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Rezensionen

Olga Tokarczuk: Unrast

Olga Tokarczuk: Unrast

Olga Tokarczuk: Unrast. 464 S.

Die Menschheit ist in Bewegung in Olga Tokarczuks Roman mit dem bezeichnenden Titel »Unrast« (von 2007, auf Deutsch erstmals 2009 bei Schöffling). In zahlreichen Kapiteln unterschiedlicher Länge – vom Fünfzeiler bis zur mehrseitigen Erzählung – nimmt sich die Autorin den Raum für eine tiefgehende Betrachtung des Unterwegsseins. Das Personal dieser Meditation ist international und so zahlreich wie verschieden: Da ist zum Beispiel der Familienvater Kunicki, dessen Frau und kleiner Sohn im Sommerurlaub spurlos verschwinden. Ein Fährmann, der sich Eryk nennt, ist ermüdet von der Monotonie des Pendelverkehrs zwischen Insel und Festland und steuert eines Tages aufs offene Meer. Da ist Annuschka, die in dem titelgebenden Kapitel für eine unbestimmte Zeit nicht nach Hause zu ihrem Mann und dem pflegebedürftigen Kind zurückkehrt. Sie schließt sich einer obdachlosen »Läuferin« an, die vor einem Bahnhof vor sich hin murmelnd pausenlos im Kreis läuft. Zwischen diesen Geschichten spannt sich eine Sammlung aus Aphorismen, kuriosen Beobachtungen und Begegnungen einer reisenden Ich-Erzählerin. Anatomische Sammlungen spielen eine wiederkehrende Rolle. Aber der Leser reist mit Tokarczuk nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit: Historische Akteure sind unter anderem der Anatom Philip Verheyen oder Josephine von Feuchtersleben, die Tochter des afroösterreichischen Kammerdieners Angelo Soliman. Auch wenn die vielen Passagen für sich stehen können und in ihrer Gesamtheit eher den Charakter einer Sammlung erwecken, schafft es Tokarczuk, dass den Leser nie das Gefühl verlässt, dass alles auf unbekannte Weise zusammenhängt. Das Sinnbild des Menschen als Reisender oder ewig Suchender mag nicht neu sein, ist hier aber mit interessanten Bezügen und Feinsinn in Worte gefasst. Jennifer Ressel

Edit e. V. (Hrsg.): jetzt stehen wir alle hier im plural

Edit e. V. (Hrsg.): jetzt stehen wir alle hier im plural

Edit e. V. (Hrsg.): jetzt stehen wir alle hier im plural. 125 S.

Schon vor Ausbruch der Pandemie haben die Herausgeberinnen des Leipziger Literaturmagazins Edit ihr neues Heft erstellt, das sich gerade jetzt besonders dringlich liest. Da heißt es im Editorial ungewollt passend: »Eine gewisse Ohnmacht ist nicht ohne Neugier; die Apokalypse mischt sich mit einer diffusen Behaglichkeit angesichts der vielversprechend steuerbaren neuen Wirklichkeit.« Die versammelten Beiträge leuchten diese Wirklichkeit aus: Jonas M. Mölzer sinniert mit seinem Protagonisten bei einer Wanderung durch ein »Territorium der Kargheit« über das Dasein als globales digitales Gespenst; in Dmitrij Gawrischs »Wird schon werden« erziehen sich die Menschen gegenseitig zu rundum glücklichen Bewohnern eines besseren Lebens und Steffen Popp fragt in seiner Keynote zur Verleihung des Essaypreises nach dem »Kern des essayistischen Pudels«. In ihrer hier erstmals auf Deutsch zu lesenden Geschichte »Mein schwarzes Ich« beschreibt die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston das Leben in den USA. Der Text von 1928 hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt – das beeindruckende Zeugnis nimmt einen erschreckenden Stillstand vorweg. Die zu Collagen gefügten Malereien des Künstlers Jochen Mühlenbrink erscheinen wie das Tagebuch einer Quarantäne: mit dem Finger gezogene Linien auf beschlagenem Glas, ein unzureichender Ausblick auf die Welt vor dem Fenster. Und Autor Johannes Koch liefert in seinen Gedichten zufällig die Handlungsanweisung für den Hausarrest: »wir wechseln die evolutionsstrategie / geben alle tarnung auf: hier hast du / meine ängste. ich markier sie dir mit / bunten stiften: all die falsch / verwendeten emojis die anrufe in abwesenheit die sorgen um die zukunft. / ich mach uns heiße milch mit honig.« Linn Penelope Micklitz

Ulf Torreck: Zeit der Mörder

Ulf Torreck: Zeit der Mörder

Ulf Torreck: Zeit der Mörder. 576 S.

Thriller gibts wie Giftsand am Toten Meer. Gut gebaut sind sie selten, dafür sprachlich oft schlicht und hölzern in den Dialogen. Und dennoch können sie Bestseller werden, man schaue sich den Erfolg von Dan Brown an. Das ist insgesamt nicht weiter schlimm, sie sollen halt weggelesen werden, kurz unterhalten und bei der zweiten Karaffe Wein noch verständlich sein. Der Thriller »Zeit der Mörder« fällt da aus dem Rahmen. Er ist inhaltlich raffiniert, packend und auch sprachlich nicht unüberlegt hingeworfen. Das hat vielleicht mit dem Thema zu tun. Denn wenn es um Nazis und Serienmörder geht, könnte man schnell in Fallstricke geraten und bloß das Exploitation-Genre bedienen. Der Leipziger Autor Ulf Torreck umschifft diese Klippen und geizt trotzdem nicht mit Spannung, Mord und Gewalt. Vom Plot soll nicht zu viel verraten werden. Den Rahmen bildet eine Vernehmung 1947 in der westirischen Provinz Connacht. Der Kunstmaler Claas Straatmann erschießt einen Einbrecher. Schnell wird klar, dass der kein Fremder war – und Straatmann auch nicht ist, wer er zu sein scheint. In Rückblenden führt der Krimi zu dessen Alter Ego, das während der deutschen Besatzung in Paris einen furchtbaren Verbrecher jagt. Der Killer fertigt Patchwork-Tableaus aus Leichenteilen und wird von den Besatzern mehr als geduldet. Das Buch ist ein einziger Lesefluss, der einen mitreißt. Holocaust und andere deutsche Barbareien werden weder verschwiegen noch billig ausgeschlachtet und die Figurencharakterisierung zerfällt nicht ins zu einfache Gut-und-Böse. So ist Straatmann ein versoffener Kerl, der eigentlich hofft, als SS-Obersturmbannführer eine ruhige Kugel zu schieben. Und doch wird er zum kleinen Helden, dem nicht alles egal ist. Aufgrund des Rahmens, in dem irische Freiheits- und französische Résistancekämpfer als Quasi-Richter auftreten, werden auch leise Reflexionen über die etwaige Notwendigkeit von Gewalt angestoßen. Kurzum: Spannende Unterhaltung muss nicht billig gemacht sein. Tobias Prüwer

Tomas Blum: Wofür wir uns schämen

Tomas Blum: Wofür wir uns schämen

Tomas Blum: Wofür wir uns schämen. 224 S.

