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Rezensionen

Zuhurs Töchter

Zuhurs Töchter

Samar und Lohan sind tolle Protagonistinnen für einen Dokumentarfilm. Sie funkeln und tragen mit ihrer Ausstrahlung jede Szene. Drei Jahre lang haben die Filmemacher Laurentia Genske und Robin Humboldt die syrischen Trans-Schwestern mit der Kamera begleitet. Einfühlsam erzählt ihr Film von den Konflikten in ihrem Leben, die zunehmen, je weiter sie sich ihrem eigentlichen Geschlecht annähern, auch körperlich zu Frauen werden. Vor allem ihre konservativen muslimischen Eltern haben große Schwierigkeiten mit den Veränderungen. In einer erschütternden Szene erklärt der Vater, dass seine Töchter in Syrien in Lebensgefahr schwebten. Die Verachtung anderer Familien für die beiden verfolgt ihn und seine Frau bis in die deutsche Geflüchtetenunterkunft am Rand von Stuttgart. Wie sie dennoch versuchen zu verstehen, was mit ihren Kindern geschieht, gehört zu den berührenden Stellen in Genskes und Humboldts Dokumentarfilm. Vielleicht gerade auch, weil hier nicht alles harmonisch aufgelöst wird. Weil offen bleibt, was für Eltern und Kinder unvereinbar ist: die Religion und der eigene Körper. Die Eltern können nicht anders, als die geschlechtsangleichende Operation ihrer Kinder als Sünde zu sehen. Gleichzeitig bedeutet das eben nicht, dass sie aufhören, mit Samar und Lohan zu reden. Visuell konventionell inszeniert, liefert »Zuhurs Töchter« auf inhaltlicher Ebene wichtige Denkanstöße. Josef Braun

Hope

Hope

SW/NOR 2019, R: Maria Sødahl, D: Andrea Braein Hovig, Stellan Skarsgård, Elli Rhiannon Müller Osbourne, 126 min

Nach vielen entbehrungsreichen Jahren ist Anja endlich dort angekommen, wo sie hinwollte. Ihre Tanzinszenierung feiert eine umjubelte Premiere, ein Jahr nachdem der Lungenkrebs sie aufzufressen drohte. Das jüngste ihrer drei Kinder ist zehn, die Kinder ihres Lebensgefährten Tomas haben sie akzeptiert, die Partnerschaft mit dem angesehenen Regisseur ist geprägt von gegenseitigem Respekt – es herrscht scheinbar Harmonie im Haus, so kurz vor Weihnachten. Doch dann bricht eine erschütternde Diagnose in ihr Leben: Der Krebs hat gestreut, ihr bleiben nur noch wenige Monate. Wie soll sie damit umgehen? Es den Kindern sagen, so kurz vor dem Weihnachtsfest, oder lieber schweigen? Soll sie aufgeben und die letzten Tage genießen oder den vielleicht aussichtslosen Kampf aufnehmen? Diesen Fragen sah sich auch Regisseurin Maria Sødahl ausgesetzt. In »Hope« erzählt sie ihre Geschichte. Dass sie überlebt hat, nimmt allerdings weniger das Ende ihres erschütternden Dramas vorweg. Sie schildert vielmehr, welchen Preis die Krankheit ihr und ihrer Familie abverlangte. Der Hirntumor hat direkte Auswirkungen auf ihr Verhalten, die Medikamente tun ihr Übriges, der Schlafentzug droht Anja endgültig zu zermürben. Über allem schwebt die Angst des nahenden Abschieds von denen, die sie liebt. Ein emotionales, essenzielles Drama, getragen von den großartigen Leistungen der Norwegerin Andrea Bræin Hovig und des Schweden Stellan Skarsgård. Lars Tunçay

First Cow

First Cow

USA 2020, R: Kelly Reichardt, D: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, 122 min

