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Rezensionen

Ninja Motherf*cking Destruction

Ninja Motherf*cking Destruction

D 2025, R: Lotta Schwerk, D: Emma Suthe, Marie Tragousti, Merle von Mach, 79 min

Irgendwann im Leben werden aus den viel zu warmen Sommertagen am See mit Gelächter und Eiscreme viel zu warme Sommernächte in Glitzertops, das dämmerige, blaue Licht des Morgens und Hände, die ein bisschen zu nah aneinander liegen und sich doch nicht wegbewegen wollen. Lotta Schwerks »Ninja Motherf*cking Destruction« begleitet zwei Mädchen beim Erwachsenwerden, auf der Suche nach der eigenen Identität, beim Grübeln über eine ungewisse Zukunft. Und wird dabei, wie es sich für ein gutes Coming-of-Age-Werk gehört, gefühlvoll und zärtlich: Besonders in den Momenten zwischen Handlung und Dialog – den verstohlenen Blicken, den Umarmungen – fängt die Regisseurin gekonnt ein, wie sich dieses diffuse Bauchgefühl anfühlt, ausgelöst von einer Mischung aus Verwirrung, Verliebtheit und Verletzlichkeit. Nur in den seltenen Momenten der großen Gespräche, da stolpert der Film über das eigene Pathos. Die Dialoge sind gestelzt, wirken wie direkte Auszüge aus einem Tagebuch, das zwar zur Verarbeitung der eigenen Gefühle, nicht aber für ernstzunehmenden Gesprächsstoff taugt. Wirklich vorwerfen kann man das einem so persönlichen Film aber nicht. Stattdessen kann man mitnehmen, was funktioniert, den Rest zurückgeben an die Regisseurin, dankbar sein, dass sie sich in ihrem queeren Debütfilm so verletzlich gibt – und hoffen, dass noch viele weitere Filme folgen. ELLEN DREYER

Auf zwei Rädern

Auf zwei Rädern

F 2024, R: Mathias Mlekuz, D: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, 90 min

Der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Schmerzhafteste, das ein Mensch überhaupt durchleiden kann. Der seit dreißig Jahren in Nebenrollen tätige französische Schauspieler Mathias Mlekuz musste diese traumatische Erfahrung im Jahr 2022 machen, als sein Sohn Youri sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Vier Jahre zuvor hatte der junge Mann eine Reise mit dem Fahrrad von La Rochelle bis nach Istanbul quer durch Europa unternommen. Um ihm Ehre zu erweisen und sich ihm noch einmal nahe zu fühlen, hat Mathias Mlekuz die gleiche Tour selbst absolviert und mit der Kamera semidokumentarisch festhalten lassen. Mitgenommen auf diesen ungewöhnlichen Trauertherapie-Trip hat er seinen Hund Lucky und seinen langjährigen Freund Philippe Rebbot, der ebenfalls Schauspieler ist; auch Mlekuz’ anderer Sohn Josef hat gegen Filmende eine Rolle. Auf dem Weg durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien führen Mathias und Philippe Gespräche miteinander, die überwiegend improvisiert wurden, und begegnen, wie es sich für ein Roadmovie gehört, den verschiedensten Menschen. Entstanden ist so ein höchst persönlicher Film mit nachdenklich stimmenden Erkenntnissen über Leben, Tod, Familie, Freundschaft, Liebe und vieles mehr, aber auch mit manch humorvollen Momenten, die dafür sorgen, dass das Publikum den Kinosaal trotz des schweren Themas mit einer gewissen Leichtigkeit verlassen kann. PETER HOCH

Das Sommerbuch

Das Sommerbuch

USA/GB/FIN/BR 2026, R: Charlie McDowell, D: Glenn Close, Emily Matthews, Anders Danielsen Lie, 95 min

