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Rezensionen

Jörn Schulz: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen

Jörn Schulz: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen

Jörn Schulz: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen.

Der Augsburger Maro-Verlag hat im Sommer 2020 eine neue Reihe namens Maro-Hefte gestartet, die politische Essays mit Illustrationen verbindet. In der ersten Ausgabe beschäftigten sich Jörn Schulz und Marcus Gruber mit Klima und Kapitalismus: »Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen«. Stilistisch bewegt sich der Autor zwischen Essay, Streitschrift und Appell. Anhand verschiedenster Beispiele widerlegt er die These, dass der Griff zu Jute statt Plastik das Klima und somit die Welt retten wird. So würde beispielsweise Fair Trade einer kleinbäuerlichen Familie zwar mehr Sicherheit geben – die Klassenverhältnisse stabilisiere der faire Handel aber, und Gewinn machten die Unternehmen. Die Produktionsverhältnisse würden nicht angerührt, und so könne der Schutz der Natur der Wachstumslogik zufolge immer nur nachrangig sein. Der Idee, dass individueller Verzicht und bewusster Konsum einen strukturellen Wandel hervorbringen könnten, stellt Schulz entgegen, dass noch nie ein Unternehmen wegen Verbraucherentscheidungen bankrott gegangen sei. Eigenheit des Kapitalismus sei es ja gerade, nicht für den Bedarf zu produzieren, sondern für Kapitalakkumulation. Laut Schulz rettet der Glaube an die Wirksamkeit des »nachhaltigen« Konsumverhaltens nicht das Klima, sondern den Kapitalismus. Da erscheint einem der Umstand, dass es auf der Klimakonferenz in Davos, zu der die Herrschenden mit dem Privatjet hinfliegen, fair gehandelte Veggie-Wurst gibt, fast zynisch. Jedoch sollen Schulz’ Erkenntnisse keineswegs zur Resignation führen – das Heft rät vielmehr dazu, das Bestehende zu analysieren, um so Ansätze einer Utopie, in der es Genuss und gutes Leben für alle gibt, zu entwickeln. Denn Verstehen sei der erste Schritt für grundlegende Veränderung. Genau dafür ist das Heft hervorragend geeignet. Und ein Lesegenuss noch dazu. Lea Matika

Ágnes Heller: Orbanismus – Der Fall Ungarn

Ágnes Heller: Orbanismus – Der Fall Ungarn

Ágnes Heller: Orbanismus – Der Fall Ungarn. 74 S.

Letztes Jahr schwamm die ungarische Philosophin Ágnes Heller mit 90 Jahren in den Plattensee hinein und kam nicht wieder heraus. Hinterlassen hat Heller eine finstere Prognose und einen hoffnungsvollen Appell: In einigen ihrer letzten Essays und Interviews, die in dem kleinen Band »Orbanismus« abgedruckt sind, hält sie uns dazu an, Gebrauch von unserer Freiheit zu machen, bevor es zu spät ist. Heller erzählt vom Scheideweg, an dem Ungarn sich nach dem Ende der Sowjetunion befand. Es ist eine Landesgeschichte, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, um zu verstehen, was in ganz Europa passiert. Nicht nur Viktor Orbán in Ungarn, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern bringen sich Patriarchen unterstützt von Oligarchen in Stellung und bereiten, wie Heller es nennt, eine »postmoderne Tyrannei« vor. Ihrer Ansicht nach unterscheiden sich die gegenwärtigen »illiberalen Demokratien« von autoritären und totalitären Systemen durch ein Fundament aus »ethnischem Nationalismus«. Denn dieser lässt liberale Prinzipien und sogar bestimmte demokratische Funktionen weitgehend unangetastet, solange die Außengrenzen gesichert sind. Die Notstandsverordnung während der Corona-Krise in Ungarn, dank der Orbán nun beinahe ein uneingeschränkter Herrscher geworden ist, ist eine Konsequenz aus der Geschichte Ungarns, einer Entscheidung gegen die eigene demokratische Freiheit. Ágnes Heller macht deutlich, dass die Entscheidung für die Demokratie letztlich immer bei uns liegt, dass wir im Sinne Hannah Arendts wieder »Lust am Handeln« entwickeln müssen, um diese unsere Demokratien zu retten. Marcus Eyck Wendt

Isidora Sekulic: Briefe aus Norwegen

Isidora Sekulic: Briefe aus Norwegen

Isidora Sekulic: Briefe aus Norwegen. 132 S.

»Vor langer Zeit lebte ein König namens Gylfi«, beginnt die serbische Schriftstellerin Isidora Sekulic märchenhaft. Sie befindet sich auf der Überfahrt nach Norwegen, betrachtet das Meer, das »Schwerter und Messer mit sich« zu tragen scheint und denkt an die Mythen und Sagen über die Entstehung Norwegens, »das eine barbarische Phantasie von nacktem Stein und Wasser ist«. 1913, das Jahr von Sekulic’ Reise, in der unsicheren politischen Ordnung zwischen dem zumindest offiziellen Ende des Balkankrieges und dem Beginn des Ersten Weltkrieges, die von einer Schwermut begleitet ist, von der man nie ganz weiß, ob Norwegen sie hervorbringt oder ob sie der Reisenden selbst anhaftet – »meine Seele ist überall dort, wo ich den Herbst verbracht habe«. Den damals verbreiteten Umweltdeterminismus teilt die Intellektuelle übrigens nicht, trotzdem zeigt sie die enge Verbindung von Landschaft und Leuten auf und versucht, sich das damals noch recht unbekannte Land verständlich zu machen, denn »Norwegen ist, wie allgemein bekannt, ein kleiner Staat, der in Europa keine Rolle spielt«. Die Auswahl der zusammengestellten Texte zeigt eindrücklich die Bandbreite des schriftstellerischen Könnens der Autorin, die mittels Momentaufnahmen ihre empfundene Zeit- und Ortlosigkeit heraufbeschwört: Ein Schlittenausflug endet in einer Diskussion über Bjørnson und Ibsen, in einem Essay reflektiert Sekulic über die Norweger als Gemeinschaft und beschreibt das gesellschaftliche Band, das mehr verknüpft als das Staatsgebilde als solches. Und sie begegnet den Einwohnern selbst, zitiert sie, wenn sie deren Lebensrealitäten beschreibt, und tritt in diesen einfühlsamen Reportagen respektvoll in den Hintergrund. Eine Liebeserklärung an Einfachheit, Nomadentum und Einssein mit der Natur in der Vergänglichkeit des Lebens. Das exzellente Nachwort der Herausgeberin Tatjana Petzer sorgt für die nötigen Hintergrundinformationen zur Biografie dieser herausragenden Schriftstellerin. Linn Penelope Micklitz