Es gefällt Kelly Reichardt wahrlich nicht, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Wer auf »First Cow« beim Kramen in der Westernschublade stößt, bekommt sicherlich nicht das, wonach er sucht – mit Sicherheit aber wesentlich mehr. Das deutet sich schon beim Prolog an, beginnt ihr Film doch in der Gegenwart, wo eine Frau beim Spaziergang mit ihrem Hund auf die Gerippe zweier Menschen stößt. Die Erzählung geht zurück in die Zeit der Pioniere, die das Land erschlossen und an vereinzelten Orten Handel trieben, aus denen einmal Städte entstehen sollten. Doch noch ist das Ziel von Cookie und King Lu im Staate Oregon nur eine Ansammlung von Matsch und Hütten. Die beiden Einzelgänger freunden sich an und träumen davon, ihr eigenes Geschäft aufzumachen. Mit Cookies Backkünsten und King Lus Geschäftssinn und der Ankunft der ersten Kuh in Oregon bauen sie sich schon bald ein florierendes Geschäft auf, das auch die Aufmerksamkeit des Chief Factor erregt, den der Geschmack der Backwaren an das heimische Königreich erinnert. Das Problem ist nur, dass die Kuh eigentlich ihm gehört und er nichts davon ahnt, dass Cookie und King Lu nachts auf seine Weide schleichen. Mit dem klassischen Western hat »First Cow« wahrlich nur das Setting gemein. Reichardts Film erzählt die Geschichte von einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die in die falsche Zeit hineingeboren wurden, ruhig, einfühlsam und stets überraschend. Lars Tunçay

Ammonite

Ammonite

GB 2020, R: Francis Lee, D: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, 120 min

Die Wellen peitschen an die kalkweißen Klippen in Dorset in den 1840ern. Die raue Küste im Südwesten Englands hat Mary Anning geprägt. Tagsüber streift die verschlossene Frau den Strand entlang auf der Suche nach Fossilien. Abends kümmert sie sich um ihre betagte Mutter. Ihre Fundstücke ermöglichen den beiden ein kärgliches Auskommen. Während sie sich vor den wohlhabenden Frauen im Ort versteckt, werden ihre prähistorischen Fundstücke im British Museum in London zur Schau gestellt. Doch die Lorbeeren ernten andere. Ihr Leben ändert sich, als der Geschäftsmann Roderick Murchison sie aufsucht und sie bittet, sich um seine Gemahlin Charlotte zu kümmern. Die schüchterne junge Frau leidet unter Depressionen. Die Seeluft soll ihr guttun. Und tatsächlich setzt die Begegnung der beiden Frauen Gefühle frei, deren sie sich bald nicht mehr erwehren können. Bereits in seinem vielfach preisgekrönten Film »God’s Own Country« erzählte Regisseur Francis Lee von einer unverhofften homosexuellen Liebe. Für seinen zweiten Langfilm kann er auf zwei Charakterdarstellerinnen bauen: Kate Winslet spielt die Forscherin mit Zurückhaltung und Würde, Saoirse Ronan entwickelt Charlotte vom leblosen Anhängsel zu einer strahlenden, selbstbewussten Frau. Nicht zuletzt rückt Lee auch eine einflussreiche Paläontologin in den Fokus, die bis heute weitgehend auf ihre Rolle als Inspirationsquelle für einen englischen Zungenbrecher reduziert ist (»She sells seashells by the sea shore«). Lars Tunçay

Bergman Island

Bergman Island

F/B/D/SW 2021, R: Mia Hansen-Løve, D: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, 112 min

Mia Hansen-Løves Filme werfen stets einen persönlichen Blick auf die Geschichte. Sei es die Entstehung der French-House-Szene in den frühen Neunzigern mit dem Blick ihres Bruders in »Eden« oder der Verlust der Mutter in »Alles was kommt«. Ihr neues Werk »Bergman Island« geht noch einen Schritt weiter. Die Französin, die mit dem deutlich älteren Filmemacher Olivier Assayas (»Personal Shopper«) verheiratet ist, erzählt von der Beziehung der jungen Autorin Chris und des deutlich älteren Regisseurs Tony, die gemeinsam auf die Insel Fårö reisen. Das entlegene Eiland, das auch Hansen-Løve und Assayas oft bereisten, war die Wirkungsstätte Ingmar Bergmans und ist heute Pilgerstätte unzähliger Bergman-Fans. Chris und Tony sind Künstler und der Neid auf den Erfolg des anderen lässt sich in einer solchen Beziehung wohl nie ganz ausblenden. Während Tony die idyllische Natur kreativ beflügelt, steckt Chris in ihrer Handlung fest. Die Realitätsebenen zerfließen und über allem schwebt der Geist von Bergman. Man muss sein Werk nicht kennen, aber es hilft, um sich Mia Hansen-Løves Film zu erschließen. Schicht um Schicht verdichtet sie fast unbemerkt ihren Plot, der einem eigentümlichen Rhythmus folgt. Nicht zuletzt ist »Bergman Island« auch ein Film über das Filmemachen, oszillierend zwischen Wahrheit und Fiktion und wunderbar getragen von Vicky Krieps (»Der seidene Faden«) und Tim Roth. Lars Tunçay

