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Rezensionen

King Richard

King Richard

USA 2021, R: Reinaldo Marcus Green, D: Will Smith, Aunjanue Ellis, Jon Bern, 144 min

Richard Williams überlässt nichts dem Zufall. Die Tennis-Karriere seiner beiden Töchter Venus und Serena hat der engagierte Familienvater Schritt für Schritt durchgeplant. Für die Kinder sieht er das als einzige Chance, aus der Armut rauszukommen und es in der weißen Gesellschaft zu etwas zu bringen. Er selbst hat sich in seinem Leben stets behaupten müssen und will ein besseres Leben für seine Kinder. Dafür stehen sie allerdings auch Tag und Nacht auf dem improvisierten Feld im von Bandenkriegen geprägten Compton. Während die Nachbarn Richard für verrückt erklären und schon mal das Jugendamt informieren, hält seine Frau Brandy zu ihrem Mann. Und tatsächlich zahlt sich die Mühe und Beharrlichkeit irgendwann aus: Venus und Serena werden zum Vorspiel eingeladen und gewinnen ihre ersten Turniere. Doch Richard will die Kontrolle über das Schicksal seiner Kinder nur ungern abgeben und hat seine ganz eigenen Vorstellungen, mit denen er im Ballsport der reichen weißen Oberschicht aneckt. Reinaldo Marcus Green (»Joe Bell«) hat ein Herz für »King Richard« und dessen unerschütterlichen Glauben an den amerikanischen Traum. Die Botschaft mag einfach sein, Green transportiert sie aufrichtig und mit viel Humor. Will Smith glänzt mit der besten Leistung seiner Schauspielerkarriere und kann sich nach zwei Nominierungen Hoffnungen auf seinen ersten Oscar machen. Lars Tunçay

Der Mann, der seine Haut verkaufte

Der Mann, der seine Haut verkaufte

F/TUN/D/B/S 2020, R: Kaouther Ben Hania, D: Yahya Mahayni, Dea Liane, Koen De Bouw, 108 min

Sam Ali ist im Jahr 2011 in Syrien lautstark für Freiheit eingetreten und deshalb ins Fadenkreuz der Regierung geraten. Er flieht in den Libanon, seine Freundin Abeer nutzt die Bekanntschaft zu einem Diplomaten, um nach Belgien zu gelangen. Auch Sam hätte nun die Chance, ein Visum für Belgien zu erhalten, wenn er dem Künstler Jeffrey Godefroy als lebende Leinwand dient. Er lässt sich darauf ein und bekommt von Godefroy ein Schengen-Visum auf den Rücken tätowiert, ein politisches Statement, das in Europa schließlich das Interesse von Menschenrechtsverbänden, aber auch das von Kunstliebhabern weckt. Der zweite Langspielfilm der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde im vergangenen Jahr für den Auslands-Oscar nominiert und in Venedig ausgezeichnet. Er enthält einige wirklich starke Aussagen und Szenen, wenn er seinem Publikum vor Augen führt, was es bedeutet, »im richtigen Teil der Welt geboren« zu sein, oder dass Handelsobjekte in unserer Zeit viel freier in der Welt zirkulieren können als Menschen. Angelehnt ist die Geschichte an die Rückentätowierung des Künstlers Wim Delvoye (der hier einen kurzen Gastauftritt hat), dessen lebendes Objekt Tim im Jahr 2008 an einen Privatsammler verkauft wurde. Gegen Ende steigert sich die Filmhandlung zunehmend ins Absurde und kann das Niveau nicht immer halten. Was bleibt, ist ein wichtiges Statement zum Thema Unterdrückung. Frank Brenner

Drive My Car

Drive My Car

J 2021, R: Ryusuke Hamaguchi, D: Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, Masaki Okada, 179 min

