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Rezensionen

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

USA/CAN 2026, R: Jane Schoenbrun, D: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, 112 min

Die junge queere Nachwuchsfilmerin Kris soll das Horrorfranchise rund um »Camp Miasma« und den irren Mörder mit dem Luftschacht-Kasten auf dem Kopf wiederbeleben und einem jungen Publikum schmackhaft machen. Just an dem Ort, an dem die Filmreihe vor rund 30 Jahren ihren Anfang nahm, trifft sie sich mit der damaligen Hauptdarstellerin Billy, um diese vom Mitwirken im Reboot zu überzeugen. In der Abgeschiedenheit kommen sich die beiden Frauen unterschiedlicher Generationen zusehends näher, während die Frage im Raum schwebt, wie viel Realität in den Geschichten rund um den »Camp Miasma«-Schlitzer wirklich steckt. Mit unglaublicher Detailverliebtheit und einer Menge Insiderwissen hat Jane Schoenbrun hier ein fiktives Horrorfranchise erfunden und mit wunderbar nachgestellten Aushang-Fotos, Merchandise-Artikeln, Video- und DVD-Covern zum Leben erweckt. Wer Fan der Filmreihen »Freitag, der 13.« oder »Halloween« ist, dürfte klar im Vorteil sein und umso mehr Anspielungen und Querverweise entdecken. Gleichzeitig nimmt sich Schoenbrun aber auch Genderfragen, einer lesbischen Liebesbeziehung und den immer absurderen Auswüchsen der aktuellen Filmindustrie an, so dass auch etliche andere Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihre Kosten kommen werden. Die Slasherszenen hat die Filmemacherin übrigens bewusst over the top inszeniert, so dass man diese eigentlich keinen Moment lang wirklich ernst nehmen kann. FRANK BRENNER

The Invite

The Invite

USA 2026, R: Olivia Wilde, D: Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, 107 min

Es ist schon ein Kreuz: Joe kommt mit Rückenschmerzen müde von der Arbeit, da eröffnet ihm seine Frau Angela, dass sie spontan die Nachbarn zum Essen eingeladen hat. Und das sind ausgerechnet Pina und Hawk, von denen das Paar ständig wachgevögelt wird. Wie so oft geraten die beiden darüber in einen lautstarken Streit, als es auch schon an der Wohnungstür klingelt. Schnell wird es offen zum Thema: Während Joe und Angela sich in ihrer eingefahrenen Ehe nur noch anzicken, haben Pina und Hawk ein respektvolles, erfülltes Liebesleben. Und das nicht nur miteinander, sondern auch swingend mit anderen Menschen – und nun wollen sie Angela und Joe zum Partnertausch einladen! Die sind irritiert und fasziniert zugleich, doch was folgt, führt nicht auf den Gipfel der Lust, sondern zum Hinterfragen des eigenen Lebensmodells. Aufbauend auf einem spanischen Original hat Angela-Darstellerin Olivia Wilde ein pointenreiches Kammerspiel inszeniert, in dem jede Mimik-Regung des Ensembles sitzt und bei dem man ihr, Penélope Cruz, Edward Norton und Seth Rogen das Vergnügen, das sie beim Dreh hatten, in jeder Einstellung anmerkt. Scharfsinnig und mit viel Verve hält der Film Beziehungskonventionen und dem heute wiederauflebenden Spießertum den Spiegel vor und liefert einen höchst amüsanten Figuren-Clash, wie man ihn so hochkarätig besetzt seit Roman Polanskis »Der Gott des Gemetzels« nicht mehr genießen durfte. PETER HOCH

Spaziergang nach Syrakus

Spaziergang nach Syrakus

D 2026, R: Lars Jessen, D: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, 97 min