Josef Haslinger: Mein Fall

Josef Haslinger: Mein Fall

Josef Haslinger: Mein Fall. 140 S.

»Ich wende mich an Sie als Mitglied der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft. Nach langem Zögern habe ich mich nun entschlossen, über den sexuellen Missbrauch, der mir in jungen Jahren als Sängerknabe im Zisterzienserkloster Stift Zwettl widerfahren ist, auszusagen.« So beginnt die E-Mail Josef Haslingers, mit der er nach Jahrzehnten sein Schweigen bricht. Dreimal muss er seine Geschichte erzählen, bis er schließlich gebeten wird, seinen Fall selbst aufzuschreiben: »Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das ja alles viel besser formulieren, als ich das kann.« Was zunächst als simple Rekonstruktion seiner Erinnerungen anfängt, wächst sich zu einer ausufernden Rekapitulation und Überprüfung vergangener Ereignisse aus. »Ich war zehn Jahre alt, als Pater Gottfried Eder sich für meinen kleinen Penis zu interessieren begann und dabei ganz offensichtlich in Erregung geriet.« Etliche Vorfälle über mehrere Jahre hinweg folgen. Sie alle versucht Haslinger nun, Jahrzehnte später, genau zu dokumentieren. Bis zur oben erwähnten E-Mail hatte Haslinger seinen Fall im Freundeskreis scheinbar leichthin abgetan: »Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen – bei mir waren es halt Zisterziensermönche.« Doch der Missbrauch hinterlässt Spuren. »Mein Bruder Stefan drückte es drastischer aus. Er sagte: Du fährst eine Strategie der Verharmlosung. Das nützt nur den Tätern.« Als er zufällig erfährt, dass die Patres verstorben sind, entschließt er sich zur Aussage. »Ich wollte, dass mein Fall von einer offiziellen Institution dokumentiert wird.« Der Schriftsteller, der seine Geschichte nicht länger nur selbst bezeugen will. Dass der Autor sich einerseits in sein Erleben als Kind zurückzuversetzen vermag und gleichsam seinen jahrzehntelangen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Missbrauch schildert, macht dieses Buch zu einem Psychogramm missbrauchter Schutzbefohlener. »Der Vorstellung gegenüber, sexuell missbraucht worden zu sein, war die Vorstellung, Mitspieler gewesen zu sein und dadurch der Situation nicht ganz ausgeliefert, gewiss die erträglichere.« Es bleibt der aufrichtige Wunsch, dass Josef Haslinger mit seiner Falldokumentation das »Gefecht gegen die Geister« für sich entscheiden kann. Linn Penelope Micklitz

Tanya Tagaq: Eisfuchs

Tanya Tagaq: Eisfuchs

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Antje Kunstmann 2020. 196 S.

Cambridge Bay heißt in der Sprache der Inuit Iqaluktuu iaq. Der Ort liegt im Südteil der Victoria-Insel an der Nordwestpassage in Nunavut im Norden Kanadas. Permafrostboden, Tundra, Mitternachtssonne im Sommer, Polarlichter und wochenlange Dunkelheit im Winter. Wie sieht eine Kindheit an so einem Ort aus? Die Heldin dieses surrealen Entwicklungsromans wächst hier Ende der siebziger Jahre in einer indigenen Gemeinschaft auf. »Meine Mutter war ein Kind der großen Veränderungen; von der Regierung veranlasste Umsiedlungen, der Übergang zum Kapitalismus und die Häutung der Schamanen führten zur Generation der Christlichen Gebote, des Blinden Glaubens und der Scham.« Verstreute, autobiografisch angelehnte Momente rahmen die Geschichte der Heldin. Sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Die Erwachsenen sind oft betrunken und unberechenbar. In einem Wechsel von Prosa und lyrischen Passagen löst sich der Realitätsbezug zunehmend auf. In Visionen von Tiergestalten entsteht eine eigene Mythologie. Seinen jähen, magisch-realistischen Höhepunkt erreicht das Buch, als die Heldin von Nordlichtern vergewaltigt wird. Die Autorin widmet ihr Werk den Überlebenden der Residential Schools sowie allen »verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas«. »Eisfuchs« ist nicht weniger als der literarische Versuch einer Selbstverortung Generationen nach dem kulturellen Völkermord. Tagaq ist bislang vor allem als Musikerin in Erscheinung getreten: Ihre neunminütige Kehlkopfperformance auf Youtube bildet eine Brücke zum Verständnis der Stimmen in diesem Roman. Jennifer Ressel

Antje Kunstmann

Markus Thiele: Echo des Schweigens

Markus Thiele: Echo des Schweigens

Markus Thiele: Echo des Schweigens. 408 S.

