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Rezensionen

Ein Kuchen für den Präsidenten

Ein Kuchen für den Präsidenten

IRQ/QAT/USA 2025, R: Hasan Hadi, D: Baneen Ahmad Nayyef, Waheed Thabet Khreibat, Sajad Mohamad Qasem, 105 min

Während der Irak vom Krieg erschüttert wird, lässt Saddam Hussein seinen Geburtstag landesweit feiern. Auch die 9-jährige Lamia erlebt den staatlich verordneten Jubel hautnah: In ihrer Schule wird sie ausgelost, zu Ehren des Präsidenten einen Kuchen zu backen. Ihr bester Freund Saeed soll frisches Obst besorgen. Was harmlos klingt, wird für die beiden Kinder zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe. Denn Lebensmittel werden immer teurer, wenn sie überhaupt noch verfügbar sind. Doch wer seinem Auftrag nicht nachkommt, riskiert harte Strafen – nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Familie. Und so begeben sich die beiden in die Stadt, auf der Suche nach Mehl, Zucker, Eiern und Backpulver. Ohne explizit auf die politischen Verhältnisse einzugehen, schildert »Ein Kuchen für den Präsidenten« die Situation im Irak zu Beginn der neunziger Jahre aus der Perspektive der Kinder. Lebensmittelknappheit, verwundete Soldaten, überlastete Polizeistationen und Krankenhäuser ohne Medikamente – das alles findet am Rande statt, gibt dem Film aber die perfekte Balance aus kindlichem Abenteuer und großer Ernsthaftigkeit. Seine Premiere feierte Hasan Hadis Film in Cannes und wurde in seiner Sektion mit dem Publikumspreis und der Caméra d’Or ausgezeichnet. Selten genug ist ein irakischer Film in den deutschen Kinos zu sehen. Schön, dass es gerade dieser auf die große Leinwand geschafft hat. Hanne Biermann

Dust Bunny

Dust Bunny

USA 2026, R: Bryan Fuller, D: Mads Mikkelsen, Sophie Sloan, Sigourney Weaver, 106 min

Die Welt in Bryan Fullers Spielfilmdebüt funktioniert nach ihren eigenen Regeln, ganz so, wie man es von einem der kreativsten Serienschöpfer (»Pushing Daisies«, »American Gods«) der letzten Jahre erwartet. Mit »Dust Bunny« erzählt er ein Schauermärchen für die ganze Familie – also zumindest scheint es zunächst so. Das Haus, in dem die 8-jährige Aurora mit ihren Eltern lebt, wirkt in seinen kräftigen Farben und verspielten Ornamenten wie einem Jeunet/Caro-Streifen entlehnt. Der Einstieg ist märchenhaft, so tut man die Angst des kleinen Mädchens vor dem Monster unterm Bett zunächst als kindliche Fantasie ab. Doch die Hasengestalt, die sich aus den Staubflusen zusammenfindet, ist real – und hat spitze Zähne. Das müssen auch die Eltern erfahren, und so ist das Mädchen bald auf sich allein gestellt. Nur gut, dass Aurora des Nachts ihren schweigsamen Nachbarn beobachtet, wie er in einer dunklen Gasse gegen Drachen und fiese Schergen kämpft. Also heuert sie ihn kurzerhand an, um das Monster zu erlegen. So wird es alsbald actionreich, ganz schön blutig und »Dust Bunny« damit zum höchst unterhaltsamen Albtraum. Sophie Sloan und Mads Mikkelsen geben ein gutes Team ab, das nicht von ungefähr an »Léon – Der Profi« erinnert. Ein Schuss »Matrix« steckt aber auch in der DNA von Fullers Debüt. Auf jeden Fall ist die Mischung frisch, immer überraschend und kreativ – und funktioniert auch dank des Ensembles erstaunlich gut. LARS TUNÇAY

