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Rezensionen

Nanni Balestrini: Der Verleger

Nanni Balestrini: Der Verleger

Nanni Balestrini: Der Verleger. 152 S.

Ein Mann wird leblos unter einem Strommast in Segrate bei Mailand gefunden. Namenlos und doch bekannt im Italien der siebziger Jahre: Der Verleger. Sein Tod erschüttert die Gesellschaft. Der Roman von Nanni Balestrini basiert auf dem Leben und Sterben des kommunistischen Politikers und linken Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli, der als einer der einflussreichsten Verleger der europäischen Nachkriegszeit gilt. 17 Jahre nach dem einschneidenden Ereignis treffen sich vier ehemalige Gefährten des legendären Buchproduzenten – sie wollen einen Film über ihn drehen. Sie erinnern sich, diskutieren – und werden sich einfach nicht einig. Zwei Erzählstränge führen durch die Geschichte. In den ungerade nummerierten Kapiteln finden sich zeitgenössische Dokumente: der Obduktionsbericht, polizeiliche Ermittlungsakten und Artikel zum Tod des Verlegers. Die anderen Kapitel beschreiben die Treffen der Wegbegleiter und den Versuch, ihr Filmprojekt weiterzuentwickeln. In Balestrinis Schreiben spiegelt sich das Lebensgefühl der Zeit: Freiheit und Revolution. Satzzeichen, außer sporadisch eingefügte Fragezeichen, gibt es nicht. Absätze sind scheinbar wahllos gesetzt, schon am Anfang des Buches werden Elemente des Endes vorweggenommen, oberflächliche Schilderungen stehen im Wechsel mit seitenlangen Beschreibungen. Das Buch scheint genauso chaotisch wie die politische Landschaft im Italien der siebziger Jahre. Mit seinem Roman liefert der Autor einen wichtigen Einblick in den Kampf der Linken und die Veränderung ihrer Bewegung nach dem Tod von Feltrinelli. Lea Heilmann

Yval Rubovitch: Mit Sportgeist gegen die Entrechtung

Yval Rubovitch: Mit Sportgeist gegen die Entrechtung

Yval Rubovitch: Mit Sportgeist gegen die Entrechtung. 162 S.

Die Geschichte des jüdischen Sportvereins Bar Kochba in Leipzig beginnt 1919 und endet 1938. Nach einigen Darstellungen seiner Geschichte gibt es nun endlich einen Überblick über jüdischen Sport in Leipzig, in dessen Mittelpunkt Bar Kochba und andere Vereine stehen. Der Historiker Yuval Rubovitch schrieb die Geschichten und Biografien ehemaliger Mitglieder unter Mitarbeit der langjährigen Direktorin des Leipziger Sportmuseums, Gerlinde Rohr, auf. Nach der Gründung des Turnvereins 1919 fand das erste jüdische Sportfest im Januar 1920 in der Kongresshalle am Zoo mit 2.500 Teilnehmern statt. Das Interesse war da und der Wille, die körperliche Betätigung nicht aufs Turnen allein zu beschränken, so kam es 1920 zur Gründung des Jüdischen Turn- und Sportvereins. Nun standen auch Boxen, Leichtathletik, Tennis und Schwimmen auf dem Plan. Anfang 1921 wurde ein Areal im Leipziger Norden an der Dübener Landstraße gekauft. Das Buch zeigt erstmals Fotografien, wie der Sportplatz entstand. Es war der einzige Platz, auf dem Juden nach 1933 Sport treiben oder sich erholen konnten. Nach 1938 ging er ins Eigentum der Stadt über, ein Zwangsarbeiterlager der Leipziger Brotfabrik entstand. Später wurde der Sportplatz von der BSG Aktivist Nord genutzt. Nach der Wende verfiel der Platz und 2016 entsorgte der damalige Besitzer alle Spuren der Vergangenheit. Seit diesem Jahr erinnert eine Stele an die Geschichte des Platzes. Das Buch gibt zudem Einblicke in die aktive Erinnerungsarbeit – zu der unter anderem interkulturelle Jugend-Fußballturniere gehören. Britt Schlehahn

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache. das kulturelle Gedächtnis 2019. 320 S.

Ein langer Untertitel darf gern als Indiz für inhaltslose Übertreibung genommen werden. Das ist bei dieser Sammlung allerdings nicht der Fall, denn die Wunderkammer zwischen zwei Buchdeckeln bildet tatsächlich ein Füllhorn an »Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden« und ist mithin voll von Anlässen für Entdeckungen. Wer erinnert sich noch, dass die Grimmschen Märchen keineswegs immer mit »dann leben sie noch heute« enden? Wer weiß, woher das Eisbein seinen Namen hat, was die Homophonie (»malen und mahlen«) von der Homografie (»Bein-Haltung und Be-Inhaltung«) und diese beiden wiederum von der Polysemie unterscheidet? Wer hat schon einmal Johann Christoph Adelungs erstes Großwörterbuch deutscher Sprache bestaunt, den Anfängen feministischer Sprachkritik nachgeforscht oder sich gefragt, warum der Eidam mittlerweile Schwiegersohn heißt und die Funeralie Beerdigungsfeier? Die kurzweiligen Sprünge durch die Jahrhunderte und Dialekte sind so unsystematisch wie unterhaltsam: Wir erfahren von der Dichterin Sibylla Schwarz und den Stadien kindlichen Spracherwerbs, lernen einige Termini der Buchdrucker (zum Beispiel: »Hose«, »Hochzeit«, »Schweizer Degen«), hören von der Rolle der Hochfahrenheitsmiene in Fontanes Werk, von den Fachsprachen in den Subkulturen der Jäger, Seemänner und Landstreicher sowie von den bescheuertsten Titeln für Groschenromane. Die bis hierhin erfolgte Aufzählung lässt erahnen, dass sich dabei eine gewisse Listenhaftigkeit nicht umgehen lässt. Die wunderschönen Illustrationen und die aufwendige Gestaltung des Bands inklusive Karten, Grafiken, Tabellen und Bildgedichten schafft dies dann aber doch. Und trägt so erheblich zum Vergnügen beim Blättern bei. Franziska Reif

das kulturelle Gedächtnis

Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens

Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens

Bettina Hesse (Hg.): Die Philosophie des Singens. 272 S.

