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Rezensionen

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Absurditätenkabinett

E 2019, 103 min, R: Aritz Moreno, D: Luis Tosar, Pilar Castro, Ernesto Alterio Der unzuverlässige Erzähler ist ein beliebtes Stilmittel in der Literatur, mit dem Spannung auf Kosten der Glaubwürdigkeit erzeugt wird. Aritz Morenos Regiedebüt ist voll von fabulierenden Figuren, die den Zuschauer immer wieder aufs Glatteis führen. Die Vorlage des spanischen Autors Antonio Orejudo Utrilla verschachtelt Geschichten in Geschichten, bis einem förmlich schwindelig wird. Die Struktur wirkt wie die eines Episodenfilms, in der Art des oscarnominierten »Wild Tales«, aber hier sind die Handlungsfäden unerwartet und geschickt miteinander verwoben. Ausgangspunkt ist eine zufällig wirkende Begegnung im Zug nach Madrid. Ein selbsterklärter Psycho-Doktor und die Frau eines Patienten treffen aufeinander. Er erzählt ihr von den Krankheitsgeschichten seiner Patienten, sie bringt ihre eigene mit, die zu diesem Punkt geführt hat und einen unerwarteten Ausgang nehmen wird. Utrillas Narration schlägt dabei zahlreiche Haken und man weiß nicht, wem man am Ende noch trauen darf. Am besten man lässt sich auf den absurden Figurenkosmos ein und genießt den Trip, der – wie man es vom spanischen Genrekino gewohnt ist – herrlich überdreht, geschmacklos und sehr sehr unterhaltsam ist. Moreno nutzt dafür alle Register des Mediums Film, zwei namhafte Hauptdarsteller – Louis Tosar (»Sleep Tight«) und Pilar Castro (»Julieta«) – und eine Vielzahl bekannter Gesichter in den Nebenrollen. Lars Tunçay

Master Cheng in Pohjanjoki

Master Cheng in Pohjanjoki

Völkerverständigung

FIN/CHN/GB 2019, 114 min, R: Mika Kaurismäki, D: Pak Hon Chu, Lucas Hsuan, Kari Väänänen Es ist kein alltägliches Bild, das sich den Gästen einer Gaststätte in einem abgelegenen Dorf im finnischen Teil Lapplands bietet. Da spaziert der Chinese Cheng mit seinem Sohn Nunjo herein und fragt nach einem gewissen Fongtron, hilflos gegen Sprachbarrieren ankämpfend. Der soll aus der Gegend stammen und war ihm in Shanghai einst ein guter Freund. Niemand in Pohjanjoki scheint den Gesuchten jedoch zu kennen. Die Restaurantbetreiberin Sirkka bietet dem gestrandeten Vater-Sohn-Gespann ein Zimmer an und Cheng die Möglichkeit, bei ihr seinem Beruf als Koch nachzugehen. Mit unerwartetem Erfolg: Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem ungewohnten Essen werden immer mehr Einwohner zu glühenden Fans von den gesunden Köstlichkeiten aus Fernost. Und auch zwischen Sirkka und dem Dauerbesucher funkt es allmählich. Mika Kaurismäki, der sich vor allem mit Musikdokumentarfilmen wie »Mama Africa« über Miriam Makeba einen Namen machte, ist hierzulande jedoch bei Weitem nicht so bekannt wie sein jüngerer Bruder Aki (»Die andere Seite der Hoffnung«). Lediglich vier seiner Filme kamen bei uns ins Kino. Die warmherzige Mischung aus Kulinarik, Gefühlsverwirrung und Toleranzbotschaft, die der Regie-Kosmopolit nun mit seinem 28. Werk anzubieten hat, ist ein leicht verdaulicher Wohlfühlfilm, der vor allem von den Darstellerleistungen und der Chemie zwischen Anna-Maija Toukko und Pak Hon Chu lebt. Peter Hoch

