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Rezensionen

Ein Nobody gegen Putin

Ein Nobody gegen Putin

DK/CZ 2025, Dok, R: David Borenstein, Pawel Talankin, 90 min

Es gibt Auszeichnungen, die sind zweifelhaft. Die UNESCO verlieh der 10.000-Einwohner-Stadt Karabasch im russischen Uralgebirge mal den Titel als »giftigsten Ort der Welt«. In der Region wird Kupfer abgebaut. Die Gebäude sind grau, die Winter kalt. Und trotzdem möchte der Lehrer Pawel Talankin nirgendwo anders leben. Seine Schüler sind wie Familie für ihn. Seine Mutter repariert Bücher in der örtlichen Bibliothek. Alles könnte so einfach sein. Ist es auch, bis Putins Invasion in die Ukraine das Leben auf den Kopf stellt. Talankin, der sonst die Abschlussfeiern und Schulaufführungen filmt, muss plötzlich Dinge drehen, die ihm weit weniger behagen. Für die Behörden in Moskau dokumentiert er inszenierte Unterrichtsstunden, Flaggenmärsche und andere Propaganda. »Ein Nobody gegen Putin« bietet einen seltenen Blick ins heutige Russland. Über zwei Jahre hat Talankin neben den offiziellen Aufträgen, heimlich aufgenommen. Soldatenbeerdigungen oder Schießübungen mit Kindern hat er online dem US-amerikanischen Regisseur David Borenstein geschickt. Dann wurde es zu gefährlich. 2024 verließ Talankin Russland, seine Dokumentation stellte er in Dänemark fertig. Mit viel Wärme führt er im Off durch die Szenen. Erinnert sich an die Schüler. Da sitzen sie in einem Garten, rasieren sich und machen Witze über ihre Zukunft als Soldaten. Talankins Film wurde in diesem Jahr mit dem Oscar ausgezeichnet. Ein würdiger Gewinner, der verrückterweise sogar Mut macht. Josef Braun

Kalter Hund

Kalter Hund

D 2026, R: Pauline Roenneberg, D: Corinna Harfouch, Lea Drinda, Karoline Eichhorn, 144 min

Hermann Mann, der großzügige Stiftungsgründer und Gnadenhof-Unterstützer, wird hundert Jahre alt. Das ist natürlich ein Grund zum Feiern, und neben einigen offiziellen Gratulanten ist selbstverständlich auch die gesamte Familie erschienen, um dem Jubilar ihre Aufwartung zu machen. Allerdings gibt es ein kleines Problem, das Hermanns Ehefrau Marianne zunächst gar nicht bemerkt, als sie sein Zimmer betritt und distanziert um ihn herumwuselt: Der Patriarch liegt tot und fahl in seinem Bett, ein Barbiturat in einer Hand und ein Testament in der Schublade, das Haushälterin Joy flugs unbemerkt verschwinden lässt. Eine Weile wird das Ableben des Geburtstagskindes zwar noch vertuscht, doch irgendwann fliegt die Scharade auf und zwischen den Familienmitgliedern offenbaren sich Dynamiken, die man so nicht unbedingt vermutet hätte. Regisseurin Pauline Roenneberg ist mit ihrem Spielfilmdebüt eine schwarzhumorige Tragikomödie geglückt, deren Dialoge während des Drehs improvisiert wurden – eine ungewöhnliche und mutige Herangehensweise, die sich dank des starken Schauspielensembles mehr als auszahlt. Zuzuschauen, wie diese vollkommen dysfunktionale, herrlich überzeichnete Sippschaft sich verbal oder mit Blicken zerfleischt, ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit aufzugeben, das ist ein großer Satirespaß, wie man ihn im oft betulichen deutschen Kino viel zu selten genießen darf. Peter Hoch

Vaterland

Vaterland

D/PL/I/F/GB 2026, R: Paweł Pawlikowski, D: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, 82 min