Philosophen haben sich, wenn überhaupt, des Themas Singen eher beiläufig angenommen. Erst Nietzsche (»Lerne singen, oh meine Seele«) wähnte im Gesang ein besonderes Ausdrucksmittel. Bettina Hesse, Autorin, Dozentin und außerdem sängerisch in verschiedenen Ensembles aktiv, versucht nun mit 21 Autorinnen, sich einer Philosophie des Singens anzunähern. Das geschieht, aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und ein wenig unsystematisch, irgendwo zwischen Stimme und Laut auf der einen und Musik und Kunst auf der anderen Seite. Die Beiträge drehen sich um Aspekte von Stimme, Aufführung, Körperlichkeit und Gesang als Ereignis. Da Stimme die Voraussetzung fürs Singen ist, steht sie oft im Mittelpunkt, die Beiträge assoziieren zum existentialistischen (Ur-)Schrei des Babys, zur emotionalen Kraft von Musik oder zum Geräusch im Allgemeinen, was bisweilen zu weit vom Thema wegführt, etwa zum Summen im Bienenstock. Spannend sind dagegen die Einblicke über die kulturellen Grenzen des Gesangs hinweg, zu ukrainischem Obertongesang etwa, zu Flamenco, Parlando oder: zur Pause. Singen kann außerdem durch seine Performativität oder den Versammlungscharakter einer singenden Gruppe etwas Politisches anhaften – man denke an die singend herbeigeführte Unabhängigkeit von Lettland, Estland und ­Litauen oder den Maidan. Wenn allerdings ein Chor gehorsamst den Anweisungen von vorne folgt – im Dienst einer höheren Sache –, ist das Spiel mit der Doppeldeutigkeit der Wortgruppe die Stimme erheben eher platt als treffend. Ebenfalls platt sind die im Band hin und wieder anzutreffenden esoterischen Tendenzen, bei denen Singen als Brücke zur Selbsterkenntnis dient, wenn das singende Ich sich quasi mit sich selbst verbindet. Oder so. Dabei will sicher niemand das verbindende Element des Gesangs bestreiten, sei es beim heiligen Ritual oder eben im Chor.  Franziska Reif

Thomas Frenzel (Hg.): Breitkopf & Härtel

Thomas Frenzel (Hg.): Breitkopf & Härtel

Thomas Frenzel (Hg.): Breitkopf & Härtel. 504 S.

Zum großen Jubiläum hat sich der älteste Musikverlag der Welt, der heute an seinem Gründungsort Leipzig noch einen Nebensitz hat, einen prachtvollen Bildband selbst zum Geschenk gemacht: »Breitkopf & Härtel – 300 Jahre europäische Musik- und Kulturgeschichte«. Auch wenn der Titel reichlich unbescheiden klingt: Unter anderem mit den Gesamtausgaben der Werke Johann Sebastian Bachs, Händels, Mozarts, Schuberts, die der Verlag seit Mitte des 19. Jahrhunderts herausgibt, hat er sich unauslöschlich in die Musik- und damit auch Kulturgeschichte eingeschrieben. Gerade darum aber hätte es dem Haus gut gestanden, seine Geschichte von unabhängigen Historikern aufarbeiten zu lassen, anstatt sich hemmungslos in Eigenlob zu ergehen. Gewiss, das Verlagsarchiv in Leipzig böte mit mehr als dreihundert Regalmetern ganzen Heerscharen von Buchhistorikern für Jahre Beschäftigung. »Wer soll die Fülle an Material ordnen und wie dabei vorgehen?«, fragen die beiden Verlagschefs zu Anfang ihrer »Begrüßung« – und beantworten die Frage gleich selbst: »Warum in der Ferne (nach einem Autor) suchen, wo das Gute so nah liegt?« So wurde Thomas Frenzel, langjähriger Lektor des Verlags, mit der Chronik betraut. Bei allem Fleiß und aller Sachkenntnis (beides sei Frenzel fraglos zugestanden) konnte dabei natürlich kein seriöses Geschichtswerk herauskommen, sondern (das geben die Herausgeber auch unumwunden zu) bloß ein »Lese- und Bilderbuch«. Und das bringt so manche Fragwürdigkeit mit sich. »Unbedingt«, heißt es weiter in der Einführung, »musste dem Impuls widerstanden werden, sich dem letzten Jahrhundert der Verlagsgeschichte zuungunsten anderer Abschnitte der Historie besonders ausführlich zu widmen: Hier galt es abzuwägen zwischen dem Umstand, dass bisherige Jubiläumsveröffentlichungen die Behandlung jüngstvergangener Firmenereignisse naturgemäß noch nicht leisten konnten, und der Gefahr, die Geschehnisse im ›Dritten Reich‹, in der Nachkriegszeit (…) ungebührlich in den Vordergrund zu rücken«. Nun, jenem gefährlichen Impuls haben die Macher des Bandes wirklich bravourös widerstanden. Auch der »Gefahr«, die Geschehnisse im Dritten Reich »ungebührlich in den Vordergrund zu rücken«, sind sie glücklich entronnen. Es ist nämlich nur sehr knapp und an unauffälliger Stelle davon die Rede. Die Schwierigkeiten, unter Kriegsbedingungen weiterzuarbeiten, die Zerstörung der Verlagsgebäude in der schrecklichen Bombennacht 1943, als das Grafische Viertel und damit die Buchstadt Leipzig in Trümmer sank, finden breite Erwähnung. Dass Verlagsleiter Hellmuth von Hase 1936 dem »Reichskulturwalter« Hans Hinkel nahelegte, die Rechte des traditionsreichen Musikverlags Edition Peters an Breitkopf & Härtel zu übertragen, wird zwar nicht übergangen, zugleich aber dieser infame Versuch einer Übernahme des Konkurrenten nicht gerade an die große Glocke gehängt. Ein weiteres Problem eines solchen »Lese- und Bilderbuchs« besteht darin, dass der Leser in dem ganzen Sammelsurium ziemlich allein gelassen wird. So stößt er beispielsweise auf Seite 368 auf die Einleitung zu einer Neuausgabe von Richard Wagners antisemitischem Aufsatz »Das Judenthum in der Musik« von 1939, in dem das fatale Machwerk als »völkische Bekenntnisschrift und seherische Mahnung und Warnung« bejubelt wird. Es gibt keinerlei Zuordnung oder Kommentierung. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Breitkopf & Härtels Verdienste und Bedeutung bleiben unbestritten; auch verschweigt der Verlag seine Verstrickung im Dritten Reich nicht geradezu. Aber man scheut doch letzten Endes davor zurück, sich der eigenen jüngeren Vergangenheit zu stellen. Das ist bedauerlich. Olaf Schmidt

Tom David Uhlig et al.: Extrem unbrauchbar / Bernard E. Harcourt: Gegenrevolution / Jutta Ditfurth: Haltung und Widerstand

Tom David Uhlig et al.: Extrem unbrauchbar / Bernard E. Harcourt: Gegenrevolution / Jutta Ditfurth: Haltung und Widerstand

Tom David Uhlig et al.: Extrem unbrauchbar / Bernard E. Harcourt: Gegenrevolution / Jutta Ditfurth: Haltung und Widerstand. 2019. 304 S. 19 € / Bernard E. Harcourt: Gegenrevolution – 2019. 304 S.

