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Rezensionen

Varda par Agnès

Varda par Agnès

Ein Künstlerleben

F 2019, Dok, 115 min, R: Agnès Varda Mehr als sechzig Jahre lang bereicherte Agnès Varda das Kino. Die gebürtige Belgierin war eine Schlüsselfigur des europäischen Films und die »Großmutter der Nouvelle Vague«. Doch der Spielfilm reichte ihr nie. Auch in Fotografien und Skulpturen drückte sie sich aus und drehte zahlreiche Dokumentarfilme. Wohl niemand hätte ihr Leben besser in Szene setzen können als sie selbst. »Varda par Agnès« ist ein Streifzug durch ihre Kunst, eine Biografie anhand der Werke, in ihren eigenen Worten. Persönliches erfährt man nur am Rande, dafür viel über ihre unbändige Leidenschaft für die Kunst. Frühe filmische Gehversuche, ihr Durchbruch mit »Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7«, Dokumentarfilme in den USA über die »Black Power Generation«, ein Porträt ihrer Freundin Jane Birkin und immer wieder ist da ihr Partner und Lebensgefährte Jacques Demy. Ihre Themen waren stets ihr eigenes Leben, geliebte Menschen, die Gesellschaft, die sie umgab, und die Widersprüchlichkeiten, die sie auszeichnen. Im Abbilden der Realität ist ihr immer die Lust am Experiment geblieben. So ist »Varda par Agnès« nun ihr letztes Werk geworden. Eine quirlig-kunstvolle filmische Biografie. Zwei Stunden Filmgeschichte. Ein Fest für Cineasten und ein Aufruf zur Kreativität, sofern man Auge und Ohr für ihre Sicht der Welt mitbringt. Und ein Abschiedsbrief: Kurz nach der Fertigstellung starb die Künstlerin im stolzen Alter von 90 Jahren. Lars Tunçay

Die Farbe aus dem All

Die Farbe aus dem All

Purpurne Tentakel

USA/MAL/P 2019, OmU, 111 min, R: Richard Stanley, D: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur Bei Genrekennern genießen Richard Stanleys »Dust Devil« und »M.A.R.K. 13 – Hardware« aus den frühen Neunzigern Kultstatus. Mit seiner Adaption einer Kurzgeschichte von Horrorliteraturikone H. P. Lovecraft gelingt dem Regisseur nun nach einem Vierteljahrhundert Schaffenspause ein furioses Comeback. Erst seit Kurzem leben Nathan und Theresa Gardner mit ihren drei Kindern auf einer kleinen Farm im Wald nahe dem Ort Arkham in Massachusetts. Dort soll die Familie durch Alpakazucht und Gemüseanbau nach Theresas Brustkrebs-OP etwas zur Ruhe kommen. Als ein purpurn schimmernder Meteorit abstürzt, kehren stattdessen Wahnsinn und Grauen in das ländliche Idyll ein. An Lovecraft beißt die Filmwelt sich seit eh und je die Zähne aus, trotzdem sind in den nächsten Jahren einige neue Versuche geplant, sich seiner anzunehmen. Stanley glückt schon jetzt das seltene Kunststück, die Ideen des Meisters modernisiert in angsteinflößende, zerfließende B-Movie-Bilder zu packen. Mit Unterstützung der Filmmusik von Saxofonist Colin Stetson, der schon beim Horrorhit »Hereditary« für die im besten Sinne schreckliche Klangkulisse sorgte, erinnert das verstörende Albtraumszenario an John Carpenters »Das Ding aus einer anderen Welt«, Alex Garlands »Auslöschung« oder David Cronenbergs zahlreiche Bodyhorrorthriller - und nicht einmal Nicolas Cages wie üblich etwas anstrengendes Overacting, das in der zweiten Filmhälfte Fahrt aufnimmt, stört hier. Peter Hoch

