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Rezensionen

Zweitland

Zweitland

I/D/Ö 2025, R: Michael Kofler, D: Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, 112 min

Südtirol kennen die meisten eher als Urlaubsziel, ab den 1950er Jahren war es jedoch Schauplatz von Terror: Extremisten wollten sich gewaltsam von Italien abspalten und zu Österreich gehören. In diesem historischen Szenario legt »Zweitland« auch ein Familiendrama an, das sich schon in der ersten Szene wuchtig entfaltet, als die beiden ungleichen Brüder Paul und Anton miteinander ringen und es selbst nach dem eigentlich beendenden Hand- noch einen Faustschlag gibt. Der ältere, verbissene Anton führt mit Frau und Kind den Hof des verstorbenen Vaters und wird als Unterstützer der Abspaltung immer radikaler. Der schöngeistige Paul hingegen hat eigentlich eine Zusage für ein Kunststudium, als bei einem Sprengstoffanschlag von Anton versehentlich ein Unbeteiligter stirbt. Anton flieht, der beste Freund Pauls wird deswegen verhaftet und die Polizei bedrängt die Familie, den Terroristen zu verraten. Antons Frau ist wegen ihrer liberalen Einstellung im Dorf isoliert. Nun muss Paul sich mehrfach beweisen: in der Loyalität zu seinem Bruder und beim Kampf um seinen Freund. Das Drama zeigt nicht nur mit feinem Gespür und zielsicheren Dialogen das familiäre Ringen um Lebens- und Politikentwürfe, sondern auch die emotionale Spaltung und die sich immer wieder verschiebende Machtbalance einer Region in einer Zeit, in der Polizei und Zivilbevölkerung abends zusammen in der Kneipe sitzen und sich am nächsten Tag bekriegen. Markus Gärtner

To a Land Unknown

To a Land Unknown

PAL/GB/F/NL/D 2024, R: Mahdi Fleifel, D: Mahmood Bakri, Aram Sabbah, Mohammad Alsurafa, 107 min

Chatila und Reda hängen fest. Die Überfahrt nach Europa ist den beiden Palästinensern gelungen. Doch seitdem passiert nicht mehr viel. Nachts schlafen sie neben anderen Geflüchteten in einer Ruine, tagsüber ziehen sie durch die Straßen von Athen, kommen an Geld, indem sie hier und dort etwas mitgehen lassen. Was sie nicht brauchen, wird gespart. Jeder Schein bringt sie ihrem großen Traum einen Schritt näher: ein gefälschter Pass für die Reise nach Deutschland. Dort will Chatila ein Café eröffnen. Sein verträumter Cousin Reda soll ihm zur Hand gehen. »To a Land unknown« ist der erste Spielfilm des palästinensisch-dänischen Regisseurs Mahdi Fleifel. 2012 hat er sich in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm »A World not ours« schon einmal mit Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. »To a Land unknown« merkt man den dokumentarischen Hintergrund des Regisseurs an. Die bewegliche Kamera von Thodoros Mihopoulos ist sehr dicht an den Figuren. In ihrem Alltag findet er poetisch-schöne Einstellungen: eine aufflatternde Taube, die Hügel des nächtlichen Athens, Reda auf seinem Skateboard in den Straßen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto düsterer wird jedoch die Lage für die Protagonisten. Die Risiken, die sie eingehen müssen, werden immer größer. Irgendwann fragt man sich: Ist ihr Traum das alles noch wert? Fleifels Film gibt auf diese Frage schließlich seine ganz eigene Antwort. Ein eindringliches Debüt. Josef Braun

Sentimental Value

Sentimental Value

F/NOR/D/SWE/DK 2025, R: Joachim Trier, D: Elle Fanning, Stellan Skarsgård, Renate Reinsve, 133 min

