Rezensionen

Wild Horse Nine

Wild Horse Nine

GB/USA/CHL 2026, R: Martin McDonagh, D: Sam Rockwell, John Malkovich, Steve Buscemi, 118 min

Martin McDonagh hat sich in knapp zwanzig Jahren mit gerade mal vier Langfilmen unter die besten Regisseure unserer Zeit gemischt. Seine unnachahmliche Handschrift verbindet ernste Themen mit einem lakonischen britischen Humor. Nachdem sich seine beiden Oscar-Erfolge – das Trauerdrama »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« und der historische »Banshees of Inisherin« – auf etwas anderem Terrain bewegten, erzählt er nun wieder eine Killerballade, die ein wenig wirkt wie eine Fortsetzung im Geiste seines Erstlings »Brügge sehen und sterben«. Ebenso lebensmüde wie damals Colin Farrell ist der von John Malkovich brillant verkörperte CIA-Agent Chris. Gemeinsam mit seinem jüngeren Kollegen Lee (Sam Rockwell) ist er 1973 in Chile stationiert, um »die noch junge Demokratie zu destabilisieren«. Dass er dies unverblümt und ungefragt gegenüber zwei jungen Chileninnen am Flughafen erwähnt, liegt daran, dass Chris Krebs im fortgeschrittenen Stadium hat. So soll die gemeinsame Reise mit Lee auf die Osterinseln eine Art Abschied sein, will Chris doch die berühmten Statuen sehen, bevor er abtritt. Doch wenn man einen Kopf gesehen hat, kennt man alle und Chris wird sich nicht kampflos seinem Vorgesetzten MJ unterordnen, der ihn am liebsten rasch unter die Erde bringen will. McDonagh wandelt hier auf bekanntem Terrain – und landet erneut einen Homerun. Auch »Wild Horse Nine« glänzt mit beißendem Humor und einem großartigen Ensemble, in dem auch Steve Buscemi (als MJ) mal wieder glänzen darf. LARS TUNÇAY

Queens of the Dead

Queens of the Dead

USA 2025, R: Tina Romero, D: Katy O'Brian, Margaret Cho, Jack Haven, 101 min

Mit »Queens of the Dead« gibt es mal wieder einen Zombiefilm aus dem Hause Romero. Dieses Mal allerdings von Tina Romero, der Tochter des 2017 verstorbenen Godfather des Zombiefilms George A. Romero. Sie bringt die Zombieapokalypse nach New York, beziehungsweise vor allem in eine queere Bar. Hier soll am Abend mal wieder eine Party stattfinden, organisiert von Dre. Parallel folgen wir im Krankenhaus ihrer Frau Lizzy, die recht früh den Pfleger und gemeinsamen Freund Sam in die Bar schickt. Kurz nach Beginn der Party bricht die Zombieapokalypse aus und alle sitzen gemeinsam fest. Die Partygesellschaft bildet sich dabei aus diversen Dragperformern, Tänzerinnen und Tänzern, einer Praktikantin, dem Barmann und Barry, dem Schwager von Dre, der zufällig dort ist, um Klempnerarbeiten zu verrichten. Dass der Film sich seiner Klischees und Motive bewusst ist, wird spätestens dann klar, wenn Effekt-Ikone Tom Savini in seinem Cameo-Auftritt davon spricht, dass wir uns nicht in einem »goddamn George Romero Movie« befinden. Das alles könnte man als abgedroschen oder unkreativ wahrnehmen, man kann aber auch einfach eine Menge Freude daran haben, wie hier Genreklischees und Subkultur gefeiert und aufs Korn genommen werden. Florian Thimm

La bola negra

La bola negra

E/F 2026, R: Javier Calvo, Javier Ambrossi, D: Guitarricadelafuente, Miguel Bernardeau, Carlos González, 159 min