Das freiwillige Jahr

Das freiwillige Jahr

Vielleicht

D 2019, 86 min, R: Ulrich Köhler, Henner Winckler, D: Maj-Britt Klenke, Sebastian Rudolph, Thomas Schubert Jette steht die Welt offen, sie hat nur noch keine Ahnung, was sie damit anfangen will. Sie hat ihr Abitur in der Tasche und steht kurz vor dem Abflug in ein freiwilliges soziales Jahr in Costa Rica. Ihr Vater Urs hat das arrangiert. Die Mutter fehlt und Urs sieht sich in der Pflicht, beide Elternteile auszufüllen und doppelt so umtriebig zu sein. Das entspricht seiner Natur, wie gleich zu Beginn klar wird. Als die beiden auf dem Weg zum Flughafen bei Urs' Bruder Frank Halt machen, ist er davon überzeugt, dass Frank zu Hause ist, obwohl er nicht aufmacht. Also setzt er fortan alles daran, in die Wohnung einzudringen. Derweil bringt Mario Jette zum Flughafen und sie muss feststellen, dass sie eigentlich doch nicht weg will. Sie stachelt Mario an, mit ihr durchzubrennen, doch weit kommen sie nicht. In ihrer ersten Zusammenarbeit zeigen Ulrich Köhler (»In My Room«) und Henner Winckler (»Lucy«), wie Entscheidungen eine Eigendynamik entwickeln. Jede Flucht vor der Verantwortung endet im Morast oder in zugeparkten Autos. In langen Einstellungen begleitet die Kamera von Patrick Orth (»Toni Erdmann«) die Figuren durch zwei Tage und Nächte und ist immer nah dran. Die drei zentralen Charaktere sind realistisch angelegt in ihren Wünschen und Zweifeln. In seiner engen Chronologie entwickelt »Das freiwillige Jahr« eine starke Sogwirkung, die auch den überzeugenden Darstellern zu verdanken ist. Lars Tunçay

Für Sama

Für Sama

An die Menschlichkeit

GB 2019, Dok, 95 min, R: Waad al-Kateab, Edward Watts Ein Junge, der sich von seinem besten Freund im Stich gelassen fühlt, weil dieser mit seiner Familie geflohen ist. Ein anderer, der seinen schwer verletzten Bruder nach einer Explosion ins Krankenhaus trägt. Ein kaum einjähriges Mädchen, das nicht reagiert, wenn aus nächster Nähe die Bombendetonationen zu hören sind – sie ist an dieses Geräusch gewöhnt. Dieses Mädchen ist Sama. Sie und die anderen Kinder harren mit ihren Familien in Ost-Aleppo aus, während über ihren Köpfen ein Krieg tobt, der keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Regisseurin Waad al-Kateab hat all diese Erlebnisse mit ihrer Kamera festgehalten: den Schrecken des Krieges, aber eben auch die hoffnungsvollen Momente, die Freude der Menschen, die füreinander da sind und weder aufgeben können noch wollen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Hamza, lebte Waad al-Kateab in einem selbst eingerichteten Krankenhaus in Ost-Aleppo, später wird es die letzte Einrichtung dieser Art sein, die nicht komplett zerstört wurde. Als ihre Tochter Sama geboren wird, schwanken sie zwischen der Verantwortung für die Menschen vor Ort und für ihre eigene kleine Familie. Die emotionalen und teils drastischen Bilder gingen um die Welt – »Für Sama« wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und erhielt eine Oscarnominierung. Hinsehen ist nicht immer leicht, aber der Film macht deutlich, dass Wegsehen niemals eine Lösung ist. Hanne Biermann

The Gentlemen

The Gentlemen

Überholt

USA 2020, 113 min, R: Guy Ritchie, D: Matthew McConaughey, Charlie Hunnam, Michelle Dockery Hat sich die Erde weitergedreht? Ist die Welt einfach eine andere als noch vor zwei Jahrzehnten, als Guy Ritchie mit Filmen wie »Bube Dame König gRas« und »Snatch« das Genre des britischen Gangsterfilms prägte? Irgendwie wirkt Ritchies Weltbild mit heutigen Augen unangenehm veraltet. Dabei sind die Zutaten dieselben wie eh und je: Man nehme einen aalglatten Drogenboss – Flash auf ein Standbild von Matthew McConaughey als Mickey Pearson –, der sich zur Ruhe setzen will, um mehr Zeit mit seiner heißen und selbstbewussten Frau Rosalind – Schnitt auf Michelle Dockerty im Catsuit – zu verbringen. Daher sucht er einen potenziellen Käufer, der sein Erbe – Untergrund-Marihuana-Plantagen, quer verteilt über das gesamte Königreich – übernehmen soll. Hier betritt der distinguierte Matthew die Bühne. Er ist aber nicht allein, denn natürlich wetzt die Konkurrenz aus China bereits die Messer, um sich nicht etwa nur ein Stück des Kuchens, sondern gleich die ganze Torte einzuverleiben. Das ist wie gewohnt atemlos erzählt und visuell virtuos inszeniert, zudem mit einer ganzen Riege aus bekannten Akteuren besetzt: Hugh Grant als Klatschreporter, Colin Farrell als Nahkampftrainer, Charlie Hunnam als Handlanger – ausnahmslos allen sieht man den Spaß an der Sache an und der überträgt sich auch auf die Zuschauer. Aber das fragwürdige Frauenbild und die abgegriffenen Klischees hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack. Lars Tunçay

Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint

Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint

Eine Entdeckung

D 2018, Dok, 93 min, R: Halina Dyrschka Die schwedische Malerin Hilma af Klint lebte von 1862 bis 1944. Während ihres intensiven künstlerischen Lebens schuf sie ein umfassendes Werk, das es heute neu zu entdecken gilt. Einer adeligen Familie entstammend, deren Männer seit Generationen zur See fuhren und die Meere kartografierten, malte Klint zunächst das, was sie sah. In der Kunstakademie entstanden so Porträts und Landschaftsaufnahmen. Diesen Bildern ist vor allem eines gemein: starke, eindrückliche Farben und geometrische Formen. Seit der Kindheit interessierte sich Klint für die Naturwissenschaft. Deren Erkenntnisse wie die Quanten- oder die Relativitätstheorie, brachten sie dazu, ihre Wahrnehmung der Welt zu überdenken. Sie wendete sich der Theosophie zu, begriff sich als Medium ihrer eigenen Kunst. »Jenseits des Unsichtbaren« zeigt, anhand von Klints Kunstwerken, ihre Entwicklung vom Naturalistischen hin zum Abstrakten. Deutlich stellt die Dokumentation heraus, dass es eigentlich Klint war, und nicht Kandinsky, die als Erste abstrakt malte. Leider legt die Regisseurin den Fokus jedoch zu sehr auf den mystischen Aspekt von Klints Werk. Dabei kombiniert sie die Kunstwerke mit Aufnahmen von Wasser und Bäumen in Endlosschleife. So drängt sich der Eindruck auf, dass da nicht nur eine Künstlerin wiederentdeckt, sondern zugleich ein ganz bestimmtes Bild derselben vermittelt werden soll. Am Ende sind es vor allem Klints Arbeiten, die in Erinnerung bleiben. Josef Braun

Über die Unendlichkeit

Über die Unendlichkeit

Trostlos

S/D/NOR 2019, 78 min, R: Roy Andersson, D: Bengt Bergius, Anja Broms, Marie Burman Es steht schlecht um die Menschheit. Selbst Roy Andersson, Meister der Absurditäten des Lebens, kann dem Zustand der Welt immer weniger Schmunzelnswertes abgewinnen. Noch immer vermag der schwedische Regisseur zu verblüffen – und zu verwirren. Nach dem gut aufgelegten »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach« sinniert er in seinem neuen Film »Über die Unendlichkeit«. Eine Reflexion über das menschliche Leben in all seiner Schönheit und Grausamkeit, seiner Pracht und Banalität. Es sind Beobachtungen der menschlichen Natur, die Andersson antreiben und ein erbarmungswürdiges Bild abgeben. Liebe, Glaube, Krieg und Verletzlichkeit, in einem Moment berührend, im nächsten irritierend und schmerzhaft. Ein Mikrokosmos der Skurrilitäten, zusammengehalten durch die Stimme einer Frau, die jeder Szene eine Überschrift gibt. Wie gewohnt inszeniert Andersson wortkarg und kulissenhaft. Die Farben sind reduziert, Grau und Beige dominieren. Das Erzähltempo ist langsam, die Szenen sind lang und ihr Sinn erschließt sich nicht immer auf Anhieb. Auch wenn hier und da Lichtstrahlen durch den aschgrauen Himmel fallen, ist Anderssons Blick ein grimmiger. Trotzdem trifft er immer einen Punkt tief in der menschlichen Seele des Betrachters. Da wirkt es fast entschuldigend, wenn eine seiner Figuren gegen Ende in die weihnachtliche Kneipe fragt: Aber ist es nicht doch irgendwie alles fantastisch? Lars Tunçay