Haruki Murakami ist ein meisterhafter Beobachter menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen. Seine Geschichten sind melancholisch, verschmitzt, erotisch und zutiefst menschlich. Immer wieder steht die Kunst selbst im Mittelpunkt der Handlung. Dabei ist es für Filmemacher oft schwer, die inneren Monologe und Reflexionen der Figuren in einem Drehbuch einzufangen. Bei Ryûsuke Hamaguchis »Drive My Car« läuft all das zusammen und vermischt sich zu einem traumgleichen Fluss. Basierend auf Murakamis gleichnamiger Kurzgeschichte erzählt das stille Drama von einer dysfunktionalen, aber liebevollen Beziehung, von Verlust und Neuanfang. Jede der Figuren in dem fast dreistündigen Kaleidoskop bringt ihre eigene Geschichte mit und ergänzt die der anderen. Nur in der Gemeinschaft gelingt es, über Traumata hinwegzukommen. Ruhig und ohne übermäßige emotionale Ausbrüche erzählt Hamaguchi die Geschichte von einem Theaterautor, dessen Schicksal sich im Werk von Tschechows »Onkel Wanja« spiegelt – ein Stück, das er in der Provinz Hiroshima inszenieren soll. Seine Frau, Drehbuchautorin beim Fernsehen, begleitet ihn mit ihrer Stimme. Liebe, Schmerz und Sehnsucht subsumieren sich in den Tagen am Meer. Eine meisterhafte Adaption von einem Filmemacher, den man sich merken sollte. Gelang Ryûsuke Hamaguchi doch das Kunststück, mit zwei wundervollen Filmen in diesem Jahr sowohl den Drehbuchpreis in Cannes als auch den Großen Preis der Jury bei der Berlinale zu gewinnen. Lars Tunçay

Annette

Annette

F/B/D/USA/K/MEX/CH 2021, R: Leos Carax, D: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg, 141 min

Erst vor wenigen Wochen erzählten die Brüder Ron und Russell Mael in Edgar Wrights virtuoser Bandbio »The Sparks Brothers« vom gescheiterten Traum, ein Musical für die Leinwand zu inszenieren. Nun ist dieser Traum Jahre später doch noch wahr geworden. Unter der Regie des französischen Exzentrikers Leos Carax (»Holy Motors«) entstand klassisches Musiktheater mit Gesang und Tanzeinlagen. Doch statt einer strahlenden Hollywood-Revue ist »Annette« vielmehr ein Abgesang aufs Showbiz. Die Liebenden im Mittelpunkt sind die Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und der Stand-up Comedian Henry (Adam Driver). Trotz des permanenten Scheinwerferlichts, das auf ihre Beziehung gerichtet ist, lieben sie sich und aus dieser Liebe entsteht ein Kind. Doch Annette ist kein gewöhnlicher Nachwuchs. Vielmehr kommt sie mit einem instinktiven Gesangstalent zur Welt, das die Aufmerksamkeit der Massen auf sie zieht und die Beziehung zwischen Ann und Henry auf die Probe stellt. Inmitten von aufwändigen Theaterkulissen spielt sich eine Tragödie ab. Die Inszenierung durchbricht dabei immer wieder die vierte Wand und zieht den Zuschauer in die Handlung. »Annette« eröffnete die Filmfestspiele in Cannes, wo er mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Doch die Welt der Sparks ist kein »La La Land«, vielmehr ist ihr Musical bewusst verstörend naiv erzählt und eindeutig Geschmacksache. Lars Tunçay

À la Carte - Freiheit geht durch den Magen

À la Carte - Freiheit geht durch den Magen

F 2021, R: Eric Besnard, D: Grégory Gadebois, Isabelle Carré, Benjamin Lavernhe, 113 min

Ausgerechnet ein Törtchen aus Kartoffeln serviert der ebenso geniale wie eigensinnige Manceron (magnifique: Grégory Gadebois), Küchenchef am Hof des Herzogs von Chamfort, zum großen Festbankett. Ein Essen für (allemannische) Schweine, da ist sich die dekadente Gesellschaft einig. Folge der Schmach: Manceron landet auf der Straße. Zusammen mit seinem Sohn Benjamin (wunderbar: Lorenzo Lefèbvre) quartiert er sich auf dem Bauernhof seines verstorbenen Vaters ein. Mitten im Nirgendwo muss der Maître nun ganz kleine Brötchen backen. Dann drängt sich dem Verstoßenen auch noch die resolute Louise (eine Wucht: Isabelle Carré) als Lehrling auf. Dabei haben Frauen zum Kochen nun wirklich kein Talent! Nicht die einzige verstaubte Vorstellung, von der Manceron sich bald verabschieden wird. Frankreich am Vorabend der Französischen Revolution: Beseelt vom Geist der Freiheit und Veränderung bewegt sich dieser Feelgood-Foodie-Film von Éric Besnard (»Birnenkuchen mit Lavendel«) fernab vom Einheitsbrei, den dieses Genre allzu oft auftischt. Markige Typen, überraschende Wendungen, herrlich trockener Humor, wunderschöne Kulissen und jede Menge Herz und Hirn – das sind die Zutaten dieses Geheimtipps für Fans der lockerleichten Kinoküche mit Substanz. Und das Essen? Rustikale Wald- und Wiesen-Cuisine mit Haltung und ohne Chichi, arrangiert in Tableaus, die zum Sattsehen einladen. Der Originaltitel bringt es am besten auf den Punkt: Délicieux! Karin Jirsak