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

D/CH 2025, R: Nicolas Steiner, D: Luna Wedler, Calvin Burke, Jan Bülow, 127 min

In nicht allzu ferner Zukunft haben die Uniformträger des »Amtes für Ruhe und Ordnung« die Kontrolle über Bürgerinnen und Bürger erlangt. Wer sich intolerant oder aufmüpfig verhält, wird zu Kreativarbeit verdonnert. Der eigenbrötlerische Messie Hugo Drowak hat Beamte mit Urinbomben beworfen und muss nun einen Strafkurs in Kreativem Schreiben ableisten. Die junge und ambitionierte Lena Jakobi leitet den Kurs, und da Drowak der einzige Teilnehmer ist, gibt sie ihm die Stunden in seiner zugemüllten Wohnung. Bei den gemeinsamen Treffen gelingt es Jakobi, dass sich Drowak schließlich öffnet und aus seiner wesentlich bunteren Vergangenheit berichtet. Diese Szenen sind in Farbe gedreht, wohingegen die Gegenwart im Film in kontrastreichem Schwarz-Weiß eingefangen ist. Nicolas Steiner hat in seinem Spielfilmdebüt ein hervorragend durchkomponiertes Kinoerlebnis geschaffen, das dank Markus Nestroys preiswürdiger Kameraarbeit faszinierende Bilder von einer futuristisch angehauchten Welt entwirft, die unserer heutigen gar nicht so unähnlich ist. Denn hinter der überzogenen Geschichte, die voller surrealer Ideen und liebenswert-verspielter Absurditäten steckt, verbirgt sich auch eine beißende Gesellschaftskritik. Die aus international erfolgreichen Kinostars bestehende Riege der Darstellerinnen und Darsteller ist exzellent, insbesondere zwischen Karl Markovics und Luna Wedler stimmt die Chemie. Frank Brenner

Little Trouble Girls

Little Trouble Girls

SLO/I/KRO 2025, R: Urška Djukić, D: Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, 89 min

Nahaufnahmen von Augen, Mündern, Ohren oder Fingern, die an Haarsträhnen spielen. Dazu der glockenhelle Gesang der Mädchen. Lucías Blick gleitet durch den Raum. Die 16-Jährige ist eine Träumerin. Minutenlang fixiert sie den Olivenbaum im Hof des Konvents, während die anderen Mädchen hinter ihr tuscheln. Sie ist mit ihren Mitschülerinnen auf einer Chorfahrt, angeführt von ihrem autoritären Musiklehrer. In der Abgeschiedenheit unter den Nonnen sollen sie die Kantaten einstudieren, doch vor allem die vorlaute Ana-Marija hat andere Dinge im Kopf und stiftet Lucía dazu an, die schwitzenden, kräftigen Hilfsarbeiter auszuspionieren. Fasziniert von Lucías Unschuld verführt sie ihre Mitschülerin dazu, die strengen Regeln zu brechen, und zu ihrem ersten Kuss. Die chaotische Gefühlswelt heranwachsender Mädchen und ihr sexuelles Erwachen fasst die slowenische Regisseurin Urška Djukić in einen sinnlichen, rauschhaften Film. Die Kamera von Lev Predan Kowarski fängt die Wahrnehmung Lucías in intensiven Bildern ein. Dazu der betörende Gesang, der von den alten Mauern widerhallt – »Little Trouble Girls«, der seine Premiere im Encounters-Wettbewerb der Berlinale feierte und dort den Preis der internationalen Filmkritik gewann, ist ein förmlich fühlbarer Film. Die Leistungen der jungen Hauptdarstellerinnen, die hier zum ersten Mal vor der Kamera standen, ist bemerkenswert. Auf die Monotonie und Langsamkeit dieser Sommertage muss man sich allerdings einstellen. Lars Tunçay

No other Choice

No other Choice

KOR 2025, R: Park Chan-Wook, D: Lee Byung-Hun, Ye-jin Son, Woo Seung Kim, 139 min

Im Jahr 2009 gab Park Chan-wook (»Old Boy«) bekannt, er wolle den Roman »Die Axt« von Donald E. Westlake adaptieren. Nach eigener Aussage wusste er damals nichts von der Adaption, die Costa-Gavras 2005 in Frankreich realisiert hatte. Es sollte 16 Jahre dauern, bis Chan-wooks Plan tatsächlich Realität werden würde und »No other Choice« nun als Verwandter von Bong Joon-hos koreanischem Überhit »Parasite« erscheint. Der Film ist eine bitterböse Gesellschaftssatire über Status und den Wert des Materiellen. Man-su hat alles, was er sich erträumt hat. Das macht die Eröffnungssequenz mit dem unwirklichen Himmel über dem Designerhaus überdeutlich, in dessen Garten der Familienvater, seine bildhübsche Frau, seine beiden Kinder und die beiden Hunde gruppenkuscheln. All das wird aber bedroht, als Man-su seinen Job verliert. 25 Jahre hat er in der Papierindustrie gearbeitet. Nun werden er und seine Kollegen wegrationalisiert. Der finanzielle Druck wächst und die Bewerbung in anderen Unternehmen scheint aussichtslos. Also beschließt Man-su kurzerhand, die Konkurrenz auszuschalten. So breit die Umrisse erscheinen, in denen Park die Geschichte rahmt, so unberechenbar ist ihr Verlauf. Jede Szene ist eine Wundertüte an Ideenreichtum, sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch ein irrer Ritt. LARS TUNÇAY

