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Rezensionen

Geschlechterkampf – Das Ende des Patriarchats

Geschlechterkampf – Das Ende des Patriarchats

D 2023, R: Sobo Swobodnik, D: Margarita Breitkreiz, Isabel Thierauch, Reyhan Sahin, 101 min

Marga hat das Patriarchat gründlich satt. Als Schauspielerin Anfang 40 mit migrantischer Herkunft ergattert sie trotz vielversprechenden Karrierestarts kaum noch Engagements. Dabei spürt sie immer mehr, wie geschlechterspezifisch ungerecht es in der Branche zugeht. Und auch sonst springen sie an jeder trostlosen Berliner Ecke patriarchale Strukturen an. Auf der Straße, im Späti und in den Öffis tummeln sich übergriffige Männer, selbst der Callcenter-Chef wähnt sich genüsslich in einer Machtposition. Und bei jedem Termin beim Arbeitsamt sitzt derselbe Berater im Strickpullunder da, der nichts von ihrer Situation versteht und trotzdem über deren Verlauf mitentscheiden darf. Da hilft nur: sich zur Wehr setzen und Banden bilden. Denn das Patriarchat zu zerschlagen, ist nichts für Einzelkämpferinnen, da stimmt auch Theresa Bücker bei einer gemeinsamen Bootstour mit der Protagonistin zu. Neben der Autorin begegnen uns noch zahlreiche andere Stimmen des Feminismus in »Geschlechterkampf« – manche in Form ihrer zitierten Gedanken, wie Laurie Penny oder Audrey Hepburn, andere, wie Bücker oder Lady Bitch Ray, leibhaftig. Anhand der Biografie der Hauptdarstellerin versucht »Geschlechterkampf – das Ende des Patriarchats« Geschlechterfragen in einer thesenhaften Annäherung zu erkunden. Am Ende wird klar: Um mit den vorherrschenden Strukturen zu brechen, müssen feministische Kämpfe vereinigt werden. SARAH NÄGELE

Talk To Me

Talk To Me

GB 2023, R: Danny Philippou, Michael Philippou, D: Sophie Wilde, Joe Bird, Alexandra Jensen, 94 min

In einer Teenagerclique kursiert gerade ein seltsamer mystischer Gegenstand: Eine Keramikhand soll es dem Berührenden ermöglichen, Geister verstorbener Menschen in sich aufzunehmen, die dann durch ihn sprechen. Mia hat vor nicht allzu langer Zeit ihre Mutter durch eine Tablettenüberdosis verloren. Ihr Vater ist ihr bei der Trauerarbeit keine allzu große Hilfe, stattdessen findet sie Trost bei ihrer besten Freundin Jade und deren Familie. Als die Freundinnen ebenfalls an den Ritualen mit der Geisterhand teilnehmen, erscheint Mia schließlich ihre verstorbene Mutter. Das Langfilmdebüt der beiden durch Youtube-Clips bekannt gewordenen australischen Zwillingsbrüder Danny und Michael Philippou erfindet das Horrorgenre natürlich nicht neu, ist aber für ein Erstlingswerk erstaunlich clever gemacht und tiefgründiger als erwartet. Denn die beiden Filmemacher entfalten darin einen interessanten Diskurs über Leben und Tod, beschäftigen sich mit Trauerbewältigung, der Notwendigkeit, loslassen zu können, und tangieren sogar kurz das Thema Sterbehilfe. Von diesen inhaltlichen Aspekten abgesehen gelingt es den Brüdern aber auch sehr überzeugend, eine spannende Gruselatmosphäre aufzubauen, die das Publikum effektvoll in ihren Bann zieht, ohne dass das Regieduo dabei häufig auf die dankbaren, aber doch recht platten Jump-Scares zurückgreifen müsste, die heutzutage oft eingesetzt werden. Frank Brenner