»Wer noch überleben will, verliere keine Zeit, / Mut zur Tat für Jedermann, dann endet dieser Streit.« Selten waren die Zeiten für Skeptiker bestehender Verhältnisse schlechter bestellt als gegenwärtig. Rund 500 flüchtige Nazis werden mit Haftbefehl gesucht, die nazistische Gewalt bis hin zum Mord nimmt zu. Währenddessen scheint es einem CDU-Politiker gar am Holocaust-Gedenktag legitim, auf den Antisemitismus »vor allem unter Muslimen« hinzuweisen und deutsche Schuld zu relativieren. Und ein paar Randalierer werden vom Ministerpräsidenten höchstselbst zum »Terror von links« etikettiert. Was tun? Hinsehen, aufklären, widerstreiten. Exit Hufeisen: Die unselige Extremismustheorie, die Gleichsetzung von rechts und links, hält sich noch immer in der Öffentlichkeit. Dabei sollte sich herumgesprochen haben, dass die Wissenschaft sie als »extrem unbrauchbar« ablehnt. Da kommt gleichnamiges Buch zur rechten Zeit, auch wenn wenig Neues drinsteht: Die Gleichsetzung verharmlost die Gefahr durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Außerdem ist die Grundannahme einer gesellschaftlichen Mitte, die neutral oder politischer Normalmaßstab ist, nicht überzeugend, auch wenn alle davon reden. Das kann man schon lange wissen, weshalb es unverständlich ist, warum ein Vorgängerwerk wie »Ordnung.Macht.Extremismus« des Leipziger Forums für kritische Rechtsextremismusforschung als Referenz fehlt. Wer sich noch nicht mit der Materie auskennt, wird hier jedenfalls bedient. Anleitung zum Bürgerkrieg: »25 Menschen verloren Augen, fünf Hände, Hunderte wurden schwer verletzt. Die meisten Opfer sind Demonstrierende, aber … auch mehr als hundert Journalisten, 46 Minderjährige und 70 Passantinnen, die von einem Schlagstock, einer Granate oder einem Gummigeschoss getroffen wurden.« Die Statistik über die Polizeigewalt gegenüber den Gelbwestenprotesten in Frankreich schockiert (Stand: 12/2019, Quelle: Die Zeit). Sie ist ein weiterer Hinweis darauf, ­wie die Staaten die Militarisierung der Polizei vorantreiben. Auch in Deutschland ist der freundliche Helfer längst nicht mehr das Idealbild, das die Politik vom Cop hat. Den »Kampf der Regierungen gegen die eigenen Bürger« hat Bernard E. Harcourt am Beispiel der USA analysiert. Die Techniken der Aufstandsbekämpfung, die die Kolonialmächte einst gegenüber den Kolonisierten entwickelten, sind zum ­festen Repertoire des Polizeiapparats im Innern geworden. Schwer gepanzerte Kräfte mit ­Maschinengewehren und Panzern etwa ­begleiteten Demonstrationen von »Black Lives Matters«. Harcourt zeichnet die historische Genese verständlich nach, wie diese Logik Teil der Innenpolitik wurde. Es ist das Hauptziel der Aufstandsbekämpfung, eine passive Mehrheit bei der Stange zu halten, indem die kleine Gruppe der Protestierenden in Schach gehalten wird. Harcourt nennt als Grundsätze: »Erlange totale Informiertheit«, »Vernichte die aktive Minderheit« und »Erlange die Gefolgschaft der Gesamtbevölkerung«. Er rät dazu, die Zahl der Unbequemen zu ­vergrößern. »Haltung und Widerstand« empfiehlt ebenfalls Jutta Ditfurth. In ihren hellsichtigen Kapiteln ist zu erfahren, wie die fortschrittliche Seite der Gesellschaft in Deutschland geschwächt wurde, die alte und die vermeintlich neue Rechte wieder erstarkten. Ditfurth bleibt aber hier nicht stehen, sondern zeigt, wie tief völkisches Bewusstsein in der Gesamtbevölkerung wurzelt. Sie nimmt Kritisches bei den Umwelt- und Friedensbewegungen in den Blick, etwa die inhumane Botschaft, die sie in der Agenda bei Gruppen wie Extinction Rebellion sieht: Das grüne Bewusstsein befürwortet Menschenfeindlichkeit und weil es zu viele von uns gäbe, wäre es Zeit für die Selektion. Dem Antizionismus, oft genug Tarnung für Antisemitismus, ist ein Kapitel gewidmet, genauso wie den Motoren, die den deutschen Nationalchauvinismus angetrieben haben und antreiben, etwa die falsche Rede vom »Partypatriotismus«. Man erfährt von der erfahrenen Aktivistin aber auch von historischen Kämpfen – es waren auch Siege darunter –, die ­ermutigen sollen. Letztlich, so Ditfurth, bleibt es bei einem trotzigen Trotzalledem: »Haltung ist kritisches Bewusstsein, Verweigerung des Mitmachens und politische Haltung. Widerstand ist aus politischem Bewusstsein gespeiste Handlung, die Risiken eingeht und der das Kämpfen folgt.«  Tobias Prüwer

2019. 304 S., 19 € / Bernard E. Harcourt: Gegenrevolution –

Mark Sedgwick: Gegen die moderne Welt

Mark Sedgwick: Gegen die moderne Welt

Mark Sedgwick: Gegen die moderne Welt. 600 S.

»Die Welt zerfällt / Die Mitte hält nicht mehr; / Und losgelassen nackte Anarchie«: Die Worte William Blakes bringen die Angst zum Ausdruck, die hinter der Antimoderne steckt. Der Westen geht unter, weil spirituelle Werte seit der Renaissance verschwinden. Erneuerung oder Tod: Das ist die Botschaft des sogenannten Traditionalismus, der sich als rotes Band der Geistesverwandtschaft von Ralph Waldo Emerson über Aldous Huxley zu T. S. Eliot und Prinz Charles zieht. Da ist es verrückt, dass die Öffentlichkeit so wenig von dieser Weltanschauung weiß. Das liegt an ihren obskuren Hauptakteuren und verschlungenen Pfaden. Der britische Historiker Mark Sedgwick geht allen Verästelungen nach, die sich seit Erfindung des Traditionalismus vor gut hundert Jahren ausbildeten. Begründer der Idee ist René Guénon (1886–1951), der seine spirituellen Gedankengebilde aus Glaubenslehren des Nahen und Fernen Ostens sowie der indigenen Bevölkerung Nordamerikas zusammenstoppelt. Er erreicht eine große Leser- und Schülerzahl. Wir landen bei Religionswissenschaftler Mircea Eliade, der sein Fach damit vergiftete. Weiterhin beim bis heute in rechten Esoterikkreisen verehrten Faschisten Julius Evola und dem Neo-Eurasianismus eines Alexander Dugin, der auch in Deutschland seine rechten Fans hat. An der Gründlichkeit der Aufzählung leidet die Übersichtlichkeit. Zusammenfassungen und thesenhafte Zuspitzungen wären hilfreich gewesen. Der politisch interessierte Leser hätte sich mehr Bezugnahmen in die Gegenwart gewünscht. Nein, das Buch ist keine »geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts«, als die es der Untertitel darstellt. Doch erhellend ist allemal, wie Mark Sedgwick die Ecken des Traditionalismus ausleuchtet. Das macht es zu einem Werkzeug fürs Verständnis des antimodernen Denkens im 20. Jahrhundert. Tobias Prüwer

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. 532 S.

