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Rezensionen

One To One: John & Yoko

One To One: John & Yoko

GB 2024, Dok, R: Kevin Macdonald, 100 min

1972 war ein Jahr des Umbruchs in den Vereinigten Staaten. Die politische Stimmung war auf dem Siedepunkt. Der Protest entlud sich auf der Straße in blutigen Schlachten zwischen der Polizei und Demonstrierenden. Die Politik von Präsident Richard Nixon wurde zunehmend radikaler, die Musik von John Lennon immer politischer. Nach der Trennung der Beatles im Jahr 1970 war Lennon die vielleicht prominenteste Person auf dem Planeten. Die Stimmung in England wurde zunehmend feindseliger. Er floh mit Yoko Ono nach New York und veröffentliche mit »Some Time in New York City« ein Album mit Protestsongs, trat für Frauenrechte ein, gegen Rassismus und den Krieg in Vietnam. Diese Zeit in der Zwei-Zimmer-Wohnung in Greenwich Village veränderte die Sicht des Musikers. Sie mündete im Auftritt beim »One to One«-Benefizkonzert im Madison Square Garden am 30. August 1972. Der schottische Filmemacher Kevin Macdonald (»Der letzte König von Schottland«) förderte bisher ungesehenes Material aus den Archiven, kombinierte private Videos und Mitschnitte der Telefonate, in denen John und Yoko Mitstreiter mobilisieren und ihre Aktionen koordinieren, mit Werbeclips und Nachrichtenmeldungen – ohne unnötigen Kommentar oder Betrachtungen aus der Gegenwart. Für 100 Minuten macht »One to One: John & Yoko« die Stimmung jener Zeit spürbar. Mit der exzellenten Montage von Sam Rice-Edwards entsteht ein Flow und die Vergangenheit wird lebendig. Ergänzt wird das Material mit besonderen Momenten des Konzerts. Es sollte die einzige Live-Show von John und Yoko bleiben. Lars Tunçay

Die Bonnards – malen und lieben

Die Bonnards – malen und lieben

F/B 2023, R: Martin Provost, D: Cécile de France, Vincent Macaigne, Stacy Martin, 122 min

Auf über 140 Bildern und 700 Zeichnungen ist sie angezogen oder nackt zu sehen, die Muse seines Lebens: Marthe de Méligny (1869–1942). Als Pierre Bonnard (1867–1947) ihr zum ersten Mal begegnet, ist sie zunächst nur eine von vielen jungen, hübschen Frauen, die für den aufstrebenden Maler Modell stehen. Doch zwischen den beiden entwickelt sich eine stürmische Liebesbeziehung, die der Regisseur Martin Provost (»Séraphine«) über vier Jahrzehnte hinweg erzählt. Pierre lässt auch im Laufe ihrer Beziehung nicht von anderen Frauen ab. Die resolute Marthe leidet zunächst darunter, findet dann aber ihren eigenen Weg, sich mit der Situation zu arrangieren. Provost zeigt sie auch als eigenständige Künstlerin, deren Bilder stets im Schatten der Arbeiten ihres Mannes standen. Cécile de France und Vincent Macaigne spielen die komplizierte Beziehung mit Leidenschaft. »Die Bonnards« ist die Geschichte einer großen Liebe, die bei allen Zerwürfnissen im Zentrum ihrer gemeinsamen Geschichte steht. Guillaume Schiffman, Oscar-nominiert für seine kunstvollen Schwarzweiß-Aufnahmen in »The Artist«, fasst die Chronik einer Liebe in die kräftigen, farbenprächtigen Bilder des Sommers, untermalt von der wundervollen Musik des amerikanischen Komponisten Michael Galasso, dessen Musik schon den Filmen von Wong Kar-Wai (»In the Mood for Love«) Stil verlieh. Lars Tunçay

Das Fest geht weiter

Das Fest geht weiter

F/I 2023, R: Robert Guédiguian, D: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Lola Naymark, 106 min

Die Stadt Marseille wird von einer großen Tragödie erschüttert: Zwei baufällige Häuser stürzen ein, acht Menschen kommen dabei ums Leben. Es ist ein reales Unglück aus dem Jahr 2018, das der französische Autor und Regisseur Robert Guédiguian als Ausgangslage für seinen neuen Spielfilm »Das Fest geht weiter!« benutzt. Anhand einer fiktiven Familie, deren Dreh- und Angelpunkt Krankenschwester und Kommunalpolitikerin Rosa ist, zeichnet er ein vielfältiges Bild der Bürgerschaft Marseilles. So engagiert sich besonders ihre Schwiegertochter in spe Alice nach dem Einsturz für die Umsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner baufälliger Häuser, von denen es mehr als genug in ihrem Stadtteil gibt. Währenddessen überlegen Rosas erwachsene Söhne Minas und Sarkis, wie sie ihren armenischen Wurzeln gerecht werden können, während das Land vom Krieg erschüttert wird. Zudem taucht auch noch Henri auf, Alices Vater, der seine Buchhandlung aufgegeben hat, und nun mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen möchte. Selbst in Marseille geboren, reißt Guédiguian zahlreiche Themen an, persönliche und politische, versteht sich als Vertreter des Agitprop, und bedient sich im Film unterschiedlichster Stilmittel – vom inneren Monolog bis zu literarischen Zitaten. In diesem Potpourri aus gewichtigen Botschaften und Familiendramen bleibt die tiefere Beschäftigung mit den einzelnen Schicksalen aber leider zu oft auf der Strecke. Hanne Biermann