Zu Beginn des Sommers kommen Sophia, ihr Vater und ihre Großmutter mit dem Boot auf einer kleinen Schäreninsel im Finnischen Meerbusen an. Eine fehlt dabei. Die Abwesenheit der verstorbenen Mutter ist präsent und wird doch kaum verhandelt. Sophia erkundet mit der Großmutter die Insel, ist lebhaft und neugierig. Sie steht am Anfang eines Lebens, das für die Großmutter langsam endet. Während Letztere sich nach Ruhe sehnt, dürstet Sophia nach Abenteuer – zumal der Vater in der Trauer um seine Frau versinkt. Die Natur als vierte Hauptfigur zwingt sie schließlich, sich mit Leben und Tod und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Regisseur Charlie McDowell und Drehbuchautor Robert Jones folgen damit der Buchvorlage der finnlandschwedischen Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin Tove Jansson (1914–2001), die vor allem durch die Mumins-Kinderbuchreihe bekannt geworden ist. Und sie bieten der achtfach Oscar-nominierten Glenn Close eine kleine, feine Bühne, bevor die Grande Dame Ende des Jahres nun einen Ehren-Oscar erhält. Fast 80-jährig, gibt sie Neuentdeckung Emily Matthews ganz uneitel den passenden Raum, um aufzublühen – als Figur und als junge Schauspielerin. Einzig die englischen Originaldialoge wirken in der skandinavischen Atmosphäre des Films manchmal gestelzt und deplatziert. Ein zarter Film, in dem Wellen manchmal mehr sind als Worte. NADINE FAUST

Power Ballad − Der Song meines Lebens

Power Ballad − Der Song meines Lebens

USA/IRL 2025, R: John Carney, D: Paul Rudd, Nick Jonas, Havanna Rose Liu, 99 min

Wo sind sie geblieben, die goldenen Tage? Rick Power weiß jedenfalls: nicht bei ihm. Aus dem vielversprechenden Talent von einst ist ein abgebrannter Hochzeitssänger geworden. Im vollgestopften Transporter reist er von Bühne zu Bühne, singt Hits von Bryan Adams. Seine eigenen Lieder sind nicht gefragt. Selbst Powers Tochter verdreht genervt die Augen, wenn er sie in sein kleines Heimstudio ruft. Bekanntes Terrain für Regisseur John Carney (»Sing Street«). Seit »Once« (2007) bespielt er beharrlich das Genre des Musikfilms. Verpasste Chancen, melancholische Songs, schicksalhafte Begegnungen – das alles sind feste Zutaten seines Werks. Carney-Fans kann es dementsprechend kaum überraschen, wenn Power seine zweite Chance erhält. Nach einem Gig trifft er den ehemaligen Boyband-Sänger Danny Wilson, dargestellt von Nick Jonas, Teil der in den Staaten enorm erfolgreichen Jonas Brothers. In einer bierseligen Nacht schreiben beide neue Musik. Doch als ihr Song Monate später veröffentlicht wird, fehlt Ricks Name in den Credits. Was folgt, ist eine turbulente Achterbahnfahrt durch Emotionen, Partys und handfeste Auseinandersetzungen. Paul Rudd in der Rolle des Rick Power ist eine fantastische Besetzung. Herzzerreißende Momente spielt er mit derselben Mühelosigkeit wie die komischen, in denen er da steht − ein erwachsener Mann in Lederjacke, der versucht, eine Gruppe desinteressierter Partygäste zu animieren. »Power Ballad« bietet Wohlfühlkino im besten Sinne, inklusive berührender Auflösung. Ein kleines Genrejuwel. JOSEF BRAUN

The Piano Tuner

The Piano Tuner

USA 2026, R: Daniel Roher, D: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Alisen Richmond-Peck, 107 min

Der hörgeschädigte Niki düst mit seinem illustren Onkel Harry zu Luxuskunden, die ihr Klavier oft nur als Deko nutzen, es aber von den beiden Experten stimmen lassen wollen. Niki war ein Wunderkind am Piano, hat aber aufgrund einer Geräusch-Überempfindlichkeit eine mögliche Welt-Karriere verpasst. Als der alternde Harry schließlich im Krankenhaus landet, braucht Niki Geld für die Rechnungen. Zum Glück hat er zuvor bei einem Auftrag zufällig ein ungleiches kriminelles Trio kennengelernt, das Nikis akustische Fähigkeiten zum Knacken von Tresoren nutzen will. Außerdem bandelt der junge Aushilfsganove und Superhörer mit Ruthie, einer asiatischen, überaus ehrgeizigen angehenden Klavier-Absolventin, an. Als es bei einem Auftrag zu einem Mord kommt, will Niki aussteigen. Doch für die Gangster ist er unabkömmlich geworden. Für seine Freundin Ruthie hingegen weniger, denn Nikis Machenschaften gefährden schließlich ihre Karriere. Die Chemie und Performances der Hauptdarsteller sind stimmig wie ein Steinway. Vor allem die Komposition der auditiven – und Nikis emotionaler – Ebene ist eindringlich, etwa wenn dieser immer wieder mit markerschütternden Geräuschen konfrontiert wird oder die Schnittfolge zum Beat passt. Allerdings gibt es auch einige Misstöne durch allzu konstruierte Wendungen und einige reproduzierte Klischees der Hochkultur. MARKUS GÄRTNER