Souleymanes Geschichte

Souleymanes Geschichte

F 2025, R: Boris Lojkine, D: Abou Sangaré, Alpha Oumar Sow, Nina Meurisse, 93 min

Es gibt diese Filme, die ganz ihren Protagonistinnen und Protagonisten gehören. In Vittorio De Sicas »Fahrraddiebe« waren es der Vater und sein Sohn. In »Zwei Tage, eine Nacht« der Dardenne-Brüder Marion Cotillard als verzweifelte Mutter am Rand zur Arbeitslosigkeit. »Souleymanes Geschichte« passt in vielerlei Hinsicht in diese illustre Gesellschaft. Hauptdarsteller ist der Laienschauspieler Abou Sangaré. In der ersten Einstellung wartet er, notdürftig zurechtgemacht, auf seine Asyl-Anhörung. Dann spult der Film zurück und zeigt uns die Tage, die zu diesem Moment geführt haben. Als Lieferfahrer hetzt Souleymane durch Paris und man kann gar nicht anders, als darin auch eine Metapher für seine Situation zu sehen. Prekär, vulnerabel, mit wenig Spielraum für die eigenen Bedürfnisse. Der Keks wird auf dem Rad verschlungen, die Trennung von der Freundin in Guinea muss in einem dunklen Treppenhaus bewältigt werden. Und wenn Souleymane sich nachts hinlegt, dann in das Doppelstockbett einer Obdachlosenunterkunft. Das alles, während über ihm das Damoklesschwert der Anhörung schwebt. Tristan Galands Kamera bleibt stets ganz dicht bei diesem Mann. Der Ton fängt den permanenten Lärm um ihn kongenial ein. Doch am Ende ist es die schauspielerische Performance, die im Gedächtnis bleibt. Sangare, der für den Film seine eigene Fluchtbiografie zur Verfügung stellte, gewann dafür 2024 unter anderem einen Preis in Cannes. Völlig verdient Josef Braun

White Snail

White Snail

AT/D 2025, R: Elsa Kremser, Levin Peter, D: Marya Imbro, Mikhail Senkov, 115 min

Masha hat gerade einen Suizidversuch hinter sich. An einer Modelschule in Belarus ist die unnahbar Wirkende der Liebling der Chefin, wird deswegen von der Konkurrenz getriezt. Masha findet Misha, einen tätowierten, introvertierten Leichen-Präparator, der auch explizit morbide Bilder über seine Arbeit malt und bei seiner Mutter wohnt. Aus ihrer jeweiligen Einsamkeit tasten die beiden sich zu einem Gemeinsamen. Dieses vorsichtige, aber dennoch aufgeladene Annähern wird umworben von facettenreicher Licht- und Musikdramaturgie. Die Authentizität ist quasi fühlbar, denn die (Laien)-Darsteller spielen mehr oder weniger sich selbst. Dates laufen bei der sich anbahnenden Romanze aber teils so ab: Detailgetreu und eindringlich erklärt Misha, wie er bei einer Toten die Kopfhaut präparieren würde – und Masha lauscht gebannt. Das Liebesspiel der Protagonisten wird am Ende nicht ganz so variantenreich – wie jenes der Schnecken – Letzteres wird im Film symbolisch-effektvoll eingesetzt. Der schneckenhaft behutsam gleitende Bilderreigen streckt seine Fühler thematisch unter anderem in Richtung Vergänglichkeit und Ästhetik, aber auch Spiritualität – etwa erfahrbar durch die Eso-Exorzistin, die der weiter suizidalen Masha den Dämon aus dem Unterbauch treiben soll. »White Snail« vermeidet jeglichen Kitsch und Ballast, bleibt aber leider auch etwas spannungsarm und verschenkt am Ende Potenzial. Markus Gärtner

