Rezensionen

Strange River

Strange River

E/D 2026, R: Jaume Claret Muxart, D: Jan Monter Palau, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, 105 min

Fünf Katalanen radeln durch Deutschland. Mutter Mónica ist dieselbe Strecke schon vor 25 Jahren einmal gefahren. Vater Albert nutzt die Tour, um möglichst viele architektonisch sehenswerte Orte aufzusuchen und seine Familie mit nerdigen Details zu nerven. Die drei halbwüchsigen Söhne des Paares haben sich mehr oder weniger ihrem Schicksal zwischen Radeln in brütender Hitze und Zeltaufbau im strömenden Regen ergeben. Der älteste von ihnen, der 16-jährige Dídac, hat an seinem ersten Liebeskummer zu knabbern, denn sein Freund Gerard scheint ihn nur küssen zu wollen, wenn er betrunken ist. Bei einem Zwischenstopp trifft er auf Alexander und die beiden Jungs düsen gemeinsam auf einem kleinen Motorboot davon, um allein zu sein. Die Vorkommnisse in Jaume Claret Muxarts Langfilmdebüt sind größtenteils recht unspektakulär und scheinen eher dem wahren Leben abgeschaut, als den haltlosen Fantasien eines Drehbuchautors entsprungen zu sein. Als Zuschauer sollte man sich auf ein gemächliches Erzähltempo einstellen können. Claret Muxart hat aber ein Talent dafür, seine Kamera als stillen Beobachter einzusetzen und somit dicht an seine Figuren heranzukommen. Da er dabei das erste Liebesabenteuer eines Teenagers in den Vordergrund stellt, erinnert der Film an André Téchinés »Wilde Herzen« und den darin behandelten Sommer des Begehrens und der Selbsterkenntnis. Frank Brenner

Staatsschutz

Staatsschutz

D 2026, R: Faraz Shariat, D: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, 113 min

Staatsanwältin Seyo Kim wird nicht als Heldin eingeführt, aber das ungute Gefühl der Bedrohung bringt uns ihr schnell näher. Und schnell wird das Gefühl bestätigt: Sie überlebt einen Anschlag. Seyo lässt Ermittlungen einleiten, doch die Staatsanwaltschaft mauert. Sie solle sich raushalten aus den Untersuchungen. Seyo engagiert aber eine Anwältin, will das System von innen heraus aufbrechen. Ein System, das auf dem rechten Auge blind ist – wie mitunter im realen Leben. Man denke nur an die InRa-Studie über Rassismus in staatlichen Institutionen, die im Februar 2026 veröffentlicht wurde. Dem neuen Film von Faraz Shariat gingen lange Recherchen durch die Autorinnen Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim voraus. Der NSU, der Fall Oury Jalloh, die Anschläge von Halle und Hanau, der Neukölln-Komplex und die damit verbundenen Untersuchungen waren nur ein Teil der realen Fälle, auf die sich »Staatsschutz« bezieht. Dabei ging es den Autorinnen um die Frage, warum antifaschistisch eingestellte Menschen staatliche Institutionen meiden und das Feld dem rechten Spektrum überlassen. Schon der jüdische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse vorantrieb, soll gesagt haben: »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland.« Er beschrieb so die Isolation, in der er arbeitete. Seyo sucht sich Verbündete, um für eine wehrhafte Demokratie zu kämpfen. Ein spannendes Plädoyer für Gemeinschaft und Widerstand auch im ländlichen Raum. NADINE FAUST

Gentle Monster

Gentle Monster

AT/F/D/S 2026, R: Marie Kreutzer, D: Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase, 115 min

Als die erfolgreiche Pianistin Lucy eines Morgens erwacht, steht die Kriminalpolizei in der Wohnung und verhaftet ihren Mann Philip. Das Paar war gerade erst mit ihrem neunjährigen Sohn aus der Stadt aufs Land gezogen, wollte einen Neustart wagen. Lucy versteht nicht, was vor sich geht, bis sie bei der zuständigen Beamtin Elsa vorstellig wird – in der Ermittlungsabteilung gegen Kinderpornografie. Lucy weiß nicht mehr, was oder wem sie glauben soll. Ihrem Mann, der jede Schuld von sich weist, oder den erdrückenden Beweisen? War sie blind all die gemeinsamen Jahre lang? Marie Kreutzer (»Corsage«) schildert die Ereignisse konsequent aus Lucys Perspektive. Ähnlich wie Justine Triet ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller im Cannes-Gewinner »Anatomie eines Falls« lässt die Regisseurin auch Léa Seydoux durch einen Albtraum aus Ungewissheiten und Gesetzen irren. Die Realität des Betrachters hängt dabei immer von Lucys Erkenntnissen und Zweifeln ab. Zweifel schleichen sich ein und zersetzen die gemeinsamen Erinnerungen. Über zwei Stunden entwickelt sich ein geschickt geschriebener Spannungsbogen, der voll und ganz auf Seydoux’ Präsenz setzt. Die französische Charakterdarstellerin trägt das packende und bis in die Nebenrollen glänzend besetzte Beziehungsdrama auch durch einige inszenatorische Schlenker, die vom eigentlichen Kern eher ablenken. LARS TUNÇAY