La Vérité

La Vérité

Stille Abrechnung

F/J 2019, 108 min, R: Hirokazu Kore-eda, D: Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke Die Familie ist das wiederkehrende Thema im Werk von Hirokazu Koreeda. Zuletzt schuf er mit »Shoplifters« das einfühlsame Porträt einer Wahlfamilie und gewann damit die Goldene Palme von Cannes. Nun drehte er zum ersten Mal außerhalb Japans und wandelt doch auf vertrauten Pfaden. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen Fabienne und ihrer Tochter Lumir. Fabienne war einst ein gefeierter Star und gab nach außen die hingebungsvolle, perfekte Mutter. Ihre Tochter Lumir hat andere Erinnerungen an ihre Kindheit und eine Mutter, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen war. Und dann sind da die Bilder der jungen, hoffnungsvollen Schauspielerin, die sich damals um Lumir kümmerte und deren überraschender Tod einen Schatten über die Gegenwart wirft. Als Lumir nun Jahrzehnte später mit ihrem Mann Hank aus den Staaten nach Paris zurückkehrt, konfrontiert sie ihre Mutter mit ihrer Seite der Wahrheit. Koreedas einfühlsame Art zu erzählen verbindet sich dabei mit dem Schauspiel zweier Legenden: Catherine Deneuve und Juliette Binoche standen hier erstmals gemeinsam vor der Kamera und ihre Schauspielkunst beherrscht die Leinwand. Zwischen die Spannungen mischen sich Fäden jenes feinen menschlichen Humors, der Koreedas Filme so unnachahmlich macht. »La Vérité« ist eine interessante Symbiose aus hochdramatischem Kino französischer Prägung, erzählt mit japanischer Ruhe und Gelassenheit. Lars Tunçay

Waves

Waves

Geschwister

USA 2019, auch OmU, 135 min, R: Edward Shults, D: Taylor Russell, Kelvin Harrison Jr., Alexa Demie Im ersten Teil von »Waves« steht der Teenager Tyler im Mittelpunkt, dem Sport über alles geht. Er bekommt Probleme, als seine Freundin ungewollt schwanger wird und sich die beiden nicht über die weiteren Entscheidungen einigen können. Auch eine Schulterverletzung macht Tyler zu schaffen, die er ignoriert, um keine wertvollen Punkte für die laufende Saison einzubüßen. In der zweiten Filmhälfte wechselt die Perspektive, nun dreht sich alles um Tylers jüngere Schwester Emily. Die bekommt vom schüchternen Luke den Hof gemacht, der aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt und nun mit dem bevorstehenden Tod seines entfremdeten Vaters klarkommen muss. Schon »It Comes at Night« war eigentlich mehr Familiendrama als Horrorthriller, deswegen ist »Waves« nun lediglich der nächste logische Schritt in Trey Edward Shults' Karriere. Der Regisseur hat das Drehbuch auch selbst geschrieben und inhaltlich sehr voll gepackt. Tiefgründig lotet er dabei das Leben einer afroamerikanischen Familie der gehobenen Mittelschicht aus, hätte sich jedoch in seiner Inszenierung so manche unnötige Ausschweifung sparen können. Mit zweieinviertel Stunden Laufzeit ist »Waves« nämlich etwas zu lang geraten. Doch dieses Manko wird durch das packende Drehbuch und die durchweg exzellenten Schauspielerleistungen der hierzulande noch weitgehend unbekannten Darsteller wieder aufgefangen. Ein facettenreiches Familienporträt, das einen emotional tief in das Geschehen hineinzieht. Frank Brenner

Spuren - Die Opfer des NSU

Spuren - Die Opfer des NSU

Wunden

D 2019, Dok, 81 min, R: Aysun Bademsoy Diese »Spuren« sind Wunden. Es sind Verletzungen, denen Aysun Bademsoy nachgeht: jene seelischen Wunden, mit denen die Hinterbliebenen der NSU-Ermordeten leben müssen. Zehn Menschen wurden Opfer der extrem rechten Terroristen. Der fünf Jahre dauernde Prozess brachte wenig bis keine Aufklärung. Die Rolle und die mutmaßliche Involviertheit des Verfassungsschutzes blieben im Nebel. Das Unterstützernetzwerk der Täter blieb weitestgehend unangetastet, man spricht bis heute von einem Trio. Bademsoy porträtiert einige Hinterbliebene. Sie erzählen von der Kriminalisierung durch die Polizei, weil diese nur in Richtung »kriminelle Ausländer« ermittelte. Diese Demütigungen lassen sie genauso wenig los, wie sie den Verlust des geliebten Vaters, Ehemannes, Bruders nicht verwinden können. Im Sprechen über ihre Verwandten treten auch triviale Aussagen zutage, etwa modische oder cineastische Vorlieben. Vorm Hintergrund aber, dass diese Menschen aus der Welt gerissen wurden, weil Nazis tun, was Nazis tun, wenn man Nazis tun lässt, erhöht gerade diese Trivialität die Bedeutung der Aussagen. Der Film ist im Zugriff selektiv, man erfährt nicht, warum gerade diese Familien porträtiert werden. Manchmal wirkt er unkonzentriert, so als ob einige Personen unterwegs abgepasst wurden. Damit verschenkt er Wirkung. Das schwächt Verlustschilderungen nicht ab, hinterlässt aber auch einen Eindruck von Beliebigkeit. Tobias Prüwer