Exil

Exil

Gemobbt

D/B/KOS 2020, 121 min, R: Visar Morina, D: Misel Maticevic, Sandra Hüller, Rainer Bock Xhafer wurde im Kosovo geboren, lebt und arbeitet aber schon seit Jahren in Deutschland. Mit seiner Frau Nora hat er drei kleine Kinder. Nach und nach häufen sich in Xhafers Arbeitsumfeld beunruhigende Vorfälle. Er wird nicht über Raumänderungen bei Meetings informiert, muss wichtigen Unterlagen hinterherlaufen und wird immer wieder aufs Neue mit Ausgrenzung und Ablehnung konfrontiert. Das zieht irgendwann sogar Kreise bis in Xhafers Privatleben, als eines Tages eine tote Ratte an seinem Gartenzaun baumelt und kurz darauf der Kinderwagen der Familie vor dem Haus in Flammen aufgeht. Der ebenfalls aus dem Kosovo stammende Filmemacher Visar Morina (»Babai«) hat mit seinem zweiten Langfilm, der im Panorama der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere feierte, eine beunruhigende Sozialstudie geschaffen, die äußerst minimalistisch entwickelt ist und den Zuschauer zum genauen Beobachten einlädt. Sind es tatsächlich rassistische Hintergründe, die Xhafer das Leben schwer machen, oder liegen die Gründe für den Psychoterror ganz woanders? Sind die Ursachen für die Vorfälle am Ende vielleicht in Xhafers Charakter zu suchen, zumal sich der Mann auch selbst gerne als Opfer stilisiert? Mit einer vorzüglichen Darstellerriege ist es Visar Morina gelungen, die Befindlichkeiten und Sensibilisierungen von Migranten in Deutschland zu thematisieren und ihre Situation und Gedankenwelt mithilfe des Genres Psychothriller verständlich zu machen. Frank Brenner

The Climb

The Climb

Auf und Ab

USA 2019, 94 min, R: Michael Angelo Covino, D: Michael Angelo Covino, Kyle Marvin, Gayle Rankin Mike und Kyle sind beste Freunde. Gemeinsam erklimmen sie die französischen Alpen auf ihren Rennrädern. Der sportliche Mike radelt voran, Kyle strampelt schweißgebadet hinterher. Als Mike seinem Kumpel allerdings beichtet, dass er mit dessen Verlobter Ava eine Affäre hatte, sich kurz darauf mit einem 2CV-Fahrer anlegt und im Krankenhaus landet, wo ihn Ava in seine Arme schließt – ist die Stimmung im Keller. Trotzdem verbindet Mike und Kyle ein seltsames Band, das so ein Ereignis nicht aus dem Tritt bringen kann. Das liegt zum einen an der gutmütigen Naivität Kyles, andererseits an Mikes Beharrlichkeit, wenn er etwa plötzlich bei der Hochzeit seines besten Freundes auftaucht, um ihn von der Ehe mit Marissa abzubringen. Basierend auf seinem Kurzfilm von 2018 erzählt der US-amerikanische Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Michael Angelo Covino von einer Männerfreundschaft, die durch Höhen und sehr, sehr viele Tiefen geht – und trotzdem überlebt. Dass »The Climb« so ehrlich und entlarvend ist, liegt dabei auch an der echten Freundschaft zwischen Covino und seinem Leinwandpartner Kyle Marvin, mit dem er auch das Drehbuch verfasste. So entstand eine Indie-Perle, die bekannte Motive der vertrauten Buddy-Comedy nimmt und mit frischen Ideen versieht. Ein herrlich trockener, mal tragischer, meist aber urkomischer Film, der beim Filmfestival in Cannes den »Coup de Cœur« – den Preis der Herzen – in der wichtigen Nebensektion »Un Certain Regard« gewann. Lars Tunçay

Undine

Undine

Aus dem Wasser

D/F 2019, 92 min, R: Christian Petzold, D: Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree Undine informiert als promovierte Historikerin über die Berliner Architektur. Dabei behält sie stets den Überblick. Ihre Beziehung mit Johannes ist derweil in die Brüche gegangen, da er eine neue Flamme hat. Undine stellt das vor unerwartete Probleme, denn der Sage nach muss sie Johannes töten. Doch dann taucht auch in Undines Leben ein Neuer auf – im wahrsten Sinne. Der Taucher Christoph teilt mit ihr die Liebe zum Wasser. Bei ihrer ersten Begegnung birst ein Aquarium und die beiden sinken klatschnass zu Boden. Undines Geheimnis wird das Schicksal der beiden Männer in ihrem Leben nachhaltig beeinflussen. Wie der Titel schon nahelegt, beruht Christian Petzolds (»Transit«) neuer Film auf dem gleichnamigen Märchen, das Friedrich de la Motte Fouqué bereits im 19. Jahrhundert verfasste. Genau wie die Vorlage bleibt auch Petzolds Film über weite Strecken uneindeutig und mysteriös. Da speist sich die innere Spannung von »Undine«, der seine Zuschauer im Unklaren lässt, wer oder was die titelgebende Schönheit eigentlich ist. Die Geschichte spielt sich vor einem ansonsten sehr authentisch und aktuell gezeichneten Background ab, was dem aus der Zeit der Romantik stammenden Roman einen modernen Anstrich verpasst. Petzolds Film lebt von seinen hervorragenden Darstellern, die oftmals ohne viele Dialoge Stimmungen und Emotionen deutlich machen müssen. Paula Beer erhielt hierfür den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale. Frank Brenner