Nach Jahren der Funkstille steht Gustav plötzlich wieder vor der Tür. Der gealterte Familienvater und ehemals gefeierte Regisseur sucht den Kontakt zu seinen Töchtern und seinem Enkelsohn – er plant, sie in sein kommendes Filmprojekt einzubeziehen. Nachdem er seine Frau und die Kinder verlassen hatte, haben die Töchter unterschiedliche Wege gefunden, mit dem Verlust umzugehen. Nora ist eine gefeierte Theaterschauspielerin mit Bindungsproblemen. Agnes hat sich mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind eine Basis aufgebaut. Ihr Leben gerät durch die Rückkehr des Vaters aus der Bahn. Schauplatz für diese hochkomplexen Familiendynamiken ist das Haus der Familie, das eine weitere Hauptrolle spielt. Hier werden die Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart ausgetragen, großartig dargeboten von einem exzellenten Ensemble: Stellan Skarsgard gibt den egozentrischen Künstler zwischen Druck und Vatergefühlen. Inga Ibsdotter Lilleaas und Renate Reinsve spielen einnehmend an unterschiedlichen Enden der Gefühlsklaviatur. Nach ihrer preisgekrönten Tragikomödie »Der schlimmste Mensch der Welt« legen Joachim Trier und sein kreativer Partner, der Drehbuchator Eskil Vogt, mit »Sentimental Value« erneut ein vielschichtiges menschliches Drama vor, das an die großen Werke Ingmar Bergmans erinnert, aber seine ganz eigene emotionale Kraft entfaltet. In Cannes erhielten sie dafür den Großen Preis der Jury, Norwegen reichte den Film für den Oscar als bester internationaler Film ein. Lars Tunçay

Paternal Leave – Drei Tage Meer

Paternal Leave – Drei Tage Meer

D/I 2025, R: Alissa Jung, D: Juli Grabenhenrich, Luca Marinelli, Arturo Gabbriellini, 113 min

Zufällig entdeckt die 15-jährige Leo in einem Video ihren Vater, den sie nie kannte. Auf eigene Faust reist sie mitten im Winter an die Küste Norditaliens, um ihn zu treffen. Sie findet Paolo in einem verlassenen Seebad, wo er in einem Wohnwagen lebt und als Surflehrer jobbt. Außerdem ist er gerade damit beschäftigt, seine letzte Beziehung zu retten, und kümmert sich um seine kleine Tochter. Da kommt der überraschende Besuch aus der Vergangenheit äußerst ungelegen. Aber Leo lässt nicht locker und konfrontiert ihn mit unangenehmen Fragen. Ganz langsam nähern sich Vater und Tochter einander an und entdecken unerwartete Gemeinsamkeiten. Aufrichtig und ohne Kitsch erzählt die Schauspielerin Alissa Jung – genau, die Tochter des Leipziger OBM – in ihrem Regiedebüt von dieser Begegnung an der winterlichen Mittelmeerküste. Die Kamera von Carolina Steinbrecher ist dabei ganz bei ihrer Hauptdarstellerin Juli Grabenhenrich, die hier ihr vielversprechendes Schauspieldebüt gibt und sich auf Augenhöhe mit ihrem Gegenüber, dem italienischen Charakterdarsteller Luca Marinelli (»Martin Eden«), bewegt. Das Zusammenspiel der beiden macht »Paternal Leave« sehenswert. Es gelingt ihnen, dass wir mit der trotzigen Leo mitfühlen, aber auch die emotionale Zerrissenheit von Paolo spüren. Das zahlt auf die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein, die Jung selbst schrieb und einfühlsam inszenierte. Lars Tunçay

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

F/CHL/D/ESP/B 2025, R: Diego Céspedes, D: Tamara Cortes, Matías Catalán, Paula Dinamarca, 104 min

Die 12-jährige Lidia wächst Anfang der achtziger Jahre in einem Haus voller Transvestiten in der Nähe eines nordchilenischen Minenarbeiterdorfes auf. Immer wieder wird sie deswegen von Gleichaltrigen gehänselt oder verprügelt, kann dann aber auf die schlagkräftige Retourkutsche ihrer queeren Wahlfamilie zählen. Da sich eine seltsame Seuche auszubreiten beginnt und die Männer des Dorfes die Schuld dafür im Blick der Transvestiten sehen, kommt es schließlich zu gefährlicheren Anfeindungen. Yovani ist an der Seuche erkrankt, kommt mit einer Pistole bewaffnet in das Refugium der Gemeinschaft und sinnt auf Rache. Für seinen ersten Langfilm wurde Diego Céspedes dieses Jahr in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion »Un Certain Regard« ausgezeichnet, Chile hat »Der geheimnisvolle Blick des Flamingos« als Beitrag für den besten internationalen Film bei den Oscars eingereicht. Gleichwohl muss man sich auf diese poetisch-unkonventionelle Coming-of-Age-Geschichte einlassen können, die mitunter auf etwas befremdliche Weise von dieser queeren Wahlfamilie erzählt. Trotz des tragischen Backgrounds um die Ausbreitung von AIDS ist es Céspedes aber gelungen, eine lebensbejahende und kraftvolle Geschichte mit sympathischen Protagonisten zu erzählen. Immer wieder schlägt das Drehbuch unerwartete Haken und bleibt durchweg unberechenbar, weswegen man hier insgesamt auf originelle und feinsinnige Weise unterhalten werden kann. Frank Brenner