Deutschland, 1949: Ein Volk zwischen Schockzustand und Verdrängung. Das Leben geht weiter und doch ist nichts so wie davor. Nach Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Thomas Mann ins Land der Täter zurück. Überall wird er beklatscht und geehrt. In West und Ost singen sie ihm Lieder. Selbst russische Offiziere suchen den Austausch über die Kunst. Aber der Autor hat nur Verachtung für sie übrig, jene Speichellecker, die eben noch den Arm hoben und nun alle Schuld von sich weisen. An seiner Seite: seine Tochter Erika, die übersetzt und organisiert. Als sie die Nachricht des Suizids ihres Bruders Klaus erreicht, mischt sich die persönliche Tragödie in die Trauer um den Verlust der Heimat. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Henk Handloegten (»Babylon Berlin«) rekonstruiert der vielfach ausgezeichnete polnische Regisseur Pawel Pawlikowski (»Ida«) diese Reise, die Mann eigentlich mit seiner Ehefrau Katia machte. Ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Bilder zeigen ein Land, das in Trümmern liegt, architektonisch und moralisch. Gleichermaßen keimt im Osten die Hoffnung auf einen Neuanfang. In Cannes für die beste Regie ausgezeichnet, ist »Vaterland« ein kraftvolles und konzentriertes Zeitdokument mit glänzender Besetzung, allen voran Hanns Zischler und Sandra Hüller als ungleiches Vater-Tochter-Gespann. LARS TUNÇAY

That's Why the Lady is a Champ

That's Why the Lady is a Champ

USA 2026, R: David Michôd, D: Sydney Sweeney, Coleman Pedigo, Merritt Wever, 135 min

Hollywoodfilme über Kampfsport bedienen sich meist derselben Blaupause: Entlang der einzelnen Stationen einer Karriere erzählen sie vom Kampf des Underdogs ins Rampenlicht; Abstieg, Drogen und der Kampf zurück in den Ring sind obligatorisch. Auch David Michôd (»War Machine«) bedient sich in seiner Nacherzählung der Geschichte von Christy Martin, die in den 1990er Jahren zur erfolgreichsten Profiboxerin der USA aufstieg, dieses Schemas. In ihrer Autobiografie beschreibt sie die gewalttätige Ehe mit ihrem Manager Jim Martin, ihr Coming-Out und die Diskriminierung von Homosexualität im Boxsport. Diese Aspekte rückt das Biopic in den Mittelpunkt, erzählt aber auch recht konventionell das Drumherum: Christys Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie in einer Kleinstadt in West Virginia, ihre Begeisterung fürs Boxen, die von ihren Eltern ebensowenig akzeptiert wird wie ihre Beziehung zu Rosie. Der erfolgreiche Trainer Jim Martin scheint ihr Ticket aus der Enge des Elternhauses zu sein. Allerdings gibt der sich von Anfang an als Arschloch. Er ändert sich über die kommenden Jahrzehnte nicht, in denen er ihr Manager und Ehemann wird und Christy einen Erfolg nach dem anderen einfährt. Insofern ist es schwierig nachzuvollziehen, warum sie nicht früher das Weite gesucht hat. Trotzdem hält man als Zuschauer zu ihr. Die Kampfszenen sind dynamisch fotografiert, Sydney Sweeney spielt Martin mit Hingabe und Ben Foster überzeugt als furchteinflößender Lappen. LARS TUNÇAY

Strange River

Strange River

E/D 2026, R: Jaume Claret Muxart, D: Jan Monter Palau, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, 105 min

Fünf Katalanen radeln durch Deutschland. Mutter Mónica ist dieselbe Strecke schon vor 25 Jahren einmal gefahren. Vater Albert nutzt die Tour, um möglichst viele architektonisch sehenswerte Orte aufzusuchen und seine Familie mit nerdigen Details zu nerven. Die drei halbwüchsigen Söhne des Paares haben sich mehr oder weniger ihrem Schicksal zwischen Radeln in brütender Hitze und Zeltaufbau im strömenden Regen ergeben. Der älteste von ihnen, der 16-jährige Dídac, hat an seinem ersten Liebeskummer zu knabbern, denn sein Freund Gerard scheint ihn nur küssen zu wollen, wenn er betrunken ist. Bei einem Zwischenstopp trifft er auf Alexander und die beiden Jungs düsen gemeinsam auf einem kleinen Motorboot davon, um allein zu sein. Die Vorkommnisse in Jaume Claret Muxarts Langfilmdebüt sind größtenteils recht unspektakulär und scheinen eher dem wahren Leben abgeschaut, als den haltlosen Fantasien eines Drehbuchautors entsprungen zu sein. Als Zuschauer sollte man sich auf ein gemächliches Erzähltempo einstellen können. Claret Muxart hat aber ein Talent dafür, seine Kamera als stillen Beobachter einzusetzen und somit dicht an seine Figuren heranzukommen. Da er dabei das erste Liebesabenteuer eines Teenagers in den Vordergrund stellt, erinnert der Film an André Téchinés »Wilde Herzen« und den darin behandelten Sommer des Begehrens und der Selbsterkenntnis. Frank Brenner