Suzi Q

Suzi Q

No Sex & Drugs, but Rock’n’Roll

AU 2019, Dok, 98 min, R: Liam Firmager Suzi Quatro ist die Königin des Rock’n’Roll. Sie war die erste Frau, die sich in der Glamrockszene einen Bass umhängte und damit Millionen Menschen erreichte. Gerade ist die Detroiterin 70 Jahre alt geworden. Gründe genug also, einen Dokumentarfilm über die Musikerin zu drehen, die so viele andere Musikerinnen beeinflusste. Einige von ihnen – unter anderem Debbie Harry, Tina Weymouth und Joan Jett – kommen in der Doku des australischen Filmemachers Liam Firmager zu Wort und erzählen, wie wichtig Quatro für ihr eigenes Schaffen war. Und doch bleibt die Sängerin von Hits wie »Can the Can« und »48 Crash« überraschend blass. Denn der lobpreisende Film jagt chronologisch durch ihr Leben, viele Statements sind nichtssagend, es fehlt an lustigen, traurigen, überhaupt bewegenden Anekdoten. Ein bisschen Dramatik kommt durch den familiären Konflikt auf, dass Suzi Quatro, die zusammen mit ihren Schwestern in einer Garagenband anfing, später alleine Karriere machte. Doch sowohl persönliche als auch spannende Fragen zur Rockgeschichte – vom Umgang mit Geschlechterrollen über Gemeinheiten des Business bis zu würdevollem Altern – werden kaum thematisiert, obwohl die Sängerin dazu bestimmt einiges zu erzählen hätte. »Suzi Q« zeigt keine Königin des Rock’n’Roll, sondern nur eine nette Frau im Leder-Jumpsuit. Juliane Streich

Sibyl – Therapie zwecklos

Sibyl – Therapie zwecklos

Überladene Psychokomödie

F/B 2019, 100 min, R: Justine Triet, D: Virginie Efira, Adèle Exarchopoulos, Gaspard Ulliel Es erfordert einige Anstrengung, die überladene Ausgangssituation von »Sibyl – Therapie zwecklos« adäquat zusammenzufassen: Sibyl war mal Autorin, hat aber das Bücherschreiben für ihre Karriere als Psychotherapeutin aufgegeben. Nach zehn Jahren geht sie jetzt den entgegengesetzten Weg und will wieder ein Buch schreiben, wofür sie fast all ihren Patienten kündigt. Ein paar behält sie dann aber doch und nimmt sogar noch eine neue Patientin auf: Margot, eine junge Schauspielerin, die eine Affäre mit ihrem Co-Star angefangen hat, der aber wiederum mit der Regisseurin des Films liiert ist, den sie gerade drehen. Für Sibyl, die nicht so recht weiterkommt mit dem Schreiben, ist diese Geschichte die perfekte Inspiration für ihr Buch und sie beginnt, sich immer mehr in das Privatleben ihrer Patientin einzumischen. Zusätzlich ist Sibyl auch noch trockene Alkoholikerin, hat zwei Töchter, eine Schwester, einen Ex-Mann und einen neuen Partner, bei dem sie die Leidenschaft vermisst. Bei all den Themen, die Autorin und Regisseurin Justine Triet in ihrem Film aufmacht, ist es nicht verwunderlich, dass hier nur an der Oberfläche gekratzt werden kann. Viele Möglichkeiten, die Handlung zu einem großen psychologischen Spiel aufzubauen, bleiben ungenutzt. Allein dem fast schon erlösenden Auftritt von Sandra Hüller als betrogene Regisseurin ist es zu verdanken, dass der Film sehenswert bleibt. Hanne Biermann