Würde man die Handlung von »Wofür wir uns schämen« lediglich nacherzählen, hätte wohl kaum jemand Lust, das Buch zu lesen. Der Ich-Erzähler um die 40 arbeitet in einer Agentur als Projektleiter. Er lebt allein, ist geschieden, hat keine Kinder. Von seiner rothaarigen Kollegin fühlt er sich auf mysteriöse Weise angezogen. Dass er mit ihr durch ein einschneidendes Kindheitserlebnis verbunden ist, gibt er erst im Lauf der Zeit preis.  So aufgeschrieben klingt der Plot wahlweise trivial oder effekthascherisch – dass die Geschichte dann aber doch lesenswert ist, liegt an Blums Erzählstil. Der zieht den Leser rein in die Gedankenwelt des Protagonisten, der – man erfährt es erst gegen Ende des Buches – Gregor heißt. Ein bisschen Geduld ist also erforderlich und der Wille, sich auf Gregors subjektiv verengte, assoziativ vorwärts treibende Perspektive einzulassen. Denn natürlich wird die Leserin zu Beginn nur mit sehr bruchstückhaften Informationen über das Kindheitsgeschehen angefüttert, die ganze Geschichte erschließt sich aber erst kurz vor dem Finale. Die sich langsam enthüllenden Ereignisse berühren wirklich, ebenso wie die Beziehung der beiden, die sich zögerlich und unter zwischenzeitlichen heftigen Abstoßungen entwickelt. Hier werden zwei Menschen, die sich aus innerer Not auf einsame Eisberge gerettet haben, von der Strömung immer wieder aufeinander zugetrieben. Sogar der anfangs etwas anstrengende Stil nimmt nach einer Weile gefangen und Gregor kommt der Leserin unerwartet nahe – obwohl die Nähe zu anderen Menschen genau das ist, wovor er bisher geflüchtet ist. Andrea Kathrin Kraus

Marianne Eppelt (Hg.): Leipzig zum Verweilen

Marianne Eppelt (Hg.): Leipzig zum Verweilen

Marianne Eppelt (Hg.): Leipzig zum Verweilen. 112 S.

Wer sollte ahnen, dass »Leipzig zum Verweilen« mal ziemlich zynisch klingen könnte. Und doch ist es gerade in diesen Tagen ganz schön, in diesem kleinen, für Reclam-Verhältnisse wiederum großen Buch zu blättern: 15 Leipziger Orte lassen uns mit jeweils einem lexikonartigen und einem literarischen Text(auszug) in Erinnerungen schwelgen. Hach, der Hauptbahnhof! Das Völkerschlachtdenkmal! Die Polizeidirektion! Und der Cossi! Was war es doch für eine unbeschwerte Zeit, als wir diese herrlichen Orte noch betrachten, ach was, betreten durften. Neben Erwartbarem (Goethe, Loest und Lene Voigt), Hingebogenem (Ringelnatz und Rilke) und Überraschendem (Bettina Wilpert) gefallen besonders ein hübsch-vertraulicher Brief Felix Mendelssohn Bartholdys (»Arie aus der Passionsmusik gespielt von Herrn Schmidt. Phantasie gespielt von mir. …«) und der »historische Anfall« aus Jaroslav Rudiš’ »Winterbergs letzte Reise«. Dass dessen Hauptfigur einem Leipziger nachempfunden ist, erfahren wir nicht, wie überhaupt etwas mehr Information und Emotion zu den Texten nicht geschadet hätte. Seis drum: Es ist eine nette kleine Sache – und damit kommt es Leipzig ja doch recht nah. Benjamin Heine

Herbert Naumann: Todesmarsch 1945 Leipzig – Fojtovice

Herbert Naumann: Todesmarsch 1945 Leipzig – Fojtovice

Herbert Naumann: Todesmarsch 1945 Leipzig – Fojtovice. 256 S.

Steht man heute in der Wodanstraße 40 in Leipzig-Heiterblick, dann sieht man nicht viel mehr als eine schmale Straße, gesäumt von einem jungen Birkenwäldchen. Die Straße endet auf dem ehemaligen Gelände Erla-Maschinenwerke. Heute ist die Industriebrache, auf der während des Zweiten Weltkrieges Flugzeuge hergestellt wurden, nicht viel mehr als der unscheinbare Schauplatz eines wenig bekannten Verbrechens: Zum Werk gehörte das Außenlager Leipzig-Thekla des KZ Buchenwald. Am 13. April 1945 zwang die SS die 2.400 KZ-Häftlinge auf einen mehr als 500 km langen Gewaltmarsch, der nur ein Ziel hatte: den Tod der Zwangsarbeiter. Am Ende leben von ihnen noch knapp 250.  Der Fotograf Herbert Naumann hat auf Basis erhaltener Quellen die Route rekonstruiert und sich 2017 mit seiner analogen Kleinbildkamera auf denselben Weg gemacht. Er will sich »dieser Geschichte künstlerisch« nähern, und überlässt das Berichten vier Überlebenden, die den Marsch in Tagebuchaufzeichnungen festhielten. Es ist ein langsames Lesen, das sich einstellt, denn jeder einzelne Eintrag wiegt schwer in dem, was ihm zugrunde liegt. So schreibt einer der Häftlinge einen Abend vor der Abreise: »Wir erwarten die Alliierten jeden Moment, aber nichts kommt. Wir hoffen auf Morgen: Freitag den 13.« Die ersehnte Befreiung wird verhindert, die SS zwingt die entkräfteten und misshandelten Arbeiter zum Verlassen des Lagers. 28 Tage später: In einem Wald in Tschechien treffen die wenigen Überlebenden vier russische Soldaten. »Es ist unmöglich, die Freude zu beschreiben. Endlich das Fest. Uns verschlägt es die Sprache.« Der Krieg ist seit einem Tag vorüber.  Naumanns doppelt belichtete Schwarz-Weiß-Fotografien schaffen keine Erholung zwischen den Einträgen. Unwirklich erscheinen die abgebildeten Straßen, Feldwege, Dörfer und Wälder. Land- und Ortschaften, die sich übereinanderschieben und zu belegen scheinen, was Naumann schon im Vorwort beschreibt: »Die Aufzeichnungen des Überlebenden Andre Raimbault und seiner Freunde […] machten den Marsch und das Leid der Menschen für mich zwar ›anschaulicher‹ […], ließen mich das Geschehene aber noch weniger begreifen.« Und auch die Fotografien vermitteln sich überlagernde Eindrücke der Ereignisse – »die gesamte Wahrheit« bleibt verborgen. Die Vielschichtigkeit des Leids ist laut Naumann eines mit Sicherheit nicht: nachvollziehbar. Das macht diese Reportage aber nicht weniger erschütternd, stehen die ihr zugrunde liegenden Ereignisse doch als unumstößliche Fakten in Raum und Zeit. Im Nachwort stellt der Pfarrer Christian Dopheide fest, was Naumanns Arbeiten so bedrückend macht: »Die Gleichzeitigkeit von Räumen«. Wir sehen nicht in die Vergangenheit, das Vergangene ist an uns herangerückt.  Naumanns Fotografien, die Tagebücher der Inhaftierten und zahlreiche weitere Schriftstücke sind nun gebündelt im Lehmstedt Verlag erschienen und bilden ein längst fälliges Zeugnis Leipziger Stadtgeschichte. Eigentlich soll der vielfach gelobte Verlag am 11. Mai erneut für seine Arbeiten ausgezeichnet werden: Der sächsische Verlagspreis ist mit 10.000 Euro dotiert. Bis zum Erscheinen dieser Ausgabe ist unklar, ob die Verleihung stattfinden kann.  Linn Penelope Micklitz