Sizilien sehen und sterben: Paul Gompitz sehnt sich nach Italien. Eigentlich nach der Welt insgesamt, nach Unabhängigkeit und Horizonterweiterung. Italien ist für ihn das Symbol dafür, wie für die Italienfahrenden vergangener Jahrhunderte. Das Problem: Gompitz wohnt in der DDR, seine Heldenreise ist also eine traurig-trotzige. Denn natürlich lassen ihn die Behörden nicht die Bildungsfahrt antreten, auch wenn er verspricht, wiederzukommen. Über viele Jahre plant er also seine Flucht, um die Italientour antreten zu können. Er sammelt als Kellner auf Hiddensee erworbenes Westgeld, lernt segeln – und verschweigt das seiner Frau. Irgendwann bricht er auf. Basierend auf der Erzählung von Friedrich Christian Delius, die wiederum zwei historische Vorbilder hat, realisierte Lars Jessen (»Mittagsstunde«) den Film. Dieser besticht bereits durch den Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin: Charly Hübner spielt den italiensüchtigen Gompitz, Lina Beckmann seine Frau Anne. Fantastisch ist der Umgang der beiden miteinander – man spürt, dass sie sich sehr gut kennen. Kleinste Nuancen in der Mimik, im Blick, drücken das aus. Das Filmtempo ist gelassen, fast spröde wird erzählt. Und doch ergreift das Publikum eine Wärme, wenn es einen Menschen dabei begleitet, Mensch zu sein und seinem Willen zu folgen. Zugleich versprüht der Film die Melancholie des Loslassens. Ohne Kitsch und Klischee schildert er auch DDR-Verhältnisse, um dann zur universelleren Reflexion übers Gehen oder Bleiben und die Sehnsucht nach Welt zu werden. Tobias Prüwer

Exit 8

Exit 8

J 2025, R: Genki Kawamura, D: Kazunari Ninomiya, Yamato Kôchi, Naru Asanuma, 95 min

Japan. Ein Mann erfährt in der U-Bahn, dass seine Ex-Freundin von ihm schwanger ist. Das größere Problem wartet aber noch: Beim Hinausgehen aus dem Tunnel merkt er plötzlich, dass er immer wieder an dieselbe Stelle kommt. Kein Ausweg, gefangen im ÖPNV-Höhlensystem. Ein Hinweisschild zeigt die Lösung: Er muss genau auf seine wiederkehrende Umgebung achten und »Anomalien« finden. Ein seltsamer Mann schreitet stets wortlos an ihm vorbei, auch ein Kind taucht auf. Aus der Sicht dieser Protagonisten werden in drei Episoden mögliche Auswege und Zusammenhänge gezeigt – oder neue Schrecken. »Exit 8« war zunächst ein Indie-Videospiel, was aber für den Filmgenuss egal ist. Diese Mischung aus »Cube« und dem Zeitschleifen-Kultfilm »Und täglich grüßt das Murmeltier« setzt auf ein minimalistisches Setting, reißt aber gleichzeitig auch große Themen wie das kapitalistische Hamsterrad, Selbstfindung und Eltern-Rollen an. Der Streifen bedient sich ikonografisch bei manchem Klassiker, generiert aber selbst wenig Innovatives in Sachen Bildsprache, Dramaturgie und Co. Genau das wäre bei einem solch reduzierten, repetitiven Ansatz aber eine weitere Erlebnisschiene gewesen. So sucht man beim Zuschauen eifrig mit nach Auffälligkeiten im gefliesten Tunnel, schaudert etwas und ist am Ende froh, wenn man schließlich den Ausgang des Films gefunden hat. Markus Gärtner

Ninja Motherf*cking Destruction

Ninja Motherf*cking Destruction

D 2025, R: Lotta Schwerk, D: Emma Suthe, Marie Tragousti, Merle von Mach, 79 min

Irgendwann im Leben werden aus den viel zu warmen Sommertagen am See mit Gelächter und Eiscreme viel zu warme Sommernächte in Glitzertops, das dämmerige, blaue Licht des Morgens und Hände, die ein bisschen zu nah aneinander liegen und sich doch nicht wegbewegen wollen. Lotta Schwerks »Ninja Motherf*cking Destruction« begleitet zwei Mädchen beim Erwachsenwerden, auf der Suche nach der eigenen Identität, beim Grübeln über eine ungewisse Zukunft. Und wird dabei, wie es sich für ein gutes Coming-of-Age-Werk gehört, gefühlvoll und zärtlich: Besonders in den Momenten zwischen Handlung und Dialog – den verstohlenen Blicken, den Umarmungen – fängt die Regisseurin gekonnt ein, wie sich dieses diffuse Bauchgefühl anfühlt, ausgelöst von einer Mischung aus Verwirrung, Verliebtheit und Verletzlichkeit. Nur in den seltenen Momenten der großen Gespräche, da stolpert der Film über das eigene Pathos. Die Dialoge sind gestelzt, wirken wie direkte Auszüge aus einem Tagebuch, das zwar zur Verarbeitung der eigenen Gefühle, nicht aber für ernstzunehmenden Gesprächsstoff taugt. Wirklich vorwerfen kann man das einem so persönlichen Film aber nicht. Stattdessen kann man mitnehmen, was funktioniert, den Rest zurückgeben an die Regisseurin, dankbar sein, dass sie sich in ihrem queeren Debütfilm so verletzlich gibt – und hoffen, dass noch viele weitere Filme folgen. ELLEN DREYER