So gut wie alles an der »Völkerwanderung« ist dunkel oder rätselhaft. Das fängt bei der Bezeichnung selbst an: Waren die Goten, Vandalen, Burgunder und all die anderen (meist) germanischen Gruppen, die am Ende des 4.  Jahrhunderts nach Christus die Grenzen des Römischen Reiches überschritten, tatsächlich »Völker« oder, wie die Historiker heute eher annehmen, Kriegerverbände mit einem Tross im Schlepptau, zu dem auch Frauen und Kinder gehörten? Jedenfalls waren diese Gruppen alles andere als ethnisch homogen. Schon gar nicht gab es so etwas wie eine »germanische« Identität; selbst zwischen »Römern« und »Barbaren« lässt sich bei genauerer Betrachtung der Quellen nicht ohne Weiteres unterscheiden. Schier endlos ließen sich all die Fragen, Probleme und konkurrierenden Forschungsansätze referieren, die der Tübinger Althistoriker Mischa Meier in seiner »Geschichte der Völkerwanderung« schildert, einem Buch, das mit Fug und Recht und in jeder Hinsicht als Opus Magnum bezeichnet werden darf. Allein der Mut, eine solche Darstellung in Angriff zu nehmen, nötigt dem Leser, ob nun vom Fach oder wissenschaftlicher Laie, Respekt ab. Wer sich daranmacht, eine Geschichte der Völkerwanderung zu schreiben, sieht sich mit einem Dilemma konfrontiert, das Meier klar benennt: »Wer sich auf die Komplexität des Gegenstandes einlassen möchte, erkauft dies mit dem Verlust der großen Erzählung.« Meier kann nicht mehr, wie weiland Leopold Ranke, erzählen, »wie es eigentlich gewesen ist«. Er muss die Quellen kritisch unter die Lupe nehmen, dem Leser nachvollziehbar unterschiedliche, nicht selten sich einander radikal widersprechende Forschungsmeinungen und Theorien vorstellen und sich selbst dazu positionieren. Gleichzeitig gilt es, eine äußerst verwickelte Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig an vielen Orten, in Britannien, Gallien, Nordafrika, dem Kaukasus, in Persien, ja bis hin nach China, spielt, mit unzähligen Protagonisten, die uns oft genug nur schattenhaft entgegentreten, weil wir so gut wie nichts über sie wissen. Manches – die Intrigen am weströmischen Kaiserhof, die theologischen Spitzfindigkeiten, die sich auf die oströmische Innenpolitik auswirkten, oder die nicht enden wollenden Kriege des Imperiums gegen das persische Sassanidenreich – ist verwirrend bis zum Überdruss. Doch Meier ist entschlossen, »den Hoheitsanspruch über die Darstellung nicht aufzugeben«. Und wider alle Wahrscheinlichkeit gelingt ihm das! Zum einen durch eine sehr geschickt organisierte Gliederung, zum anderen durch ein bemerkenswertes Erzähltalent. Der Preis dafür ist ein enormer Umfang der Darstellung. Aber es ist ein Preis, den wir Leser gern bezahlen. Denn wann, um mit Thomas Mann zu sprechen, »wäre je die Kurz- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die sie in Anspruch nahm«? Gleichwohl verlangt ein solches Buch dem Leser natürlich einiges ab. Aber Meier schafft es immer wieder, uns bei der Stange zu halten. Mit seiner »Geschichte der Völkerwanderung« ist ihm etwas Erstaunliches gelungen: Ein wissenschaftliches Standardwerk, das sicherlich für viele Jahre Gültigkeit beanspruchen kann, und zugleich ein literarischer Wurf, der eine der dunkelsten und kompliziertesten Epochen als großes Leseabenteuer präsentiert. Zu einem taugt Meiers Darstellung indes nicht: Die antike Völkerwanderung lässt sich nicht mit der aktuellen »Flüchtlingskrise« vergleichen. Derartige Analogien führten, wie Meier unmissverständlich schreibt, nur dazu, »Geschichtswissenschaft zur Legitimationskrücke für Argumente aus den politischen Rändern zu degradieren«. Das mindert aber nicht den ungeheuren Erkenntnisgewinn, den uns diese große, grundgelehrte, oft mitreißende Erzählung schenkt. Olaf Schmidt

Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung – Kommentare zur Zeit / Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld – Die Abwehr d

Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung – Kommentare zur Zeit / Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld – Die Abwehr d

Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung – Kommentare zur Zeit / Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld – Die Abwehr d. 488 S.

»Wir haben aus der Geschichte gelernt«: Diese Position kaschiert oft genug antisemitische Vorstellungen. Das hat der 1997 verstorbene Publizist Eike Geisel zeitlebens scharf kritisiert. Das konnte man im Band »Die Wiedergutwerdung der Deutschen« nachlesen. Ein zweiter Band mit weiteren Zeitkommentaren und historischen Arbeiten ergänzt diese aktuell bleibende Kritik. Geisel zeigt Antisemitismus in der Linken auf und beschreibt, wie die Ehrenrettung der deutschen Vergangenheit schon zwanzig Jahre nach der Befreiung begann. Wie Geschichtspolitik gemacht wird, kann man in der wie gewöhnlich schonungslosen Sprache und klaren Argumentation des Autors nachvollziehen. Besonders für jüngere Generationen ist hier ein Schatz enthalten, aus dem zu erfahren ist, wie Deutschland wurde, was es ist. Die Deutschen klopfen sich gern auf die Schultern, ihre Schuld an Weltkrieg und Massenvernichtung weltmeisterlich bewältigt zu haben. Dass es damit so weit nicht her ist, legt der Historiker Samuel Salzborn – leider nicht immer sprachlich elegant – nahe. Vielmehr habe die deutsche Vergangenheitsbewältigung im Kern immer aus einem Opfermythos bestanden. Die Täterschaft wurde nur auf zweiter Ebene behandelt oder eben geleugnet. So gehört die These der von Hitler verführten Deutschen zur Gründungslegende der Bundes­republik. Und das zieht sich bis in die Gegenwart. So behaupten fast 70 Prozent der Deutschen, dass ihre Vorfahren im Nationalsozialismus nicht unter den Tätern waren, 36 Prozent wähnen sie unter den NS-Opfern. Und fast 30 Prozent behaupten, ihre Vorfahren hätten Opfern potenziell geholfen – in Wahrheit waren es 0,3 Prozent. Solche Geschichten halten Familien zusammen, finden sich aber auch auf der Ebene ­größerer Kollektive. Von bewussten Verdrehungen und Verleugnungen ganz abgesehen. Diesen aktiven Revisionismus-Versuchen kann man aber nur widerstehen, wenn man auch die eigene Familiengeschichte reflektiert: » … dass die eigenen Eltern oder Großeltern Teil der antisemitischen Vernichtungspraxis waren, dass sie konkret die TäterInnen waren, von denen man im Geschichtsunterricht abstrakt gehört hatte«. Tobias Prüwer

Marko Martin: Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters

Marko Martin: Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters

Marko Martin: Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters. 540 S.

