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Rezensionen

Edna O’Brien: Das Mädchen

Edna O’Brien: Das Mädchen

Edna O’Brien: Das Mädchen. 253 S.

O’Brien schrieb ihre ersten Romane über die Probleme irischer Mädchen im katholischen Irland der 1960er Jahre und wurde von der Zensur auf den Index gesetzt. Nun hat sie sich an ein aktuelles und noch schwierigeres Thema gewagt: Im April 2014 wurden in Nigeria die sogenannten Chibok Girls von Dschihadisten entführt. Eines der Mädchen, Maryam, berichtet in ihren eigenen Worten über traumatische Erniedrigungen durch die Islamisten. Zusammen mit ihrem Baby und einer Leidensgenossin gelingt ihr die Flucht während eines Angriffs der nigerianischen Luftwaffe. Aber sie ist nirgends ­willkommen: Ihre Familie und ihr Dorf sehen in ihr die Gefahr, dass die Islamisten zurückkommen und Rache nehmen. Der Präsident des Landes nutzt sie und einige andere Schulmädchen für eine patriotische Ansprache und ein Eigenlob seiner Regierung. Die Verwandtschaft nimmt ihr das Kind weg, denn es trägt das Stigma, von Dschihadisten gezeugt worden zu sein. Maryam fällt in eine totale Verzweiflung. Aber sie gibt nicht auf, kann ihr Kind aus der Hand eines Menschenhändlers befreien und ist wieder auf der Flucht.  Zum Schluss kommt in O’Brien die irische Patriotin durch: Maryam und ihr Kind werden von Franziskanerinnen, darunter viele irische Nonnen, aufgenommen. Sie erhält ihre Würde zurück und einen Job als Hilfslehrerin in Sicherheit für sie und ihr Kind. Das Licht ist in ihre Welt zurückgekehrt. Das Buch ist eine auf der Realität fundierende romanhafte Anklage an eine Welt, die aus Mangel an Empathie mit den an Leib und Seele Geschundenen nicht bereit ist, die Opfer wieder in ihrer Mitte aufzunehmen. Joachim Schwend

Yambo Ouologuem: Das Gebot der Gewalt

Yambo Ouologuem: Das Gebot der Gewalt

Yambo Ouologuem: Das Gebot der Gewalt. 272 S.

Ein schaukelnder Lastwagen, Musik aus einem Grammofon. Eine nackte Frau, ein nackter Mann, Stöhnen. Draußen, in Sicht- und Hörweite, also -nähe, ein weiterer Mann, onanierend, unbemerkt, bis ihn seine Verlobte entdeckt und entsetzt anstarrt. Der Mann blickt »seiner Verlobten tief in die Augen, um sich von dieser hasserfüllten Eifersucht durchdringen zu lassen« – und schlägt sie tot, dabei eine Hand nie von sich lassend.  Ein Bordell in Paris, sechs Studenten feiern eine bestandene Prüfung (wo sonst?), mieten ein großes Zimmer und sechs Prostituierte. Die Betten sind zusammengerückt, jeder treibts mit jeder (und »natürlich« haben auch die Frauen »ihren Spaß«). Eben noch kopulierend, unterhalten sich die einzige Afrikanerin und der einzige Afrikaner – das Gespräch ergibt, dass sie aus demselben Land kommen, aus derselben Gegend, dass sie Geschwister sind. Die Frau stirbt eine Woche später, verblutet, weil jemand eine Rasierklinge in ihrer Bidetseife versteckt hat.  Yambo Ouologuems »Das Gebot der Gewalt« erschien erstmals 1968 in Frankreich, der 1940 in Mali geborene Autor wurde dafür als erster Afrikaner mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet. Fünfzig Jahre nach der ersten Veröffentlichung auf Deutsch erscheint der Roman nun erneut (nicht neu übersetzt) und wird als frühes Meisterwerk postkolonialer Literatur gefeiert.  Es ist schrecklich, dieses Buch zu lesen, das die Gewaltherrschaftsgeschichte eines fiktiven afrikanischen Landes durchhechelt und überall oberflächlich bleibt, wo man sich Tiefe wünschen würde (800 Jahre auf 270 Seiten?), während es immer da konkret und überexplizit wird, wo man so gern darauf verzichten würde (wenn eine Frau in den Blick gerät, heißt es stark sein auf den folgenden Seiten, siehe oben). Benjamin Heine

Nora Zeale Hurston: Barracoon

Nora Zeale Hurston: Barracoon

Nora Zeale Hurston: Barracoon. 224 S.