Auf zwei Rädern

Auf zwei Rädern

F 2024, R: Mathias Mlekuz, D: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, 90 min

Der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Schmerzhafteste, das ein Mensch überhaupt durchleiden kann. Der seit dreißig Jahren in Nebenrollen tätige französische Schauspieler Mathias Mlekuz musste diese traumatische Erfahrung im Jahr 2022 machen, als sein Sohn Youri sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Vier Jahre zuvor hatte der junge Mann eine Reise mit dem Fahrrad von La Rochelle bis nach Istanbul quer durch Europa unternommen. Um ihm Ehre zu erweisen und sich ihm noch einmal nahe zu fühlen, hat Mathias Mlekuz die gleiche Tour selbst absolviert und mit der Kamera semidokumentarisch festhalten lassen. Mitgenommen auf diesen ungewöhnlichen Trauertherapie-Trip hat er seinen Hund Lucky und seinen langjährigen Freund Philippe Rebbot, der ebenfalls Schauspieler ist; auch Mlekuz’ anderer Sohn Josef hat gegen Filmende eine Rolle. Auf dem Weg durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien führen Mathias und Philippe Gespräche miteinander, die überwiegend improvisiert wurden, und begegnen, wie es sich für ein Roadmovie gehört, den verschiedensten Menschen. Entstanden ist so ein höchst persönlicher Film mit nachdenklich stimmenden Erkenntnissen über Leben, Tod, Familie, Freundschaft, Liebe und vieles mehr, aber auch mit manch humorvollen Momenten, die dafür sorgen, dass das Publikum den Kinosaal trotz des schweren Themas mit einer gewissen Leichtigkeit verlassen kann. PETER HOCH

Das Sommerbuch

Das Sommerbuch

USA/GB/FIN/BR 2026, R: Charlie McDowell, D: Glenn Close, Emily Matthews, Anders Danielsen Lie, 95 min

Zu Beginn des Sommers kommen Sophia, ihr Vater und ihre Großmutter mit dem Boot auf einer kleinen Schäreninsel im Finnischen Meerbusen an. Eine fehlt dabei. Die Abwesenheit der verstorbenen Mutter ist präsent und wird doch kaum verhandelt. Sophia erkundet mit der Großmutter die Insel, ist lebhaft und neugierig. Sie steht am Anfang eines Lebens, das für die Großmutter langsam endet. Während Letztere sich nach Ruhe sehnt, dürstet Sophia nach Abenteuer – zumal der Vater in der Trauer um seine Frau versinkt. Die Natur als vierte Hauptfigur zwingt sie schließlich, sich mit Leben und Tod und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Regisseur Charlie McDowell und Drehbuchautor Robert Jones folgen damit der Buchvorlage der finnlandschwedischen Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin Tove Jansson (1914–2001), die vor allem durch die Mumins-Kinderbuchreihe bekannt geworden ist. Und sie bieten der achtfach Oscar-nominierten Glenn Close eine kleine, feine Bühne, bevor die Grande Dame Ende des Jahres nun einen Ehren-Oscar erhält. Fast 80-jährig, gibt sie Neuentdeckung Emily Matthews ganz uneitel den passenden Raum, um aufzublühen – als Figur und als junge Schauspielerin. Einzig die englischen Originaldialoge wirken in der skandinavischen Atmosphäre des Films manchmal gestelzt und deplatziert. Ein zarter Film, in dem Wellen manchmal mehr sind als Worte. NADINE FAUST

