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Rezensionen

Monos

Monos

Bande

KOL/ARG/NL/D/SWE/UR/USA/CH/DK/F 2019, R: Alejandro Lande, D: Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, Karen Quintero, 102 min Auf einem entlegenen Plateau, irgendwo in den kolumbianischen Bergen, trainiert eine Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst »Monos« nennen, für den paramilitärischen Einsatz. In der menschenleeren Umgebung entwickeln sich Hierarchien und Machtkämpfe. Eine amerikanische Ärztin dient als Geisel. Als die Situation ernst wird, ist die Gruppe gezwungen, sich tief in den Dschungel zurückzuziehen. Das Gefüge droht auseinanderzubrechen. Archaisch und wild sind die Riten, die von den Jugendlichen exerziert werden. Sie robben durch den Schlamm, tanzen um das Feuer. Vollkommen auf sich allein gestellt, werden ihre ureigenen Triebe erweckt. Mit einer bemerkenswerten Gruppe junger Darsteller hat der brasilianische Regisseur Alejandro Landes ein filmisches Experiment in der entlegenen Wildnis des Chingaza Nationalparks gewagt. Motive von »Apocalypse Now« und William Goldings »Herr der Fliegen« vermischen sich zu einem Fiebertraum. Das Ergebnis ist berauschend, mitreißend und in großartige Bilder gefasst. Dafür gab es zahlreiche Preise bei Filmfestivals, unter anderem in Sundance und San Sebastián. Das beeindruckendste Kinoerlebnis des Jahres. Lars Tunçay

Harriet

Harriet

Freiheitskämpferin

USA 2019, R: Kasi Lemmons, D: Cynthia Erivo, Leslie Odom Jr., Janelle Monáe, 121 min 1849 flüchtet die Sklavin Minty (später: Harriet Tubman) von einer Südstaaten-Plantage in den Norden. In Pennsylvania schließt sie sich der Underground Railroad an, einem geheimen Netzwerk, das entflohene Sklaven auf dem Weg in die Freiheit unterstützt. Unter dem Decknamen »Moses« kehrt Minty in den folgenden Jahren immer wieder in den Süden zurück, um insgesamt über 300 Menschen zu befreien. Freiheit oder Tod – das war das erklärte Motto von Harriet Tubman, einer der spannendsten Schlüsselfiguren des afroamerikanischen Freiheitskampfes. Ihre unglaubliche Geschichte passt aktuell sehr gut in den leider immer noch notwendigen #Blacklivesmatter-Diskurs und wird von Kasi Lemmons (»Black Nativity«) mitreißend erzählt – wenn auch etwas altmodisch inszeniert, vor allem, wenn sie ihre zutiefst gläubige Protagonistin in manchen Momenten wie eine Heiligen-Ikone aus Bibelschinken wie »Die zehn Gebote« in Szene setzt. Dank der famosen Kraft und Natürlichkeit von Cynthia Erivo (»Bad Times At The El Royale«) stört das bisschen Staub am Saum der Heldin allerdings nicht wirklich. Für ihre Performance (und den von ihr zum Soundtrack beigesteuerten Song »Stand up«) wurde die Britin in diesem Jahr mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Karin Jirsak

Für Sama

Für Sama

An die Menschlichkeit

GB/SYR/USA 2019, R: Waad Al-Kateab, Edward Watts, 100 min Die Kamera zeigt ein kaum einjähriges Mädchen, das nicht reagiert, wenn aus nächster Nähe Bombendetonationen zu hören sind – sie ist an dieses Geräusch gewöhnt. Dieses Mädchen ist Sama. Sie und die anderen Kinder harren mit ihren Familien in Ostaleppo aus, während über ihren Köpfen ein Krieg tobt, der keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Regisseurin Waad al-Kateab hat all diese Erlebnisse mit ihrer Kamera festgehalten: den Schrecken des Krieges, aber eben auch die hoffnungsvollen Momente, die Freude der Menschen, die füreinander da sind und weder aufgeben können noch wollen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Hamza, lebte Waad al-Kateab in einem selbst eingerichteten Krankenhaus in Ostaleppo, später wird es die letzte Einrichtung dieser Art sein, die nicht komplett zerstört wurde. Als ihre Tochter Sama geboren wird, schwanken sie zwischen der Verantwortung für die Menschen vor Ort und für ihre eigene, kleine Familie. Die emotionalen und teils drastischen Bilder gingen um die Welt. »Für Sama« wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und erhielt eine Oscarnominierung. Hinsehen ist nicht immer leicht, aber der Film macht deutlich, dass Wegsehen niemals eine Lösung ist. Hanne Biermann