Sorry we missed you

Sorry we missed you

Erschütternd

GB/B/F 2018, 101 min, R: Ken Loach, D: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone Ricky Turner hat einen Traum. Er möchte aus der kleinen Wohnung raus, in der er mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt. Doch die Chancen auf Arbeit stehen schlecht in Newcastle. Die ehemalige Industriestadt ist heruntergekommen. Die großen Jobs gehören längst der Vergangenheit an. Also versucht Turner es bei einem Versandunternehmen, dessen Chef ihm anbietet, als Subunternehmer in seine Firma einzusteigen. Ein vergiftetes Angebot. Denn der Begriff verschleiert nur ein Anstellungsverhältnis, bei dem der Arbeitgeber die Gewinne einfährt, das Risiko aber komplett auf den Schultern des Arbeitnehmers lastet. Drehbuchautor Paul Laverty ist für die Recherche tief eingestiegen in die Welt der Paketzusteller. Seine Erkenntnisse über eine unbarmherzige Berufswelt und die Folgen, die sie für Männer wie Ricky Turner und seine Familie hat, bringt Ken Loach gewohnt kämpferisch auf die Leinwand. Die Schauspieler sind kaum bekannt, Musik gibt es nur selten und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb entfaltet der Film von der ersten Szene an eine ungeheure Wucht. Gekonnt balancieren Loach und Laverty die schmale Linie zwischen wütender Sozialkritik und kurzen Momenten der Schönheit, die die Zuschauer zum Atmen kommen lassen, entlang. Bleibt zu hoffen, dass Ken Loach die Gesundheit behält, weiter zu arbeiten. »Sorry we missed you« ist der beste Beweis dafür, dass seine Stimme im aktuellen Kino noch immer dringend benötigt wird. Josef Braun

Ein verborgenes Leben

Ein verborgenes Leben

Pazifismus-Lektion

USA/D 2019, 173 min, R: Terrence Malick, D: August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon 1938 arbeiten der junge Bauer Franz Jägerstätter und seine Frau Franziska hart, sind zutiefst ineinander verliebt und erfreuen sich an der Lebenslust ihrer kleinen Töchter. Doch selbst im oberösterreichischen Bergdorf St. Radegund wird immer deutlicher, was im Rest des Landes längst zu sehen ist: Die Nazis erweitern ihren Einflussbereich und in Europa beginnt der Zweite Weltkrieg. Mit dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich wird auch Franz – einnehmend gespielt von August Diehl – zur Wehrausbildung einberufen. Für den Katholiken steht Hitlers Kriegstreiberei jedoch in völligem Widerspruch zu seinem Glauben, was dazu führt, dass er den Dienst an der Waffe verweigert – mit fatalen Folgen. Bis 2010 drehte Terrence Malick nur vier Filme in vier Jahrzehnten. Altersmüde kann man den 76-Jährigen aber nicht nennen. Sein neues, inzwischen schon sechstes Spätwerk orientiert sich an Gordon C. Zahns Buch »Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter«. Daran angelehnt entwirft der Ausnahmeregisseur ein gewohnt bildgewaltiges spirituelles Drama, das mithilfe vieler innerer Monologe Einblicke in die pazifistische Weltanschauung des Protagonisten gewährt. Dies, die schwebende Kamera und James Newton Howards Soundtrack sorgen im Genre des historischen und biografischen Films für ein ungewohntes, eindringliches Seh- und Hörerlebnis. Peter Hoch

Intrige

Intrige

Justizskandal

F/I 2019, 132 min, R: Roman Polanski, D: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner Über einhundert Jahre liegt die Affäre Dreyfus zurück und ist seitdem in zahlreichen Spielfilmen und einem international beachteten Theaterstück behandelt worden. Zuletzt nahm sich Bestsellerautor Robert Harris des Stoffs in seinem Roman »Intrige« an. Regisseur Roman Polanski arbeitete bereits für »Der Ghostwriter« mit Harris zusammen und adaptierte »Intrige« nun als packenden Justizthriller. Er erzählt sachlich, aber spannend von den Ereignissen um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der 1894 fälschlich der Spionage bezichtigt und zu einer lebenslangen Haftstrafe auf der Gefängnisinsel »Devil‹s Island« verurteilt wird. Als der aufrechte Colonel Georges Picquart seinen Posten als Chef des Nachrichtendienstes antritt, stößt er auf einen beispiellosen Justizskandal, in den die höchsten Offiziere verwickelt sind. Gegen alle Widerstände nimmt er den Kampf um Gerechtigkeit auf. Roman Polanski machte daraus seinen seit langer Zeit besten Film. Zu verdanken ist das nicht zuletzt seinem überragenden Hauptdarsteller: Jean Dujardin (»The Artist«) glänzt mit nuanciertem Spiel in der Rolle des Ermittlers Picquart, dem wir durch ein authentisch gestaltetes Paris zur Jahrhundertwende folgen. Polanskis Film ist jedoch kein angestaubtes Historienkino, sondern vielmehr angesichts weltweiter antisemitischer Tendenzen aktueller denn je. Dafür gab es zu Recht den Großen Preis der Jury in Venedig. Lars Tunçay