Einem jungen Mann aus reichem andalusischen Hause wird 1932 aufgrund seiner vermuteten Homosexualität der Zutritt zu einem elitären Club verwehrt. Fünf Jahre später verlieben sich in einem nordspanischen Militärhospital ein Soldat, der auf Seiten der Franco-Nationalisten kämpft, und ein republikanischer Kriegsgefangener distanziert ineinander. Und im Jahr 2017 soll ein erfolgloser Bühnenautor aus Madrid ein mysteriöses Erbe seines ihm unbekannten verstorbenen Großvaters antreten. Federico García Lorca gilt als bedeutendster spanischer Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. 1936 wurde er zu Beginn des Bürgerkriegs von Faschisten ermordet, die seine politisch linke Gesinnung und seine Homosexualität verachteten. Sein Werk »La bola negra«, welches das damalige Tabu-Thema offen ansprechen sollte, konnte Lorca nicht mehr vollenden. Dessen geplanten Inhalt reißen die Regisseure Javier Calvo und Javier Ambrossi nun in prallen Kinobildern an und verweben ihn mit zwei Hauptgeschichten, die auf der Vita und Recherchearbeit von Co-Drehbuchautor Alberto Conejero, vor allem aber auf dessen Theaterstück »La piedra oscura« von 2013 über Lorcas große Liebe Rafael Rodríguez Rapún basieren. Das Ergebnis ist ein erzählerisch wie formal faszinierendes, episches Leinwandmelodram, das auf drei Zeitebenen und voller poetischer Zwischentöne vom Lieben und Leiden, Kämpfen und Kreieren in Spanien erzählt. Peter Hoch

Wiener Blues − The Loneliest Man in Town

Wiener Blues − The Loneliest Man in Town

A 2026, R: Tizza Covi, Rainer Frimmel, D: Alois Koch, Brigitte Meduna, Alfred Blechinger, 87 min

Der österreichische Musiker Al Cook ist ein Unikat. Trotzdem könnte man ihn auf der Straße übersehen. Langsam setzt er seine Schritte, die Schultern hochgezogen, der Blick in sich versunken – ein betagter James Dean. Oder besser noch: ein vornehmer Elvis, das große Vorbild aus Jugendtagen. Das Dokudrama »Wiener Blues« setzt Cook nun ein Denkmal. Dabei spielt er sich selbst. Man kennt so etwas. »Lucky« verließ sich ganz auf den Charme und die Biografie Harry Dean Stantons. In »20.000 Days on Earth« stolperte Nick Cave durch die Apokalypse. Und Al Cook? Verliert seine Wohnung. Eines Tages tauchen zwei zwielichtige Gestalten vor seiner Tür auf und stellen ihn vor die Wahl: Abfindung oder Schikanen. Die Typen könnten einem Film von Martin McDonagh entstammen, haben diesen abgehalfterten Halbweltcharme, der perfekt in dieses melancholische Universum passt. Sonst passiert eigentlich gar nicht so viel. Der Film zeigt Al Cook beim Schwelgen in Erinnerungen. Man sieht ihn in einem kleinen Club Gitarre spielen und später, wie er Fremden seine Einrichtung verkauft: das Sofa, den Plattenspieler, die Sammlung. Augenzwinkernd erkunden Tizza Covi und Rainer Frimmel die Klischees und Träume der Bluesmusik in ihrem Film. Doch es ist ein trauriger Humor, der nicht über die elegischen Bilder hinwegtäuscht. »Wiener Blues« ist ein Liebesgruß an eine Welt, die gerade verschwindet. Leise hallt er nach. Josef Braun

Iván & Hadoum

Iván & Hadoum

ESP/D/B 2026, R: Ian de la Rosa, D: Ilies Fattah, Hadoum Hadad, 101 min

Nach Jahren des Reisens ist Hadoum in ihren Heimatort Almería zurückgekehrt und hat eine Stelle in einer Gewächshausanlage bekommen. Einer ihrer Kollegen dort ist Iván, den sie bereits seit Schultagen kennt – als er noch ein Mädchen war. Die beiden verstehen sich auf Anhieb wieder gut und kommen auch sexuell miteinander klar. Iván möchte im Betrieb die Karriereleiter erklimmen, um seine große Verwandtschaft zu unterstützen. Hadoum hingegen lehnt sich gegen die anstehenden Entlassungen in der Firma auf, was insbesondere dem Firmenleiter ein Dorn im Auge ist. Da Iváns Vater den Betrieb zusammen mit Manuel aufgebaut hat, hat Iván bei diesem noch einen Stein im Brett. Aber seine innige Beziehung zu Hadoum stößt Manuel immer wieder sauer auf. Transmann Ian de la Rosa ist es in seinem Langfilmdebüt – ausgezeichnet mit dem Teddy auf der diesjährigen Berlinale – sehr überzeugend gelungen, eine Transgeschichte zu erzählen, die sich auf die ganz alltäglichen Probleme der Figuren konzentriert. Während die sexuelle Identität von den meisten Beteiligten akzeptiert wird, sind es eher die Widrigkeiten, die aus sozialen Unterschieden, Immigration und Rassismus sowie ökonomischen Gesichtspunkten heraus entstehen, die dem Glück der beiden Liebenden im Wege stehen. Ein weiterer Punkt, der zum Gelingen beiträgt, ist das überaus passende Casting mit Silver Chicón und Herminia Loh in den Hauptrollen, die beide zum ersten Mal vor der Kamera standen. Frank Brenner

