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Rezensionen

Aftersun

Aftersun

GB/USA 2021, R: Charlotte Wells, D: Paul Mescal, Frankie Corio, Celia Rowlson-Hall, 102 min

Genau wie Träume am nächsten Morgen verflüchtigen sich auch die Erinnerungen an die unendlichen Stunden gelebten Lebens mit der Zeit, da helfen auch Tagebücher nur bedingt. Das ist auch der Grund, weshalb sich Charlotte Wells’ beeindruckendes Filmdebüt »Aftersun« nicht in erster Linie aus Worten zusammensetzt, sondern aus Eindrücken. Die elfjährige Sophie und ihr Vater Calum urlauben in einem türkischen Ferienresort; es ist wohl der letzte Sommer in dieser konkreten Konstellation. Die beiden sind ein gutes Team, können mit Abstand und Nähe umgehen und respektieren die Grenzen des anderen. Nichts Unbotmäßiges fällt vor, doch die Atmosphäre des Films siedelt immer am Rande des Unheimlichen. Später versteht man, dass man es mit einer Rückblende zu tun hat, doch die erzählt kaum etwas Spezifisches, sondern knöpft sich die Struktur der Erinnerung an sich vor. Was in den Tiefen der Vergangenheit nach und nach verschwimmt, ist für die Dauer von »Aftersun« wieder zurück an der Oberfläche. Schwer zu sagen, wie der Regisseurin diese Gefühlstransplantation gelingt. Der Film ist nicht nur ein stilles Spektakel, sondern wirkt auch erzählerisch wie etwas völlig Neues und Unverbrauchtes. Am Ende fühlt es sich an, als hätte man anderthalb Stunden unter Hypnose verbracht und bei der Gelegenheit sein Unterbewusstsein aufgeräumt. »Aftersun« erinnert sich an mehr, als die meisten Menschen vergessen. MARKUS HOCKENBRINK

An einem schönen Morgen

An einem schönen Morgen

F/GB/D 2022, R: Mia Hansen-Løve, D: Léa Seydoux, Pascal Greggory, Melvil Poupaud, 112 min

Sandra ist Mitte 30 und lebt in Paris. Sie zieht ihre Tochter alleine groß und arbeitet als Übersetzerin. Daneben kümmert sich liebevoll um ihren dementen Vater. Doch eines Tages muss sie realisieren, dass sie ihm nicht mehr helfen kann. Auf Drängen ihrer geschiedenen Mutter macht sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Heim. Doch die staatlichen Einrichtungen sind heruntergekommen und überlastet, die privaten kostspielig. Als Sandra droht, unter der Belastung zusammen zu brechen, trifft sie auf Clément, einen alten Freund, für den sie neue Gefühle entdeckt. Realistisch und einfühlsam schildert Mia Hansen-Løve das Schicksal einer Frau in den Dreißigern. Ihr Spiel aus Entscheidungen, verpassten Chancen und möglichen Abzweigungen auf dem Weg des Schicksals bleibt stets nachvollziehbar und geerdet. Dafür sorgen auch die starken Schauspieler: Der preisgekrönte Charakterdarsteller Pascal Greggory (»La Vie En Rose«) spielt den Vater, einen ehemaligen Professor, dem die Worte entrissen wurden, mit berührender Intensität, Melvil Poupaud (»Laurence Anyways«) den Freund, hin und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Sandra und der Ehe mit Frau und Tochter. Das Zentrum ist aber die überragende Léa Seydoux (»Blau ist eine warme Farbe«), die Sandra mit Hingabe verkörpert und eine tiefe Traurigkeit mit bedingungsloser Liebe in sich vereint. LARS TUNÇAY

Call Jane

Call Jane

USA 2022, R: Phyllis Nagy, D: Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Chris Messina, 122 min