Chaos und Stille

Chaos und Stille

D 2025, R: Anatol Schuster, D: Sabine Timoteo, Anton von Lucke, Maria Spanring, 83 min

Dirigent Jean und Pianistin Helena leben für Noten und Töne – und ihr neugeborenes Baby. Finanziell sind eher Molltöne angesagt. Ihrer Vermieterin Klara hingegen geht es derartig gut (oder schlecht), dass sie dem idealistischen Paar plötzlich die Miete erlässt, ihre Sachen verschenkt, das sechsstellig gefüllte Konto auflöst und kurzerhand aufs Dach zieht. Psychotische Phase, spirituelle Einkehr oder einfach nur Flucht nach oben? Währenddessen geht es weiter bergab mit dem Musikerpaar: Sie kämpft mit ihren Erwartungen und denen ihrer Eltern, bei seinen Konzerten bleiben zu viele Sitze leer, seine Stelle fällt in der nächsten Spielzeit weg. Schließlich scharen sich die Jünger um Klara, deren Abkehr von der konsumfixierten Mainstream-Gesellschaft als Trend gehypt wird, ehe auch Gegner und Psychiater auflaufen. Kommt es zum großen Paukenschlag – oder eher zum Piepen? Die Musik spielt nicht nur thematisch die erste Geige, sondern wird auch teils experimentell oder konträr auf die fein komponierten Bilder gestreut. Anatol Schusters Film wirkt teilweise eher wie eine Meditation über Akustik, Sinn und den Wert von Mensch und Ding. Diese freie Komposition reißt viele Themen und Szenen an, mäandert aber auch etwas zwischen pseudointellektuellen Weisheiten und einem althergebrachten Aussteiger-Narrativ, dem kaum eine neue Note entlockt wird. Markus Gärtner

Black Tea

Black Tea

F/LUX/TZ 2023, R: Abderrahmane Sissako, D: Nina Melo, Han Chang, Ke-Xi Wu, 110 min

Der Kontrast könnte kaum größer sein. »Timbuktu«, der letzte Film des mauretanischen Regisseurs Abderrahmane Sissako erzählte von islamistischem Terror, Zwangsehen und Ganzkörperschleiern. Danach herrschte beinahe zehn Jahre Pause. Nun ist Sissako zurück und hat einen Liebesfilm gedreht. »Black Tea« beginnt mit einer Hochzeitszeremonie. Auf der soll Yea verheiratet werden. Doch sie will nicht. In allerletzter Sekunde gibt sie ihr altes Leben an der Elfenbeinküste auf und zieht allein nach Guangzhou. Die chinesische Stadt hat eine große afrikanische Diaspora. Tag und Nacht verkaufen Händlerinnen und Händler dort ihre Waren an Kundschaft aus aller Welt. Sissako hält die kleinen Alltagsszenen fest: chinesische Ladenbesitzer, die mit afrikanischen Geschäftsmännern um Spitzenunterwäsche, Reisekoffer oder Teppiche feilschen. Frauen in einem Friseursalon. Polizisten auf nächtlichem Rundgang. Vieles erinnert an Wong Kar Wais »In the Mood for Love«. Wie in dessen Klassiker scheinen auch hier die Figuren in ihrer Langsamkeit der Zeit enthoben. Ein Eindruck, der durch geschickte Kameraarbeit und den gezielten Einsatz von Farbe und Beleuchtung verstärkt wird. In dieser Welt, in der alles durchzogen ist von Sehnsucht und Melancholie, lernt Yea den Teeladenbesitzer Caï kennen. Die beiden verlieben sich. Zwei verlorene, von ihrer Vergangenheit gepeinigte und trotzdem lebensbejahende Seelen. Es ist lange her, dass unsere globalisierte Welt so schön aussah. Josef Braun

Oslo Stories: Sehnsucht

Oslo Stories: Sehnsucht

NOR 2024, R: Dag Johan Haugerud, D: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, 118 min