Staatsschutz

Staatsschutz

D 2026, R: Faraz Shariat, D: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, 113 min

Staatsanwältin Seyo Kim wird nicht als Heldin eingeführt, aber das ungute Gefühl der Bedrohung bringt uns ihr schnell näher. Und schnell wird das Gefühl bestätigt: Sie überlebt einen Anschlag. Seyo lässt Ermittlungen einleiten, doch die Staatsanwaltschaft mauert. Sie solle sich raushalten aus den Untersuchungen. Seyo engagiert aber eine Anwältin, will das System von innen heraus aufbrechen. Ein System, das auf dem rechten Auge blind ist – wie mitunter im realen Leben. Man denke nur an die InRa-Studie über Rassismus in staatlichen Institutionen, die im Februar 2026 veröffentlicht wurde. Dem neuen Film von Faraz Shariat gingen lange Recherchen durch die Autorinnen Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim voraus. Der NSU, der Fall Oury Jalloh, die Anschläge von Halle und Hanau, der Neukölln-Komplex und die damit verbundenen Untersuchungen waren nur ein Teil der realen Fälle, auf die sich »Staatsschutz« bezieht. Dabei ging es den Autorinnen um die Frage, warum antifaschistisch eingestellte Menschen staatliche Institutionen meiden und das Feld dem rechten Spektrum überlassen. Schon der jüdische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse vorantrieb, soll gesagt haben: »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland.« Er beschrieb so die Isolation, in der er arbeitete. Seyo sucht sich Verbündete, um für eine wehrhafte Demokratie zu kämpfen. Ein spannendes Plädoyer für Gemeinschaft und Widerstand auch im ländlichen Raum. NADINE FAUST

Gentle Monster

Gentle Monster

AT/F/D/S 2026, R: Marie Kreutzer, D: Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase, 115 min

Als die erfolgreiche Pianistin Lucy eines Morgens erwacht, steht die Kriminalpolizei in der Wohnung und verhaftet ihren Mann Philip. Das Paar war gerade erst mit ihrem neunjährigen Sohn aus der Stadt aufs Land gezogen, wollte einen Neustart wagen. Lucy versteht nicht, was vor sich geht, bis sie bei der zuständigen Beamtin Elsa vorstellig wird – in der Ermittlungsabteilung gegen Kinderpornografie. Lucy weiß nicht mehr, was oder wem sie glauben soll. Ihrem Mann, der jede Schuld von sich weist, oder den erdrückenden Beweisen? War sie blind all die gemeinsamen Jahre lang? Marie Kreutzer (»Corsage«) schildert die Ereignisse konsequent aus Lucys Perspektive. Ähnlich wie Justine Triet ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller im Cannes-Gewinner »Anatomie eines Falls« lässt die Regisseurin auch Léa Seydoux durch einen Albtraum aus Ungewissheiten und Gesetzen irren. Die Realität des Betrachters hängt dabei immer von Lucys Erkenntnissen und Zweifeln ab. Zweifel schleichen sich ein und zersetzen die gemeinsamen Erinnerungen. Über zwei Stunden entwickelt sich ein geschickt geschriebener Spannungsbogen, der voll und ganz auf Seydoux’ Präsenz setzt. Die französische Charakterdarstellerin trägt das packende und bis in die Nebenrollen glänzend besetzte Beziehungsdrama auch durch einige inszenatorische Schlenker, die vom eigentlichen Kern eher ablenken. LARS TUNÇAY

Der Heimatlose

Der Heimatlose

D 2026, R: Kai Stänicke, D: Paul Boche, Philip Froissant, Emilia Schüle, 122 min

Bereits mit den ersten Bildern seines Spielfilmdebüts macht Kai Stänicke klar: Die Ereignisse der folgenden zwei Stunden sind inszenierte Realität. Die Häuser nur Fassade, dahinter offene, eingerichtete Räume vor den grünen Hügeln der Insel Norderney. Ein Ensemble von Dorfbewohnern tummelt sich davor, als Hein nach 14 Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Damals zog er aufs Festland, um der Enge des Insellebens zu entfliehen und sein Glück zu suchen. Er fand aber schließlich nur die Sehnsucht nach der Heimat, die er gleichermaßen verabscheut. Nun ist er also wieder da, trifft auf seine erwachsene Schwester, die demente Mutter, seinen Freund Friedemann und die ihm Angetraute Greta. Nur scheinen sie ihn alle nicht zu erkennen. Jeder und jede im Dorf zeigen Zweifel an seinen Aussagen. Seine Erinnerungen sind lückenhaft und doch weiß er Dinge, die nur der echte Hein wissen kann. Ein Dorftribunal soll klären, ob er die Wahrheit spricht und wieder in die Gemeinschaft aufgenommen oder aus ihr verbannt wird. Ob der Fremde wirklich der ist, der er vorgibt zu sein, bleibt auch für den Zuschauer lange im Dunkeln. Wie Stänickes Drehbuch das Rätsel auflöst, ist bemerkenswert und verleiht der Geschichte Aktualität. Das Spiel mit den Kulissen funktioniert wie schon bei Lars von Triers »Dogville« erstaunlich gut. Die überzeugenden Hauptdarsteller im Ensemble sorgen dafür, dass die Geschichte über die Lauflänge von zwei Stunden glaubwürdig und fesselnd bleibt. LARS TUNÇAY