Stille Beobachter

Stille Beobachter

BG/D 2024, Dok, R: Eliza Petkova, 96 min

Bebende Schnauzen, leicht zuckende Ohren. Meist zeigt Regisseurin Eliza Petkova ihre sechs Protagonisten – Pferd, Hund, Ziege, Katze, Schaf und Esel – in aufmerksamer Haltung. Geduldige Kameraeinstellungen, oft in Nahaufnahme, lassen die Zeit vergessen: wenn erste Schneeflocken in das weiß-schwarz gefleckte Fell der Katze Marga einsinken oder die Pferdemähne von Tonka im Herbstwind weht. Die oft bedrohliche Soundkulisse aus Trommeln und dissonanten Tönen scheint erst dann passend, wenn die Menschen auftreten. Zwar leben die Einwohnerinnen und Einwohner des bulgarischen Bergdorfs Pirin in enger Beziehung zu den Tieren. Doch in ihrer Fürsorge liegt auch Gewalt. Der Esel Doncho schleppt Waren über weite Bergstrecken. Während der Hirte sanft über das Fell der Ziege Valya streicht, sagt er: »Ich möchte, dass du 30 Kilo bis Dezember wiegst.« Gleichzeitig scheint die menschliche Herrschaft fragil. Katze Marga ist eine Vampirin, seit sie über ihren toten Ehemann gesprungen ist, teilt ihre Besitzerin den Nachbarinnen mit. Die Katze verhexe jeden, der ihr begegnet. Still scheinen die Tiere den Gesprächen zu lauschen. Der Film schreitet fragmentarisch voran, es gibt keinen roten Faden zu fassen. Zunehmend lässt »Stille Beobachter« die Zuschauenden ihre eigenen Annahmen über die Handlungen der Tiere in Frage stellen. Am Ende bleibt neben der Beunruhigung die Demut, abseits von Leinwand und Bildschirm genauer auf die mit uns lebende Natur zu schauen. Yi Ling Pan

Silent Friend

Silent Friend

D/HUN/F/CHN 2025, R: Ildikó Enyedi, D: Tony Leung, Enzo Brumm, Luna Wedler, 147 min

Sie sind überall und beobachten uns. Stumme Zeugen der Zeit. Was denken Pflanzen über uns? Was fühlen sie? Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi (»Körper und Seele«) stellt sich diese Fragen in ihrer Zeitreise durch drei Epochen. 1908 bewirbt sich Grete als erste Frau an der Universität in Marburg. Dort ist sie der Diskriminierung des Lehrpersonals schutzlos ausgeliefert und entdeckt ihre Leidenschaft für die Fotografie. 1972 lebt der junge Student Hannes am Rande der Stadt und verliebt sich in Gundula, ist aber zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen. Im Jahr 2020, inmitten der Corona-Pandemie, sitzt schließlich der Wissenschaftler Tony auf dem menschenleeren Campus fest und studiert den Ginkgobaum im Garten der Universität. Der mächtige Baum ist der zentrale Protagonist von Enyedis philosophischem Film. Immer wieder sieht man die Ereignisse aus seiner Perspektive. Makroaufnahmen von Tautropfen, Spinnennetzen und Blättern verleihen dem Film etwas Abstraktes. Geredet wird wenig. In seiner zweieinhalbstündigen Laufzeit entwickelt der vielfach preisgekrönte Film einen Sog. Die Grenzen der Zeit verwischen, werden von einer Linie zu einer Ebene, die assoziativ alles vereint, ganz ähnlich wie Mascha Schilinski »In die Sonne schauen« inszenierte. In den Hauptrollen glänzen Tony Leung und Luna Wedler, die beim Filmfestival in Venedig mit dem Darstellerinnenpreis ausgezeichnet wurde. LARS TUNÇAY

Extrawurst

Extrawurst

D 2026, R: Marcus H. Rosenmüller, D: Hape Kerkeling, Fahri Yardim, Anja Knauer, 100 min

Ein Tennisclub in der westdeutschen Provinz. Heribert führt die Geschicke seit Jahrzehnten mit fester Hand als Vorsitzender. Sein Stellvertreter Matthias hat wenig zu melden. Alles geht seinen gewohnten Gang bei der Sitzung im Vereinsheim, bis Melanie vorschlägt, für ihren Doppelpartner Erol einen zweiten Grill anzuschaffen. Schließlich ist er Moslem und darf kein Schweinefleisch essen. Da wäre ein Entgegenkommen ja nur richtig in einer aufgeklärten Gesellschaft. Der Deutschtürke winkt ab, aber Melanie versteift sich auf die Idee und regt eine Grundsatzdiskussion an, die bald aus dem Ruder läuft. Die »Stromberg«-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob schrieben mit ihrem Bühnenstück »Extrawurst« eine Figurenaufstellung zur Lage der Nation. Bissig nach rechts und links austeilend, halten sie der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. In cleveren Dialogen entlarven sie die Spießigkeit des Kleinbürgers und die Überheblichkeit der »Woken«. Das ist fast schon zu deprimierend nah an der Realität für eine Komödie. Marcus H. Rosenmüller (»Wer früher stirbt, ist länger tot«) gelingt es, den Biss von der Bühne auf die Leinwand zu übertragen, dank eines großartigen Ensembles: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Anja Knauer und Fahri Yardim als »der Erol«, über den alle in dritter Person sprechen. Im Theater kann man mitentscheiden, ob »der Erol« seinen Grill bekommt und die Vereinsmitglieder wieder zusammenfinden. Das Ende im Kino wirkt da doch recht hingebogen. Als Gesprächsangebot ist »Extrawurst« aber ein Matchwinner. LARS TUNÇAY