Auf alles, was uns glücklich macht

Auf alles, was uns glücklich macht

IT 2020, R: R: Gabriele Muccino, D: D: Pierfrancesco Favino, Micaela Ramazzotti, Kim Rossi Stuart, 135 min

Anfang der 1980er Jahre werden die Teenager-Kumpel Giulio und Paolo bei einer Demonstration in Rom Zeuge davon, wie der gleichaltrige Riccardo verletzt wird. Sie bringen ihn in ein Krankenhaus. Es entsteht eine Freundschaft zwischen den dreien. Auch Gemma, in die Paolo sich unsterblich verliebt, stößt wenig später zu der Clique – ein Quartett, das jede Menge Veränderun¬gen erfahren wird und dessen Lebenswege sich immer wieder annähern, entfernen und kreuzen werden. Gabriele Muccino macht erneut das, was er am besten kann, und lie¬fert eine Tragikomödie ganz im Stile seines zwanzig Jahre alten Erfolgsfilms »Ein letzter Kuss« ab, in dem er einst ein emotionales Beziehungsgeflecht aufdröselte. Diesmal erzählt er in einer wesentlich größeren Zeit¬spanne. In vierzig Jahren lässt der Regisseur die italienische Geschichte des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts Revue passieren. In satten, warmen Farben, flankiert von je¬weils zur Ära passender Musik und vor his¬torischen Fixpunkten erschafft er eine nicht allzu tiefschürfende, aber unwiderstehliche Ode an die Freundschaft, an das Verrinnen der Zeit und das Leben, die mit Pierfran-cesco Favino, Kim Rossi Stuart, Claudio Santamaria und Micaela Ramazzotti perfekt besetzt ist. Dazu zitiert der Italiener große Vorbilder wie Ettore Scolas »Wir hatten uns so geliebt« oder Federico Fellinis »Das süße Leben« und variiert deren erzählerische An¬sätze ebenso beschwingt wie melancholisch für ein aktuelles Publikum. Peter Hoch

Zuhurs Töchter

Zuhurs Töchter

Samar und Lohan sind tolle Protagonistinnen für einen Dokumentarfilm. Sie funkeln und tragen mit ihrer Ausstrahlung jede Szene. Drei Jahre lang haben die Filmemacher Laurentia Genske und Robin Humboldt die syrischen Trans-Schwestern mit der Kamera begleitet. Einfühlsam erzählt ihr Film von den Konflikten in ihrem Leben, die zunehmen, je weiter sie sich ihrem eigentlichen Geschlecht annähern, auch körperlich zu Frauen werden. Vor allem ihre konservativen muslimischen Eltern haben große Schwierigkeiten mit den Veränderungen. In einer erschütternden Szene erklärt der Vater, dass seine Töchter in Syrien in Lebensgefahr schwebten. Die Verachtung anderer Familien für die beiden verfolgt ihn und seine Frau bis in die deutsche Geflüchtetenunterkunft am Rand von Stuttgart. Wie sie dennoch versuchen zu verstehen, was mit ihren Kindern geschieht, gehört zu den berührenden Stellen in Genskes und Humboldts Dokumentarfilm. Vielleicht gerade auch, weil hier nicht alles harmonisch aufgelöst wird. Weil offen bleibt, was für Eltern und Kinder unvereinbar ist: die Religion und der eigene Körper. Die Eltern können nicht anders, als die geschlechtsangleichende Operation ihrer Kinder als Sünde zu sehen. Gleichzeitig bedeutet das eben nicht, dass sie aufhören, mit Samar und Lohan zu reden. Visuell konventionell inszeniert, liefert »Zuhurs Töchter« auf inhaltlicher Ebene wichtige Denkanstöße. Josef Braun

Hope

Hope

SW/NOR 2019, R: Maria Sødahl, D: Andrea Braein Hovig, Stellan Skarsgård, Elli Rhiannon Müller Osbourne, 126 min