Die schönsten Jahre eines Lebens

Die schönsten Jahre eines Lebens

Melancholische Selfies

F 2019, 90 min, R: Claude Lelouch, D: Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant, Souad Amidou Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen. Er ist Rennfahrer, sie Skriptgirl beim Film. Beide wollen den Neuanfang. Doch es ist zu früh. Am Ende trennen sie sich, bevor ihre Beziehung richtig beginnen konnte. Claude Lelouch hat nach dieser relativ simplen Geschichte bereits drei Spielfilme gedreht. Immer mit derselben Besetzung. Dabei landete er gleich mit der ersten Verfilmung »Ein Mann und eine Frau« einen Publikumserfolg. Dennoch war dem französischen Regisseur nie dieselbe Aufmerksamkeit vergönnt wie seinen Nouvelle-Vague-Kollegen. Die meisten seiner Filme sind mit der Zeit in den Hintergrund geraten. Nun kehrt er zu seinen Wurzeln zurück. Der Rennfahrer Jean-Louis Duroc lebt mittlerweile in einem Altenheim. Abseits der anderen sitzt er im Garten und gibt sich Tagträumen hin. Als seine ehemals große Liebe Anne Gauthier erfährt, wie es um Duroc steht, besucht sie ihn. In den Gesprächen mit ihm wird beider Vergangenheit erneut lebendig. Man tut diesem Film kein Unrecht, wenn man sagt, dass alles an ihm auf Sentimentalität ausgelegt ist. Hinzu kommen die Verweise auf Lelouchs vorangegangene Arbeiten. Aufnahmen der in die Jahre gekommenen Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée stehen neben solchen aus den Sechzigern. Auch wenn die Handlung bisweilen etwas dürftig ist: Letztlich ist »Die schönsten Jahre eines Lebens« vor allem eine nostalgische Feier ihrer langen Karrieren. Josef Braun

Gegen den Strom – Abgetaucht in ­Venezuela

Gegen den Strom – Abgetaucht in ­Venezuela

Im Untergrund

D 2019, Dok, 84 min, R: Sobo Swobodnik Schwankende Stromversorgung, Gas zum Kochen ist nicht immer verfügbar, Benzin auch rar. Thomas Walters Flüchtlingsleben ist nicht einfach. In den Anden Venezuelas fand er sein Refugium, aus dem ihn die deutschen Sicherheitsbehörden gern herausholen und vor Gericht stellen würden. Denn Walter wird des Terrorismus verdächtigt. Doch verweigert Venezuela die Auslieferung, sein Asylverfahren läuft. Vor 25 Jahren soll Walter einen Brandanschlag auf einen Abschiebegefängnisneubau geplant haben. Nur ein Zufall habe die Tat verhindert, er tauchte ab. Erst 2017 meldete er sich bei seiner Familie. Filmemacher Sobo Swobodnik, ein Verwandter Walters, fand Gelegenheit, ihn allein mit der Kamera zu besuchen. »Gegen den Strom« zeigt Walters Alltag zwischen Schokoladenherstellen und Musikmachen. Er spricht auch über den Tatvorwurf und das Leben im Untergrund, wenngleich das zu kurz kommt. Es ist natürlich spannend zu erfahren, was das aus ihm gemacht hat, wer er heute ist. Aber ein paar mehr Reflexionen über Militanz und Selbstermächtigung zur Gewalt hätten gutgetan. Er bleibt seinem anarchistischen Bekenntnis, der Floskel »mit Gewalt zur Gewaltlosigkeit« treu. Durch gezieltes Nachfragen wäre daraus ein spannendes Psychogramm geworden, hätte Swobodnik Walters selbst geschriebenen Songs nicht zu viel Platz eingeräumt. So wirkt der Film stellenweise wie ein mit holpriger Liedermacher-Musik untermaltes Roadmovie. Tobias Prüwer