Bohnenstange

Bohnenstange

RUS 2019, R: Kantemir Balagov, D: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov, 137 min

RUS 2019, OmU, 137 min, R: Kantemir Balagov, D: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov Leningrad 1945: Tagsüber arbeitet Iya in einem Krankenhaus, wo die Kriegsversehrten landen, verwundete, paralysierte, wie sie selbst traumatisierte menschliche Trümmer. Abends kümmert sich die groß gewachsene Frau, die von allen immer nur »Bohnenstange« genannt wird, liebevoll um den aufgeweckten Pashka. Doch ihre Anfälle, in denen sie davongleitet, nehmen überhand und gefährden schließlich das Leben des kleinen Kerls. Kurz darauf kehrt Masha heim von der Front. Sie ließ Pashka zurück, um den Tod ihres Geliebten zu rächen. Nun ist sie allein und besessen davon, wieder ein Kind zu bekommen, an dem sie sich festhalten kann. Deshalb schmiedet sie einen perfiden Plan und Iya hat keine Wahl, als ihr dabei zu helfen. In langen Einstellungen bewegt sich die Kamera durch das Haus der Frauen, in dem jedes Zimmer von unzähligen Überlebenden bevölkert wird. Dem Hunger stellt der junge Regisseur Kantemir Balagov den Überfluss der Familie des naiven Sasha gegenüber, der eine Leidenschaft für Masha entwickelt. Die detailgenaue Ausstattung, in kräftigen Farben, kunstvoll ausgeleuchtet, und nicht zuletzt die großartigen schauspielerischen Leistungen geben ein intensives Gefühl für die Zeit, für die klirrende Kälte und bittere Armut jenes Nachkriegswinters im zerbombten Leningrad. Darüber hinaus lässt Balagov den Zuschauer immer wieder rätseln, was sich im Kopf seiner schweigsamen Figuren regt, in denen die Bilder des Kriegs tiefe Spuren hinterlassen haben. Lars Tunçay

Doch das Böse gibt es nicht

Doch das Böse gibt es nicht

Nein sagen

IRN/D/CZ 2020, 151 min, R: Mohammad Rasoulof, D: Baran Rasoulof, Zhila Shahi, Mahtab Servati Heshmat führt ein gewöhnliches Leben. Einen Tag lang begleitet ihn die Kamera, wie er mit seiner Frau streitet, sich um seine erkrankte Mutter kümmert und mit der Tochter Pizza isst. Meist hört er ihnen zu. Nur manchmal wirkt er dabei etwas isoliert von ihrer Welt. Mohammad Rasoulof gehört zu den bekanntesten Regisseuren des Irans. Seit 2017 darf er von dort nicht mehr ausreisen. Gegen ihn steht eine Haftstrafe aus. Der Vorwurf: Gefährdung der nationalen Sicherheit und feindliche Propaganda. Überdies wurde er mit einem Drehverbot belegt. »Doch das Böse gibt es nicht« drehte er unter falschem Namen, am Set erschien er stets in Verkleidung. In vier Episoden erzählt er darin von Menschen, die mit der Todesstrafe in Berührung kommen. Früh am Morgen steht Heshmat in einem weißen Raum, der durch eine Scheibe geteilt ist. Er wirft einen Blick auf die andere Seite, dann drückt er einen Knopf. Eine Klappe öffnet sich und sechs Männer sind tot. Der Familienvater wird zum Henker des iranischen Regimes. Ein ähnliches Schicksal ist auch für Pouya vorgesehen. Der junge Mann leistet seinen Wehrdienst ab. Anders als Heshmat verweigert er jedoch das Töten, mit überraschenden Konsequenzen. Rasoulof gelang ein inhaltlich wie formal außergewöhnlicher Film, der auch visuell besticht. So sind die Bilder stellenweise atemberaubend. Völlig verdient gewann Rasoulof im Februar dafür den Goldenen Bären. Josef Braun