Lolita lesen in Teheran

Lolita lesen in Teheran

I/IL 2025, R: Eran Riklis, D: Golshifteh Farahani, Zar Amir Ebrahimi, Mina Kavani, 107 min

Kann man ein Buch vor Gericht stellen? Die iranische Professorin Azar Nafisi probiert es mit ihren Studierenden aus. Der Angeklagte? Niemand anderes als »Der große Gatsby« von F. Scott Fitzgerald. In der inszenierten Verhandlung wird schnell deutlich, dass sich die westliche Sicht des Romans nicht mit den Überzeugungen der Islamischen Revolution vereinbaren lässt, die Ende der siebziger Jahre im Iran voranschreitet. Azar Nafisi, gerade erst von ihrem Studium in den USA zurückgekehrt, sieht sich als Frau in ihrer Lehrtätigkeit zunehmend eingeschränkt. Schließlich muss sie sie ganz aufgeben, solange sie sich weigert, in der Universität den Hidschab zu tragen. Doch ihre Begeisterung für Literatur lässt sich nicht unterdrücken, und so gründet sie einen geheimen Lesekreis für ihre Studentinnen. Gemeinsam reden sie über Jane Austen und Vladimir Nabokov, ziehen Parallelen zu ihrem eigenen Leben und bekommen neue Perspektiven aufgezeigt. In einem System voller Restriktionen gerät das Bücherlesen für die jungen Frauen zum rebellischen Akt. Azar Nafisis gleichnamiger, autobiografischer Roman dient als Vorlage für den Film, und gibt einen seltenen Einblick in die Lebensrealität iranischer Frauen. Durch die Women, Life, Freedom-Bewegung 2022 rückte diese kurzzeitig wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Filme wie »Lolita lesen in Teheran« helfen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Hanne Biermann

How to make a Killing

How to make a Killing

F/B 2025, R: Franck Dubosc, D: Franck Dubosc, Laure Calamy, Benoît Poelvoorde, 109 min

Der Zufall kann ein Killer sein: Michel muss im französischen Jura-Gebirge mit seinem Auto einem Bären ausweichen, rammt dabei ein Auto und tötet eine Frau, die gerade pinkelt. Ihr ebenfalls sich entleerender Kompagnon sieht das, fällt vor Schreck eine Böschung runter – und wird brachial von einem Ast aufgespießt. Michel haut erstmal ab und beichtet alles seiner Krimi-erfahrenen Frau, die sicherheitshalber die Toten verschwinden lassen will. Doch als sie dort dann zwei Millionen Euro und eine Pistole finden, weiß das Einsiedler-Paar in der Krise, dass hier was Schwerkriminelles in der Luft liegt. Bzw. im Kofferraum. Unterdessen haben die lokalen Polizisten Roland und Florence entdeckt, dass die von ihnen im Winterwald aufgelesenen Migranten Drogenkuriere sind, die vor besagtem Bären geflüchtet sind. Und eine wahnwitzige Geschichte voller weiterer Plot-Twists nimmt ihren kurvigen Weg, bei dem die Eheleute im Gangbang-Klub landen und selbst Gesetzeshüter und Gottes Hirte dem schieren Mammon erliegen. Regisseur Franck Dubosc, der auch Michel spielt, gelingt es nahtlos, blutigen Thriller und heitere Komödie zu vereinen und dabei sogar noch die persönlichen Konflikte seiner teils liebevoll-skurrilen Figuren charmant auszuleuchten. Mit hintergründigem Humor und Situationskomik, aber auch vielen leisen Zwischentönen, schafft er ein cineastisches Kleinod, das den Coen-Brüdern alle Ehre macht. Markus Gärtner

Stiller

Stiller

CH/D 2025, R: Stefan Haupt, D: Albrecht Schuch, Paula Beer, Sven Schelker, 99 min