Minotaurus

Minotaurus

F/D/LET 2026, R: Andrey Zvyagintsev, D: Dmitri Mazourov, Iris Lebedeva, Boris Koudrine, 140 min

Die Filme von Andrey Zvyagintsev sind bildgewaltige Studien der menschlichen Natur. Der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Autor von Werken wie »Die Rückkehr«, »Leviathan« und »Loveless« blickt tief in die russische Seele und erzählt damit universelle Geschichten. Dafür wurde er in Venedig und zweifach in Cannes geehrt. Mit »Minotaurus« erscheint nun sein erster Film nach neunjähriger Pause, in der Zvyagintsev seine Heimat verließ und ins französische Exil zog. In Lettland drehte er »Minotaurus« als seine Version von Claude Chabrols »Die untreue Frau« (1969) – ein fesselndes Ehedrama, das hier in der russischen Oberschicht angesiedelt ist. Die Beziehung zwischen Gleb und seiner deutlich jüngeren Frau Galina ist so kühl wie das Designerhaus, in dem die beiden mit ihrem Teenagersohn leben. Galina und Gleb führen längst parallele Leben. Er steht beruflich unter Druck, sie lebt ihre unerfüllten Wünsche in einer Affäre aus. Die private und berufliche Krise treibt Gleb an moralische Grenzen. Im Hintergrund dieses dichten Dramas schwelt der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Überall weisen Plakate auf die Mobilmachung des Volkes hin. Auf Weisung der Staatsführung soll Gleb eine Liste mit den Namen seiner Mitarbeiter einreichen, die er an die Front schickt. Von oben betrachtet wirken die Figuren in den hochglänzenden Einstellungen ruhig, doch unter der Oberfläche brodelt es. Ein wütender Film voll meisterhafter Beherrschung. LARS TUNÇAY

Helene Weigel − Revolutionärin im Rampenlicht

Helene Weigel − Revolutionärin im Rampenlicht

D/A 2026, Dok, R: Maria Wischnewski, 102 min

Von Wien nach Berlin, ins Exil und zurück in die Hauptstadt. Helene Weigel (1900–1971) war berühmte Schauspielerin ihrer Epoche. Als Mitgründerin und Intendantin des Berliner Ensembles verschaffte sie dem Haus Renommee und wirkte in die Gesellschaft hinein. Oft wird sie als Doublette ihres Lebenspartners Bertolt Brecht dargestellt. Maria Wischnewski zeigt in ihrer Dokumentation nun aber die »Revolutionärin im Rampenlicht«. Unglaubliche vier politische Systeme erlebte Weigel. Als Theaterschauspielerin wurde sie in den Zwanzigern an der Spree gefeiert. Ihr nach heutigen Maßstäben exaltiert wirkendes expressiv-explosives Spiel macht der Film spürbar. Mit Archivmaterial wird die eigenständige Künstlerin auf der Leinwand lebendig, erhascht man etwas ihrer Ausstrahlung und Ausdruckskraft. Natürlich wird die Beziehung mit Brecht thematisiert, die gehört zu Weigels Leben. Aber das wird nicht einseitig erzählt, denn ohne Weigel wäre Brecht mutmaßlich nicht zum Dramatiker von diesem Format gewachsen. Nach der Rückkehr aus dem Exil läuten beide mit der Gründung des Berliner Ensembles und der Eröffnungspremiere von »Mutter Courage« eine neue Theaterära ein. Daran lässt der Film teilhaben. Unterbelichtet bleibt Weigels trügerische kommunistische Überzeugung. Dafür ist zu erfahren, wie eng verbunden sie Ästhetik und Politik sah und welche Kämpfe sie als Intendantin ausfocht. Dieses bisher fehlende Porträt nimmt Helene Weigel vollends auch als Künstlerin ernst. Tobias Prüwer

Ein Talent fürs Morden

Ein Talent fürs Morden

CH/AUS/IT/GB/USA 2026, R: Anton Corbijn, D: Olivia Cook, Helen Mirren, Alden Ehrenreich, 106 min