Nach vielen entbehrungsreichen Jahren ist Anja endlich dort angekommen, wo sie hinwollte. Ihre Tanzinszenierung feiert eine umjubelte Premiere, ein Jahr nachdem der Lungenkrebs sie aufzufressen drohte. Das jüngste ihrer drei Kinder ist zehn, die Kinder ihres Lebensgefährten Tomas haben sie akzeptiert, die Partnerschaft mit dem angesehenen Regisseur ist geprägt von gegenseitigem Respekt – es herrscht scheinbar Harmonie im Haus, so kurz vor Weihnachten. Doch dann bricht eine erschütternde Diagnose in ihr Leben: Der Krebs hat gestreut, ihr bleiben nur noch wenige Monate. Wie soll sie damit umgehen? Es den Kindern sagen, so kurz vor dem Weihnachtsfest, oder lieber schweigen? Soll sie aufgeben und die letzten Tage genießen oder den vielleicht aussichtslosen Kampf aufnehmen? Diesen Fragen sah sich auch Regisseurin Maria Sødahl ausgesetzt. In »Hope« erzählt sie ihre Geschichte. Dass sie überlebt hat, nimmt allerdings weniger das Ende ihres erschütternden Dramas vorweg. Sie schildert vielmehr, welchen Preis die Krankheit ihr und ihrer Familie abverlangte. Der Hirntumor hat direkte Auswirkungen auf ihr Verhalten, die Medikamente tun ihr Übriges, der Schlafentzug droht Anja endgültig zu zermürben. Über allem schwebt die Angst des nahenden Abschieds von denen, die sie liebt. Ein emotionales, essenzielles Drama, getragen von den großartigen Leistungen der Norwegerin Andrea Bræin Hovig und des Schweden Stellan Skarsgård. Lars Tunçay

First Cow

First Cow

USA 2020, R: Kelly Reichardt, D: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, 122 min

Es gefällt Kelly Reichardt wahrlich nicht, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Wer auf »First Cow« beim Kramen in der Westernschublade stößt, bekommt sicherlich nicht das, wonach er sucht – mit Sicherheit aber wesentlich mehr. Das deutet sich schon beim Prolog an, beginnt ihr Film doch in der Gegenwart, wo eine Frau beim Spaziergang mit ihrem Hund auf die Gerippe zweier Menschen stößt. Die Erzählung geht zurück in die Zeit der Pioniere, die das Land erschlossen und an vereinzelten Orten Handel trieben, aus denen einmal Städte entstehen sollten. Doch noch ist das Ziel von Cookie und King Lu im Staate Oregon nur eine Ansammlung von Matsch und Hütten. Die beiden Einzelgänger freunden sich an und träumen davon, ihr eigenes Geschäft aufzumachen. Mit Cookies Backkünsten und King Lus Geschäftssinn und der Ankunft der ersten Kuh in Oregon bauen sie sich schon bald ein florierendes Geschäft auf, das auch die Aufmerksamkeit des Chief Factor erregt, den der Geschmack der Backwaren an das heimische Königreich erinnert. Das Problem ist nur, dass die Kuh eigentlich ihm gehört und er nichts davon ahnt, dass Cookie und King Lu nachts auf seine Weide schleichen. Mit dem klassischen Western hat »First Cow« wahrlich nur das Setting gemein. Reichardts Film erzählt die Geschichte von einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die in die falsche Zeit hineingeboren wurden, ruhig, einfühlsam und stets überraschend. Lars Tunçay

Ammonite

Ammonite

GB 2020, R: Francis Lee, D: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, 120 min

Die Wellen peitschen an die kalkweißen Klippen in Dorset in den 1840ern. Die raue Küste im Südwesten Englands hat Mary Anning geprägt. Tagsüber streift die verschlossene Frau den Strand entlang auf der Suche nach Fossilien. Abends kümmert sie sich um ihre betagte Mutter. Ihre Fundstücke ermöglichen den beiden ein kärgliches Auskommen. Während sie sich vor den wohlhabenden Frauen im Ort versteckt, werden ihre prähistorischen Fundstücke im British Museum in London zur Schau gestellt. Doch die Lorbeeren ernten andere. Ihr Leben ändert sich, als der Geschäftsmann Roderick Murchison sie aufsucht und sie bittet, sich um seine Gemahlin Charlotte zu kümmern. Die schüchterne junge Frau leidet unter Depressionen. Die Seeluft soll ihr guttun. Und tatsächlich setzt die Begegnung der beiden Frauen Gefühle frei, deren sie sich bald nicht mehr erwehren können. Bereits in seinem vielfach preisgekrönten Film »God’s Own Country« erzählte Regisseur Francis Lee von einer unverhofften homosexuellen Liebe. Für seinen zweiten Langfilm kann er auf zwei Charakterdarstellerinnen bauen: Kate Winslet spielt die Forscherin mit Zurückhaltung und Würde, Saoirse Ronan entwickelt Charlotte vom leblosen Anhängsel zu einer strahlenden, selbstbewussten Frau. Nicht zuletzt rückt Lee auch eine einflussreiche Paläontologin in den Fokus, die bis heute weitgehend auf ihre Rolle als Inspirationsquelle für einen englischen Zungenbrecher reduziert ist (»She sells seashells by the sea shore«). Lars Tunçay