Ein einfacher Unfall

Ein einfacher Unfall

F/LUX/IRN 2025, R: Jafar Panahi, D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, 105 min

Gegen alle Widerstände dreht Jafar Panahi einfach weiter. Lange Zeit hat die iranische Regierung dem Regisseur von »Taxi Teheran« ein Arbeitsverbot auferlegt und ihn unter Hausarrest gestellt. Doch immer wieder gelingt es ihm, einen Film fertigzustellen und aus dem Land zu schmuggeln. In seinem neuesten setzt er sich vermutlich auch mit der eigenen Foltererfahrung auseinander. Zwar hat Panahi seine Gefängnisaufenthalte nie öffentlich thematisiert, aber die Beschreibungen in »Ein einfacher Unfall« gehen tief unter die Haut. Der zunächst harmlose titelgebende Vorfall treibt Rashid in die Werkstatt von Vahid. Als der Familienvater die Garage betritt, ist der Mechaniker wie gelähmt. Das Quietschen des Holzbeins, die Stimme seines Peinigers – Vahid erkennt ihn sofort als den Mann, der ihm einst im Gefängnis fürchterliche Qualen zugefügt hatte. Er beschließt kurzerhand, ihn zu entführen. Doch dann kommen ihm Zweifel: Ist Rashid wirklich der Richtige? Um das zu klären, sucht er mit dem Bewusstlosen im Wagen seine früheren Mitinsassen auf. Atmosphärisch dicht und konzentriert inszenierte Panahi sein höchst spannendes Roadmovie. Die zentrale Begegnung reißt tiefe Wunden auf und stellt die Protagonisten vor eine komplexe moralische Entscheidung. Mit einem starken Ensemble schildert »Ein einfacher Unfall« Traumata, die bis in die Gegenwart reichen. Dafür wurde der Film in diesem Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. LARS TUNÇAY

Lesbian Space Princess

Lesbian Space Princess

AUS 2025, R: Emma Hough Hobbs, Leela Varghese, 86 min

Prinzessin Saira lebt in einer perfekten, wahrhaftigen Woke-Bubble auf dem Planeten Clitopolis. Gerade hat sie ihre große Liebe gefunden, die abenteuerlustige Kiki, die Saira mit all ihrer Liebe überschüttet und die für sie einen Ausweg aus dem tristen Alltag im Schatten ihrer Mütter repräsentiert. Doch Kiki wird es schnell langweilig mit der Prinzessin, die sich für nichts anderes als Zaubertricks zu interessieren scheint. Auf ihrer Flucht vor der allzu eintönigen Beziehung wird Kiki allerdings von den »Straight White Maliens« entführt, die sie in ihre Männerhöhle verschleppen, wo sie von Saira das letzte Bauteil für ihren »Chick-Magnet« erpressen wollen. Um ihre Ex-Freundin zu retten, muss Saira aus ihrem Safe-Space ausbrechen, ihre Selbstzweifel überwinden und zum ersten Mal in ihrem Leben mutig sein. Ein klassischer Road-Trip beginnt, der ohne Rücksicht auf Verluste auf jedem Klischee reitet und unterwegs jedes erdenkliche Wortspiel einsammelt. Es wird gesungen und sehr, sehr viel geweint. Und am Ende gibt es natürlich auch wichtige Botschaften zu lernen. »Lesbian Space Princess« ist ein völlig überladener Animationsfilm für Erwachsene, der keine Sekunde langweilig ist und selbst alten, mürrischen Boomer-Raumschiffen noch etwas beibringen kann. Bei der Berlinale 2025 wurde die Space Princess völlig verdient dafür mit dem Teddy Award als bester queerer Langfilm ausgezeichnet. Hanne Biermann