Die nicht selten gestellte Frage nach der Trennung von Künstlerin und Kunstwerk wirft »Ein Talent fürs Morden« nicht auf, nein, er lässt sie schmelzen. Zurück bleibt für die Zuschauerinnen und Zuschauer, in ungeahnt mitreißende Gewässer zu treiben und sich niemals sicher darin zu wähnen, etwas sei zu absurd, zu brutal, um wahr zu sein. Der bemerkenswert kurzweilige Spielfilm dreht sich dabei um die Einfalt, den Erfolg und den Druck der eigenwillig und zurückgezogen lebenden Patricia Highsmith (»Der talentierte Mr. Ripley«). Das Leben und Wirken der US-amerikanischen Schriftstellerin wird durchdrungen von ihrem Schreiben, davon, welche Geschichten sie wie erzählt, davon, Erwartungen zu erkennen und sich immer wieder selbst zu übertreffen. Die Vexierspiele gelingen so hervorragend durch die erschreckende und vereinnahmende Präsenz von Helen Mirren in der Rolle als Highsmith, aber auch durch das markante Auftreten Alden Ehrenreichs als ihr anheimgefallener Verlagsmitarbeiter. Der niederländische Regisseur Anton Corbijn (»Control«) schafft hier ganz großes Kino. Nichtsdestotrotz wirkt der ein oder andere Schockmoment etwas plakativ, fügt sich aber in die klare, ununterbrochen spannende Erzählung ein, die es erst ermöglicht, so herrlich auf der Schwelle zwischen Wahrheit und Fiktion zu wanken. Das ist unheimlich und unheimlich stark. Claudia Helmert

Hope

Hope

KOR 2026, R: Na Hong-jin, D: Hwang Jung-min, Zo In-sung, Jung Ho-yeon, 156 min

Als Polizeichef Ko Bum-seok, der nahe der Grenze zu Nordkorea ein eher beschauliches Leben führt, von seinem Cousin Sung-ki zu einer brutal getöteten Kuh gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass wenig später in seinem Heimatdorf Hope die Hölle losbrechen wird. Denn: Dort treibt ein Alien sein blutiges Unwesen und zerfetzt Einwohnerinnen und Einwohner ebenso mühelos wie Zäune und Häuser. Zusammen mit einer jungen Polizistin und einem Ex-Colonel versuchen die Kos, das Wesen zu stoppen. Mit »Hope« bringt der südkoreanische Regisseur Na Hong-jin nach den Thrillern »The Chaser« und »The Yellow Sea« sowie dem Dämonenhorror »The Wailing« und zehn Jahren Pause seinen erst vierten Spielfilm in die Kinos. Für Monsterfilmfans hat sich die lange Wartezeit gelohnt, punktet »Hope« doch mit einigen intensiv und rasant inszenierten Verfolgungsjagden, und auch das Kreaturendesign weiß zu überraschen – wobei der Film in der ersten Stunde, in der man das Ungeheuer noch nicht zu Gesicht bekommt, trotzdem am besten ist. Mit zweieinhalb Stunden etwas zu lang und repetitiv ist die generische Handlung geraten und auch an dem im asiatischen Genrekino üblichen hektischen Chargieren der Figuren vom Reißbrett sollte man seinen Spaß haben, um Nas jüngstes Werk wirklich ins Herz zu schließen. Dessen offenes Ende teasert zudem ein geplantes, aber noch nicht in Stein gemeißeltes Sequel an. Peter Hoch

London

London

AT 2026, R: Sebastian Brameshuber, D: Clifford Agu, Lana Prerad, Bobby Sommer, 122 min

Wer jemals länger mit einer Mitfahrgelegenheit gefahren ist, kennt das Szenario: Man sitzt zwangsweise mit einem oder mehreren Fremden gefangen, entweder herrscht Stille – oder bei Sympathie rankt eben ein zartes Gespräch, das viele bunte Blüten treiben kann. Das ist auch der Kern von »London«, in dem der österreichische Rentner Bobby regelmäßig zwischen Wien und Salzburg pendelt, um dort seinen langjährigen im Koma liegenden Freund zu besuchen. Dabei öffnen sich seine Türen – für Mitfahrer und jede Menge Themen, von Wurst bis Orson Welles. Der Wehrdienstleistende mit Schlaftrauma, der an seiner Eignung zweifelt, die aus der Ukraine stammende Frau, die vom analogen Kennenlernen schwärmt, und der albanische Student, der den Film »Avatar« als marxistisches Meisterwerk adelt. Auch Bobbys Kofferraum des Lebens gibt dabei natürlich einiges preis. Big Talk im Pkw: Dieser gefühlte Hybrid aus Spielfilm und Doku gleitet sanft wie auf einer Autobahn dahin, ohne große Spannungskurven oder dramaturgische Überholmanöver. Man lauscht allen kurzzeitig wechselnden Figuren gern bei ihrer situativen Seelenöffnung – auch wenn man beim österreichischen Slang manchmal die Ohren spitzen muss. Die formale Klarheit des Films bremst ihn aber zwangsweise auch in Sachen Bildsprache und Narration aus – als Auto wäre er quasi ein verlässlicher, aber PS-armer Mittelklassekombi mit viel Stauraum für kurze Storys. Markus Gärtner