Opposition: In Demokratien ist das ein harmloses Wort, das in den Parlamenten jene Parteien meint, die gerade nicht die Regierung bilden. Außerparlamentarische Oppositionen können über den Druck von der Straße oder NGOs versuchen, ihre Interessen zur Geltung zu bringen. In Diktaturen ist eine oppositionelle Haltung existenzgefährdend. Marko Martin hat Menschen getroffen, die sich durch »dissidentisches Denken« auszeichnen. Skepsis eint die Porträtierten, eine Skepsis gegen vorgefertigte Meinungen und Ideologien. Sie alle entstammen Gesellschaften mit dem vermeintlich höheren Anspruch, also jenen des Ostblocks. Manche teilten anfangs Aufbruchsgefühl oder die Idee des besseren Systems, bis sie erkannten, wie es um die Wahrheit bestellt war. In seinen Texten – stets hat er sich mit den Dissidenten getroffen – charakterisiert Martin besonders das Denken und das Leben mit Haltung seiner Protagonisten, unter denen sich Jürgen Fuchs, Raissa Orlowa-Kopelew, Milan Kundera, Arthur Koestler und Horst Bienek befinden. Ihr Mut, nicht klein beizugeben, Druck und Verfolgung, Veröffentlichungs- oder Berufsverbote, Gefängnis oder Ausweisung hinzunehmen, nötigt Bewunderung ab. Sie haben es sich und anderen nicht leicht gemacht, weil sie einer Überzeugung folgten und folgen. Das ist beeindruckend – gerade auch in einer Gegenwart, von der viele behaupten, sie sei eine DDR 2.0 und man könne nicht sagen, was man denke. Im Spiegel dieser dissidenten Schicksale zeigt sich, wie unrecht die haben, die sich heute in der Diktatur wähnen. In seinem persönlichen Vorwort sucht der Autor nach Verbindungen, knüpft ein »Geflecht«  zwischen den Dissidenten. Denn auch das ist zu erfahren: Viele kennen sich, haben sich gegenseitig unterstützt. Und diese Erfahrung der Solidarität ist bei aller Opposition wichtig. »Allein machen sie dich ein.«  Tobias Prüwer

Patrick Bauer: Der Traum ist aus

Patrick Bauer: Der Traum ist aus

Patrick Bauer: Der Traum ist aus. 365 S.

Das Cover von »Der Traum ist aus« richtet den Blick auf eine Menschenmasse zur Demo am 4. November 1989 in Ostberlin – der ersten genehmigten nichtstaatlichen Demonstration in der DDR – und es deutet an, dass viele Geschichten diesen Tag ausmachen. Der 1983 in Westberlin geborene Journalist Patrick Bauer nähert sich in seinem Buch der Demonstration und ihren Auswirkungen, indem er offizielle Meldungen mit sehr privaten Geschichten der Redner und Rednerinnen verbindet. Auf und hinter den Bühnen Berlins organisierten Arbeitende damals die Demonstration für das Recht auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Zur Kundgebung auf dem Alexanderplatz trat ein buntes Ensemble auf: Gerhard Schöne sang, Thomas Heise filmte – es sprachen unter anderem Ulrich Mühe, ­Gregor Gysi, Günter Schabowski, Stefan Heym, Christa Wolf, Annekathrin Bürger, ­Lothar Bisky, Heiner Müller, Christoph Hein, Steffie Spira. Sie alle stellt Bauer im Prolog vor und lässt sie die Zeit vor und nach dem ­4. November erleben. Jedem Tag steht eine offizielle Nachrichtenmeldung voran – es beginnt Anfang Oktober mit den Straßenschlachten in Dresden, als die Züge durch den Hauptbahnhof von Prag in die BRD rollten. Die Demonstration selbst schildert Bauer im zweiten Teil des Buches – da geht es um die Reden, aber auch um Beschreibungen, wer wie zur Kundgebung kam. Das »Danach«, das bis in die Gegenwart dauert, erzählt die Geschichten und die Auswirkungen der Demo: Reisefreiheit, Volkskammerwahl, Wiedervereinigung oder mit den Worten der Schauspielerin Jutta ­Wachowiak gesprochen: »Im einen Moment ­lagen sich alle noch in den Armen, im nächsten gingen sich alle aus dem Weg.« Die Stärke des Buches liegt in den persönlichen Einblicken in diese doch sehr weltbewegenden Zeiten.  Britt Schlehahn

David Rousset: Das KZ-Universum

David Rousset: Das KZ-Universum

David Rousset: Das KZ-Universum. im Suhrkamp Verlag 2020. 141 S.

Der politische Aktivist David Rousset, der durch Deutschland gereist war und für die Amerikaner aus Nazideutschland berichtet hatte, wurde 1943 inhaftiert und lieferte mit seinem ersten Buch »Das KZ-Universum« nach seiner Befreiung 1945 Einblicke in das Innere der Lager-Maschinerie. Analytisch wie literarisch ist Roussets essayistisches Werk bemerkenswert, bewahrt er sich doch das Vermögen kultureller Querverweise in die Welt außerhalb der Lager und schafft somit einen Zugang jenseits der bewachten Tore, durch den wir dank der deutschen Übersetzung nun Eintritt finden in die intellektuelle Zeugenschaft des Terrors. Er porträtiert mehrere Lager, versucht, sie in Beziehung zu setzen, arbeitet Unterschiede heraus. Der Schreckensbegriff Konzentrationslager differenziert sich hier zu einem Panorama individueller Höllen aus. Der Schrecken der Bürokratie wird besonders deutlich, wenn Rousset die Funktionen der Organe und ihrer Angestellten erklärt. Einerseits, weil fast jeder Absatz damit endet, dass es wichtig ist, in der jeweiligen Abteilung einen Verbündeten zu haben, weil es über Leben und Tod entscheiden kann. Andererseits, weil in den übrigen Kapiteln eines besonders deutlich hervorgehoben wird: Im Lager »herrschte totale Anarchie«, in der jedes Handeln oder Nichthandeln den Tod bedeuten konnte. Rousset beschreibt skurrile Szenen: Wie eine Prostituierte mit einem Häftling aus der Lagerleitung zwischen den Blocks entlanggeht; ein »SS-Hund, ein Rassetier voll natürlicher Würde, beschnüffelt« derweil die Gefangenen und am Waldrand tapst ein Zirkusbär in seinem Zwinger herum und »ist traurig«. Einmal kommt heraus, dass das Fleisch für die Häftlinge an die Bevölkerung verkauft wurde, das Fleisch, das man den Häftlingen vorsetzte, stammte von den Toten. Das »Gift strömt aus den Trümmern noch hervor«, endet Rousset. Doch er zieht auch eine weitere Bilanz: Dass die Lagererfahrung ein »ausgezeichnetes Rüstzeug« liefert, um die Entstehung eines neuen KZ-Universums zu verhindern. Linn Penelope Micklitz

im Suhrkamp Verlag

Ginette Kolinka: Rückkehr nach Birkenau

Ginette Kolinka: Rückkehr nach Birkenau

Ginette Kolinka: Rückkehr nach Birkenau. 125 S.

