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Rezensionen

Janice P. Nimura

Janice P. Nimura

Die Blackwell-Schwestern. Wie die ersten Ärztinnen der USA die Frauen in die Medizin brachten. Aus dem amerikanischen Englisch von Katrin Harlaß. München: Nagel & Kimche 2021. 463 S., 26 €

Janice P. Nimura.

Heute erinnert in Manhattan nur eine kleine Gedenktafel an die Sensation, die sich dort 1857 ereignete: Elizabeth und Emily Blackwell eröffneten das erste von Frauen geleitete und ausschließlich mit weiblichem Personal besetzte Krankenhaus für Frauen. Elizabeth hatte 1849 als erste Frau in den USA den Abschluss in Medizin erhalten, Emily es ihr 1854 gleichgetan. Janice P. Nimura zeichnet die Lebenswege der Schwestern en détail nach. Sie zeigt, mit welchen Widrigkeiten beruflich ambitionierte Frauen im 19. Jahrhundert konfrontiert waren, erlaubt Einblicke in das medizinische Establishment und macht daraus spannende Lektüre. In einer chronologischen Nacherzählung, ergänzt durch Briefe, arbeitet Nimura die Überzeugungen und Ängste der Vorreiterinnen heraus. Heraus sticht die Erkenntnis, dass die Blackwell-Schwestern keineswegs daran interessiert waren, die Frauenbewegung als solche voranzubringen. Es ging ihnen nicht um Gleichberechtigung. Für Elizabeth war Medizin eher Mittel zum Zweck. Sie glaubte, dass jedes menschliche Wesen danach streben sollte, nach seinen Möglichkeiten den besten Dienst an Gott zu tun. Als Hausweibchen hinter dem eigenen intellektuellen Potenzial zurückzubleiben, kam also für sie nicht in Frage. Ebenso wenig der Besuch eines Frauencolleges. Die Schwestern setzten sich unermüdlich dafür ein, dass Frauen eine ebenso fundierte medizinische Ausbildung zuteilwerden konnte wie Männern. Durch ihren lebenslangen Einsatz wurden sie von ambitionierten jungen Frauen zu öffentlichen Personen, die bedeutenden Anteil daran hatten, dass der Bereich der medizinischen Ausbildung für Frauen weitgehend geöffnet wurde. Nele Thiemann

Susanne Kerckhoff

Susanne Kerckhoff

Die verlorenen Stürme. Berlin: Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2021. 232 S., 22 €

Susanne Kerckhoff.

Wie die Nazis aufhalten? Was soll auf unserm Flugblatt stehen? Warum versagen die Eltern? Ist das Bürgertum schuld oder die SPD? Das sind Fragen, die links fühlende 17-Jährige vor und nach der Katastrophe stellen. Eine Klasse von Berliner Primanerinnen und ihre Freunde durchleben »Die verlorenen Stürme« von Susanne Kerckhoff – 1947 erschienen und in der Neuausgabe als »Widerstandsroman« aus jugendlicher Perspektive gelobt. Freilich, der Widerstand beschränkt sich auf Plakatieren im Wahlkampf, ein Scharmützel mit SA-Burschen und Renitenz gegen völkischen Unrat in der Schule. Wichtiger sind die nervösen Debatten der jungen Aktivisten und Aktivistinnen, glatt sortiert von Kommunistin bis Liberaldemokrat. Sie sehen Tod und Verderben kommen, klagen Mitläufer und Gleichgültige an. Die schlechteste (und interessanteste) Figur macht ein Erfolgsschriftsteller, der Parteien und Engagement verabscheut; sein Eskapismus wird am Ende gegeißelt. Das besorgt die Tochter des Autors in der Einsicht, dass Jugend sich radikalisieren muss, damit nicht nur die Rechte radikal ist. Die arglose Schwärmerin Marete wird zur überzeugten Sozialistin. Revolutionäre Arbeitslose und Künstler, Marx-Lektüre, Tucholsky-Lieder stählen ihren Idealismus. Bezeichnend die Szene, in der das vom Vater verbannte Mädchen von einer Tante trotzig den Kauf der »Weltbühne« verlangt – ausgeschlossen für eine gutbürgerliche Familie. So erwartbar sind alle Markierungen in der mit 25 leeren Seiten gestreckten Ausgrabung, die nicht spart an Ausrufezeichen, Pathos und Melodram. Die Dürftigkeit der literarischen Gestaltung ist wohl auch zeittypisch, ebenso das einheitsparteiliche Mantra (»wir mit unseren blauen Hemden«) vom Aufbau des neuen Deutschland. Solche Mode hat sich erledigt. Der ganze expressionistisch behauchte Bildungsroman ist schlecht gealtert. Sven Crefeld

Joris-Karl Huysmans

Joris-Karl Huysmans

Die Schwestern Vatard. Aus dem Französischen von Gernot Krämer. Berlin: Friedenauer Presse 2021. 269 S., 20 €

Joris-Karl Huysmans.