Besser Welt als nie

Besser Welt als nie

Berg- und Talfahrt

D 2020, Dok, 110 min, R: Dennis Kailing 43.600 Kilometer, 41 Länder, 761 Tage – im Sommer 2015 machte sich der damals 24-jährige Dennis Kailing aus seiner Heimatstadt Gelnhausen in Hessen auf den Weg, der weiter führte als der vertraute Weg zur Arbeit. Er sattelte sein Fahrrad und zog los, die Welt zu erkunden. Entstanden ist ein beeindruckender Dokumentarfilm, den er zum Teil via Crowdfunding finanzierte. Aus 72 Stunden Rohmaterial schnitt er knapp zwei Stunden, die natürlich nicht die gesamte Reise abbilden können, aber den Zuschauer dennoch mitnehmen auf einen Streifzug um die Welt. Abgesehen von drei Flugreisen über das arabische Meer nach Nepal, nach Australien und in die USA, bewältigte er sämtliche Strecken mit dem Fahrrad. Eine beeindruckende, aber nicht immer einfache Art zu reisen. Aber ein wirklich interessanter Blickwinkel, der ihm beispielsweise in Myanmar ermöglichte, relativ unbehelligt durch das Land zu reisen, ohne sich einer Gruppe anschließen zu müssen. So lernt Kailing Menschen auf seinem Weg kennen, deren Geister ihn auf dem Rest seiner Reise begleiten. Den Fokus seiner Dokumentation legt Kailing auf die Begegnungen mit diesen Menschen. Das hebt ihn ab von den Selbsterfahrungstrips und Sightseeing-Videos, die sich unter der Reisedokuwelle tummeln. Kailing begegnet den Menschen mit Respekt und Neugier und kehrt als anderer Mensch zurück in seine Heimat. Ein inspirierender Roadtrip. Lars Tunçay

Bombshell

Bombshell

Dreckskerl

USA/CDN 2019, 110 min, R: Jay Roach, D: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie Roger Ailes ist ein alter, kranker und hässlicher Mann, aber er leitet anno 2016 den wichtigsten Nachrichtensender in den USA, Fox News. Schöne Frauen gehen in seinem Büro ein und aus. Vielen von ihnen verschafft er begehrte Positionen als Moderatorinnen seiner zahlreichen Nachrichtensendungen. Welche Gefälligkeiten er im Austausch dafür von den jungen Damen verlangt, wissen viele, doch keiner spricht darüber. Bis der Moderatorin Gretchen Carlson beim Sender gekündigt wird und sie daraufhin eine Klage gegen den mächtigen Medienmogul wegen sexueller Belästigung anstrengt. Bald schon schließen sich ihr etliche weitere Frauen an. Ailes war einer der ersten Männer in Machtpositionen, deren steile Karriere durch geballte Vorwürfe sexueller Belästigungen endete. Noch vor dem Fall Harvey Weinstein sorgte die Anklage Ailes' in den USA für einen medialen Sturm. Jay Roachs Film ist nun auch die erste große Hollywood-Aufarbeitung des »Me Too«-Skandals. Charles Randolph (»The Big Short«) fällt dabei die schwierige Pflicht zu, ein überaus komplexes Thema, das sich über Jahrzehnte aufgebaut und manifestiert hat, in Drehbuchform zu fassen. Roach und Randolph greifen nur selten auf Vereinfachungen zurück und ihnen gelingt eine facettenreiche Aufarbeitung der Vorkommnisse. »Bombshell« macht sowohl das Dilemma der Frauen deutlich, die schweigen, um in der Branche nicht komplett diskreditiert zu werden, als auch die psychologischen Fallstricke, durch die sie sich selbst in die Täterrolle manövrieren. Frank Brenner