Mit leiser Stimme

Mit leiser Stimme

F/TUN 2026, R: Leyla Bouzid, D: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, 98 min

Lilias Onkel in Tunesien ist unerwartet gestorben, und so reist die in Paris lebende junge Frau gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Alice in ihre alte Heimat. Alice quartiert sie allerdings in einem Hotel ein, weil die Familie noch nichts von Lilias Homosexualität weiß. Auch der verstorbene Onkel hat ein geheimes Doppelleben geführt, sein schwuler Ex-Partner wird von den Angehörigen bei der Trauerfeier nicht geduldet. Lilia begibt sich auf Spurensuche, trifft sich in einem zutiefst homophoben islamischen Land mit etlichen Menschen, die das wahre Ich ihres Onkels kannten. Dabei beginnt sie, auch ihre eigene Lebenssituation zu überdenken. Will sie die gleichen Fehler begehen oder soll sie es wagen, sich klar zu Alice und ihrem wirklichen Leben zu bekennen? Leyla Bouzid hat hier ein sensibles Familiendrama inszeniert, das sich sehr gemächlich entwickelt und das Publikum zunächst teilhaben lässt an den traditionellen Beerdigungsritualen in Tunesien. Langsam wird dabei ersichtlich, dass es hinter der heilen Fassade der Familie bröckelt. Auf äußerst feinfühlige Weise versetzt uns Bouzid in die Lage ihrer innerlich zerrissenen Protagonistin und zeigt uns anhand ihrer Nachforschungen andere Facetten des heutigen Tunesien. »Mit leiser Stimme« ist ein zutiefst berührender und durchweg packend inszenierter Film, der den Mut aufbringt, für einen gesellschaftlichen Wandel zu werben. Frank Brenner

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

D 2026, R: Regine Schilling, D: Sandra Hüller, 96 min

In diesem Jahr wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Mit einem experimentellen Porträt, das Archivmaterial und Texte mit gespielten Sequenzen vermischt, nähert sich die Dokumentarfilmerin und studierte Literaturwissenschaftlerin Regine Schilling (»Igor Levit – No Fear«) der 1973 gestorbenen Autorin. Sandra Hüller verkörpert Bachmann in ihren letzten Tagen, allein in einem Appartement in Rom, gezeichnet vom Alkohol- und Tablettenmissbrauch. Schilling selbst nennt dies eine Seance, eine Totenbeschwörung, auf die sich Hüller mit vollem Körpereinsatz einlässt. So ist das intime Bild einer Getriebenen entstanden, in dem Bachmann durch ihre Texte lebendig wird und Einblick in ihr Innerstes offenbart. Dazwischen dokumentieren die Fernsehaufnahmen den Weg aus dem ländlichen Kärnten in die Metropole Wien, von der Tochter eines NSDAP-Funktionärs zur gefeierten Lyrikerin. Dieser Weg ist gezeichnet vom unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen, aber auch von Bachmanns komplizierten Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch. Schilling bezieht dabei den Entstehungsprozess ihrer Versuchsanordnung in den Film ein, zeigt Hüller bei der Vorbereitung auf ihre Rolle, in der Maske und bei den Proben. Ein interessantes Werk, das nicht den Anspruch auf Authentizität erhebt, sondern aus seinem künstlerischen Anspruch keinen Hehl macht. LARS TUNÇAY

Dreams – Gefährliches Verlangen

Dreams – Gefährliches Verlangen

USA/MEX 2025, R: Michel Franco, D: Jessica Chastain, Isaac Hernández, Rupert Friend, 98 min