Der Heimatlose

Der Heimatlose

D 2026, R: Kai Stänicke, D: Paul Boche, Philip Froissant, Emilia Schüle, 122 min

Bereits mit den ersten Bildern seines Spielfilmdebüts macht Kai Stänicke klar: Die Ereignisse der folgenden zwei Stunden sind inszenierte Realität. Die Häuser nur Fassade, dahinter offene, eingerichtete Räume vor den grünen Hügeln der Insel Norderney. Ein Ensemble von Dorfbewohnern tummelt sich davor, als Hein nach 14 Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Damals zog er aufs Festland, um der Enge des Insellebens zu entfliehen und sein Glück zu suchen. Er fand aber schließlich nur die Sehnsucht nach der Heimat, die er gleichermaßen verabscheut. Nun ist er also wieder da, trifft auf seine erwachsene Schwester, die demente Mutter, seinen Freund Friedemann und die ihm Angetraute Greta. Nur scheinen sie ihn alle nicht zu erkennen. Jeder und jede im Dorf zeigen Zweifel an seinen Aussagen. Seine Erinnerungen sind lückenhaft und doch weiß er Dinge, die nur der echte Hein wissen kann. Ein Dorftribunal soll klären, ob er die Wahrheit spricht und wieder in die Gemeinschaft aufgenommen oder aus ihr verbannt wird. Ob der Fremde wirklich der ist, der er vorgibt zu sein, bleibt auch für den Zuschauer lange im Dunkeln. Wie Stänickes Drehbuch das Rätsel auflöst, ist bemerkenswert und verleiht der Geschichte Aktualität. Das Spiel mit den Kulissen funktioniert wie schon bei Lars von Triers »Dogville« erstaunlich gut. Die überzeugenden Hauptdarsteller im Ensemble sorgen dafür, dass die Geschichte über die Lauflänge von zwei Stunden glaubwürdig und fesselnd bleibt. LARS TUNÇAY

Sunny Dancer

Sunny Dancer

GB 2026, R: George Jaques, D: Bella Ramsey, Neil Patrick Harris, Daniel Quinn-Toye, 106 min

Die 17-jährige Ivy hat gerade eine schwere Krebserkrankung überstanden. Seit zehn Monaten befindet sie sich in Remission, will jedoch keinesfalls auf ihre Krankheitsgeschichte reduziert werden. Ihre Eltern halten es für eine gute Idee, sie in ein spezielles Sommerlager in den schottischen Highlands zu schicken, eins für Teenager mit ähnlichem Schicksal. Ivy reist mit der Erwartung ins »Chemo-Camp«, die schlimmste Zeit ihres Lebens zu haben. Dort trifft sie allerdings auf neue Freunde, die dem Schicksal ins Gesicht lachen. »Sunny Dancer« ist klassisch warmherziges Coming-of-Age-Sommerkino, mit einem Twist: Wo Filme wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« auf die Tränendrüse zielen, werden hier die Lachmuskeln anvisiert. Mit Erfolg: Der Humor ist sehr britisch, geradeaus und ziemlich finster. In der Umarmung mit dem Tod werden die Wochen für die Jugendlichen zur Feier des Lebens. Im Mittelpunkt eines glänzenden Ensembles frischer Gesichter steht Bella Ramsey (»The Last of Us«) als Ivy. Als völlig überforderter Camp-Leiter Patrick ist Neil Patrick Harris (»How I Met Your Mother«) an Bord. »Sunny Dancer« glänzt außerdem mit einem wunderbaren Sommer-Soundtrack mit Songs von Jamie xx, Fred again und den Cranberries. Zudem hat der britische Singer-Songwriter James Blunt einen herrlich selbstironischen Gastauftritt im Camp. LARS TUNÇAY