Drei Filme, drei Geschichten, eine Stadt: Der norwegische Autor und Regisseur Dag Johan Haugerud inszenierte im vergangenen Jahr gleich drei Filme in seiner Heimatstadt Oslo. Überschrieben mit »Liebe«, »Träume« und »Sehnsucht« haben die Filme augenscheinlich zunächst nur den Ort der Handlung gemeinsam. Beim näheren Betrachten offenbaren aber all ihre Figuren Träume und Sehnsüchte unterschiedlicher Formen der Liebe. »Liebe« (kreuzer 4/2025) schildert die Suche nach Nähe und das Ausleben sexueller Bedürfnisse auf einem Fährschiff. »Sehnsucht«, der im Original eigentlich den Titel »Sex« trägt, begleitet zwei Schornsteinfeger auf ihrer Selbstfindung zwischen den Geschlechtern. Die Freunde sind glücklich verheiratete Familienväter. Den einen wirft ein immer wiederkehrender Traum aus der alltäglichen Bahn. Darin trifft er David Bowie, der ihn auf eine Weise betrachtet, als würde er in ihm eine Frau sehen. Sein Kollege wiederum hat eine Begegnung mit einem attraktiven schwulen Mann, der ihm offen Sex anbietet. Zunächst lehnt er ab, kehrt dann aber doch in die Wohnung des Mannes zurück und lässt sich verführen. Für beide Männer gerät nach diesen Ereignissen das Leben, wie sie es bisher kannten und gerne geführt haben, aus den Fugen. In »Träume« wird das Leben der Teenagerin Johanne durch die Begegnung mit ihrer neuen Lehrerin Johanna auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal ist Johanne verliebt und malt sich in ihren Träumen aus, wie es ist, mit Johanna zusammen zu leben. Ihre Wünsche und Sehnsüchte schreibt sie nieder, um sie begreifen zu können. Ein Jahr später ringt Johanne immer noch mit der unerwiderten Liebe und gibt die Erinnerungen ihrer Großmutter preis. Obwohl sie verspricht, sie für sich zu behalten, reicht sie den Text an Johannes Mutter weiter. Die unverblümten Worte und Gefühle lassen diese verwirrt zurück. Zunächst ist da die Angst, Johanne könnte missbraucht worden sein. Die ehrliche Schilderung bewegt aber auch etwas in ihr und stellt ihre Tochter zur Rede LARS TUNÇAY

Oslo Stories: Träume

Oslo Stories: Träume

NOR 2024, R: Dag Johan Haugerud, D: Ella Øverbye, Ane Dahl Torp, Selome Emnetu, 110 min

Drei Filme, drei Geschichten, eine Stadt: Der norwegische Autor und Regisseur Dag Johan Haugerud inszenierte im vergangenen Jahr gleich drei Filme in seiner Heimatstadt Oslo. Überschrieben mit »Liebe«, »Träume« und »Sehnsucht« haben die Filme augenscheinlich zunächst nur den Ort der Handlung gemeinsam. Beim näheren Betrachten offenbaren aber all ihre Figuren Träume und Sehnsüchte unterschiedlicher Formen der Liebe. »Liebe« (kreuzer 4/2025) schildert die Suche nach Nähe und das Ausleben sexueller Bedürfnisse auf einem Fährschiff. »Sehnsucht«, der im Original eigentlich den Titel »Sex« trägt, begleitet zwei Schornsteinfeger auf ihrer Selbstfindung zwischen den Geschlechtern. Die Freunde sind glücklich verheiratete Familienväter. Den einen wirft ein immer wiederkehrender Traum aus der alltäglichen Bahn. Darin trifft er David Bowie, der ihn auf eine Weise betrachtet, als würde er in ihm eine Frau sehen. Sein Kollege wiederum hat eine Begegnung mit einem attraktiven schwulen Mann, der ihm offen Sex anbietet. Zunächst lehnt er ab, kehrt dann aber doch in die Wohnung des Mannes zurück und lässt sich verführen. Für beide Männer gerät nach diesen Ereignissen das Leben, wie sie es bisher kannten und gerne geführt haben, aus den Fugen. In »Träume« wird das Leben der Teenagerin Johanne durch die Begegnung mit ihrer neuen Lehrerin Johanna auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal ist Johanne verliebt und malt sich in ihren Träumen aus, wie es ist, mit Johanna zusammen zu leben. Ihre Wünsche und Sehnsüchte schreibt sie nieder, um sie begreifen zu können. Ein Jahr später ringt Johanne immer noch mit der unerwiderten Liebe und gibt die Erinnerungen ihrer Großmutter preis. Obwohl sie verspricht, sie für sich zu behalten, reicht sie den Text an Johannes Mutter weiter. Die unverblümten Worte und Gefühle lassen diese verwirrt zurück. Zunächst ist da die Angst, Johanne könnte missbraucht worden sein. Die ehrliche Schilderung bewegt aber auch etwas in ihr – sie stellt ihre Tochter zur Re LARS TUNÇAY