Was ist einem Anwalt wichtiger – das Gesetz oder die Moral? Damit muss sich Hannes Jansen auseinandersetzen, als er seinen bisher größten Fall annimmt. Es geht um den Tod des Senegalesen Okeke, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Der Gerichtsfall in »Echo des Schweigens« basiert auf dem des Sierra Leoners Oury Jalloh, der 2005 in einer solchen Zelle verbrannte und dessen Todesursache noch nicht eindeutig geklärt wurde. Im Roman verteidigt Jansen den wegen Mordes angeklagten Polizisten. Als ihm jedoch ein Beweismittel übergeben wird, wachsen seine Zweifel an der Unschuld seines Mandanten. Zufällig lernt er bei seinen Ermittlungen die Pathologin Sophie Tauber kennen, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Während Tauber und Jansen an dem Fall arbeiten, wird ihre Beziehung komplizierter, und sie merken, dass sich ihre Auffassungen von richtig und gerecht nicht gleichen. Der Roman erzählt die Geschehnisse rund um Okeke, aber in drei verschiedenen Geschichten. Neben Jansens Fall und Taubers Suche nach dem Vater springt der Roman immer wieder ins Jahr 1941 und berichtet von der Jüdin Lea Rosenbaum. Alle drei Stränge werfen die Frage auf, welchen Stellenwert Moral und Gerechtigkeit eigentlich haben. Thiele, der selbst auch Rechtsanwalt ist, schreibt die Geschichten mit viel Liebe zum Detail und macht es dem Leser leicht, sich die Orte und Handlungen vorzustellen. Geschickt verstrickt er die drei Leben miteinander und lässt den Leser nach und nach die Zusammenhänge erahnen. Lea Heilmann

Oleg Senzow: Leben

Oleg Senzow: Leben

Oleg Senzow: Leben. 112 S.

Wenn ein Filmemacher im Knast sitzt, schreibt er Geschichten. So beginnt Andrej Kurkov das Geleitwort zu »Leben« und er schiebt gleich hinterher, wie misslungen dieser Anfang ist, denn tatsächlich hat Oleg Senzow mit dem Schreiben lange vor der Haft begonnen. Der Künstler, der Ökonomie und Filmregie gelernt hat, wurde 1976 auf der Krim geboren, studierte in Kiew und Moskau, kehrte auf die Krim zurück, wurde erfolgreicher Cybersportler und gründete einen Computerklub sowie eine Filmproduktionsgesellschaft, brachte Filme, Geschichten und einen Roman raus. Er verlor seine ukrainische Staatsbürgerschaft, nachdem die Krim Russland eingegliedert worden war. Als Teil des sogenannten Automaidan, der ukrainische Soldaten mit Vorräten versorgte, die von russischen Kräften blockiert waren, wurde er zusammen mit anderen 2014 wegen Terrorverdachts verhaftet und nach Moskau gebracht. Die im folgenden Jahr ausgesprochene Strafe sah zwanzig Jahre Straflager vor, fortan und bis zur Freilassung nach einem Gefangenenaustausch im letzten Jahr musste sich Semzow in einer Strafkolonie am Polarkreis aufhalten. Die acht kleinen autobiografischen Geschichten erzählen nicht von der Haft und dem langen Hungerstreik – vor dem Aufsehen, das Senzows Prozess und Verurteilung europaweit erregten, mögen sie geradezu lapidar wirken. Das sind sie aber nicht. Schnörkellos berichten sie von den kleinen Versäumnissen des Alltags, von der vergessenen Großmutter, vom nicht mehr beachteten Freund, von falschen Entscheidungen, Schlägen in der Familie und Schlägen in der Schule, von den Leuten auf dem Dorf. Die große Welt ist aus all diesen nicht ergriffenen Gelegenheiten ausgesperrt. Und sie ist doch gerade dort enthalten, wo Zwischenmenschlichkeit und Mut nicht zu gelingen scheinen. Franziska Reif

Regina Porter: Die Reisenden

Regina Porter: Die Reisenden

Regina Porter: Die Reisenden. 384 S.

Allmählich kommen die Obama-Jahre in der Literatur an. Salman Rushdie hat über diese Zeit geschrieben und Andrew Shaffer hat Barack Obama und seinen Vize Joe Biden sogar zu Helden einer Kriminalgeschichte gemacht. Nun legt die Theaterautorin Regina Porter ein Buch vor, das während des Vietnamkriegs beginnt und mitten in die Obama-Ära hineinreicht. Am Anfang stehen die Geschichten von James Vincent Junior und Agnes Miller. Er, der Nachfahre irischer Einwanderer, verfolgt eine Karriere als Anwalt und gibt sich zahlreichen Frauenabenteuern hin. Sie als junge afroamerikanische Frau erlebt Rassismus und sexuelle Übergriffe. Porter erzählt von James, Agnes und ihren Familien. Die eine ist weiß, die andere schwarz. Schon mit diesem Kniff gelingt es ihr, ein breites gesellschaftliches Panorama aufzufächern. Die Kapitel wechseln von kleinen Orten zu Großstädten und immer wieder von einer Zeit in die andere. Dabei erzählt sie ungeschönt vom Land und seinen Problemen: von Ehekrisen und Familienzwist, von Rassenspannungen und Kriegseinsätzen. Die Stärke des Romans ist, dass er zwei Dinge verbindet: konkrete Situationen, wie man sie lebendiger kaum beschreiben könnte, und den großen Lauf der Geschichte. Wenn in einem Café noch Rassentrennung herrscht, dann wird darauf verwiesen, dass dies in einigen Jahren schon anders aussieht. Die Botschaft des Romans lautet: So gespalten das Land auch war oder ist, seine Geschichte ist trotzdem eine gemeinsam erlebte. Das ist es, wovon Regina Porter auf anschauliche und filigrane Weise erzählt. Mit »Die Reisenden« ist ihr ein beeindruckender Gesellschaftsroman gelungen, der sich vor Werken von Richard Ford oder Jonathan Franzen nicht verstecken muss, sie mitunter sogar übertrifft. Tino Dallmann

Svetlana Lavochkina: Puschkins Erben

Svetlana Lavochkina: Puschkins Erben

Svetlana Lavochkina: Puschkins Erben. 368 S.