Die afro-amerikanische Anthropologin und Schriftstellerin nahm 1927 den Zug von New York in den Süden, bis nach ­Alabama. Ihr Ziel: einen der letzten Überlebenden des Sklavenhandels zu interviewen. Oluale Kossola, der in den USA den Namen Cudjo Lewis annahm, war 86 Jahre alt, als Hurston ihn aufsuchte. Viele Jahre zuvor war er mit dem Schiff »Clotilde« in den amerikanischen Süden geschmuggelt worden. Der Sklavenhandel war da schon verboten. Fünf Jahre arbeitete Lewis als Sklave. Dann befreiten ihn die Truppen der Nordstaaten. Wie Hurston in ihrem Vorwort schreibt, wollte sie die Geschichte der Sklaverei aus der Perspektive derer hören, die sie erlitten hatten, und sie nahm sich Zeit dafür. Mehrere Monate lang traf sie sich mit Lewis. In ihren Mitschriften versuchte sie, seiner Art zu sprechen gerecht zu werden. »Barracoon« imitiert diese Mündlichkeit, erzählt schlicht und knapp Lewis’ Leben, von der Geburt in Afrika über die Verschleppung und den Verkauf durch den Stammeskönig bis zur Zeit während und auch nach der Sklaverei. Das Leid hörte auch dann nicht auf für den ehemaligen Sklaven: Als Neale Hurston ihn besuchte, waren seine Frau und ihre gemeinsamen sechs Kinder bereits tot, allesamt auf die ein oder andere Art Opfer von Rassismus. »Barracoon« ist ein seltenes Dokument aus einer Zeit, in der Geschichte beinahe ausschließlich von Weißen geschrieben wurde. Kritisch anzumerken bleibt nur, wie der Penguin-Verlag die deutsche Ausgabe aufgeplustert hat: Allein drei Vorworte gibt es, dazu ein Nachwort und ein Glossar. Bevor man zu Lewis’ Geschichte gelangt, wird sie schon eingeordnet. Für ein unverfälschtes Leseerlebnis empfiehlt es sich, direkt mit Zora Neale Hurstons Bericht zu beginnen. Dort findet sich die ganze Geschichte in Lewis’ eigenen Worten. Josef Braun

Jean Stafford: Die Berglöwin

Jean Stafford: Die Berglöwin

Jean Stafford: Die Berglöwin. 352 S.

Die Geschwister Ralph und Molly wachsen im sonnigen Kalifornien auf, wo sie sich im Alter von zehn und acht Jahren mit Scharlach anstecken. Die Folgen der Krankheit isolieren die beiden von anderen Kindern, und auch in ihrer überspannten Familie, bestehend aus der Mutter und zwei älteren Schwestern, sind sie die Außenseiter. Nach dem Tod des Großvaters nimmt ihr Onkel die beiden mit auf dessen Farm in Colorado, wo sie in eine andere Welt eintauchen: Hier gelten die Regeln der Natur und der Männer. Während Ralph nach einer Weile Gefallen an der neuen Umgebung findet und sich anpasst, wird Molly immer neurotischer. Bei der Jagd auf eine Berglöwin geschieht schließlich ein Unglück, das beider Kindheit jäh beendet. Es braucht eine Weile, bis die Leserin realisiert, dass »Die Berglöwin« eine Coming-of-age-Geschichte ist. Die amerikanische ­Autorin Jean Stafford führt verwirrend detailreich, aber nur scheinbar auf Umwegen in das familiäre Umfeld von Ralph und Molly ein, bevor sie die beiden in den Fokus nimmt und abwechselnd aus der Perspektive des Jungen oder des ­Mädchens erzählt. Ihre ­Erzählweise besticht durch die genauen Schilderungen eigenwilliger Menschen und Landschaften. Staffords Ton ist spöttisch, wenn sie sich mit dem Kampf der Kinder gegen die unglaubwürdigen Erwachsenen verbündet. Und obwohl Ralph und Molly nie sympathisch wirken, berührt die kindliche Verstörung, mit der sie auf das reagieren, was ihnen zustößt. »Die Berglöwin« ist einer von drei Romanen Jean Staffords (1915–1979). Dass das Buch, 1947 erstmals erschienen, jetzt mit einem Nachwort versehen neu herausgegeben wird, ist eine schöne Gelegenheit für deutschsprachige Leser, die Autorin in einer aktuellen Übersetzung zu entdecken. Andrea Kathrin Kraus

Johannes V. Jensen: Himmerlands-geschichten

Johannes V. Jensen: Himmerlands-geschichten

Johannes V. Jensen: Himmerlands-geschichten. 235 S.

Wer die Himmerlandsgeschichten von Johannes V. Jensen liest, hat beinahe das Gefühl, er lauscht einem Erzähler alter Mythen und Sagen. So fern und längst vergangen scheint die bäuerliche Welt im Norden Jütlands, die er beschreibt. Jensen, der 1873 im Dorf Farsø im Himmerland geboren wurde und 1944 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat miterlebt, wie die Industrialisierung die Menschen in die Städte trieb und die Welt der Gutshofbesitzer und ihrer Knechte allmählich verschwand. Für immer festgehalten ist diese Welt in seinen Himmerlandsgeschichten, deren zweiter Band nun im Guggolz-Verlag erschienen ist. Die Geschichten erzählen vom Beginn der Moderne und den damit verbundenen Umbrüchen: Etwa wenn Schausteller durchs Land ziehen und den Bauern die weite Welt vor Augen führen, wenn ein nach Amerika Ausgewanderter heimkehrt und seinen Sohn besuchen will oder das Verhalten der oft einsilbigen Bauern mit der späteren Beredsamkeit und Betonung der Gefühle verglichen wird. Jensen lässt in seinen Geschichten die Himmerländer selbst zu Wort kommen und führt uns deren Welt ganz ohne Wehmut vor Augen. Die wäre schlicht fehl am Platze, denn so freundlich war die alte Zeit nun auch wieder nicht.    Einzelne Orte und Figuren verbinden die Geschichten. Auf diese Weise fügen sie sich zu einem Gemälde der kargen Heidelandschaft und ihrer Bewohner zusammen. Jensens Geschichten wirken zeitlos und – angesichts der heutigen Umbrüche – ungemein aktuell. Umso erstaunlicher ist es, dass seine Himmerlandsgeschichten noch nie in kompletter Form auf Deutsch erschienen sind. Der Verlag aus Berlin hat dies nun nachgeholt und rückt damit einen Autor wieder ins Licht der Öffentlichkeit, den es unbedingt zu lesen lohnt.   Tino Dallmann