Monsieur Aznavour

Monsieur Aznavour

F 2024, R: Grand Corps Malade, Mehdi Idir, D: Tahar Rahim, Bastien Bouillon, Marie-Julie Baup, 133 min

Charles Aznavour gilt bis heute als Musterbeispiel eines französischen Chansonniers. Darüber hinaus hat er als Schauspieler in zahlreichen Filmen mitgewirkt. Doch der Beginn seiner Karriere war mühsam, wie das Biopic »Monsieur Aznavour« nun eindrucksvoll zeigt. Als Kind armenischer Einwanderer wächst er in Frankreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, wo er immer wieder mit Rassismus und Ausgrenzung zu kämpfen hat. Erst als Edith Piaf auf den Mann mit der Reibeisenstimme aufmerksam wird, ändert sich sein Schicksal. Während der Film bis zu diesem Punkt stringent die Lebensgeschichte des Sängers erzählt, lässt die zweite Stunde sein Leben fast im Schnelldurchlauf vorbeiziehen. Seine Ehefrauen, Kinder und Weggefährten finden in der gesamten Erzählung nur am Rande statt. Auch das Bild, das vom Sänger im Film gezeichnet wird, bleibt oberflächlich und geht über seinen eisernen Willen, berühmt zu werden, kaum hinaus. Die Chansons sollen einen emotionalen Gegenpart dazu bilden, was aber leider nicht immer funktioniert. Deutlich wird trotzdem, welchen Einfluss Aznavour mit seiner Musik auf eine ganze Generation hatte. Auch in der neueren Popmusik lässt er sich noch wiederfinden. Als kleine Verneigung vor diesem Einfluss bekommt der Song »What’s the Difference« von Dr. Dre und Eminem einen überraschend gelungenen Gastauftritt. Hanne Biermann

Kein Tier. So Wild.

Kein Tier. So Wild.

D/F/P 2025, R: Burhan Qurbani, D: Kenda Hmeidan, Verena Altenberger, Hiam Abbass, 150 min

In William Shakespeares Drama »Richard III.« liefern sich die Häuser York und Lancaster einen blutigen Kampf um die englische Krone. Richard, jüngster Sohn der Yorks, wird aufgrund seiner fehlerhaften Statur stets unterschätzt. Die Autorin Enis Maci hat das Drama ins Deutsche und ins Heute übersetzt: Aus den englischen Adelshäusern werden arabische Clans, aus Richard wird Rashida, England wird zu Berlin. Der Duktus bleibt theatral, verwoben mit seiner Vorlage. Rashida kämpft als Anwältin für den Frieden zwischen York und Lancaster. Ihre Fehlerhaftigkeit ist ihr Geschlecht: »Betrogen durch Geburt um jeden Vorteil.« Während ihre Familie sich in ihrem Ruhm suhlt, kämpft Rashida mit Hilfe ihrer Amme Mishal um ihren Platz auf dem Thron der Festung. In fünf Akten erzählt Regisseur Burhan Qurbani den machthungrigen »Pfad zum Gipfel« Rashida Yorks, über »Fleisch und Blut« hin zum gewaltsamen Fall in »Sand und Dreck«. Wie schon in seiner Adaption von »Berlin Alexanderplatz« (2020) entwirft Qurbani einen zeitgemäßen Blick auf einen klassischen Stoff. »Kein Tier. So Wild.« überzeugt künstlerisch durch herausragende Filmmusik, ein Szenenbild, das zunehmend zum Bühnenbild für Rashidas Innenleben wird und der kompromisslosen Verkörperung Rashidas durch Kenda Hmeidan. Inhaltlich bietet der Stoff jedoch einige Herausforderungen. Wer sich mit der Vorlage Shakespeares nicht allzu sicher fühlt, sollte vorab eine kleine Recherche vornehmen. Die Länge von 142 Minuten ist zudem ambitioniert. Greta Jebens

Islands

Islands

D 2025, R: Jan-Ole Gerster, D: Sam Riley, Stacy Martin, Jack Farthing, 123 min

Tom ist Tenniscoach in einer Urlaubsanlage auf Fuerteventura. Der ungebundene, gutaussehende junge Mann genießt seine spielerische Arbeit, das ständig gute Wetter und seine Abende in der Diskothek mit wechselnden Urlauberinnen, denen sich der Schwerenöter nicht entziehen kann. Auch zwischen ihm und Anne funkt es schnell, nachdem diese ihren Sohn bei Tom zu Tennisstunden angemeldet hat. Für die ganze Familie fungiert Tom an einem Tag sogar als Fremdenführer auf der Insel. Doch nach durchzechter Nacht ist Familienvater Dave spurlos verschwunden. Da Anne nicht glücklich in ihrer Ehe war, ist auch ein Verbrechen nicht auszuschließen. In 13 Jahren hat Jan-Ole Gerster lediglich drei Filme inszeniert, dank »Oh Boy« und »Lara« gehört er trotzdem zu den renommiertesten und meistprämierten Filmemachern hierzulande. »Islands« ist sein erster englischsprachiger Film, der mit Sam Riley, Stacy Martin und Jack Farthing auch eine illustre internationale Besetzung aufweisen kann. Der Anfang des Films ist ähnlich konzipiert wie die bisherigen Gerster-Filme, hier kann man sich als aufmerksamer Beobachter selbst seinen Reim aus den vielen authentischen Details machen. Nach dem Verschwinden Daves wird »Islands« zu einem astreinen Hitchcock-Thriller mit weiteren Referenzen an Patricia Highsmith, der unterm Strich eine knisternde Spannung in sonnendurchfluteter Kulisse zu bieten hat und zwei Stunden gut unterhält. Frank Brenner