Es scheint den Leuten schwer zu fallen, glücklich und zufrieden zu leben. Erst recht trifft das auf die zu, die in der Sowjetunion Richtung westlicher Konsumgüter schielen, und dort wiederum können sich die in Moskau als richtig vornedran fühlen, weil üppiger gesegnet als die zum Beispiel in Zaporoschje in der Südostukraine – eine Stadt, von der ohne Sowjetunion und Industrialisierung niemand reden würde. Außer Puschkin-Fans: Der soll hier bei einem Bad im Dnjepr einen Ring verloren haben, 1820, als Zaporoschje wirklich ein verschlafenes Nest war. Während der Breschnew-Jahre und danach schlägt die Story um seine Erben ungewöhnliche, verrückte Volten und Haken, zieht nicht vorhersehbare Verbindungen zwischen den einzelnen gerne herrlich unsympathischen Figuren, spuckt viele Liebespaare aus und findet dafür eine üppig-überdrehte (von Diana Feuerbach gut übersetzte) Sprache, die ebenso viel Einfallsreichtum zeigt wie die Geschichte selbst. Auch die Figuren werden auf humorvolle Weise überzeichnet und übertrieben. Leider stößt der Einfallsreichtum dann doch an seine Grenzen: Während zwischendurch schon mal erfundene Pressetexte eingesetzt werden, um den Bericht der Geschehnisse weiterzudrehen – übrigens wenig überzeugend, weil fern journalistischer Textgepflogenheiten –, wird zu diesem Mittel gegen Ende en bloc gegriffen. Das ist im Gegensatz zum Rest des Romans ein bisschen ermüdend; es drängt sich der Verdacht auf, dass das Buch schnell fertig werden sollte. 2015 unter dem Titel »Zap« bereits auf Englisch erschienen, stand »Puschkins Erben« im selben Jahr auf der Shortlist des Tibor-Jones-Pageturner-Preises in London. Und ein Pageturner ist der unterhaltsame Roman der gebürtigen Ostukrainerin, die in Leipzig lebt, durchaus. Franziska Reif

Peter Zantingh: Nach Mattias

Peter Zantingh: Nach Mattias

Peter Zantingh: Nach Mattias. 240 S.

Mattias ist tot. Der junge Mann kam bei einem Attentat ums Leben. Die Facetten der Trauer, die nun das Leben der Hinterbliebenen prägen, misst der niederländische Autor Peter Zantingh in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman aus. Lebensgefährtin Amber quält sich mit Erinnerungen an den letzten Streit, Mattias’ bester Freund Quentin bleibt mit den Träumen vom gemeinsam geplanten Musikcafé zurück und findet nur dank eines blinden Joggingpartners wieder in die Spur. Weitere Figuren wie die Großeltern, ein junger Computerspieler, Mattias’ Mutter sowie die des Attentäters schildern in den ihnen jeweils zugeordneten Kapiteln, wie sie mit den Ereignissen fertig oder eben nicht fertig werden. Der Leser wird in Lebensausschnitte hineingestoßen, in individuelle Versuche, den Verlust zu bewältigen. Das ist berührend, weil man nicht anders kann, als mitzuempfinden. Unbefriedigend bleibt die Lektüre allerdings, weil jedes mit Mattias verflochtene Schicksal nur angerissen wird, wenig Vertiefung oder Entwicklung stattfindet. Eigenartig ist auch, dass die Person, die eigentlich verbindend im Mittelpunkt stehen müsste – eben Mattias –, schemenhaft bleibt. Nicht nur die Trauernden kapseln sich ab, finden lediglich in Ausnahmefällen zueinander. Die in der Rückschau geschilderten Bindungen zwischen dem Verstorbenen und seinen Bezugspersonen wirken geisterhaft. Die Trauer scheint aus dem Bewusstsein zu verdrängen, was in der Beziehung schon zu Lebzeiten gefehlt hat – und was hier kaum miterzählt wird. So ist »Nach Mattias« ein Roman mit einer interessanten Ausgangsidee, die Ausführung bleibt jedoch etwas dahinter zurück. Andrea Kathrin Kraus

Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht

Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht

Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht. 176 S.

Wer dachte, über Liebe, Beziehungen und Patriarchat sei alles gesagt, irrt. In ihrem mittlerweile vierten und längsten Comicroman »Ich fühl’s nicht« knöpft sich Liv Strömquist die Liebesbeziehung in Zeiten einer konsumorientierten Gesellschaft vor. Alle wollens, keiner spürts: Warum ist das Gefühl des Sich-Verliebens scheinbar so außergewöhnlich geworden? Es ist eine Reise durch die wissenschaftlichen Erklärungsansätze von Byung-Chul Han bis Eva Illouz, die Strömquist in den Dialogen ihrer gezeichneten Protagonisten vorstellt. Vielleicht liegt es ja an der neuen Definition des männlichen Erfolgs, die dem Gefühl des Verliebtseins im Weg steht? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir super schlecht sterben können? Vielleicht! Erstaunlich oft betont Strömquist ihre eigene Neutralität in Hinblick auf die Erklärungskraft der vorgestellten Ansätze und deklariert ihre eigene Meinung zu den Dingen. Man merkt: Es ist kein einfaches Unterfangen, diese Ideen grafisch aufzubereiten, Seiten mit bloßem Text häufen sich. Nichtsdestotrotz kann dieses Buch nicht auf die liebevoll gestalteten dialogischen schwarz-weißen Darstellungen verzichten, deren Pointiertheit jede weitere Erklärung überflüssig macht. Wenn Strömquist dann fragt: »Können Sie nicht einfach auf Ihr Gefühl hören?«, dann kann man sich das Lachen oft nicht verkneifen: »Nein, dafür müsste ich einen Bauch-Gefühl-Experten konsultieren.« Anna Hoffmeister

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung. 285 S.