Wie die schwangere Joy von einem Kreis heftig rauchender Ärzte erfährt, dass ihr eigenes Leben im Vergleich zum ungeborenen nichts wert sei, wäre gute Satire – wenn es nicht so furchtbar wahr ist: 1968 in Chicago, die Schwangerschaft schwächt das Herz der wohlsituierten Anwaltsgattin lebensbedrohlich, doch Abtreibung wird selbst in solchen Fällen nicht erlaubt. Alleine dem Horror illegaler Schwangerschaftsabbrüche ausgesetzt, bringt ein Aushang die Rettung: »Pregnant? Need help? Call Jane!«. Tatsächlich verbarg sich hinter dem Namen Jane nach historischen Fakten ein Kollektiv engagierter Frauen. Die Hauptrolle der sich mutig emanzipierenden Joy zeigt in vielen Nuancen zwischen Angst und Euphorie die auf diese Weise selten zu sehende »lustige Blondine« Elizabeth Banks. Dass der anhaltende Kampf um selbstbestimmtes Leben für Frauen wieder in einem starken historischen Film behandelt wird, ist nicht nur wegen der neuerlichen Entscheidung des Supreme Court leider brennend zeitgemäß. »Call Jane« begeistert dabei vor allem zu Beginn mit vielen, genau beobachteten Details, welche Zeitumstände und Leben einer hochintelligenten Frau in der Nixon-Ära nachempfinden lassen. Das »Jane Collective« führte, bis es 1972 aufflog, circa 11.000 Abtreibungen durch, ohne dass eine Frau dabei starb. Diese Arbeit wurde 1973 unnötig, als sich der Supreme Court im Fall »Roe v. Wade« für das Recht auf Abtreibung aussprach. GÜNTER JEKUBZIK

Mehr denn je

Mehr denn je

F/D/LUX/N 2022, R: Emily Atef, D: Vicky Krieps, Gaspard Ulliel, Björn Floberg, 122 min

Héléne stirbt. Eine seltene Lungenkrankheit hat sie geschwächt. Eine Heilung scheint aussichtslos. Ihre einzige Hoffnung ist eine Transplantation. Doch die ist hoch riskant. Die junge Frau verschanzt sich in ihrem Appartement. Auch ihr Freund Mathieu kommt nicht an sie heran. Auf der Suche nach einem Weg, mit der Situation umzugehen, entdeckt sie den Blog von »Mister«, der über seine Krankheit schreibt und Héléne berührt. Sie lässt ihren besorgten Freund zurück und reist nach Norwegen, um an einem entlegenen Fjord »Mister« zu treffen und zu sich selbst zu finden. In »Mehr denn je« schildert Regisseurin Emily Atef (»3 Tage in Quiberon«) einfühlsam das Innenleben einer Sterbenskranken. Es sei für Außenstehende nicht nachvollziehbar, was ein Sterbender fühlt, sagt Héléne zu Beginn und beendet damit alle Diskussionen ihrer Freunde, wie sie mit der Situation umzugehen hat. Das eindringliche Spiel von Vicky Krieps (»Corsage«) und die behutsame Regie von Atef geben uns dennoch einen Einblick. Der plötzliche Unfalltod von Hauptdarsteller Gaspard Ulliel (»Mathilde – Eine große Liebe«) verleiht dem ehrlichen und berührenden Film eine zusätzliche, tragische Melancholie. Die Premiere im Rahmen der Sektion »Un Certain Regard« bei den Filmfestspielen in Cannes hat er nicht mehr erleben können. LARS TUNÇAY

Sibirisch für Anfänger

Sibirisch für Anfänger

R/JAK 2021 2021, R: Stepan Burnashev, Dmitry Davydov, D: Innokentiy Lukovtsev, Sergei Balanov, Djulustan Semyonov, 103 min

Ein Junge nimmt das Gewehr seines Vaters und verleiht es an einen Freund, wo es sich inmitten eines Trinkgelages wiederfindet. Der störrische Davyd gräbt unbeirrbar ein Plumpsklo neben dem Gemüse seiner Nachbarn und zieht damit deren Groll auf sich. Petya hat das Haus seiner Großmutter verkauft, doch als er das Geld nach einer Sauftour mit stolz geschwellter Brust seiner Frau präsentieren will, ist es weg und der Nachbar hat ein neues Auto. Als ein Dorfbewohner schwer alkoholisiert seine Familie mit der Waffe bedroht, muss der Dorfälteste einschreiten, bevor die Situation eskaliert. Sieben tragikomische Geschichten vom anderen Ende der Welt erzählen Stepan Burnashev und Dmitrii Davydov. Wobei die Tragik hier oft die Überhand hat, alle Geschichten aber ein lakonischer Humor durchzieht. Hier, in der Republik Sacha am Ostsibirischen Meer, sind die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Hier machen Gerüchte schnell die Runde und werden für Wahrheiten genommen. Die Gespräche sind karg, die Tage wie Nächte alkoholgeschwängert und mit dem Vodka beginnen und enden oft die Probleme. In statischen, ausdrucksstarken Bildern erzählt der im Deutschen reichlich ungelenk betitelte Episodenfilm von falschem männlichen Stolz und der menschlichen Fehlbarkeit, inszeniert mit Laiendarstellern vor der endlosen Landschaft. Beim Filmfestival in Warschau gewann der Film dafür den Jurypreis. LARS TUNÇAY

Neptune Frost

Neptune Frost

RUM/USA 2021, R: Anisia Uzeyman, Saul Williams, D: Cheryl Isheja, Bertrand Ninteretse, Eliane Umuhire, 105 min