Sunny Dancer

Sunny Dancer

GB 2026, R: George Jaques, D: Bella Ramsey, Neil Patrick Harris, Daniel Quinn-Toye, 106 min

Die 17-jährige Ivy hat gerade eine schwere Krebserkrankung überstanden. Seit zehn Monaten befindet sie sich in Remission, will jedoch keinesfalls auf ihre Krankheitsgeschichte reduziert werden. Ihre Eltern halten es für eine gute Idee, sie in ein spezielles Sommerlager in den schottischen Highlands zu schicken, eins für Teenager mit ähnlichem Schicksal. Ivy reist mit der Erwartung ins »Chemo-Camp«, die schlimmste Zeit ihres Lebens zu haben. Dort trifft sie allerdings auf neue Freunde, die dem Schicksal ins Gesicht lachen. »Sunny Dancer« ist klassisch warmherziges Coming-of-Age-Sommerkino, mit einem Twist: Wo Filme wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« auf die Tränendrüse zielen, werden hier die Lachmuskeln anvisiert. Mit Erfolg: Der Humor ist sehr britisch, geradeaus und ziemlich finster. In der Umarmung mit dem Tod werden die Wochen für die Jugendlichen zur Feier des Lebens. Im Mittelpunkt eines glänzenden Ensembles frischer Gesichter steht Bella Ramsey (»The Last of Us«) als Ivy. Als völlig überforderter Camp-Leiter Patrick ist Neil Patrick Harris (»How I Met Your Mother«) an Bord. »Sunny Dancer« glänzt außerdem mit einem wunderbaren Sommer-Soundtrack mit Songs von Jamie xx, Fred again und den Cranberries. Zudem hat der britische Singer-Songwriter James Blunt einen herrlich selbstironischen Gastauftritt im Camp. LARS TUNÇAY

Hiddensee

Hiddensee

D 2025, Dok, R: Annekatrin Hendel, 119 min

In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern fährt die Kamera an der Küste Hiddensees entlang. Die dabei rezitierte Liste an prominenten Besucherinnen und Besuchern sowie Bewohnerinnen und Bewohnern scheint kein Ende zu nehmen, galt die Insel doch vielen schon immer als nostalgischer Sehnsuchtsort. Aber Regisseurin Annekatrin Hendel schaut in ihrem neuen Dokumentarfilm über das Urlaubsidyll hinaus, war Hiddensee – in den vergangenen 100 Jahren ebenso wie heute – doch auch immer Sinnbild für die Geschehnisse auf dem Festland. Von Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann und Filmstar Asta Nielsen bis hin zum Konflikt zwischen Hochkultur und Ballermann – anhand ehemaliger und aktueller Bewohnerinnen und Bewohner wird die Entwicklung der Insel von den zwanziger Jahren über den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung bis hin zu aktuellen politischen Debatten erzählt. Die Schwarz-Weiß-Bilder lassen die Zeiten miteinander interagieren und teilweise verschwimmen, mit dem deutlichen Hinweis, dass Geschichte sich auch immer wiederholen kann. Einzig die Stimme der jüngeren Generationen wirkt seltsam abwesend, was den Ausblick in die Zukunft etwas unscharf macht. Insgesamt ist Annekatrin Hendel aber ein poetischer Blick auf Land und Leute gelungen, bei dem sich definitiv das Schauen auf der großen Leinwand lohnt. Für den Soundtrack zeichnet dabei Rammstein-Keyboarder Flake verantwortlich. Hanne Biermann

Everytime

Everytime

AT/D 2026, R: Sandra Wollner, D: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, 124 min