Hiddensee

Hiddensee

D 2025, Dok, R: Annekatrin Hendel, 119 min

In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern fährt die Kamera an der Küste Hiddensees entlang. Die dabei rezitierte Liste an prominenten Besucherinnen und Besuchern sowie Bewohnerinnen und Bewohnern scheint kein Ende zu nehmen, galt die Insel doch vielen schon immer als nostalgischer Sehnsuchtsort. Aber Regisseurin Annekatrin Hendel schaut in ihrem neuen Dokumentarfilm über das Urlaubsidyll hinaus, war Hiddensee – in den vergangenen 100 Jahren ebenso wie heute – doch auch immer Sinnbild für die Geschehnisse auf dem Festland. Von Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann und Filmstar Asta Nielsen bis hin zum Konflikt zwischen Hochkultur und Ballermann – anhand ehemaliger und aktueller Bewohnerinnen und Bewohner wird die Entwicklung der Insel von den zwanziger Jahren über den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung bis hin zu aktuellen politischen Debatten erzählt. Die Schwarz-Weiß-Bilder lassen die Zeiten miteinander interagieren und teilweise verschwimmen, mit dem deutlichen Hinweis, dass Geschichte sich auch immer wiederholen kann. Einzig die Stimme der jüngeren Generationen wirkt seltsam abwesend, was den Ausblick in die Zukunft etwas unscharf macht. Insgesamt ist Annekatrin Hendel aber ein poetischer Blick auf Land und Leute gelungen, bei dem sich definitiv das Schauen auf der großen Leinwand lohnt. Für den Soundtrack zeichnet dabei Rammstein-Keyboarder Flake verantwortlich. Hanne Biermann

Everytime

Everytime

AT/D 2026, R: Sandra Wollner, D: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, 124 min

Eine quadratische Sonne über dem azurblauen Meer. Ein Titel, der alles und nichts sagt. »Everytime« ist ein Rätsel. Der dritte Spielfilm der österreichischen Filmemacherin Sandra Wollner (»The Trouble with Being Born«) ist ein Raum, den man beim Betrachten mit den eigenen Gedanken füllen kann. Zunächst einmal ist da der ganz normale Alltag einer dreiköpfigen Familie, den Gregory Oke (»Aftersun«) wunderbar beiläufig filmt, als säße man mit auf dem Sofa. Ella kümmert sich allein um ihre beiden Kinder, Teenagerin Jessie und ihre kleine Schwester Melli. Durch einen plötzlichen Todesfall kommt Jessies Freund Lux in dieses Gefüge und die Verarbeitung von Verlust wird zum Grundthema des Films. Eine surreal überhöhte Perspektive nimmt den Raum ein. Die Atmosphäre verdichtet sich und bleibt gleichermaßen schwebend. Wer sich an der Handlung festhält, verliert bald das Gleichgewicht. Darauf muss man sich einstellen. Ob man dem Film bis zur konsequenten Auflösung, die mehr Fragen aufwirft als Antworten zu liefern, folgt, ist eine Frage der Offenheit. Ist man bereit, wird man mit einem großartigen, natürlich spielenden Ensemble belohnt, aus dem Birgit Minichmayr als Mutter heraussticht. In Cannes wurde »Everytime« mit dem Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Eine spirituell wie auch formal bereichernde Kinoerfahrung, ein frischer Ansatz, Film neu zu denken, und ein unvergessliches Erlebnis. LARS TUNÇAY

Bitteres Fest

Bitteres Fest

E 2026, R: Pedro Almodóvar, D: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, 111 min

Das Casting verläuft ungewöhnlich. In einem Stripclub trifft die Werberegisseurin Elsa den jungen Feuerwehrmann Bonifacio, der als Tänzer sein Gehalt aufbessert. Die beiden verbringen eine Nacht zusammen. Bald sind sie ein Paar und Bonifacio ist das Gesicht von Elsas neuer Kampagne. Anderswo in Madrid steckt Filmemacher Raúl Durán in einer schweren Krise. Die großen Filme hat er alle schon gedreht. Durán weiß nicht, wohin mit sich – bis jemand in seinem Umfeld einen Schicksalsschlag erleidet. Kann er vielleicht Kapital daraus schlagen? Pedro Almodóvars »Bitteres Fest« ist eine Art inoffizielle Fortsetzung von »Leid und Herrlichkeit«. Wieder widmet sich der Spanier im Film dem Filmemachen. Und wieder ist er am besten in den ganz intimen Momenten. Unaufdringlich fängt die Kamera noch die kleinsten Regungen ein: einen Kuss, einen Augenaufschlag, eine flüchtige Berührung. Statt Hollywoodstars spielen diesmal Größen des spanischen Kinos. Der Rest ist vertraut. Es geht um Kunstwerke, Drehbücher und Zusammenbrüche. Fiktionale Szenen mischen sich mit dem realen Leben: Assistenten wollen nicht als Stoff benutzt werden. Die Kreativen verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen. Man könnte so viel Selbstbespiegelung ermüdend finden. Doch wer erzählt sonst so schön von der Schwermut? Wer bietet diese Farben und im tiefsten Schmerz so heitere Erkenntnisse? »Bitteres Fest« überzeugt – bis ins berührende Finale. Josef Braun