Das Land meines Vaters

Das Land meines Vaters

F/B 2019, R: Edouard Bergeon, D: Guillaume Canet, Veerle Baetens, Anthony Bajon, 104 min

Pierre ist 25, als er aus Wyoming zurück nach Frankreich kommt, um den Hof des Vaters zu übernehmen. Er möchte sich eine Zukunft mit Claire aufbauen, doch von seinem Vater wird ihm nichts geschenkt. Selbst nachdem er das Gehöft erworben hat, gehört es nicht ihm. Monatlich drückt er eine Pacht an den Vater ab. Auch wenn das Geld knapp ist, setzt der Alte die Forderungen nicht aus. Und das ist es meistens, denn um mithalten zu können, muss Pierre investieren – und um zu investieren, muss er immer höhere Kredite aufnehmen. Ein Teufelskreis, der den Familienvater 17 Jahre später immer tiefer in einen Abwärtsstrudel zieht, unter dem auch seine Frau und die Kinder zu leiden haben. »Das Land meines Vaters« ist ein zutiefst persönlicher Film. Regisseur Edouard Bergeon erzählt darin schonungslos die Geschichte seiner eigenen Familie. Mit Charakterdarsteller Guillaume Canet (»Liebe mich, wenn du dich traust«) und der starken Veerle Baetens (»The Broken Circle Breakdown«) exzellent besetzt, schildert sein mitreißendes Spielfilmdebüt ein stellvertretendes Schicksal hinter den immer wiederkehrenden Protesten der französischen Bauern. Bergeons Film zeigt eine schwerwiegende, lang anhaltende Krise der französischen Agrarwirtschaft auf. Ein schmerzhaftes Mahnmal für die Tatsache, dass sich in Frankreich jeden Tag ein Landwirt das Leben nimmt, weil er keinen Ausweg mehr sieht. Lars Tunçay

Große Freiheit

Große Freiheit

D/A 2021, R: Sebastian Meise, D: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, 116 min

Hans Hoffmann sucht immer wieder öffentliche Toiletten auf, um sich mit anderen Männern zum Sex zu treffen. Im Jahr 1968 ist das unter Strafe verboten und geheime Überwachungsaufnahmen davon dienen der Staatsanwaltschaft als Beweis für eine neuerliche Anklage Hoffmanns. Denn der war zuvor schon während der Nazi-Herrschaft aufgrund von Paragraph 175 zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, die er auch nach dem Einmarsch der Alliierten und seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager noch in einem regulären Gefängnis absitzen musste. Trotz der erniedrigenden Behandlung im Knast knüpft Hoffmann dort auch echte Freundschaften. Sebastian Meise (»Outing«) nimmt sich in seinem Film der Ungerechtigkeiten in der Wirtschaftswunder-BRD gegen homosexuelle Männer an. In dem intensiven Charakterporträt wird den Zuschauern die bedrückende Atmosphäre und unmenschliche Behandlung in deutschen Gefängnissen eindringlich vor Augen geführt. Die Handlung springt zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her, um so Parallelen deutlich zu machen. Neben zahlreichen bedrückenden Szenen bleibt in »Große Freiheit« auch Zeit für eine poetische Liebesgeschichte, die sowohl an Wolfgang Petersens bekannten Fernsehfilm »Die Konsequenz« als auch an einige klassische Arbeiten Rainer Werner Fassbinders erinnert. Dafür gab es den Großen Preis der Jury in der renommierten Cannes-Reihe »Un Certain Regard«. Frank Brenner

Lieber Thomas

Lieber Thomas

D 2021, R: Andreas Kleinert, D: Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, 157 min