Eine quadratische Sonne über dem azurblauen Meer. Ein Titel, der alles und nichts sagt. »Everytime« ist ein Rätsel. Der dritte Spielfilm der österreichischen Filmemacherin Sandra Wollner (»The Trouble with Being Born«) ist ein Raum, den man beim Betrachten mit den eigenen Gedanken füllen kann. Zunächst einmal ist da der ganz normale Alltag einer dreiköpfigen Familie, den Gregory Oke (»Aftersun«) wunderbar beiläufig filmt, als säße man mit auf dem Sofa. Ella kümmert sich allein um ihre beiden Kinder, Teenagerin Jessie und ihre kleine Schwester Melli. Durch einen plötzlichen Todesfall kommt Jessies Freund Lux in dieses Gefüge und die Verarbeitung von Verlust wird zum Grundthema des Films. Eine surreal überhöhte Perspektive nimmt den Raum ein. Die Atmosphäre verdichtet sich und bleibt gleichermaßen schwebend. Wer sich an der Handlung festhält, verliert bald das Gleichgewicht. Darauf muss man sich einstellen. Ob man dem Film bis zur konsequenten Auflösung, die mehr Fragen aufwirft als Antworten zu liefern, folgt, ist eine Frage der Offenheit. Ist man bereit, wird man mit einem großartigen, natürlich spielenden Ensemble belohnt, aus dem Birgit Minichmayr als Mutter heraussticht. In Cannes wurde »Everytime« mit dem Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Eine spirituell wie auch formal bereichernde Kinoerfahrung, ein frischer Ansatz, Film neu zu denken, und ein unvergessliches Erlebnis. LARS TUNÇAY

Bitteres Fest

Bitteres Fest

E 2026, R: Pedro Almodóvar, D: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, 111 min

Das Casting verläuft ungewöhnlich. In einem Stripclub trifft die Werberegisseurin Elsa den jungen Feuerwehrmann Bonifacio, der als Tänzer sein Gehalt aufbessert. Die beiden verbringen eine Nacht zusammen. Bald sind sie ein Paar und Bonifacio ist das Gesicht von Elsas neuer Kampagne. Anderswo in Madrid steckt Filmemacher Raúl Durán in einer schweren Krise. Die großen Filme hat er alle schon gedreht. Durán weiß nicht, wohin mit sich – bis jemand in seinem Umfeld einen Schicksalsschlag erleidet. Kann er vielleicht Kapital daraus schlagen? Pedro Almodóvars »Bitteres Fest« ist eine Art inoffizielle Fortsetzung von »Leid und Herrlichkeit«. Wieder widmet sich der Spanier im Film dem Filmemachen. Und wieder ist er am besten in den ganz intimen Momenten. Unaufdringlich fängt die Kamera noch die kleinsten Regungen ein: einen Kuss, einen Augenaufschlag, eine flüchtige Berührung. Statt Hollywoodstars spielen diesmal Größen des spanischen Kinos. Der Rest ist vertraut. Es geht um Kunstwerke, Drehbücher und Zusammenbrüche. Fiktionale Szenen mischen sich mit dem realen Leben: Assistenten wollen nicht als Stoff benutzt werden. Die Kreativen verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen. Man könnte so viel Selbstbespiegelung ermüdend finden. Doch wer erzählt sonst so schön von der Schwermut? Wer bietet diese Farben und im tiefsten Schmerz so heitere Erkenntnisse? »Bitteres Fest« überzeugt – bis ins berührende Finale. Josef Braun

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

Teenage Sex And Death At Camp Miasma

USA/CAN 2026, R: Jane Schoenbrun, D: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, 112 min

Die junge queere Nachwuchsfilmerin Kris soll das Horrorfranchise rund um »Camp Miasma« und den irren Mörder mit dem Luftschacht-Kasten auf dem Kopf wiederbeleben und einem jungen Publikum schmackhaft machen. Just an dem Ort, an dem die Filmreihe vor rund 30 Jahren ihren Anfang nahm, trifft sie sich mit der damaligen Hauptdarstellerin Billy, um diese vom Mitwirken im Reboot zu überzeugen. In der Abgeschiedenheit kommen sich die beiden Frauen unterschiedlicher Generationen zusehends näher, während die Frage im Raum schwebt, wie viel Realität in den Geschichten rund um den »Camp Miasma«-Schlitzer wirklich steckt. Mit unglaublicher Detailverliebtheit und einer Menge Insiderwissen hat Jane Schoenbrun hier ein fiktives Horrorfranchise erfunden und mit wunderbar nachgestellten Aushang-Fotos, Merchandise-Artikeln, Video- und DVD-Covern zum Leben erweckt. Wer Fan der Filmreihen »Freitag, der 13.« oder »Halloween« ist, dürfte klar im Vorteil sein und umso mehr Anspielungen und Querverweise entdecken. Gleichzeitig nimmt sich Schoenbrun aber auch Genderfragen, einer lesbischen Liebesbeziehung und den immer absurderen Auswüchsen der aktuellen Filmindustrie an, so dass auch etliche andere Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihre Kosten kommen werden. Die Slasherszenen hat die Filmemacherin übrigens bewusst over the top inszeniert, so dass man diese eigentlich keinen Moment lang wirklich ernst nehmen kann. FRANK BRENNER