Allein schon, wie er einen Starkregen toben lässt; wie er das Rangieren von Lokomotiven als höllisches Spektakel inszeniert; wie er seitenlang den Nippes der »Ramschreligion« oder die Ödnis von Familienfotos besichtigt; wie er ein Parfüm als »Kräutersoße« verspottet; und wie oft die Peitsche des Semikolons knallt, sein bevorzugtes Satzzeichen. Großartige, kompromisslose Literatur von 1879: Bei diesem Huysmans gerät man aus dem Häuschen. Alles an seinem Zweitling »Die Schwestern Vatard« ist zu feiern. Zunächst die Entdeckung, dass jener Roman aus Zolas Schule endlich auf Deutsch zu haben ist. Sodann die Schönheit der Broschur, die gepfefferte Übersetzung, das elegante Nachwort, der fingierte Artikel, mit dem Huysmans sich selbst porträtierte (und kritisierte). Ein Like noch für seinen Satz: »Einem Mann aus Leipzig werde ich mich immer näher fühlen als einem aus Marseille.« Das Buch folgt dem Programm des Naturalismus, indem es proletarisches Leben ohne sittsame Schonung zeigt, Schockwörter inklusive. Zwei junge Frauen der Pariser Unterschicht tragen die Handlung, ihre Triebe und Träume sind eng umrissen. Sie arbeiten in einer Buchbinderei, die ein faszinierender Mikrokosmos ist; Céline sucht nebenher Amüsement und Liebschaften, Désirée wartet auf kleinbürgerliches Glück. Überhaupt wird viel auf Männer und ihre Entschlüsse gewartet, es regnet ständig, Alkohol fließt reichlich. Selten Trost geben schäbige Kaschemmen und Stundenhotels, eine Kirmes und billige Varieté-Theater. Solchen 08/15-Stoff wandelte Huysmans mit ätzendem Sarkasmus zum grellen Milieubild, das seine Gabe des malerischen Blicks beweist. Erst 2019 fand er mit der »Pleïade«-Ausgabe zur Kanon-Ehre in Frankreich; nun stellen ihn auch die »Schwestern« ins beste Licht. Sven Crefeld

Volker Reinhardt

Volker Reinhardt

Voltaire. Die Abenteuer der Freiheit. Eine Biographie. München: C. H. Beck 2022. 608 S., 32 €

Volker Reinhardt.

Wie kein anderer Philosoph und Schriftsteller steht François-Marie Arouet (1694–1778), der sich Voltaire nannte, für die Aufklärung. Auch die Deutschen haben ihn bewundert und verehrt – obwohl uns der Typus des Intellektuellen, den er verkörpert, im Grunde fremd, sogar suspekt ist. Denn im Gegensatz zu seinen deutschen Kollegen philosophierte Voltaire nicht einsam in einer Dachkammer vor sich hin, Monsieur wohnte in Schlössern, liebte kluge Frauen und vermehrte seinen Reichtum durch riskante Finanzgeschäfte. Seine Feinde bekämpfte er unerbittlich und mit allen Mitteln. Aber wenn es sein musste, machte er seinen Kotau vor Staatsmacht und Kirche. Anders als Kant, Fichte, Hegel hat Voltaire kein eigenes philosophisches System geschaffen, dafür zwei Versepen, fünf Geschichtswerke, fast fünfzig Theaterstücke; dazu kommen unzählige Briefe und Kampfschriften. Seine Arbeitskraft war ebenso unermesslich wie sein Ehrgeiz und seine Egozentrik. Wer sein erstaunliches Leben und Werk näher kennenlernen möchte, findet in Volker Reinhardts gut lesbarer Biografie, was sie oder er braucht, zumindest fürs Erste. Sagen wir so: Wir erfahren zwar vieles, zum Beispiel, was sich in all den Dramen und Novellen abspielt, aber letztlich nicht so viel. Wie hat es Voltaire eigentlich geschafft, zu einer intellektuellen Weltmacht zu werden? Wie funktionierte sein europaweites Netzwerk, das es ihm ermöglichte, diese Macht auszuüben? Das hätten wir gerne genauer gewusst. Was soll’s, auf alle Fälle macht Reinhardt Lust auf mehr: nämlich Voltaires Werke selbst zu lesen. Und das ist weiß Gott nicht das Schlechteste, was sich über eine Biografie sagen lässt. Olaf Schmidt

Markus Thielemann

Markus Thielemann

Zwischen den Kiefern. Greifswald: Katapult 2021. 304 S., 20 €

Markus Thielemann.

Kasimir, der halbgare Nihilist, ist beseelt vom Hass auf alles Zivilisatorische. Seine jugendliche Tochter Mia kennt die Welt nur über ihren Vater, der ihr ein unerbittlicher Erzieher war. »Kasimir tat ständig Dinge, die sie nicht verstand.« Die letzten zehn Jahre verbrachten die beiden isoliert vom Treiben der Menschen in der »Wildnis«. Wenn sie nicht in seinem Sinn agierte, sperrte er sie in eine Holzkiste. Plötzlich entdeckt Mia (aufgewachsen ohne Mutter) den friedlich schlummernden Sören (aufgewachsen ohne Vater) im Wald. Besonders seine Ohrläppchen haben es ihr im weiteren Verlauf des Romans angetan. Sören ist frisch entkommen aus den liebevollen Fängen seiner künstlernden Mutter. Nach einigen Prüfungen auf Herz und Nieren wird Sören Mitglied der zweiköpfigen Familie, die dem Terror der Zivilisation mittels rabiater Tierbefreiung, Abfackeln von Getreide und Ähnlichem die Harke zeigt. Den Kopf voller Schwurblerquark, wird Mias Vater schnell Sörens persönlicher Mephisto. Obgleich alles im Wendland der Gegenwart spielt, scheinen manche Ereignisse ordentlich an den Haaren herbeigezogen. Alles scheint einzig auf den großen Showdown hin ausgelegt. Dass eine Kleinfamilie viele Jahre im Wald und auf der Heide ungestört ihr Unwesen treiben kann, ist unwahrscheinlich: Wo sind die Bullen mit ihren Wärmebildkameras, wenn man sie braucht? Vielleicht hat ja die Lesegeneration Greta/Luisa ihren Spaß daran. Oder ist es ein Fall von Schreibschulenfluch, der für die Mätzchen im Roman (krude Botschaften englischsprachiger Internettrolle, getollschocktes Erzählen und filmähnliches Finale) erantwortlich zeichnet? Ein komisches Buch, zu viele formale Schlenker und eine Story, die im brasilianischen Regenwald funktionieren könnte, nicht jedoch in der Kulturlandschaft des Wendlands. Frank Willmann

Lucy Fricke

Lucy Fricke

Die Diplomatin. Berlin: Claassen 2022. 254 S., 22 €

Lucy Fricke.