Past Lives – In einem anderen Leben

Past Lives – In einem anderen Leben

USA 2022, R: Celine Song, D: Greta Lee, Yoo Teo, John Magaro, 106 min

Der Blick über die Theke ans andere Ende einer Bar weit nach Mitternacht. Eine Koreanerin und ein Koreaner unterhalten sich, ein Amerikaner sitzt gelangweilt daneben. Zwei Stimmen aus dem Off überlegen, was ihre Geschichte sein könnte. So bringt Regisseurin Celine Song in ihrem autobiografisch geprägten Debüt das Spiel mit dem Schicksal ins Rollen. Schließlich erzählt das Leben manchmal die besten Geschichten. Dies ist jene von Nora und Hae Sung: In ihrer Kindheit waren sie Freunde, teilten den Schulweg miteinander und den Wettstreit um gute Noten. Mit zwölf trennten sich ihre Wege. Nora wanderte mit ihrer Familie nach Kanada aus. Zwanzig Jahre später liegt ihre Kindheit weit zurück. Sie lebt zwischenzeitlich in New York. Ihre Arbeit als Übersetzerin ist hoch angesehen und bei einem Schreibworkshop lernt sie Arthur kennen und lieben. Eines Tages erhält sie eine Facebook-Anfrage von Hae Sung, der unterdessen als Manager in Seoul arbeitet. Zwischen den beiden entwickelt sich ein angeregter Austausch. Als Hae Sung beschließt, für ein paar Tage nach New York zu reisen, bringt das Noras Leben gründlich durcheinander. Einfühlsam und charmant schildert »Past Lives« das Gefühlschaos, wenn ein Mensch, mit dem man die Vergangenheit verbindet, plötzlich in die Gegenwart tritt und das sorgsam sortierte Leben zwischen den Kulturen gründlich auf den Kopf stellt. Damit ist Celine Song eine universelle Geschichte über Migration gelungen, die von einem wundervollen Schauspielensemble getragen wird. Lars Tunçay

Last Contact

Last Contact

GB/D/EST 2023, R: Tanel Toom, D: Lucien Laviscount, Kate Bosworth, Thomas Kretschmann, 117 min

Der Wind peitscht gegen das Metall und droht die Station in Stücke zu reißen, während die Mannschaft versucht, dem Meer ein paar Fische abzuringen. Am nächsten Morgen scheint die Sonne über dem endlosen Meer, das 90 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, seit die Menschheit sich gegenseitig und schließlich die Natur zerstört hat. Nur noch zwei Kontinente sind übrig und führen seit Jahrzehnten einen Krieg um die Vorherrschaft. Die Station ist der letzte Außenposten und Hüter einer Waffe, die den Krieg beenden und die Menschheit endgültig auslöschen könnte. Daher hat es sich Kommandeur Hendricks zur Aufgabe gemacht, den Posten mit allen Mitteln zu verteidigen. An seiner Seite sind aber nur noch die zweite Befehlshabende Cassidy, der Soldat Sullivan und Mechaniker Baines. Als Zweifel über den Sinn der Mission aufkommen, riecht Hendricks eine Meuterei. Die Prämisse des zweiten Langfilms von Tanel Toom ist vielversprechend, die Spannung in der Auftaktsequenz hoch. Aber beides ist irreführend. Denn dem oscarnominierten estnischen Regisseur geht es mehr um die Charakterisierung seiner Figuren. Die sind allerdings allesamt recht eindimensional, so dass auch die Crew aus Kate Bosworth, Lucien Laviscount, Martin McCann und Thomas Kretschmann nicht wirklich viel daraus machen kann. Was in Erinnerung bleibt, ist vor allem das interessante Endzeit-Szenario, das durch die überzeugende visuelle Gestaltung zum Leben erweckt wird. Lars Tunçay

Im Herzen Jung

Im Herzen Jung

F/B 2021, R: Carine Tardieu, D: Fanny Ardant, Melvil Poupaud, Cécile de France, 115 min

Eine flüchtige Begegnung, kaum mehr als ein kurzes Gespräch auf einem Krankenhausflur, reicht für Shauna und Pierre aus, um sich zueinander hingezogen zu fühlen. Aber erst 15 Jahre später laufen sich die beiden durch einen Zufall erneut über den Weg. Shauna ist inzwischen 71 Jahre alt, Pierre 45, beide sind nicht auf der Suche nach einer neuen Liebe: Er hat Frau und Kinder, Shauna ist mit ihrem Mutter- und Großmutterdasein ebenfalls ausgefüllt. Und doch entwickelt sich eine Affäre zwischen ihnen, ungeachtet des Altersunterschiedes. Was zentrales Motiv des Films sein möchte, ebenjene 26 Jahre, fällt aber dramaturgisch zunächst weder optisch noch physisch besonders ins Gewicht. Nur das Umfeld des Paares wird nicht müde, auf den deutlichen Abstand zwischen Shauna und Pierre hinzuweisen. Fanny Ardant und Melvil Poupaud geben sich größte Mühe, die Anziehung und Unsicherheiten ihrer Figuren zu verkörpern, aber die Geschichte bleibt oberflächlich. Erst die letzten 20 Minuten von »Im Herzen jung« lassen erahnen, wohin der Film mit einem klareren Fokus hätte gehen können. Grundlage für den Film ist die Erzählung der verstorbenen Drehbuchautorin Sólveig Anspach, die sich dafür vom späten Liebesglück ihrer Mutter inspirieren ließ. Hanne Biermann