Uwe Tellkamp: Das Atelier

Uwe Tellkamp: Das Atelier

Uwe Tellkamp: Das Atelier. 112 S.

Bei der öffentlichen Wahrnehmung eines Buches kommt es ja nicht bloß darauf an, was einer schreibt, sondern wer schreibt und in welchem Zusammenhang. Wenn Uwe Tellkamp einen Essay in einer Reihe veröffentlicht, die »Exil« heißt und im Verlag des »Buchhaus Loschwitz« erscheint, (der, wie Der Freitag schreibt, »gute[n] Stube des rechtsintellektuellen Pegida-Umfeldes«), ist das zwar keine Überraschung, aber allemal eine Provokation. Um es gleich zu sagen: Tellkamp erfüllt alle Erwartungen und enttäuscht zugleich – indem er sie erfüllt. Worum geht es in »Das Atelier«? Die Handlung besteht im Wesentlichen darin, dass der Schriftsteller Fabian die Maler Martin Rahe und Thomas Vogelstrom besucht und sich mit ihnen über ihre Kunst unterhält – und deren Bedrohung, »wenn«, wie es im Klappentext heißt, »sie und der Künstler in die Mühlen der Politik und der Ideologen geraten«. Wer sich hinter den Figuren verbirgt, ist nicht schwer zu erraten: Fabian ist Tellkamp selbst, Rahe und Vogelstrom sind die Maler Neo Rauch und Axel Krause. Rauch stilisiert sich gerne einmal als Ernst Jünger (dessen Werke Fabian auch in dessen Atelier entdeckt), und Krause ist 2018 aus seiner Leipziger Galerie geflogen, weil er die Einwanderungspolitik der Regierung kritisiert hatte und aus seiner Sympathie für die AfD keinen Hehl macht. Zuerst trifft Fabian den schneidigen Rahe und lässt ihn allerlei über Krieg, Disziplin und das »Soldatentum« schwadronieren. Im Anschluss ballern die beiden bumsfidel mit einer Luftpistole auf Zielscheiben, denen Rahe die Gesichtszüge seiner Lieblingsfeinde verpasst hat. So kommt man sich näher. Da bleibt auch ein kleiner Schwanzvergleich nicht aus: Rahe zeigt Fabian seine Uhr, eine Tissot. »Blickt auf meine Glashütte Senator Navigator, es folgt ein Uhrenvergleich mit leicht albernem Anstrich (aber wozu trägt man eigentlich gute Uhren, wenn man nie nach ihnen gefragt wird?), das ist so ein kleines, in eine andere Domäne versetztes Männerspiel.« Beiläufig kriegt auch der kreuzer auf die Mütze: »Rahe erzählt von einer Kampagne der anderen zeitung gegen ihn. Ob er denn so etwas lese, frage ich, er kenne doch sicherlich das Wort von Karl Kraus: nicht einmal ignorieren. Das Problem sei, erwiderte Rahe, daß man von mehr oder weniger wohlmeinenden Menschen auf derlei Artikel angesprochen werde und sich verhalten müsse.« Der kreuzer ist aus der Kulturbeilage von Die Leipziger andere Zeitung (DAZ) hervorgegangen. 2018 hatte im kreuzer-Interview der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ulrich Rauchs Ansichten als »rechtsromantisch« bezeichnet. Vogelstrom indes gibt sich noch um einiges exzentrischer als Rahe. In einem nicht enden wollenden bernhardesken Redeschwall klagt und schimpft er: gegen Kunstmessen (»Kunstaussaugemaschinen«), Kunstprofessoren (»Kunst-Sparschweine, Kunst-Lumpen, Kunstgesindel!«) und Kritiker (»Mattschädel«, »Beschränkt-Pflaume«). Als das Gespräch auf das Gemälde »Ausbruch des Vesuvs« von Johan Christian Clausen Dahl kommt, überlegt Vogelstrom: »ob der Vesuv in anderer als rein geologischer Form ein Dresdner Vulkan sei und auch ein Herculaneum und Pompeji unter sich begraben habe; im Jahr Fünfzehn habe es gerumst, das Dunkelding sei ausgebrochen mit Folgen für die ganze Republik, vielleicht der Vesuv von Dresden nur ein gerade offener Schlot, einer von vielen im ganzen scheinbar so beruhigten Land, doch anderswo womöglich das Deckgebirge über den Schloten stärker, der Unmut als Magma weniger druckvoll, wer wisse das schon.« Gewiss ist es bedenklich und, ja, um ehrlich zu sein, auch niederträchtig, wie hier der Ausbruch von Fremdenhass als Naturereignis erklärt und zugleich literarisch veredelt wird. Mindestens ebenso peinlich wirkt aber die aufgeblasene Wehleidigkeit, mit der diese selbst ernannten Widerstandkämpfer, Rahe, Vogelstrom und auch Tellkamp, sich als Opfer einer vermeintlichen Meinungsdiktatur aufspielen, denen letzten Endes nur die innere Emigration bleibe. Wir kennen diese Erzählung zum Überdruss, und durch Wiederholung wird sie nicht wahrer. Davon abgesehen: »Wir werden alle nicht Ernst Jünger«, wie es bei Susanne Blech heißt. Wer sich für elitäres Einzelgängertum und Künstler-Soldaten begeistert, hält sich doch besser an das Original als an dessen nassforsche Epigonen. Christfried Jeremias

Bildungslücke: Folge 35 – Herbert Otto: Der Traum vom Elch (1983)

Bildungslücke: Folge 35 – Herbert Otto: Der Traum vom Elch (1983)

Bildungslücke: Folge 35 – Herbert Otto: Der Traum vom Elch (1983). 280 S.