Aisha Canʼt Fly Away

Aisha Canʼt Fly Away

EGY/SD/TUN/SA/F/D 2025, R: Morad Mostafa, D: Buliana Simon, Ziad Zaza, Emad Ghoniem, 123 min

»Aisha can’t fly away« ist ein dunkler Film in sandfarbener Palette. Er zeigt die prekarisierte Lebensrealität von Aisha, einer sudanesischen Pflegekraft in Kairo. Entfremdet und chancenlos zieht sie in stoischer Gleichgültigkeit ihren Alltag durch, eilt durch die wuseligen Straßen Kairos, versorgt ihre Patientinnen und Patienten mit Mahlzeiten und medizinischer Pflege und beobachtet einen gewaltvollen Bandenkrieg vor ihrem Fenster. Buliana Simon spielt ihre Rolle so überzeugend, zermürbt und zäh zugleich, dass man ihr ohne zu zögern folgt, als der Film vermehrt surreale Symbolik und schließlich Elemente des Body-Horror einsetzt. Aisha wird von ihrem Vermieter, dem Bandenchef Zuka, erpresst und von einem Patienten missbraucht. Ihrem Arbeitgeber ist das egal, er droht Aisha mit der Kündigung. Die Kamera fungiert als Aishas stille Begleiterin, die Soundkulisse ist das Hupen und Rufen der Großstadt, gesprochen wird wenig. Dank eines sehr guten Maskenbildes schreibt sich der Schrecken, dem Aisha ausgesetzt ist, allmählich in ihren Körper ein. Ihre Haut befällt ein unaufhaltsamer Ausschlag, ihr Auge wird blau und sie halluziniert. Und obwohl Aisha schließlich zarte Federn wachsen, kann sie ihrer Situation nicht entkommen, wie der Filmtitel schon verrät. Eine aktuelle und gelungene Charakterstudie als Spielfilmdebüt des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa. Der Film hat in Cannes Premiere gefeiert und ist nichts fürs zarte Gemüt. Greta Jebens

Madame Kika

Madame Kika

B 2025, R: Alexe Poukine, D: Manon Clavel, Ethelle Gonzalez Lardued, Makita Samba, 104 min

Die Story klingt wie aus einem Film der Dardenne-Brüder oder von Ken Loach: Eine junge Mutter verliert ihren Partner. Angesichts steigender Mieten kann sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Weil sie aber keine Sozialhilfe beantragen will, beginnt sie, sich als Sexarbeiterin zu verdingen. Tatsächlich gibt es Gemeinsamkeiten zu den sozialrealistischen Werken der genannten Regisseure: eher triste Umgebungen, wenig Musik, ein großes Herz für die Communitys in den Arbeitervierteln. Doch der Fokus der belgisch-französischen Regisseurin Alexe Poukine liegt zunächst auf ihrer Protagonistin Kika. Dicht bleibt die Kamera ihr auf den Fersen, dokumentiert ihre Versuche, sich nach ihrem Verlust ein neues Leben aufzubauen. Manon Clavel spielt das grandios – die Trauer einerseits und andererseits den Sprung ihrer Figur in die Welt der Prostitution. Diese wird in einer Genauigkeit porträtiert, wie man das selten sieht. Da können erwachsene Männer Windeln tragen oder Schuhe ablecken. Immer behält der Film seinen empathischen Blick und auch Kika beginnt sich durch ihre neue Umgebung zu verändern. Etwas bricht in ihr auf in den roten Zimmern des Stundenhotels. In Gemeinschaft mit den anderen Sexarbeiterinnen, die sie rasch unter ihre Fittiche genommen haben. »Madame Kiki« feierte Premiere in Cannes, steht in der Schlange für die Césars, ist ein berührender Film. Zärtlich und so gut, dass man ihm alle Preise wünscht. Und ein möglichst breites Publikum. Josef Braun

Die jüngste Tochter

Die jüngste Tochter

F/D 2025, R: Hafsia Herzi, D: Nadia Melliti, Park Ji-min, Amina Ben Mohamed, 105 min