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

USA/CAN 2026, R: Jane Schoenbrun, D: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, 112 min

Die junge queere Nachwuchsfilmerin Kris soll das Horrorfranchise rund um »Camp Miasma« und den irren Mörder mit dem Luftschacht-Kasten auf dem Kopf wiederbeleben und einem jungen Publikum schmackhaft machen. Just an dem Ort, an dem die Filmreihe vor rund 30 Jahren ihren Anfang nahm, trifft sie sich mit der damaligen Hauptdarstellerin Billy, um diese vom Mitwirken im Reboot zu überzeugen. In der Abgeschiedenheit kommen sich die beiden Frauen unterschiedlicher Generationen zusehends näher, während die Frage im Raum schwebt, wie viel Realität in den Geschichten rund um den »Camp Miasma«-Schlitzer wirklich steckt. Mit unglaublicher Detailverliebtheit und einer Menge Insiderwissen hat Jane Schoenbrun hier ein fiktives Horrorfranchise erfunden und mit wunderbar nachgestellten Aushang-Fotos, Merchandise-Artikeln, Video- und DVD-Covern zum Leben erweckt. Wer Fan der Filmreihen »Freitag, der 13.« oder »Halloween« ist, dürfte klar im Vorteil sein und umso mehr Anspielungen und Querverweise entdecken. Gleichzeitig nimmt sich Schoenbrun aber auch Genderfragen, einer lesbischen Liebesbeziehung und den immer absurderen Auswüchsen der aktuellen Filmindustrie an, so dass auch etliche andere Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihre Kosten kommen werden. Die Slasherszenen hat die Filmemacherin übrigens bewusst over the top inszeniert, so dass man diese eigentlich keinen Moment lang wirklich ernst nehmen kann. FRANK BRENNER

The Invite

The Invite

USA 2026, R: Olivia Wilde, D: Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, 107 min

Es ist schon ein Kreuz: Joe kommt mit Rückenschmerzen müde von der Arbeit, da eröffnet ihm seine Frau Angela, dass sie spontan die Nachbarn zum Essen eingeladen hat. Und das sind ausgerechnet Pina und Hawk, von denen das Paar ständig wachgevögelt wird. Wie so oft geraten die beiden darüber in einen lautstarken Streit, als es auch schon an der Wohnungstür klingelt. Schnell wird es offen zum Thema: Während Joe und Angela sich in ihrer eingefahrenen Ehe nur noch anzicken, haben Pina und Hawk ein respektvolles, erfülltes Liebesleben. Und das nicht nur miteinander, sondern auch swingend mit anderen Menschen – und nun wollen sie Angela und Joe zum Partnertausch einladen! Die sind irritiert und fasziniert zugleich, doch was folgt, führt nicht auf den Gipfel der Lust, sondern zum Hinterfragen des eigenen Lebensmodells. Aufbauend auf einem spanischen Original hat Angela-Darstellerin Olivia Wilde ein pointenreiches Kammerspiel inszeniert, in dem jede Mimik-Regung des Ensembles sitzt und bei dem man ihr, Penélope Cruz, Edward Norton und Seth Rogen das Vergnügen, das sie beim Dreh hatten, in jeder Einstellung anmerkt. Scharfsinnig und mit viel Verve hält der Film Beziehungskonventionen und dem heute wiederauflebenden Spießertum den Spiegel vor und liefert einen höchst amüsanten Figuren-Clash, wie man ihn so hochkarätig besetzt seit Roman Polanskis »Der Gott des Gemetzels« nicht mehr genießen durfte. PETER HOCH

Spaziergang nach Syrakus

Spaziergang nach Syrakus

D 2026, R: Lars Jessen, D: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, 97 min