Alte Liebe

Alte Liebe

D 2026, R: Andreas Dresen, D: Dagmar Manzel, Joachim Król, 110 min

Lore und Harry sind seit 40 Jahren verheiratet. Ein altes Ehepaar, wie es im Buche steht. Er meckert gern, sie kritisiert ihn häufig. Aber eigentlich lieben sie sich und halten die gegenseitigen Marotten aus. Der Pensionär kümmert sich am liebsten um seinen Rittersporn im Garten, während die Bibliothekarin vergeblich versucht, ihren Gatten mal zu einer Lesung zu bewegen. Als eine Einladung zur Hochzeit ihrer Tochter im Briefkasten liegt, hat er nur Abfälliges für den zukünftigen Schwiegersohn übrig. Obwohl Lore zieht und zerrt, lässt er sich nicht dazu bewegen, zur Feier nach Leipzig zu reisen. Aber die ist ja auch erst im Herbst, und es ist Frühling. Der Film begleitet das Paar mit wundervoll lakonischem Humor durch die Jahreszeiten. Mit klugen, lebensnahen Dialogen ist die Adaption des Romans von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder ein Zweipersonenstück, das sich fast ausschließlich im schönen Ostberliner Häuschen (mit Garten) abspielt. Die Szenen und Dialoge erzählen beiläufig auch viel über die DDR und das Heute. Dagmar Manzel und Joachim Król spielen das wundervoll, ehrlich und ohne Eitelkeit. Eine »Alte Liebe« verbindet unterdessen auch Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler. Seit mehr als 20 Jahren schreiben sie zusammen. Ihre künstlerische Harmonie sorgt auch hier für jene Handschrift, für die das Publikum ihre Filme schätzt und liebt und auch diesen in ihr Herz schließen wird. LARS TUNÇAY

Barbara Forever

Barbara Forever

USA 2026, Dok, R: Brydie O'Connor, 101 min

Barbara Hammer (1939–2019) gilt als die wichtigste Vertreterin für experimentelle lesbische Filmkunst. Ihr Kurzfilm »Dyketactics« aus dem Jahr 1974 war international der erste explizit lesbische Film der Kinogeschichte, es folgten bis zu ihrem Tod mehr als 90 weitere, zumeist experimentell-avantgardistische Werke. Brydie O’Connor hat es sich mit »Barbara Forever« zur Aufgabe gemacht, das umfangreiche Schaffen Hammers zu bündeln und über die Jahrzehnte hinweg die Schwerpunkte in ihrer Arbeit deutlich zu machen. Herausgekommen ist dabei ein faszinierendes Porträt, das größtenteils autobiografisch wirkt, weil Bilder und Worte fast ausschließlich von Barbara Hammer selbst stammen. Die Dokumentation macht anschaulich deutlich, wie wichtig es der Filmemacherin zeitlebens war, ihr eigenes Leben, jede ihrer Beziehungen und weitere sehr private Dinge mit der Kamera festzuhalten. Die anfängliche Ablehnung durch das Museum of Modern Art wird dabei genauso thematisiert wie die noch zu Lebzeiten erfolgte Überführung ihres umfangreichen Archivs an die Yale University. Im Mittelpunkt stehen dabei stets die originellen und kunstvollen Bilder Barbara Hammers, für die Fühlen und Sehen eng miteinander verknüpft waren. Selbst dem Tod konnte sie noch etwas aufregend Neues abgewinnen, indem sie auch ihr eigenes Sterben mit der Kamera begleitete und darin Poetisches und Schönes entdeckte. Frank Brenner

Die andere Seite

Die andere Seite

D/AT 2026, R: Mariko Minoguch, D: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch, 106 min