The Invite

The Invite

USA 2026, R: Olivia Wilde, D: Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, 107 min

Es ist schon ein Kreuz: Joe kommt mit Rückenschmerzen müde von der Arbeit, da eröffnet ihm seine Frau Angela, dass sie spontan die Nachbarn zum Essen eingeladen hat. Und das sind ausgerechnet Pina und Hawk, von denen das Paar ständig wachgevögelt wird. Wie so oft geraten die beiden darüber in einen lautstarken Streit, als es auch schon an der Wohnungstür klingelt. Schnell wird es offen zum Thema: Während Joe und Angela sich in ihrer eingefahrenen Ehe nur noch anzicken, haben Pina und Hawk ein respektvolles, erfülltes Liebesleben. Und das nicht nur miteinander, sondern auch swingend mit anderen Menschen – und nun wollen sie Angela und Joe zum Partnertausch einladen! Die sind irritiert und fasziniert zugleich, doch was folgt, führt nicht auf den Gipfel der Lust, sondern zum Hinterfragen des eigenen Lebensmodells. Aufbauend auf einem spanischen Original hat Angela-Darstellerin Olivia Wilde ein pointenreiches Kammerspiel inszeniert, in dem jede Mimik-Regung des Ensembles sitzt und bei dem man ihr, Penélope Cruz, Edward Norton und Seth Rogen das Vergnügen, das sie beim Dreh hatten, in jeder Einstellung anmerkt. Scharfsinnig und mit viel Verve hält der Film Beziehungskonventionen und dem heute wiederauflebenden Spießertum den Spiegel vor und liefert einen höchst amüsanten Figuren-Clash, wie man ihn so hochkarätig besetzt seit Roman Polanskis »Der Gott des Gemetzels« nicht mehr genießen durfte. PETER HOCH

Spaziergang nach Syrakus

Spaziergang nach Syrakus

D 2026, R: Lars Jessen, D: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, 97 min

Sizilien sehen und sterben: Paul Gompitz sehnt sich nach Italien. Eigentlich nach der Welt insgesamt, nach Unabhängigkeit und Horizonterweiterung. Italien ist für ihn das Symbol dafür, wie für die Italienfahrenden vergangener Jahrhunderte. Das Problem: Gompitz wohnt in der DDR, seine Heldenreise ist also eine traurig-trotzige. Denn natürlich lassen ihn die Behörden nicht die Bildungsfahrt antreten, auch wenn er verspricht, wiederzukommen. Über viele Jahre plant er also seine Flucht, um die Italientour antreten zu können. Er sammelt als Kellner auf Hiddensee erworbenes Westgeld, lernt segeln – und verschweigt das seiner Frau. Irgendwann bricht er auf. Basierend auf der Erzählung von Friedrich Christian Delius, die wiederum zwei historische Vorbilder hat, realisierte Lars Jessen (»Mittagsstunde«) den Film. Dieser besticht bereits durch den Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin: Charly Hübner spielt den italiensüchtigen Gompitz, Lina Beckmann seine Frau Anne. Fantastisch ist der Umgang der beiden miteinander – man spürt, dass sie sich sehr gut kennen. Kleinste Nuancen in der Mimik, im Blick, drücken das aus. Das Filmtempo ist gelassen, fast spröde wird erzählt. Und doch ergreift das Publikum eine Wärme, wenn es einen Menschen dabei begleitet, Mensch zu sein und seinem Willen zu folgen. Zugleich versprüht der Film die Melancholie des Loslassens. Ohne Kitsch und Klischee schildert er auch DDR-Verhältnisse, um dann zur universelleren Reflexion übers Gehen oder Bleiben und die Sehnsucht nach Welt zu werden. Tobias Prüwer

Exit 8

Exit 8

J 2025, R: Genki Kawamura, D: Kazunari Ninomiya, Yamato Kôchi, Naru Asanuma, 95 min