Queere Geschichten, viele davon mit Coming-out-Thema, wurden im Kino inzwischen einige erzählt. Nur selten stehen dabei jedoch Charaktere mit muslimischen Wurzeln im Mittelpunkt und insbesondere für homosexuelle Frauen aus diesem Kulturkreis fehlen filmische Identifikationsfiguren sowie ganz generell fiktionalisierte Einblicke für ein interessiertes Publikum. Basierend auf dem autobiografischen Roman »Die jüngste Tochter« von Fatima Daas, deren Eltern aus Algerien stammen, inszenierte Regisseurin Hafsia Herzi nun einen starken Film, der einer gläubigen lesbischen Muslima eine Stimme verleiht. Wir lernen die Protagonistin als solide Schülerin aus der Pariser Banlieue kurz vor dem Abitur kennen, die gerne Fußball spielt, sich burschikos kleidet und sich überwiegend mit prahlerischen männlichen Schulfreunden umgibt. Fatima ist der Islam wichtig und sie versucht, sich an dessen Regeln zu halten. Das gelingt ihr aber spätestens mit Antritt ihres Philosophiestudiums immer schlechter, als sie sich hadernd eingestehen muss, dass sie ausschließlich auf Frauen steht. Aus dem überwiegend mit Laien besetzten Schauspielensemble sticht Nadia Melliti als echte Entdeckung heraus – in Cannes wurde sie für ihr Debüt prompt mit dem Preis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet. Sie ist die Seele von Herzis Film, der sich mit viel Fingerspitzengefühl einer nicht immer sympathischen, aber stets glaubwürdigen Heldin widmet. Peter Hoch

Der Fremde

Der Fremde

F 2025, R: François Ozon, D: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 120 min

François Ozon hat schon originäre eigene Stoffe verfilmt, etliche Bühnenstücke und immer wieder Romane (»Sommer 85«, »Alles ist gutgegangen«). Nun hat er sich erstmals an einen Jahrhundertroman gewagt, den 1942 erschienenen »Der Fremde« von Albert Camus. Darin geht es um den jungen Franzosen Meursault, der in den dreißiger Jahren im von Frankreich besetzten Algerien unter Mordanklage gerät. Er soll einen Araber erschossen haben. Vom Auftakt im Gefängnis springt der Film zurück zur Beerdigung von Meursaults Mutter, der dieser seltsam teilnahmslos beiwohnt, und zeigt schließlich auch dessen Freundschaft mit dem Zuhälter Raymond, die in einem Mord am Strand gipfelt. Es ist erstaunlich, wie wortkarg die erste Hälfte von »Der Fremde« angelegt ist, gerade weil sie auf einer so eloquenten Romanvorlage basiert. Aber gemeinsam mit seinem Chefkameramann Manuel Dacosse hat François Ozon hier ganz wundervolle Schwarz-Weiß-Bilder gefunden, in denen die Stimmung und die Themen des Buches auch ohne viele Dialoge vorzüglich transportiert werden. In der finalen Gerichtsverhandlung wird das gesprochene Wort dann deutlich wichtiger, und auch hier gelingt es dem vielseitigen Filmemacher, die von Albert Camus angesprochenen Motive deutlich zu machen. Zugehörigkeitsfragen, Rassenkonflikte und der Komplex um Glaube und Religion sind nach wie vor sehr aktuell. Frank Brenner

Rückkehr nach Ithaka

Rückkehr nach Ithaka

GB/I/GR/F 2024, R: Uberto Pasolini, D: Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Charlie Plummer, 118 min

Spoiler-Alarm auf der Leinwand: Bevor 2026 Christopher Nolan seine Interpretation von Homers »Odyssee« in die Kinos bringen wird, kann das Publikum schon jetzt den Ausgang der Geschichte erfahren. Regisseur Uberto Pasolini hat sich des abschließenden Drittels des fast 3.000 Jahre alten griechischen Epos angenommen und daraus ein Drama über die Folgen von Kriegsversehrtheiten gemacht – jener der Kämpfer auf dem Schlachtfeld wie auch jener der Frauen und Kinder daheim. König Odysseus kehrt darin nach seinen Erlebnissen rund um den Trojanischen Krieg nicht als Held, sondern als gebrochener Mann auf seine Heimatinsel Ithaka zurück. Zu erkennen gibt er sich allerdings nicht, zu schwer wiegt für ihn die Schuld, dass keiner seiner Gefährten überlebt hat. Seine Frau Penelope hält indes schon lange den Avancen zahlloser Freier stand, die durch eine Heirat zum neuen König werden wollen, während ihr Sohn Telemachus die Hoffnung auf die Heimkehr seines Vaters längst aufgegeben hat. Nach »Stürmische Leidenschaft« und »Der englische Patient« geben Ralph Fiennes und Juliette Binoche hier zum dritten Mal bravourös ein Liebespaar, wobei sie erst im letzten Akt aufeinandertreffen. Ohne jeglichen Fantasy-Ballast, sondern fast wie ein Kammerspiel anmutend, erzählt der Film – vom blutigen Finale einmal abgesehen – betont ruhig davon, dass es bei Kriegen nur Verlierer und nie wirkliche Gewinner gibt. Peter Hoch