Die Kindheit von Thomas Brasch ist wohlbehütet. Als Sohn eines DDR-Funktionärs fehlt es ihm an nichts – außer an der Liebe des Vaters. Die Rebellion gegen die vorherrschenden Zustände treibt ihn in den Kampf, sein Schwert ist das Wort. Der junge Brasch eckt an. Demonstriert gegen Vietnam und das System. Den sozialistischen Gedanken hält er hoch, nur die Freiheit fehlt. Als er Flugblätter gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag verteilt, wird er vom Vater verraten. Thomas landet im Gefängnis. Aber auch das kann ihn nicht aufhalten. 1976 wird er schließlich aus der DDR geworfen und macht Karriere im Westen. Regisseur Andreas Kleinert lehnt seinen Film an die Biografie Braschs an, die Figuren und privaten Geschehnisse sind jedoch fiktional. Er fokussiert den Blick auf die Psyche des Autors. Mit zunehmendem Drogenkonsum in seiner orientierungslosen Phase in New York, wo er als vielversprechender Autor gefeiert wird, aber immer mehr den Halt verliert, nehmen Traumsequenzen überhand, die auch dem Zuschauer die Orientierung rauben. Kleinert, der an der Filmuni Babelsberg lehrt und dessen Filme (»Freischwimmer«, »Hedda«) rar gesät sind, widmet dem Querulanten Brasch einen unbequemen Film, fast dreistündig und in Schwarz-Weiß gedreht. Seine Biografie wird von einem unbarmherzigen Rhythmus getrieben, und einem furchtlosen Hauptdarsteller: Albrecht Schuch beweist hier erneut eindrucksvoll, dass er zu den besten Schauspielern des deutschen Kinos zählt. Lars Tunçay

The Great Green Wall

The Great Green Wall

GB 2019, Dok, R: Jared P. Scott, 90 min

GB 2019, R: Jared P. Scott Die Sahelzone erstreckt sich als natürliche Grenze zwischen der Sahara und der Feuchtsavanne. Dabei durchquert sie zahlreiche Länder Afrikas. 80 Prozent der Bevölkerung in der Region leben von der Landwirtschaft. Doch die Klimaerwärmung sorgt zunehmend für Naturkatastrophen und Dürre. Die Perspektivlosigkeit der Bevölkerung resultiert in Radikalisierung und Fluchtbewegung. Die »Great Green Wall« will eine Perspektive schaffen. Ein Mosaik aus Grünflächen entsteht, das sich wie ein grünes Band durch die Länder der Sahelzone zieht, ein 8.000 Kilometer langer Gürtel, der die Westküste Afrikas mit der Ostküste verbindet. Ein Band der Hoffnung für Millionen Menschen. In seinem Dokumentarfilm begleitet Regisseur Jared P. Scott die charismatische Sängerin Inna Modja auf ihrer Reise entlang der »Grünen Mauer«. Die malische Musikerin reist zu den Menschen im Senegal, in Nigeria und Äthiopien. Sie spricht mit ihnen über ihre Ängste, Träume und Hoffnungen in der Sprache, die schon immer die afrikanische Kultur bestimmt hat: der Musik. Scotts Film, produziert von Fernando Meirelles (»City of God«), gelingt es, in 90 Minuten viele Themen anzusprechen, ohne dass er überladen wirkt. Wie sich Scott informativ und kreativ mit dem Thema auseinandersetzt, ist absolut sehenswert. Lars Tunçay