Jedes Smartphone und jeder PC, den wir tagtäglich benutzen, wurde unter Ausbeutung von Menschen in Afrika hergestellt, weil dafür Metalle der Seltenen Erden notwendig sind. »Neptune Frost« von Saul Williams und Anisia Uzeyman nimmt sich dieses Themenkomplexes rund um den Metallabbau an, bei dem Unterdrückung, Ausbeutung und korrupte Staatsgeschäfte an der Tagesordnung sind. Im Mittelpunkt steht der als Junge geborene Neptune, der mittlerweile eine Transformation zur Frau (ähnlich dem »Orlando« von Virginia Woolf) vollzogen hat und zu einer Art Sprachrohr für die Ausgebeuteten wird. Als »Martyr Loser King« stellt er/sie sich dem Militär und der Polizei entgegen und entfesselt unter den Arbeitern und Studenten eine Revolte für mehr Anerkennung und gerechte Arbeitsbedingungen. Dies ist nur einer der vielen guten und wichtigen Ansätze die »Neptune Frost« behandelt, aber die Umsetzung dürfte es dem Film schwermachen, ein breites Publikum zu finden. Die sehr stilisierten, teilweise geradezu kryptischen Dialoge sind inspiriert von »Geschichten, die über Generationen gesponnen« wurden (wie es einmal im Film heißt), von traditionellen Liedern, die von den Protagonisten und Protagonistinnen dargeboten werden, oder von Science-Fiction-Ideen, die in erster Linie in der gelungenen visuellen Umsetzung zitiert werden. Ein sperriger und keineswegs leicht zugänglicher Film, der gleichwohl thematisiert, was von uns viel zu oft verschwiegen oder verdrängt wird. FRANK BRENNER

Verlorene Illusionen

Verlorene Illusionen

F 2021, R: Xavier Giannoli, D: Benjamin Voisin, Cécile de France, Vincent Lacoste, 150 min

Frankreich in den 1820ern: Dem naiven Dichter Lucien raubt der Provinzmief seines Heimatstädtchens die Luft zum Atmen. Immerhin seine verheiratete Geliebte Louise de Bargeton erkennt sein Talent und fördert ihn. Als ihre Affäre auffliegt, flüchten beide nach Paris, wo Luciens adelige Gönnerin dabei scheitert, ihn in die höheren Gesellschaftsschichten einzuführen – und ihn fallen lässt. Nach einer Weile findet der junge Mann Beschäftigung bei einer Zeitung, wo er sich als Kritiker von Bühnenstücken, Romanen und Persönlichkeiten einen Namen macht. Luciens wachsende Gier nach Ansehen und Reichtum und die der Regenbogenpresse nach Sensationen und Skandalen korrumpieren den wortgewandten Journalisten jedoch zusehends und lassen ihn schließlich Erfundenes nach Wunsch des Meistbietenden schreiben. Regisseur Xavier Giannoli hat einen der bekanntesten Romane Honoré de Balzacs entschlackt und aufs Wesentliche reduziert. Sein Film ist einerseits klassisches, perfekt besetztes und opulent bebildertes Historienkino, erzählt andererseits aber auch von einer früh aus dem Ruder gelaufenen Medienwelt, deren übelste Auswüchse unter den Begriffen »Fake News« und »Influencer« heute präsenter sind denn je. Bei der 47. Verleihung des »César«, des wichtigsten französischen Filmpreises, hagelte es dafür im Februar bei rekordreifen fünfzehn Nominierungen sieben Trophäen, darunter eine für den besten Film. PETER HOCH

