszinierte, zugleich eine fesselnde Coming-of-Age-Geschichte fernab aller Klischees zu erzählen und ein sorgsam durchdachtes Statement über Frankreichs koloniale Vergangenheit abzugeben. Karin Jirsak