Sizilien sehen und sterben: Paul Gompitz sehnt sich nach Italien. Eigentlich nach der Welt insgesamt, nach Unabhängigkeit und Horizonterweiterung. Italien ist für ihn das Symbol dafür, wie für die Italienfahrenden vergangener Jahrhunderte. Das Problem: Gompitz wohnt in der DDR, seine Heldenreise ist also eine traurig-trotzige. Denn natürlich lassen ihn die Behörden nicht die Bildungsfahrt antreten, auch wenn er verspricht, wiederzukommen. Über viele Jahre plant er also seine Flucht, um die Italientour antreten zu können. Er sammelt als Kellner auf Hiddensee erworbenes Westgeld, lernt segeln – und verschweigt das seiner Frau. Irgendwann bricht er auf. Basierend auf der Erzählung von Friedrich Christian Delius, die wiederum zwei historische Vorbilder hat, realisierte Lars Jessen (»Mittagsstunde«) den Film. Dieser besticht bereits durch den Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin: Charly Hübner spielt den italiensüchtigen Gompitz, Lina Beckmann seine Frau Anne. Fantastisch ist der Umgang der beiden miteinander – man spürt, dass sie sich sehr gut kennen. Kleinste Nuancen in der Mimik, im Blick, drücken das aus. Das Filmtempo ist gelassen, fast spröde wird erzählt. Und doch ergreift das Publikum eine Wärme, wenn es einen Menschen dabei begleitet, Mensch zu sein und seinem Willen zu folgen. Zugleich versprüht der Film die Melancholie des Loslassens. Ohne Kitsch und Klischee schildert er auch DDR-Verhältnisse, um dann zur universelleren Reflexion übers Gehen oder Bleiben und die Sehnsucht nach Welt zu werden. Tobias Prüwer

Exit 8

Exit 8

J 2025, R: Genki Kawamura, D: Kazunari Ninomiya, Yamato Kôchi, Naru Asanuma, 95 min

Japan. Ein Mann erfährt in der U-Bahn, dass seine Ex-Freundin von ihm schwanger ist. Das größere Problem wartet aber noch: Beim Hinausgehen aus dem Tunnel merkt er plötzlich, dass er immer wieder an dieselbe Stelle kommt. Kein Ausweg, gefangen im ÖPNV-Höhlensystem. Ein Hinweisschild zeigt die Lösung: Er muss genau auf seine wiederkehrende Umgebung achten und »Anomalien« finden. Ein seltsamer Mann schreitet stets wortlos an ihm vorbei, auch ein Kind taucht auf. Aus der Sicht dieser Protagonisten werden in drei Episoden mögliche Auswege und Zusammenhänge gezeigt – oder neue Schrecken. »Exit 8« war zunächst ein Indie-Videospiel, was aber für den Filmgenuss egal ist. Diese Mischung aus »Cube« und dem Zeitschleifen-Kultfilm »Und täglich grüßt das Murmeltier« setzt auf ein minimalistisches Setting, reißt aber gleichzeitig auch große Themen wie das kapitalistische Hamsterrad, Selbstfindung und Eltern-Rollen an. Der Streifen bedient sich ikonografisch bei manchem Klassiker, generiert aber selbst wenig Innovatives in Sachen Bildsprache, Dramaturgie und Co. Genau das wäre bei einem solch reduzierten, repetitiven Ansatz aber eine weitere Erlebnisschiene gewesen. So sucht man beim Zuschauen eifrig mit nach Auffälligkeiten im gefliesten Tunnel, schaudert etwas und ist am Ende froh, wenn man schließlich den Ausgang des Films gefunden hat. Markus Gärtner