Königreich derBären

Königreich derBären

Fabelhaft

F/I 2019 R: Lorenzo Mattotti Als der Gaukler Gédéone und seine junge Gehilfin Almerina in einer Höhle Zuflucht vor einem Schneesturm suchen, schrecken sie einen großen Bären auf. Um ihn bei Laune zu halten, erzählen sie ihm die Geschichte des Bärenkönigs Leonzio. Friedlich lebt der mit seinem Volk in den Bergen Siziliens, bis sein Sohn eines Tages ins Tal der Menschen verschleppt wird. Eine verspätete Befreiungsmission führt nach einigen Kämpfen, Irrungen und Wirrungen schließlich dazu, dass Leonzio zum König beider Völker – Bären und Menschen – wird. Der plötzlich sprechende Höhlenbär hat diesem Happy End jedoch noch ein überraschendes Kapitel hinzuzufügen. Das 1945 von Dino Buzzati verfasste und illustrierte Kinderbuch »Wie die Bären einst Sizilien eroberten« ist in Italien ein bekannter Klassiker. Für seinen ersten Animationsspielfilm hat der preisgekrönte Comiczeichner Lorenzo Mattotti die parabelhafte Fabel visuell erfreulich nah an der Vorlage umgesetzt, dazu aber auch hübsche Referenzen auf die italienische Kunst und sein eigenes Schaffen eingestreut. Für Kinder ist das Ergebnis ein märchenhaft-spannendes Abenteuer, für die Erwachsenen gibt es zwischen den Zeilen noch einiges mehr zu entdecken. Peter Hoch

Carmilla

Carmilla

Die neue Freundin

GB 2018, R: Emily Hais, D: Hannah Rae, Devim Linnau, Jessica Raine Lara steht an der Schwelle zum Erwachsensein und freut sich auf den Besuch ihrer Brieffreundin, wodurch die öden Tage mit ihrer gestrengen Gouvernante bald mehr Abwechslung bekommen dürften. Doch der Besuch wird abgesagt, stattdessen verunglückt nahe dem Anwesen kurze Zeit darauf eine Kutsche, in der sich ein hübsches Mädchen befindet. Da es sich nicht an seine Vergangenheit zu erinnern scheint, wird es von Lara Carmilla benannt. Die beiden ungefähr gleich alten jungen Frauen werden schnell zu besten Freundinnen, aber die Gouvernante ahnt, dass mit der Unbekannten etwas nicht stimmt. Emily Harris’ Film basiert auf Sheridan Le Fanus klassischer Vampirgeschichte »Carmilla«, die schon oft verfilmt wurde, aber nie die gleiche Bekanntheit wie Bram Stokers »Dracula« erlangte, der viele Ideen von Le Fanu übernommen hat. Harris’ bedächtig entwickelter Film schwelgt in exquisiten Bildern und reduziert den Horror der Vorlage auf ein Minimum, lässt diesen hauptsächlich in Traumsequenzen Gestalt annehmen. Stattdessen entfaltet die Regisseurin eine interessante Mischung aus stilvollem Kostümdrama, subtiler Coming-of-Age-Geschichte und stimmigem Psychogrusel. Frank Brenner

Kokon

Kokon

Erwachsenwerden

D 2020, R: Leonie Krippendorf, D: Lena Urzendowsky, Lena Klenke, Jella Haase Wenn Jule und ihre Freundinnen auf dem Balkon kiffen, mit den Jungs in der Shisha-Bar abhängen oder im Freibad ihre Körper präsentieren, ist Nora immer dabei. In den Augen der pubertierenden Mädels ist Jules kleine Schwester ein Anhängsel. Durch Noras Augen betrachtet, ist vieles neu und unverständlich. Mit der ersten Periode kommen die ersten Gefühle und die sind ausgerechnet bei der älteren Romy am stärksten. Ein Jahrhundertsommer in Berlin, bei dem die Hormone verrückt spielen. Mit einer Gruppe junger Erwachsener drehte Leonie Krippendorf wie bereits bei ihrem Erstling »Looping« eine authentische Geschichte vom Erwachsenwerden. Die Kamera von Martin Neumeyer (»Maybe Baby«) ist ganz nah dran an den Jugendlichen, die Sprache frei und unverfälscht – und dadurch bisweilen im Kreis der Clique schwer zu verstehen. Ihre Hauptdarstellerin Lena Urzendowsky verkörpert die Wandlung vom Mädchen zur jungen Frau absolut überzeugend. Ebenso stark sind Lena Klenke und Jella Haase, die sich endgültig von »Fack ju Göthe« verabschiedet haben. Mitunter wirken die Motive recht vordergründig, die Schmetterlings-Metapher allzu offensichtlich. Am stärksten ist »Kokon«, wenn er einfach nur beobachtet, wie Jugendliche jung sind. Lars Tunçay

Futur Drei

Futur Drei

D 2020, R: Faraz Shariat, D: Benny Radjaipour, Eidin Jalali, Banafshe Hourmazdi, 92 min