Fred ist seit 20 Jahren Diplomatin, sehr erfahren, trotzdem fällt es ihr schwer, den Tag der Deutschen Einheit auszurichten: erst in Montevideo, dann in der Türkei. Während der Vorbereitungen wird im sicheren Uruguay die Tochter von prominenter Presse-Elite entführt. Fred kümmert sich, dennoch wird ihr Verhalten als mangelhaft eingestuft. Es folgt die Versetzung in die Türkei. Auch hier kümmert sich das Personal um ihre emotionalen Lagen und Bedürfnisse, mittels Steaks, Granatapfelsaft und treffenden Worten. Denn Fred reist nunmehr ohne MAP, den »man at the pool«. Hier wird sie der Unmenschlichkeit und Duldsamkeit ihrer eigenen und der türkischen Regierung gewahr. Beide lassen Unschuldige verhaften. Eine aktivistische Künstlerin und ihr Sohn sind diejenigen, die Freds diplomatisches Geschick herausfordern, auch der Journalist, der in Montevideo ihre Karriere hätte zu Fall bringen können, bedarf Freds Verstand und Armen. Am Ende werden überzeugend Regeln gebrochen und Systeme ausgehebelt, weil eine ihre Macht für die Gerechtigkeit zu nutzen weiß. Frickes Sprache ist nah an den Figuren. Wie bereits in »Takeshis Haut« dringt Fricke in eine Berufswelt in all ihrer Komplexität und ihren Verantwortlichkeiten ein. Wie bereits in ihren vier vorhergehenden Romanen schreibt Fricke über Klasse: Sie spürt deren Einschreibungen in Körper, Verhalten und Gedankenwelt auf und schreibt sie als selbstverständlichen Anteil ihrer Figurenwelten und -konstellationen. Fricke ist ein politisch wichtiges und eindringliches Buch gelungen, das aufzeigt, dass Regeln genutzt und umspielt werden können. Suse Schröder

Katharina Bendixen

Katharina Bendixen

Taras Augen. München: Mixtvision 2022. 384 S., 17 €

Katharina Bendixen.

Die Leipziger Autorin Katharina Bendixen hat einen gesellschaftskritischen Jugendroman veröffentlicht, der in den Verwirrungen zwischen zwei Teenagern eine mitreißende Geschichte über Freundschaft und Liebe, Angst und Vertrauen, Scham und Eskapismus, Herrschaft und Widerstand entfaltet. Zusammen aufgewachsen, hatten sie schon immer eine besondere Beziehung zueinander, als Alun aus Missverständnis und Eifersucht Tara zutiefst kränkte und der Kontakt abbrach, bevor ihre Liebe richtig aufgehen konnte, weil ein Chemiewerk in der Nähe explodierte und die beiden Nachbarn trennte. Seitdem lebt Alun in einer Großtstadt und schämt sich für das, was er Tara angetan hat. Während er in Gedanken an sie Streetartfliesen mit ihren Augen klebt, liefert er sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem totalitären Überwachungssystem. »Verschwinden kann jeder, der vom Verschwinden redet, und die Securities, die dieses Verschwinden organisieren, sitzen drei Schritte von mir entfernt. Aber wissen diese Securities überhaupt, was in der Gelben Zone abgeht?« Weil das Ausmaß des GAUs vertuscht wird und finanzielle Not ihre Familie dazu zwang, ist Tara »freiwillig« zu ihrem alten Zuhause in die »Gelbe Zone« zurückgekehrt. Während sie schwer an der kontaminierten Umwelt erkrankt, beginnt sie Alun zu verzeihen. Die zärtliche Wiederannäherung der beiden wird durch die geschickte Montage wechselnder Perspektiven mit Cliffhangern, räumlichen Sprüngen und elliptischen Auslassungen durchweg spannend erzählt. Ihr feines Gespür für Charaktere stellt Bendixen dabei ebenso in der Zeichnung der Freunde unter Beweis, an deren Seite das getrennte Paar dramatische Entwicklungen durchlebt. »Taras Augen« ist jedoch nicht zuletzt deshalb ein großes und wichtiges Jugendbuch, weil es sehr anschaulich das Dystopische in unserer realen Gegenwart aufzeigt und somit zum kritischen Denken anregt. Thorsten Bürgermann

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner

doggerland. München: Penguin Verlag 2021. 182 S., 38 €

Ulrike Draesner.