Eine Szene, wie sie sich tagtäglich an der Grenze zu Mexiko abspielt: Ein Lkw steht in sengender Hitze. Darin eine Gruppe Geflüchteter, vereint in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit dem Hereinbrechen der Nacht werden das Klopfen und die Hilferufe im Inneren lauter. Als schließlich die Tür geöffnet wird, kann Fernando entkommen. Sein Ziel: San Francisco. Dort lebt Jennifer, Tochter eines reichen Unternehmers. In Fernandos Heimat teilten sie ein Zimmer, doch in Jennifers Umfeld hat ihr junger Liebhaber keinen Platz. Während sie mit sich und ihrer Leidenschaft ringt, versucht der talentierte Tänzer eine Karriere am Ballett. Mit Filmen wie »New Order – Die neue Weltordnung« hat sich der mexikanische Regisseur Michel Franco als Meister der provokativen Sozialkritik etabliert. Eindrücklich seziert er die Kluft zwischen Arm und Reich. »Dreams« zeigt die Unterschiede in einem intensiven, körperlichen Beziehungsdrama um Macht und Abhängigkeit. Nicht nur der Altersunterschied und die sozialen Hintergründe der Hauptfiguren stehen im Gegensatz zueinander. Während Jennifers Weg vorbestimmt ist, muss Fernando trotz seiner Fähigkeiten um Geltung ringen. Ein schmerzhaft reales und hochaktuelles Sujet, stark gespielt von Jessica Chastain (»Zero Dark Thirty«) und der Neuentdeckung Isaac Hernández. Die Kamera von Yves Cape (»Holy Motors«) bleibt bewusst auf Distanz, der Film bezieht keine offensichtliche Position. Das macht seine Aussage umso eindringlicher. LARS TUNÇAY

Der Kommunist

Der Kommunist

D 2026, Dok, R: Lutz Pehnert, 123 min

Die 70.000 Euro Filmförderung für diese Dokumentation sind nicht ohne Ironie. Denn der Film verklärt das Leben des letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz. Ohne Einordnung rahmt Regisseur Lutz Pehnert »Kommunist« mit anekdotischem Zierrat. Ein Niederländer besucht Egon Krenz regelmäßig im Ostsee-Häuschen. Die einst jüngste LPG-Funktionärin spricht warme Worte. Was ein Kommunist ist und warum Krenz einer ist, wird nicht erzählt. Er wächst als Christ auf, die Befreier der Roten Armee schenken ihm Brot. Nachdem er als Schüler für die CDU arbeitete, stellt ihn die SED für Botendienste ein – plötzlich will er in der Partei mitmachen. Mehr erfährt man über seine Motivation nicht. Einige Lebensstationen werden abgerissen, bis er schließlich fünfzig Tage lang die DDR lenkt – und bedauert, Vorgänger Erich Honecker nicht früher kritisiert zu haben für seine »Verkrustung«. Inhaltlich blass klingt das wie eine Krenz-Schutz-Behauptung. Die Panzerkonfrontation 1961 in Berlin nimmt Krenz zum Beweis eines Bürgerkriegs, der Mauerbau wird nicht thematisiert. Dosierte Kritik kommt nur durch alte Talkshow-Schnipsel. Ferdinand von Schirach mildert da Krenz’ Urteil im Mauerschützenprozess ab: Moral habe hier keinen Platz. Daher zeigt der Film auch lieber Krenz im Meer winkender Blauhemden, statt zu fragen, welche Verantwortung man als FDJ-Chef trägt für Gehirnwäsche der Jugend und real existierenden Kasernenhofsozialismus. Tobias Prüwer

Ein Sommer in Paris

Ein Sommer in Paris

F 2025, R: Valentine Cadic, D: Blandine Madec, India Hair, Arcadi Radeff, 77 min

Sommer 2024: Während ganz Paris im Olympiafieber ist, scheinen die Spiele Blandine, einer jungen Frau aus der Normandie, nur wenig Glück zu bringen. Eigentlich wollte sie sich die Schwimmwettbewerbe gemeinsam mit ihrer Freundin ansehen, doch musste sie nicht nur die Reise in die Hauptstadt allein antreten, sondern verpasst dank der strengen Einlassbestimmungen der Wettbewerbe auch noch, ihre Lieblingsathletin Béryl Gastaldello live um die Medaillen antreten zu sehen. Der Besuch bei ihrer Halbschwester Julie verläuft ebenfalls eher chaotisch. Immerhin findet Blandine schnell einen Draht zu ihrer Nichte Alma, deren Vater – Julies Ex-Mann – sie aber direkt in seinen Olympia-Gegenprotest hineinzieht. Blandines Erlebnisse bilden einen entspannten, fast stoischen Kontrast zum Trubel der Spiele, traumwandlerisch bewegt sie sich durch die Stadt. Auch wenn sie ein ruhiger Charakter ist, bringt ihre Neugier und Aufgeschlossenheit sie immer wieder in neue, absurde Situationen. Dabei geht es weniger um die konkreten Erlebnisse, als vielmehr um ein Gefühl der unendlichen Möglichkeiten, die sich Blandine in ihrer Urlaubswoche zu bieten scheinen, und durch die sie sich langsam treiben lässt. »Ein Sommer in Paris« von Regisseurin Valentine Cadic hält exakt, was der Titel verspricht, und eignet sich damit perfekt für laue Sommerkinoabende – hat am Ende aber zu wenige Höhen und Tiefen, um noch lange nachzuwirken. Hanne Biermann