Wie ein scheues Tier steht Hanna im Wald, häutet einen Hasen und hält dabei immer wieder inne, um nach Geräuschen zu lauschen. Als sie Schüsse hört und Hundegebell, packt sie hastig alles zusammen und flieht. Durch den Wald, den Hang hinauf, doch der Hund ist ihr auf den Spuren und erst, als sie sich ihrer Beute entledigt, lässt er von ihr ab. Der schmerzhafte Verlust ist spürbar, noch schmerzhafter allerdings der Stock, der sich in ihren Unterschenkel gerammt hat, den sie unter Tränen entfernt, die Wunde desinfiziert und näht. Es geht um alles – das wird auch ohne Worte schnell klar in Mariko Minoguchis (»Mein Ende. Dein Anfang.«) zweitem Spielfilm. Das existenzialistische Drama entfaltet sich langsam. Es gibt einen hochansteckenden Virus, der die Menschheit dezimiert. Die Gesellschaft ist überfordert und reagiert radikal. Hanna war Ärztin und ist jetzt Ausgestoßene, da sie den Erreger in sich trägt. Über rund zwei Stunden entspinnt sich ein Kampf ums Überleben in der Wildnis der Alpenregion. Die traurigen Augen von Nina Hoss zeugen vom Leid, das sie gesehen haben. Endzeitdramen rund um tödliche Viren hat es schon viele im Kino gegeben, aber selten wurde das Szenario so trostlos geschildert. Zumal die eindrücklichen Bilder im Post-Corona-Zeitalter eine zusätzlich bedrückende Realität erfahren. LARS TUNÇAY

Eine Krankheit wie ein Gedicht

Eine Krankheit wie ein Gedicht

D 2026, Dok, R: Jelena Ilić, 84 min

Es ist tatsächlich poetisch, was die Regisseurin, Autorin und Fotografin Jelena Ilić mit ihrem Dokumentarfilm erschaffen hat. Ein schmerzhaftes Gedicht, das die Beziehung zu ihrem Vater nicht nur in Verse, sondern vor allem in Bilder packt. Jelena Ilićs Vater hat eine »drogeninduzierte, chronifizierte schizoaffektive Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp« und sitzt deswegen in der Forensik. Die Filmemacherin wünschte, er würde für immer dort bleiben und keine Gefahr für sich und andere darstellen – besonders nicht für sie. Denn da ist eine Angst in ihr, der sie sich in diesem Film stellt. Die Kamera hilft ihr, einen gewissen Abstand zum Geschehen zu entwickeln. Am Anfang geht es ums reine Dokumentieren, nicht ums Filmemachen. Es entwickelt sich nach und nach aber ein Film in Zusammenarbeit mit Ilićs Vater, nicht über ihn. Vater und Tochter tauschen ein Skizzenbuch aus, füllen Seite für Seite. Ilić überträgt diese Formensprache auf den Film und lässt damit tief blicken, ohne etwas sagen zu müssen. So mischen sich Angst, Überforderung und Wut alsbald mit Nähe und Akzeptanz, nehmen einen immer größeren Raum ein und spiegeln die Ambivalenz in der Vater-Tochter-Beziehung – inner- und außerhalb der forensischen Psychiatrie. Ilić sagt, sie habe keinen Weg gefunden, mit der Krankheit des Vaters umzugehen. »Ich habe nur gelernt, neben ihr herzulaufen, anstatt vor ihr wegzurennen.« Berührend und preisgekrönt. NADINE FAUST

Call me Queen

Call me Queen

D/F/GB/KEN 2026, R: Emily Atef, D: Eliane Umuhire, Denise Gough, Dominic West, 105 min

Kenia in den späten neunziger Jahren. Die alleinerziehende Mutter Queen Achungo lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern. Erst recht nicht von der irischen Journalistin Anna, bei der sie sich kurzerhand selbst einstellt, um ihre Familie zu versorgen. Doch in ihrem Umfeld fordert die AIDS-Epidemie immer mehr Tote. Nicht, weil es keine Medikamente gäbe, sondern weil diese für die meisten Menschen viel zu teuer sind. Als sich auch bei Queen immer mehr Krankheitssymptome zeigen, kann sie nur dank der finanziellen Unterstützung von Anna behandelt werden, während die Patientinnen und Patienten um sie herum sterben. Wie kann das gerecht sein? Eine Bewegung muss her, die sich den Pharmakonzernen und der untätigen Politik entgegenstellt, mit Queen an der Spitze. Große Themen, die nahbar werden durch das exzellente Schauspiel von Eliane Umuhire (»Planet B«) als Queen und Denise Gough (»Star Wars – Andor«) als Anna – trotz und weniger wegen des Drehbuchs. Viel zu oft dürfen die Figuren nur darüber sprechen, was passiert oder was sie tun werden, statt dass der Film das ausführlich zeigt. So entwickelt sich auch die Freundschaft zwischen Queen und Anna bedauerlicherweise wenig nachvollziehbar. Das ist besonders schade, da in »Call me Queen« ein kompetenter Film über eine zu wenig besprochene humanitäre Krise steckt, der sein volles Potenzial aber nie ganz ausschöpfen kann. Colin Schröder