Ein paar Jahre ist es her, da war dort, wo heute die niederländischen Boote in der Nordsee nach Kabeljau fischen, noch gar keine Nordsee. Da tummelten sich Urmenschen und Mammuts, Säbelzahntiger und ihr Scheiß und Gestank auf trockenen Böden, zwischen Wäldern, Höhlen und Schluchten. Und dann wurde es kalt, und dann warm. Und dann kam irgendwann die Flut. Und dann, noch etwas später – ein Wimpernschlag in der Geschichte – kommt die gebürtige Münchnerin Ulrike Draesner auf die Idee, den erdgeschichtlichen Unwahrscheinlichkeiten, die unserer Gegenwart vorausgingen, ein Denkmal zu setzen. Nicht so sehr die steinzeitliche Nordsee als vielmehr die sie besiedelnden Organismen macht die Autorin zum Schauplatz ihrer lyrischen Erkundungen. Draesner begleitet ihre fernen Vorfahren in diesem »Langgedicht« (so nennt sie es selbst) auf dem Weg zum ersten Werkzeug, zur Sprache. Begleitet sie zur Jagd und beim allmählichen Verlernen tierischer Instinkte, bei der Geburt ihres Nachwuchses. Flankiert wird diese Mammutaufgabe von einer etymologischen Spielfreude und Präzision. Phonetische, semantische Bezüge zwischen der deutschen und der englischen Sprache schimmern an den Seitenrändern und inmitten der Zeilen, kursiv und in Klammern. Assoziativ, originell und trotzdem jederzeit nachvollziehbar ist dieses Buch geraten. Fast beiläufig dekonstruiert sie zusätzlich die allzu gängige Mär vom naturgemäß jagen den Mann, dem die archaische teigknetende Hausfrau gegenübersteht. Dagegen die »doggerland«-Frauen: »Waren sie es, die begannen, Tiere zu zähmen?« Die Sprache jedenfalls bleibt hier ungezähmt oder wird überhaupt erst ausgewildert. Jonas Galm

Dominika Słowik

Dominika Słowik

Tal der Wunder – Der Esoteriker, die Genossin und der Arsch im Heiligenschein. Aus dem Polnischen von Alexandra Tobor. Greifswald: Katapult 2022. 480 S., 26 €

Dominika Słowik.

Zuckrowka heißt die kleine Stadt in einem Tal irgendwo in Polen. Das war es auch schon mit den Orientierungshilfen, denn Dominika Słowik spielt mit uns. Munter springen die Kapitel ihres zweiten Romans durch die Jahrzehnte, Zeitangaben lauten vage: »Kurz vor Neujahr begannen in unserer Stadt nachts geheimnisvolle Spuren im Schnee aufzutauchen.« Die jugendliche Ich-Erzählerin lebt in der Villa ihrer Großmutter, einer Ex-Genossin, die sich nach Amerika abgesetzt hat und alle paar Jahre mal anruft. Die Mutter schreibt an einer geheimnisvollen Arbeit, der Vater sitzt auf dem heimischen Sofa und schaut Tier-Dokus, seine Nachwendejobs als Hellseher und Wünschelrutengänger sind nicht mehr gefragt. Als im Schnee Spuren auftauchen und die siebzehnjährige Magda nachts auf den Dächern der Stadt unbekleidet zu singen beginnt, entblättert sich im Rückblick die antagonistische Entwicklung Zuckrowkas. Genossin Saretzka, die Großmutter unserer Erzählerin, agierte als Herrscherin über den Ort (zum Beispiel setzte sie die Errichtung eines Keramikwerkes durch) gegen den Priester, der ihr mit Mitteln des Glaubens (Wundererscheinungen) gegenübertrat. Die »kleine Saretzka« und ihre Freunde Micha und Hans stolpern in der Jetztzeit als Hilfsdetektive durch die Ereignisse. Als am Himmel über Zuckrowka der Arsch im Heiligenschein steht, Werwolf-Gerüchte kursieren und ein toter Journalist aus dem Waldtümpel gefischt wird, kulminieren die Geschehnisse. Der Leserin bleibt das Lachen im Halse stecken, so sezierend schaut Dominika Słowik auf das wunderharrende postkommunistische Leben ihrer Mitmenschen. Überbordend, witzig, liebevoll zu ihren Protagonisten und spannend bis zur letzten Zeile – ein Meisterwerk! Anne Hahn

Nino Haratischwili

Nino Haratischwili

Das mangelnde Licht. Roman. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt 2022. 832 S., 34 €

Nino Haratischwili.

Fotografien, die schmerzhafte Erinnerungen wachrufen, bilden das Gerüst des neuen Romans von Nino Haratischwili. Die Ich-Erzählerin Keto nimmt die Leser während eines Ausstellungsbesuchs mit in ihre georgische Vergangenheit, die von Fremdbestimmung und dem Gefühl des Ausgeliefertseins geprägt ist. Mit ihrem Blick auf die Fotografien geht sie von Wand zu Wand zurück zu ihrer langjährigen, engen Freundschaft mit den drei Frauen Ira, Nene und Dina. Letztere hat das Leben der vier fotografisch festgehalten. Beim Lesen der Fotografie-Beschreibungen kommen Assoziationen zur Bildsprache der georgischen Fotografin Dina Oganova auf – gelegentlich auch zu Susan Meiselas Fotoserie »Prince Street Girls«, nur wachsen die Mädchen in Haratischwilis Roman nicht im New York der 1970er auf, sondern in Tiflis während der Perestroika, wo sie mit dem postsowjetischen Chaos in ihrem Heimatland konfrontiert werden. Machtkämpfe, Bandenkriege und Selbstjustiz bestimmen den Alltag der dort lebenden Familien. Stereotype Männerrollen führen das patriarchale Reglement dieser Welt. Frauen werden wie Trophäen gehandelt und Haratischwili zeigt anhand der vier im Zentrum stehenden Freundinnen unterschiedliche Reaktionen auf die Mechanismen dieser Unterdrückung. Leider wird das Potenzial der Figuren in dem Roman sprachlich erdrückt. Keine Geste, keine Regung darf für sich stehen und Raum für Interpretationen lassen. Viele Szenen wirken theatralisch übertrieben, aufgetakelt oder auch »pudrig« (um es mit einem Lieblingswort der Autorin auszudrücken) und gleiten so ins klischeehaft Überfrachtete ab. Starke Gefühle wie Verzweiflung, Wut und Hingabe werden in dicke Wortwolken gepackt, die sich über den Lesern entladen. Wenn der Regen nicht so dicht fallen würde, könnte man sich zwischen den Tropfen noch bewegen. Hanna Schneck