Zeiten des Umbruchs

Zeiten des Umbruchs

USA 2022, R: James Gray, D: Anne Hathaway, Jeremy Strong, Banks Repeta, 115 min

Das Werk des New Yorker Autors und Regisseurs James Gray ist außergewöhnlich. Egal, ob er nun einen Liebesfilm (»Two Lovers«), Abenteuerkino (»Die versunkene Stadt Z«) oder sein Science Fiction (»Ad Astra«) inszeniert – keiner seiner Filme bedient Genreklischees. Seine Handschrift äußert sich vielmehr in einer kitsch- und klischeefreien Erzählung. 18 Jahre nach seinem Debüt »Little Odessa« kehrt er nun zu seinen Wurzeln und in den New Yorker Stadtteil Queens zurück. Er schildert das Erwachsenwerden von Paul Graff, Sohn einer Familie jüdischer Einwanderer, in den 1980er Jahren. In dem gut situierten Elternhaus herrscht immer Leben. Paul nimmt kein Blatt vor den Mund, was im schon mal eine Backpfeife einbringt. Das Herz der Familie ist der Großvater Aaron Rabinowitz, der Paul von der Flucht ihrer Familie aus Nazideutschland erzählt und ihm Toleranz und Mitgefühl mit auf den Weg gibt. Beides wird getestet, als Paul sich mit dem afroamerikanischen Jungen Johnny Davis anfreundet und ihm ihre unterschiedliche Herkunft deutlich wird. James Gray erzählt von Alltagsrassismus und Zivilcourage und bettet seine autobiografisch geprägte Geschichte in den warmen Schoß der Familie. Das Herz der Mischpoke ist der wunderbare Sir Anthony Hopkins, dessen Leinwandpräsenz dem Film eine warmherzige Aufrichtigkeit verleiht und der mit Hauptdarsteller Banks Repeta wunderbar interagiert. LARS TUNÇAY

Black Mambas

Black Mambas

D/F 2022, Dok, R: Lena Karbe, 81 min

Naledi trägt ihre Uniform mit Stolz, wenn sie am Grenzzaun des Kruger-Nationalparks patrouilliert und Wilderer aufspürt. Das südafrikanische Wildschutzgebiet ist das Revier der Black Mambas, einer unbewaffneten Frauenbrigade, die sich dem Kampf gegen Wilderei verschrieben hat. Das alte Problem hat vor allem durch die Nashornjagd international für Empörung gesorgt. Das Nashorn wurde so zum Symbol des Kampfes gegen Wilderer und die Black Mambas zur Brigade seiner Beschützerinnen. Die Frauen fordern das traditionelle Frauenbild ihres Landes heraus – was sie täglich selbst herausfordert. Lena Karbes Dokumentarfilm zeigt die Kämpfe hinter dem Kampf. Zwar sind Frauen wie Naledi der Arbeitslosigkeit ihrer Dörfer entkommen, doch das macht sie nicht unabhängig. Oft tragen sie als Alleinverdienerinnen der Familie mehr Verantwortung als zuvor. Die Arbeit im Park, die sie anfangs noch mit Stolz erfüllt, wird schnell monoton. Sie besteht hauptsächlich darin, die Befehle weißer Ausbilder auszuführen. Craig Spencer, Gründer der Black Mambas, ist einer von ihnen. Er sorgt sich um die Zukunft der Frauen. Wer braucht sie, wenn die Nashornjagd passé ist? Die Parkbetreiber seien Dinosaurier, die Parks die letzte Bastion des Kolonialismus. Doch erkennt er, dass er selbst Teil des strukturellen Problems ist? Karbe hat diese Verwebungen pointiert eingefangen. SARAH NÄGELE

Crimes of the Future

Crimes of the Future

CDN/GR/F 2022, R: David Cronenberg, D: Viggo Mortensen, Léa Seydoux, Kristen Stewart, 107 min

In einer nahen Zukunft entwickeln manche Menschen durch reine Willenskraft zusätzliche, teilweise auch völlig unbekannte Organe. Viele haben zudem kein klassisches Schmerzempfinden mehr, so dass ein Herumoperieren am geöffneten Leib bei vollem Bewusstsein nichts Ungewöhnliches ist. Saul Tenser und seine Assistentin Caprice haben Letzteres sogar zur Kunstform erhoben: In öffentlichen Darbietungen lässt sich Saul Innereien wachsen, von Caprice tätowieren und entnehmen. Der Staat will nun gegensteuern und neuartige Organe registrieren lassen. Auf der anderen Seite setzt eine Untergrundgruppe sich dafür ein, dass die Evolution ungehindert ihren Lauf nehmen darf. Bodyhorror-Altmeister David Cronenberg, berühmt-berüchtigt durch Abgründiges wie »Scanners« und »Die Fliege«, meldet sich nach zwanzig Jahren Pause mit dunklen Dramen wie »A History of Violence« wieder in seinem Leib- und Magengenre zurück – wortwörtlich, versteht sich. Seine wilden bis wirren Ideen sind nach wie vor einzigartig und spitzen diesmal gesellschaftliche Entwicklungen und Trends visuell verstörend und höchst atmosphärisch zu. Leider entgleiten ihm jedoch irgendwann einige Handlungsfäden komplett und führen ins Leere, so dass am Ende ein kammerspielartiges, mit Stars wie Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart gespicktes Spätwerk ohne stringente Geschichte steht, in dem sich irgendwo ein guter Film versteckt. Peter Hoch

Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall

Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall

KOR 2022, R: Hong Sang-Soo, D: Hye-yeong Lee, Kim Min-Hee, Young-hwa Seo, 92 min

Es mag am fortgeschrittenen Alter des Rezensenten liegen, dass die Filme von Hong Sang-Soo im Kopf verschmelzen. Aber im Prinzip sind die Werke des Koreaners, die mit steter Gewissheit ein- bis zweimal im Jahr in die Festivalkinos und hin und wieder auch in die hiesigen Lichtspielhäuser gelangen, ein einziger selbstreferenzieller Gedankenstrom. Selbst im vergangenen Corona-Jahr war er mit einem Film im Wettbewerb von Cannes (»In Front Of Your Face«) und einem auf der Berlinale (»Introduction«) vertreten. Und auch in diesem Jahr gibt es zwei Ergänzungen zum Œuvre: den in Toronto uraufgeführten »Walk Up« und »The Novelist’s Film«, der nun mit einem etwas ausladenden deutschen Titel auch in unsere Kinos kommt. Inhaltlich bietet er wenig Neues: Wir begleiten eine angesehene Schriftstellerin bei dem Besuch einer alten Freundin, dem Aufeinandertreffen mit einem von sich selbst überzeugten Regisseur und seiner Frau und dem obligatorischen Trinkgelage mit einem befreundeten Poeten. Man kann Hong Sang-Soos Blick auf die Kulturschaffenden seiner Heimat als elitär und selbstbezogen kritisieren. Die endlosen Dialoge seiner Figuren sind jedoch entlarvend, von feinem Humor durchzogen und immer wieder überraschend. Das verleiht seinen Filmen eine Leichtigkeit, die den europäischen Intellektuellen oftmals abgeht. Vielleicht werden auch deshalb seine Filme weltweit auf den großen Festivals so sehr verehrt. Lars Tunçay

Emily

Emily

GB 2022, R: Frances O’Connor, D: Emma Mackey, Alexandra Dowling, Fionn Whitehead, 140 min

Ihre Mutter verstarb früh, ihre jüngsten Schwestern im Kindesalter an Tuberkulose. Anne und Emily und auch ihr Bruder Bramwell wurden nicht älter als dreißig. Das tragische Schicksal der Familie Brontë führte zu einigen der größten Werke englischsprachiger Literatur. Alleine Emily Brontës »Wuthering Heights« (»Sturmhöhe«) wurde weltweit über zwanzig Mal verfilmt. Die Schauspielerin Frances O’Conner (»Mansfield Park«) hat sich für ihr Regiedebüt die Entstehung des Romans vorgenommen. Sie zeigt Emily als Sonderling der Familie Brontë. Ihre große Schwester Charlotte studiert, unterrichtet und heiratet und lebt die an sie gestellten Erwartungen. Selbst ihre jüngere Schwester Anne hat die Fantasiewelten ihrer Kindheit abgelegt. Doch Emily hält daran fest und beobachtet ihre Umwelt mit großen, neugierigen Augen. Ihr Bruder Bramwell zieht ohnehin alle Aufmerksamkeit auf sich. Auch jene von Emily, doch sein Hang zu Alkohol und Opium wird zunehmend zum Problem. Emily wendet sich stattdessen Weightman, dem neuen Pfarrer der Gemeinde, zu. Dessen strahlende Erscheinung, die den jungen Damen den Atem raubt, bekommt jedoch bald empfindliche Risse – was Emilys Anziehung nur verstärkt. Die windumtosten Höhen von Yorkshire sind der offensichtlichste Verweis auf die »Sturmhöhe« in Emilys Roman, die ambivalente Beziehung zu Weightman die deutliche Inspiration für Heathcliff. O’Conner erzählt mit Leidenschaft und künstlerisch versiert von einer tragischen Liebe, aus der große Literatur entstand. Lars Tunçay

Menschliche Dinge

Menschliche Dinge

F 2021, R: Yvan Attal, D: Charlotte Gainsbourg, Mathieu Kassovitz, Pierre Arditi, 138 min