Heimsuchung

Heimsuchung

D/F 2026, R: Volker Schlöndorff, D: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, 118 min

In ihrem 2007 erschienenen Roman »Heimsuchung« rollt Jenny Erpenbeck die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf – anhand eines Grundstücks am Scharmützelsee. Dort lebt zunächst ein jüdischer Tuchfabrikant mit seiner Familie. Als die Nazis an die Macht kommen, muss er das Grundstück verkaufen. Ein Architekt errichtet dort ein Haus für seine zweite Ehefrau. Das Haus überdauert den Krieg, doch das Ehepaar setzt sich ab, als die Mauer kommt. Eine Schriftstellerin und überzeugte Kommunistin zieht ein mit ihrer Familie und erlebt, wie die großen Visionen eines sozialistischen Staates zerfallen. Die Enkelin der Schriftstellerin ist Erpenbeck, die in ihrem Roman als Erzählerin ihre Kindheitserinnerungen bei ihren Großeltern verarbeitet. In rund zwei Stunden Film hat Regisseur Volker Schlöndorff den Stoff nun gegossen. Er konzentriert sich komplett auf den Ort und spart einige Nebenstränge wie den der jüdischen Familie im Warschauer Ghetto und in Auschwitz aus, behält aber die Erzählerinnenstimme bei. Nicht das einzige Element, das dem Film etwas altmodisch Lehrbuchhaftes gibt. Mascha Schilinski war da mit ihrem ähnlich gelagerten Cannes-Gewinner »In die Sonne schauen« wesentlich eindringlicher. Was bleibt, sind ein hervorragendes Ensemble u. a. mit Martina Gedeck, Lars Eidinger und Susanne Wolf, hübsche Naturpanoramen und die Chronik des Übergangs vom Nationalsozialismus zum Sozialismus, die im deutschen Kino immer noch untererzählt ist. LARS TUNÇAY

Ein Nobody gegen Putin

Ein Nobody gegen Putin

DK/CZ 2025, Dok, R: David Borenstein, Pawel Talankin, 90 min

Es gibt Auszeichnungen, die sind zweifelhaft. Die UNESCO verlieh der 10.000-Einwohner-Stadt Karabasch im russischen Uralgebirge mal den Titel als »giftigsten Ort der Welt«. In der Region wird Kupfer abgebaut. Die Gebäude sind grau, die Winter kalt. Und trotzdem möchte der Lehrer Pawel Talankin nirgendwo anders leben. Seine Schüler sind wie Familie für ihn. Seine Mutter repariert Bücher in der örtlichen Bibliothek. Alles könnte so einfach sein. Ist es auch, bis Putins Invasion in die Ukraine das Leben auf den Kopf stellt. Talankin, der sonst die Abschlussfeiern und Schulaufführungen filmt, muss plötzlich Dinge drehen, die ihm weit weniger behagen. Für die Behörden in Moskau dokumentiert er inszenierte Unterrichtsstunden, Flaggenmärsche und andere Propaganda. »Ein Nobody gegen Putin« bietet einen seltenen Blick ins heutige Russland. Über zwei Jahre hat Talankin neben den offiziellen Aufträgen, heimlich aufgenommen. Soldatenbeerdigungen oder Schießübungen mit Kindern hat er online dem US-amerikanischen Regisseur David Borenstein geschickt. Dann wurde es zu gefährlich. 2024 verließ Talankin Russland, seine Dokumentation stellte er in Dänemark fertig. Mit viel Wärme führt er im Off durch die Szenen. Erinnert sich an die Schüler. Da sitzen sie in einem Garten, rasieren sich und machen Witze über ihre Zukunft als Soldaten. Talankins Film wurde in diesem Jahr mit dem Oscar ausgezeichnet. Ein würdiger Gewinner, der verrückterweise sogar Mut macht. Josef Braun

Kalter Hund

Kalter Hund

D 2026, R: Pauline Roenneberg, D: Corinna Harfouch, Lea Drinda, Karoline Eichhorn, 144 min