Driveways

Driveways

Festgefahren

USA 2019, 83 min, R: Andrew Ahn, D: Lucas Jaye, Hong Chau, Brian Dennehy Was wissen wir schon über unsere Nachbarn? Über das, was sich hinter der Tür verbirgt? Ihre Einsamkeit, die seelischen Abgründe. Del (Brian Dennehy) teilte sich eine Einfahrt mit April, doch mehr als ein paar Worte wechselte er nie mit der mächtigen Asiatin. Selbst ihre Schwester Kathy (Hong Chau) kannte sie kaum. Als sie mit ihrem achtjährigen Sohn Cody (Lucas Jaye) anreist, um das Haus ihrer Schwester auszuräumen, erwartet sie eine Überraschung jenseits der Veranda: Das Haus ist mit Müll vollgestopft, im Bad eine Katze verendet. Kathy macht sich alleine daran, das Haus zu entrümpeln. Cody treibt sich währenddessen in der Nachbarschaft herum und freundet sich mit Korea-Kriegsveteran Del an, dessen Leben auf der Stelle tritt. Behutsam schildert Regisseur Andrew Ahn die Begegnung der drei einsamen Charaktere. In ruhigen, unaufgeregten Szenen erzählt er viel über die Menschen der Vorortsiedlung, über Einsamkeit, Armut und das Altern. Dabei kann er auf ein starkes Ensemble bauen. Hauptdarstellerin Hong Chau (»Downsizing«) verkörpert die alleinstehende Mutter mit einer schroffen Selbstbestimmtheit. In seiner letzten Rolle spielt Brian Dennehy den alten Del als Durchschnittstypen, dessen Vita die von Millionen Amerikanern ist. »Driveways« ist eine herzerwärmende Perle des amerikanischen Independentkinos, beseelt vom Geiste asiatischer Kinokunst. Lars Tunçay

Falling

Falling

Kotzbrocken

Als Darsteller liefert Viggo Mortensen seit über drei Jahrzehnten regelmäßig überzeugend ab, egal ob als Held Aragorn in der »Der Herr der Ringe«-Trilogie oder in Charakterrollen, etwa als getriebener Mafiascherge in »Tödliche Versprechen« oder zuletzt in »Green Book«. Mit dem unsentimentalen Familiendrama »Falling« legt er nun sein Regie- und Drehbuchdebüt vor, und auch das kann sich mehr als sehen lassen. Eine der beiden Hauptrollen hat der Schauspieler natürlich auch noch übernommen: Willis lebt glücklich mit seinem Mann Eric und der gemeinsamen Tochter Monica in Los Angeles. Seiner tristen Kindheit auf der Farm seines kaltherzigen Vaters John konnte er gemeinsam mit Mutter und Schwester entfliehen. Alles holt ihn wieder ein, als er John pflichtbewusst zu sich nimmt, weil dessen Demenzerkrankung sich verschlimmert. Von Altersmilde ist bei dem Kotzbrocken jedoch nichts zu spüren, ständig äußert er sich beleidigend über alles und jeden, und insbesondere die Homosexualität seines Sohnes ist ihm ein Dorn im Auge. In immer wieder eingestreuten Rückblenden setzt sich dann ganz unaufgeregt das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen und man wird Zeuge vom persönlichen Scheitern eines auf sich selbst fixierten und lieblosen Mannes, bravourös unsympathisch gespielt vom sträflich unterschätzten B-Movie-Furchengesicht und Ex-»Aliens«-Androiden Lance Henriksen. Peter Hoch

Das perfekte Schwarz

Das perfekte Schwarz

Unbunt

D 2019, Dok, 78 min, R: Tom Fröhlich Schwarz ist die Abwesenheit von Licht oder ein optischer Zustand, bei dem keine visuellen Reize die menschliche Netzhaut erreichen. Auch wenn in »Das perfekte Schwarz« diese und andere Definitionen geliefert werden, etwa von einem Astrophysiker, geht es Regisseur Tom Fröhlich (»Ink of Yam«) nicht allein um eine wissenschaftliche Annäherung an das Phänomen Schwarz und seine jeweilige Manifestation, z. B. am Nachthimmel oder auf einer Buchseite. Im Zentrum des Filmes stehen vielmehr sechs Protagonisten, darunter eine Trauerbegleiterin und ein Tätowierer, die jeweils über ihre Beziehung zur Farbe und deren symbolischen Gehalt ausschnitthaft porträtiert werden. Die Musikerin Katja Krüger kann als Synästhetikerin aufgrund ihrer physiologisch-sensorischen Veranlagung Schwarz und andere Farben akustisch wahrnehmen und in Tonfolgen übersetzen. Mittlerweile halbseitig erblindet, hat Dieter Kirchner über 30 Jahre damit verbracht, eine Technik zu entwickeln, ein möglichst intensives Schwarz herzustellen. Künstler und Fotografen wie Sebastião Salgado und Annie Leibovitz lassen ihre Arbeiten bei ihm drucken. Neben klassischen Talking-Head-Situationen zeigt »Das perfekte Schwarz« – und das unterscheidet ihn von einer bloßen Dokumentation – seine Protagonisten bei der Verrichtung ihrer Arbeit. Lange, statische Einstellungen verorten sie in ihren örtlichen und sozialen Kontexten; mit zum Teil großem technischen Aufwand, etwa Tiefseeaufnahmen, wird der Blick für Naturphänomene geweitet. Sebastian Gebeler