»Wenn ich einmal ein Kind habe und das alles wieder von vorne losgeht, ­werde ich es eigenhändig erwürgen«, schreibt Ginette Kolinka in ihren Erinnerungen an die Zeit in Auschwitz-Birkenau. Heute ist sie 94 Jahre alt – noch arbeitet sie mit Schulklassen an ­ihren Erlebnissen und kehrt wieder und wieder zurück an diesen Ort. Die Überlebenden der Schoah werden weniger, Zweitzeugen nehmen ihren Platz ein, um die Erinnerungen wachzuhalten. Auch ­Büchern wie »Rückkehr nach Birkenau« gelingt es, die Erlebnisse zu konservieren. Es sind sensible Dokumente, die beim Lesen schmerzen. Und es ist ein notwendiger Schmerz. Das Trauma und die Sprache vertragen sich nicht. Es ist schwer, die Verbrechen der Nationalsozialisten in Worte zu fassen. ­Kolinka zeigt in ihrem Buch, wie brutal die Worte eines Alltags am Leben in den Arbeits- und Konzentrationslagern vorbeigleiten. Scheinbar passen sie, bezeichnen das, was bezeichnet werden soll. Doch es gibt da diese Ungenauigkeit, die ­Sprache liegt nicht deckungsgleich über den ­Dingen. Der »Schwarzmarkt«, der Schlamm hinter einer abgelegenen Baracke, in dem die Gefangenen stehen und ein Stück Brot gegen einen Bindfaden eintauschen, bevor sie zurück an die Arbeit müssen. Die »Arbeit«: Steine schleppen, dabei fast zu Tode geprügelt werden oder an der Anstrengung sterben. Am Leib nichts als lose vernähten Stoff, »Kleidung«, die man nie auszieht, damit sie nicht geklaut wird. Am Morgen »Kaffee«: Braunes Wasser, von dem man aber nicht weiß, was daran Kaffee sein soll. Auch die »Suppe« gleicht mehr dem ­Spülwasser, das nach einer Mahlzeit zurückbleibt. Wenn darin mal ein Stück Kartoffel schwimmt, dann greift jemand in deine Schale und nimmt es heraus. »Kartoffeln« sind nicht mehr als die Reste der ausgekochten Schalen. 26 Kilo wiegt die 20-Jährige bei ihrer Heimkehr nach Paris. Drei Jahre dauert es, bis sich der Körper erholt hat. Nachts sitzt die junge Frau in der Küche ihrer Mutter und isst heimlich von den weggeworfenen Essensresten der Familie. Ein Bild, das man nicht mehr loswird. Die Begriffe gleiten beim Lesen langsam von der Lager-Realität ab, der Kolinka monatelang ausgesetzt war, legen das Trauma frei. Und wenn nicht mal mehr eine Kartoffel eine Kartoffel ist, aber auch nichts anderes, brauchen wir Bücher wie diese, denn »niemand, wirklich niemand, kann sich die Wahrheit vorstellen«.  Linn Penelope Micklitz

Pavel Polian (Hg.): Briefe aus der Hölle / Daan Heerma van Voss: Eine verspätete Reise

Pavel Polian (Hg.): Briefe aus der Hölle / Daan Heerma van Voss: Eine verspätete Reise

Pavel Polian (Hg.): Briefe aus der Hölle / Daan Heerma van Voss: Eine verspätete Reise. 632 S.

Der Autor Daan Heerma van Voss schlägt seinem Namensvetter und Freund Daan de Jong 2001 vor, mit ihm nach Auschwitz zu reisen, um dessen Familie zu gedenken. Die Reise wird nie so stattfinden, denn de Jong verstirbt und van Voss macht sich ein Jahr später ohne ihn auf den Weg. In seiner Reportage beschreibt der junge Schriftsteller nicht nur diese Fahrt und das Leben des Freundes, er denkt auch nach über Auschwitz als Touristenattraktion und fragt sich, wie Gedenken heute funktionieren kann. »Das Bedürfnis, originell zu sein, ist in Auschwitz eine Form von Größenwahnsinn.« Ergänzt wird der darum schmale und stille Band durch van Voss’ Rede vom 4. Mai 2018 in Amsterdam anlässlich der Gedenkfeier für die Toten des Zweiten Weltkriegs. Damit liefert er einen wichtigen Beitrag zur Frage der Erinnerung angesichts des Fortschreitens der Zeit und des Vergessens, denn »Geschichte braucht ein Gesicht, (…) eine Stimme, sonst bleibt sie unbegreiflich und abstrakt. Und etwas Abstraktem kann man nicht gedenken.« Die Gesichter der Geschichte verschwinden mit den letzten Zeitzeugen. Aber ihre Stimmen bleiben. So zum Beispiel in dem 2019 erschienenen Band des Historikers Pavel Polian, der die neun erhaltenen Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos in deutscher Übersetzung versammelt und kommentiert herausgegeben hat. Ergänzt werden die Berichte durch russische Militärdokumente über die Befreiung von Auschwitz und die Aussagen überlebender Angehöriger der Häftlinge, die gezwungen wurden, bei den Massenmorden mitzuhelfen. Jeder der Texte ist anders verstörend, anders ergreifend. Die detaillierten Recherchen zum Leben der Männer »davor« helfen, sie wieder Mensch werden zu lassen, unterstreichen das Bestreben der Verschriftlichung: »Damit mein verdammtes Leben einen Sinn und meine Tage in der Hölle, mein hoffnungsloses Morgen ein Ziel in der Zukunft erhält. (…) Dich aber, du unbekannter freier Weltbürger, bitte ich: Weine um meine Angehörigen«. Mit dieser Bitte sind wir alle angesprochen. Linn Penelope Micklitz

Nadja Tolokonnikowa: Anleitung für eine Revolution

Nadja Tolokonnikowa: Anleitung für eine Revolution

Nadja Tolokonnikowa: Anleitung für eine Revolution. 224 S.