Nulpen

Nulpen

D 2026, R: Sorina Gajewski, D: Bella Lochmann, Pola Geiger, Cedric Eich, 81 min

Ramona und Nico haben gerade ihr Abi geschafft und wissen nichts mit sich anzufangen. Es ist Hochsommer in Berlin. Sie haben kein Geld, um sich beim Späti Chips und Spaßgetränke zu kaufen, in der Nachbarschaft gibt es nur Stress und auf die Klimademos vor ihrer Tür haben sie keine Lust. Dabei gehören sie zur Generation Hoffnung, auf ihren Schultern liegt die Zukunft der Welt. Ramonas Bruder Noah ist wesentlich wütender und bestürzt über die Lethargie seiner großen Schwester. »Die Erde brennt«, denkt er und hält in einer Szene einen brennenden Luftballon in Globusoptik in der Hand, um das Bild zu verdeutlichen. Das Einzige, was Ramona interessiert, ist Magie – und Nico. Ihre teilweise improvisiert wirkenden Gespräche tragen den Film, dessen Handlung im gleißenden Sommerlicht jedoch eher verschwimmt, genauso wie Realität und Eskapismus sowie die Grenzen der Handlung selbst. Der konsequente Schwebezustand der Erzählung kippt schnell in erzählerische Leere, und was als sensibles Porträt einer überforderten Generation anmutet, verliert sich in seiner eigenen Trägheit und lässt das Publikum eher unberührt zurück. Dabei setzt Regisseurin Sorina Gajewski auf Atmosphäre statt Plot. »Nulpen« ist ihr erster Langspielfilm, nachdem sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte. Seine Premiere feierte der Film 2025 auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis. Greta Jebens

Sechswochenamt

Sechswochenamt

D 2025, R: Jacqueline Jansen, D: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, 98 min

Mit einem letzten Seufzer scheidet Martha im Erkelenzer Hospiz nach langer Krebserkrankung mit nur 55 Jahren aus dem Leben. Nur ihre Tochter Lore, die die geliebte, freigeistige Mutter in ihren letzten Stunden nicht allein gelassen hat, bekommt es mit und nimmt Abschied, sanft ein Schlaflied summend. Sie durchlebt in den Folgetagen all das, was die meisten in ihrer Situation durchmachen: Realisieren, Funktionieren, Organisieren, unterbrochen von Momenten der Verärgerung und Enttäuschung, wenn es ihren Mitmenschen kaum um echte Unterstützung, sondern hauptsächlich um das Erfüllen von Konventionen und ihre eigene Agenda geht. Dass es bei alledem Frühjahr 2020 ist und die Corona-Pandemie gerade die Welt heimsucht, nimmt Lore nur als Grundrauschen wahr. In statischen Bildern, überwiegend mit Laiendarstellern und ohne jede Filmmusik hat die Autodidaktin Jacqueline Jansen ihr autofiktionales, dokumentarisch anmutendes und ohne staatliche Förderung entstandenes leise-tragikomisches Drama inszeniert. Wie die Charaktere, auf die Lore trifft, zwischen hilf-, teilnahms- und pietätlos skizziert werden, verleitet sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken über das »Danach« und vermittelt ein stimmiges Bild einer Kleinstadtgemeinschaft im äußersten Westen Deutschlands. Zusammengehalten wird das von Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch, deren Stimmungen während ihrer Trauerarbeit sich auf uns übertragen. Peter Hoch

Truly Naked

Truly Naked

NL/B/F 2026, R: Muriel d‘Ansembourg, D: Caolán O‘Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, 102 min