Power Ballad − Der Song meines Lebens

Power Ballad − Der Song meines Lebens

USA/IRL 2025, R: John Carney, D: Paul Rudd, Nick Jonas, Havanna Rose Liu, 99 min

Wo sind sie geblieben, die goldenen Tage? Rick Power weiß jedenfalls: nicht bei ihm. Aus dem vielversprechenden Talent von einst ist ein abgebrannter Hochzeitssänger geworden. Im vollgestopften Transporter reist er von Bühne zu Bühne, singt Hits von Bryan Adams. Seine eigenen Lieder sind nicht gefragt. Selbst Powers Tochter verdreht genervt die Augen, wenn er sie in sein kleines Heimstudio ruft. Bekanntes Terrain für Regisseur John Carney (»Sing Street«). Seit »Once« (2007) bespielt er beharrlich das Genre des Musikfilms. Verpasste Chancen, melancholische Songs, schicksalhafte Begegnungen – das alles sind feste Zutaten seines Werks. Carney-Fans kann es dementsprechend kaum überraschen, wenn Power seine zweite Chance erhält. Nach einem Gig trifft er den ehemaligen Boyband-Sänger Danny Wilson, dargestellt von Nick Jonas, Teil der in den Staaten enorm erfolgreichen Jonas Brothers. In einer bierseligen Nacht schreiben beide neue Musik. Doch als ihr Song Monate später veröffentlicht wird, fehlt Ricks Name in den Credits. Was folgt, ist eine turbulente Achterbahnfahrt durch Emotionen, Partys und handfeste Auseinandersetzungen. Paul Rudd in der Rolle des Rick Power ist eine fantastische Besetzung. Herzzerreißende Momente spielt er mit derselben Mühelosigkeit wie die komischen, in denen er da steht − ein erwachsener Mann in Lederjacke, der versucht, eine Gruppe desinteressierter Partygäste zu animieren. »Power Ballad« bietet Wohlfühlkino im besten Sinne, inklusive berührender Auflösung. Ein kleines Genrejuwel. JOSEF BRAUN

The Piano Tuner

The Piano Tuner

USA 2026, R: Daniel Roher, D: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Alisen Richmond-Peck, 107 min

Der hörgeschädigte Niki düst mit seinem illustren Onkel Harry zu Luxuskunden, die ihr Klavier oft nur als Deko nutzen, es aber von den beiden Experten stimmen lassen wollen. Niki war ein Wunderkind am Piano, hat aber aufgrund einer Geräusch-Überempfindlichkeit eine mögliche Welt-Karriere verpasst. Als der alternde Harry schließlich im Krankenhaus landet, braucht Niki Geld für die Rechnungen. Zum Glück hat er zuvor bei einem Auftrag zufällig ein ungleiches kriminelles Trio kennengelernt, das Nikis akustische Fähigkeiten zum Knacken von Tresoren nutzen will. Außerdem bandelt der junge Aushilfsganove und Superhörer mit Ruthie, einer asiatischen, überaus ehrgeizigen angehenden Klavier-Absolventin, an. Als es bei einem Auftrag zu einem Mord kommt, will Niki aussteigen. Doch für die Gangster ist er unabkömmlich geworden. Für seine Freundin Ruthie hingegen weniger, denn Nikis Machenschaften gefährden schließlich ihre Karriere. Die Chemie und Performances der Hauptdarsteller sind stimmig wie ein Steinway. Vor allem die Komposition der auditiven – und Nikis emotionaler – Ebene ist eindringlich, etwa wenn dieser immer wieder mit markerschütternden Geräuschen konfrontiert wird oder die Schnittfolge zum Beat passt. Allerdings gibt es auch einige Misstöne durch allzu konstruierte Wendungen und einige reproduzierte Klischees der Hochkultur. MARKUS GÄRTNER

Mit leiser Stimme

Mit leiser Stimme

F/TUN 2026, R: Leyla Bouzid, D: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, 98 min

Lilias Onkel in Tunesien ist unerwartet gestorben, und so reist die in Paris lebende junge Frau gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Alice in ihre alte Heimat. Alice quartiert sie allerdings in einem Hotel ein, weil die Familie noch nichts von Lilias Homosexualität weiß. Auch der verstorbene Onkel hat ein geheimes Doppelleben geführt, sein schwuler Ex-Partner wird von den Angehörigen bei der Trauerfeier nicht geduldet. Lilia begibt sich auf Spurensuche, trifft sich in einem zutiefst homophoben islamischen Land mit etlichen Menschen, die das wahre Ich ihres Onkels kannten. Dabei beginnt sie, auch ihre eigene Lebenssituation zu überdenken. Will sie die gleichen Fehler begehen oder soll sie es wagen, sich klar zu Alice und ihrem wirklichen Leben zu bekennen? Leyla Bouzid hat hier ein sensibles Familiendrama inszeniert, das sich sehr gemächlich entwickelt und das Publikum zunächst teilhaben lässt an den traditionellen Beerdigungsritualen in Tunesien. Langsam wird dabei ersichtlich, dass es hinter der heilen Fassade der Familie bröckelt. Auf äußerst feinfühlige Weise versetzt uns Bouzid in die Lage ihrer innerlich zerrissenen Protagonistin und zeigt uns anhand ihrer Nachforschungen andere Facetten des heutigen Tunesien. »Mit leiser Stimme« ist ein zutiefst berührender und durchweg packend inszenierter Film, der den Mut aufbringt, für einen gesellschaftlichen Wandel zu werben. Frank Brenner