Und morgen die ganze Welt

Und morgen die ganze Welt

D 2020, Dok, R: Julia von Heinz, D: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, 111 min

D 2020, 111 min, R: Julia von Heinz, D: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider »Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr?« Die Eingangsszene schwört Egotronic herauf. Wütend stapft die Antifa-Heroin mit der Flinte durchs Feld. Ratlosigkeit spricht aus ihr. Dann nimmt der Film eine 180-Grad-Wende, nähert sich als Erklärstück dem Linksradikalismus. Lisa, gut betuchtes Elternhaus in der Provinz, studiert in der Großstadt Jura. Sie zieht in ein alternatives Hausprojekt, lernt Alfa und Lenor kennen, die Teil eines gewaltbereiten Antifa-Netzwerks sind. Gemeinsam hebt das Trio ein Sprengstoffdepot von Rechtsterroristen aus, wird vom Verfassungsschutz verfolgt und kommt bei einem Ex-RAF-Mitglied unter. Am Ende findet Lisa zur bürgerlichen Welt zurück. Eigene Erlebnisse sollen Regisseurin Julia von Heinz inspiriert haben, so die PR-Botschaft: »Ich war bei der Antifa«, wird sie vor dem Filmstart zitiert. Vielleicht ist er wirklich gut gemeint, aber übers Klischee kommt ihr Film nicht hinaus. Alfa, klar muss der so heißen, ist charismatisch-sexy, weshalb die verliebte Lisa ihm folgt. Im queer-bunten Hausprojekt gehts um Party, Haarefärben und Liederabende. Die Militanzdebatte wird darauf verkürzt, dass man die Hausräumung fürchtet. Politische Debatten finden nicht statt, alles ist Bauchgefühl, verhärtet sich beim Schauen zum Urteil: »Denn sie wissen nicht, was sie tun.« Warum der Filmtitel der Zeile eines NS-Liedes gleicht, erklärt sich ebenso wenig. Tobias Prüwer

Zombi Child

Zombi Child

Vielschichtig

F 2019, OmU, 103 min, R: Bertrand Bonello, D: Louise Labeque, Wislanda Louimat, Katiana Milfort Achtung, dies ist kein Zombie-Horror! Mit seinen präzisen Gesellschaftsbeobachtungen – in elegischen Bildern eingefangen und mit subtilen Nuancen des Unheimlichen geladen – bewegt sich Regisseur Bertrand Bonello hier tatsächlich näher an Peter Weirs verstörendem Meisterwerk »Picknick am Valentinstag« als an »The Walking Dead« und Co. Hauptschauplatz ist ein katholisches Elite-Mädcheninternat in der Nähe von Paris. Die Viererclique von Teenagerin Fanny (wunderbar lebendig: Louise Labeque) entscheidet sich, die neue Mitschülerin Mélissa (enigmatisch: Wislanda Louimat) aufzunehmen. Die schweigsame junge Haitianerin kam nach dem Erdbeben 2010 als Waise nach Frankreich und lebt seitdem bei ihrer Tante. Bald ahnen ihre neuen Freundinnen, dass Mélissa ein beunruhigendes Geheimnis in sich trägt. Ratio und Mystik, Freiheit und Gefangenschaft, Freundschaft und Gegensätzlichkeit – zwischen diesen Polen schillert das vielschichtige Rätsel, das Bertrand Bonello hier Szene für Szene mit Bedacht entfaltet und klugerweise auch im rauschhaft inszenierten Voodoo-Finale nicht gänzlich auflöst. Mit viel Gespür für die tosenden Gefühlswelten seiner Figuren gelingt es Bonello, der 2016 mit dem hochexplosiven Jugenddrama »Nocturama« faszinierte, zugleich eine fesselnde Coming-of-Age-Geschichte fernab aller Klischees zu erzählen und ein sorgsam durchdachtes Statement über Frankreichs koloniale Vergangenheit abzugeben. Karin Jirsak

Vergiftete Wahrheit

Vergiftete Wahrheit

USA 2019, R: Todd Haynes, D: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, 126 min