George Eliot: Middlemarch

George Eliot: Middlemarch

George Eliot: Middlemarch. 263 S.

George Eliot (1819–80) gilt als eine der bedeutendsten englischen Autorinnen des späten 19.   Jahrhunderts. »Middlemarch« zeigt den Übergang vom viktorianischen Roman zum Modernismus: Die Psyche rückt mehr in den Mittelpunkt des Erzählens. Zerstörte Illusionen und unglückliche Ehen stellen Herausforderungen für alle Beteiligten dar, sowohl im englischen Landadel als auch in der städtischen Bevölkerung, ob Grundbesitzer, Pächter, Bürger oder Lohnarbeiter. Virginia Woolf hat den Roman gepriesen und Siegmund Freud sah Parallelen zu seiner eigenen Ehe und dem Verhältnis zu seiner Frau. Eliot schreibt einen Bildungsroman um Frauenschicksale in einer von Männern dominierten Welt in den 1820er Jahren. Sie sieht das zentrale Problem darin, dass die Frauen keine spezifischen Aufgaben in der Gesellschaft ­haben. Die Autorin vertritt eine tolerante Skepsis gegenüber Konventionen und sieht sich als Historikerin, Beobachterin und Analystin. Ein zentrales Bild ist dabei die Gesellschaft als Netz. Eliot hatte ihre eigenen Probleme mit Konventionen: Sie lebte lange in wilder Ehe mit dem Philosophen G. H. Lewes (1817–78) zusammen, der sich nicht scheiden lassen konnte. Für sie galten die humanistischen Ideale von Ludwig Feuerbach, dessen zentrales, religionskritisches Werk, »Das Wesen des Christentums« (1841), sie 1854 ins Englische übersetzte.  Die vorliegende neue Übersetzung, eine sehr schöne gebundene Ausgabe auf Dünndruckpapier, bleibt nah am englischen Original, was zu gelegentlichen ungewohnten Formulierungen führt, zum Beispiel »Schiffchenarbeit«. Anmerkungen am Ende des Buches liefern in der Regel notwendige Erklärungen. Joachim Schwend

PMS: Postmigrantische Störung

PMS: Postmigrantische Störung

PMS: Postmigrantische Störung.

Sachsen hat ein Kartoffelproblem, auch, was den Literaturbetrieb betrifft. Die mangelnde Diversität ist ein Vorwurf, den sich ebenfalls das Deutsche Literaturinstitut Leipzig gefallen lassen musste, aus dessen Reihen aber auch eine Autorin kommt, die mit dem Projekt »PMS – Postmigrantische Störung« die Vielfalt der Leipziger Literaturszene mit einer kleinen feinen Anthologie erhöht hat. Begonnen hat alles damit, dass Kaśka Bryła mit Menschen mit Migrationserfahrung oder migrierten Vorfahren über Literatur sprechen wollte. Es entstand eine Workshop-Reihe, es entstanden eigene Texte. Aus dem regelmäßigen Schreiben ist eine gleichnamige Anthologie hervorgegangen: Postmigrantische Störung. Dass die Kategorisierung »Migrationsliteratur« mit Problemen einhergeht, thematisiert Bryła im Vorwort. »Wir wissen, dass alles, was vor die Literatur gestellt wird, aus ihr herausfällt.« Und dass Betroffenheit stets Mitgefühl bewirke, selten Achtung. Die aber stellt sich beim Lesen schnell ein, versammelt PMS doch diverse Stimmen und vielfältigste Geschichten: »ich habe sie jeden Tag beobachtet, wie sie sich häutet / wollte auch, ich wollte es auch.« Mit ihren Beiträgen schreiben sich die Autorinnen und Autoren von ­allem frei, womit sie beschwert, beschränkt werden. Übrig bleibt schlicht: Literatur.   Linn Penelope Micklitz

Kathrin Jira und Jörg Schieke (Hg.): Doppelte Lebensführung

Kathrin Jira und Jörg Schieke (Hg.): Doppelte Lebensführung

Kathrin Jira und Jörg Schieke (Hg.): Doppelte Lebensführung. 256 S.