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

D 2026, R: Regine Schilling, D: Sandra Hüller, 96 min

In diesem Jahr wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Mit einem experimentellen Porträt, das Archivmaterial und Texte mit gespielten Sequenzen vermischt, nähert sich die Dokumentarfilmerin und studierte Literaturwissenschaftlerin Regine Schilling (»Igor Levit – No Fear«) der 1973 gestorbenen Autorin. Sandra Hüller verkörpert Bachmann in ihren letzten Tagen, allein in einem Appartement in Rom, gezeichnet vom Alkohol- und Tablettenmissbrauch. Schilling selbst nennt dies eine Seance, eine Totenbeschwörung, auf die sich Hüller mit vollem Körpereinsatz einlässt. So ist das intime Bild einer Getriebenen entstanden, in dem Bachmann durch ihre Texte lebendig wird und Einblick in ihr Innerstes offenbart. Dazwischen dokumentieren die Fernsehaufnahmen den Weg aus dem ländlichen Kärnten in die Metropole Wien, von der Tochter eines NSDAP-Funktionärs zur gefeierten Lyrikerin. Dieser Weg ist gezeichnet vom unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen, aber auch von Bachmanns komplizierten Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch. Schilling bezieht dabei den Entstehungsprozess ihrer Versuchsanordnung in den Film ein, zeigt Hüller bei der Vorbereitung auf ihre Rolle, in der Maske und bei den Proben. Ein interessantes Werk, das nicht den Anspruch auf Authentizität erhebt, sondern aus seinem künstlerischen Anspruch keinen Hehl macht. LARS TUNÇAY

Dreams – Gefährliches Verlangen

Dreams – Gefährliches Verlangen

USA/MEX 2025, R: Michel Franco, D: Jessica Chastain, Isaac Hernández, Rupert Friend, 98 min

Eine Szene, wie sie sich tagtäglich an der Grenze zu Mexiko abspielt: Ein Lkw steht in sengender Hitze. Darin eine Gruppe Geflüchteter, vereint in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit dem Hereinbrechen der Nacht werden das Klopfen und die Hilferufe im Inneren lauter. Als schließlich die Tür geöffnet wird, kann Fernando entkommen. Sein Ziel: San Francisco. Dort lebt Jennifer, Tochter eines reichen Unternehmers. In Fernandos Heimat teilten sie ein Zimmer, doch in Jennifers Umfeld hat ihr junger Liebhaber keinen Platz. Während sie mit sich und ihrer Leidenschaft ringt, versucht der talentierte Tänzer eine Karriere am Ballett. Mit Filmen wie »New Order – Die neue Weltordnung« hat sich der mexikanische Regisseur Michel Franco als Meister der provokativen Sozialkritik etabliert. Eindrücklich seziert er die Kluft zwischen Arm und Reich. »Dreams« zeigt die Unterschiede in einem intensiven, körperlichen Beziehungsdrama um Macht und Abhängigkeit. Nicht nur der Altersunterschied und die sozialen Hintergründe der Hauptfiguren stehen im Gegensatz zueinander. Während Jennifers Weg vorbestimmt ist, muss Fernando trotz seiner Fähigkeiten um Geltung ringen. Ein schmerzhaft reales und hochaktuelles Sujet, stark gespielt von Jessica Chastain (»Zero Dark Thirty«) und der Neuentdeckung Isaac Hernández. Die Kamera von Yves Cape (»Holy Motors«) bleibt bewusst auf Distanz, der Film bezieht keine offensichtliche Position. Das macht seine Aussage umso eindringlicher. LARS TUNÇAY

Der Kommunist

Der Kommunist

D 2026, Dok, R: Lutz Pehnert, 123 min

Die 70.000 Euro Filmförderung für diese Dokumentation sind nicht ohne Ironie. Denn der Film verklärt das Leben des letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz. Ohne Einordnung rahmt Regisseur Lutz Pehnert »Kommunist« mit anekdotischem Zierrat. Ein Niederländer besucht Egon Krenz regelmäßig im Ostsee-Häuschen. Die einst jüngste LPG-Funktionärin spricht warme Worte. Was ein Kommunist ist und warum Krenz einer ist, wird nicht erzählt. Er wächst als Christ auf, die Befreier der Roten Armee schenken ihm Brot. Nachdem er als Schüler für die CDU arbeitete, stellt ihn die SED für Botendienste ein – plötzlich will er in der Partei mitmachen. Mehr erfährt man über seine Motivation nicht. Einige Lebensstationen werden abgerissen, bis er schließlich fünfzig Tage lang die DDR lenkt – und bedauert, Vorgänger Erich Honecker nicht früher kritisiert zu haben für seine »Verkrustung«. Inhaltlich blass klingt das wie eine Krenz-Schutz-Behauptung. Die Panzerkonfrontation 1961 in Berlin nimmt Krenz zum Beweis eines Bürgerkriegs, der Mauerbau wird nicht thematisiert. Dosierte Kritik kommt nur durch alte Talkshow-Schnipsel. Ferdinand von Schirach mildert da Krenz’ Urteil im Mauerschützenprozess ab: Moral habe hier keinen Platz. Daher zeigt der Film auch lieber Krenz im Meer winkender Blauhemden, statt zu fragen, welche Verantwortung man als FDJ-Chef trägt für Gehirnwäsche der Jugend und real existierenden Kasernenhofsozialismus. Tobias Prüwer