Wolf Haas

Wolf Haas

Müll. Hamburg: Hoffmann und Campe 2022. 287 S., 24 €

Wolf Haas.

Der Haas immer gefährlich, gerade wenn du schreibst. Weil ob nun Rezension, SMS oder für Profis auch einmal ein Roman. Wenn du den Haas liest, bist du ganz ding und dann völlig gelähmt punkto eigener Stil. Weil pass auf, keiner so markanter Ton wie der Haas, unübersetzbar Hilfsausdruck. Aber interessant. Nicht nur die Halbsätze und ich sag einmal die mündliche Sprache bei ihm in den Texten, wo du sagen musst, ganz schwer so hinzukriegen. Auch Österreich natürlich immer dabei, sprich aufpudeln, Mistkübel und alles. Aber eben nicht nur das, sondern immer auch ein Clou, ein Dreh, ein Überraschungsmoment in der Handlung, frage nicht. Außer beim letzten Buch, da war der Haas irgendwie ding, sprich schlechten Tag gehabt. Ansonsten aber immer Verlass auf den Haas, ob nun Krimi oder »Wetter vor 15 Jahren« oder »Verteidigung der Missionarsstellung«. Und der neue, der neunte Brenner-Krimi nun also Müll. Wobei ich sagen muss, stimmt nicht ganz. Weil überhaupt nicht Müll, sondern »Müll«. Sprich die Trennung, die Entsorgung, der Kreislauf, die orange Uniform sehr präsent. Und die Trennung auch gleich im doppelten Sinn, weil zertrennte Leiche. Falsch entsorgte Leiche! Und der Brenner schon ewig nicht mehr Polizei, sondern auf dem Mistplatz tätig, wo die Kollegen Leichenteile zusammenpuzzeln, dass es eine Freude ist. Außer natürlich für die Kripo, sprich den Savic und den Kopf. Jetzt interessant. Der Kopf vor Jahrzehnten den Brenner als Ausbilder gehabt. Und nun natürlich beide ein bisschen ding. Wobei auch der Praktikant und die Lieferfirma, und noch mehr die Iris. Jetzt pass auf, der Brenner nicht nur nicht mehr Polizei, sondern teilweise ganz auf der anderen Seite. Weil Wohnung hat der keine mehr. Ich will das jetzt gar nicht beurteilen, weil der Brenner schon immer noch das Herz am rechten Fleck. Aber interessant. Das Herz von der Leiche ganz woanders als die anderen Teile, sprich Tiefkühlfach von der Roswitha. Aber pass auf, mehr verrat ich nicht. Benjamin Heine

Heike Geißler

Heike Geißler

Heike Geißler: Die Woche. Berlin: Suhrkamp 2022. 316 S., 24 €

Heike Geißler.

Die Zeit ist aus den Fugen geraten. Und auch sonst stimmt so einiges nicht mehr in Leipzig und im Rest von Deutschland, nein, in der Welt. Die Ich-Erzählerin in Heike Geißlers »Die Woche« und ihre beste Freundin Constanze sehen sich unaufhörlich mit Unzumutbarkeiten konfrontiert. Alles andere als harmlos geht es los: Auf Sonntag folgt Montag in all seiner privaten und gesellschaftlichen Tragik, namentlich: die Abwesenheit des Wochenendes, Entmietung, die Demonstration über den Ring, nicht enden wollende Müdigkeit. Als wäre das nicht genug, folgen darauf weitere Montage, so schreibt es die Zeitung. Damit müssen die »proletarischen Prinzessinnen«, die Heldinnen dieser Geschichte, erst einmal lernen umzugehen. Nicht nur fühlen sie sich um ihren Wochenrhythmus betrogen, sondern grundsätzlich dem falschen Zeitalter ausgesetzt. Doch an Bewältigungsstrategien der Ohnmacht und chronischen Erschöpfung mangelt es nicht: Constanze konzipiert Seminare gegen Angst und für den heiteren Umgang mit Sinnlosigkeit, sie träumt sich in die Bürgerlichkeit – oder schreit, wenn wirklich alles zu viel wird. Zur unvorhersehbaren Realität gesellen sich in Geißlers Roman bizarre Kontinuitäten wie der personifizierte Tod, der Kaffee kocht, oder ein unsichtbares Kind, das unentwegt fordert, geboren zu werden. In einer Woche voller Anfänge reist die Leserin durch Zeit und Raum, spaziert durch Paris und fährt aufs Land, besteigt ein Schiff nach Ischia und lernt von der Autorin, in den richtigen Momenten dünnhäutig zu sein und die Nerven zu verlieren. Die greift auf allerlei Märchenhaftes und feinen Humor zurück, um Alltagssexismus, Gentrifizierung und Demokratiefeinden zu trotzen. »Das ist ja das Mindeste, was wir tun konnten – die Scheiße persönlich nehmen.« Lucia Baumann

Joshua Cohen

Joshua Cohen

Witz. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2022. 907 S., 38 €

Joshua Cohen.