USA 2020, 128 min, R: Todd Haynes, D: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins Robert Bilott hat etwas Manisches. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es durch – egal, wie groß die Widerstände sind. In der Anwaltskanzlei hat er es weit gebracht. Er ist die rechte Hand von Kanzleichef Tom Terp, der volles Vertrauen in ihn setzt. Einer seiner vertrauten Klienten ist das Chemieunternehmen DuPont, einer der größten Wirtschaftsmotoren in West Virginia, das sein Hauptgeschäft mit der Herstellung von Teflon macht. Der Gigant wird zum Gegner, als Robert in der Provinz auf den Fall des Rinderzüchters Wilbur Tennant aufmerksam wird. Nahezu 200 seiner Tiere sind auf rätselhafte Weise gestorben. Als Ursache hat er die toxischen Abfälle von DuPont auf dem Nebengrundstück ausgemacht und alles penibel auf Video dokumentiert. Doch niemand will ihm glauben. Bis auf Robert, der den langen und zehrenden Kampf gegen den Multimilliarden-Dollar-Konzern antritt. Todd Haynes erweist sich als kämpferischer Geist für das Gute. Er schildert den unbeirrbaren Weg eines Mannes, der überzeugt ist, das Richtige zu tun. Mark Ruffalo spielt ihn meisterhaft zurückhaltend. Haynes inszenierte ein ruhiges, versiertes Charakterdrama, basierend auf dem New York Times-Artikel von Nathaniel Rich. Auch die Nebenrollen sind glänzend besetzt. Kameraveteran Ed Lachmann unterstützt die unaufgeregte Inszenierung mit dem Zeitkolorit der neunziger Jahre. Dazu beschwört John Denver den Lokalpatriotismus West Virginias. Lars Tunçay

Sag du es mir

Sag du es mir

Perspektivwechsel

D 2019, 106 min, R: Michael Fetter Nathansky, D: Gisa Flake, Christina Große, Marc Ben Puch So richtig rund läuft es nicht für Silke: Ein junges Mädchen verschwindet in unmittelbarer Nachbarschaft, kurz darauf wird sie von einem Unbekannten über ein Brückengeländer geworfen und dann steht auch noch Moni vor der Tür. Ganz geheuer scheint ihr die Rückkehr ihrer großen Schwester nicht, weiß sie doch, dass Moni nicht freiwillig nach 20 Jahren vom sonnigen Mallorca in die triste Potsdamer Plattenbausiedlung zurückgekehrt ist. Kurz-entschlossen schickt Silke sie lieber ins Hotel, statt sie bei sich auf der Couch schlafen zu lassen. Doch als es Moni durch einen Zufall gelingt, den Nachbarn René als möglichen Brückenschubser zu identifizieren, beschließen die Schwestern, ihn gemeinsam zur Rede zu stellen. Michael Fetter Nathanskys Langfilmdebüt »Sag du es mir« erzählt die Geschichte von Moni, René und Silke aus drei Perspektiven und entwickelt sich dabei von einer Komödie immer weiter ins Dramatische. Durch die unterschiedlichen Blickwinkel werden scheinbar logische Brüche nach und nach umgekehrt und aufgelöst. Der junge Regisseur nimmt sich aber auch die Freiheit, einige Erzählstränge nicht auszuerzählen oder ins Leere laufen zu lassen. Für ein Debüt ist das eine mutige Entscheidung, über die dadurch entstehenden Längen innerhalb der Handlung kann die sehr gute Besetzung um Gisa Flake und Christina Große aber leider nicht vollständig hinwegspielen. Hanne Biermann

Oeconomia

Oeconomia

Kreislauf

D 2020, Dok, 89 min, R: Carmen Losmann Wie funktioniert unser Wirtschaftssystem? Was hält es am Laufen und – wie entsteht Geld? Grundlegende Fragen, die man sich im Alltag eher selten stellt. Zumindest vertrauen die meisten Menschen darauf, dass die Ökonomie funktioniert. Bis sie kollabiert wie zuletzt beim großen Bankencrash 2008. Wie konnte es so weit kommen und wie weit sind wir von einem endgültigen Kollaps entfernt? Das sind einige der Fragen, die sich Carmen Losmann stellte. Wie bereits in ihrem Debüt »Work Hard Play Hard«, der mit dem Kritikerpreis des Dok Leipzig ausgezeichnet wurde, dringt sie auf der Suche nach Antworten in eine reine Männerwelt vor. Diese Antworten fügt man sich am Ende der rund 90 Minuten schließlich selbst zusammen. Losmann geht es darum, das System dahinter zu begreifen und verständlich zu machen. Eine Herkulesaufgabe, die acht Jahre mühevoller Recherche nach sich zog. Unzählige Türen blieben ihr verschlossen, kaum jemand wollte reden, noch weniger vor der Kamera. Die Gesprächspartner von BMW, Allianz und EZB, die es dann doch wagten, sind so sehr Teil dieses Systems, dass sie sich die Frage nach dem Warum überhaupt nicht stellen, geschweige denn sie verstehen. Losmann rekonstruierte die Dialoge und Telefonate, um ihre Quellen zu schützen. Die Erkenntnisse sind erschreckend. Wir bewegen uns in einem Kreislauf, in dem alle mitspielen müssen, sonst reißt er alles in den Abgrund. Ein dokumentarischer Horrorfilm. Lars Tunçay