Einfach machen

Einfach machen

D/CH 2024, Dok, R: Reto Caduff, 89 min

»Mir doch egal, was ihr denkt, was ihr hören wollt« – so bringt Bettina Köster die Einstellung ihrer Westberliner Bands Mania D. und Malaria auf den Punkt. Ja, das war neu und dagegen, was diese Bands machten. »Es war damals einzigartig und ist es heute noch«, sagt ein Fan im Film »Einfach machen«, der »She-Punks von 1977 bis heute« porträtiert. Östro 430 aus Düsseldorf sind noch dabei und Kleenex (später Liliput) aus Zürich. Regisseur Reto Caduff lässt die Musikerinnen alle zu Wort kommen, es gibt keine Erklär-Stimme aus dem Off, nur ab und an ein paar einordnende Zeilen zu eindrucksvollen und ausgesuchten Archivaufnahmen. Und Gudrun Gut, Martina Weith und Co. haben natürlich viel zu erzählen: Von hell erleuchteten Konzerten im Ratinger Hof, von Jugendunruhen in Zürich, von einer kurzen Tour in New York, wo sie nichts zu essen hatten, weil ihnen alle immer nur Drinks ausgaben. Zudem sieht man die Musikerinnen heute wieder auf der Bühne stehen, mit neuen oder alten Projekten, teilweise nach über 30 Jahren Pause – was noch mehr Punk ist als früher schon, weil eine älter gewordene Frau immer noch mit den gängigen Erwartungen des Musikbusiness bricht. Leider dringt der ästhetisch wunderbar gemachte Film aber nicht tiefer in die Gefühlswelten seiner spannenden Protagonistinnen vor, sondern schafft es kurioserweise, dass er sich zieht, obwohl man gern noch so viel mehr erfahren hätte von der Rebellion und Selbstermächtigung der Frauen. Aber die Musik ist gut. Juliane Streich

Der Meister und Margarita

Der Meister und Margarita

RUS 2023, R: Mikhail Lokshin, D: August Diehl, Yuliya Snigir, Evgeniy Tsyganov, 157 min

»Der Meister und Margarita« ist einer der wichtigsten russischen Romane des 20. Jahrhunderts. Geschrieben wurde er von Michail Bulgakow von 1928 bis zu seinem Tod im Jahr 1940, ein Vierteljahrhundert harrte er wegen eines Verbots der Veröffentlichung, die dann ab 1966 in verschiedenen Fassungen erfolgte. Verfilmt wurde der Stoff bereits mehrfach, allerdings noch nie so aufwendig wie in Michael Lockschins überraschend offen regimekritischer Version, die in Russland trotz großer Kontroversen zum Kinohit wurde. Umso erfreulicher, dass der Film nun auch bei uns zu sehen sein wird, nachdem sich westliche Adaptionen von Roman Polanski und Baz Luhrmann zerschlugen und Regiemeister wie Federico Fellini, Terry Gilliam und David Lynch fraglos vom »Faust« inspirierten Plot beeinflusst wurden. Die Handlung spielt im Moskau der dreißiger Jahre: Das Stück eines namenlosen Autors über Jesus Christus und Pontius Pilatus wird von Stalins Schergen verboten. Mit Hilfe seiner Muse und Geliebten Margarita und des Teufels höchstpersönlich schreibt der Schriftsteller danach einen satirischen, autobiografischen Roman – und bald vermischen sich Realität und Fiktion. Die Handlung ist verschachtelt, fragmentarisch und kryptisch – und trotzdem ergibt sich am Ende ein großes Ganzes, dessen rauschhaftem Sog man sich auch dank der guten Darstellerinnen und Darsteller, beeindruckender Technik und der dräuenden Filmmusik nur schwer entziehen kann. Peter Hoch

Balconettes

Balconettes

F 2025, R: Noémie Merlant, D: Souheila Yacoub, Sanda Codreanu, Noémie Merlant, 103 min