Der Roman schildert das Leben Benjamins, dreizehntes Kind von Hanna und Israel Israelien aus New York. Nach zwölf Töchtern wird er geboren: »voll ausgewachsen, und es ist ein Er, Israel hoch erfreut und der Junge mit einem Greinen, einem Bart und, was ist das denn, schon eine Brille.« Das 900-Seiten-Epos wirkt vor allem durch seine Mischung aus innerem Monolog, Wortspielen, Gedankensprüngen, Erinnerungen, eigenwilliger Grammatik und Gestaltung. Worum geht es? Ben, geboren am Schabbat, ist der einzige Überlebende der jüdischen Gemeinde, alle anderen sind Weihnachten verstorben. Er wird eine Art Messias wider Willen, ein verlorener Sohn, zieht als »Querwelteinreisender« und moderner Ahasver durch die USA, von der Ostküste bis in die »Stadt der Engel« – das »GOttesgeflügel« – und über »Mormonia« wieder zurück nach New York. Wie Christus soll er geopfert werden: »Sein Blut muss vergossen werden, um den Durst der Massen zu löschen.« Cohen gibt keine chronologische Beschreibung der Reise, vielmehr eine eigenwillige jüdische Geschichte von »Palästigma« durch die USA, Europa und die Diaspora mit unzähligen Anspielungen auf »Polenland« und die »Vernichtungsfeuer« der KZ, auch literarische Bezüge wie zu Shakespeares »Kaufmann von Venedig«, die »ershylockte Miete« und das verpfändete »Pfund Fleisch«. Die ausgeprägte Symbolik zeigt sich etwa in Benjamins immer wieder nachwachsender Vorhaut, seine Zunge wird als Reliquie verehrt. Eisige Kälte ist ein durchgängiges Motiv: Benjamin wandert durch eine »vereiste Wüste«, »Überall Kälte und kalte Dunkelheit, stählerner Frost, eisernes Eis.« Das von der Kritik gepriesene Buch besticht auch durch die herausragende Leistung des Übersetzers Ulrich Blumenbach hinsichtlich Sprache und Stil, ist aber, ganz abgesehen vom Thema, keine Feierabendlektüre zur Entspannung. Joachim Schwend

Florian Baranyi/Monika Lustig & Valerio Curcio

Florian Baranyi/Monika Lustig & Valerio Curcio

Pier Paolo Pasolini. Eine Jugend im Faschismus. Bad Herrenalb: Edition Converso 2022. 127 S., 18 € & Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini. Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Bad Herrenalb: Edition Converso 2022. 184 S., 20 €

Florian Baranyi/Monika Lustig & Valerio Curcio.

Im Juni 1942 reist der zwanzigjährige Pasolini als Teil einer faschistischen Jugendorganisation nach Weimar. Dort unterhält er sich vor allem über Literatur, lässt die nationalsozialistische Propaganda über sich ergehen und schreibt im Anschluss einen kurzen Bericht: »Italienische Kultur und europäische Kultur in Weimar«. Dieser Text, nun zum ersten Mal ins Deutsche gebracht, bildet den Kern eines schmalen Aufsatzbandes zu Pasolinis Aufwachsen im italienischen Faschismus. Das Anliegen: Pasolini in seinen Widersprüchen zeigen, in »seiner Zerrissenheit« und jenseits »zurechtgezimmerter Bilder«, wie die Autorin Monika Lustig formuliert. Nur leider überzeugt das Ergebnis nicht. Zwar gibt es lesenswerte Abschnitte zu Pasolinis Vater, einem Militär und Anhänger Mussolinis, zu Pasolinis intellektueller Entwicklung und auch zu den deutsch-italienischen Beziehungen jener Zeit, alles in allem aber bleibt die Darstellung flach, geprägt von Wiederholungen und auch von Pathos. Zudem macht Pasolinis kleiner Weimar-Aufsatz nicht viel her. Ihn als »Kern seines Antifaschismus« zu interpretieren, scheint überzogen. Und die These von Co-Autor Florian Baranyi, Pasolini übe sich in dem Aufsatz in einer Art von »Double speak«, bleibt Behauptung. Anschaulicher und klarer dagegen ist das Buch von Valerio Curcio über Pasolinis Liebe zum Fußball, die erst einmal erstaunt: Pasolini, ewiger Verächter von Massenkultur und Kapitalismus, ein Fußballfan? Doch in seiner Begeisterung für den Sport kommt er einem so nah wie selten. Curcio schildert Pasolinis lebenslange Bewunderung für die Spieler des FC Bologna, seine jugendliche Spielwut im italienischen Friaul, auch eine legendäre Partie zwischen den Casts von Pasolinis »Salò« und Bernardo Bertoluccis »1900« – wobei Pasolini mitspielte, während Bertolucci sich drückte. Wie nebenbei beschreibt Curcio wichtige Stationen in Pasolinis kurzem Leben und auch die Rolle des Fußballs in seinem literarischen und filmischen Werk. (...) Maurus Jacobs

Bertram Reinecke

Bertram Reinecke

Geschlossene Vorgänge. Über einige biografische Artefakte etc. Schupfart: Engeler Verlag 2022. 116 S., 12 €

Bertram Reinecke.