»›Wie durch ein Gefängnis gehe ich durch meiner selbst‹, murmelte er leise.« Er – das ist der Protagonist des Romans »Blauwal der Erinnerung«, in dem Tanja Maljartschuk jene Intellektuellen aus der Versenkung der Geschichte holt, die um 1900 bis Mitte des 20. Jahrhunderts von einer eigenständigen Ukraine träumten. Diese heterogene Boheme zerwirft sich allerdings zwischen Kiew, Krakau und Wien im Disput um den Weg zum Ziel. Die 1983 in der Ukraine geborene Maljartschuk baut dazu zwei Zeitebenen auf: die der historischen Abläufe um den ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyi und die einer leidenden jungen Frau der Jetztzeit, die in der Ich-Form erzählt und namenlos bleibt. Psychisch gestört, verlässt die Literatin monatelang kaum ihre Wohnung. Als sie bei Recherchen auf Lypynskyi stößt, reißt dessen bewegte Biografie als Historiker, Politiker und Hypochonder sie aus ihrer Lethargie. Der 2019 ins Deutsche übersetzte Roman vermittelt ein intensives Bild der zerrissenen ukrainischen Geschichte zwischen den Nachbarn Polen und dem Zarentum Russland. Gerade das macht es dem Leser zumindest am Anfang nicht leicht, die vielen Fakten und Namen der Akteure im Lesefluss zu halten. Spannung ergibt sich vor allem aus dem Wissen um den Ausgang der Geschichte, die Zwangsaufnahme der bäuerlich geprägten Ukraine in den riesigen Staatenbund Sowjetunion, und aus dem Ende der beiden Hauptfiguren, die einander nie begegnet sind. Die 285 Seiten sind trotz des Personenverzeichnisses keine leichte Kost: Sie zu lesen lohnt trotzdem, denn der »gigantische Blauwal des Vergessens« hat sein Maul kurz geöffnet und Helden von damals wieder ausgespuckt. Petra Mewes

Mahir Guven: Zwei Brüder

Mahir Guven: Zwei Brüder

Mahir Guven: Zwei Brüder. 282 S.

Der große Bruder steuert sein Uber-Taxi durch Paris, seine Beobachtungen gesellschaftlicher Schieflagen – exemplarisch für ganz Frankreich und andere Industrieländer – sind klarsichtig und nüchtern. Der kleine Bruder arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus, sein Abschied aus dem bekannten Leben am Rande der französischen Hauptstadt beginnt mit dem Gedanken, dass der Herzpatient, der da auf dem OP-Tisch liegt, einfach zu fett ist, und endet mit der heimlichen Ausreise nach Syrien. Der ratlose Vater und der ältere Bruder hören drei Jahre nichts von ihm. Bis er eines Tages wieder vor der Tür steht. Mahir Guvens Debütroman erschien 2017 in Frankreich unter dem Titel »Grand frère« und erhielt im Folgejahr den Prix Goncourt für das Beste Debüt, den wichtigsten Literaturpreis für ein Erstlingswerk im französischsprachigen Raum. Und das völlig zu Recht. Nach den Terroranschlägen von Paris ist die Frage nach dem Warum im Bewusstsein der Grande Nation noch immer dringlich. Guven bereichert mit »Zwei Brüder« den Kanon an literarischen Katalysatoren um zwei Stimmen aus dem Inneren einer Familie mit »Migrationshintergrund«. Die französische Mutter ist früh verstorben. Der syrische Vater spricht ein eigenwilliges Französisch und ärgert sich als langjähriger Taxi-Fahrer über die Konkurrenz durch moderne Fahrdienstleister. Aber ist der kleine Bruder wirklich ein Terrorist? Abwechselnd kommen beide Brüder, die übrigens bis zum Epilog namenlos bleiben, in Monologen, Dialogen und reflektierenden Passagen zu Wort. Auch wenn der rüde Jargon zu Beginn etwas ungewohnt ist, überzeugt der konsequente, nie überspitzte Stil auch in der deutschen Übersetzung. Der Rhythmus, der stellenweise an Sprechgesang erinnert, macht schier süchtig und hält die Spannung bis zum Schluss. Jennifer Ressel

Ted Gaier: Argumentepanzer

Ted Gaier: Argumentepanzer

Ted Gaier: Argumentepanzer. 215 S.