Argwöhnisch mustert der Bahnbeamte den Reisenden nach einem Blick in dessen Reisepass. »Ich bin nicht Stiller!«, skandiert dieser und wird es in den folgenden anderthalb Stunden wiederholt tun, denn der Mann, der sich als James Larkin White ausgibt, sieht dem vor sieben Jahren verschwundenen, mutmaßlichen Mörder Anatol Stiller allzu ähnlich. White kommt in Untersuchungshaft und Stillers Ehefrau Julika wird herbeizitiert. Sie soll zweifelsfrei bezeugen, dass es sich bei dem vermeintlichen Amerikaner um ihren Mann handelt. Doch je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto unsicherer ist sie sich. Mit »Stiller« feierte Max Frisch (1911–91) im Jahr 1954 seinen Durchbruch. In ausschweifenden Sätzen beschreibt der Schweizer Autor das Innenleben seines Protagonisten, dessen Identität dem Leser relativ schnell klar wird. Stefan Haupt (»Zwingli«) lässt uns länger im Dunkeln – und dafür die im Buch ausführlich beschriebene Zeit nach der Haft gänzlich aus. Die Darstellung des Rätsels fürs Kinopublikum stellt vor allem den Hauptdarsteller vor eine Herausforderung, die Albrecht Schuch glänzend meistert. Auch Paula Beer überzeugt in der Doppelrolle der verliebten Julika und ihres gebrochenen Gegenstücks. Ausstattung und Bildgestaltung versprechen großes Kino, auch wenn sich die Handlung selbst auf kleinem Raum konzentriert. Leider ist die Inszenierung mitunter zu vordergründig und inkonsequent. Über weite Strecken fesselt »Stiller« und der Reiz, sich selbst neu zu erfinden. LARS TUNÇAY

Sorda – Der Klang der Welt

Sorda – Der Klang der Welt

E 2025, R: Eva Libertad, D: Miriam Garlo, Álvaro Cervantes, Elena Irureta, 99 min

Ángela ist gehörlos. Für sie ist das kein Problem, für die Hörenden in ihrem Alltag schon. Immer wieder muss sie sich behaupten und um Beachtung kämpfen. Mit ihrer Arbeit als Töpferin und ihrem liebevollen Partner Héctor hat sie sich ein Fundament geschaffen. Das gerät allerdings ins Wanken, als sie schwanger wird. Zwar hat sich das Paar bewusst für ein Kind entschieden, doch je näher die Geburt rückt, desto mehr wächst die Sorge, ihre Tochter könnte ebenfalls gehörlos auf die Welt kommen. Und was, wenn sie gesund ist – kann Ángela eine Bindung zu ihrer Tochter aufbauen, wenn sie nicht verbal mit ihr kommunizieren kann? »Sorda« (spanisch für »taub«) fordert heraus, die Welt durch die Wahrnehmung einer Gehörlosen zu erleben. Die Autorin und Regisseurin Eva Libertad sensibilisiert für die Hürden im Alltag und in der Beziehung. Mit Hauptdarstellerin Miriam Garlo hat sie das Thema bereits vor vier Jahren als Kurzfilm erzählt. Ángela ist eine ambivalente Figur, deren Entscheidungen nicht immer vernünftig, aber stets nachvollziehbar sind. Zu verdanken ist das neben der genauen Charakterzeichnung auch Garlos feinsinniger Verkörperung. Bis zum berührenden Schluss und darüber hinaus bietet »Sorda« viel Stoff für angeregte Auseinandersetzungen. Bei der diesjährigen Berlinale wurde der Film dafür mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. LARS TUNÇAY

Eddington

Eddington

USA 2025, R: Ari Aster, D: Joaquin Phoenix, Deirdre O'Connell, Emma Stone, 148 min

Mit »Hereditary« und »Midsommar« hat sich Ari Aster einen Namen als Horrorregisseur gemacht. Der Erfolg ebnete ihm den Weg, nun seine ganz eigene Art von Filmen zu realisieren. Schon sein letztes Werk »Beau is afraid« – ebenfalls mit Joaquin Phoenix – war eine außergewöhnliche Psycho-Achterbahn. Auch in »Eddington« dringt er nun tief in die verstörende Gedankenwelt seiner Figuren ein und liefert damit einen ätzenden Kommentar zur Gegenwart. Die Handlung spielt an einem ganz bestimmten Zeitpunkt, dem Mai 2020, als die Corona-Pandemie die Welt heimsuchte und alles, was sicher geglaubt war, in Frage stellte. Alternative Fakten und Verschwörungstheorien haben seitdem Hochkonjunktur und auch Luise, die Frau des Sheriffs der Kleinstadt Eddington, verliert sich zunehmend im Kaninchenbau. Ihr Mann Joe setzt sich derweil über die staatlich verordneten Sicherheitsmaßnahmen hinweg und legt sich mit dem örtlichen Bürgermeister Ted Garcia an. Ein ungleiches Duell, das er nicht gewinnen kann. Die Mittel, zu denen Joe greift, um seinen Willen durchzusetzen, werden immer drastischer, ebenso wie die Handlung im letzten Akt dieses irren zweieinhalbstündigen Ritts zunehmend eskaliert. Bis hin zu einem verstörenden Finale, das dann doch wieder den Kreis zum Horror schließt, auch wenn es hier der ganz reale ist. Was bleibt, ist eine weitere fulminante Darstellung von Joaquin Phoenix auf einem etwas überlangen Trip in die menschlichen Abgründe. LARS TUNÇAY