Ernest & Célestine: Die Reise ins Land der Musik

Ernest & Célestine: Die Reise ins Land der Musik

F 2022, R: Julien Chheng, Jean-Christophe Roger, D: Lambert Wilson, Pauline Brunner, Michel Lerousseau, 79 min

Vor zehn Jahren erzählte der oscarnominierte Zeichentrickfilm »Ernest & Célestine« von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Bären und einer Mäusedame. Zwischenzeitlich leben die Freunde Ernest und Célestine in einer Wohngemeinschaft. Der Frühling ist da und Bär Ernest erwacht mühsam aus dem langen Winterschlaf. Als die quirlige Mäusedame Célestine die geliebte Geige des Bären holen will, um die Lebensgeister von Meister Petz zu wecken, stolpert sie und das Instrument ist hin. Nur der Geigenbauer Octavius kann sie reparieren. Doch der lebt in Ernests Heimat, die der Bär vor langer Zeit verlassen hatte. In seiner Erinnerung ist Charabien das Land, in dem es überall Musik gibt. Als die beiden dort eintreffen, müssen sie aber feststellen, dass die Richter alle Töne bis auf einen verboten haben. Gemeinsam treffen sie auf die geheimnisvolle Mifasol, Anführerin des Wiederstands, und bringen mit viel Mut, Ideen und Witz die Musik zurück in die Straßen von Charabien. Mit pointierter Kritik an irrationalen Dogmen erzählt die Fortsetzung eines der schönsten Animationsfilme der vergangenen Jahre in detailverliebten Zeichnungen ein turbulentes musikalisches Abenteuer. Ein liebevoll gestalteter, klassischer Trickfilm mit subversiver Botschaft. Vorlage für die fantasievollen Abenteuer von Ernest und Célestine war die Kinderbuchreihe »Mimi und Brumm« von Gabrielle Vincent. Lars Tunçay

Brother’s Keeper

Brother’s Keeper

TRK/RUM 2021, R: Ferit Karahan, D: Samet Yildiz, Ekin Koç, Mahir Ipek, 85 min

Es ist ein einprägsames Bild. Drei Jungen stehen in einer Dusche und gießen sich mit einer Schale abwechselnd Wasser über den Kopf. Das Drama entsteht durch den Kontext. Die Jungen leben in einem Internat in den Bergen von Ostanatolien. Sie sind Kurden, die mit harter Hand zu »aufrechten Türken« erzogen werden sollen. Weil sie sich um die Wasserschale gestritten haben, müssen sie sich mit kaltem Wasser abduschen. Bei Außentemperaturen von minus 34 Grad, während nebenan der Badezimmerpräfekt steht und sie anschreit. Regisseur Ferit Karahan ist selbst Kurde und war auf einer ähnlichen Schule wie der im Film gezeigten. In Interviews hat er wiederholt darauf hingewiesen, mit »Brother’s Keeper« auch eigene Erfahrungen zu verarbeiten. Vermutlich erklärt sich so die besondere Sensibilität seiner Aufnahmen. Das Changieren zwischen Wut und Empathie für die Schüler, aber eben auch die Lehrer, die oft zu drakonischen Maßnahmen greifen, um die Ordnung zu erhalten. Den Rest erledigt ein durchweg überzeugender Cast. Einen Tag nach dem Vorfall unter der Dusche öffnet der junge Memo seine Augen nicht mehr. Sein bester Freund Yusuf bringt ihn ins Krankenzimmer. Doch dort gibt es nur Aspirin. Während draußen der Schnee fällt und die Wege unpassierbar macht, verschlechtert sich die Gesundheit des kleinen Memo und zwingt Lehrer und Schüler zu einem Blick in den Abgrund. »Brother’s Keeper« ist ein bemerkenswerter Film von zärtlicher Wucht. Josef Braun

Forever Young

Forever Young

F 2022, R: Valeria Bruni Tedeschi, D: Nadia Tereszkiewicz, Sofiane Bennacer, Louis Garrel, 126 min

Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi besinnt sich in »Forever Young« auf ihre eigene Zeit am Théâtre des Amandiers im Pariser Vorort Nanterre in den achtziger Jahren. Der Film folgt drei Schauspielstudierenden, die mit großen Hoffnungen ihre Ausbildung starten. Ein Großteil der Handlung dreht sich um die destruktive Affäre zwischen Stella und Etienne. Sie ein schönes, naives Naturtalent, er gequälte Künstlerseele voller selbstzerstörerischer Impulse. Diese altbekannte Dynamik zwischen überholten Stereotypen ist möglicherweise bewusst gewählt, schließlich blickt der Film auf ein lange vergangenes Jahrzehnt, allerdings wirkt das Endergebnis eher staubig-frustrierend als rührend-nostalgisch. Dazu kommt das Pathos, mit dem jede Szene überladen scheint. Nichts, was diese jungen Menschen erleben, ist banal. Und das nicht im handlungstragenden, sondern im anstrengenden Sinne. Das Zuschauererlebnis ist geprägt durch den Impuls, die Charaktere anzuflehen, das alles und vor allem sich selbst doch bitte nicht so ernst zu nehmen. Darüber trösten auch die schönen Bilder nicht hinweg, die »Forever Young« bietet: Denn das Skript entbehrt jeglicher Rechtfertigung dafür, diese über stattliche zwei Stunden zu zeigen. Als Musikvideo hätte das Werk vermutlich Potenzial, in seiner jetzigen Form wirkt es durch seine theatralische Überfrachtung wie missglückte Satire. LAURA GERLACH