Eine größere Welt

Eine größere Welt

Über die Schwelle

F/B 2019, 100 min, R: Fabienne Berthaud, D: Cécile de France, Narantsetseg Dash, Tserendarizav Dashnyam Corinne ist abwesend. Seit ihr Mann starb, ist sie wie gelähmt von Trauer und kann ihrem Job als Musikproduzentin nicht mehr nachgehen. Die Erinnerungen verschlingen sie. Während ihrer Schwester Louise langsam das Verständnis für ihr Verhalten ausgeht, kommt Corinne einfach nicht mehr auf die Füße. Ein Auftrag in der Mongolei soll sie auf andere Gedanken bringen. Dort soll sie die Gesänge der Schamanen aufnehmen und lernt Oyun kennen. Bei einem Ritual erkennt die Schamanin, dass Corinne selbst Kräfte in sich birgt. Die Begegnung bleibt nicht ohne Spuren und zurück in ihrer Heimat erkennt Corinne, dass sie dem einmal eingeschlagenen Weg folgen muss, egal, was die anderen von ihr halten. Wir erleben die fremde Welt durch die Augen von Corinne. Die jahrhundertealten Riten wirken ungewohnt und mit dem Verstand kaum erfass-bar. Fabienne Berthaud (»Barfuß auf Nacktschnecken«) öffnet das Bewusstsein des aufgeschlossenen Kinogängers für die Welt des Schamanismus. In kunstvollen Montagen visualisiert sie den Trancezustand. Cécile de France gibt sich der Rolle hin. Die zunehmende Außenperspektive hindert uns aber daran, das, was da mit Corinne passiert, vollends zu begreifen. Der Blick in »Eine größere Welt« schürt allerdings die Neugier, sich tiefer mit dem Thema und der Geschichte der realen Corinne Sombrun zu beschäftigen, die der Neurowissenschaft neue Blickwinkel offenbarte. Lars Tunçay

Edison – Ein Leben voller Licht

Edison – Ein Leben voller Licht

Unter Strom

USA 2017, 103 min, R: Alfonso Gomez-Rejon, D: Benedict Cumberbatch, Michael Shannon, Nicholas Hoult Thomas Alva Edison war nicht nur ein genialer Erfinder. Er war auch verdammt gut darin, seine Errungenschaften zu vermarkten. 1880 hatte er eine Glühbirne, die mehr als 14 Stunden Licht schenkte, zur Marktreife geführt. Gleichzeitig fand er einen Weg, ganze Städte mit seinen Kupferleitungen zu verkabeln und sie mit Gleichstrom zu versorgen. Allerdings hatte diese Methode einen Nachteil: Sie war teuer. Sein Mitbewerber Charles Westinghouse setzte auf Wechselstrom und damit auf einen Weg, kostengünstig über viele Kilometer hinweg Strom zu liefern. Seine Methode war allerdings nicht ganz ungefährlich, und so setzte Edison alles daran, den Konkurrenten zu diskreditieren – erst recht, als die Regierung auf die Möglichkeit einer »würdigen Tötung« durch Elektrizität aufmerksam wird. Eine Geschichte, die viel Potenzial für großes Kino birgt, aus der Regisseur Alfonso Gomez-Rejon (»Ich, Earl und das Mädchen«) jedoch nur einen soliden Film machte. Und das, obwohl er wirklich alle Mittel zur Verfügung hat: einen mitreißenden Score von Dustin O‹Halloran (A Winged Victory for the Sullen), eine kunstvolle Kameraarbeit von Chung Chung-hoon (»Die Taschendiebin«) und eine großartige Besetzung: Benedict Cumberbatch legt seinen Edison als eine Mischung aus »Doctor Strange« und »Sherlock« an. Michael Shannon ist als Westinghouse auch schauspielerisch ebenbürtig. Was fehlt, sind die Zwischentöne. »Edison« ist spannend inszeniert, aber der Funke will nicht überspringen. Lars Tunçay

Als wir tanzten

Als wir tanzten

In Traditionen gefangen

S/GEO/F 2019, 113 min, R: Levan Akin, D: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakhiskvili Georgien ist in Sachen homosexueller Emanzipation noch auf dem Stand der Bundesrepublik Deutschland von vor dreißig oder vierzig Jahren. »Als wir tanzten« ist nun der erste Film des Landes zu dieser Thematik, und da verwundert es nicht, dass er bei seiner Premiere von homophoben Protesten überschattet wurde. Der georgische Choreograf, der die mit Traditionen brechenden und für konservative Menschen nicht akzeptablen Tanzszenen des Films gestaltete, wollte aus Gründen der Diskriminierung im Abspann nicht erscheinen. Die Hintergründe der Entstehung von »Als wir tanzten« zeigen, wie wichtig es ist, dass Filme wie dieser gedreht werden, die sich gegen überholte Traditionen stellen und dem Publikum vor Augen führen, dass nicht alles schlecht ist, was von der breiten Masse (noch) verdammt wird. Merab und sein Bruder David sind schon von Kindesbeinen an begeisterte Tänzer, beide können sich nun Hoffnungen machen, ins nationale Tanzensemble aufgenommen zu werden. Harte Konkurrenz erwächst den beiden in Irakli, einem Neuzugang in der Tanzgruppe ihrer Akademie. Ungeachtet der zwangsläufig aufkommenden Rivalität nähern sich Merab und Irakli zaghaft einander an – und erkennen schließlich, dass sie mehr füreinander empfinden als Freundschaft. »Als wir tanzten« liefert interessante Einblicke in eine uns weitgehend unbekannte Kultur. Hinzu kommen überzeugende Tanzszenen und eine verhalten-schöne Liebesgeschichte. Frank Brenner