Mit ihrem Erfolgsroman »Menschliche Dinge« lieferte Karine Tuil einen schonungslosen Kommentar zur #MeToo-Debatte. Inspiriert wurde er vom »Stanford-Fall«, bei dem der 19-jährige Elite-Student Brock Turner nach nur drei Monaten Bewährungsstrafe das Gefängnis verließ, nachdem er eine bewusstlose Studentin vergewaltigt hatte. Regisseur Yvan Attal (»Die brillante Mademoiselle Neïla«) adaptierte den Stoff als facettenreiche Studie über Machtausübung – und zwar als Familienprojekt: Seine Frau Charlotte Gainsbourg spielt Claire Farel, ihr gemeinsamer Sohn Ben Attal Claires Sohn Alexandre. Die Farels sind angesehene Intellektuelle. Claire steht als feministische Essayistin im Fokus der Öffentlichkeit. Ihr deutlich älterer Ex-Mann Jean ist erfolgreicher Fernsehmoderator. Als der in San Francisco lebende Alexandre auf Heimatbesuch in Paris ist, lernt er Mila kennen, die Tochter von Claires neuem Lebensgefährten Adam. Bei einer Party nähert sich der 23-Jährige der 17-Jährigen. Am darauffolgenden Tag steht die Polizei vor der Tür von Jean und verhaftet Alexandre. Er soll Mila vergewaltigt haben. Yvan Attal zeigt in seinem ambivalenten, exzellent gespielten Familiendrama den Abend und seine Auswirkungen aus beiden Perspektiven und überlässt die Gedanken bis zu einem gewissen Punkt dem Publikum. In den finalen Plädoyers vor Gericht wird dann allerdings alles noch einmal zusammengefasst und abgewogen – und Attals Erzählung dehnt sich auf knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit. Lars Tunçay

Nelly & Nadine

Nelly & Nadine

S/B/NOR 2022, Dok, R: Magnus Gertten, 92 min

Kann man sich tatsächlich in einem Konzentrationslager inmitten all des Todes und des Grauens ineinander verlieben? »Nelly & Nadine – Eine wahrhaft unglaubliche Liebesgeschichte« von Magnus Gertten tritt den Beweis an, dass dies tatsächlich möglich ist. Zusammen mit Sylvie Bianchi, der Enkelin der Opernsängerin Nelly Mousset-Vos, begibt sich der schwedische Regisseur auf Spurensuche, sichtet mit Bianchi alte Fotos, Tagebucheinträge und Super-8-Filme. Daraus geht hervor, dass Nelly, eine zweifache Mutter, die im französischen Widerstand tätig war, 1944 im KZ Ravensbrück auf die chinesisch-stämmige Nadine Hwang traf und sich in sie verliebte. Nach Kriegsende fanden sich die beiden wieder und zogen gemeinsam nach Venezuela, blieben bis zu Nadines Tod ein Paar. Magnus Gertten muss in seinem Film eine Liebe bebildern, die nur noch auf wenigen Filmdokumenten in Bewegtbildern erhalten ist. Aber in Kombination mit den mitreißenden Tagebuchaufzeichnungen Nellys, unzähligen Fotos und der spannenden Recherche ihrer Enkelin ist ihm mit diesem Film das bewegende Porträt einer langen und aufrichtigen Liebe gelungen. Dass Nadine zum engeren Kreis der in den zwanziger Jahren gegründeten Académie des Femmes der Feministin und Autorin Natalie Barney gehörte, macht diese Dokumentation neben der starken persönlichen Komponente zusätzlich auch kulturhistorisch höchst interessant. Frank Brenner

Rebellinnen – Fotografie. Underground. DDR.

Rebellinnen – Fotografie. Underground. DDR.

D 2022, Dok, R: Pamela Meyer-Arndt, 84 min

Die Künstlerin Gabriele Stötzer bereitet im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses einen Foto- shoot vor. Sie bügelt Bettlaken und bindet die Haare eines Modells zusammen. In feinstem Thüringisch gibt sie Anweisungen: »Weeßte, du bist angebunden, du bist an die Vergangenheit gebunden, du weeßt nicht, was dich hält.« Mit diesen Worten versucht Stötzer die Zeit zu rekapitulieren, als sie das erste Mal dieses Motiv benutzt hat. Gabriele Stötzer erzählt von ihren Anfängen in der Fotografie, der Ausbürgerung Wolf Biermanns, ihrer Unterschrift und dem Gefängnis. »Eines Nachts lag ich da, hab gekotzt und geschrien.« Wie viele andere junge Künstlerinnen und Künstler war Stötzer als Person und mit ihrem Schaffen ein Dorn im Auge des DDR-Systems. Auch Cornelia Schleime und Tina Bara wurden in der DDR auf die eine oder andere Weise an ihrer Entfaltung gehindert, ihre Ausstellungen verboten und sogar ihrer Kunstwerke beraubt. Die Regisseurin Pamela Meyer-Arndt porträtiert die drei Frauen im Zeichen ihrer Widerständigkeit. Die Biografien werden miteinander verbunden durch die Fotografien und den Kampf mit dem System, den sie herausforderten und dokumentierten. Die bedrückende Atmosphäre von kreativer, politischer und existenzieller Unterdrückung wird selten gebrochen. Es ist fast zum Verzweifeln. Wenn da nicht der Mut der Künstlerinnen durchleuchten würde und das Wissen, dass sie nicht aufgegeben haben. Eyck-Marcus Wendt