Alma und Oskar

Alma und Oskar

A/CH/D/CZ 2022, R: Dieter Berner, D: Emily Cox, Valentin Postlmayr, Táňa Pauhofová, 88 min

Anfang 1911 absolviert Alma Mahler zusammen mit ihrem Mann Gustav eine Tournee durch die USA. Die 31-Jährige unterstützt den gefeierten Komponisten und Dirigenten auf vielfältige Weise, hat aber auch selbst musikalische Ambitionen, die der zwanzig Jahre ältere Gatte kaum fördert. Als herauskommt, dass Alma eine Affäre mit dem aufstrebenden Architekten Walter Gropius hat, kommt es zum Streit. Vier Monate später stirbt Gustav Mahler an einer Herzerkrankung – und seine lebenslustige Witwe wird bald zur gefragtesten Junggesellin auf dem Heiratsmarkt der Wiener Oberschicht. Alma entflammt jedoch für den Künstler Oskar Kokoschka, noch als der die Totenmaske für ihren verstorbenen Mann anfertigt – der Anfang einer problematischen Beziehung, die von Kokoschkas Obsession für Alma und deren Freigeistigkeit und Unwillen, sich emotional an jemanden zu binden, geprägt ist. Sieben Jahre nach »Egon Schiele: Tod und Mädchen« hat sich Dieter Berner in diesem Biopic erneut Persönlichkeiten der Wiener Moderne angenommen. In knappen neunzig Minuten fasst der österreichische Regisseur die wesentlichen Punkte aus den Leben Almas und Oskars zusammen, die von Emily Cox und Valentin Postlmayr durchaus gelungen verkörpert werden. Wirklich nahe kommt man den Figuren dabei allerdings nicht, was zwar auch an deren Charakteren liegen mag, unterm Strich aber einfach das Filmerlebnis schmälert. Peter Hoch

The Art Of Love

The Art Of Love

GB/CH 2022, R: Philippe Weibel, D: Alexandra Gilbreath, Oliver Walker, Kenneth Collard, 107 min

»Du hast eine Menge Platten, aber hörst sie dir nie an. Du hast über eine Million Instagram-Follower, aber bekommst nie Besuch. Du kommst nach Hause und schaust dir Eiskunstlauf an«, wird Adam Kowinski von seiner Nachbarin Claire charakterisiert. Adam ist das Gesicht des Londoner Sextoy-Herstellers Art of Love, reich an öffentlicher Aufmerksamkeit und arm an zwischenmenschlichen Beziehungen. Er hält Firmengründer Hector für seinen einzigen Freund, der sieht in ihm aber lediglich das Zugpferd seiner Firma und ist allzeit bereit, ihn für den größtmöglichen Profit zu verkaufen. Den verspricht Hector sich von seinem aktuellen Projekt: einer Puppe, die mithilfe neuester Hardware und künstlicher Intelligenz echte menschliche Kameradschaft simulieren kann. Frei von Unannehmlichkeiten wie eigenen Bedürfnissen und Meinungen, versteht sich. Die U-Bahn-Angestellte Eva Parker, selbst gerade in einer Ehekrise gefangen und Verfasserin hochpoetischer Sextoy-Reviews, soll die Puppe Empathie lehren, während Adam das physische Können des Androiden trainiert. So treffen die beiden aufeinander und, vorhersehbarerweise, entwickelt sich trotz ihrer Differenzen eine aufrichtige Freundschaft. Gilbreath und Walker porträtieren menschliche Verletzlichkeit und darüber triumphierenden Mut so überzeugend, dass unbefriedigend ausgeführte Handlungsstränge kaum ins Gewicht fallen. Trotz der etwas klobigen Symbolik ist »The Art of Love« eine herzerwärmende Erzählung über Einsamkeit und Gegenmittel. Laura Gerlach

Chevalier Noir

Chevalier Noir

F/IRN/D/I 2022, R: Emad Aleebrahim Dehkordi, D: Iman Sayad Borhani, Payar Allahyari, Masoumeh Beygi, 102 min