Die my Love

Die my Love

CAN 2025, R: Lynne Ramsay, D: Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Lakeith Stanfield, 119 min

Das wildverliebte Paar Grace und Jack bezieht ein verlassenes Haus inmitten der US-amerikanischen Einöde. Es gibt ein Büro, in dem Grace ihren »großen amerikanischen Roman« schreiben kann, schwärmt Jack. In diesem neuen, an Felder und Wälder grenzenden Zuhause bekommen sie schnell ein Baby. Die Mutterrolle und die Einsamkeit entfremden Grace jedoch zusehends. Es ist heiß und anstatt zu schreiben, jagt sie wie ein Tiger durch die Felder, verbündet sich mit Wildpferden und erlegt im Nachthemd einen Hund mit einer Schrotflinte. »Auf dass wir lange leben und aussterben!«, ruft sie auf einer Familienfeier. Lynne Ramsay porträtiert mit »Die, My Love« eine postnatale Depression am Rande der Realität. Wir werden zu Komplizen von Grace’ Innenleben, die halsbrecherisch von Jennifer Lawrence gespielt wird – ein Spiel mit dem Feuer um Leben und Tod. Robert Pattinson verkörpert hingebungsvoll ihren hilflosen Partner. Die Bildgestaltung von Seamus McGarvey verbündet und verliert sich mit der Protagonistin, während eine präzise Ausstattung jedes Bild lebendig macht. Ramsey ist eine elementare, poetische Adaption des gleichnamigen Romans von Ariana Harwicz gelungen, in der kein Wort zu viel verloren wird und kein Bild zu klein gedacht. Ein großer, amerikanischer Film, den sie mit einer selbst gesungenen, herzzerreißenden A-cappella-Version von Joy Divisions »Love will tear us apart« beschließt. Greta Jebens

The Secret Agent

The Secret Agent

BRA/F/NL/D 2025, R: Kleber Mendonça Filho, D: Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, 158 min

Technologieexperte Armando muss 1977 untertauchen und kehrt in seine Geburtsstadt Recife zurück. Dort kommt er bei Donna Sebastiana unter, die etlichen »Flüchtigen« Unterschlupf gewährt. Mit falschem Namen bekommt er einen Job auf einem Amt, freut sich darüber hinaus, endlich seinem kleinen Sohn Fernando wieder näher zu sein, der nach dem Tod der Mutter bei deren Eltern aufwächst. Aber der zwielichtige Ghirotti hat mit Armando noch eine Rechnung offen und setzt zwei Auftragskiller auf ihn an. »The Secret Agent« ist eigentlich ein klassisch aufgebauter Spannungsfilm, der immer mal wieder in den Zeiten hin- und herspringt und nach und nach auch eine Rahmenhandlung im Hier und Heute einführt. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Szenen, die man in dieser Form nicht erwarten würde und die Kleber Mendonças skurrilen Sinn für Humor ersichtlich machen. Dazu zählt bereits die Eröffnungssequenz an einer Tankstelle im Nirgendwo, vor allem aber auch eine Szene im letzten Drittel, in der das abgetrennte Bein eines Menschen wie ein comichaftes Filmmonster nachts in einem Park für Gänsehaut sorgt. In diesen Momenten ist der Film völlig unberechenbar und originell, was seinen generellen Unterhaltungsanspruch noch zusätzlich unterstreicht. Die Story und Mendonças Inszenierung überzeugen darüber hinaus – auch die Jury des Filmfestivals in Cannes, wo »The Secret Agent« mit vier Preisen ausgezeichnet wurde. Frank Brenner

Bugonia

Bugonia

GB/KOR 2025, R: Yórgos Lánthimos, D: Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, 120 min