Was hat ein Dorf bei Hoyerswerda mit einem bei Plauen oder mit einem zwischen Leipzig und Bad Düben gemeinsam? Wahrscheinlich bleibt da nicht viel, was nicht auch auf andere Dörfer in der Bundesrepublik zutrifft, gemeinsam ist den dreien ja nicht einmal der Dialekt. Was sächsische Autoren beschäftigt, dürfte sich in ähnlicher Weise einem gemeinsamen Nenner entziehen, wofür der Band »Doppelte Lebensführung« gewissermaßen einen Beleg darstellt. Denn die dort eingangs gestellten Fragen danach, welche Themen und Anliegen Autorinnen in Sachsen haben, werden nicht mit Sachsenbezug beantwortet – zum Glück, möchte man fast sagen. Sogar die Islamisierung des Abendlandes der Besorgtbürger und Wendeerfahrungen treten in den Hintergrund. Ebenfalls zum Glück wird das Merkmal »sächsisch« nicht allzu eng definiert, wird es weder per Geburtsort zugewiesen noch über eine Mindestanzahl von Jahren, die im östlichsten aller Freistaaten zugebracht wurden. Wer angesichts der Verheißung »Neue Prosa« im Untertitel taufrische Texte erwartet hat, wird diese zwar finden, dazwischen aber so manches aus vergangenen Jahren oder Jahrzehnten. Dank all dieser Nicht-Eingelöstheiten ist ein bunter, vielstimmiger Reigen von Texten oder Textausschnitten entstanden, die zu einer Reihe von ­Betrachtungen einladen. Zum Beispiel der, dass Textgüte und Fabulierkunst nicht zwangsläufig mit fortgeschrittenem Lebensalter zusammenhängen oder diese vielleicht sogar unabhängig vom Alter sind. Denn: Die meisten der gut drei Dutzend Kurzprosatexte sind wunderbare Erzählstücke. Damit wird die Anthologie zum Sprungbrett, entweder in das Werk von großartigen Autoren wie Christian Hussel oder in Romane, die erst noch erscheinen werden, zum Beispiel von Kurt Drawert, Christine Koschmieder oder Jan Kuhlbrodt.  Franziska Reif

Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten?

Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten?

Katharina Hacker: Darf ich dir das Sie anbieten?. 112 S.

Nicht oft kommen Buchtitel so charmant-provokativ daher wie der von Katharina Hacker: »Darf ich dir das Sie anbieten?« In Kürzestform huldigt die Autorin hier der inneren Entfernung zwischen einander eigentlich vertrauten Menschen, wundert sich über die Meinungsbesessenheit unserer Zeit und preist das stilvoll Inszenierte als Gegenstück zur »authentischen« Jogginghose.  Hackers Formulierungen sind nicht gefällig, doch dadurch, dass man sich mit ihnen auseinandersetzen muss, bleiben ihre Sätze hängen. Die Autorin versteht sich auf die Leerstellen im Leben, das Nichtausfüllbare. Sie sympathisiert mit dem Nichtgelingen und schätzt auch das Mittelmaß, das neben laut verkündeten Parolen des Immer-besser-werden-Müssens oft untergeht.   Manche Sätze möchte man als Lebensbegleiter wählen: Sie sind klug, aber nicht besserwisserisch, sie sind ehrlich, aber nicht unhöflich. Müsste man nicht befürchten, missverstanden zu werden – das Buch wäre ein prima Geschenk für eine gute Freundin oder einen Freund. Andrea Kathrin Kraus

Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt

Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt

Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt. 116 S.

Lisel Mueller schreibt Gedichte voller Leben. Ihr Interesse am Zusammenspiel von Sprache und Erinnerung prägt ihre Lyrik. Darin kehrt sie immer wieder zurück zu persönlichen Erlebnissen aus ihrer Geschichte, erprobt die fließenden Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben und bedient sich der metaphorischen Ergründung von Lebensprivilegien. Soweit auch die Themen in der hier von Andreas Nohl zusammengetragenen und übersetzten zweisprachigen Ausgabe von »Briefe vom Ende der Welt«. Die ursprüngliche Hamburgerin kam nur drei Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Evansville in Illinois. Als Tochter eines Philologen, den Anfang der dreißiger Jahre kurzzeitig die Gestapo inhaftierte, lernte sie schnell Englisch. Nach dem Tod ihrer Mutter begann Mueller in dieser Sprache Gedichte zu schreiben. Aus Katharsis wurde eine mehrfach preisgekrönte Profession. Aufgrund ihrer lebensnahen Themen erschließen sich Muellers Zeilen recht schnell und doch zieht sich etwas Mystisches und Geheimnisvolles durch ihre Verse. Immer wieder thematisieren die Gedichte die Ankunft und Erlebnisse in Amerika, wo sie Neuanfang, Isolation, Liebe und Verlust erfuhr. Das Exil wurde ihr kein Gefängnis, im Gegenteil: Als Deutsche erzählt sie von einem »Besuch meines Heimatslands mit meinem amerikanischen Ehemann«, wo sie sich verwandelt, auflöst und als Amerikanerin wieder zurück in die USA reist. Eindrücke von Metamorphosen und Entfaltungen füttern die Lust am Lesen und lassen schnell den lieblosen Satz dieser Edition sowie wiederkehrende typografische Fehler vergessen.  Marcel Hartwig

Michael Roes: Herida Duro

Michael Roes: Herida Duro

Michael Roes: Herida Duro. 584 S.