In vielen Szenen dieses Films herrscht Dunkelheit – nicht nur lichttechnisch, sondern auch thematisch. Denn das iranisch-deutsch-französisch produzierte Drama »Chevalier Noir« (»Schwarzer Ritter«) handelt vor allem von Drogen, Gewalt und Tod. Im Mittelpunkt agieren zwei gegensätzliche Brüder: Der aufbrausende Iman will mit verbotenen Substanzen das große Geld scheffeln, sein jüngerer, loyaler Bruder Payar steht dem Vater zur Seite, der nach dem Tod seiner Frau und Mutter der beiden Söhne gebrochen ist – und vor allem mit dem abtrünnigen Iman im Konflikt steht. Als der ältere Spross tiefer in eine Spirale aus Drogenhandel und Gewalt gerät, geht es nicht nur um Autonomie, sondern um Leben und Tod – für alle. Das Publikum sieht einen Iran, wie ihn das autoritäre Regime sicher nicht sehen will: Rauschende Partys, liberale Exilanten, sanfte Systemkritik und versagende alte Männer. Regisseur Emad Aleebrahim Dehkordi webt die thematischen Fäden aus Kriminalität, Familienzwist und -bande sowie Selbstermächtigung so geschickt ineinander – ähnlich dem teuren Teppich, den Iman als Pfand zu einem Deal mitbringt. Dazu eindringliche stille Momente, die mit den emotionalen Ausbrüchen Imans ein passendes Gefühlsmosaik abgeben. Dehkordis erster Langfilm sollte nicht sein letzter sein und reiht sich ein in eine neue Generation prestigeträchtiger iranischer Film-Exporte. Markus Gärtner

L’immensità – Meine fantastische Mutter

L’immensità – Meine fantastische Mutter

I/F 2022, R: Emanuele Crialese, D: Penélope Cruz, Vincenzo Amato, Luana Giuliani, 97 min

Clara und ihre Kinder sind eine eigeschworene Gemeinschaft. Mit Fantasie und Liebe macht die Mutter den Alltag ein wenig bunter. Wenn der Vater im Haus ist, herrschen Ordnung und Tristesse. Für Teenager Adri ist das Heranwachsen im Rom der Siebziger eine verwirrende Zeit. Während seine Eltern zunehmend streiten, verliebt er sich in ein Mädchen aus dem Arbeiterviertel und gibt sich als Andreas aus – dabei steht in seinem Pass Adriana. Clara versucht unterdessen hilflos, den Optimismus aufrechtzuerhalten, und kaschiert die blauen Flecken mit Make-up. Adri verliert sich immer mehr in Tagträumen, die Regisseur und Autor Emanuele Crialese in wunderbar arrangierten Tanzsequenzen inszeniert. Die kunstvoll gestalteten Bilder von Gergely Pohárnok sind in warme Farben getaucht, die Kostüme und die Bildgestaltung geben ein traumgleiches Gefühl der siebziger Jahre wieder, die für Clara eher Albtraum sind, gefangen in einer lieblosen Ehe. Penélope Cruz spielt sie einnehmend und das Auge der Kamera inszeniert sie bittersüß als Darstellerin in ihrem eigenen Leben. Eine Entdeckung ist Hauptdarstellerin Luana Giuliani, die die Zerrissenheit von Adri überzeugend verkörpert. Leider verliert sich »L’Immensità« im letzten Akt in der Form, ohne die vielen Problemfelder zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. Schade, denn die Suche nach geschlechtlicher Identität vor dem Hintergrund einer zerbrechenden Familie schildert der Film in einnehmenden Bildern, die bleiben. Lars Tunçay

Mit Liebe und Entschlossenheit

Mit Liebe und Entschlossenheit

F 2022, R: Claire Denis, D: Juliette Binoche, Vincent Lindon, Grégoire Colin, 116 min

Für Sara und Jean ist es ein zweiter Frühling, dabei ist es bereits Winter, als sie vom Urlaub nach Paris zurückkehren, das Licht des azurblauen Ozeans und ihre Liebe zueinander im Kopf. Als sie sich kennenlernten, war Jean verheiratet und Sara in einer Beziehung mit François. Heute, einige Jahre später, sind sie ein Paar, doch als François wieder auftaucht, wirft es beider Leben durcheinander. Zunächst ist es der leidenschaftliche Fußballtrainer Jean, der sich wieder mit dem alten Geschäftspartner und Freund trifft und beschließt, eine Agentur für Spielervermittlungen mit ihm zu eröffnen. Doch als sich auch Sara und François wieder begegnen, ist da diese Leidenschaft, die nie erlosch. Die französische Autorenfilmerin Claire Denis (»Beau travail«) inszeniert hier ein schmerzhaft dichtes Beziehungsdrama. Die Dreiecksgeschichte verfällt nicht den üblichen Klischees, die Dialoge sind ehrlich, die Anziehung spürbar, die Hilflosigkeit, mit der Sara in alte Muster zurückfällt, ist aufrichtig. Zu verdanken hat Denis’ Film dies zu großen Teilen der schauspielerischen Leistung seiner beiden Hauptdarsteller: Juliette Binoche und Vincent Lindon machen sich die Intimität der Kamera zunutze und überzeugen durch ein exzellentes Zusammenspiel – auch ein Verdienst der meisterhaften Schauspielführung. Bei der Berlinale im vergangenen Jahr gab es dafür den Silbernen Bären für die beste Regie. Lars Tunçay