Congo Murder

Congo Murder

Einfaltspinsel in Afrika

N/S/DK/D 2019, 128 min, R: Marius Holst, D: Aksel Hennie, Tobias Santelmann, Ine F. Jansen Als Joshua French 2009 im Kongo landet, wartet Tjostolv Moland schon auf ihn. Die beiden Ex-Soldaten kennen Afrika. Gemeinsam haben sie als Söldner in Uganda gekämpft. Joshua lebt bei seiner Frau in Norwegen. Tjostolv ist anders. Er kann nicht zurück in ein normales Leben. Er ist süchtig nach Afrika, ein Thrill-Junkie, immer auf der Suche nach dem nächsten Fix. Joshua lässt sich davon anstecken. Nur auf dem Schlachtfeld fühlen sie sich wirklich lebendig. Da sind sie im viertgrößten Staat Afrikas genau richtig. Im Kongokrieg führt das Militär eine blutige Schlacht gegen die Rebellen unter der Führung des Tutsi Laurent Nkunda. In seinem Auftrag sollen sie in die feindlichen Linien vordringen und die gestohlenen Schätze zurückholen. Begeistert stürzen sich Tjostolv und Joshua ins Abenteuer. Doch schon bald rennen die beiden Weißen um ihr Leben. Die Stimme von Joshua, der die Geschichte aus dem Knast heraus erzählt, macht von vornherein klar, womit wir es zu tun haben: Mit zwei moralisch höchst fragwürdigen Figuren, die sich mit einer Mischung aus Naivität und Einfalt ins Abenteuer stürzen. Das macht es allerdings äußerst schwer, jedwede Form von Empathie für sie aufzubringen. Wenn Joshua Rechtfertigungen absondert wie »Tjostolv war kein Mörder. Er war ein Killer« – dann wird man das Gefühl nicht los, die Filmemacher wollen Zustimmung provozieren, ernten aber nur Kopfschütteln. Lars Tunçay

1917

1917

In der Todeszone

GB/USA 2019, auch OmU, 118 min, R: Sam Mendes, D: Andrew Scott, Benedict Cumberbatch, Mark Strong Aschfahle Gesichter und ein Gewirr aus Gängen und Geröll sind alles, was der britische Soldat Schofield noch um sich herum wahrnimmt. Erschöpft irrt er in den Schützengräben im nordfranzösischen Niemandsland umher, bis ihn sein Freund Blake mit zum Divisionsgeneral nimmt, der sie auf eine Mission schickt, deren Ausgang über Leben oder Tod von 1.600 Kameraden entscheiden könnte. Nach der spektakulären Eröffnungsszene von »Spectre« hat Regisseur Sam Mendes nun einen kompletten Film als Plansequenz angelegt: »1917« sieht aus, als wäre er in einer einzigen, ununterbrochenen Kamerafahrt gedreht. Tatsächlich wurde hier und da geschickt geschnitten und getrickst, die Wirkung dieser logistischen Meisterleistung schmälert das aber nicht. Intensiv lässt sich miterleben, welchem Wahnsinn die unbedarften jungen Männer einst ausgesetzt waren. Gewichtigen Anteil daran hat neben der Arbeit von Bildergott Roger Deakins die bedrohliche Filmmusik von Thomas Newman. Bei aller formalen Raffinesse sind es aber auch die Leistungen der beiden Hauptdarsteller George MacKay und Dean-Charles Chapman, die zum Gelingen beitragen. Inspiriert wurde das fiktive Drehbuch von den Erzählungen von Mendes‹ Großvater und dessen Erlebnissen nahe der Hindenburglinie. Weshalb »1917« dann allerdings auch ein lupenreiner Kriegsfilm ist, der denjenigen, die mit dem Genre nichts anfangen können, trotz aller Perfektion nicht behagen wird. Peter Hoch