Ein Sommer in Paris

Ein Sommer in Paris

F 2025, R: Valentine Cadic, D: Blandine Madec, India Hair, Arcadi Radeff, 77 min

Sommer 2024: Während ganz Paris im Olympiafieber ist, scheinen die Spiele Blandine, einer jungen Frau aus der Normandie, nur wenig Glück zu bringen. Eigentlich wollte sie sich die Schwimmwettbewerbe gemeinsam mit ihrer Freundin ansehen, doch musste sie nicht nur die Reise in die Hauptstadt allein antreten, sondern verpasst dank der strengen Einlassbestimmungen der Wettbewerbe auch noch, ihre Lieblingsathletin Béryl Gastaldello live um die Medaillen antreten zu sehen. Der Besuch bei ihrer Halbschwester Julie verläuft ebenfalls eher chaotisch. Immerhin findet Blandine schnell einen Draht zu ihrer Nichte Alma, deren Vater – Julies Ex-Mann – sie aber direkt in seinen Olympia-Gegenprotest hineinzieht. Blandines Erlebnisse bilden einen entspannten, fast stoischen Kontrast zum Trubel der Spiele, traumwandlerisch bewegt sie sich durch die Stadt. Auch wenn sie ein ruhiger Charakter ist, bringt ihre Neugier und Aufgeschlossenheit sie immer wieder in neue, absurde Situationen. Dabei geht es weniger um die konkreten Erlebnisse, als vielmehr um ein Gefühl der unendlichen Möglichkeiten, die sich Blandine in ihrer Urlaubswoche zu bieten scheinen, und durch die sie sich langsam treiben lässt. »Ein Sommer in Paris« von Regisseurin Valentine Cadic hält exakt, was der Titel verspricht, und eignet sich damit perfekt für laue Sommerkinoabende – hat am Ende aber zu wenige Höhen und Tiefen, um noch lange nachzuwirken. Hanne Biermann

Nulpen

Nulpen

D 2026, R: Sorina Gajewski, D: Bella Lochmann, Pola Geiger, Cedric Eich, 81 min

Ramona und Nico haben gerade ihr Abi geschafft und wissen nichts mit sich anzufangen. Es ist Hochsommer in Berlin. Sie haben kein Geld, um sich beim Späti Chips und Spaßgetränke zu kaufen, in der Nachbarschaft gibt es nur Stress und auf die Klimademos vor ihrer Tür haben sie keine Lust. Dabei gehören sie zur Generation Hoffnung, auf ihren Schultern liegt die Zukunft der Welt. Ramonas Bruder Noah ist wesentlich wütender und bestürzt über die Lethargie seiner großen Schwester. »Die Erde brennt«, denkt er und hält in einer Szene einen brennenden Luftballon in Globusoptik in der Hand, um das Bild zu verdeutlichen. Das Einzige, was Ramona interessiert, ist Magie – und Nico. Ihre teilweise improvisiert wirkenden Gespräche tragen den Film, dessen Handlung im gleißenden Sommerlicht jedoch eher verschwimmt, genauso wie Realität und Eskapismus sowie die Grenzen der Handlung selbst. Der konsequente Schwebezustand der Erzählung kippt schnell in erzählerische Leere, und was als sensibles Porträt einer überforderten Generation anmutet, verliert sich in seiner eigenen Trägheit und lässt das Publikum eher unberührt zurück. Dabei setzt Regisseurin Sorina Gajewski auf Atmosphäre statt Plot. »Nulpen« ist ihr erster Langspielfilm, nachdem sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin studierte. Seine Premiere feierte der Film 2025 auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis. Greta Jebens

Sechswochenamt

Sechswochenamt

D 2025, R: Jacqueline Jansen, D: Magdalena Laubisch, Gerta Gormanns, Lola Klamroth, 98 min