Japan. Ein Mann erfährt in der U-Bahn, dass seine Ex-Freundin von ihm schwanger ist. Das größere Problem wartet aber noch: Beim Hinausgehen aus dem Tunnel merkt er plötzlich, dass er immer wieder an dieselbe Stelle kommt. Kein Ausweg, gefangen im ÖPNV-Höhlensystem. Ein Hinweisschild zeigt die Lösung: Er muss genau auf seine wiederkehrende Umgebung achten und »Anomalien« finden. Ein seltsamer Mann schreitet stets wortlos an ihm vorbei, auch ein Kind taucht auf. Aus der Sicht dieser Protagonisten werden in drei Episoden mögliche Auswege und Zusammenhänge gezeigt – oder neue Schrecken. »Exit 8« war zunächst ein Indie-Videospiel, was aber für den Filmgenuss egal ist. Diese Mischung aus »Cube« und dem Zeitschleifen-Kultfilm »Und täglich grüßt das Murmeltier« setzt auf ein minimalistisches Setting, reißt aber gleichzeitig auch große Themen wie das kapitalistische Hamsterrad, Selbstfindung und Eltern-Rollen an. Der Streifen bedient sich ikonografisch bei manchem Klassiker, generiert aber selbst wenig Innovatives in Sachen Bildsprache, Dramaturgie und Co. Genau das wäre bei einem solch reduzierten, repetitiven Ansatz aber eine weitere Erlebnisschiene gewesen. So sucht man beim Zuschauen eifrig mit nach Auffälligkeiten im gefliesten Tunnel, schaudert etwas und ist am Ende froh, wenn man schließlich den Ausgang des Films gefunden hat. Markus Gärtner

Ninja Motherf*cking Destruction

Ninja Motherf*cking Destruction

D 2025, R: Lotta Schwerk, D: Emma Suthe, Marie Tragousti, Merle von Mach, 79 min

Irgendwann im Leben werden aus den viel zu warmen Sommertagen am See mit Gelächter und Eiscreme viel zu warme Sommernächte in Glitzertops, das dämmerige, blaue Licht des Morgens und Hände, die ein bisschen zu nah aneinander liegen und sich doch nicht wegbewegen wollen. Lotta Schwerks »Ninja Motherf*cking Destruction« begleitet zwei Mädchen beim Erwachsenwerden, auf der Suche nach der eigenen Identität, beim Grübeln über eine ungewisse Zukunft. Und wird dabei, wie es sich für ein gutes Coming-of-Age-Werk gehört, gefühlvoll und zärtlich: Besonders in den Momenten zwischen Handlung und Dialog – den verstohlenen Blicken, den Umarmungen – fängt die Regisseurin gekonnt ein, wie sich dieses diffuse Bauchgefühl anfühlt, ausgelöst von einer Mischung aus Verwirrung, Verliebtheit und Verletzlichkeit. Nur in den seltenen Momenten der großen Gespräche, da stolpert der Film über das eigene Pathos. Die Dialoge sind gestelzt, wirken wie direkte Auszüge aus einem Tagebuch, das zwar zur Verarbeitung der eigenen Gefühle, nicht aber für ernstzunehmenden Gesprächsstoff taugt. Wirklich vorwerfen kann man das einem so persönlichen Film aber nicht. Stattdessen kann man mitnehmen, was funktioniert, den Rest zurückgeben an die Regisseurin, dankbar sein, dass sie sich in ihrem queeren Debütfilm so verletzlich gibt – und hoffen, dass noch viele weitere Filme folgen. ELLEN DREYER

Auf zwei Rädern

Auf zwei Rädern

F 2024, R: Mathias Mlekuz, D: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, 90 min

Der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Schmerzhafteste, das ein Mensch überhaupt durchleiden kann. Der seit dreißig Jahren in Nebenrollen tätige französische Schauspieler Mathias Mlekuz musste diese traumatische Erfahrung im Jahr 2022 machen, als sein Sohn Youri sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Vier Jahre zuvor hatte der junge Mann eine Reise mit dem Fahrrad von La Rochelle bis nach Istanbul quer durch Europa unternommen. Um ihm Ehre zu erweisen und sich ihm noch einmal nahe zu fühlen, hat Mathias Mlekuz die gleiche Tour selbst absolviert und mit der Kamera semidokumentarisch festhalten lassen. Mitgenommen auf diesen ungewöhnlichen Trauertherapie-Trip hat er seinen Hund Lucky und seinen langjährigen Freund Philippe Rebbot, der ebenfalls Schauspieler ist; auch Mlekuz’ anderer Sohn Josef hat gegen Filmende eine Rolle. Auf dem Weg durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien führen Mathias und Philippe Gespräche miteinander, die überwiegend improvisiert wurden, und begegnen, wie es sich für ein Roadmovie gehört, den verschiedensten Menschen. Entstanden ist so ein höchst persönlicher Film mit nachdenklich stimmenden Erkenntnissen über Leben, Tod, Familie, Freundschaft, Liebe und vieles mehr, aber auch mit manch humorvollen Momenten, die dafür sorgen, dass das Publikum den Kinosaal trotz des schweren Themas mit einer gewissen Leichtigkeit verlassen kann. PETER HOCH