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Wir sind dann wohl die Angehörigen

D 2022, R: Hans-Christian Schmid, D: Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi, 118 min

Der dreizehnjährige Johann fühlt sich sicher. Mit seinen Eltern Ann Kathrin und Jan Philipp führt er ein sorgenfreies Leben in einer westdeutschen Kleinstadt. Der Disput mit seinem Vater über die Lateinarbeit ist nichtig – und doch wird er Johann die kommenden Wochen beschäftigen, denn als er aufwacht, ist der Vater weg. Jan Philipp ist entführt worden. Ein Bekennerschreiben lag am Haus. Die Polizei wird eingeschaltet und der befreundete Anwalt der Familie Johann Schwenn hinzugezogen. Zwischen ihm und den Beamten, die jetzt das familiäre Haus beziehen, entsteht ein Disput über die Vorgehensweise. Aber all das interessiert Johann nicht. Er macht sich eher Sorgen um seine Mutter, die langsam zu zerbrechen droht. Angst kriecht in ihm hoch – ein Gefühl, das er bislang nicht kannte. Die Entführung von Jan Philipp Reemtsma im Frühjahr 1996 wurde von den Medien ausgiebig ausgeschlachtet. Aber wie erging es seiner Familie und vor allem, wie ging sein Sohn damit um, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass alles, was er für sicher hielt, jederzeit wegbrechen kann? Über seine Gefühle schrieb Johann Scheerer rund zwanzig Jahre später ein Buch, das Hans-Christian Schmid (»23 – Nichts ist so, wie es scheint«) als Grundlage für seine Verfilmung nahm. Er erzählt ein Entführungsdrama aus dem Inneren der Familie heraus. Getragen wird sein Film von einem ausnahmslos stark aufspielenden Ensemble. Lars Tunçay

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod

D 2022, Dok, R: Cem Kaya, 102 min

Deutschland – Wirtschaftswunderland. Lange Zeit wurde der Aufschwung nach dem Krieg als Lohn harter Arbeit deutscher Familienunternehmen dargestellt: Dabei waren es vor allem billige Lohnkräfte aus dem Ausland, die arbeiteten, während Konzernbosse den Lohn einstrichen. Ende der Fünfziger kamen sie zu Tausenden in die BRD. Griechen, Italiener und vor allem Türken folgten dem Ruf nach einem sicheren Einkommen, um die Familien in der Heimat zu unterstützen und baldmöglichst nachzuholen. Heute lebt die dritte und vierte Generation der Migranten in Deutschland. Wie ihre Eltern und Großeltern damals alles hinter sich ließen, um im Westen einen Neuanfang zu wagen, welche Hürden sie überwinden mussten, der harte, entbehrungsreiche Kampf um Achtung und Arbeiterrechte – all das ist vielfach in Vergessenheit geraten, weil es in der Geschichtsschreibung des Landes schlicht nicht vorkommt und man die Gastarbeiter ohnehin lieber mit einem Rückflugticket in die Heimat versorgt hat, als sie nicht mehr gebraucht wurden. Aber viele waren längst hier heimisch geworden und hatten ihre ganz eigene Kultur erschaffen, deutsch-türkische Popstars, die Berge von Kassetten umsetzten. Cem Kaya (»Remake, Remix, Rip-Off«) zeigt diese Musikkultur und ihre Stars und wie sie bis in die Gegenwart wirkt. Eine faszinierende Zeitreise durch ein unentdecktes Kapitel deutscher Geschichte – bunt, laut und grundsympathisch. Lars Tunçay

In einem Land, das es nicht mehr gibt

In einem Land, das es nicht mehr gibt

D 2022, R: Aelrun Goette, D: Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, 101 min

Suzie ist aufgeregt. Die Schule liegt hinter ihr, die Uni in Berlin wartet. Doch da wird sie auf der Straße aufgegriffen. In ihrer Handtasche: eine Ausgabe von George Orwells »1984« – verbotene Westliteratur. Der Traum vom Literaturstudium zerplatzt und Suzie findet sich im Kabelwerk Oberspree wieder, wo sie zur Strafe eine Ausbildung beginnen soll. Auf dem Weg zur Arbeit lichtet sie zufällig der unangepasste Fotograf Coyote ab und sie landet in der Sibylle, der größten Modezeitschrift der DDR. Voller Aufregung nimmt sie allen Mut zusammen, stellt sich in der Redaktion vor und wird engagiert: Ihre Karriere als Modell beginnt, doch ihr wird schnell klar, dass auch Mode- und Verlagswelt nach der Pfeife der Staatsoberen tanzen. Die von einer wahren Biografie inspirierte Geschichte spielt sich in den letzten Monaten der DDR ab. Allerdings ist der kurze Zeitraum dramaturgisch so überladen, dass die Inszenierung nur wenig glaubhaft wirkt. Die Stasi tritt als gesichtslose Männer in Uniform auf, die Generation der Väter ist eine von konturlosen Duckmäusern. Da war der deutsche Film in der Aufarbeitung der DDR schon mal weiter, als es Dokumentar- und Spielfilmregisseurin Aelrun Goette (»Die Kinder sind tot«) hier ist. Jungdarstellerin Marlene Burow in der Hauptrolle ist solide, Peter Schneider als Vater kann wenig aus seiner konturlosen Figur herausholen und die Nebenfiguren wirken wie Abziehbilder in einer Illustrierten. Lars Tunçay