Drei Erzählstränge bilden in »Herida Duro« drei Geschichten von unterschiedlicher Präsenz: In der einen wächst Herida Duro in einem albanischen Bergdorf auf, geht, als die Diktatur Enver Hoxhas beginnt, nach Tirana und schafft es schließlich, sich nach Rom abzusetzen  – als Tochter sohnlos gebliebener Eltern nennt sie sich dort Marijan und lebt, der Tradition folgend, in der sie erzogen wurde, als Mann. Für sein Privatleben interessiert sich bald nicht mehr die patriarchale Dorfgemeinschaft, sondern der Geheimdienst und dann, nach der Übersiedlung nach Italien, dessen Sittenwächter, die seine Aktfotografien anstößig finden. In der zweiten Geschichte treffen archaische Welten aufeinander. Es herrscht ebenfalls viel Düsternis, die Umwelt ist feindselig, soziale Zwänge geben Notwendigkeiten des Handelns vor, die in brutale Rücksichtslosigkeit münden. Diese beiden Erzählfäden – Marijans Leben und die archaische Welt – scheinen mitsamt den strengen Kodizes der verschiedenen Lebensräume zeitweise enger zueinanderzurücken und miteinander zu kommunizieren. Drittens schließlich wird die Jugend Jesu in das Italien der Erzählzeit transferiert, was mit so ausgezeichneten Ideen ausgestattet ist, dass dieser Teil in erster Linie großes Amüsement bereitet. Der tatsächliche Aufenthalt Marijans in Italien ist allerdings ohne viel Anlass zur Fröhlichkeit und er beobachtet alles, mal wieder, vom Rande aus. Roes erzählt dies mit viel Fantasie, Detailtreue und Sinn fürs Abgründige, macht Traum, Rausch und Realität mit üppigem Vokabular lebendig und bindet alles gekonnt zusammen. So entstehen bleibende Bilder von Albanien und Italien, von Dorf, Hauptstadt und Filmstudio. Leider steuert die Geschichte auf kein Ziel hin und findet kein rechtes Ende. Sicher ist nur: Glück ist hier nicht zu holen.  Franziska Reif

Mojca Kumerdej: Chronos erntet

Mojca Kumerdej: Chronos erntet

Mojca Kumerdej: Chronos erntet. 471 S.

Die Samenkörner der Aufklärung beginnen zu keimen, doch noch immer herrschen Aberglaube und Unwissen in Europa im späten 16. Jahrhundert. Mojca Kumerdej vertieft sich in die Geschehnisse der Dorfgemeinschaften und Städte und folgt verschiedenen Protagonisten: einem jungen Mädchen, das schwanger wird und sich gegen den Zorn seines Vaters behaupten muss; einem verträumten Stadtschreiber, der sich im Philosophieren verliert; einem Bischof und einem Grafen, die in ihrer Jugend Freunde waren und nun erbitterte Dispute über Macht, Menschheit, Religion und Gottes Existenz führen. Ebenjener Bischof zettelt schließlich einen Hexenprozess an, in dem nicht nur das sensationslüsterne Volk eine Rolle spielt, sondern auch Kräfte, die die alte Ordnung fallen sehen wollen. Die Autorin seziert in diesem, ihrem zweiten, Roman die Beweggründe und Unzulänglichkeiten der Menschen – vor allem, indem sie sie sprechen, zweifeln, begründen, grübeln, aufhetzen, abwägen und Angst haben lässt. Obwohl es sich um einen historischen Roman handelt, wird man seitenlange Schilderungen von prachtvollen Kleidern und höfischem Leben hier vergeblich suchen. Stattdessen betrachtet die Autorin Schmiede, Pfarrer, Bauern und Händler ohne den romantischen Zerrspiegel des Historismus. Besonders köstlich: Die Gespräche mit »dem Volk«, das im vielgesichtigen Plural des Misstrauens und der Ahnungslosigkeit vor sich hin plappert und gegen alles hetzt, was ihm neu und fremd vorkommt. Kumerdej zeigt Menschen, die die Schuld an ihrem eigenen Unglück stets anderen in die Schuhe schieben und verleumden, was das Zeug hält – und dass die Taktik der Ausgrenzung bis jetzt dieselbe geblieben ist. Alexandra Huth

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links. 184 S.