Hermann Mann, der großzügige Stiftungsgründer und Gnadenhof-Unterstützer, wird hundert Jahre alt. Das ist natürlich ein Grund zum Feiern, und neben einigen offiziellen Gratulanten ist selbstverständlich auch die gesamte Familie erschienen, um dem Jubilar ihre Aufwartung zu machen. Allerdings gibt es ein kleines Problem, das Hermanns Ehefrau Marianne zunächst gar nicht bemerkt, als sie sein Zimmer betritt und distanziert um ihn herumwuselt: Der Patriarch liegt tot und fahl in seinem Bett, ein Barbiturat in einer Hand und ein Testament in der Schublade, das Haushälterin Joy flugs unbemerkt verschwinden lässt. Eine Weile wird das Ableben des Geburtstagskindes zwar noch vertuscht, doch irgendwann fliegt die Scharade auf und zwischen den Familienmitgliedern offenbaren sich Dynamiken, die man so nicht unbedingt vermutet hätte. Regisseurin Pauline Roenneberg ist mit ihrem Spielfilmdebüt eine schwarzhumorige Tragikomödie geglückt, deren Dialoge während des Drehs improvisiert wurden – eine ungewöhnliche und mutige Herangehensweise, die sich dank des starken Schauspielensembles mehr als auszahlt. Zuzuschauen, wie diese vollkommen dysfunktionale, herrlich überzeichnete Sippschaft sich verbal oder mit Blicken zerfleischt, ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit aufzugeben, das ist ein großer Satirespaß, wie man ihn im oft betulichen deutschen Kino viel zu selten genießen darf. Peter Hoch

Vaterland

Vaterland

D/PL/I/F/GB 2026, R: Paweł Pawlikowski, D: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, 82 min

Deutschland, 1949: Ein Volk zwischen Schockzustand und Verdrängung. Das Leben geht weiter und doch ist nichts so wie davor. Nach Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Thomas Mann ins Land der Täter zurück. Überall wird er beklatscht und geehrt. In West und Ost singen sie ihm Lieder. Selbst russische Offiziere suchen den Austausch über die Kunst. Aber der Autor hat nur Verachtung für sie übrig, jene Speichellecker, die eben noch den Arm hoben und nun alle Schuld von sich weisen. An seiner Seite: seine Tochter Erika, die übersetzt und organisiert. Als sie die Nachricht des Suizids ihres Bruders Klaus erreicht, mischt sich die persönliche Tragödie in die Trauer um den Verlust der Heimat. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Henk Handloegten (»Babylon Berlin«) rekonstruiert der vielfach ausgezeichnete polnische Regisseur Pawel Pawlikowski (»Ida«) diese Reise, die Mann eigentlich mit seiner Ehefrau Katia machte. Ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Bilder zeigen ein Land, das in Trümmern liegt, architektonisch und moralisch. Gleichermaßen keimt im Osten die Hoffnung auf einen Neuanfang. In Cannes für die beste Regie ausgezeichnet, ist »Vaterland« ein kraftvolles und konzentriertes Zeitdokument mit glänzender Besetzung, allen voran Hanns Zischler und Sandra Hüller als ungleiches Vater-Tochter-Gespann. LARS TUNÇAY

That's Why the Lady is a Champ

That's Why the Lady is a Champ

USA 2026, R: David Michôd, D: Sydney Sweeney, Coleman Pedigo, Merritt Wever, 135 min

Hollywoodfilme über Kampfsport bedienen sich meist derselben Blaupause: Entlang der einzelnen Stationen einer Karriere erzählen sie vom Kampf des Underdogs ins Rampenlicht; Abstieg, Drogen und der Kampf zurück in den Ring sind obligatorisch. Auch David Michôd (»War Machine«) bedient sich in seiner Nacherzählung der Geschichte von Christy Martin, die in den 1990er Jahren zur erfolgreichsten Profiboxerin der USA aufstieg, dieses Schemas. In ihrer Autobiografie beschreibt sie die gewalttätige Ehe mit ihrem Manager Jim Martin, ihr Coming-Out und die Diskriminierung von Homosexualität im Boxsport. Diese Aspekte rückt das Biopic in den Mittelpunkt, erzählt aber auch recht konventionell das Drumherum: Christys Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie in einer Kleinstadt in West Virginia, ihre Begeisterung fürs Boxen, die von ihren Eltern ebensowenig akzeptiert wird wie ihre Beziehung zu Rosie. Der erfolgreiche Trainer Jim Martin scheint ihr Ticket aus der Enge des Elternhauses zu sein. Allerdings gibt der sich von Anfang an als Arschloch. Er ändert sich über die kommenden Jahrzehnte nicht, in denen er ihr Manager und Ehemann wird und Christy einen Erfolg nach dem anderen einfährt. Insofern ist es schwierig nachzuvollziehen, warum sie nicht früher das Weite gesucht hat. Trotzdem hält man als Zuschauer zu ihr. Die Kampfszenen sind dynamisch fotografiert, Sydney Sweeney spielt Martin mit Hingabe und Ben Foster überzeugt als furchteinflößender Lappen. LARS TUNÇAY