Mona Lisa And The Blood Moon

Mona Lisa And The Blood Moon

USA 2021, R: Ana Lily Amirpour, D: Jeon Jong-seo, Kate Hudson, Craig Robinson, 106 min

In einer schmuddeligen Sicherheitszelle kniet die Nordkoreanerin Mona Lee auf dem Boden, die Arme in einer Zwangsjacke gefangen. Als eine Pflegerin eintritt, die ihr die Nägel schneiden soll, lässt sie deren Gemeinheiten zunächst teilnahmslos über sich ergehen – bis sie ihre Peinigerin urplötzlich durch telepathische Kräfte dazu bringt, sich mit der Schere selbst schwer zu verletzen, wonach Mona die Flucht aus der Anstalt gelingt. Bald darauf steht sie im schmuddeligen Vergnügungsviertel von New Orleans der Prostituierten Bonnie während eines Angriffs bei, die sie wenig später mit zu sich und ihrem Sohn Charlie nach Hause nimmt – nicht ganz uneigennützig, denn Bonnie will mithilfe von Monas dunkler Gabe zu Geld kommen. Ana Lily Amirpour, die vor acht Jahren mit dem Vampirdrama »A Girl Walks Home Alone At Night« ein sprödes, zumindest von der Kritik aber viel beachtetes Regiedebüt vorlegte, widmet sich in ihrem jüngsten Genre-Beitrag auf erneut unkonventionelle, geerdete Weise diesmal dem Science-Fiction-Film, versehen mit manch augenzwinkernder Anleihe an »Terminator 2«. Mona ist darin allerdings eher eine Antiheldin mit bis zuletzt nebulöser Vorgeschichte. Die wahre Heldenfigur kristallisiert sich erst spät aus all den abgerissenen Charakteren heraus, die Amirpours visuell und musikalisch hypnotisches, inhaltlich aber erneut etwas ziellos vor sich hin mäanderndes Werk bevölkern. Peter Hoch

Der Nachname

Der Nachname

D 2022, R: Sönke Wortmann, D: Iris Berben, Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, 87 min

Bereits mit dem Vorgänger »Der Vorname« feierte Sönke Wortmann vor drei Jahren große Erfolge. Nun wird die Adaption einer französischen Boulevardkomödie mit derselben Besetzung fortgesetzt. Die Handlung lotet die chaotischen Familienverhältnisse des Ensembles weiter aus: Dorothea hat ihre Kinder mit dem jeweiligen Anhang auf die Insel Lanzarote eingeladen. Keiner ahnt etwas Gutes, die meisten befürchten, dass die offizielle Zusammenkunft etwas mit Dorotheas Hochzeit mit René zu tun hat, den sie zwar zunächst als Adoptivsohn großgezogen hat, mit dem sie nach dem Tod ihres Mannes aber eine Beziehung begann. Doch in der Abgeschiedenheit der Insel und angesichts der ohnehin bereits aufgeheizten Situation kommen noch ganz andere Geheimnisse der Familie Böttcher ans Tageslicht. Sönke Wortmann hat sich in den letzten Jahren auf Komödien mit überschaubarem Ensemble und pointierten Dialogen spezialisiert, die oftmals eine Bühnen- oder Filmvorlage hatten. Anders als »Der Vorname«, mit dem Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte in Frankreich bereits große Erfolge feierten, basiert die Fortsetzung nicht auf einem Original, sondern spinnt die Geschichte weiter. Mit einem wieder einmal makellosen Timing hat Wortmann auch in »Der Nachname« seine illustre Darstellerriege um Christoph Maria Herbst, Iris Berben und Florian David Fitz zu komödiantischen Höchstleistungen angespornt. Das ist insgesamt vielleicht etwas dick aufgetragen, aber dank cleverer Dialoge durchweg amüsant. Frank Brenner