Mit einem letzten Seufzer scheidet Martha im Erkelenzer Hospiz nach langer Krebserkrankung mit nur 55 Jahren aus dem Leben. Nur ihre Tochter Lore, die die geliebte, freigeistige Mutter in ihren letzten Stunden nicht allein gelassen hat, bekommt es mit und nimmt Abschied, sanft ein Schlaflied summend. Sie durchlebt in den Folgetagen all das, was die meisten in ihrer Situation durchmachen: Realisieren, Funktionieren, Organisieren, unterbrochen von Momenten der Verärgerung und Enttäuschung, wenn es ihren Mitmenschen kaum um echte Unterstützung, sondern hauptsächlich um das Erfüllen von Konventionen und ihre eigene Agenda geht. Dass es bei alledem Frühjahr 2020 ist und die Corona-Pandemie gerade die Welt heimsucht, nimmt Lore nur als Grundrauschen wahr. In statischen Bildern, überwiegend mit Laiendarstellern und ohne jede Filmmusik hat die Autodidaktin Jacqueline Jansen ihr autofiktionales, dokumentarisch anmutendes und ohne staatliche Förderung entstandenes leise-tragikomisches Drama inszeniert. Wie die Charaktere, auf die Lore trifft, zwischen hilf-, teilnahms- und pietätlos skizziert werden, verleitet sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken über das »Danach« und vermittelt ein stimmiges Bild einer Kleinstadtgemeinschaft im äußersten Westen Deutschlands. Zusammengehalten wird das von Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch, deren Stimmungen während ihrer Trauerarbeit sich auf uns übertragen. Peter Hoch

Truly Naked

Truly Naked

NL/B/F 2026, R: Muriel d‘Ansembourg, D: Caolán O‘Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, 102 min

Alec ist ein schüchterner Teenager. Gerade ist er mit seinem Vater aus London in ein verschlafenes Städtchen an der Küste gezogen. In der neuen Schule hält er lieber den Kopf unten. Niemand soll erfahren, womit sein Vater Geld verdient: Als Dylan Savage ist er Pornodarsteller und Produzent. Seine Filme dreht er in ihrer kleinen Wohnung. Für Alec gehört das zum Alltag. Er dreht und schneidet die Filme. Doch Dylan ist alt geworden und die Nachfrage sinkt. Krampfhaft versucht er, das Geschäft am Laufen zu halten. Als sich Alec in seine Mitschülerin Nina verliebt, beginnt er, sein vertrautes Leben in Frage zu stellen. Nina bringt ihm bei, was es bedeutet, wirklich nackt zu sein und gesehen zu werden. Im Gewand eines Coming-of-Age-Dramas thematisiert die niederländische Filmemacherin Muriel d’Ansembourg die Suche nach Nähe abseits pornografischer Reizüberflutung. Ähnlich wie Ninja Thybergs »Pleasure« spart auch ihr Debüt dabei keine Details aus und liefert einige feministische Kommentare zu den patriarchalen Strukturen der Pornoindustrie. Das ist manchmal arg vordergründig, jedoch insbesondere von den jungen Hauptdarstellern überzeugend verkörpert. Die unbeholfene aufkeimende Liebe zwischen Alec und Nina ist charmant in Szene gesetzt und steht im Kontrast zu den Sexszenen am Set. »Truly Naked«, zum Teil mit professionellen Pornodarstellerinnen gedreht, verdammt die Branche nicht pauschal, sondern bietet einen differenzierten, menschlichen Blick. LARS TUNÇAY

Obsession – Du sollst mich lieben

Obsession – Du sollst mich lieben

USA 2025, R: Curry Barker, D: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson, 108 min

Sei vorsichtig, was du dir wünschst – diese alte Weisheit bekommt in »Obsession« einen frischen Twist. Der schüchterne »Bear«, wie er von seinen Freunden genannt wird, liebt insgeheim Nikki. Seine Liebe kann er ihr jedoch nicht gestehen, ohne ihre langjährige Freundschaft zu gefährden. Also wünscht er sich eines Abends, dass sie nichts in der Welt mehr liebt als ihn. Das harmlos erscheinende Spielzeug »Wishing Willow« erfüllt überraschenderweise sein Versprechen und Nikki weicht fortan wie fremdgesteuert nicht mehr von seiner Seite. Doch Bear muss bald begreifen, dass aus Liebe schnell Obsession werden kann, wenn magische Kräfte im Spiel sind, und so wird die Leidenschaft zur Last. Regisseur und Autor Curry Barker, der mit selbst gedrehten Horror-Kurzfilmen auf Youtube virale Hits landete, produzierte seinen ersten Langfilm unabhängig, bevor das Hit-Horrorstudio Blumhouse auf ihn aufmerksam wurde. Das überschaubare Budget sieht man »Obsession« allerdings nicht an. Durch den cleveren Einsatz von Licht und Schatten schafft er eine konstante Bedrohung. Einige Jump-Scares sieht man zwar meilenweit kommen, sie verfehlen aber dennoch nicht ihre Wirkung. Effektiv ist sein Horror, der ein wenig an den ähnlich gelagerten »Together« aus dem vergangenen Jahr erinnert, auch aufgrund des entfesselten Spiels von Hauptdarstellerin Inde Navarrette (»Superman and Lois«) und weil er seine Geschichte mit dem nachvollziehbar handelnden Protagonisten erdet. LARS TUNÇAY