Niemals selten manchmal immer

Niemals selten manchmal immer

Ganz allein

USA/GB 2020, 102 min, R: Eliza Hittman, D: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin Autumn ist allein. Nur ihrer Cousine Skylar kann sie sich anvertrauen, als sie einen Schwangerschaftstest macht, der positiv ausfällt. Skylar gibt ihr Kraft und steht ihr bei, als sie sich entschließt, mit dem Bus nach New York zu reisen. Dort kann sie einen Schwangerschaftsabbruch ohne Einverständnis ihrer Eltern durchführen lassen. Die Stadt überwältigt die beiden jungen Frauen ebenso wie die Abläufe in den Schwangerschaftskliniken. Das Geld ist knapp und kaum jemand begegnet ihnen mit Freundlichkeit und Verständnis. Der Beginn einer langen Nacht, an deren Ende eine Entscheidung steht. Ohne zu kommentieren, zu erklären oder zu werten, begleitet Regisseurin und Drehbuchautorin Eliza Hittman (»Beach Rats«) ihre beiden Protagonistinnen. Es geht ihr nicht um die moralisch richtige Entscheidung. Sie dokumentiert mit Distanz und kommt ihren Figuren dennoch nahe – und damit auch all jenen, die jung sind, allein und missverstanden. Ihre Geschichte erzählt sie mit fein nuancierten Blicken, Gesten und Reaktionen. Eine Entdeckung ist dabei vor allem Hauptdarstellerin Sidney Flanigan, die hier zum ersten Mal vor der Kamera steht. »Niemals selten manchmal immer« ist ein rares Juwel des Independent-Kinos. Eine ähnliche Entdeckung wie Debra Graniks »Winter‘s Bone« vor zehn Jahren. Auch Eliza Hittmans Film debütierte in Sundance und gewann den Spezialpreis der Jury und den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale. Lars Tunçay

Milla meets Moses

Milla meets Moses

Unkonventionell

AUS 2019, 118 min, R: Shannon Murphy, D: Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis Als die 15-jährige, schwer an Krebs erkrankte Milla bei einem Schwächeanfall am Bahnsteig unsanft von Moses aufgefangen wird, nimmt der Rest ihres vermutlich nicht mehr allzu langen Lebens einen unerwarteten Verlauf. Zwar will der dealende Junkie von ihr sogleich Geld für seine Hilfe haben, dennoch verliebt Milla sich in ihn und schockt genüsslich ihre Eltern, als sie ihn mit nach Hause nimmt. Trotz einiger Zwischenfälle entwickelt sich eine mehr als ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden. Kompliziert ist auch die Ehe von Millas Eltern, dem Psychiater Henry und der tablettenabhängigen Mutter Anna, die nicht wissen, wie sie mit der Krankheit ihrer Tochter und deren Entscheidungen umgehen sollen. Die Australierin Shannon Murphy erzählt in ihrem herausragenden Spielfilmdebüt, das auf einem Theaterstück ihrer Landsmännin Rita Kalnejais basiert, eine bekannte Geschichte auf höchst originelle Weise. Zwar sind die Themen Krankheit, Tod und Sucht stets präsent, letzten Endes aber nur Triebfedern, um die zutiefst menschlichen Verfehlungen, Ängste, Wünsche und Bemühungen der vier Protagonisten offenzulegen. Dabei geht es trotz einiger emotionaler Momente erfreulicherweise nicht bleischwer, sondern überraschend ironisch, ambivalent und warmherzig zu, woran das perfekte Hauptdarstellerensemble mit Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis und Ben Mendelsohn großen Anteil hat. Peter Hoch