Straßenproteste in Athen, ein afrodeutsch besetztes bayerisches Theaterstück, Popmusik in Rumänien, der Kampf um die Esso-Häuser in Hamburg, Herbert Grönemeyer (»Diese verdammte arschzugekniffene Landserstimme!«). Es geht durcheinander in diesem Buch, und das nicht zu knapp. Das hat zum einen damit zu tun, dass sein Autor gegen alle möglichen Spielarten kapitalistischer Kultur ins Feld zieht, zum anderen aber auch damit, dass zueinanderpassende Texte im Buch nicht beieinander stehen, was Themen- und Zeitsprünge hervorbringt, die es Nicht-ganz-so-Insidern nicht einfach machen. Die insgesamt 24 »teilnehmenden Beobachtungen« verteilen sich auf drei Kapitel, die einfach I, II und III heißen, aber auch »Vermischtes«, »Musik« und »Vermischtes« heißen könnten, wobei Vermischtes auch Musik enthält. IV versammelt dann (endlich!) 13 Texte von Songs der Goldenen Zitronen, die sich zum Teil mit denselben Themen wie die semijournalistischen Texte befassen – aber natürlich pointierter und geschliffener, schlicht besser sind: »80 Millionen Hooligans«, »Immer diese Widersprüche«, »Der Bürgermeister« oder »Der Investor«. Natürlich geht es ihnen wie allen Songtexten: Man kann sie eigentlich nicht ohne den Liedrhythmus lesen, vermisst deshalb umso mehr die Musik zum (oder im?) Text, was sich noch verstärkt, wenn man irgendwann aus dem Rhythmus rausstolpert, weil man es eben nicht schafft, so viele Worte wie Ted Gaier in eine Zeile zu quetschen. Ach ja: Ted Gaier bildet zusammen mit Schorsch Kamerun seit 1984 den Kern der gar nicht hoch genug einzuschätzenden Band Die Goldenen Zitronen, ist Musiker, Produzent, Regisseur und Teil des »politaktivistischen interventionistischen Performancekollektivs Schwabinggrad Ballett«. Benjamin Heine

Dino Buzzati: Die Tatarenwüste

Dino Buzzati: Die Tatarenwüste

Dino Buzzati: Die Tatarenwüste. 252 S.

Giovanni Drogo, frisch zum Leutnant ernannt, ist an eine Grenzanlage im Norden beordert worden. Hoffnungsfroh macht er sich auf den Weg, der Beginn seines wirklichen Lebens! Doch seine Erwartungen werden enttäuscht. Die Festung erweist sich als trist und abgelegen, Drogo möchte auf dem Absatz kehrtmachen. Möglich wäre es, ließe er sich nicht beschwatzen – wenigstens vier Monate muss er bleiben. Aus den Monaten wird ein Jahr, werden Jahrzehnte. Ein Leben verstreicht. Der italienische Autor Dino Buzzati (1906–1972) beschreibt in seinem 1940 erschienenen Roman »Die Tatarenwüste« ein absurdes militärisches Reglement und dessen Anziehung: »Schon hatte die Trägheit sich seiner bemächtigt, das Verharren im Gewohnten, eine gewisse Liebe zu den ihn umgebenden, immer gleichen Mauern und nicht zuletzt die Eitelkeit eines jungen Offiziers.« Der Protagonist Drogo wartet auf ein Ereignis, bei dem er sich bewähren kann. Eine Schlacht etwa. Den plötzlichen Angriff der Tataren, die in der nördlichen Wüste leben sollen. Eines Tages erscheint an der Grenzanlage ein gesatteltes Pferd, kurz darauf rücken Truppen an. Doch der Angriff bleibt aus, Jahre gehen dahin. Das Verstreichen der Zeit und die Illusionen eines Menschen – wie er seine Hoffnungen in die Zukunft verlegt, bis keine mehr übrig ist – schildert Buzzati. In einfachen, harten Worten, die einen zugleich die Wirkung der Festung spüren und die Verheißung der schroffen Wüstenlandschaft auf den Lippen schmecken lassen. Jeder hat seine eigene Tatarenwüste. Die Andere Bibliothek hat Buzzatis Werk neu herausgebracht, eine überaus lesenswerte Mahnung für alle, die ihr Leben nicht vertagen wollen. So viel sei verraten: Drogo kommt zu seiner Schlacht, er darf sich bewähren. Aber anders als erhofft. Maurus Jacobs

Reginald Dwayne Betts: Felon

Reginald Dwayne Betts: Felon

Reginald Dwayne Betts: Felon. 95 S.

Das Unkenntlichmachen der eigenen Vergangenheit sei ein Dialekt, angeeignet nach Erfahrungen im Gefängnis. Zumindest behauptet dies der afroamerikanische Lyriker Reginald Dwayne Betts im ersten Gedicht seiner vierten, auf Englisch erschienenen Anthologie »Felon« [Verbrecher]. In dieser Sammlung schreibt er gegen das Verstecken seiner persönlichen Geschichte an: Mit 16 verurteilte ihn ein Gericht in Virginia zu acht Jahren Haft für einen Autodiebstahl, versuchten Raub und den Besitz einer Handfeuerwaffe. Nach seiner Zeit hinter Gittern studierte er Recht an namhaften Universitäten und bewarb sich 2017 als Staatsanwalt in Connecticut. Doch ein Richterkomitee stellte Betts’ moralischen Kompass in Frage und wollte seine Tauglichkeit gesondert prüfen. Vor diesem Hintergrund fragt Betts treffend in »Felon« nach den Chancen eines ehemaligen Sträflings beim Wiedereintritt in die Gesellschaft: Kann er oder sie je mehr sein als das Verbrechen und die abgesessene Strafe? Die durchweg männlichen Sprecher seiner Gedichte spielen auf der Suche nach einer Antwort beeindruckend viele Rollen durch: Sohn, Vater, Krimineller, Angeklagter, Verurteilter, Insasse, Entlassener. Alle suchen sie gemeinsam nach einem Weg, der eigenen Familie von ihren Erfahrungen zu erzählen. Einige reformerische Impulse gibt Betts in Form von geschwärzten Gerichtsdokumenten: Er zeigt Fälle, in denen Angeklagten die Zahlung einer festgelegten Kaution nicht möglich war, und verdeutlicht eindringlich, wie das amerikanische Justizsystem auch Armut kriminalisiert. Betts macht aus dem visualisierten Verschweigen eine laute Stimme, die dabei noch so unverschämt rhythmisch ist, dass einem die gelesenen Bekenntnisse lang im Kopf bleiben dürften. Marcel Hartwig

Christian Dürr: Die Befreiung oder Marcelos Ende

Christian Dürr: Die Befreiung oder Marcelos Ende

Christian Dürr: Die Befreiung oder Marcelos Ende. 280 S.