D 2020, R: Faraz Shariat, D: Benny Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali Groß war die Begeisterung auf der letztjährigen Berlinale für »Futur Drei«. Regisseur Faraz Shariat offenbart einen frischen Blick, einen Film, der Spaß macht und trotzdem ernste Themen anspricht und – was immer noch viel zu selten ist – seine Geschichte aus der Perspektive von Figuren mit Migrationshintergrund erzählt. Seinem Helden Parvis fehlt es an nichts. Der Sohn iranischer Einwanderer lebt ein sicheres Leben in Deutschland, wo der junge Mann auch seine Homosexualität offen ausleben kann. Doch er hat Mist gebaut und muss nun Sozialstunden in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber ableisten. Dort trifft er auf die iranischen Geschwister Banafshe und Amon und verbringt mit ihnen einen unbeschwerten Sommer in Berlin. Shariat fängt in seinem autobiografisch geprägten Debüt das Gefühl, jung zu sein, in warmen Bildern ein, erzählt aber auch einfühlsam von Flucht und Ausgrenzung. Für viele deutsche Produzenten ist das zu freizügig und ehrlich erzählt. Deshalb produzierte Shariat, der als Videoregisseur Erfahrungen sammelte, seinen Film mit Hilfe vieler Freunde selbst. So entstand nicht nur einer der aufregendsten deutschen Filme des vergangenen Jahres, sondern auch eine vielversprechende Stimme im deutschen Kino. Lars Tunçay

The 800

The 800

Überlebenskampf

CHN 2020 R: Hu Guan, D: Zhi-zhong Huang, Zhang Junyi, Hao Ou Mitte 1937 beginnt aus asiatischer Sicht der Zweite Weltkrieg, als die japanische Armee Teile des östlichen Chinas erobert. Als die Metropole Shanghai kurz vor dem Fall steht, wird von oberster Stelle angeordnet, ein Regiment zur Verteidigung eines strategisch bedeutsamen Lagerhauses am Suzhou-Fluss zurückzulassen – zur Sicherung des Abzugs der verbleibenden Truppen und vor den Augen der Welt, die dem sich abzeichnenden Gemetzel von der sicheren, gegenüberliegenden britischen Konzession aus beiwohnen kann. Knapp 100 Jahre später, im Coronajahr 2020, avancierte Regisseur Guan Hus bildgewaltige zweieinhalbstündige Aufbereitung der Schlacht durch die in Amerika und Europa weitgehend geschlossenen, in China im Sommer aber wieder geöffneten Kinos zum erfolgreichsten Film weltweit. Hinter neueren Hollywood-Genrevertretern wie »Dunkirk« oder »Herz aus Stahl« muss das Werk sich weder in technischer noch inhaltlicher Hinsicht verstecken. Hier wie dort sind Einzelschicksale weitestgehend irrelevant und gehen die kaum auseinanderzuhaltenden Figuren buchstäblich in Uniformen, Staub und Tod unter. Gleichzeitig schockiert das gezeigte grauenhafte Ganze wahlweise durch propagandistischen Subtext oder gewaltvolle Intensität. Peter Hoch

Greenland

Greenland

Heile Welt

USA/GB 2020, R: Ric Roman Waugh, D: Gerard Butler, Morena Baccarin, Roger Dale Floyd Ende Oktober 2020 war die Kinowelt für einen Moment in Ordnung: Zwei Stunden Zerstreuung mit Popcornbegleitung und die Gewissheit, dass Gerard Butler uns allen den Arsch retten wird. Danach ging es in Lockdown Nummer zwei und für viele Monate sollte es das letzte Kinoerlebnis gewesen sein. Heute wirkt das wie eine ferne Erinnerung und »Greenland« ist dort angekommen, wo derzeit alle Filme enden: auf dem Wohnzimmersofa. Wer aber ein wenig Abwechslung vom Streamingoverload und kurzweiliges Oldschool-Actionkino sucht, der kann sich hier beruhigt berieseln lassen und wird dabei noch überrascht. Denn der Film von »Buried«-Autor Chris Sparling und »Angel has fallen«-Regisseur Ric Roman Waugh hat durchaus mehr zu bieten als seine konventionelle Grundlage. Als ein Komet auf die Erde zurast, zählen John Garrity, seine Frau Allison und ihr Sohn Nathan zu den Auserwählten: Sie machen sich auf den Weg zu einem Militärflughafen, von wo aus ein Teil der Bevölkerung in einen Bunkerkomplex in Grönland geflogen werden soll. Doch der drohende Weltuntergang setzt die Moral außer Kraft und es folgt ein packend inszenierter Kampf ums Überleben, den Butler, der auch produzierte, seiner Familie ebenso garantiert wie uns einen unterhaltsamen Kinoabend. Lars Tunçay