Ema

Ema

Körpereinsatz

CL 2019, 102 min, R: Pablo Larraín, D: Mariana Di Girólamo, Gael García Bernal, Paola Giannini Pablo Larraín ist ein Freigeist. Bei seinen Filmen weiß man nie, was einen erwartet. Er rekonstruierte den Widerstand der »No«-Bewegung gegen Pinochet in körnigem VHS-Bild, widmete sich den Biografien von Pablo »Neruda« und »Jackie« Kennedy und dem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche (»El Club«) mit unkonventionellen erzählerischen Mitteln. So ist auch »Ema« schwer in eine Schublade zu packen. Schon im Vorspann wagt der Chilene den Spagat zwischen berauschenden Bildern einer Tanzperformance, erfüllt von Freiheit, Bewegung und Schönheit, und einer unaussprechlichen familiären Tragödie: Das Kind, das Ema gemeinsam mit ihrem Mann, dem Choreografen Gastón, adoptierte, versuchte Emas Schwester umzubringen. Es war offensichtlich nicht das erste Mal, dass Polo auffällig und Ema überfordert reagierte. Für sie ist im ersten Moment klar, Polo muss gehen. Doch ihre Muttergefühle lassen sie nicht ruhen, und so heckt sie einen perfiden Plan aus. So konsequent, wie Ema ihr Ziel verfolgt, inszenierte auch Larraín seinen Film. Als fiebrige Mischung zwischen Tanz und Aktionismus ist »Ema« ein Film über weibliche Selbstermächtigung, kompromisslos bis zum Ende. Ein Film voll Leidenschaft, der sich der rationalen Betrachtung immer wieder entzieht. Das macht den Zugang zu den Figuren nicht immer einfach. Die eindrucksvolle Körpersprache seiner Hauptdarstellerin Mariana Di Girólamo fasziniert aber bis zum cleveren Schlussakt. Lars Tunçay

Enfant Terrible

Enfant Terrible

D 2020, R: Oskar Roehler, D: Oliver Masucci, Katja Riemann, Hary Prinz, 134 min

D 2020, 134 min, R: Oskar Roehler, D: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann Ohne Zweifel war Rainer Werner Fassbinder einer der produktivsten und innovativsten Regisseure Deutschlands, nicht nur in der Zeit des Neuen Deutschen Films. Oskar Roehler hat ihm mit »Enfant Terrible« ein Biopic gewidmet, das weniger den Stereotypen des Genres folgt, als vielmehr ganz in der Tradition der Filmarbeiten Fassbinders angelegt ist. In stilisierten Studiokulissen zeigt uns Roehler einen egomanischen Kreativen (sensationell verkörpert von Oliver Masucci), der in den späten 1960er Jahren im Münchner Action-Theater erstmals auf sich aufmerksam macht. Schon bald folgen erste Filme, realisiert mit seinen Theatermitstreitern, zu denen u. a. Kurt Raab und Hanna Schygulla (im Film aus rechtlichen Gründen Martha genannt) zählten und die durch Fassbinder weltbekannt wurden. Privat litten sie jedoch häufig unter den sadistischen Anwandlungen des Autors und Regisseurs, der selbst mit vielen Problemen zu kämpfen hatte und von etlichen Drogen abhängig war, die seinem Leben schließlich ein frühes Ende setzten. Roehler konzentriert sich überwiegend auf den privaten Menschen Fassbinder, was bei weniger gut informierten Fans einige Illusionen zerstören dürfte. Doch er kommt damit dem Phänomen Fassbinder und dessen sehr spezieller Arbeitsweise unglaublich nahe, was durch ein grandioses Casting weiter unterstrichen wird. Eine faszinierende Nabelschau auf das ausbeuterische Verhalten eines kreativen Genies. Frank Brenner

Becoming Black

Becoming Black

D 2020, Dok, R: Ines Johnson-Spain, 89 min

D 2019, Dok, 91 min, R: Ines Johnson-Spain Auch weiße Schafe können schwarze Lämmer kriegen – Iris’ Frage nach ihrer Hautfarbe wird einfach abgetan. Sie wächst in den Sechzigern in einer weißen Familie in der DDR heran, ohne zu erfahren, wo sie herkommt. Erst viele Jahre später findet sie zufällig heraus, dass ihr Vater ein Student aus Westafrika war. Die Mutter hatte eine Affäre. Ihr Mann war abwesend, leistete den Dienst an der Waffe. Als er zurückkehrte, war sie schwanger. Der Antrag auf eine Abtreibung wurde abgelehnt, also schickte man Iris ins Heim. Für ein Jahr, dann kehrte sie in die Familie zurück und niemand sprach ein Wort über das Vergangene. Doch tief im Inneren hat Iris diese Zeit geprägt. Das Wissen, anders zu sein, ohne dafür eine Erklärung zu haben, verwirrte sie. Hinzu kam alltäglicher Rassismus, mit dem sich auch viele andere konfrontiert sahen, die wie sie anders waren. In ihren Zwanzigern begab sich Iris auf Spurensuche und fand ihren Vater. Nun, Jahre später, verfolgt sie diesen Weg und dokumentiert ihn. Sie stellt ihren Ziehvater zur Rede, reist in die Heimat ihres biologischen Vaters. Vieles ist jetzt, mit dem Abstand der Jahre, leichter auszusprechen. Für den Betrachter wirkt es dadurch aber auch weniger dringlich. Die erneute Reise und der Film, der dabei entstand, sind eher Teil einer Verarbeitung, die im Inneren der Filmemacherin stattfindet. Einige Gespräche wirken unwichtig oder unzugänglich, der Blick beengt. Lars Tunçay