The Love that remains

The Love that remains

IS/DK/S/F 2025, R: Hlynur Pálmason, D: Saga Garðarsdóttir, Sverrir Gudnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir, 109 min

Mit nur drei Filmen hat sich der isländische Regisseur Hlynur Pálmason zur festen Größe im europäischen Kino und zum Dauergast im Wettbewerb von Cannes gedreht. Der schmerzhafte Verlust eines geliebten Menschen in »Weißer, weißer Tag«, die Verlorenheit am Ende der Welt in »Godland« – Pálmason erzählt fast schon beiläufig, mit einem tiefen Verständnis für die Natur des Menschen von einschneidenden Ereignissen. So auch in »The Love That Remains«. Die Ehe zwischen Anna und Magnús ist aus. Seine ständige Abwesenheit durch den Job auf einem Fischkutter mag ein Grund für die Trennung gewesen sein. Wann immer er an Land ist, ist er trotzdem Teil der Familie und für ihre drei Kinder da. Der Schlussstrich unter ihre Beziehung ist für Anna sicherlich deutlicher als für Magnús, der immer noch baggert. Aber beide leben längst unterschiedliche Leben. Während Anna um Anerkennung für ihre Kunst kämpft und nebenher den Haushalt führt, ist Magnús unter Deck mit notgeilen Seemännern. Mit trockenem Humor und menschlicher Wärme erzählt Pálmason von einer Trennung und der Liebe, die bleibt. Wir bekommen einen Einblick in das Leben einer Familie inmitten der rauen Natur Islands, die das Leben der Menschen bestimmt. Mit natürlichen Kinderdarstellern und überzeugenden Erwachsenen entsteht ein Ausschnitt, der fühlbar ein Vorher und Nachher hat und auch auf der Leinwand ewig weiterlaufen könnte. Lars Tunçay

Resurrection

Resurrection

CHN/F/USA 2025, R: Bi Gan, D: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, 160 min

Eine Traumreise durch das 20. Jahrhundert und hundert Jahre Filmgeschichte – nicht weniger hat sich der chinesische Autorenfilmer Bi Gan (»Long Day’s Journey Into Night«) vorgenommen. Schon die ersten Filmminuten sind ein Versprechen: Die Kamera blickt in ein Diorama, eine Opiumhölle vor hundert Jahren. Eine Hand greift in die Szene und gestaltet sie. Menschen irren durch die Kulisse, die sich für die Protagonistin bald zu einem surrealen Albtraum entwickelt. Sie stößt auf eine entstellte Kreatur, ein Phantasmer, ein Träumer in der Welt jener, die sich vom Träumen entfernt haben, um ewig zu leben. Durch die Jahrzehnte folgt sie ihm in immer wieder neue Inkarnationen. So wird die Handlung in sechs Kapiteln zum Episodenfilm, der mal einem Taschendieb und Betrüger auf den Straßen folgt, dann einem Grabräuber bei einer übernatürlichen Begegnung in einem Kloster und schließlich einem Paar in der Nacht vor dem Ende des Jahrhunderts. Es sind immer wieder Figuren einer Halbwelt, die ziellos durch die Zeit driften. Bi Gan inszeniert sie vor dem Hintergrund des sich wandelnden Reichs der Mitte. Sein cineastischer Trip ist aber auch eine Liebeserklärung ans Kino – vom Stummfilm bis zur Gegenwart, verspielt und visuell berauschend in Szene gesetzt von Jingsong Dong (»Der See der wilden Gänse«). »Resurrection« erzählt mit Traumlogik und entzieht sich einer konventionellen Handlung. Lässt man sich darauf ein, zieht einen der Film über 160 Minuten und weit darüber hinaus in seinen Bann. Lars Tunçay