Anna wartet. Fast die ganze Zeit. Wartet auf den »Elch«: einen Geliebten, von dem sie kaum mehr weiß, als dass er zwei Mal im Jahr vorbeikommt. Er hinterlässt dann einen Zettel an ihrer Haustür, auf dem so was steht wie »Sei, wenn Du kannst, morgen, Donnerstag, 15 Uhr in Freiberg. In Sachsen das. Bahnhofsgaststätte.« Und Anna lässt alles stehen und liegen, verschiebt ihre Dienste im Krankenhaus, sagt alle Verabredungen ab und sprintet zum Bahnhof, um ein Wochenende mit dem Mann ihrer Tagträume zu verbringen. Sehr romantisch und sehr bescheuert also, wie alle großen Affären. Herbert Otto (1925–­2003), Funktionär und Schriftsteller, veröffentlichte nach einigen Sozialistischer-Realismus-Romanen 1983 »Der Traum vom Elch«, in dem es zwar immer noch um die Gesellschaft, aber auch um Erotik geht. Das Buch ist bevölkert von ungebundenen, promisken Figuren – was für die männlichen Charaktere eine selbstbewusste Lifestyle-Entscheidung, für die Frauen im Roman eher ein Schicksal ist, in das sie sich fügen, weil ihnen die »kleine Zufriedenheit« der Ehe (»Kino, Kinder, neue Gardinen«) noch unattraktiver erscheint als das emotional abwrackende Nebenfrau-Dasein. Und das sind, suggeriert das Buch, eben die zwei Alternativen, zwischen denen man sich als Frau entscheiden kann. Das redliche Bemühen des Autors, Anna und ihre beste Freundin Annette als unabhängige, starke Frauen zu schildern, die sich nehmen, was sie wollen, scheitert leider weitestgehend, weil Feminismus eben doch noch ein bisschen mehr ist, als selber mal einen Mann zum Tanzen aufzufordern. Auch die kürzlich kolportierte Behauptung, dass Frauen im Sozialismus besseren Sex gehabt hätten, lässt sich zumindest anhand der im Buch geschilderten Szenen schwer nachvollziehen. Oder wollen Sie gerne als »Körperchen« bezeichnet werden? 277 Seiten lang wartet man zunehmend genervt mit Anna darauf, dass der Elch sich mal wieder blicken lässt – und gerade, wenn man sich freut, dass sie vielleicht doch von der selbstsüchtigen Pfeife loskommt, steht der Typ auf der vorletzten Seite doch wieder vor der Tür. Und wird mit klopfendem Herzen überschwänglich begrüßt. Kein Happy End, auch wenns so gemeint ist. Clara Ehrenwerth

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu berühren

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu berühren

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu berühren. 121 S.

Etwas haarspalterisch scheint einem der Bestsellerautor (»Acht Berge«) und leidenschaftliche Wanderer Paolo Cognetti ja schon: Der Mann, der auf Tausenden Höhenmetern unterwegs ist, behauptet in seinem neuen Buch immerzu, kein Bergsteiger zu sein. Das liegt natürlich daran, dass des klassischen Bergsteigers Ziel der Gipfel eines Berges ist. Diese kolonial anmutende Bezwingung des Berggipfels ist ein Phänomen – wer hätte das gedacht – der westlichen Welt. Und Cognetti kann trotz seiner Wanderungen genau damit nichts anfangen, denn sein Magen rebelliert ab 3.000 Höhenmetern. Trotzdem entschließt er sich zu einer Wanderung in der Dolpo-Region im Nordosten Nepals, zum Shey Gompa Kloster am Fuß des Kristallberges. Vorbild für die Wanderung ist die Reise des Peter Matthiessen im Jahre 1973: Dessen Reisebericht, »Auf der Spur des Schneeleoparden«, trägt Cognetti stets mit sich, zieht Parallelen. Als ein Hund auftaucht und viele Tage nicht von seiner Seite weicht, vermutet er darin gar die Reinkarnation des 2014 verstorbenen Matthiessen. So sehr sich Cognetti bei den Beschreibungen seiner Umgebung aufhält, so oberflächlich bleiben die sich einstellenden Gedanken des Pilgers. »Ich ließ etwas Nichtgesehenes, Nichterfasstes zurück, war ihm aber nahe genug gekommen, um sein Vorhandensein zu spüren.« Die Skizzen des Autors sorgen ebenfalls nicht für eine Untermalung des zuvor Erläuterten. Es verliert sogar an Kraft, weil man es nicht in Einklang zu bringen vermag mit den irgendwie niedlichen Bildchen. Das Gefühl, eine lange Reise bewältigt zu haben, stellt sich zwar beim Autor, aber nicht beim Leser ein. Statt »die wehmütige Sehnsucht nach der Welt eines ausgelesenen Buches« zu empfinden, fühlt man sich, als käme man gerade von einem dieser Himalaya-Dia-Vorträge der nächstgelegenen Globetrotter-Filiale. Linn Penelope Micklitz

Gabriele Tergit: Effingers

Gabriele Tergit: Effingers

Gabriele Tergit: Effingers. 904 S.