Ninja Motherf*cking Destruction

Ninja Motherf*cking Destruction

D 2025, R: Lotta Schwerk, D: Emma Suthe, Marie Tragousti, Merle von Mach, 79 min

Irgendwann im Leben werden aus den viel zu warmen Sommertagen am See mit Gelächter und Eiscreme viel zu warme Sommernächte in Glitzertops, das dämmerige, blaue Licht des Morgens und Hände, die ein bisschen zu nah aneinander liegen und sich doch nicht wegbewegen wollen. Lotta Schwerks »Ninja Motherf*cking Destruction« begleitet zwei Mädchen beim Erwachsenwerden, auf der Suche nach der eigenen Identität, beim Grübeln über eine ungewisse Zukunft. Und wird dabei, wie es sich für ein gutes Coming-of-Age-Werk gehört, gefühlvoll und zärtlich: Besonders in den Momenten zwischen Handlung und Dialog – den verstohlenen Blicken, den Umarmungen – fängt die Regisseurin gekonnt ein, wie sich dieses diffuse Bauchgefühl anfühlt, ausgelöst von einer Mischung aus Verwirrung, Verliebtheit und Verletzlichkeit. Nur in den seltenen Momenten der großen Gespräche, da stolpert der Film über das eigene Pathos. Die Dialoge sind gestelzt, wirken wie direkte Auszüge aus einem Tagebuch, das zwar zur Verarbeitung der eigenen Gefühle, nicht aber für ernstzunehmenden Gesprächsstoff taugt. Wirklich vorwerfen kann man das einem so persönlichen Film aber nicht. Stattdessen kann man mitnehmen, was funktioniert, den Rest zurückgeben an die Regisseurin, dankbar sein, dass sie sich in ihrem queeren Debütfilm so verletzlich gibt – und hoffen, dass noch viele weitere Filme folgen. ELLEN DREYER

Auf zwei Rädern

Auf zwei Rädern

F 2024, R: Mathias Mlekuz, D: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, 90 min

Der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Schmerzhafteste, das ein Mensch überhaupt durchleiden kann. Der seit dreißig Jahren in Nebenrollen tätige französische Schauspieler Mathias Mlekuz musste diese traumatische Erfahrung im Jahr 2022 machen, als sein Sohn Youri sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Vier Jahre zuvor hatte der junge Mann eine Reise mit dem Fahrrad von La Rochelle bis nach Istanbul quer durch Europa unternommen. Um ihm Ehre zu erweisen und sich ihm noch einmal nahe zu fühlen, hat Mathias Mlekuz die gleiche Tour selbst absolviert und mit der Kamera semidokumentarisch festhalten lassen. Mitgenommen auf diesen ungewöhnlichen Trauertherapie-Trip hat er seinen Hund Lucky und seinen langjährigen Freund Philippe Rebbot, der ebenfalls Schauspieler ist; auch Mlekuz’ anderer Sohn Josef hat gegen Filmende eine Rolle. Auf dem Weg durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien führen Mathias und Philippe Gespräche miteinander, die überwiegend improvisiert wurden, und begegnen, wie es sich für ein Roadmovie gehört, den verschiedensten Menschen. Entstanden ist so ein höchst persönlicher Film mit nachdenklich stimmenden Erkenntnissen über Leben, Tod, Familie, Freundschaft, Liebe und vieles mehr, aber auch mit manch humorvollen Momenten, die dafür sorgen, dass das Publikum den Kinosaal trotz des schweren Themas mit einer gewissen Leichtigkeit verlassen kann. PETER HOCH

Das Sommerbuch

Das Sommerbuch

USA/GB/FIN/BR 2026, R: Charlie McDowell, D: Glenn Close, Emily Matthews, Anders Danielsen Lie, 95 min

Zu Beginn des Sommers kommen Sophia, ihr Vater und ihre Großmutter mit dem Boot auf einer kleinen Schäreninsel im Finnischen Meerbusen an. Eine fehlt dabei. Die Abwesenheit der verstorbenen Mutter ist präsent und wird doch kaum verhandelt. Sophia erkundet mit der Großmutter die Insel, ist lebhaft und neugierig. Sie steht am Anfang eines Lebens, das für die Großmutter langsam endet. Während Letztere sich nach Ruhe sehnt, dürstet Sophia nach Abenteuer – zumal der Vater in der Trauer um seine Frau versinkt. Die Natur als vierte Hauptfigur zwingt sie schließlich, sich mit Leben und Tod und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Regisseur Charlie McDowell und Drehbuchautor Robert Jones folgen damit der Buchvorlage der finnlandschwedischen Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin Tove Jansson (1914–2001), die vor allem durch die Mumins-Kinderbuchreihe bekannt geworden ist. Und sie bieten der achtfach Oscar-nominierten Glenn Close eine kleine, feine Bühne, bevor die Grande Dame Ende des Jahres nun einen Ehren-Oscar erhält. Fast 80-jährig, gibt sie Neuentdeckung Emily Matthews ganz uneitel den passenden Raum, um aufzublühen – als Figur und als junge Schauspielerin. Einzig die englischen Originaldialoge wirken in der skandinavischen Atmosphäre des Films manchmal gestelzt und deplatziert. Ein zarter Film, in dem Wellen manchmal mehr sind als Worte. NADINE FAUST