Buñuel – Im Labyrinth der Schildkröten

Buñuel – Im Labyrinth der Schildkröten

Heimkehr

E 2019, OmU, 80 min, R: Salvador Simó Anfang der dreißiger Jahre ist Luis Buñuel in seiner Wahlheimat Paris gefeiert und gehasst gleichermaßen. Mit »Das goldene Zeitalter« und »Ein andalusischer Hund« ließ er in kurzer Folge zwei filmische Experimente auf die Menschheit los, die sie verwirrte und entsetzte. Vor allem legte er sich mit dem Vatikan an und die Folge war vernichtend: Niemand will seine Kunst weiter finanzieren. Er flieht in seine spanische Heimat, zu seinem alten Freund Ramón, und entwickelt ein neues Projekt: Er will die Bewohner der vergessenen Region Las Hurdes auf Zelluloid bannen. In einer durchzechten Nacht schmieden die Freunde einen Pakt: Sollte Ramón im Lotto gewinnen, finanziert er Luis' nächsten Film. Tatsächlich holt Ramón den Jackpot und die Dreharbeiten zu »Land ohne Brot« können beginnen. Konfrontiert mit der bitteren Armut, reflektiert Buñuel in seinem ersten Dokumentarfilm über den Reichtum des Westens. Gleichzeitig wird er immer wieder von seinen Albträumen eingeholt, der schwierigen Beziehung zu seinem Vater und der unerklärlichen Angst vor Hühnern. Er bewegt sich durch eine surreale Welt, die nur der Animationsfilm einfangen kann. Regisseur Salvador Simó setzt sie um in überbordende Bilder, die Buñuels Werke mit den Visionen seines Zeitgenossen Salvador Dalí verbinden. Darüber hinaus nimmt einen die Geschichte mit Witz und Wärme ein. Im Herzen steht die Freundschaft zweier Männer, die etwas Bleibendes schufen. Lars Tunçay

Gundermann Revier

Gundermann Revier

Kurze Messer

D 2019, Dok, 97 min, R: Grit Lemke Für jene, die mit seinen Liedern aufwuchsen, denen sie aus der Seele sprachen und den Alltag ein wenig erträglicher machten, war Andreas Dresens »Gundermann« 2018 eine Erinnerung. Für viele, die im Westen aufwuchsen oder zur Nachwende-Generation zählen, war Dresens Porträt eine Offenbarung. Wie auch immer man Gerhard Gundermann kennenlernte, Grit Lemkes persönlicher Dokumentarfilm »Gundermann Revier« ist eine hervorragende Ergänzung zum Spielfilm. Die ehemalige Programmchefin des Dok Leipzig kehrte mit ihrem Debüt nicht nur zum Festival zurück, sondern auch in ihre Heimatstadt Hoyerswerda. Sie sprach mit Wegbegleitern aus der Brigade Feuerstein, seinem Tontechniker und langjährigen Begleiter, den Musikern der Band »Silly«, Uwe Hassbecker und Ritchie Barton, mit denen Gundermann 1989 das Album »Februar« einspielte, Andy Wieczorek von der Band »Seilschaft« und seiner Frau Conny. Lemke begleitete den Bürgerchor Hoyerswerda bei den Proben zu einem Gundermann-Programm und lässt den Liedermacher immer wieder persönlich zu Wort kommen. So ergibt sich ein Bild der DDR, das ebenso wie Gundermann selbst voll Licht und Schatten ist, die Atmosphäre jener Zeit einfängt und lebendig werden lässt. Ein spannendes Porträt über einen von denen, »die die Welt nicht retten können, aber möchten, mit viel zu kurzen Messern in viel zu langen Nächten«. Lars Tunçay

Jojo Rabbit

Jojo Rabbit

Der Nazipimpf

USA 2019, 108 min, R: Taika Waititi, D: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson Nachdem uns der Neuseeländer Taika Waititi in »5 Zimmer Küche Sarg« das seltsame Alltagsleben der Vampire näherbrachte, widmet er sich nun in der Verfilmung von Christine Leunens Roman »Caging Skies« einem strammen Nachwuchsnazi der Hitlerjugend, der in die absurdesten Verwicklungen gerät. Der Humor ist dermaßen skurril und ungewöhnlich, dass einem deutschen Zuschauer mitunter die Luft wegbleibt. Jojo ist zehn Jahre jung und teilt seine Sorgen und Ängste mit seinem imaginären Freund Adolf Hitler. Denn Jojos Vater kämpft während des Zweiten Weltkriegs an der italienischen Front, und auch seine Mutter hat selten Zeit für ihn. Erfüllung findet er in den Trainingscamps der Hitlerjugend, bis er eines Tages in einem Geheimversteck zu Hause ein etwas älteres jüdisches Mädchen entdeckt. Hätte Taika Waititi die von Anfang an eingeschlagene, total überzogene Tonalität seines Films beibehalten, wäre diesem wohl schnell die Puste ausgegangen. Aber »Jojo Rabbit« zeichnet sich nicht nur durch seinen keine Tabus scheuenden Humor aus, sondern erhält bereits nach einer halben Stunde eine zusätzliche, sehr poetische Qualität, als sich der Nazipimpf und die Jüdin besser kennenlernen. Durch die dahintersteckende humanistische Aussage werden die grobschlächtigeren Elemente des Films mit seinen teilweise derben Slapstickgags auf angenehme Weise wieder geerdet. Für ein aufgeschlossenes Publikum sehr unterhaltsam. Frank Brenner