Die Purpursegel

Die Purpursegel

F/I/D/RUS 2022, R: Pietro Marcello, D: Raphaël Thiéry, Juliette Jouan, Louis Garrel, 100 min

Das Land ist verwüstet. Vorbei an Leichen und Gräbern wandert Raphaël durch die Normandie den weiten Weg nach Hause. Seine Frau Marie wartet dort nicht mehr. Sie ist gestorben wie so viele in Frankreich in den vergangenen Jahren des Weltkriegs (der später zum Ersten wurde). Doch Raphaël hat eine Tochter, die liebevoll von Adeline umsorgt wird. Die kleine Juliette wächst heran, während der talentierte Handwerker nur mühsam Arbeit findet. Aus dem kleinen Mädchen wird eine hübsche Frau, die sich in den Piloten Jean verliebt. Doch die Abenteuerlust treibt diesen hinaus in die Welt und Juliette ist allein mit den Vorurteilen und Ressentiments der Dorfbewohner. Wie schon bei seiner starken Jack-London-Adaption »Martin Eden« mischt der Italiener Pietro Marcello seine Erzählung auch hier mit dokumentarischen Aufnahmen der Zeit. Nachkoloriert und eingefasst in die Leinwand sind die Übergänge zum gedrehten Filmmaterial fließend. Durch die Körnung, die zeitgemäße Bildgestaltung und nicht zuletzt durch die kantigen, zerfurchten Gesichter der Darsteller und Darstellerinnen entsteht ein einzigartiges Gefühl für die Zeit. Die Geschichte, angelehnt an den Roman »Das Purpursegel« des russischen Autors Alexander Grin, mag einfach erzählt sein, die Schauspieler füllen sie mit Wärme in einer kalten Zeit. Ein Gesamtkunstwerk, untermalt von der mitreißenden Musik des Oscar-Preisträgers Gabriel Yared (»Der englische Patient«), gefasst in die kunstvollen Bilder von Marco Graziaplena. Lars Tunçay

Rodeo

Rodeo

F 2022, R: Lola Quivoron, D: Julie Ledru, Yanis Lafki, Antonia Buresi, 106 min

Verbissen sind die Gesichtszüge von Julia. Im Alltag muss sie sich stets behaupten. Sei es in der Wohngemeinschaft in einer Sozialbausiedlung am Rande der Großstadt oder wenn sie den Respekt der anderen Motorradfreaks sucht, die abseits der Autobahn ihre Tricks aufführen. Julia reagiert aggressiv auf die feindliche Welt um sie herum und macht ihre eigenen Regeln. Nur wenn sie auf dem Motorrad sitzt und der Wind durch ihre Locken fährt, leuchtet sie auf. Um an Geld zu kommen, stiehlt sie Dirt Bikes von ahnungslosen Verkäufern und erarbeitet sich so den Respekt einer Motorradgang, deren Anführer Domino im Knast sitzt. Als Julia jedoch immer mehr ihre Deckung fallen lässt und beginnt, sich für dessen Frau Ophélie und deren kleinen Sohn einzusetzen, wird sie verletzt. Mit unbändiger Energie startet Lola Quivoron ihren Film. Die Handkamera ist dicht bei Julia und begleitet sie durch ihre Welt, die immer auf der Kippe steht. Diese Energie kommt vor allem von Hauptdarstellerin Julie Ledru, die wie die meisten Darstellerinnen in Quivorons kraftvollem Regiedebüt zum ersten Mal vor der Kamera stand. Lange studierte die Regisseurin die Biker-Szene, bis sie auf Julia traf, die einzige Frau in dieser von Männern dominierten Welt. Ihre Geschichte floss maßgeblich in das Drehbuch, so dass sie auch einen Teil ihrer selbst auf der Leinwand verkörpert. Das verleiht dem faszinierenden Drama, das seine Premiere in der Sektion Un Certain Regard in Cannes feierte, zusätzliche Authentizität. Lars Tunçay