Wie ein Fremder

Wie ein Fremder

Scheitern als Chance

D 2020, Dok, R: Aljoscha Pause, 231 min, mindjazz pictures, ab 5.6. auf Blu-ray und VoD Rockstar werden! Das wollen viele, die anfangen, Musik zu machen. Und die Geschichten von denen, die es schaffen, berühmt und reich zu werden, werden oft erzählt und sind weltbekannt. Aber was ist eigentlich mit denen, die es nicht schaffen? Die Doku-Serie »Wie ein Fremder« begleitet den Musiker Roland Meyer de Voltaire, dem mit seiner Band Voltaire ein großer Erfolg vorausgesagt wurde. Ein fantastischer Musiker, ein großes Talent, da waren sich die Musikkritiker (kaum Kritikerinnen) einig. Doch nun kann Meyer de Voltaire die Miete seiner kleinen Kölner Wohnung nicht mehr zahlen. Stattdessen zieht er aus und wohnungslos nach Berlin. Ihm dabei zuzuschauen, wie er versucht, sich wieder hochzukämpfen und mit seinem neuen Projekt Schwarz Karriere zu machen, ist interessant, weil es viele Einblicke ins Musikbusiness gibt und zeigt, wie schwer es ist, dort erfolgreich zu sein. Dennoch ist die fünfteilige Serie von Aljoscha Pause etwas langatmig geraten, wenn man der Hauptfigur immer wieder beim Einkaufen oder Kochen zusieht, während die spannendsten Momente, in denen sich andere Musiker mit Meyer de Voltaire über ihre Zweifel und Krisen austauschen, zu kurz kommen. Am Ende ist es die Geschichte eines Musikers, der an sich glaubt – und vielleicht ist dieser Glaube das Wichtigste für Erfolg. Juliane Streich

Was gewesen wäre

Was gewesen wäre

Grenzübertritte

D 2019, R: Florian Koerner von Gustorf, D: Christiane Paul, Mercedes Müller, Ronald Zehrfeld, 89 min, Lighthouse Entertainement, ab 4.6. als VoD, ab 26.6. auf DVD Astrid und Paul sind frisch verliebt und verbringen den ersten gemeinsamen Urlaub in Budapest. Mit der Stadt verbindet Astrid, die aus der ehemaligen DDR stammt, aufregende Jugenderinnerungen. Im Hotel laufen die beiden ausgerechnet Julius über den Weg, Astrids erster großer Liebe. In verschachtelten Rückblenden erzählt der Film im ersten Teil von dieser Jugendliebe und einer abenteuerlichen Flucht aus der DDR. Parallel dazu entfaltet der Film im Ungarn unserer Zeit ein spannendes Porträt über neue Grenzen, Ausgrenzungen und Grenzübertritte. Florian Koerner von Gustorfs Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Gregor Sander aus dem Jahr 2014, aus dem dieser nun selbst ein Drehbuch gefertigt hat. Der anfänglichen Liebesgeschichte fehlt ein bisschen der Pep, zudem kommt sie auf weite Strecken zu gewöhnlich und austauschbar daher. Aber spätestens mit dem Auftreten eines ungarischen Künstlerpaares, mit dem die derzeitige Lage in Ungarn einbezogen wird, erhält die Geschichte zusätzliche Substanz und Spannung. Darüber hinaus ist »Was gewesen wäre« auf beiden Zeitebenen mit exzellenten Darstellern besetzt, die überzeugend die Figuren in den unterschiedlichen Lebensabschnitten verkörpern und dabei eine glaubhafte Einheit bilden. Frank Brenner