Alec ist ein schüchterner Teenager. Gerade ist er mit seinem Vater aus London in ein verschlafenes Städtchen an der Küste gezogen. In der neuen Schule hält er lieber den Kopf unten. Niemand soll erfahren, womit sein Vater Geld verdient: Als Dylan Savage ist er Pornodarsteller und Produzent. Seine Filme dreht er in ihrer kleinen Wohnung. Für Alec gehört das zum Alltag. Er dreht und schneidet die Filme. Doch Dylan ist alt geworden und die Nachfrage sinkt. Krampfhaft versucht er, das Geschäft am Laufen zu halten. Als sich Alec in seine Mitschülerin Nina verliebt, beginnt er, sein vertrautes Leben in Frage zu stellen. Nina bringt ihm bei, was es bedeutet, wirklich nackt zu sein und gesehen zu werden. Im Gewand eines Coming-of-Age-Dramas thematisiert die niederländische Filmemacherin Muriel d’Ansembourg die Suche nach Nähe abseits pornografischer Reizüberflutung. Ähnlich wie Ninja Thybergs »Pleasure« spart auch ihr Debüt dabei keine Details aus und liefert einige feministische Kommentare zu den patriarchalen Strukturen der Pornoindustrie. Das ist manchmal arg vordergründig, jedoch insbesondere von den jungen Hauptdarstellern überzeugend verkörpert. Die unbeholfene aufkeimende Liebe zwischen Alec und Nina ist charmant in Szene gesetzt und steht im Kontrast zu den Sexszenen am Set. »Truly Naked«, zum Teil mit professionellen Pornodarstellerinnen gedreht, verdammt die Branche nicht pauschal, sondern bietet einen differenzierten, menschlichen Blick. LARS TUNÇAY

Obsession – Du sollst mich lieben

Obsession – Du sollst mich lieben

USA 2025, R: Curry Barker, D: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson, 108 min

Sei vorsichtig, was du dir wünschst – diese alte Weisheit bekommt in »Obsession« einen frischen Twist. Der schüchterne »Bear«, wie er von seinen Freunden genannt wird, liebt insgeheim Nikki. Seine Liebe kann er ihr jedoch nicht gestehen, ohne ihre langjährige Freundschaft zu gefährden. Also wünscht er sich eines Abends, dass sie nichts in der Welt mehr liebt als ihn. Das harmlos erscheinende Spielzeug »Wishing Willow« erfüllt überraschenderweise sein Versprechen und Nikki weicht fortan wie fremdgesteuert nicht mehr von seiner Seite. Doch Bear muss bald begreifen, dass aus Liebe schnell Obsession werden kann, wenn magische Kräfte im Spiel sind, und so wird die Leidenschaft zur Last. Regisseur und Autor Curry Barker, der mit selbst gedrehten Horror-Kurzfilmen auf Youtube virale Hits landete, produzierte seinen ersten Langfilm unabhängig, bevor das Hit-Horrorstudio Blumhouse auf ihn aufmerksam wurde. Das überschaubare Budget sieht man »Obsession« allerdings nicht an. Durch den cleveren Einsatz von Licht und Schatten schafft er eine konstante Bedrohung. Einige Jump-Scares sieht man zwar meilenweit kommen, sie verfehlen aber dennoch nicht ihre Wirkung. Effektiv ist sein Horror, der ein wenig an den ähnlich gelagerten »Together« aus dem vergangenen Jahr erinnert, auch aufgrund des entfesselten Spiels von Hauptdarstellerin Inde Navarrette (»Superman and Lois«) und weil er seine Geschichte mit dem nachvollziehbar handelnden Protagonisten erdet. LARS TUNÇAY

The Love that remains

The Love that remains

IS/DK/S/F 2025, R: Hlynur Pálmason, D: Saga Garðarsdóttir, Sverrir Gudnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir, 109 min

Mit nur drei Filmen hat sich der isländische Regisseur Hlynur Pálmason zur festen Größe im europäischen Kino und zum Dauergast im Wettbewerb von Cannes gedreht. Der schmerzhafte Verlust eines geliebten Menschen in »Weißer, weißer Tag«, die Verlorenheit am Ende der Welt in »Godland« – Pálmason erzählt fast schon beiläufig, mit einem tiefen Verständnis für die Natur des Menschen von einschneidenden Ereignissen. So auch in »The Love That Remains«. Die Ehe zwischen Anna und Magnús ist aus. Seine ständige Abwesenheit durch den Job auf einem Fischkutter mag ein Grund für die Trennung gewesen sein. Wann immer er an Land ist, ist er trotzdem Teil der Familie und für ihre drei Kinder da. Der Schlussstrich unter ihre Beziehung ist für Anna sicherlich deutlicher als für Magnús, der immer noch baggert. Aber beide leben längst unterschiedliche Leben. Während Anna um Anerkennung für ihre Kunst kämpft und nebenher den Haushalt führt, ist Magnús unter Deck mit notgeilen Seemännern. Mit trockenem Humor und menschlicher Wärme erzählt Pálmason von einer Trennung und der Liebe, die bleibt. Wir bekommen einen Einblick in das Leben einer Familie inmitten der rauen Natur Islands, die das Leben der Menschen bestimmt. Mit natürlichen Kinderdarstellern und überzeugenden Erwachsenen entsteht ein Ausschnitt, der fühlbar ein Vorher und Nachher hat und auch auf der Leinwand ewig weiterlaufen könnte. Lars Tunçay