Yes, God, Yes

Yes, God, Yes

Unterdrückt

In den frühen 2000ern wächst Alice in einer religiösen Familie in den USA auf. Als sie durch aufkeimende sexuelle Begierden in Verwirrung gestürzt wird, meldet sie sich zu einem christlichen Camp an, um zu einem sittlich-moralischen Leben zurückzufinden. Doch unter den frommen Teilnehmern und Betreuern herrscht eine seltsame Doppelmoral, da die meisten nur vordergründig zu dem stehen, was sie lautstark predigen, im Geheimen aber nur zu gerne ihren Bedürfnissen freien Lauf lassen. Karen Maine hat in ihrem Langfilmdebüt ihren Kurzfilm aus dem Jahr 2017, in dem bereits die bezaubernde Natalia Dyer (»Stranger Things«) die Hauptrolle verkörperte, thematisch vertieft und die Figuren ausgefeilter angelegt. Auf überaus gewitzte Weise widmet sich »Yes, God, Yes« der erwachenden Sexualität aus einer weiblichen Perspektive, in einem Land, das zunehmend prüder wird und in dem Religion eine zentrale Rolle spielt. Ähnlich wie in Joel Edgertons Konversionstherapie-Film »Der verlorene Sohn« geht es auch hier darum, die sexuelle Natur nicht zu unterdrücken und sich nicht von Menschen beeinflussen zu lassen, die selbst nicht nach ihren Werten leben – allerdings pointiert und wunderbar witzig. Frank Brenner

Fast Color – Die Macht in dir

Fast Color – Die Macht in dir

Belastende Kraft

In einer nahen Zukunft schlägt sich Ruth mit Gelegenheitsjobs durch den mittleren Westen der USA. Wasser ist das kostbarste Gut und auch Lebensmittel sind knapp, denn seit acht Jahren hat es nicht mehr geregnet. Die Mittdreißigerin wirkt, als sei sie auf der Flucht, in ihrer Handtasche bewahrt sie eine Pistole auf. Als sie in einem Motel übernachtet, kommt es zu einem mysteriösen Erdbeben – einem Beben, vor dem Ruth die Motel-Besitzerin kurz zuvor gewarnt hat. Während der Zuschauer versucht, sich einen Reim auf das Ereignis zu machen, wird klar, dass Ruth auf dem Weg nach Hause ist, zurück zu ihrer Tochter Lila und ihrer Mutter Bo, die sie vor Jahren verlassen hat – und dass einige Staatsbeamte ihr dicht auf den Fersen sind, um ihre besonderen Kräfte zu ergründen. In atmosphärischen Bildern und unterstützt von einem hypnotischen Soundtrack erzählt »Fast Color« eine altbekannte Geschichte auf ungewöhnliche Weise neu. Denn Independent-Regisseurin Julia Hart (»I’m Your Woman«) geht es nicht um typische Superhelden-Action und Radau, sondern um Zwischenmenschliches und leise Töne. Wenn Marvel oder DC demnächst bei ihr anklopfen sollten, wäre es trotzdem nicht verwunderlich. Peter Hoch