Unser Fluss ... Unser Himmel

Unser Fluss ... Unser Himmel

F/GB/D/CUW/IRQ/VAE/KAT 2021, R: Maysoon Pachachi, D: Darina Al Joundi, Zainab Joda, Basim Hajar, 117 min

Eigentlich war die Geschichte immer ganz einfach. Ein Trupp amerikanischer Soldaten betritt ein feindliches Land, namentlich den Irak und schmiedet im Feuer von Scharfschützen und Bombenhagel Verbindungen fürs Leben. »Green Zone« hat so funktioniert, »Jarhead« und am erfolgreichsten Katherine Bigelows »The Hurt Locker«. Viel weniger beachtet blieb dabei die Perspektive der irakischen Bevölkerung. In Hollywood-Filmen besteht sie in der Regel aus vermummten Figuren, die alles tun, um Amerikaner zu töten. Kein Wunder also, dass die irakisch-britische Regisseurin Maysoon Pachachi diesem Bild etwas entgegensetzen wollte. Ihr Film »Unser Fluss … unser Himmel« erzählt von einer Nachbarschaft in Bagdad zur Zeit der amerikanischen Invasion. Über knapp zwei Stunden reiht er alltägliche Szenen aneinander, die sich vor dem Hintergrund einer zerstörten Stadt abspielen. Man sieht zerschossene Autos, Blut an den Wänden, Leichen, die aus Flüssen gezogen werden, und man hört die Bomben, laute Explosionen und das Geheul von Sirenen. Dazwischen Mädchen, die zur Schule gehen. Erwachsene, die ihre Berufe verfolgen. All das könnte sich zu einem packenden Film vermengen. Nur leider geht die Mischung nie ganz auf. Zwar überzeugen einzelne Einstellungen, doch viele Szenen bleiben blass. Als gelänge es dem Film nicht, seine Mitte zu finden, trudelt er voran. Erzählt mal hiervon, mal davon, um dann abrupt auf dem titelgebenden Fluss zu enden. Josef Braun

20.000 Arten von Bienen

20.000 Arten von Bienen

E 2023, R: Estibaliz Urresola Solaguren, D: Sofía Otero, Patricia López Arnaiz, Ane Gabarain, 125 min

Die Eltern versuchen es vor den Kindern zu verbergen, aber auch die ahnen bereits, dass es eine Veränderung geben wird. Als ihre Mutter Ane mit ihnen in ihre baskische Heimat reist, ist der Vater nicht dabei. Cocó fühlt sich von Anfang an fehl am Platz. Das liegt auch daran, dass alle sie Aitor nennen – ihr Geburtsname als Junge –, der sich für die Achtjährige fremd anfühlt. Die Mutter hat wenig Verständnis dafür. Nur ihrer einfühlsamen Großtante, der Bienenzüchterin, kann sie ihr Geheimnis anvertrauen. Behutsam und feinfühlig schildert die im Baskenland geborene Spanierin Estibaliz Urresola Solaguren diesen Sommer durch die Augen eines Kindes. Der Zwist mit der eigenen Mutter, die damit ringt, aus dem Schatten ihres Bildhauer-Vaters herauszutreten, und sich künstlerisch verwirklichen will, überlagern die Tage. Niemand hat wirklich ein Auge für die Identitätssuche von Cocó. Als es zum Familiendrama kommt, ist es vielleicht zu spät. Inmitten der Emotionen und der turbulenten Vorbereitungen für das große Tauffest entwickelt Regisseurin Solaguren ein fragiles Konstrukt einer Familie und hinterfragt geschickt Geschlechterrollen. Die kleine Hauptdarstellerin Sofía Otero erhielt für ihr herausragendes Schauspieldebüt den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale, wo der Film auch mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Lars Tunçay

Das Rätsel

Das Rätsel

F/B 2019, R: Régis Roinsard, D: Lambert Wilson, Olga Kurylenko, Riccardo Scamarcio, 105 min