Es ist heiß in Marseille. Der Hochsommer treibt alle im Wohnblock auf den Balkon, auf der Suche nach ein wenig Abkühlung. Cam-Girl Ruby und Starlet Elise finden sich auf dem Balkon ihrer Freundin, der angehenden Schriftstellerin Nicole ein – schließlich ist die Aussicht auf ihren Nachbarn, den gut gebauten Fotografen Magnani, von hier aus hervorragend. Als die drei dessen Einladung annehmen, wird daraus allerdings ein unerwartet blutiges Date. Nach einem munteren Auftakt, bei dem allerdings auch schon der gewalttätige Ehemann der Nachbarin das Zeitliche segnet, kippt die Stimmung rapide. Die zweite Regiearbeit der Schauspielerin Noémie Merlant ist ein wahres Wechselbad der Gefühle und erinnert in den besten Momenten an die überdrehten frühen Filme von Pedro Almodóvar. Das Drehbuch, das Merlant gemeinsam mit Céline Sciamma (»Porträt einer jungen Frau in Flammen«) verfasst hat, ist ein wilder Mix aus feministischem Sozialdrama und rabenschwarzer Horrorkomödie, der nicht immer vollends aufgeht. In einem Moment feiern die Figuren ihre Weiblichkeit, im nächsten reiten sie sich immer tiefer in ein blutiges Schlamassel hinein. Merlant geizt dabei nicht mit Splatter und Kunstblut. Einige Szenen sind herrlich überdreht, kehren sich aber auch gern mal ins Geschmacklose. Die Figuren bedienen dabei mitunter die Klischees, die sie eigentlich vorführen sollen. Zusammengehalten wird der wilde Mix vor allem von den gut aufgelegten Darstellerinnen. LARS TUNÇAY

Schatten der Nacht

Schatten der Nacht

D/TRK 2024, R: Türker Süer, D: Ahmet Rıfat Sungar, Berk Hakman, Eda Akalın, 85 min

Sinan ist Offizier in der türkischen Armee und bekommt einen Routineauftrag: Er soll einen anderen Offizier, der wegen eines körperlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten angeklagt wird, in ein Militärgefängnis überführen. Der andere Offizier ist allerdings sein Bruder Kenan, mit dem er seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr gesprochen hat. Zu allem Überfluss kommt es in der Nacht noch zu einem Militärputsch gegen die türkische Regierung. Der politische Hintergrund spielt aber nur eine Nebenrolle, vielmehr werden in dem Film moralische Fragen verhandelt: Wem gilt die Loyalität eines Soldaten mehr: seiner Familie, seiner Truppe oder seinem Heimatland? Die erste Hälfte des Films ist dabei fast ein Roadmovie und erinnert mit dem dunklen Setting und den oft rot ausgeleuchteten Gesichtern optisch an »Only God Forgives« von Niclas Winding Refn und sogar Hauptdarsteller Ahmet Rıfat Şungar strahlt eine Ryan-Gosling-mäßige Coolness aus. Leider fällt die zweite Hälfte deutlich ab, etwas mehr Laufzeit als die nur 85 Minuten hätten nicht geschadet, um die Figurenkonstellation weiter zu erkunden. So erzählt die Story kaum Neues, ist bis zu ihrer Auflösung aber einigermaßen spannend und unterhaltsam inszeniert. Die Moralfrage, die anfangs im Zentrum steht, wird dann leider ohne Überraschungen beantwortet und so verpasst der Film die Chance, nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Alexander Böhle

Misericordia

Misericordia

F/E/P 2024, R: Alain Guiraudie, D: Félix Kysyl, Catherine Frot, Jean-Baptiste Durand, 103 min

Die ersten fünf Minuten sieht man durch die Windschutzscheibe. Das Auto folgt einer kurvigen Bergstraße im Südosten Frankreichs. Vor einer Bäckerei kommt es abrupt zum Stehen. Die Tür öffnet sich und heraus steigt Jérémie. Zehn Jahre war er nicht mehr im Dorf. Nun ist er nach Saint Martial zurückgekehrt, um der Beerdigung des Bäckers beizuwohnen, für den er als Jugendlicher gearbeitet hat. Im Haus von dessen Frau macht er es sich schnell bequem. Blättert nachts durch die Familienalben. Tagsüber streift er durch den umliegenden Wald. Das Rauschen der Bäume im Wind bildet den Soundtrack, für das, was folgt. Zunächst einladend, wird er bald zu einem Ort des Zwielichts. Als eine Kriminalkomödie wird »Misericordia« vermarktet. Das ergibt aber höchstens Sinn, wenn man damit das Lachen angesichts des Abgründigen meint. Ein Lachen irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Selbstschutz. Eher gleicht der Film von Regisseur Alain Guiraudie einem Trip in die menschliche Psyche. Nah am Traum inszeniert er Gewalt und menschliches Begehren. In schlichten Dialogen werfen sich die Figuren Extremes an den Kopf. Passend dazu spielt Hauptdarsteller Félix Kysyl seine Figur als moderne Tom-Ripley-Version. Im einen Moment freundlich, lässt er einem im nächsten das Blut in den Adern gefrieren. Das alles ist wunderbar stilsicher umgesetzt und bei aller Ruhe voller überraschender Wendungen. Deren größte allerdings hebt sich Guiraudie bis ganz zum Schluss auf. Josef Braun