Was ist eigentlich Heimat? In Helena Adlers Debütroman scheint die Antwort ganz klar: Heimat ist ein Ort, irgendwo zwischen Märchen und Albtraum, den es auszuradieren gilt. Ein paradoxer Ort auf der oberösterreichischen Alm, der gleichzeitig ein Gefühl von Geborgenheit und Angststörung hervorruft. Die titelgebende Infantin erlebt ihr Umfeld als eine Mischung aus Märchen- und Horrorwesen: Der Vater ist ein esoterischer, alkoholkranker Grizzly, die Mutter ein katholischer, nervenkranker Greifvogel und die beiden älteren Zwillingsschwestern wahlweise unbarmherzige Eisprinzessinnen oder blutrünstige Harpyien. Die Wahrnehmung schwingt dabei so lange zwischen stumpfer, oft romantischer Provinzrealität und der Flucht in die kindliche Fantasie, bis sich beide untrennbar vermischen. Helena Adlers Sprache wird getragen von bildreichen Assoziationen, erschöpft sich aber manchmal in einfachen Anspielungen auf Pop- und Kunstgeschichte. Die Stärke des Buches liegt auf der Seite des Märchens, beispielsweise wenn die Zwillingsschwestern der Infantin von Wurzelkobolden erzählen, die ihr den Atem stehlen wollen, so dass sie sich aufgeblasene Luftballons unters Bett legt – als Notration. Auf der Suche nach einer Bedeutung des ganzen Heimatleidens gleitet Helena Adler schnell in platte Pointen ab: »Wir spannen die Schnüre des Lebens, als wären es lose Fäden.« Der Roman ist in seiner Gewalt und Rigorosität ein einziger Heimatexorzismus. Alle Brücken sollen, wie die elterliche Scheune, verbrannt werden. Doch aus der Asche erhebt sich nichts, der Roman hinterlässt eine Lücke – irgendwo zwischen Märchenkindheit und Punkpubertät klafft ein Widerspruch, der ohne Heimatgefühl durch nichts gekittet wird. Die Frage bleibt unbeantwortet. Marcus Eyck Wendt

Maren Kames: Luna Luna

Maren Kames: Luna Luna

Maren Kames: Luna Luna. 110 S.

In die seidig glänzende Nacht einsteigen: Der Mond die Diskokugel, Fetzen von Musik dringen ans Ohr, die Sterne funkeln wie Glitter – eine lyrische Erzählung beginnt; »das wird super«. Die Dichterin Maren Kames hat auf mehr als einhundert schwarzen Seiten einen Monolog in die Dunkelheit entlassen und liefert dazu gleich noch ein selbst zusammengestelltes Mixtape, dessen Songtexte frei assoziierend weiterentwickelt und verfremdet werden. Frei übersetzt werden wir hier vielleicht Zeugen eines Treffens zwischen zwei Menschen, die sich schon kennen, aber noch nicht ehrlich zueinander waren, oder aber von zweien, die sich zum ersten Mal begegnen. Nähe kann es nur geben, wenn alle aufrichtig sind; so ­beginnt das Geständnis: »circa in der mitte / bin ich entzweigebrochen / und nicht wieder heil geworden.« Der Wille zum großen Gefühl ist dennoch da (»und wenn’s mich verletzt, verletzt es mich, […] aber ich lasse es rein«). So was muss man auch als lyrisches Ich erst mal zugeben können.   Es wird die Form des Mondes nachgeahmt, im Sprechen ein Kreis gezogen von der Geburt, von der Mutter, hin zum Krieg: »das ist die umbildung, subkutan, zum projektil.« Selbst der Himmel liefert da keine Fixpunkte mehr, »der mond ist runtergefallen, / runtergegangen, / und der regen auf den feldweg, / und es stimmt, / zu finden ist hier nichts mehr, / es ist staub«. Der Abschied steht bevor, die Nacht hat ihre Verheißungen nicht einlösen können.   Linn Penelope Micklitz

Luca Ventura: Mitten im August

Luca Ventura: Mitten im August

Luca Ventura: Mitten im August. 336 S.

Jede Krimiserie steht und fällt mit ihrem Personal sowie einem möglichst stimmungsvollen Ort, an dem ebendieses ermittelt. Der jeweilige Mordfall gerät da zur Nebensache – zumindest wenn der Rest stimmt. Nun also Capri. Ein Autor mit dem Pseudonym Luca Ventura schickt auf der italienischen Insel einen neuen Ermittler in die Krimiwelt: Enrico Rizzi – Anfang dreißig, getrennt lebend, einen früh verstorbenen Sohn betrauernd und wieder bei den als Bauern arbeitenden Eltern lebend. Ziemlich viel emotionaler Ballast, könnte man meinen, doch so viel bekommt der Leser davon gar nicht mit. Auch der Kummer von Rizzis mitermittelnder, nach Capri strafversetzte Kollegin Antonia Cirillo bleibt im ersten Band der neuen Serie nur angedeutet. Der Fall? Ach so: Jack Milani, Sohn aus wohlhabendem Hause, wird in einem Boot erstochen aufgefunden. Seine Freundin ist verschwunden. Beide haben Ozeanologie studiert, mit dem Ziel, die Meere zu retten. Ein klassischer Whodunit-Plot, angereichert mit dem aktuellen Thema Umweltzerstörung. Capri als Kulisse macht sich gut, wartet wenig überraschend mit viel Sonne, Meer und köstlich-schlichten Mahlzeiten auf. Rizzi kurvt mit dem Motorroller herum und macht beruflich bedingte Abstecher nach Neapel. Die beiden Ermittler gehen sich gegenseitig auf die Nerven, doch das Gezicke hält sich in erträglichen Grenzen.  Klingt alles nur so mäßig begeistert? Stimmt. Es spricht natürlich nichts dagegen, sich mit »Mitten im August« für ein paar erholsame Stunden auf die Couch zu legen und danach Urlaubspläne zu schmieden. Und natürlich muss ein Krimiautor nicht das Genre neu erfinden. Es überrascht dann allerdings doch, dass Ventura offenbar gar keine Ambitionen hat, mit seiner Rizzi-Reihe dem Bestehenden eine neue Facette hinzuzufügen.   Andrea Kathrin Kraus

Thomas Ziebula: Der Rote Judas

Thomas Ziebula: Der Rote Judas

Thomas Ziebula: Der Rote Judas. 479 S.