Feministin von klein auf, mit Pussy Riot im Punkgebet mal eben Staat und Kirche bloßgestellt und von Putin höchstpersönlich per Schauprozess in den schlimmsten Gulag in Mordwinien gesteckt: Nadja Tolokonnikowa schreibt in »Anleitung für eine Revolution« mit viel Bohei und Tamtam ihre Memoiren. Dabei betreibt sie nicht nur politisch-kämpferische Abwatsche, sondern auch Introspektive, Dokumentation und pubertäre Pöbelei. Das ist alles herzlich erfrischend und ergibt knackige 200 Seiten mit fast schon zum Manifest montierten Einblicken in Tolokonnikowas junges Leben. Episodisch springt die Erzählerin zwischen Kindheitserinnerung, Aktionskunst und Gulag-Alltag – und hält bis zum Schluss die Spannung aufrecht. Gespickt ist das Ganze immer wieder mit Direktzitaten von den russischen Kontrollorganen oder eben auch mal mit Philosophie, von Lacan über Kristeva bis Žižek. Letzterer hat mit Tolokonnikowa während ihrer Haft auch einen längeren Briefwechsel unterhalten, dieser ist leider bisher nur im Philosophie-Magazin auf Deutsch erschienen, wäre aber für alle Tolokonnikowa-Kritiker eine wichtige Lektüre. Denn ihren scharfen Verstand, präzise Rhetorik und belesenes Kritikbewusstsein zeigt sie in ihren Briefen allemal und spielt dabei oft ihr Konterfei gegen die Wand. Nachzulesen ist dies auf Englisch unter dem Titel »Comradely Greetings: The Prison Letters of Nadya and Slavoj« (London: Verso, 2014). In ihrer »Anleitung für eine Revolution« allerdings spricht eine Träumerin ebenso wie eine von den Erfahrungen im Gefängnis geprägte Aktivistin. In der zweiten Hälfte bekommen der systemische Schrecken der Zwangsarbeit und die menschenverachtenden Lebensbedingungen im Straflager besonders viel Platz – und dies sind mitunter die eindringlichsten Passagen.  Marcel Hartwig

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. 144 S.

»Die chinesische Lösung«: Das war das Angstwort all jener DDR-Bürger auf den Herbstdemonstrationen 1989. Die chinesische Lösung stand als Chiffre für das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, wo am 4. Juni desselben Jahres monatelange Proteste für mehr Demokratie von der Regierung blutig beendet wurden. Exakte Opferzahlen sind unbekannt, Schätzungen zufolge starben bis zu 10.000 Menschen. Ikonografisch für das Ereignis ist das Foto eines Mannes, der sich Panzern in den Weg stellt. Mit einem essayistischen Denkmal an ebendiesen Mann beginnen Liao Yiwus »Texte aus der chinesischen Wirklichkeit«. Der chinesische Poet und Autor Liao selbst saß für vier Jahre im Gefängnis, weil er das Massaker in einem Gedicht angeprangert hatte. Seit 2011 lebt er in Deutschland. In seiner Textsammlung erinnert er sich an die Gefängniszeit, protokolliert auch Gespräche mit Mitgefangenen und veröffentlicht Briefe aus der Haft an seine Frau – die er nie abschickte. Das sind bedrückende Zeilen, die von Qual und Einsamkeit handeln und davon, wie man das Unaushaltbare aushält. Es sind Berichte eines Überlebenden. Besonders hart sind die Schilderungen über Liaos Einsatz, um den Schriftsteller und Menschenrechtler Liu Xiaobo aus chinesischer Haft heraus und nach Deutschland zu holen. Selbst die Intervention der Bundeskanzlerin bleibt erfolglos: Die Ausreise und auswärtige Behandlung bleibt Xiaobo auch verwehrt, als er an Leberkrebs erkrankt – 2017 stirbt er. »Nach dem, was ich mit Xiaobo erlebt hatte, kann mich auf dieser Welt nichts mehr überraschen.« Tobias Prüwer

Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis

Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis

Rehzi Malzahn (Hg.): Strafe und Gefängnis. 267 S.

»Strafe ist Gewalt«, stellt die Einleitung im ersten Satz nüchtern fest. Diese Aussage steht auch im Zentrum des Sammelbands, der sich kritisch mit dem Komplex und der Logik von »Strafe und Gefängnis« auseinandersetzt. Strafe ist notwendig gewaltförmig, weil sie Hierarchien etabliert: Auf der einen Seite steht die bestrafende Gesellschaft, auf der anderen der Bestrafte. Aber muss Strafe überhaupt sein? In vielen Fällen nicht, das ist die Grundthese der versammelten Texte. Das bedeutet nicht, dass Verfehlungen und Verbrechen keine Konsequenzen nach sich ziehen dürfen. Aber Maßnahmen, die auf soziale Wiedereingliederung zielen, auf Aussprache und Einsicht bei den Tätern, könnten in vielen Fällen die bessere Wahl sein, lautet der Tenor. So wird im Praxisteil zum Beispiel die Methode der Restorative Justice vorgestellt, bei der Konflikte durch kollektive Mediation und Wiedergutmachungsmaßnahmen gelöst werden sollen. Natürlich wird auch erörtert, wie man mit den wirklich gefährlichen Menschen umgehen könnte, die man keinesfalls auf die Gesellschaft loslassen kann; denn naiv sind die Autorinnen nicht. Die Texte enthalten keine abgeschlossenen Urteile, sondern werden als Versuche verstanden, das Strafwesen und damit auch Gesellschaft anders zu denken. Und sie korrigieren auch die medial eingeübte Vorstellung, dass die Welt voller psychopathischer Massenmörder ist. Dieses verstellte Bild bedarf der Aufklärung, wozu diese Texte dienen. Die vorangestellten theoretischen Überlegungen sind noch grundsätzlicher Art. Denn sie zeigen, wie eine auf Strafe als, ja: Herrschaftsinstrument basierende Gesellschaft permanent auf Ausschlussproduktion gestellt ist. Die Konstruktion von Kriminalität schafft eben auch Delinquenten. Muss Schwarzfahren mit Gefängnis geahndet werden oder könnte man nicht besser einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr einrichten? Beides wären Maßnahmen, um dem Delikt zu begegnen. Und dass Knast die Menschen nicht unbedingt bessert, die Gesellschaft außer Sühnegelüst nichts davon hat, wenn sie wieder entlassen werden, ist bekannt. Andere Texte handeln von der Schuld-Schulden-Verbindung, also wie sehr die Strafidee mit einer ökonomischen Vorstellung verquickt ist, oder betrachten das Gefängnisinnenleben und das Thema politische versus andere Gefangene. Am Thema Strafvollzug arbeitet sich Thomas Galli mit der Konzentration auf Geflüchtete ab. In »Knast oder Heimat?« versammelt der Jurist und Kriminologe als Prosa verdichtete Erlebnisberichte von Menschen, deren Hoffnung auf Asyl mit der Haft endet. Es sind verschiedene Situationen, von Fremd- und Selbstverschulden wird erzählt, nicht pauschal geurteilt, sondern erst einmal genau hingesehen. Dabei rückt die Figur des »kriminellen Flüchtlings«, die die meisten Menschen nur als Abziehbild kennen, in einen differenzierten Blick. »Geflüchtete Menschen werden symbolisch überfrachtet«: Sie seien entweder Sündenböcke oder Heilige. Beides werde ihnen als Menschen, die sie sind, nicht gerecht. Der Autor verharmlost nicht, aber stellt sich und den Lesenden Fragen. Zum Beispiel, ob man in vielen Fällen nicht bessere Mittel zur Hand hätte, als Menschen wegzusperren. So ergibt sich aus den Einzelbildern ein analytisches Mosaik auf den Gefängniskomplex. Beide Bücher ergeben zusammen eine umfangreiche Einführung ins Thema. Tobias Prüwer

Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis

Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis

Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis. 136 S.