Bergman Island

Bergman Island

F/B/D/SW 2021, R: Mia Hansen-Løve, D: Vicky Krieps, Tim Roth, Mia Wasikowska, 112 min

Mia Hansen-Løves Filme werfen stets einen persönlichen Blick auf die Geschichte. Sei es die Entstehung der French-House-Szene in den frühen Neunzigern mit dem Blick ihres Bruders in »Eden« oder der Verlust der Mutter in »Alles was kommt«. Ihr neues Werk »Bergman Island« geht noch einen Schritt weiter. Die Französin, die mit dem deutlich älteren Filmemacher Olivier Assayas (»Personal Shopper«) verheiratet ist, erzählt von der Beziehung der jungen Autorin Chris und des deutlich älteren Regisseurs Tony, die gemeinsam auf die Insel Fårö reisen. Das entlegene Eiland, das auch Hansen-Løve und Assayas oft bereisten, war die Wirkungsstätte Ingmar Bergmans und ist heute Pilgerstätte unzähliger Bergman-Fans. Chris und Tony sind Künstler und der Neid auf den Erfolg des anderen lässt sich in einer solchen Beziehung wohl nie ganz ausblenden. Während Tony die idyllische Natur kreativ beflügelt, steckt Chris in ihrer Handlung fest. Die Realitätsebenen zerfließen und über allem schwebt der Geist von Bergman. Man muss sein Werk nicht kennen, aber es hilft, um sich Mia Hansen-Løves Film zu erschließen. Schicht um Schicht verdichtet sie fast unbemerkt ihren Plot, der einem eigentümlichen Rhythmus folgt. Nicht zuletzt ist »Bergman Island« auch ein Film über das Filmemachen, oszillierend zwischen Wahrheit und Fiktion und wunderbar getragen von Vicky Krieps (»Der seidene Faden«) und Tim Roth. Lars Tunçay

Das Land meines Vaters

Das Land meines Vaters

F/B 2019, R: Edouard Bergeon, D: Guillaume Canet, Veerle Baetens, Anthony Bajon, 104 min

Pierre ist 25, als er aus Wyoming zurück nach Frankreich kommt, um den Hof des Vaters zu übernehmen. Er möchte sich eine Zukunft mit Claire aufbauen, doch von seinem Vater wird ihm nichts geschenkt. Selbst nachdem er das Gehöft erworben hat, gehört es nicht ihm. Monatlich drückt er eine Pacht an den Vater ab. Auch wenn das Geld knapp ist, setzt der Alte die Forderungen nicht aus. Und das ist es meistens, denn um mithalten zu können, muss Pierre investieren – und um zu investieren, muss er immer höhere Kredite aufnehmen. Ein Teufelskreis, der den Familienvater 17 Jahre später immer tiefer in einen Abwärtsstrudel zieht, unter dem auch seine Frau und die Kinder zu leiden haben. »Das Land meines Vaters« ist ein zutiefst persönlicher Film. Regisseur Edouard Bergeon erzählt darin schonungslos die Geschichte seiner eigenen Familie. Mit Charakterdarsteller Guillaume Canet (»Liebe mich, wenn du dich traust«) und der starken Veerle Baetens (»The Broken Circle Breakdown«) exzellent besetzt, schildert sein mitreißendes Spielfilmdebüt ein stellvertretendes Schicksal hinter den immer wiederkehrenden Protesten der französischen Bauern. Bergeons Film zeigt eine schwerwiegende, lang anhaltende Krise der französischen Agrarwirtschaft auf. Ein schmerzhaftes Mahnmal für die Tatsache, dass sich in Frankreich jeden Tag ein Landwirt das Leben nimmt, weil er keinen Ausweg mehr sieht. Lars Tunçay