Oslo Stories: Liebe

Oslo Stories: Liebe

N/S 2024, R: Dag Johan Haugerud, D: Andrea Braein Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, 119 min

Marianne ist schon lange Single und soll nun von ihrer besten Freundin mit Ole Harald verkuppelt werden. Der ist allerdings zweifacher Familienvater, und seine geschiedene Frau wohnt nur einen Katzensprung entfernt, damit es für die Kinder einfacher ist. Mariannes Kollege Tor ist schwul und bändelt gerne auf einer Fähre mit Hilfe einer Dating-App mit Gleichgesinnten an – für schnellen, unverbindlichen Sex. Aber als er auf diese Weise die Bekanntschaft mit Bjørn macht, ist alles anders als sonst, denn die beiden reden nur miteinander. Und Tor kann den deutlich älteren Bjørn danach einfach nicht vergessen. Mit »Liebe«, »Sehnsucht« (OT: »Sex«) und »Träume« hat Dag Johan Haugerud eine Trilogie realisiert, die in Berlin und Venedig ihre Weltpremieren feierte und jetzt vom Verleih als »Oslo-Stories« in die deutschen Kinos gebracht wird. Inhaltlich sind die Filme unabhängig voneinander, lediglich der Handlungsort Oslo und die thematische Klammer um zwischenmenschliche Beziehungen hält sie zusammen. In »Liebe« geht es nicht etwa um langjährige Zweisamkeit, sondern um den Neuanfang einer hetero- und einer homosexuellen Bindung. Haugerud wollte dabei keine umfassende oder allgemeingültige Gefühls- oder Beziehungsanalyse abliefern, sondern erzählt zwei ganz individuelle Geschichten über die Wege der Liebe, was ihm kurzweilig und unterhaltsam gelungen ist. Frank Brenner

Julie bleibt still

Julie bleibt still

B/SWE 2024, R: Leonardo Van Dijl, D: Tessa Van den Broeck, Ruth Becquart, Koen De Bouw, 97 min

Sich als Mädchen durch die Pubertät zu navigieren, ist nicht leicht. All die neuen Eindrücke und Erlebnisse, die zum Erwachsenwerden dazugehören, können einen ganz schön verwirren. Vor allem, weil es noch keine Erfahrungswerte gibt, um Erlebtes einzuordnen. Für Julie gibt es in diesem Chaos zwei feste Anker: Die Schule und das Tennisspielen. Hier wie da ist sie überdurchschnittlich gut. Doch als sich eine junge Spielerin aus dem Tennisverein das Leben nimmt, gerät Julies Konzentration ins Wanken. Denn plötzlich steht der Trainer des Mädchens im Mittelpunkt einer internen Ermittlung. Der Trainer, der auch Julie unterrichtet hat, und von dem alle wissen, dass er sie immer bevorzugt behandelte. In dieser Situation nimmt die Kamera die Perspektive von Julies Umfeld ein: beobachtend, aufmerksam für die Stimmungen der jungen Frau. Aber auch abwartend, ohne die Frage jemals direkt zu stellen, die im Raum steht. Und Julie hat beschlossen, sich nicht weiter zu äußern. »Julie bleibt still« ist ein langsam erzählter Film, der sich behutsam mit den möglichen Auswirkungen von psychischer und physischer Gewalt auseinandersetzt, ohne sie unmittelbar in den Fokus zu nehmen. Das gelingt eindrücklich, aber genauso wie auf ein Zeichen von Julie zu warten, ist es auch zermürbend. Denn manchmal muss man erst die Gedanken sortieren, bis man die richtigen Worte für Unaussprechliches findet. Hanne Biermann