Seitdem seine Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde, lebt der Paketpacker Teddy mit seinem geistig eingeschränkten Cousin Dan allein im Haus. Begeistert von allerlei Verschwörungstheorien zieht Teddy den gutmütigen Dan immer tiefer in seinen Wahn. Teddy ist davon überzeugt, dass Außerirdische vom Planeten Andromeda auf der Erde gelandet sind und unerkannt Experimente an den Menschen vollziehen. Eine von ihnen, da ist sich Teddy sicher, ist Michelle, CEO eines großen Pharmakonzerns. Teddy und Dan entführen sie kurzerhand und ketten sie im Keller ihres Hauses ans Bett. Hier soll sie gestehen, dass sie ein Alien ist und Kontakt mit ihrem Mutterschiff aufnehmen. Der südkoreanische Regisseur Joon-Hwan Jang schuf 2003 mit »Save the green Planet!« eine irrwitzige, tiefschwarze Satire. 22 Jahre später ist der Irrsinn längst von der Realität überholt worden. Der äußerst produktive Lieblings-Weirdo des europäischen Kinos, Yorgos Lanthimos (»Poor Things«), inszenierte nun eine verschärfte Version des Kultklassikers, die eher Anleihen beim Horror findet, vor dem Hintergrund des Post-Corona-Amerika aber durchaus realistische Züge aufweist. Die Story bleibt an jeder Ecke überraschend und abgedreht und ist mit Emma Stone, Jesse Plemons und Aidan Delbis exzellent besetzt. Lanthimos’ Weggefährte, Kameramann Robbie Ryan, setzt sie in gewohnt berauschende Bilder. LARS TUNÇAY

Stolz & Eigensinn

Stolz & Eigensinn

D 2025, Dok, R: Gerd Kroske, 113 min

Einer der allenthalben angeführten Eckpfeiler der DDR-Innenpolitik war die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Gerd Kroske hat sich für seinen neuen Dokumentarfilm an Archivbestände des alten Leipziger Piratensenders Kanal X gemacht, in denen Frauen in typischen Männerdomänen porträtiert wurden: im Bergbau, an großen Maschinen, in Dampfloks oder Chemiewerken. Mehr als 30 Jahre später hat er sie getroffen, um mit ihnen über damals zu sprechen, natürlich auch über die Verwerfungen, die mit Wiedervereinigung, Treuhand und Privatisierung einhergingen. So entfaltet sich aus den vielen Stimmen keineswegs nur ein romantisch-ostalgisches Bild: Auch in der DDR mussten sich Frauen trotz aller staatlich verordneten Pflicht zur Arbeit (Stichwort Glucke!) gegen ihre männlichen Kollegen behaupten. Tiefe Spuren hat aber vor allem die demütigende Zeit der Wende in ihnen hinterlassen, die für viele Frauen in mehreren Entlassungswellen das Ende ihrer lange ausgeübten Tätigkeiten bedeutete. Über die persönlichen Eindrücke hinaus, die über zwei Stunden auch langatmig und redundant werden können, wären zur kritischen Einordnung indes auch Expertinnen und Experten von Vorteil gewesen, zumindest aber mehr Kontext über die tatsächlichen Begebenheiten, denn: Auch die DDR-Spitzen (fast durchgehend männlich besetzt) haben Gleichberechtigung nicht nur aus Nächstenliebe durchgesetzt. Philipp Mantze

Nur für einen Tag

Nur für einen Tag

F 2025, R: Amélie Bonnin, D: Juliette Armanet, Bastien Bouillon, François Rollin, 94 min

Nach der erfolgreichen Teilnahme an der Fernsehkochshow »Top Chef« will Cécile sich in Paris ihren großen Traum vom eigenen Restaurant erfüllen. Nur eine zündende Idee für ihr »Signature Dish« fehlt noch, ein Gericht, das ihre Küche und Visionen repräsentiert. Mitten in die Vorbereitungen platzt die Nachricht, dass ihr Vater einen erneuten Herzinfarkt hatte. Und so lässt sich Cécile widerwillig überreden, in die Heimat zu fahren. Dort warten nicht nur die bissigen Kommentare ihres Vaters zu ihrem Fernsehauftritt, sondern auch ihre Jugendliebe Raphaël, der alte Gefühle in ihr weckt. Die Rückkehr aus der Großstadt in die Provinz, das Nichtvergessenhaben der ersten großen Liebe, ein Spagat zwischen neuem und altem Leben – das sind beliebte Motive in Büchern und Filmen, weil sie für viele Menschen nachvollziehbar sind. Gerade weil es ein wiederkehrendes Thema ist, überrascht die Auswahl von »Nur für einen Tag« als Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes. Es ist das Langspiel-Debüt der Regisseurin Amélie Bonnin, die die Geschichte eines Kurzfilms wieder aufnimmt, für den sie 2023 mit einem César ausgezeichnet wurde. Viel Neues bietet der Film nicht, bleibt auch in den sozialen Beziehungen recht konservativ. Einzig die mehr oder minder professionellen Musical-Einlagen lockern die ansonsten konventionelle Erzählweise charmant auf. Hanne Biermann