Paul Stainer, ehemaliger Major und vor dem Krieg Kriminalkommissar, kehrt nach französischer Gefangenschaft zurück nach Leipzig. Er muss feststellen, dass seine Frau inzwischen einen anderen hat und er nicht mehr willkommen ist. Die Stadt ist voller Kriegsheimkehrer: überall seelische und ­körperliche Krüppel, sie betteln, musizieren oder verkaufen Krimskrams. Der Versailler Vertrag und die geforderte Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher an die Alliierten bilden den Hintergrund für die »Operation Judas« gegen alle linken und progressiven Kräfte. Stainer, SPD-Mitglied, fängt wieder bei der Polizei an und ermittelt in mehreren mysteriösen Morden. Er kämpft nicht nur gegen die Mörder und die nationalistischen Drahtzieher im Hintergrund, sondern auch gegen seine Erinnerungen, seine teilweise Amnesie und sein Zittern. Der Feind ist allgegenwärtig – sogar in der Polizei. Thomas Ziebula gelingt es, die Spannung mit mehreren Erzählsträngen langsam zu steigern. Scheinbar zusammenhanglose Details verbinden sich, immer wieder tauchen die gleichen, vermeintlich unbeteiligten Personen auf. Ein Netzwerk alter Soldaten weckt bei Stainer böse Erinnerungen an das sinnlose Sterben in den Schützengräben.  Die kurzen Kapitel enden zumeist mit einem Cliffhanger – man will wissen: Wie geht es weiter? Doch dann springt die Geschichte in einen anderen Erzählstrang mit anderen Charakteren. Kontinuierlich wird aber klar, wie die Ereignisse und die Personen verflochten sind. Die Brutalität der Mörder – ihrerseits auch Kriegsversehrte – wirkt bedrückend. Mit einem dramatischen Eklat endet der Roman aber versöhnlich.  Joachim Schwend

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin. 240 S.

Ab drei Morden gilt man als Serienmörder. Das ergibt eine schnelle Internetrecherche und offenbart Korede, dass ihre Schwester Ayoola nun eine Schwerverbrecherin ist. Beim ersten Mord war sie gerade einmal siebzehn und stark verängstigt. Inzwischen laufen die Taten routiniert ab. Wer wen vorher provoziert, lässt sich nicht immer mit Gewissheit sagen. Fest steht: Ayoola geht als Siegerin aus den Auseinandersetzungen hervor. Und ihre Schwester Korede, Krankenschwester von Beruf, muss anrücken, um die Spuren zu beseitigen. Oyinkan Braithwaites Debütroman liest sich wie ein Thriller, ist aber weit mehr als das. Er ist auch eine anschauliche Studie über die Entstehung von Gewalt. Denn das Messer, mit dem Ayoola regelmäßig zu ihren Geliebten fährt, stammt von ihrem jähzornigen Vater. In Rückblenden wird erzählt, wie dessen Wutausbrüche beide Schwestern geprägt haben. Die Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine ist attraktiv und einfallsreich. Die andere eher unscheinbar und fleißig – immerhin bringt sie es bis zur Oberschwester. Ihre Beziehung zeichnet sich durch einen starken Familiensinn aus, in den sich aber auch Missgunst und Neid mischen.  Das Durchsetzungsvermögen von Ayoola und Korede lässt sich als Kommentar auf die MeToo-Debatte lesen. Denn das, was die beiden Schwestern betreiben, stellt einen Akt der Selbstermächtigung dar. Vor allem Ayoola kämpft mit den Waffen der Frau – und notfalls mit der Klinge. Wirklich stark sind beide, wie sie im Laufe der Handlung erkennen, nur gemeinsam. Oyinkan Braithwaite hat ein rasantes und zuweilen bitterböses Debüt geschrieben. Vermutlich eines der stärksten der letzten Jahre. Es lehrt, dass Blut dicker ist als Wasser – und sich sein Geruch mit Bleiche überdecken lässt. Im Fall der Fälle.   Tino Dallmann

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint. 480 S.