Vox Lux

Vox Lux

Abwärtsspirale

USA 2018, R: Brady Corbet, D: Natalie Portman, Jude Law, Stacy Martin, 114 min, Koch Films Kryptisch, unheilschwanger und dunkel führt »Vox Lux« in die Geschichte. Ein Junge tritt vor die Musikklasse einer Highschool und erschießt offenbar wahllos Mitschüler und Lehrer. Die 13-jährige Celeste überlebt schwerverletzt. Beim Memorial singt sie einen Song gemeinsam mit ihrer Schwester am Klavier und wird über Nacht zum Star. Der Clip geht viral und eine große Plattenfirma bietet ihr einen Vertrag über ein Album an, das sie in den Pop-Olymp heben wird. 18 Jahre später hat das Leben im Rampenlicht deutliche Spuren hinterlassen. Celeste ist 31. Am Abend wird sie ein Konzert vor 30.000 Menschen geben. Doch davor muss sie die Scherben ihrer verlorenen Jugend aufsammeln und sich dem Trauma stellen, das sie nie wirklich verarbeitet hat, aber auch der Verantwortung ihrer eigenen Tochter gegenüber. Brady Corbet schafft einen albtraumhaften Gegenentwurf zur Musikschnulze »A Star is Born«. In drei Akten erzählt er von der Genesis eines Stars, dem Aufstieg und Zerfall und inszeniert seine Geschichte im Medientaumel der Millennials zwischen Konsum und Terrorakten. Dabei spart Corbet die Visualisierung der Popstarklischees bewusst aus. Stattdessen kann man sich berauschen an der Musik von Sia und Scott Walker, an der großartig choreografierten Bühnenperformance, Jude Law als manischem Manager und der hypnotischen Präsenz von Natalie Portman.  Lars Tunçay

A Boy Called Sailboat

A Boy Called Sailboat

Außergewöhnlich

USA 2018, R: Cameron Nugent, D: J. K. Simmons, Keanu Wilson, Julian Atocani Sanchez, 92 min, Lighthouse Film Einen seltsamen Namen trägt der Held des Films: Segelboot ist etwa fünf Jahre alt und das einzige Kind eines Latino-Ehepaars, das in einem ziemlich schiefen Haus nahe einer Kleinstadt in New Mexico lebt. Eines Tages findet der Junge eine Ukulele und beginnt auf ihr zu musizieren. Er erfindet ein Lied, das wir Zuschauer uns jedes Mal, wenn es erklingt, selber vorstellen müssen, weil es im Film selbst nie zu hören ist. Mit dem Song will er seine Oma erfreuen, die schwer erkrankt in einer Klinik liegt. Auf wundersame Weise und ganz in der Tradition des magischen Realismus bewegt und verzückt der Song dann aber alle Menschen, die ihn vernehmen. Die Anekdoten über Segelboots Alltag und jene aus seinem Umfeld erstaunen und berühren gleichermaßen, allen voran die um den bisweilen aufbrausenden, aber liebenden Vater und die stets köstliche Fleischbällchen zubereitende Mutter. Mit seinen entrückten Figuren, der Erzählperspektive aus Kinderaugen und warmen Kamerabildern ist dem Australier Cameron Nugent ein mit stillem Humor versehenes, poetisches und herzerwärmendes Regie- und Drehbuchdebüt geglückt, das es auf Blu-ray, DVD oder VoD zu entdecken gilt. Peter Hoch

Der Überläufer

Der Überläufer

Seitenwechsel

D 2020, R: Florian Gallenberger, D: Jannis Niewöhner, Katharina Schüttler, Sebastian Urzendowsky 1944 wird der junge Wehrmachtssoldat Walter an die Ostfront geschickt. Nach der Sprengung seines Versorgungszuges kommt er beim sadistischen Unteroffizier Stehauf und dessen kleiner Truppe unter, die in »Waldesruh« die Stellung gegen die polnischen Partisanen und die näher rückenden Russen hält. Stehaufs willkürliche Entscheidungen und Walters Gespräche mit seinem Kameraden Wolfgang lassen ihn die Rechtmäßigkeit seines Handelns überdenken. Wer sind in diesem Krieg denn eigentlich die Bösen? Florian Gallenberger (»Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück«) hat den 1951 von Siegfried Lenz geschriebenen, aber erst posthum 2016 veröffentlichten Roman als opulenten Zweiteiler adaptiert. Mit einem exzellenten Darstellerensemble, aus dem vor allem Jannis Niewöhner und Rainer Bock hervorstechen, hat der Regisseur ein packendes Zeitgemälde entworfen, das im zweiten Teil auch noch die ersten Jahre in der sowjetischen Besatzungszone und den Umgang mit Kriegsverbrechern abdeckt. Eine spannende Veröffentlichung, pünktlich zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Frank Brenner