Hochstapler und Ponys

Hochstapler und Ponys

D 2025, R: Timo Jacobs, D: Kathrin Laser, Timo Jacobs, Max Bertani, 98 min

Ein richtig gutes Drehbuch ist Gold wert. Casper hat so eins quasi nebenbei geschrieben: Über einen Virus, der von dem alten Bond-Bösewicht Blofeld stammt und der alle Tiere unfruchtbar macht. Problem: Den unvorhergesehenen Erfolg damit heimst seine Ex-Freundin Justine ein, die sich das Skript offenbar unter den Nagel gerissen hat und zum Beispiel auf dem Filmfestival in Island einen Preis abräumt. Der Film begleitet das lakonische Duo Casper und seinen Kumpel Max auf der Suche nach der Ex mit dem Text und der Wahrheit. Dabei verfolgen die beiden die Spur bis nach Hollywood, geben sich selbst als Journalisten aus, leben bei Justines Tante, treffen Stars, Performance-Künstler und US-Normalos und geraten in eine Mordserie, die mit dem Film zusammenhängt. Die Handlung ist aber (leider) fast Nebensache, das Independent-Drama besticht eher durch seine teils skurrilen Figuren, Ideen und Dialoge, die manchmal wie Karikaturen von Interaktionen anmuten. Da muss auch mal Ponys der Popo geputzt werden. Zu dieser Gesamt-Tonalität, die in vielem leise gegen den Kino-Mainstream anspielt und Seitenhiebe gegen den Zeitgeist austeilt, gesellt sich auch eine ebenso abstrakte, aber passende Filmmusik. Das alles reicht für einen sympathischen, andersartigen Film. Zu einem wirklich herausragenden fehlt dann aber doch: ein richtig gutes Drehbuch. Markus Gärtner

Franz K.

Franz K.

CZ/IRL 2025, R: Agnieszka Holland, D: Idan Weiss, Peter Kurth, Carol Schuler, 127 min

Kafka-Verfilmungen liegen im Trend. Allein letztes Jahr widmeten sich eine ganze Serie sowie der Kinofilm »Die Herrlichkeit des Lebens« dem Ausnahmeschriftsteller. Nun also »Franz K.«, der gerade erst beim Toronto International Film Festival (TIFF) Premiere feierte. So viel gleich vorweg: Für einen Erstkontakt mit Kafka ist der Film eher weniger geeignet. Regisseurin Agnieszka Holland arbeitet voraussetzungsreich. Immer wieder springt sie durch Kafkas Leben. Setzt gewagte Schnitte, nicht nur in der Biografie des Schriftstellers, sondern weit darüber hinaus. Kafka – das sind bei Holland der Autor, seine Texte, aber auch der Nachruhm, seine Familie und die inzwischen legendäre Geschichte, wie Kafkas Freund Max Brod seine Schriften aus dem von Nazis besetzten Prag schmuggelte. »Franz K.« mischt Spielfilmszenen mit dokumentarischen Aufnahmen von heute, etwa aus dem Inneren des Kafka-Museums. Mitunter wenden sich Figuren direkt an das Publikum, erklären ihre Perspektive auf den Freund, den Ehemann, den Sohn. Auch dessen Texte werden bebildert. Manchmal in besonders drastischen Details. Das Ganze ist ein gewaltiges Unterfangen und letztlich bleibt es vieles schuldig. Zu hastig sind die biografischen Szenen inszeniert. Zu überladen wirkt der zeitliche Rahmen. Immerhin die Schauspieler überzeugen. Im Zentrum Idan Weiss als ein bleicher, hochsensibler Kafka und Peter Kurth als sein jähzorniger, verständnisloser Vater. Josef Braun

Amrum

Amrum

D 2025, R: Fatih Akın, D: Jasper Billerbeck, Laura Tonke, Diane Kruger, 93 min

April 1945: Die Russen stehen vor den Toren Berlins und das Dritte Reich wird bald Geschichte sein. Auch auf Amrum sind viele Menschen insgeheim froh, doch noch haben auf der Nordseeinsel die Hitler-Getreuen die Oberhand und man muss vorsichtig sein, was man sagt. Der 12-jährige Nanning lebt erst seit Kurzem hier, nachdem er mit seiner Mutter Hille und den Geschwistern nach dem Angriff der Alliierten von Hamburg ins alte Familienhaus geflüchtet ist, in dem man nun mit der Tante lebt, während der Nazi-Vater in Gefangenschaft geraten ist. Allmählich werden jedoch die Lebensmittel knapp und als die Nachricht eintrudelt, dass der Führer tot ist, versinkt die schwangere Hille in tiefer Depression. Als sie irgendwann zumindest nach einem Weißbrot mit Butter und Honig verlangt, will Nanning ihr diesen Wunsch mit allerlei Tauschgeschäften erfüllen. Ursprünglich sollte »Amrum« das letzte Werk von Regisseur und Schauspieler Hark Bohm werden. Weil der Über-Achtzigjährige gesundheitlich aber nicht mehr fit genug war, übernahm sein Freund Fatih Akin für ihn die Adaption seiner Jugenderinnerungen. Mit kindlichem Blickwinkel, prallen Inselbildern und trotz des ernsten Hintergrunds manch humorvoller Note ist dem Ersatzmann ein schöner Coming-of-Age-Film geglückt, der es schafft, der im Kino inzwischen doch sehr umfassend behandelten Zweiter-Weltkriegs-Thematik tatsächlich noch neue Nuancen abzugewinnen. Peter Hoch