Es gibt Bücher, die schiebt man als Rezensent vor sich her. Man ahnt, sie sind gut. Aber: 900 Seiten! Beflügelt vom nahenden Redaktionsschluss macht man sich an die Lektüre von Gabriele Tergits epischem Familienroman »Effingers« – und wird sofort reingezogen. Hin zu den sehr unterschiedlichen, von Tergit lebendig gezeichneten Charakteren. Rein in die verschiedenen Milieus, die sie so leichthändig entwirft: Die Menschen im süddeutschen Kragsheim, wo ein Zweig der Familie zu Hause ist, leben und reden anders als die Verwandten im aufstrebenden Berlin der Kaiserzeit. Später, in den harten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, zerfällt die Sprache, verroht das Miteinander. Der Erzählrhythmus passt sich dem getriebenen Lebenstempo an. Und ständig weitet sich der Blick vom Einzelschicksal zur Lage des Landes, Europas, der Welt. Da die Familie aus Unternehmern, Kaufleuten und Bankiers besteht, rücken wirtschaftliche und soziale Fragen in den Fokus. Tradierte Lebensentwürfe werden über die Jahrzehnte variiert, abgelegt, neu erfunden. Eng verknüpft ist das Leben der Effingers mit Wirtschaftskrisen, Kriegen, Verelendung, Wohnungsnot, politischer Radikalisierung. Das Ende steht von Anfang an fest, denn die Effingers sind nicht nur eine deutsche Familie, sondern auch eine jüdische. Tergit (1894–1982, selbst aus einer jüdischen Familie stammend) schildert kurz und nüchtern, was ihren Protagonisten zwischen 1933 und 1945 widerfährt; was ihnen Menschen antun, mit denen sie über Jahrzehnte vertrauensvoll gearbeitet und gelebt haben. Der Februar ist doch eh ein langweiliger Monat. Kaufen Sie sich »Effingers« und verbringen Sie ihn lesend. Andrea Kathrin Kraus

Dagny Juel: Flügel in Flammen

Dagny Juel: Flügel in Flammen

Dagny Juel: Flügel in Flammen. 176 S.

Zum ersten Mal erschien das Gesamtwerk der norwegischen Fin de Siècle-Persönlichkeit Dagny Juel 2019 auf Deutsch. Lars Brandt fügte seiner Übersetzung den Essay »Kein Puppenheim« hinzu, mit dem er den Band um facettenreiche und aufwendig recherchierte Angaben zu Juels Leben und dem Entstehungshintergrund ihres Werks vervollständigt. Juels gutbürgerliche, südnorwegische Mittelklasse-Herkunft mag nicht so richtig mit ihrer Hochzeit mit dem polnischen Schriftsteller, Boheme und Satanisten Stanislaw Przybyszewska 1893 in Berlin zusammenpassen. Ihr weiteres Leben verläuft nach dieser Eheschließung zusehends zwischen mehr oder weniger steilen zwischenmenschlichen und wirtschaftlichen Abgründen. 1901 wird sie in Tiflis von einem geistesgestörten Bekannten ihres Mannes ermordet. Der literarische Stoff ihres Werkes entspricht dem düsteren, entgrenzten Umfeld eines zartfühlenden, aber auch überreizten Berliner Künstlerkreises Ende des 19. Jahrhunderts, zu dem sie gehörte und innerhalb dessen sie – zum Teil verhängnisvolle – Bekanntschaften mit unter anderem Edvard Munch und August Strindberg schloss. In den Texten, Gedichten und Dramen verstricken sich weibliche Hauptfiguren in leidenschaftliche, aber sich ins Tragische wendende Beziehungen zu einem oder mehreren Männern – eine trübsinnige ältere Schwester liebt den Mann, den die jüngere zu heiraten gedenkt; eine junge Frau namens Hadasa betrügt und vergiftet ihren Mann, nachdem sie selbst vergewaltigt wurde. Ganz offensichtlich geht es hier um den düsteren Teil der Sehnsucht nach dem Anderen und darum, was geschieht, wenn diese Sehnsucht zur Besessenheit wird. Gemeinsam mit Brandts Essay eine aufschlussreiche, ungewöhnliche Lektüre. Laura Wägerle

Dilek Güngör: Ich bin Özlem

Dilek Güngör: Ich bin Özlem

Dilek Güngör: Ich bin Özlem. 160 S.

Özlem lebt in Berlin, arbeitet als Lehrerin für Fremdsprachen, hat einen Mann und ein Kind. So weit, so gewöhnlich. Doch obwohl Özlem sich große Mühe gibt, möglichst normal zu sein, erlebt sie immer wieder Ausgrenzung. Immer wieder geben ihr Fremde und Bekannte das Gefühl, nicht dazuzugehören. Özlem hasst den Ausdruck vom »Leben zwischen zwei Kulturen«. Und dennoch wird sie gezwungen, genau das zu tun. Tagtäglich muss sie sich fragen lassen, woher sie denn eigentlich komme. Und das nur, weil ihre Eltern, vor ihrer Geburt, aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Dilek Güngörs Sätze sind schlicht. Der Aufbau ihres Buches ist eine Aneinanderreihung alltäglicher Situationen, gegen die sich ihre Protagonistin zur Wehr setzen muss. Die Stärke des Buches liegt nicht in seiner Form, sondern in seinem Inhalt. Und da wird es für den Leser schnell herausfordernd. Immer wieder gerät Özlem in Situationen, die scheinbar harmlos sind – bis man genauer darüber nachdenkt. Während Özlem innerlich versucht, eine Antwort auf die Identitätsfrage zu geben, die alle an sie stellen, wächst ihre Wut. In einer der stärksten Szenen konfrontiert sie ihre gut betuchten Freunde mit deren rassistischen Äußerungen. Und muss sich von ihnen anhören, dass sie sich nur besonders machen wolle. Geschickt zeigt Güngör, wie schwierig solche Argumentationen zu widerlegen sind. Und wie anstrengend es ist, in einer Gesellschaft, die von Identitätsfragen besessen ist, nicht dazuzugehören. Da rettet auch das Ende nicht. Dort heißt es: »Ich muss lachen. Mit Zufriedenheit können Leute wie ich nichts anfangen.« Ein aktueller Roman, der noch lange nachhallt. Josef Braun

Bildungslücke: Folge 34 – Erhard Kaps: »Gefangen, inhaftiert, befreit« (1999)

Bildungslücke: Folge 34 – Erhard Kaps: »Gefangen, inhaftiert, befreit« (1999)

Bildungslücke: Folge 34 – Erhard Kaps: »Gefangen, inhaftiert, befreit« (1999). 192 S.