Die Erlösung der Fanny Lye

Die Erlösung der Fanny Lye

Glaubenskämpfe

England zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Gerade ist der Bürgerkrieg mit der Hinrichtung des Königs und der Ausrufung einer Republik zu Ende gegangen. »Die Erlösung der Fanny Lye« verweist kurz auf den historischen Rahmen, ehe der Film sich ganz auf seinen Schauplatz konzentriert. In einem kleinen, puritanischen Bauernhaus lebt Fanny Lye gemeinsam mit ihrem Mann John und Sohn Arthur. Mit spektakulären Fahrten fängt Kameramann Giorgos Arvanitis (»Homo Faber«) ihren Alltag ein. Der wird auf den Kopf gestellt, als ein junges Paar bei den Lyes Zuflucht sucht. Thomas und Rebecca lehnen den Puritanismus und seine Lehren von Sünde und Bestrafung ab. Bald kommt es deswegen zur Auseinandersetzung mit John. Und Fanny muss überlegen, auf welcher Seite sie steht, ehe alles in bester Westerntradition mit einem Showdown auf dem Hof endet. Regisseur Thomas Clay (»Soy Cowboy«) hat sich mit seinem Film einiges vorgenommen, und das geht nicht an jeder Stelle gut. Gerade die Figuren wirken mitunter unausgereift, die Handlung lässt große Lücken. Besonders eindrücklich wird Clays Film in den Momenten, in denen alle schweigen und Bilder und Musik Augenblicke schaffen, die an das Werk von Terrence Malick erinnern. Ein wechselhaftes Vergnügen. Josef Braun

Captive State

Captive State

Trübe Aussichten

Rupert Wyatt (»Planet der Affen: Prevolution«) ist kein Optimist, was unsere Zukunft betrifft. In seinem neuen Film »Captive State« sind die Aliens im Jahr 2018 über die Erde hergefallen. Neun Jahre später hat die Welt kapituliert. Die Außerirdischen haben die Menschheit versklavt und sich in ihren Metropolen eingenistet. Eine polizeiliche Behörde sorgt dafür, dass jede Form von Widerstand drakonisch bestraft wird. Doch in vielen Teilen der Welt arbeiten Rebellen im Untergrund daran, die Kontrolle zurückzuerlangen. Der Reiz an Wyatts Vision liegt zum einen in der atmosphärischen Inszenierung und der Welt, die er kreierte. Sein Ansatz ist ernsthaft, schlüssig und deprimierend. Was »Captive State« außerdem sehenswert macht, sind die unterschiedlichen Perspektiven: Auf der einen Seite verfolgen wir William Mulligan – überzeugend verkörpert von John Goodman – dabei, wie er als Handlanger der Aliens einfach nur das Beste aus seinem Job macht. Auf der anderen Seite haben wir mit dem jungen Gabriel einen Charakter, der als Bruder eines Märtyrers unfreiwillig in den Widerstand hineingeraten ist. Das ist reizvoll erzählt, auch wenn es Wyatt nicht immer gelingt, alle Fäden in den Händen zu behalten. Lars Tunçay

Hausen – Staffel 1

Hausen – Staffel 1

Horrorplatte

D 2020, 8 x 60 min, R: Thomas Stuber, D: Charly Hübner, Tristan Göbel, Alexander Scheer Der 16-jährige Juri und sein Vater Jaschek ziehen nach dem Tod der Mutter in einen heruntergekommenen Plattenbau am Rand der Stadt. Während Jaschek versucht, als Hausmeister des maroden Gebäudes eine neue Existenz für sich und seinen Sohn aufzubauen, entdeckt Juri nach und nach, dass das Haus ein bösartiges Eigenleben führt und sich vom Leid seiner Bewohner ernährt. Um es zu bekämpfen, muss Juri die teils feindselige, teils apathische Blockbevölkerung zur Zusammenarbeit bewegen – und sich gegen seinen Vater auflehnen, der immer mehr in den Bann des Hauses gerät. Gemeinsam mit Autorin Anna Stoeva erfüllten sich der Leipziger Thomas Stuber (»In den Gängen«) und Koautor Till Kleinert (»Der Samurai«) mit »Hausen« einen Traum: In acht Episoden zelebrieren sie ihre Liebe zum Horrorfilm. Ihre Hommage an klassischen »Haunted House«-Grusel setzen sie mit herrlich organischen Effekten und viel Atmosphäre in Szene. Auch wenn sie die Szenerie mit einigen Personen und Geschichten zu viel bevölkern, gelingt ihnen doch eine bahnbrechende Serie, die so im deutschen Free-TV wohl kaum möglich wäre. Bei Sky drehen sie frei und schaffen einen atmosphärisch düsteren Albtraum in einem Plattenbau. Mysteriös, kryptisch und mordsspannend. Lars Tunçay