Jeder kennt das Ende ihrer Geschichte: Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Regierungstruppen gefangen genommen und brutal ermordet. Es folgte mit dem Nationalsozialismus das düsterste Kapitel deutscher Geschichte. Danach nutzte die DDR-Führung Rosa Luxemburg als sozialistische Lichtgestalt, die dem jungen Staat zum Vorbild gereichen sollte. In den Briefen aus dem Gefängnis, die der Berliner Dietz-Verlag neu aufgelegt hat, lernen wir die Frau hinter der historischen Persönlichkeit kennen. Eine Kämpferin, die zwar bereit ist, für ihre politischen Überzeugungen ihr Leben zu geben, die sich aber in ihrer Zelle vor allem für die Natur vor ihrem Fenster interessiert. Während der Erste Weltkrieg tobt, wird ­Luxemburg wiederholt in Schutzhaft ­genommen. Den größten Teil der Jahre 1916 bis 1918 verbringt sie in Gefangenschaft. Von dort aus schreibt sie Briefe an Sophie Liebknecht und Zeilen wie diese aus dem April 1917: »Warum ist das alles so?« »[…] so ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht. Man muss es immer mit allem nehmen und alles schön und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklügelte Weisheit, sondern einfach so aus meiner Natur.« Luxemburg beweist in ihren Briefen eine beeindruckende innere Stärke. Statt zu verzweifeln, ergötzt sie sich an der Natur, begeistert sich noch für die kleinsten Lebewesen. Und findet nebenbei noch die Zeit, das eine oder andere Werk der Weltliteratur, das sie in der Haft liest, einzuordnen. Dabei ist ihre Sprache immer glasklar. Die meisten Worte getragen von einer schier unbändigen Zuversicht und der Aufforderung, mit denen sie ihre Briefe beschließt: »Seien Sie heiter.« Josef Braun

Knarf Rellöm: Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen

Knarf Rellöm: Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen

Knarf Rellöm: Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen. 151 S.

Dieses Buch ist eine Offenbarung. Zumindest für alle, die sich für das Sammelgebiet »Hamburger Schule« interessieren. Dieser Kampfbegriff beschrieb in den neunziger Jahren die Musik- und Agitpropszene, die von der Elbe aus deutsche Pop- und Rockmusik neu definierte. Knarf Rellöm lässt in seinem Buch all das aufblitzen, was diese Szene einst zusammenhielt. Im Kern war das die Ablehnung jeglichen bürgerlichen Kunstdünkels (obwohl man seinen Adorno und Bourdieu natürlich gelesen haben sollte, vom »richtigen« Musikgeschmack ganz zu schweigen). Rellöm ist ein Meister der hingeworfenen Kurzform. Das Buch präsentiert hauptsächlich Songtexte seiner sich immer wieder neu benamenden Bands und Projekte. Dazu gibt es Interviews und skizzenhafte Kurzprosa, über die SPD, KISS und immer wieder Außerirdische. Die größte Hürde für Lesende ohne Diskurspop-Vorbildung dürfte deshalb die fehlende Musik sein. Besser gesagt: die fehlende Performance der Texte. Der Reiz des Spontanen, Ungeplanten und bewusst Offenen, der Rellöms Konzerten etwas Happening-Artiges gibt, lässt sich auf bedrucktem Papier nicht einfangen. So ist das Buch eines für Liebhaber*innen des gewieften Slogans, des Gedankenblitzes, der produktiven Verwirrung. So wie niemand Walter Benjamin gelesen hat, aber jeder Halbbohemian auf Partys vom »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« smalltalken kann, sind Rellöms Kracher wie »Fehler is king« selbsterklärend und bedürfen darum keiner ausführlicheren Worte. Aber wer denkt, man müsse nur den Namen rückwärts lesen, hat Knarf Rellöm nicht verstanden. Humoristisch sind diese Texte nämlich trotz aller Witzigkeit auf gar keinen Fall.  Torsten Reitler

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlink: Abschiedsfarben. 240 S.

»Sie lernten sich auf einem Yoga-Wochenende an der Ostsee kennen«, beginnt eine der Erzählungen aus Bernhard Schlinks neuem Band »Abschiedsfarben«. Diejenigen, die sich da kennenlernen, sind ein Mann und eine junge Frau mit Kind. Gemeinsam gründen sie eine Familie. Jahrelang leben sie auf engstem Raum miteinander, bis zwischen Stiefvater und Tochter etwas Seltsames geschieht – etwas, das seine beschauliche Welt auf den Kopf stellt. So oder so ähnlich funktionieren die meisten Geschichten in »Abschiedsfarben«. Sie handeln von Menschen, die im Alter auf ihr Leben zurückblicken. Schlinks Figuren bedauern, hadern, warten auf den Tod. Manchmal begegnen sie anderen Überlebenden und kehren so kurz zurück in die Vergangenheit. Etwa in »Geschwistermusik«, wo eine alte Liebe das Leben eines Musikhistorikers auf den Kopf stellt. Nur selten gehen solche Begegnungen gut aus. Präzise und schnörkellos skizziert Schlink die Biografien seiner Figuren, offenbart Abgründiges in ihrem scheinbar geordneten Alltag. Dabei haben seine Charaktere meist genügend Geld, gehen in Konzerte, verbringen ihre Zeit mit Lesen oder Gesprächen über Kunst. Es sind ehemalige Architekten, Professoren oder Schriftsteller. Und sie haben fast ausnahmslos Karrieren gemacht, die heute sehr selten geworden sind. Ein Leben lang für denselben Arbeitgeber, ohne große Sorgen um die berufliche Zukunft. Eigentlich stecken gleich zwei Abschiede in diesem Erzählband: zum einen der der einzelnen Figuren, die dem Tod entgegensehen, und zum anderen der Abschied von einem Deutschland, das auf diese Weise nicht mehr existiert. Einer Bundesrepublik, in der der Wohlstand immer weiter wuchs. Ihren langen Atem fängt Schlink in seinen Geschichten gekonnt und mit melancholischem Blick ein. Josef Braun