Sorry, Baby

Sorry, Baby

USA/E/F 2025, R: Eva Victor, D: Eva Victor, Naomi Ackie, Lucas Hedges, 104 min

Das Schlüsselereignis, um das sich Eva Victors »Sorry, Baby« in mehreren Zeitebenen wie um einen Gravitationspunkt dreht, bleibt uns erspart. Stattdessen sehen wir die Spuren, die Folgen, die Kämpfe, aber auch: Mitgefühl, Freundschaft, Liebe und viel Witz. Protagonistin Agnes, gespielt von Eva Victor selbst, arbeitet am Literaturinstitut einer amerikanischen Kleinstadtuni. Und sie ist sehr begabt, was nicht zuletzt ihrem Professor, Mentor und irgendwie auch Vorbild aufgefallen ist. Agnes folgt seiner Einladung, ihre Dissertation in seinem Haus zu besprechen. Wir sehen sie aus einiger Entfernung das Haus betreten, wir können nicht hineinsehen, aber schon diese gänzlich unexploitative Entscheidung Victors erzählt genug. Es gibt einen Sprung, plötzlich ist es finster und Agnes verlässt überstürzt das Haus, ihr Professor statisch im Hintergrund. In fünf Episoden erzählt »Sorry, Baby« von davor und danach. Eva Victor beweist in ihrem Umgang mit diesem traumatischen Stoff einen kühlen Kopf. Denn bei aller Tragik belebt sie Agnes mit solch einer komischen, liebenswürdigen Aura, wie man sie so zuletzt vielleicht bei »Frances Ha« gesehen hat. Die Wärme ihrer besten Freundin Lydie, einfühlsame Zufallsbegegnungen und ihr trotzender Weg zur Literaturprofessorin ins Büro ihres einstigen Mentors, der längst das Weite gesucht hat, stabilisieren den Film und Agnes, ohne etwas von ihrem Schmerz zu bagatellisieren. Ein neuer Stern im US-Indiekino. Philipp Mantze

Rückkehr nach Montauk

Rückkehr nach Montauk

D/F/IRL 2017, R: Volker Schlöndorff, D: Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff, 106 min

Doreen Rothmann

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

D 2025, R: Wolfgang Becker, D: Charly Hübner, Christiane Paul, Leon Ullrich, 113 min

Mit »Good Bye, Lenin!« gelang dem (westdeutschen) Regisseur Wolfgang Becker 2003 ein Komödienhit, auf den sich Ost und West einigen konnten. Es dauerte zwölf Jahre, bis er mit der Daniel-Kehlmann-Adaption »Ich und Kaminski« seinen nächsten Film inszenierte. Bevor er im vergangenen Jahr überraschend verstarb, hatte er in Leipzig die Dreharbeiten zum Schelmenstück »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« beendet, mit dem er zur deutsch-deutschen Geschichte zurückkehrt: Im Mittelpunkt der Adaption von Maxim Leos Roman steht Videothekar Micha, der im Leben hängengeblieben ist. Er pennt im Laden, legt seinen Bademantel nur selten ab und die Rechnungen und Mahnungen stapeln sich. Als der Journalist Leon Ullrich auftaucht und Fragen über Michas Vergangenheit stellt, gibt der erst nach, als Geld winkt. Ein folgenschweres Nicken auf die Frage, ob der ehemalige Eisenbahner Menschen zur Flucht verholfen habe, bringt dem Schluffi ungewollte Aufmerksamkeit, denn Ullrich bauscht die Geschichte groß auf und macht aus ihm einen Helden. Kurz vor seinem Lebensende drehte Becker noch einmal auf, verteilt satirische Seitenhiebe auf die Medien, auf West- ebenso wie auf Ostdeutsche und lässt dafür ein glänzend aufgelegtes Ensemble auflaufen. Auch wenn es einige Zugeständnisse ans Mainstreampublikum gibt, wie etwa die bemühte Liebesgeschichte zwischen Charly Hübners Micha und Christiane Pauls Paula Kurz, unterhält der Held ganz hintersinnig und hervorragend. Lars Tunçay