Große Freiheit

Große Freiheit

D/A 2021, R: Sebastian Meise, D: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, 116 min

Hans Hoffmann sucht immer wieder öffentliche Toiletten auf, um sich mit anderen Männern zum Sex zu treffen. Im Jahr 1968 ist das unter Strafe verboten und geheime Überwachungsaufnahmen davon dienen der Staatsanwaltschaft als Beweis für eine neuerliche Anklage Hoffmanns. Denn der war zuvor schon während der Nazi-Herrschaft aufgrund von Paragraph 175 zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, die er auch nach dem Einmarsch der Alliierten und seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager noch in einem regulären Gefängnis absitzen musste. Trotz der erniedrigenden Behandlung im Knast knüpft Hoffmann dort auch echte Freundschaften. Sebastian Meise (»Outing«) nimmt sich in seinem Film der Ungerechtigkeiten in der Wirtschaftswunder-BRD gegen homosexuelle Männer an. In dem intensiven Charakterporträt wird den Zuschauern die bedrückende Atmosphäre und unmenschliche Behandlung in deutschen Gefängnissen eindringlich vor Augen geführt. Die Handlung springt zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her, um so Parallelen deutlich zu machen. Neben zahlreichen bedrückenden Szenen bleibt in »Große Freiheit« auch Zeit für eine poetische Liebesgeschichte, die sowohl an Wolfgang Petersens bekannten Fernsehfilm »Die Konsequenz« als auch an einige klassische Arbeiten Rainer Werner Fassbinders erinnert. Dafür gab es den Großen Preis der Jury in der renommierten Cannes-Reihe »Un Certain Regard«. Frank Brenner

Lieber Thomas

Lieber Thomas

D 2021, R: Andreas Kleinert, D: Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, 157 min

Die Kindheit von Thomas Brasch ist wohlbehütet. Als Sohn eines DDR-Funktionärs fehlt es ihm an nichts – außer an der Liebe des Vaters. Die Rebellion gegen die vorherrschenden Zustände treibt ihn in den Kampf, sein Schwert ist das Wort. Der junge Brasch eckt an. Demonstriert gegen Vietnam und das System. Den sozialistischen Gedanken hält er hoch, nur die Freiheit fehlt. Als er Flugblätter gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag verteilt, wird er vom Vater verraten. Thomas landet im Gefängnis. Aber auch das kann ihn nicht aufhalten. 1976 wird er schließlich aus der DDR geworfen und macht Karriere im Westen. Regisseur Andreas Kleinert lehnt seinen Film an die Biografie Braschs an, die Figuren und privaten Geschehnisse sind jedoch fiktional. Er fokussiert den Blick auf die Psyche des Autors. Mit zunehmendem Drogenkonsum in seiner orientierungslosen Phase in New York, wo er als vielversprechender Autor gefeiert wird, aber immer mehr den Halt verliert, nehmen Traumsequenzen überhand, die auch dem Zuschauer die Orientierung rauben. Kleinert, der an der Filmuni Babelsberg lehrt und dessen Filme (»Freischwimmer«, »Hedda«) rar gesät sind, widmet dem Querulanten Brasch einen unbequemen Film, fast dreistündig und in Schwarz-Weiß gedreht. Seine Biografie wird von einem unbarmherzigen Rhythmus getrieben, und einem furchtlosen Hauptdarsteller: Albrecht Schuch beweist hier erneut eindrucksvoll, dass er zu den besten Schauspielern des deutschen Kinos zählt. Lars Tunçay

The Great Green Wall

The Great Green Wall

Grüne Hoffnung

Dok

GB 2019, R: Jared P. Scott Die Sahelzone erstreckt sich als natürliche Grenze zwischen der Sahara und der Feuchtsavanne. Dabei durchquert sie zahlreiche Länder Afrikas. 80 Prozent der Bevölkerung in der Region leben von der Landwirtschaft. Doch die Klimaerwärmung sorgt zunehmend für Naturkatastrophen und Dürre. Die Perspektivlosigkeit der Bevölkerung resultiert in Radikalisierung und Fluchtbewegung. Die »Great Green Wall« will eine Perspektive schaffen. Ein Mosaik aus Grünflächen entsteht, das sich wie ein grünes Band durch die Länder der Sahelzone zieht, ein 8.000 Kilometer langer Gürtel, der die Westküste Afrikas mit der Ostküste verbindet. Ein Band der Hoffnung für Millionen Menschen. In seinem Dokumentarfilm begleitet Regisseur Jared P. Scott die charismatische Sängerin Inna Modja auf ihrer Reise entlang der »Grünen Mauer«. Die malische Musikerin reist zu den Menschen im Senegal, in Nigeria und Äthiopien. Sie spricht mit ihnen über ihre Ängste, Träume und Hoffnungen in der Sprache, die schon immer die afrikanische Kultur bestimmt hat: der Musik. Scotts Film, produziert von Fernando Meirelles (»City of God«), gelingt es, in 90 Minuten viele Themen anzusprechen, ohne dass er überladen wirkt. Wie sich Scott informativ und kreativ mit dem Thema auseinandersetzt, ist absolut sehenswert. Lars Tunçay