Zweigstelle

Zweigstelle

D 2025, R: Julius Grimm, D: Sarah Mahita, Rainer Bock, Hong Nhung, 98 min

Michi ist jung gestorben. Seine vier besten Freunde wollen ihm seinen letzten Wunsch erfüllen und seine Asche in den Bergen verstreuen. Auf der Fahrt dorthin haben die vier einen Autounfall – und finden sich im Jenseits wieder. Dieses ist genauso aufgebaut wie jedes andere deutsche Amt. Nummer ziehen, Anmeldevorgang starten und beim entsprechenden Sachbearbeiter vorstellig werden – je nach Glaubensrichtung im Leben. Resi versucht, als Atheistin den Eintritt ins Nichts hinauszuzögern, indem sie sich dem Hausmeister als Praktikantin anbietet, Sophie möchte in den AGBs erst mal das Kleingedruckte lesen und Fipsi wird kurzerhand zum Buddhisten. Mel ist mal da, dann wieder weg, weil man im Diesseits noch verzweifelt versucht, sie wiederzubeleben. Für sein Langfilmdebüt hat sich Julius Grimm eine bitterböse schwarze Komödie ausgedacht, die für alle mit eigenen Behördenerfahrungen jede Menge Wiedererkennungsmomente liefern dürfte. Vielleicht sitzt nicht jeder Gag, und insgesamt ist »Zweigstelle« mehr Schmunzelkomödie als Schenkelklopfer, aber das spielfreudige Ensemble garantiert, dass man sich anderthalb Stunden kurzweilig unterhalten kann. Das Drehbuch ist gleichermaßen originell wie unberechenbar, so dass man mit viel Einfallsreichtum und zahlreichen netten Anspielungen durch dieses absurde Jenseits geleitet wird, in dem altbekannte Abläufe herrlich schwarzhumorig überhöht werden. Frank Brenner

The Smashing Machine

The Smashing Machine

USA/J/CDN 2025, R: Benny Safdie, D: Dwayne Johnson, Emily Blunt, Ryan Bader, 122 min

Die Karriere von Dwayne Johnson ist schon ziemlich bemerkenswert. Als »The Rock« stand der Wrestler jahrelang im Ring der WWE. Als Schauspieler ist er seit zwei Jahrzehnten Garant für große Boxoffice-Erfolge – mit Hits wie der »Fast & Furious«-Reihe, »Scorpion King« oder »Jumanji« allerdings ausschließlich im Popcornkino. Unter der Regie von Benny Safdie (»Der schwarze Diamant«), der hier erstmals ohne seinen Bruder Josh antritt, soll nun der Wechsel ins Charakterfach gelingen, und dafür knüpft Johnson, der den Film auch produzierte, dort an, wo er sich heimisch fühlt. Er spielt Mark Kerr, einen der Pioniere der UFC (Ultimate Fighting Championship), die Mixed-Martial-Arts, also unterschiedliche Kampfstile, in einem Ring vereint. In den frühen Neunzigern ist Mark ein aufstrebender Wrestler, der sich in Japan gegen Boxer und Karatekämpfer aus aller Welt behauptet. Der sanftmütige Hüne gilt als der ungeschlagene Champion im Ring, doch er droht zunehmend den Kampf gegen seine Sucht nach Opiaten zu verlieren. Hinzu kommt die komplizierte Beziehung zu Dawn, die ihn irgendwann mit einer Überdosis am Boden ihrer Wohnung findet. Mark macht einen Entzug und versucht sich zurück in den Ring zu kämpfen. Johnson verkörpert das überzeugend und mit beeindruckender physischer Präsenz. Die Geschichte liegt ihm persönlich am Herzen, das ist deutlich. Allerdings ist »The Smashing Machine« abseits der mitreißenden Kampfsequenzen äußerst konventionell erzählt. LARS TUNÇAY