Manuel Gluckstein wächst in Argentinien auf. Seine Eltern sind Shoah-Überlebende und nach Südamerika ausgewandert. Schwer lastet ihr Schweigen über die Vergangenheit auf dem Haus der Glucksteins. Früh bricht Manuel von zu Hause aus. Im Buenos Aires der siebziger Jahre beginnt er zu studieren und schließt sich einer Studentengruppierung an, die die Rückkehr des im Exil lebenden Politikers Perón fordert. Doch als dieser zurückkehrt, erweist er sich nicht als der, für den die Studenten ihn gehalten haben. Stattdessen macht er gemeinsame Sache mit rechten Gruppierungen. Bald nach seinem Tod regiert eine Militärjunta das Land. Menschen verschwinden und auch Manuel landet im Pozo de Arana, einem der berüchtigten geheimen Folterlager der Machthaber. Christian Dürr ist Historiker. Er arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielt, und hat Argentinien mehrfach zu Forschungszwecken bereist. Er kennt sich also aus mit der Materie, die er beschreibt. Inhaltlich ist das hochinteressant, wie hier die NS-Zeit mit der argentinischen Geschichte bis in die 2000er Jahre verknüpft wird. Sprachlich gesehen lässt »Die Befreiung« jedoch stark zu wünschen übrig. Besonders die erste Hälfte ist voller Klischees und schlecht ausgearbeiteter Szenen. Am besten ist Dürr, wenn er sich auf die Historie konzentriert und seine ohnehin eher blutleeren Charaktere in den Hintergrund stellt. Von denen ist es ausgerechnet der Folterknecht Marcelo, der am plastischsten gezeichnet ist. Im Zusammenspiel mit dem Protagonisten Manuel gehören ihm die stärksten Momente dieses Romangerüstes, das als Sachbuch wesentlich besser funktioniert hätte. Josef Braun

Otto Zoff: Die Hugenotten

Otto Zoff: Die Hugenotten

Otto Zoff: Die Hugenotten. 400 S.

Im Wiener Verlag E. P. Tal erschien 1937 das Buch des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers Otto Zoff, das zu einem der meistübersetzten Werke der Emigration wurde: »Die Hugenotten – Geschichte eines Glaubenskampfes«. Der Konstanzer Südverlag, in dem das Buch bereits 1948 neu aufgelegt wurde, bringt es in diesem Jahr wieder heraus. Obwohl das Thema nicht aktuell klingt, lohnt die Auseinandersetzung damit. Schnell wird deutlich, wie stark die französischen Glaubenskriege des 16. und 17. Jahrhunderts Europas Entwicklung geprägt haben. Der Protestantismus ist für uns längst Teil des Christentums. Mit der Lektüre kehrt die Leserin jedoch zu den Ursprüngen der konfessionellen Spaltung zurück und vollzieht das schockierend Neue dieser Strömung nach. Denn »Die Hugenotten« erzählt auch die Geschichte einer sozialen Umwälzung. Der Autor zeigt, wie der Protestantismus die französische Gesellschaft modernisierte und demokratisierte, wie er ihr Fleiß und Disziplin aufprägte und den Boden für wirtschaftlichen Wohlstand breiterer Schichten bestellte. Etwas anstrengend gestaltet sich das Lesen allerdings durch Zoffs akribische Beschreibung historischer Ereignisse und Persönlichkeiten, die er plastisch und romanhaft ausmalt. Der Autor lebte ab 1938 im französischen Exil, 1941 floh er weiter in die USA. Seine Bücher wurden in Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft verbrannt. Dass »Die Hugenotten« von seinen Zeitgenossen so interessiert aufgenommen wurde, liegt an den thematischen Parallelen: Fanatismus, Unterdrückung, Krieg, die Vertreibung und Vernichtung Andersdenkender, Andersglaubender – dieses Schicksal schien ihnen vertraut. Und die Angst vor der Wiederkehr solcher Zustände ist uns auch heute nicht fremd. Andrea Kathrin Kraus

Olivia Golde: Karstadt waren wir

Olivia Golde: Karstadt waren wir

Olivia Golde: Karstadt waren wir.