Königreich derBären

Königreich derBären

Fabelhaft

F/I 2019 R: Lorenzo Mattotti Als der Gaukler Gédéone und seine junge Gehilfin Almerina in einer Höhle Zuflucht vor einem Schneesturm suchen, schrecken sie einen großen Bären auf. Um ihn bei Laune zu halten, erzählen sie ihm die Geschichte des Bärenkönigs Leonzio. Friedlich lebt der mit seinem Volk in den Bergen Siziliens, bis sein Sohn eines Tages ins Tal der Menschen verschleppt wird. Eine verspätete Befreiungsmission führt nach einigen Kämpfen, Irrungen und Wirrungen schließlich dazu, dass Leonzio zum König beider Völker – Bären und Menschen – wird. Der plötzlich sprechende Höhlenbär hat diesem Happy End jedoch noch ein überraschendes Kapitel hinzuzufügen. Das 1945 von Dino Buzzati verfasste und illustrierte Kinderbuch »Wie die Bären einst Sizilien eroberten« ist in Italien ein bekannter Klassiker. Für seinen ersten Animationsspielfilm hat der preisgekrönte Comiczeichner Lorenzo Mattotti die parabelhafte Fabel visuell erfreulich nah an der Vorlage umgesetzt, dazu aber auch hübsche Referenzen auf die italienische Kunst und sein eigenes Schaffen eingestreut. Für Kinder ist das Ergebnis ein märchenhaft-spannendes Abenteuer, für die Erwachsenen gibt es zwischen den Zeilen noch einiges mehr zu entdecken. Peter Hoch

Carmilla

Carmilla

Die neue Freundin

GB 2018, R: Emily Hais, D: Hannah Rae, Devim Linnau, Jessica Raine Lara steht an der Schwelle zum Erwachsensein und freut sich auf den Besuch ihrer Brieffreundin, wodurch die öden Tage mit ihrer gestrengen Gouvernante bald mehr Abwechslung bekommen dürften. Doch der Besuch wird abgesagt, stattdessen verunglückt nahe dem Anwesen kurze Zeit darauf eine Kutsche, in der sich ein hübsches Mädchen befindet. Da es sich nicht an seine Vergangenheit zu erinnern scheint, wird es von Lara Carmilla benannt. Die beiden ungefähr gleich alten jungen Frauen werden schnell zu besten Freundinnen, aber die Gouvernante ahnt, dass mit der Unbekannten etwas nicht stimmt. Emily Harris’ Film basiert auf Sheridan Le Fanus klassischer Vampirgeschichte »Carmilla«, die schon oft verfilmt wurde, aber nie die gleiche Bekanntheit wie Bram Stokers »Dracula« erlangte, der viele Ideen von Le Fanu übernommen hat. Harris’ bedächtig entwickelter Film schwelgt in exquisiten Bildern und reduziert den Horror der Vorlage auf ein Minimum, lässt diesen hauptsächlich in Traumsequenzen Gestalt annehmen. Stattdessen entfaltet die Regisseurin eine interessante Mischung aus stilvollem Kostümdrama, subtiler Coming-of-Age-Geschichte und stimmigem Psychogrusel. Frank Brenner