Wenn sich das Leben allmählich dem Ende zuneigt, greifen viele ältere Menschen zum Stift, zum Laptop oder zur Ghostwriterin. So viel ist schließlich in all den Jahrzehnten erlebt, gefühlt, gedacht worden, und man selbst war die ganze Zeit dabei! Wer schreibt, der bleibt – zumindest ein bisschen. So hat auch der Leipziger Unternehmer Erhard Kaps (1915–2007) nach seinem achtzigsten Geburtstag seine Erinnerungen in mehreren Büchern festgehalten. »Gefangen, inhaftiert, befreit« ist der dritte Band dieser Reihe. Der Titel nimmt auf Kapsʼ Kriegsgefangenschaft in Bad Kreuznach 1945 sowie seine Inhaftierung als politischer Häftling im Zuchthaus Waldheim zwischen 1962 und 1965 Bezug. Beiden Erlebnissen widmet der Autor allerdings jeweils nur wenige Seiten. Der Großteil des Buches ist eine lose Sammlung von Erinnerungen und Betrachtungen, in der harmlose Anekdoten auf das Grauen des vergangenen Jahrhunderts treffen. So schreibt er arglos vom Urlaubsflirt im Schwarzatal, von der Freude der Kinder über die Dackel unterm Weihnachtsbaum, um im nächsten Moment auf die Deportation der jüdischen Nachbarn zu sprechen zu kommen und kurz darauf ausführlich über die Herstellungsprozesse im Kunststofffoliengewerbe zu informieren. Der Fahrradausflug und der Völkermord, die Mauertoten und der Zoff mit den Kollegen – hier stehen sie so unvermittelt nebeneinander wie sonst nur im echten Leben. Leider ist Kaps alles andere als ein begnadeter Erzähler. Zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen vermag er nicht zu unterscheiden. Die innere Logik des Buches folgt dem Prinzip »Da fällt mir gerade noch ein«. All das würde man einem nicht-professionellen Schreiber wohl nachsehen, würde sich der Autor ein bisschen selbstkritischer, demütiger, bescheidener darstellen. Spätestens, wenn die Selbstbetroffenheit in Sätzen wie »Ich hatte viele jüdische Freunde und habe deshalb ganz besonders unter der Verfolgung der Juden durch Hitler gelitten« kulminiert, ist das Verständnis für die literarische Unbedarftheit allerdings erschöpft. Ein Buch gewordener Schaukelstuhl-Monolog, dem eine Ghostwriterin vermutlich gutgetan hätte. Clara Ehrenwerth

Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben

Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. 160 S.

Wenn schon Die Zeit freidreht und unter dem Titel »Geht’s noch?« (51/2019) die etwas nach links rückende SPD abstraft, ist klar, dass die Sozialismuspanik auch in Deutschland ihre Spuren hinterlassen hat. Kristen R. Ghodsee, Osteuropaexpertin, Mauerfall-Zeitzeugin und gelegentliche Kolumnistin, reagierte auf populistische Sozialismusschelte in den USA im August 2017 mit einem Gastkommentar in der New York Times. Darin erklärte sie, »Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten«. Der Clickbait-lastige Titel zog eine Onlinekontroverse nach sich, die groß genug war, dass der amerikanische Verlag Nation Books an Ghodsee herantrat und ihr die Chance zum Nachlegen gab. Dabei erfuhr dann das Tempus im Titel eine Revision. Dieser entspricht nun in etwa dem Viralitätsfaktor und der Aufmerksamkeitsspanne des Hashtagfeminismus – heutzutage ein Garant für Umsatzzahlen. Der Suhrkamp-Verlag hat in Zusammenarbeit mit Yanis-Varoufakis-Übersetzerin Ursel Schäfer und dem einstigen Zygmunt-Bauman-Übersetzer Richard Barth eine solide deutsche Fassung vorgelegt. Eine kritisch annotierte Ausgabe wäre wünschenswert gewesen, denn die häufigen Ausblendungen Ghodsees grenzen an Sozialismusrevisionismus. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Das Buch feiert das 1917 gegebene gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen in der Sowjetunion, vergisst aber zu erwähnen, dass beide nur eine Partei wählen konnten. Ähnlich auch beim Thema Mutter-Kind-Wohnheime für alleinerziehende Studierende mit Babys, die hier als frühe Errungenschaft der DDR-Führung angepriesen werden. Unerwähnt bleibt, dass Studieren in der DDR ein seltenes Privileg war – und die Uni außerdem, wie der Sammelband »Zwischen Humor und Repression« (Mitteldeutscher Verlag, 2017) zeigt, ein Ort strenger ideologischer Indoktrination. Zwischen persönlichen Anekdoten, dem Herunterbeten von Orgasmusstatistiken und historischer Herbeizitierung von Ostblockpropagandaheldinnen hat das Buch im Kern doch immerhin eine versöhnliche Agenda: Es klagt die Folgen staatlich unregulierter Märkte an, da sie diejenigen, die Betreuungsarbeit in jeglichem Sinne leisten, statistisch gesehen immer diskriminieren – und dies betrifft vor allem Frauen. Wer dennoch ernsthaftes Interesse am Leben von Frauen im Osten hat, dem sei Anna Kaminskys »Frauen in der DDR« (Ch. Links Verlag, 2016) empfohlen. Marcel Hartwig

Bildungslücke: Folge 33 – Thomas Böhme: Die Einübung der Innenspur (1990)

Bildungslücke: Folge 33 – Thomas Böhme: Die Einübung der Innenspur (1990)

Bildungslücke: Folge 33 – Thomas Böhme: Die Einübung der Innenspur (1990). 200 S.