War es wirklich Ikaros’ Übermut oder führten technische Unzulänglichkeiten zu seinem Absturz? Geheimnisvoll sind Bertram Reineckes »biografische Artefakte«, so der Untertitel, allemal. Zwei Plädoyers versuchen im antiken Athen Licht in die technischen Umstände um den Tod des mythischen Ikaros zu bringen (weswegen wir ihn nicht lateinisch Ikarus nennen wollen). Ein Brief spekuliert Anfang des 19. Jahrhunderts über die Herkunft zweier Gedichtfragmente. Und die Geschichte über die rätselhaften »Hüter der Steine« auf der Insel Rügen stellt sich, das eröffnet das Nachwort, als rekonstruierter Lebenslauf aus Ende des 20. Jahrhunderts entwendeten Akten heraus. Sind diese »Hüter der Steine« wirklich ein geheimer Orden? Historisch situiert verhandelt der Band zeitgemäße Themen, etwa Verschwörungstheorien oder das wiederkehrende Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen: »Um der Väter und Söhne willen, die folgen werden: Nicht das Fliegen war schlecht […], sondern dass ein Vater seinen Sohn nicht in die Verantwortung entließ.« Und wo es um die Tradierung des Steingeheimnisses geht, erneut: »Lernt man die ersten Fakten schon im kindlichen Spiel, nimmt einen der Vater in der Jugend irgendwann beiseite, wie er andernorts dem Sohn einige Ratschläge, die Frauen betreffend, mitgeben mag, die selbst die Mutter besser nicht hört?« Berichten Menschen bei generationellen Fragen heutzutage meist persönlich, so schreibt Reinecke Parabeln. Jedem Trend hinterherzuhinken, langweilt zweifelsohne. Ob des virtuosen Nachahmens historischer Sprachgewohnheiten hängt die Gegenwart jedoch in der Luft. Je mehr wir uns dieser Gegenwart nähern, umso mehr drohen wir – eingeschlossen in kleine Textkapseln – aus der Zeit zu fallen wie Ikaros vom Himmel. Liegt das an der Technik oder an mangelnder geistiger Freiheit? Die geschlossenen Vorgänge bleiben insgesamt verstörend geheimnisvoll. Fabian Schwitter

Anna North

Anna North

Die Gesetzlose. Aus dem amerikanischen Englisch von Sonia Bonné. Eichborn: Frankfurt/Main 2022. 335 S., 22 €

Anna North.

Eine Grippewelle rafft in Amerika Ende des 19. Jahrhunderts viele Menschen dahin, die Unfruchtbarkeit unter den Hinterbliebenen ist hoch. Entsprechend groß ist der gesellschaftliche Druck, der auf Frauen im gebärfähigen Alter lastet. Auch Ada bekommt ihn zu spüren. Mit siebzehn heiratet sie und ist eigentlich guter Dinge, doch die ersehnte Schwangerschaft lässt auf sich warten. Das Misstrauen der Menschen um sie herum steigt von Monat zu Monat, bis sie schließlich in den Verdacht der Hexerei gerät und fliehen muss. Nach einem Zwischenstopp im Kloster findet sie den Weg zur berüchtigten Hole-in-the-Wall-Gang, die auch hierzulande durch Westernfilme bekannt geworden ist. Kleiner Unterschied zum Original: Die Mitglieder der Gang sind allesamt Frauen. Der feministische Western ist ein bisher unterrepräsentiertes literarisches Genre. Die amerikanische Autorin Anna North nimmt sich dessen in ihrem dritten Roman »Die Gesetzlose« an. Sie erzählt vom Zusammenleben der Gang, die den Härten der Natur ebenso ausgeliefert ist wie denen der Gesellschaft, die sie ausgestoßen hat. Trotz dieser Gemeinsamkeiten dauert es eine Weile, bis sich die Frauen zusammengerauft haben. Ein Überfall auf eine Bank soll schließlich nicht nur ihre materiellen Nöte beenden, sondern auch die Basis für eine größere Gemeinschaft verfolgter Frauen bilden. North gelingt es, vor allem Adas Zeit mit der Gang lebendig zu schildern: Erlebnisse von Geborgenheit in einer Gruppe gehen nahtlos in existenzielles Ausgeliefertsein über – Erfahrungen, die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht machen. Trotzdem ist es eine schöne Abwechslung, sich den »Wilden Westen« mal aus weiblicher Perspektive erzählen zu lassen. Andrea Kathrin Kraus

Carl-Christian Elze

Carl-Christian Elze

Freudenberg. Berlin und Dresden: Edition Azur bei Voland & Quist 2022. 176 S., 20 €

Carl-Christian Elze.