Corpus Christi

Corpus Christi

Polnisches Priesterdrama

PL/F 2019, 115 min, R: Jan Komasa, D: Bartosz Bielenia, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna Schaffen es polnische Produktionen ins deutsche Kino, so sind es meist stimmungsschwangere Dramen voller Hoffnungslosigkeit. Beste Beispiele aus jüngerer Zeit sind etwa Pawel Pawlikowskis preisgekrönte Filme »Ida« und »Cold War«. »Corpus Christi« reiht sich hier perfekt ein: In anderen Händen hätte aus dem Drehbuchstoff wohl eine fröhliche Verwechslungskomödie werden können, bei dem polnischen Regisseur Jan Komasa wird er zur düsteren Parabel über Kirche und Menschlichkeit. Im Zentrum der Handlung steht Daniel, frisch aus der Jugendhaftanstalt entlassen und auf dem Weg in die Provinz. Doch anstatt sich umgehend im örtlichen Sägewerk zu melden, wie es seine Bewährungsauflagen verlangen, steuert er als Erstes die Kirche an. Dort gibt er sich spontan als Priester aus – ein Beruf, der ihm eigentlich durch seine Vorstrafen verwehrt bleibt. Dem örtlichen Geistlichen kommt Daniels Anwesenheit gerade recht. Er übergibt dem vermeintlichen Priesternachwuchs kurzerhand die Gemeinde und fährt auf Kur. Und so muss Daniel schon bald seinen ersten Gottesdienst halten – ohne Vorerfahrung, aber mit einem unerschütterlichen Glauben. Mit seinen unkonventionellen Methoden schafft er es schnell, sich als Priester zu etablieren, und widmet sich auch umgehend den dunklen Geheimnissen des Ortes. Getragen wird die Handlung dabei vor allem vom fantastischen Mienenspiel des Hauptdarstellers Bartosz Bielenia. Hanne Biermann

Fragen Sie Dr. Ruth

Fragen Sie Dr. Ruth

Derwisch

USA 2019, Dok, 100 min, R: Ryan White Es verwundert eigentlich, dass diese Frau nicht längst im Fokus eines (Dokumentar-) Films stand: Dr. Ruth Westheimer ist ein absolutes Original. Die 1,40 Meter kleine Frau ist selbst mit 90 Jahren noch ein Energiebündel. In den Vereinigten Staaten kennt sie jeder als Aufklärerin der Nation und als Persönlichkeit, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihre Geschichte ist die von vielen und dennoch einzigartig: Als jüdisches Mädchen wurde sie in Frankfurt am Main geboren. Als die Nazis an die Macht kamen, musste sie in die Schweiz fliehen und ihre Eltern sowie ihre geliebte Großmutter zurücklassen. Nach dem Krieg ging sie zunächst nach Israel und kämpfte im Palästinakrieg, bevor sie nach Frankreich zog und an der Pariser Sorbonne Psychologie studierte. Sie träumte davon, nach Amerika überzusetzen, und realisierte ihren Traum schließlich im Jahr 1956. An der Columbia University studierte sie Soziologie und machte ihren Doktor. In den Achtzigern wurde sie zunächst im Radio, später auch im Fernsehen zum Star und klärte die verklemmten Amerikaner auf, während sie gleichzeitig in Harvard und Princeton unterrichtete. Mit jüdischem Witz und Chuzpe kam sie durchs Leben, so dass selbst Präsidenten ihre Hand schüttelten. Ein wahrhaft filmreifes Leben, das Dr. Ruth erstmals in ihren eigenen Worten schildert. TV-Regisseur Ryan White machte daraus einen soliden Dokumentarfilm, der voll und ganz von seiner einzigartigen Protagonistin und ihrer bewegten Vita lebt. Lars Tunçay