Eden

Eden

USA/CDN 2025, R: Ron Howard, D: Jude Law, Ana de Armas, Daniel Brühl, 129 min

In den Filmen von Ron Howard (»Apollo 13«, »Rush«) verfolgen die Figuren stets einen Traum. In »Eden« entwickelt der sich nun allerdings schnell zum Albtraum. Es ist das Jahr 1932. Während in der Heimat der Faschismus auf dem Vormarsch ist, hat sich der deutsche Arzt und Philosoph Dr. Friedrich Ritter von der Gesellschaft abgewandt. Er lebt mit seiner Partnerin Dore Strauch auf der menschenleeren Galapagos-Insel Floreana, wo das Überleben äußerst mühsam ist. Hier will er ungestört an seinem philosophischen Manifest arbeiten, das die Menschheit evolutionieren soll. Mit der Ruhe ist es allerdings bald vorbei, denn Kunde von Ritters vermeintlichem Paradies hat den Westen erreicht und so ziehen zunächst das Ehepaar Wittmer und dann auch noch eine Baronin mit ihrer Gefolgschaft auf die Insel. Es beginnt ein intrigenreicher Kampf ums Überleben, den Ron Howard recht spannend und visuell reizvoll, aber ziemlich vordergründig inszeniert. »Eden« basiert auf historisch überlieferten Figuren, der Sehnsucht nach dem »Exotischen«, geprägt durch die deutsche Kolonialzeit. Howard und sein Co-Autor Noah Pink (»Tetris«) bastelten daraus den Stoff für einen Groschenroman. Das illustre Ensemble, zu dem neben Jude Law als Dr. Ritter auch Vanessa Kirby, Daniel Brühl, Sydney Sweeney und Ana de Armas zählen, müht sich redlich, den Stoff mit Überzeugung darzubieten. »Eden« unterhält für seine Lauflänge, ist danach aber genauso schnell wieder vergessen. Lars Tunçay

Parthenope

Parthenope

F/I 2025, R: Paolo Sorrentino, D: Celeste Dalla Porta, Stefania Sandrelli, Gary Oldman, 137 min

Parthenope – diesen Namen gaben die Schriftsteller in der Antike einst einer der schönen Sirenen aus Homers »Odyssee«, deren verführerischer Gesang Seeleute regelmäßig ins Verderben lockte. Später wurde Neapel dichterisch so bezeichnet, wo die Sagengestalt irgendwann tot angespült wurde. Ob dieser Name für ein Mädchen, das 1950 bei einer Wassergeburt vor der Stadt zur Welt kommt, allzu glücklich ist, sei dahingestellt. Der Titelheldin des neuen Films von Paolo Sorrentino schadet er zumindest nicht: Diese Parthenope ist mit guten Genen gesegnet, die aus ihr eine ebenso intelligente wie attraktive junge Frau machen, der die Herzen nur so zufliegen – darunter die ihres älteren Bruders Raimondo und ihres Kindheitsfreunds Sandrino. Deren Zuneigung genießt Parthenope zwar, ihre Begierden erfüllt sie jedoch nie wirklich – bis zu jenem zunächst wundervollen gemeinsamen Sommer auf Capri, der jäh endet. Dieses erste Filmdrittel zieht optisch stilvollendet noch in den Bann. Doch das meiste, was danach kommt, zerfasert inhaltlich, vermag nur gelegentlich zu berühren, irgendwann können auch die prachtvollen Bilder und Celeste Dalla Porta nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass Sorrentino, 2014 für »La Grande Bellezza – Die große Schönheit« mit dem Oscar gekrönt, zu seinen Lieblingsthemen Schönheit, Vergänglichkeit und Liebe nur noch bedingt Spannendes zu sagen hat. Peter Hoch

Mit der Faust in die Welt schlagen

Mit der Faust in die Welt schlagen

D 2025, R: Constanze Klaue, D: Anton Franke, Camille Loup Moltzen, Anja Schneider, 110 min

»Frei nach dem Roman von Lukas Rietzschel«, steht im Abspann, aber die Verfilmung ändert nur ein paar Details. Das Wichtigste behält sie bei: Die intensive Stimmung, die das Buch von 2018 ausmacht. Tobias und sein großer Bruder Philipp sind zwei durchschnittliche Jungs in einem durchschnittlichen Ort in der sächsischen Provinz Anfang der 2000er Jahre. Vor allem Tobias leidet unter den Eheproblemen der Eltern, dem Alkoholproblem des Vaters und der Abwesenheit der Mutter, die als Krankenschwester viele Nachtschichten schiebt. Nachdem ihre Schule mit einem Hakenkreuz beschmiert wird, gerät Philipp auch noch in Kontakt mit den örtlichen Neonazis – Tobias ist von da an ganz allein mit seinen Sorgen. »Mit der Faust in die Welt schlagen« handelt nicht von Springerstiefeln und Baseballschlägern, sondern macht deutlich, dass tief verwurzelter Rassismus viele Bevölkerungsschichten durchzieht. Das Schauspiel ist großartig, vor allem das Leid der Kinder nimmt einen mit. Der Film zeigt keine Boshaftigkeit, sondern Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Gleichzeitig wird nichts verharmlost. Ganz ohne plumpe Gewalt entsteht trotzdem immer wieder Brutalität, die Figuren und das Publikum gleichermaßen belastet. Das Ende wirkt etwas abrupt, an diesem Punkt wurden die 300 Seiten des Romans der Zeitspanne von 15 Jahren besser gerecht. Schockierend und sehenswert bleibt der Film aber trotzdem. Alexander Böhle