Spätestens die Debatten der letzten Monate dürften gezeigt haben, dass im Taumeljahr 1990 so einiges überrollt und übersehen wurde, das erst jetzt langsam wieder seinen Weg an die Oberfläche findet. In der Bildungslücke wollen wir deswegen das Jubiläumsjahr mit einem Buch beginnen, das bei seinem Erscheinen einigermaßen in der Wiedervereinigungsaufregung unterging: »Die Einübung der Innenspur«, der erste Roman des 1955 geborenen Bis-dahin-nur-Lyrikers Thomas Böhme – oder vielmehr eine »Roman Imitation«, wie die Genrebezeichnung so bescheiden wie knallig lautet. Und tatsächlich ist das Buch ein aus Erzählsplittern, Einzelteilen und Metaebenen zusammengesetztes Kunstwerk, das vieles will – bloß kein großes Ganzes, kein eindeutiges Bild ergeben. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht Felix Wurz, alles andere als eine Heldenfigur aus dem sozialistischen Realismus. In den Kristallen, die er als Chemiker beruflich züchtet, spiegelt sich die Konstruktion des Buches wider: »veränderte Perspektiven, die verschobenen Winkel«. Über den Beobachtungszeitraum von einem Jahr wird Felix von verschiedenen Seiten betrachtet: in Gesprächsprotokollen und Figuren-Notaten. Der Autor schaltet sich auch ab und an dazwischen: »Wollen Sie dieses Buch bis zum Ende lesen?«, wird die Leserin schon nach wenigen Seiten gefragt. Will sie, unbedingt sogar, und folgt weiter den Innenein- und ansichten von Felix, der allerhand Fantasien nachhängt – neben den Gedankenreisen zu kindlichen römischen Kaisern oder in schwüle Fin-de-Siècle-Welten auch einige, die er aus »Respekt vor juristischem Mindestalter« niemals realisieren will. Und so spielt sich das meiste im Inneren ab, hinter zugezogenen Rollos oder beim »Streunen, Umherstreifen, Läufigsein« in den Leipziger Parks und den historischen Vierteln, die immer öfter als Filmkulisse dienen: »Für seinen Geschmack fehlten nur die Indianer. Aber dafür gab diese Stadt wirklich keinen Hintergrund ab.« Während die anderen Ansichtskarten aus fremden Ländern schicken, gießt Felix die Blumen. Energie, Affekte, Appetit ziehen sich nach und nach auf den Nullpunkt zurück: »Er fühlte sich inwendig wie verklebt«, und irgendwann reicht der Antrieb auch nicht mehr, um zur Arbeit zu gehen. Löst sich völlig auf in diesem »jahr mit dem namen Ich.« Und so bleibt am Ende innen und außen wenig mehr übrig als die Frage: Kann es einen Neustart geben? Clara Ehrenwerth

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen. 448 S.

Schon mit dem Titel gab es Ärger. »Das Haus Xtravaganza« sollte der Debütroman von Joseph Cassara heißen, doch das reale »House Of Xtravaganza« in New York, wo seit 1982 queere Bälle und Voguing-Veranstaltungen stattfinden, protestierte. Das Haus und die LGBTQ-Ballroomszene wurden vor allem durch den queeren Kult-Dokumentarfilm »Paris Is Burning« von 1990 bekannt. Auch der erst 1989 geborene Cassara liebt diesen Film und begann, über die Hauptfiguren kleine Geschichten zu schreiben, die er nun in seinem Roman über die schwule Ballroom-Szene im New York der achtziger Jahre zusammenbringt. Dass er sich dabei an den im Film auftauchenden real existierenden Personen orientiert und seine Protagonisten auch wie diese nennt, aber einen Großteil ihrer Lebensgeschichten seiner Fantasie überlässt oder mit eigenen Erfahrungen kombiniert, die er als Schwuler mit puerto-ricanischen Wurzeln in New Jersey erlebt hat, störte offenbar die Vorbilder in New York. Man sollte »Das Haus der unfassbar Schönen« daher nicht unbedingt unter historischen Gesichtspunkten lesen – vielmehr vermittelt der Roman ein Stimmungsbild: Wie hart das Leben als Dragqueen in New York war. Wie viel Liebe und Zusammenhalt solche Gemeinschaften, in denen LGBTQs wie in Familien zusammenleben, geben können. Wie hart HIV die Szene traf. Wie die verarmten Dragqueens mit glitzernden Kleidern und großen Bällen begeistert dem Glamour frönten. Es sind Love-Storys, Familientragödien und Coming-of-Age-Geschichten, die Cassara in einer mit spanischen Slang-Ausdrücken versehenen Sprache zu diesem unterhaltsamen und dramatischen Panorama einer Außenseiter-Community zusammenbringt. Juliane Streich

Dirk Uwe Hansen: Sonne Geschlossener Wimpern Mond

Dirk Uwe Hansen: Sonne Geschlossener Wimpern Mond

Dirk Uwe Hansen: Sonne Geschlossener Wimpern Mond. 48 S.

Im Jahr 2018 startete der Gutleut Verlag die »lichte« Reihe. Eröffnet wurde das Projekt mit den Gedichten des Übersetzers, Altphilologen und Lyrikers Dirk Uwe Hansen. Schon die Aufmachung des schmalen Bandes steht im krassen Gegensatz zum »lichten« Konzept: Künstler und Verleger Michael Wagener lieferte fotografische Arbeiten aus seiner Serie »Wasser – soon over babaluma«, um den Eindruck einer extrem verdichteten Oberfläche zu erzeugen. Die Struktur des Meeres bündelt die Texte unter sich und zieht sich durch sie hindurch; und so wie Wasser einerseits klar und durchscheinend erlebt wird, so zeigt es sich, wie in diesem Fall, eben auch als undurchdringliche Materie von ungeheurer Kraft. Dieses Schwingen innerhalb des selben Aggregatzustands eines Elements macht auch Hansens Texte aus. In drei Zyklen beleuchtet, durchleuchtet er einen ebenso lichten wie undurchdringlichen Stoff – die Zeit. Unter dem Titel »Kosmogonie« verhandelt Hansen die Entstehung der Welt, angelehnt an die griechischen Mythen. Auch das Wasser, das Meer als Ursprung des Lebens findet sich wieder und geht in Dialog mit Wageners Fotografien: »vor der zeit ein meer [zum beweis ein / graben voll mit schwarzem qualm] / ein seelchen ist kopf oder hirn / denn / feuer hat wasser noch niemals gelöscht«. Im »Naturalienkabinett« finden sich Beschreibungen von Strandgut – vom Hühnergott bis zur Auster, und auch hier ist das Wasser am Werk: »suchen die wellen nach / kleinster nach / unauflösbarer einheit von sand«. Die »Grammatologie« hinterfragt schlussendlich von »a« bis «z« das Instrument der Sprache, mit dem die Welt sich zuvor angeeignet wurde. Ein neuer Ursprung wird sichtbar, denn »aller anfang ist mund«. Linn Penelope Micklitz

André de Richaud: Der Schmerz

André de Richaud: Der Schmerz

André de Richaud: Der Schmerz. 224 S.