Power Ballad − Der Song meines Lebens

Power Ballad − Der Song meines Lebens

USA/IRL 2025, R: John Carney, D: Paul Rudd, Nick Jonas, Havanna Rose Liu, 99 min

Wo sind sie geblieben, die goldenen Tage? Rick Power weiß jedenfalls: nicht bei ihm. Aus dem vielversprechenden Talent von einst ist ein abgebrannter Hochzeitssänger geworden. Im vollgestopften Transporter reist er von Bühne zu Bühne, singt Hits von Bryan Adams. Seine eigenen Lieder sind nicht gefragt. Selbst Powers Tochter verdreht genervt die Augen, wenn er sie in sein kleines Heimstudio ruft. Bekanntes Terrain für Regisseur John Carney (»Sing Street«). Seit »Once« (2007) bespielt er beharrlich das Genre des Musikfilms. Verpasste Chancen, melancholische Songs, schicksalhafte Begegnungen – das alles sind feste Zutaten seines Werks. Carney-Fans kann es dementsprechend kaum überraschen, wenn Power seine zweite Chance erhält. Nach einem Gig trifft er den ehemaligen Boyband-Sänger Danny Wilson, dargestellt von Nick Jonas, Teil der in den Staaten enorm erfolgreichen Jonas Brothers. In einer bierseligen Nacht schreiben beide neue Musik. Doch als ihr Song Monate später veröffentlicht wird, fehlt Ricks Name in den Credits. Was folgt, ist eine turbulente Achterbahnfahrt durch Emotionen, Partys und handfeste Auseinandersetzungen. Paul Rudd in der Rolle des Rick Power ist eine fantastische Besetzung. Herzzerreißende Momente spielt er mit derselben Mühelosigkeit wie die komischen, in denen er da steht − ein erwachsener Mann in Lederjacke, der versucht, eine Gruppe desinteressierter Partygäste zu animieren. »Power Ballad« bietet Wohlfühlkino im besten Sinne, inklusive berührender Auflösung. Ein kleines Genrejuwel. JOSEF BRAUN

The Piano Tuner

The Piano Tuner

USA 2026, R: Daniel Roher, D: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Alisen Richmond-Peck, 107 min

Der hörgeschädigte Niki düst mit seinem illustren Onkel Harry zu Luxuskunden, die ihr Klavier oft nur als Deko nutzen, es aber von den beiden Experten stimmen lassen wollen. Niki war ein Wunderkind am Piano, hat aber aufgrund einer Geräusch-Überempfindlichkeit eine mögliche Welt-Karriere verpasst. Als der alternde Harry schließlich im Krankenhaus landet, braucht Niki Geld für die Rechnungen. Zum Glück hat er zuvor bei einem Auftrag zufällig ein ungleiches kriminelles Trio kennengelernt, das Nikis akustische Fähigkeiten zum Knacken von Tresoren nutzen will. Außerdem bandelt der junge Aushilfsganove und Superhörer mit Ruthie, einer asiatischen, überaus ehrgeizigen angehenden Klavier-Absolventin, an. Als es bei einem Auftrag zu einem Mord kommt, will Niki aussteigen. Doch für die Gangster ist er unabkömmlich geworden. Für seine Freundin Ruthie hingegen weniger, denn Nikis Machenschaften gefährden schließlich ihre Karriere. Die Chemie und Performances der Hauptdarsteller sind stimmig wie ein Steinway. Vor allem die Komposition der auditiven – und Nikis emotionaler – Ebene ist eindringlich, etwa wenn dieser immer wieder mit markerschütternden Geräuschen konfrontiert wird oder die Schnittfolge zum Beat passt. Allerdings gibt es auch einige Misstöne durch allzu konstruierte Wendungen und einige reproduzierte Klischees der Hochkultur. MARKUS GÄRTNER

Mit leiser Stimme

Mit leiser Stimme

F/TUN 2026, R: Leyla Bouzid, D: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, 98 min