Resurrection

Resurrection

CHN/F/USA 2025, R: Bi Gan, D: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, 160 min

Eine Traumreise durch das 20. Jahrhundert und hundert Jahre Filmgeschichte – nicht weniger hat sich der chinesische Autorenfilmer Bi Gan (»Long Day’s Journey Into Night«) vorgenommen. Schon die ersten Filmminuten sind ein Versprechen: Die Kamera blickt in ein Diorama, eine Opiumhölle vor hundert Jahren. Eine Hand greift in die Szene und gestaltet sie. Menschen irren durch die Kulisse, die sich für die Protagonistin bald zu einem surrealen Albtraum entwickelt. Sie stößt auf eine entstellte Kreatur, ein Phantasmer, ein Träumer in der Welt jener, die sich vom Träumen entfernt haben, um ewig zu leben. Durch die Jahrzehnte folgt sie ihm in immer wieder neue Inkarnationen. So wird die Handlung in sechs Kapiteln zum Episodenfilm, der mal einem Taschendieb und Betrüger auf den Straßen folgt, dann einem Grabräuber bei einer übernatürlichen Begegnung in einem Kloster und schließlich einem Paar in der Nacht vor dem Ende des Jahrhunderts. Es sind immer wieder Figuren einer Halbwelt, die ziellos durch die Zeit driften. Bi Gan inszeniert sie vor dem Hintergrund des sich wandelnden Reichs der Mitte. Sein cineastischer Trip ist aber auch eine Liebeserklärung ans Kino – vom Stummfilm bis zur Gegenwart, verspielt und visuell berauschend in Szene gesetzt von Jingsong Dong (»Der See der wilden Gänse«). »Resurrection« erzählt mit Traumlogik und entzieht sich einer konventionellen Handlung. Lässt man sich darauf ein, zieht einen der Film über 160 Minuten und weit darüber hinaus in seinen Bann. Lars Tunçay

Gavagai

Gavagai

D/F 2025, R: Ulrich Köhler, D: Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, 91 min

Ulrich Köhlers neuer Film »Gavagai« erweist sich als ein subtiles, vielschichtiges Gedankenexperiment, das das Publikum immer wieder dazu herausfordert, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Gleich die Eröffnungsszene führt mitten hinein in die Dreharbeiten im Senegal, wo ein neuer Medea-Film gedreht wird. Regisseurin Caroline will mit einer Neuinterpretation des Euripides-Dramas auf rassistische Strukturen aufmerksam machen. Doch ausgerechnet bei der Pressekonferenz kurz vor der Premiere wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, als weiße europäische Filmemacherin genau jene Klischees reproduziert zu haben. Hauptdarstellerin Maja und ihr Co-Star Nourou beginnen während des Drehs eine Affäre als sie sich aber in Berlin auf einem großen Filmfestival wiederbegegnen, hat sich ihre Beziehung zueinander durch die neue Umgebung völlig verschoben. Köhler eröffnet so mehrere Ebenen, vom Film-im-Film bis hin zum Titel: »Gavagai« verweist auf ein philosophisches Fantasiewort, anhand dessen – vereinfacht gesagt – gezeigt wird, dass sich die Bedeutung eines Wortes zwischen zwei Sprachen oft nicht problemlos übertragen lässt. Entsprechend kommunizieren die Protagonisten in vielen Situationen aneinander vorbei, und auch der Medea-Mythos verliert durch die Neuverfilmung plötzlich sein zentrales Motiv. Das lässt viel Raum für Interpretationen, die über die reine Kinoerfahrung hinausgehen. Hanne Biermann