Das Sommerbuch

Das Sommerbuch

USA/GB/FIN/BR 2026, R: Charlie McDowell, D: Glenn Close, Emily Matthews, Anders Danielsen Lie, 95 min

Zu Beginn des Sommers kommen Sophia, ihr Vater und ihre Großmutter mit dem Boot auf einer kleinen Schäreninsel im Finnischen Meerbusen an. Eine fehlt dabei. Die Abwesenheit der verstorbenen Mutter ist präsent und wird doch kaum verhandelt. Sophia erkundet mit der Großmutter die Insel, ist lebhaft und neugierig. Sie steht am Anfang eines Lebens, das für die Großmutter langsam endet. Während Letztere sich nach Ruhe sehnt, dürstet Sophia nach Abenteuer – zumal der Vater in der Trauer um seine Frau versinkt. Die Natur als vierte Hauptfigur zwingt sie schließlich, sich mit Leben und Tod und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Regisseur Charlie McDowell und Drehbuchautor Robert Jones folgen damit der Buchvorlage der finnlandschwedischen Schriftstellerin, Malerin und Illustratorin Tove Jansson (1914–2001), die vor allem durch die Mumins-Kinderbuchreihe bekannt geworden ist. Und sie bieten der achtfach Oscar-nominierten Glenn Close eine kleine, feine Bühne, bevor die Grande Dame Ende des Jahres nun einen Ehren-Oscar erhält. Fast 80-jährig, gibt sie Neuentdeckung Emily Matthews ganz uneitel den passenden Raum, um aufzublühen – als Figur und als junge Schauspielerin. Einzig die englischen Originaldialoge wirken in der skandinavischen Atmosphäre des Films manchmal gestelzt und deplatziert. Ein zarter Film, in dem Wellen manchmal mehr sind als Worte. NADINE FAUST

Power Ballad − Der Song meines Lebens

Power Ballad − Der Song meines Lebens

USA/IRL 2025, R: John Carney, D: Paul Rudd, Nick Jonas, Havanna Rose Liu, 99 min

Wo sind sie geblieben, die goldenen Tage? Rick Power weiß jedenfalls: nicht bei ihm. Aus dem vielversprechenden Talent von einst ist ein abgebrannter Hochzeitssänger geworden. Im vollgestopften Transporter reist er von Bühne zu Bühne, singt Hits von Bryan Adams. Seine eigenen Lieder sind nicht gefragt. Selbst Powers Tochter verdreht genervt die Augen, wenn er sie in sein kleines Heimstudio ruft. Bekanntes Terrain für Regisseur John Carney (»Sing Street«). Seit »Once« (2007) bespielt er beharrlich das Genre des Musikfilms. Verpasste Chancen, melancholische Songs, schicksalhafte Begegnungen – das alles sind feste Zutaten seines Werks. Carney-Fans kann es dementsprechend kaum überraschen, wenn Power seine zweite Chance erhält. Nach einem Gig trifft er den ehemaligen Boyband-Sänger Danny Wilson, dargestellt von Nick Jonas, Teil der in den Staaten enorm erfolgreichen Jonas Brothers. In einer bierseligen Nacht schreiben beide neue Musik. Doch als ihr Song Monate später veröffentlicht wird, fehlt Ricks Name in den Credits. Was folgt, ist eine turbulente Achterbahnfahrt durch Emotionen, Partys und handfeste Auseinandersetzungen. Paul Rudd in der Rolle des Rick Power ist eine fantastische Besetzung. Herzzerreißende Momente spielt er mit derselben Mühelosigkeit wie die komischen, in denen er da steht − ein erwachsener Mann in Lederjacke, der versucht, eine Gruppe desinteressierter Partygäste zu animieren. »Power Ballad« bietet Wohlfühlkino im besten Sinne, inklusive berührender Auflösung. Ein kleines Genrejuwel. JOSEF BRAUN