Lilias Onkel in Tunesien ist unerwartet gestorben, und so reist die in Paris lebende junge Frau gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Alice in ihre alte Heimat. Alice quartiert sie allerdings in einem Hotel ein, weil die Familie noch nichts von Lilias Homosexualität weiß. Auch der verstorbene Onkel hat ein geheimes Doppelleben geführt, sein schwuler Ex-Partner wird von den Angehörigen bei der Trauerfeier nicht geduldet. Lilia begibt sich auf Spurensuche, trifft sich in einem zutiefst homophoben islamischen Land mit etlichen Menschen, die das wahre Ich ihres Onkels kannten. Dabei beginnt sie, auch ihre eigene Lebenssituation zu überdenken. Will sie die gleichen Fehler begehen oder soll sie es wagen, sich klar zu Alice und ihrem wirklichen Leben zu bekennen? Leyla Bouzid hat hier ein sensibles Familiendrama inszeniert, das sich sehr gemächlich entwickelt und das Publikum zunächst teilhaben lässt an den traditionellen Beerdigungsritualen in Tunesien. Langsam wird dabei ersichtlich, dass es hinter der heilen Fassade der Familie bröckelt. Auf äußerst feinfühlige Weise versetzt uns Bouzid in die Lage ihrer innerlich zerrissenen Protagonistin und zeigt uns anhand ihrer Nachforschungen andere Facetten des heutigen Tunesien. »Mit leiser Stimme« ist ein zutiefst berührender und durchweg packend inszenierter Film, der den Mut aufbringt, für einen gesellschaftlichen Wandel zu werben. Frank Brenner

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

D 2026, R: Regine Schilling, D: Sandra Hüller, 96 min

In diesem Jahr wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Mit einem experimentellen Porträt, das Archivmaterial und Texte mit gespielten Sequenzen vermischt, nähert sich die Dokumentarfilmerin und studierte Literaturwissenschaftlerin Regine Schilling (»Igor Levit – No Fear«) der 1973 gestorbenen Autorin. Sandra Hüller verkörpert Bachmann in ihren letzten Tagen, allein in einem Appartement in Rom, gezeichnet vom Alkohol- und Tablettenmissbrauch. Schilling selbst nennt dies eine Seance, eine Totenbeschwörung, auf die sich Hüller mit vollem Körpereinsatz einlässt. So ist das intime Bild einer Getriebenen entstanden, in dem Bachmann durch ihre Texte lebendig wird und Einblick in ihr Innerstes offenbart. Dazwischen dokumentieren die Fernsehaufnahmen den Weg aus dem ländlichen Kärnten in die Metropole Wien, von der Tochter eines NSDAP-Funktionärs zur gefeierten Lyrikerin. Dieser Weg ist gezeichnet vom unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen, aber auch von Bachmanns komplizierten Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch. Schilling bezieht dabei den Entstehungsprozess ihrer Versuchsanordnung in den Film ein, zeigt Hüller bei der Vorbereitung auf ihre Rolle, in der Maske und bei den Proben. Ein interessantes Werk, das nicht den Anspruch auf Authentizität erhebt, sondern aus seinem künstlerischen Anspruch keinen Hehl macht. LARS TUNÇAY

Dreams – Gefährliches Verlangen

Dreams – Gefährliches Verlangen

USA/MEX 2025, R: Michel Franco, D: Jessica Chastain, Isaac Hernández, Rupert Friend, 98 min

Eine Szene, wie sie sich tagtäglich an der Grenze zu Mexiko abspielt: Ein Lkw steht in sengender Hitze. Darin eine Gruppe Geflüchteter, vereint in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit dem Hereinbrechen der Nacht werden das Klopfen und die Hilferufe im Inneren lauter. Als schließlich die Tür geöffnet wird, kann Fernando entkommen. Sein Ziel: San Francisco. Dort lebt Jennifer, Tochter eines reichen Unternehmers. In Fernandos Heimat teilten sie ein Zimmer, doch in Jennifers Umfeld hat ihr junger Liebhaber keinen Platz. Während sie mit sich und ihrer Leidenschaft ringt, versucht der talentierte Tänzer eine Karriere am Ballett. Mit Filmen wie »New Order – Die neue Weltordnung« hat sich der mexikanische Regisseur Michel Franco als Meister der provokativen Sozialkritik etabliert. Eindrücklich seziert er die Kluft zwischen Arm und Reich. »Dreams« zeigt die Unterschiede in einem intensiven, körperlichen Beziehungsdrama um Macht und Abhängigkeit. Nicht nur der Altersunterschied und die sozialen Hintergründe der Hauptfiguren stehen im Gegensatz zueinander. Während Jennifers Weg vorbestimmt ist, muss Fernando trotz seiner Fähigkeiten um Geltung ringen. Ein schmerzhaft reales und hochaktuelles Sujet, stark gespielt von Jessica Chastain (»Zero Dark Thirty«) und der Neuentdeckung Isaac Hernández. Die Kamera von Yves Cape (»Holy Motors«) bleibt bewusst auf Distanz, der Film bezieht keine offensichtliche Position. Das macht seine Aussage umso eindringlicher. LARS TUNÇAY