In Frankreich erschien André de Richauds Roman »Der Schmerz« bereits 1931. Nun liegt die erste deutschsprachige Übersetzung des Werks vor: Ein verlassenes Dorf im Süden Frankreichs. Der Erste Weltkrieg tobt weit entfernt im Norden des Landes. Thérèse Delombre war schon als Frau des Befehlshabers eine Außenseiterin im Dorf. Als der Hauptmann fällt, verblasst zwar die neidische Feindseligkeit der Dorfgemeinschaft, an ihrer Einsamkeit ändert das aber wenig. Zunächst konzentriert Thérèse sich ganz auf ihre etwas zu zärtliche Fürsorge für den zehnjährigen Sohn Georges. Des Nachts quälen sie sehnsüchtige sexuelle Fantasien. Dann kommen deutsche Kriegsgefangene in die Gegend und die Witwe beginnt ein Verhältnis mit einem der Soldaten. Als die Affäre im Dorf bekannt wird, schlägt ihr der Hass ihrer Landsleute entgegen. Der Soldat verlässt Thérèse, die bald feststellt, dass sie schwanger ist. In einem dramatischen Finale findet die völlig hilflose Frau die Erlösung im Feuertod. Weil der Roman so explizit weibliches Begehren thematisiert, löste er seinerzeit einen Skandal aus. Es ist nicht zu erwarten, dass sich dieser heute wiederholt. Trotzdem ist de Richauds Werk mitunter schwer zu ertragen, besonders wenn der Erzähler die Frau, deren Innenleben er an anderen Stellen mit aufwendigen Bildern schmückt, in entscheidenden Momenten jäh abwatscht: »Nichts ist beschämender als eine betrunkene Frau. Kein Anblick ist schmerzlicher als der einer Frau, die vor Schmerz von Sinnen ist. Thérèse war zugleich zornestrunken und tödlich verletzt.« Schade, wenn sich solche Abwertungen gegen eine eh schon entwürdigte Figur richten, ist doch im Ansatz die Absicht des Autors erkennbar, Mitgefühl für die durchaus vielschichtigen Charaktere zu schaffen und ihr Leiden an der gesellschaftlichen Doppelmoral anzuklagen. Jennifer Ressel

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg.): Trigger Warnung

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg.): Trigger Warnung

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema, Meron Mendel (Hrsg.): Trigger Warnung. in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank 2019. 256 S.

Die beste Kritik an der Linken kommt meist bekanntlich nicht aus dem konservativen Lager, sondern aus der Linken selbst. Auch in »Trigger Warnung« beschäftigen sich rund 20 Autorinnen und Autoren essayistisch und größtenteils kritisch mit Identitätspolitik. Dabei lädt das Buch zum Querlesen ein: In den drei Teilen »Verortungen«, »Verstrickungen« und »Verhandlungen« findet sich, passend zur Vielfalt identitätspolitischer Felder, ein bunter Strauß an Themen, wobei ein Fokus auf Antisemitismus erkennbar ist. Von cultural appropriation bis #Metoo ist für alle was dabei. Auch im Stil ist die Sammlung divers: Trocken und abstrakt, dann wieder konkret-kämpferisch, ergibt sich eine Vielfalt der Formen zwischen Aufsatz und Twitter-Literatur. Eine Gemeinsamkeit ist das geteilte Vokabular vieler Texte. Eher selten werden Begriffe erklärt, es wird ein Basiswissen an aktuellem Szene-Sprech vorausgesetzt. Für Anfängerinnen ist das Buch trotzdem empfehlenswert, weil es gleich mehrere Türen zum Minenfeld der Identitätspolitik zu öffnen vermag. Google-willig sollten Leserinnen und Leser dann aber sein. Diskursives Highlight: dass Ayesha Khans »Rant« eine direkte Antwort auf den vorherigen Text von Gadi Taub ist. Das belebt den Diskurs zwischen den Texten, der sich ab und an allerdings in Wiederholungen verliert, anstatt in die Tiefe zu gehen. »Trigger Warnung« legt nicht nur einen Finger in die Wunde, sondern wühlt meist recht souverän in dieser herum. Hier wird Begriff und linke Praxis in Frage gestellt, ohne zerstörerisch wirken zu wollen. Eine Gratwanderung, die mit einer Vorsicht begangen wird, die leider einigen der Autorinnen und Autoren auf die Füße fällt: Ist die Rhetorik zu zaghaft, wirkt der Text zuweilen zahm. Amy Wittenberg

in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank

Martin Vopěnka: Meine Reise ins Ungewisse

Martin Vopěnka: Meine Reise ins Ungewisse

Martin Vopěnka: Meine Reise ins Ungewisse. 240 S.

Wenn Vater und Sohn die Sommerferien für eine Reise nutzen, mag das den nächsten Road-Novel-Abklatsch mit Abenteuer und Männerfreiheit verheißen. Tatsächlich geht es um eine Art Luftveränderung nach dem Tod von Mutter und (Ex-)Ehefrau; die Ansage, dass die Reise aus dem heimatlichen Prag heraus ins Ungewisse führen soll, ist ernst gemeint: Der Vater hat, so stellt sich bald heraus, wirklich keinen Plan. Die aufgeräumten Gebirgszüge Österreichs liegen längst hinter ihnen, als er dem achtjährigen Kind und Reisebekanntschaften immer noch erklärt, worin eigentlich das Konzept des Ungewissen besteht. Das Auto fährt durch sich abwechselnde Landschaften und Sprachen auf dem Weg über Italien (nicht kinderlieb), Ungarn (adipös), Griechenland (unter Touristen, mit denen man nichts gemeinsam hat), Bulgarien und Rumänien (kaltes Gebirge, Nähe zum Himmel) und es scheint sich kaum etwas zu ereignen, zumal Geld keine Rolle spielt. Währenddessen ereignet sich recht viel. Ruhig erzählt plätschert der Roman zunächst so vor sich hin und offenbart dabei eine Fülle an Geschehnissen jenseits von Erinnerungen und Verweisen in die Geschichte: der Geruch von Moldau früher und heute, das ländliche Böhmen, Leute, die rein aus Geschäftssinn nett sind; ein kursorischer, atmosphärisch dichter Einblick in die Länder am Wegesrand. Das Beziehungsgefüge entspinnt sich verhalten, justiert sich in der neuen Situation neu, denn ohne die Mutter ändern sich die gegenseitigen Verpflichtungen ebenso wie die Gewohnheiten. Das schweißt die beiden auf berührende Art zusammen, sie werden wie vertraute Kumpels, die sich auch mal nette Sachen sagen. Nett: So könnte das Ganze ein Ende finden, mit der Rückfahrt im Spätsommer, eventuell inklusive der kleinen Peinlichkeit, dass sie den Anfang des neuen Schuljahrs verpassen. Doch so kommt es nicht, weil es stattdessen eine komplett unerwartete Wendung gibt, mit der der Gedanke, dass kein Mensch weiß, wo man ist, seine Anziehung verliert, vielmehr bedrückend und gefährlich wird. Jetzt mischt sich vollkommen ungeahnte, geradezu thrillerartige Spannung in diesen Roman von der Straße, der damit das Genre wechselt und auch die Leserschaft lehrt, was das Ungewisse ist. Franziska Reif