»Ich könnte einen neuen Badeanzug gebrauchen.« Was für ein hübscher kleiner Satz! Unauffällig und unverfänglich – und doch dürften sich so manche ertappt fühlen, wenn sie ihn jetzt in Olivia Goldes Buch »Karstadt waren wir« lesen. Golde hat keinen Badeanzug gekauft, sie hat ein Buch geschrieben über das ehemalige Karstadt-Kaufhaus, also auch über das Centrum-Warenhaus. Immer wieder ist die 1992 geborene Leipzigerin in den letzten Wochen vor der Schließung dort gewesen, fuhr Rolltreppe, aß im Restaurant und schaute ganz genau hin: nicht nur, wenn der Springbrunnen zur vollen Stunde musikalisch untermalt bis zur Decke sprudelte, sondern auch ein paar Minuten später, als jemand kam, um den Beckenrand trocken zu wischen. Und sie hat gesehen, dass äquivalent zu den Regalen und Etagen die Blicke der Verkäuferinnen und Kassiererinnen immer leerer wurden. Für sie, aber auch von ihnen erzählt »Karstadt waren wir«. Denn Golde interessiert sich vor allem für diejenigen, die jahre- und jahrzehntelang zusammen hier arbeiteten. »Meine Verbindung war Frauenarbeit und DDR-Geschichte, wie sie in die Gegenwart reicht. Die Verbindung war nicht: Innenstadt und Kaufhaus. Ich bin fokussiert auf Fabriken und Industrie, mache da Praktika, um darüber zu schreiben.« Im Kapitel »Nachweise« versuche sie deshalb, ihre Arbeit an Fragen des Bitterfelder Weges anzudocken. Aus feministischer Perspektive widmet sie sich dem Verhältnis von Literatur- beziehungsweise Kunstbetrieb und Werktätigen, will Geschichten erzählen von denen, die ihre Geschichten vielleicht gar nicht erzählenswert finden. Ausgangspunkt ist dabei der Satz: »Ich wollte mir von einem Menschen ein Bild machen, weil er keins wollte« aus Irmtraud Morgners Montageroman »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« von 1974, der Golde seit der ersten Lektüre im Leseklub der Bibliothek Monaliesa nicht loslässt; mit seiner Montageform, seinen realistischen Alltagsbeschreibungen und fantastischen Elementen darf er als Vorbild von »Karstadt waren wir« gelten. Übrigens schreibt Golde den Titel ihres Buches in Großbuchstaben – um eine Doppeldeutigkeit zu markieren vom Dreierslogan »Karstadt, Waren, Wir« und dem Satz »Karstadt waren wir«. Und so lesen wir nun Goldes Beobachtungsprotokolle aus dem Karstadt, aber auch acht »fristlose« Porträts, die sie dort gesehenen Frauen zugeschrieben hat, sowie von zwei Verkäuferinnen, die selbst zu Wort kommen. Eine davon meldete sich bei der Autorin auf folgende Kontaktanzeige im kreuzer: »Ehemalige Angestellte (w) der Leipziger Karstadtfiliale gesucht, die bereit wären, mit ihren Erfahrungen an einem historisch-literarischen Buchprojekt mitzuwirken. Bitte anrufen: Olivia Golde, 01 57/xx xx xx xx«. »Es braucht beide Ebenen, die Dokumentation und den magischen Realismus«, sagt Golde, die in ihrer Textmontage immer wieder auch das Hadern mit dem Erzählen, ihre Quellen und ihr Vorgehen beim Schreiben thematisiert. Da ist nicht eine lineare Geschichte, die in einem Kaufhaus spielt, da sind verschiedene Ebenen und Elemente zwischen und in den Menschen und den Zeiten. Denn diese »Chronik einer angekündigten Leerstelle« verknüpft die Karstadt-Schließung 2019 mit der drohenden Schließung des damaligen Centrum-Warenhauses im Jahr 1989 – und das auch visuell. Für Golde, die sich viel mit Buchkunst und Zines beschäftigt, war von Anfang an klar, dass dieses Buch nicht nur Textmaterial enthalten würde: »Ich wusste, ich muss überall suchen, was es alles dazu gibt. Und dann war es ein unglaublicher Glücksfall, dass ich im Staatsarchiv Leipzig Wolfgang Swieteks wunderschöne Aufnahmen aus den achtziger Jahren gefunden habe und dass er mir nun erlaubt hat, sie zu nutzen.« Bevor Golde »Karstadt waren wir« anging, hat sie als Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut ein Schreibe- und Reflexionstagebuch darüber geschrieben, »wie ich versuche über das Karstadt zu schreiben und scheitere. Das Buch jetzt ist hoffentlich die Widerlegung dieses Scheiterns.« Das ist es zweifelsohne, dieses kleine Sammelsurium, das einen Ort durch die Geschichten seiner Bewohnerinnen (nichts anderes sind die Angestellten des Kaufhauses hier) auferstehen lässt – und das Sie also sehr gut gebrauchen könnten! Benjamin Heine

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus. 312 S.

Hafez al-Assad, der Vater von Baschar al-Assad, putschte sich 1970 an die Macht in Syrien. In den folgenden Jahren festigte er seine Herrschaft, indem er zahlreiche Oppositionelle wegsperren und foltern ließ. Unter ihnen auch den Juristen Mustafa Khalifa, der sich wiederholt gegen das Regime engagiert hatte. Ohne Anklage inhaftierten die Machthaber ihn zwischen 1982 und 1994 in verschiedenen syrischen Gefängnissen, die meiste Zeit in Tadmor. Der Wüstenknast ist auch der Schauplatz von Khalifas Roman. Darin verwebt er seine eigenen Erfahrungen mit denen anderer Häftlinge. Es ist ein Bericht direkt aus der menschengemachten Hölle.  Ein junger christlicher Filmregisseur kehrt nach dem Studium in Paris nach Syrien zurück. Noch am Flughafen wird er verhaftet. Die Anschuldigungen gegen ihn sind undurchsichtig. Doch einmal in der Gewalt der Folterknechte spielt das keine Rolle. Erst kommen die Verhöre, dann die Verlegung nach Tadmor. Hier landet der junge Mann in einer Zelle mit Mitgliedern der Muslimbrüder, die in ihm schnell einen Ungläubigen wähnen. So lebt er doppelt isoliert: Die Wächter foltern und demütigen ihn, die Insassen meiden und bedrohen ihn. Um zu überleben zieht er sich zurück, existiert in seinem eigenen Schneckenhaus, von dem aus er alles beobachtet. »Das Schneckenhaus« erinnert an Lagerromane wie sie Solschenizyn oder Hertha Müller geschrieben haben. Nur dass es im syrischen Gefängnis keine Arbeit gibt. Stattdessen vergeht die Zeit mit Warten. Auf die nächste Grausamkeit der Militärs oder die nächste Hinrichtung. Oft ist das schon beim Lesen kaum auszuhalten. Doch Khalifa ist ein Autor, der sein Handwerk versteht. Eindrucksvoll legt er Zeugnis ab von einer Wirklichkeit, in der weltweit so manche politische Gefangenen noch heute leben müssen. Ihnen hat er seinen Roman gewidmet. Josef Braun