In Büchern schmökern ist schön, der dahinter stehende Literaturbetrieb eher nicht so – das zeigt Régis Roinsards Thriller »Das Rätsel«. Dessen französischer Originaltitel »Les Traducteurs« (»Die Übersetzer«) übrigens passender ist. Nun, der letzte Teil der »Dädalus«-Trilogie kommt bald raus. Um den Hype zum Welt-Erfolg zu optimieren und zu schützen, sollen neun Übersetzer der erfolgreichsten Ländermärkte dem Meisterwerk zeitgleich in einer Art unterirdischem Bunker die jeweilige Sprache einhauchen und dabei auf Kontakt zur Außenwelt verzichten. Angetrieben und getriezt werden sie vom sadistisch-schmierigen Verleger Éric Angstrom persönlich. Lambert Wilson spielt diesmal quasi seinen »Merowinger« aus »Matrix« im Verlagswesen. Als plötzlich ein Erpresser droht, den prognostizierten Mega-Bestseller vorab im Web zu leaken, steht fest: Der Täter muss einer der Übersetzer sein. Es folgen Verdächtigungen, Tote – und einige Details, die alles im neuen Licht erscheinen lassen. Natürlich erinnert das Setting auch an den jüngsten Whodunit-Knaller »Knives Out« – hier fehlt es jedoch an Weltstars en masse und auch an der dramaturgischen Detailverliebtheit. Dennoch punktet »Das Rätsel« zumindest in der zweiten Hälfte mit jeder Menge Plot-Twists sowie überraschenden Flashbacks. Das lohnt den Kinobesuch – es sei denn, man hat ein wirklich gutes Buch zu Hause. Markus Gärtner

Nostalgia

Nostalgia

I 2023, R: Mario Martone, D: Pierfrancesco Favino, Francesco Di Leva, Tommaso Ragno, 118 min

Heimat – der Ort, wo man herkommt, oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Für Felice ist die Rückkehr nach Neapel verbunden mit einer Vielzahl an Erinnerungen. Wie ein warmer Regen der Nostalgie gehen sie auf ihn nieder, als er nach vierzig Jahren zum ersten Mal durch die Straßen seiner Kindheit im Viertel Rione Sanità streift. Er sucht seine Mutter auf, der er bisher nur hin und wieder in einem Brief von seinem Leben in Kairo erzählt hat. Warum er fortging, hat sie nie begriffen. Auch Mario Martones Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Ermanno Rea basiert, macht lange ein Geheimnis daraus. In langen Einstellungen zur Musik von Tangerine Dream erkundet Felice die Stadt und seine Erinnerungen an die Zeit, als er sie mit seinem Freund Oreste unsicher machte. Der örtliche Priester Don Luigi gibt den Kindern eine Perspektive, die sie vorher nicht hatten. Er holt die Heranwachsenden von den Straßen der Armut und entreißt sie den Fängen des »Malommo«, des bösen Mannes, der das Viertel regiert. Regisseur Martone lässt sich viel Zeit, diese Straßen zu erkunden. In den naturalistisch-kunstvollen Bildern von Paolo Carnera (»Suburra«) lernen wir jeden Winkel der Stadt kennen und bekommen ein Gefühl für das Leben der Menschen dort. Felice, ausdrucksstark verkörpert von Pierfrancesco Favino (»Il Traditore«), wird vom wortkargen Rückkehrer zu einer wohlgeformten Figur mit Vergangenheit und dem Drang nach Versöhnung. Oder ist es doch nur Nostalgie, die ihn antreibt? Lars Tunçay

Die Rumba-Therapie

Die Rumba-Therapie

F 2021, R: Franck Dubosc, D: Franck Dubosc, Louna Espinosa, Jean-Pierre Darroussin, 93 min

Der 50-jährige Tony, den Hauptdarsteller, Regisseur und Autor Frank Dubosc hier verkörpert, ist alles andere als ein Hotshot. Der knurrige Busfahrer verbringt seine Abende am liebsten allein auf dem Sofa, trinkt Bier und träumt von Amerika. Bis ihm sein Lebensstil einen Herzinfarkt einbringt. Als er die Augen öffnet, muss er feststellen, dass im Krankenhaus niemand auf ihn wartet. Also macht er sich daran, seine alte Liebe aufzusuchen – und ihre erwachsene Tochter Maria, die als Tanzlehrerin arbeitet. So setzt sich der unsportliche Tony in den Kopf, tanzend ihr Herz zu gewinnen. Nur: Erfahren, dass er ihr Vater ist, darf sie natürlich nicht. Einen ganzen Blumenstrauß an Klischees bringt »Die Rumba-Therapie« mit in den Kinosaal, nur um sie dann Stück für Stück zu zerlegen. Die Welt vor der Tür ist eben ganz anders, als Tony sie sich zurechtgelegt hat, und auch unser Bild von dem grantigen Eremiten wird im Laufe der 100 kurzweiligen Minuten kräftig durchgewirbelt. Dass es Dubosc hier vor allem darum geht, zu unterhalten, ist von Anfang an deutlich. Im Vorbeitanzen werden aber auch soziale Probleme angespielt und auf den menschlichen Faktor heruntergebrochen. Frank Dubosc (»Liebe bringt alles ins Rollen«) liefert mit »Die Rumba-Therapie« eine grundsolide zweite Regiearbeit, der Marie-Philomène Nga als schnoddrige Nachbarin und Knautschgesicht Jean-Pierre Darroussin in den Nebenrollen Feuer verleihen. Lars Tunçay