Whistle

Whistle

CAN/IRL 2025, R: Corin Hardy, D: Dafne Keen, Sophie Nélisse, Sky Yang, 100 min

Es beginnt mit einem Highschool-Sportler, der plötzlich verbrennt – während er unter einer laufenden Dusche steht. Monate später findet die neue Schülerin Chrys in ihrem Spind eine uralte Pfeife. Die ist aztekischen Ursprungs und verflucht – was sie und ein paar weitere Mitschülerinnen und Mitschüler ungünstigerweise erst herausfinden, nachdem eine von ihnen hineingeblasen hat. Die Mitglieder der Gruppe segnen nun nacheinander auf exakt die Weise das Zeitliche, die das Schicksal schon immer für sie vorherbestimmt hatte – nur eben viele Jahre früher und an Ort und Stelle, ohne dass die eventuellen »Werkzeuge« des Todes wirklich im Raum sind, heimgesucht von ihren nur für sie selbst sichtbaren zukünftigen Ichs. Grauenvolle Flüche mit hoher Sterberate sind dank Filmen wie »Ring«, »It Follows« oder »Talk to Me« nichts Neues und mit dem Motiv des kreativen Todes spielte schon die »Final Destination«-Reihe, wobei sich der Leibhaftige seine entronnenen Opfer dort nachträglich holt. Auch Elemente aus Klassikern wie »Nightmare on Elm Street« und anderen sind im jüngsten Schocker von »The Nun«-Regisseur Corin Hardy deutlich erkennbar. Aber: besser gut geklaut als schlecht neu ersonnen. Unterhaltsam ist der Film für Genreliebhaber allemal und einige der Kills fallen ebenso kreativ wie brutal aus. Bloß echte Spannung stellt sich nur bedingt ein, denn um mit den Figuren mitzufiebern, bleiben sie leider wie so oft zu flach. Peter Hoch

Andor Hirsch

Andor Hirsch

HUN/F/D/GB 2025, R: László Nemes, D: Bojtorján Barabas, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois, 132 min

László Nemes hat schon mal von der Shoah erzählt. 2015 löste sein Film »Son of Saul« Begeisterung und Kritik gleichermaßen aus. So nah kam man dem Protagonisten. So tief wurde man in die Welt des Konzentrationslagers verstrickt. »Andor Hirsch« spielt über zehn Jahre nach der Befreiung der Lager. Schauplatz ist Budapest, kurz nach dem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Auf den Straßen herrschen die Kommunisten, unterstützt durch die Sowjet-Armee. Eine vermeintlich andere Welt, und doch bleibt die Shoah in fast jeder Einstellung präsent. Ein Mann, der mit starren Augen am Küchentisch sitzt. Die leeren Bänke in der jüdischen Gemeinde. Antisemitische Beleidigungen, die über die Straße gebrüllt werden. Der junge Andor Hirsch und seine Mutter schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Die Mutter als Verkäuferin. Der Sohn auf den Straßen, inmitten der bombengeschädigten Häuserzüge. Die Geschichte ist schnell zusammengefasst, wird aber von Nemes über gute zwei Stunden erzählt: Andor wartet vergeblich, dass sein Vater aus dem Lager zurückkommt. Stattdessen taucht eines Nachts ein fremder Mann in der Wohnung der Mutter auf. Ein Schock für den Jungen. »Andor Hirsch« ist physisches Kino. Die Kamera lauert stets nur eine Armlänge entfernt, lässt den Zuschauern kaum Gelegenheiten zum Durchatmen. Ein packendes Drama, dem jedoch irgendwann die Luft ausgeht. Josef Braun

Nürnberg

Nürnberg

USA/HUN 2025, R: James Vanderbilt, D: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, 148 min

Filmschaffende haben sich vielfach an den Nachkriegs-Prozessen von Nürnberg abgearbeitet. Schließlich ist das Ende der Nazi-Diktatur gut dokumentiert. Bereits parallel zum Prozess 1948 entstand ein Dokumentarfilm. Die bekannteste Nacherzählung, der starbesetzte Gerichtsfilm »Das Urteil von Nürnberg« von Stanley Kramer, wurde 1962 mit zwei Oscars ausgezeichnet. Zuletzt gab es im vergangenen Jahr einen großen Fernsehfilm zum Thema. Nun also wieder Hollywood mit Russell Crowe als Hermann Göring. Was die Inszenierung von James Vanderbilt (»Der Moment der Wahrheit«) allerdings interessant macht, ist die Perspektive. Basierend auf bisher unveröffentlichten Dokumenten schildert der Journalist Jack El-Hai in seinem 2013 erschienenen Buch »Der Nazi und der Psychiater« die Begegnungen des Armeepsychiaters Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring, dem nach der Kapitulation ranghöchsten noch lebenden Nazi. Die Leinwandadaption ist von Crowe und Malek hervorragend gespielt, bis in die Nebenrollen glänzend besetzt und von Dariusz Wolski (»Napoleon«) stilvoll in Szene gesetzt. Allerdings mit bedeutungsschwangeren Blicken und großen Gesten alles andere als subtil erzählt. Woran auch Brian Tylers (»Avengers«) pathosgeladener Score einen großen Anteil hat. An der nach wie vor aktuellen Lehre des Stoffs ändert das freilich nichts. Lars Tunçay