Unter dem Aufstieg und Fall einer ganzen Familie macht es Eva Sichelschmidt nicht. Dieses Mal sind gleich drei Generationen einer Familie am Fallen. Aber zunächst dürfen sie aufsteigen, im Nachkriegsdeutschland, im Fantasieort Schwelte, am Rand des Ruhrgebiets. Im Zentrum stehen die Rautenbergs. Inga, eine Arzttochter, heiratet sich in die durch Dressurreiten reich gewordene Familie ein. Ihr Mann Wilhelm, ein verkappter Homosexueller, hat mit Inga zwei Töchter. Nur wenige Zeit nach der zweiten Geburt stirbt Inga an Leukämie. Danach geht es bergab, und zwar alles. Wie bereits in ihrem Debüt stellt ­Sichelschmidt dem das Panorama zwischenmenschlicher Tragödien liefernden, allwissenden Erzähler eine Innensicht zur Seite. Diese zweite Stimme gehört Suse, der jüngsten Tochter, die zunächst bei ihren Großeltern aufwächst. Ohnehin beschreibt die Autorin wieder das, was sie kennt, denn geboren und aufgewachsen ist auch sie im eher ­grünen Teil des Ruhrgebiets. Der Geist der Freikirchen ist dort stark. Die dadurch geschnürte Lebenskorsage und Skandalisierungssucht kann sich gut mit der einer jeden Telenovela messen. Entsprechend klischeebehaftet sind auch die Figuren dieses Romans, treffen dabei aber tatsächlich einen passenden Querschnitt durch die Ruhrauen. Einem hohen Vorhersagbarkeitswert zum Trotz liest sich Sichelschmidts mit spitzem Ton geschriebene und vor Retromanie platzende, westdeutsche Zeitreise stets wie ein berauschender Sturm im Wasserglas, von dem keiner seinen Blick zu lösen vermag.   Marcel Hartwig

Verena Güntner: Power

Verena Güntner: Power

Verena Güntner: Power. 250 S.

Kerze stellt sich jedem in den Weg, der den Dorfsupermarkt betreten möchte. Das Mädchen will sehen, wer von den Kunden kleine Augen hat. Denn die verraten einen bösen Menschen. Einen Menschen, der einen Hund klaut. Kerze will Power finden, den vermissten schwarz-weiß gescheckten Hund einer betagten Dorfbewohnerin. Und wenn sich Kerze einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht sie es durch. Diese Willensstärke macht Eindruck auf die anderen Kinder im Dorf. Bald schließen sie sich zusammen und suchen gemeinsam.  So weit, so realistisch. Doch dann beginnen die Kinder, sich zu verwandeln. Sie bellen, laufen auf allen Vieren und verschwinden im Wald. Man kann diese Rudelbildung als Revolte der Empathie lesen. Schließlich wollen die Kinder der älteren Hundebesitzerin helfen. Sie übertreiben es nur damit, sich in den vermissten Hund einzufühlen. Vieles erinnert dabei an William Goldings Roman »Herr der Fliegen«. Beide Bücher beschreiben, wie schnell die Errungenschaften der Zivilisation in Gefahr geraten können. Und sie fragen, was eine Gemeinschaft ausmacht und zusammenhält. »Power« ist zweifelsohne aktuell, findet aber seine erzählerische Mitte nicht ganz. Die allegorisch anmutenden Passagen, die von den Kindern und ihrer Suche nach Power berichten, sind durchweg mitreißend. Jene realistischen und oft nüchternen Abschnitte, die sich den zurückgebliebenen Dorfbewohnern widmen, fallen dagegen stark ab. Dadurch bleibt der Roman, der gerade am Beispiel der durchsetzungsstarken Kerze von Macht und deren Verführbarkeit erzählt, hinter seinen Möglichkeiten zurück. Und büßt selbst an Verführungskraft ein.  Tino Dallmann

Dietmar Krug: Von der Buntheit der Krähen

Dietmar Krug: Von der Buntheit der Krähen

Dietmar Krug: Von der Buntheit der Krähen. 402 S.

Karl und Thomas sind um die Fünfzig, als sie unabhängig voneinander in das Dorf heimkehren, in dem sie einst aufwuchsen. Beide waren damals Außenseiter und sie sind es heute noch: Während Karl den alten Hof der Großeltern wieder bezieht und nun seine Transsexualität offen zu zeigen wagt, treibt Musikkritiker Thomas haltlos durch sein Leben, allen ein Fremder, auch sich selbst. Die Dorfbewohner verhalten sich ihnen gegenüber misstrauisch bis feindselig. Doch es gibt Ausnahmen: zwei junge Mädchen und Thomas’ Jugendliebe Karin suchen den Kontakt. Und auch die beiden Männer finden zu alter Komplizenschaft zurück. Dietmar Krug lässt eine konservative Dorfgemeinschaft auf Lebensentwürfe stoßen, die mit ihrer unfreiwilligen Sperrigkeit aus dem eng gesteckten Rahmen fallen. Er beschreibt die Innenwelten seiner beiden Protagonisten unaufgeregt, spürt sensibel und immer sinnlich ihren Verletzungen nach. Da bleiben einige Kindheitstraumata unausgesprochen, andere finden endlich Gehör. Wunden können sich schließen, Kraft für Neues wächst aus einer sich unerwartet bildenden kleinen Gemeinschaft von Erwachsenen, Kindern und Tieren. Krug zeigt das Außenseitertum nicht heroisch oder selbstgewählt – sondern als Folge äußerer Eingriffe ins Leben, die sich das Individuum nicht ausgesucht hat. Zur schmerzhaften Versehrtheit und der Scham über erlebte Gewalt gesellt sich die Ausgrenzung. Die Charaktere sind glaubwürdig gezeichnet, ungeschönt und doch berührend. Die Figurenzeichnung der engstirnigen Dorfbewohner hätte vielleicht etwas ambivalenter ausfallen können, andererseits beweist die Realität ja oft genug, dass sich mancher lieber an seinem Brett vorm Kopf festhält, als den Blick schweifen zu lassen.  Andrea Kathrin Kraus