Thank You For Your Service

Thank You For Your Service

Gefallene

USA 2017, R: Jason Hall, D: Miles Teller, Beulah Koale, Joe Cole Adam, Solo und Will sind nicht mehr dieselben, seitdem sie aus dem Irak-Krieg zurückkehrten. Die Ex-Soldaten fühlen sich fremd zu Hause, Adams Frau Saskia und ihre zwei Kinder erkennen ihn kaum wieder. Die psychische Belastung treibt sie an den Abgrund. Als Will den Druck nicht mehr erträgt und Selbstmord begeht, wird Adam aktiv und entdeckt, dass es viele andere Kriegsheimkehrer wie sie gibt, die unter posttraumatischen Störungen leiden. Basierend auf den Erfahrungen, die der Pulitzer-Preisträger David Finkel in seinem gleichnamigen Roman aufschrieb, zeichnet der Drehbuchautor Jason Hall (»American Sniper«) in seinem Regiedebüt ein ernüchterndes Bild der amerikanischen Gesellschaft, die vierzig Jahre nach dem Vietnamkrieg ihre gefeierten Soldaten ebenso allein und zerstört zurücklässt. Ein nachdenkliches, unbequemes Drama um Traumaverarbeitung, in der Tradition von Filmen wie »Coming Home« und »Geboren am 4. Juli«, stark gespielt von Miles Teller (»Whiplash«) in der Hauptrolle. Lars Tunçay

Shadow

Shadow

Schwarz und Weiß

CHN/HK 2018, R: Zhang Yimou, D: Chao Deng, Li Sun, Ryan Zheng Ein auf historischen Begebenheiten basierendes, letztlich aber fiktives China vor etwa 1.800 Jahren: Aus Angst um seine Krone will Liang, der König von Pei, nicht erneut um die Stadt Jingzhou kämpfen, die sein oberster Befehlshaber Yu an den General des verfeindeten Nachbarkönigreichs Yang verloren hat. Insgeheim will Yu die Metropole aber zurückerobern. Weil er bei seiner Niederlage schwer verletzt wurde, hält er sich versteckt und schickt ein Double nach Jingzhou, das dort an seiner Stelle gegen den General antreten soll. Der Doppelgänger wiederum verliebt sich in Yus Frau, und dann ist da noch König Liangs Schwester, die dem Feind als Schwiegertochter angeboten wird, aber eigene Pläne hat. Zhang Yimou, der mit »Hero« und »House of Flying Daggers« Anfang der Zweitausender zwei der erfolgreichsten Wuxia-Filme vorlegte, hat diesmal ein Werk geschaffen, das etwas langatmig beginnt, später aber mit bedeutungsschwangeren Intrigen, imposanten Kampfchoreografien und kraftvoll-monochromen Bildern beeindruckt. Peter Hoch

I See You

I See You

Perspektivwechsel

USA 2019, R: Adam Randall, D: Helen Hunt, Jon Tenney, Judah Lewis Polizist Greg Harper und sein Kollege Spitzky ermitteln in ihrem Heimatort am Eriesee im Fall zweier verschwundener Jungen und vieles erinnert an eine andere Doppelentführung einige Jahre zuvor. Parallel dazu hängt bei Harper der Haussegen schief, weil seine Frau eine Affäre hatte, und schließlich kommt es im Eigenheim der Familie zu unerklärlichen Vorkommnissen. Mit unheilvollen, verwirrenden Bildern und ebensolchen Filmmusikklängen leitet der britische Regisseur Adam Randall seinen ersten in den USA entstandenen Film ein. Und es bleibt auch danach nicht weniger irritierend, denn sobald man als Zuschauer gerade zu wissen glaubt, in welche Richtung sich die Ereignisse auf der Leinwand entwickeln, schlägt die Handlung einen neuen, wendungsreichen Haken. Nüchtern betrachtet gibt es dabei zwar ein paar Zufälle zu viel, die Charaktere sind nur grob skizziert und versierte Genrefans könnten manches vielleicht doch erahnen, über genügend Spannung und Atmosphäre verfügt »I See You« aber allemal. Peter Hoch