Kokon

Kokon

Erwachsenwerden

D 2020, R: Leonie Krippendorf, D: Lena Urzendowsky, Lena Klenke, Jella Haase Wenn Jule und ihre Freundinnen auf dem Balkon kiffen, mit den Jungs in der Shisha-Bar abhängen oder im Freibad ihre Körper präsentieren, ist Nora immer dabei. In den Augen der pubertierenden Mädels ist Jules kleine Schwester ein Anhängsel. Durch Noras Augen betrachtet, ist vieles neu und unverständlich. Mit der ersten Periode kommen die ersten Gefühle und die sind ausgerechnet bei der älteren Romy am stärksten. Ein Jahrhundertsommer in Berlin, bei dem die Hormone verrückt spielen. Mit einer Gruppe junger Erwachsener drehte Leonie Krippendorf wie bereits bei ihrem Erstling »Looping« eine authentische Geschichte vom Erwachsenwerden. Die Kamera von Martin Neumeyer (»Maybe Baby«) ist ganz nah dran an den Jugendlichen, die Sprache frei und unverfälscht – und dadurch bisweilen im Kreis der Clique schwer zu verstehen. Ihre Hauptdarstellerin Lena Urzendowsky verkörpert die Wandlung vom Mädchen zur jungen Frau absolut überzeugend. Ebenso stark sind Lena Klenke und Jella Haase, die sich endgültig von »Fack ju Göthe« verabschiedet haben. Mitunter wirken die Motive recht vordergründig, die Schmetterlings-Metapher allzu offensichtlich. Am stärksten ist »Kokon«, wenn er einfach nur beobachtet, wie Jugendliche jung sind. Lars Tunçay

Futur Drei

Futur Drei

D 2020, R: Faraz Shariat, D: Benny Radjaipour, Eidin Jalali, Banafshe Hourmazdi, 92 min

D 2020, R: Faraz Shariat, D: Benny Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali Groß war die Begeisterung auf der letztjährigen Berlinale für »Futur Drei«. Regisseur Faraz Shariat offenbart einen frischen Blick, einen Film, der Spaß macht und trotzdem ernste Themen anspricht und – was immer noch viel zu selten ist – seine Geschichte aus der Perspektive von Figuren mit Migrationshintergrund erzählt. Seinem Helden Parvis fehlt es an nichts. Der Sohn iranischer Einwanderer lebt ein sicheres Leben in Deutschland, wo der junge Mann auch seine Homosexualität offen ausleben kann. Doch er hat Mist gebaut und muss nun Sozialstunden in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber ableisten. Dort trifft er auf die iranischen Geschwister Banafshe und Amon und verbringt mit ihnen einen unbeschwerten Sommer in Berlin. Shariat fängt in seinem autobiografisch geprägten Debüt das Gefühl, jung zu sein, in warmen Bildern ein, erzählt aber auch einfühlsam von Flucht und Ausgrenzung. Für viele deutsche Produzenten ist das zu freizügig und ehrlich erzählt. Deshalb produzierte Shariat, der als Videoregisseur Erfahrungen sammelte, seinen Film mit Hilfe vieler Freunde selbst. So entstand nicht nur einer der aufregendsten deutschen Filme des vergangenen Jahres, sondern auch eine vielversprechende Stimme im deutschen Kino. Lars Tunçay

The 800

The 800

Überlebenskampf

CHN 2020 R: Hu Guan, D: Zhi-zhong Huang, Zhang Junyi, Hao Ou Mitte 1937 beginnt aus asiatischer Sicht der Zweite Weltkrieg, als die japanische Armee Teile des östlichen Chinas erobert. Als die Metropole Shanghai kurz vor dem Fall steht, wird von oberster Stelle angeordnet, ein Regiment zur Verteidigung eines strategisch bedeutsamen Lagerhauses am Suzhou-Fluss zurückzulassen – zur Sicherung des Abzugs der verbleibenden Truppen und vor den Augen der Welt, die dem sich abzeichnenden Gemetzel von der sicheren, gegenüberliegenden britischen Konzession aus beiwohnen kann. Knapp 100 Jahre später, im Coronajahr 2020, avancierte Regisseur Guan Hus bildgewaltige zweieinhalbstündige Aufbereitung der Schlacht durch die in Amerika und Europa weitgehend geschlossenen, in China im Sommer aber wieder geöffneten Kinos zum erfolgreichsten Film weltweit. Hinter neueren Hollywood-Genrevertretern wie »Dunkirk« oder »Herz aus Stahl« muss das Werk sich weder in technischer noch inhaltlicher Hinsicht verstecken. Hier wie dort sind Einzelschicksale weitestgehend irrelevant und gehen die kaum auseinanderzuhaltenden Figuren buchstäblich in Uniformen, Staub und Tod unter. Gleichzeitig schockiert das gezeigte grauenhafte Ganze wahlweise durch propagandistischen Subtext oder gewaltvolle Intensität. Peter Hoch