Ein junger Mann, Freudenberg, befindet sich an der Schwelle zum Erwachsensein. Emotional entkoppelt, in sich selbst gefangen und sprachlos erlebt er das alltägliche Zusammenleben mit den Eltern. Am Horizont scheint ihn nichts anderes zu erwarten als Fremdbestimmtheit in Form bedrückender Zukunftspläne, die sein Vater für ihn bereithält. Nichts liegt ihm näher als der Wunsch, sich selbst und seinen Lebensumständen zu entkommen. Als Freudenberg beim Familienurlaub am Steilufer der polnischen Ostseeküste den leblosen Körper eines jungen Mannes findet, scheint die Gelegenheit günstig, die Identität zu wechseln, als ein anderer weiterzumachen. Jedoch ist es mit dem Kleidertausch nicht getan. Freudenberg kann sich nicht entkommen. Kurze Zeit später schon findet er sich unter noch bedrückenderen Umständen im Haus seiner Eltern wieder. Für die kurze Zeit des Selbstversuchs, des Dazwischens, entfaltet Elze ein fesselndes und sprachlich berührendes Intermezzo in haltlos fluktuierenden Bildern zwischen Traum, Realität, Möglichkeiten und Wunschdenken. Aufmerksame kreuzer-Leserinnen und -Leser kennen den Leipziger Autor nicht nur vom Gedicht des Monats im April 2022: Die »Zoogeschichten« des vor allem als Lyriker auftretenden Elze erschienen von März 2017 bis März 2018 monatlich im kreuzer, später auch als Buch »Oda und der ausgestopfte Vater«). Seine Faszination fürs Biologische hat auch in »Freudenberg« Spuren hinterlassen: Das sprachlose Wesen der Tiere scheint der Hauptperson näher als die Sphäre des Menschlichen. Verlorensein und verschwimmende Realitäten sind die Themen, die Elze anhand einer fesselnden Geschichte in seinem Romandebüt auf faszinierende Weise entwickelt. Anja Kleinmichel

Désirée Opela

Désirée Opela

Das Wetter in uns. Leipzig: Faber & Faber 2022. 160 S., 20 €

Désirée Opela.

Nadja ist 30, arbeitet in einem Münchner Büro und verbringt ihre Zeit allein, abgesehen von Gesprächen mit ihrer aufgedrehten Arbeitskollegin Joyce und Skype-Calls mit Clemens, einem krebskranken Freund. Eine mysteriöse Krankheit, die sie und ihr Leben buchstäblich lahmlegt, bildet den Rahmen für eine zweite Ebene, eine Rückschau, die in Nadjas Zeit als Kunststudentin in Leipzig führt. Die in München lebende Autorin Désirée Opela, die 2019 mit »Im Limbo« debütierte, erzählt in »Das Wetter in uns« von einer, die mit den Katastrophen des Lebens hadert. Extreme Wetterbedingungen, mit denen sie sich im Studium künstlerisch auseinandersetzte, stehen dabei analog zum Chaos um sie herum: »Im Endeffekt war das Wetter wie der Wille, unberechenbar und gewalttätig, er formte die Welt und ließ den Menschen hinter sich.« Tatsächlich ist das Päckchen, das Nadja zu tragen hat, nicht grade klein. Neben dem politischen Wahnsinn, wie dem Aufstieg der AfD und der Polizeigewalt, der sie als linke Aktivistin ausgesetzt war, trifft sie der Unfalltod ihres Vaters. Und seit einer Vergewaltigung in Jugendjahren neigt sie zu selbstverletzendem Verhalten und drückt die Zigaretten an den eigenen Unterarmen aus. Opela beschreibt Nadjas Herumirren in Leipzig und München in manchmal schwer verständlicher Sprache, die nicht nur die Orientierungslosigkeit ihrer Protagonistin abbildet, sondern manchmal auch für ebensolche bei der Leserin sorgt. Eingestreute, auf wenige Zeilen begrenzte Perspektivwechsel verwirren, ebenso die vielen verschiedenen, teils nur kurz auftretenden Figuren. Trotzdem lohnt die Lektüre dieses unrunden, eigenwilligen Romans, der Leserin wie Hauptfigur erschüttert zurücklässt. Eva Burmeister

Claudia Schumacher

Claudia Schumacher

Liebe ist gewaltig. München: dtv 2022. 373 S., 22 €

Claudia Schumacher.

Juli Ehre ist das jüngste von vier Kindern in einer von Gewalt und Menschenverachtung gezeichneten Familie: Der Vater verträgt keinen Widerspruch und schlägt Frau und Kinder. Doch nach außen muss die Fassade wohlsituierter Bürgerlichkeit gewahrt bleiben. Die suizidale Juli beginnt als Zwölfjährige ein »Selbstmordtagebuch«, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zur Mutter – »ein Hitmix aus Scarlett O’Hara und der Pietà« – und abgrundtiefem Hass auf ihren Vater. Dazu kommt der Beschützerinstinkt für ihren Bruder, der unter der Gewalt des Vaters am meisten leidet. Er ist wie sie ein Opfer und doch immer wieder ihr Retter in größter Not: »Bruno war immer nur eins: Rettung. Wir hüteten, was übrig war von der Seele des anderen.« Juli ist hochintelligent, geht zum Mathematikstudium nach Berlin und beginnt eine Promotion. Nebenbei zockt sie mit Videospielen, wird richtig erfolgreich mit ihrer Gruppe, gewinnt fette Preisgelder und kann von ihren Einnahmen gut leben. Aber sie verkommt seelisch und körperlich, wird tablettenabhängig, eine lesbische Liebe gibt ihr kurzfristig Halt, aber ihre Partnerin verlässt sie und Juli gleitet tiefer in menschliche Abgründe. Nach einer weiteren gescheiterten Beziehung zu einem in der Schweiz lebenden Sachsen findet sie mit ihrem Bruder die Kraft zum Neuanfang. Die anrührende Geschichte schildert die Autorin in erzähltechnischer und sprachlicher Vielfalt – vom Jargon der Zocker und Großstadtkids bis zur nüchternen Sprache des unpersönlichen Erzählers – und bereichert diese mit vielen literarischen Anspielungen. Kein Buch zum entspannten Schmökern, aber auf jeden Fall eine lohnende Geschichte über menschliches Elend und die Verlogenheit braver Bürger in der schwäbischen Provinz. Joachim Schwend

Viktor Schklowski

Viktor Schklowski

Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder die dritte Heloise. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Berlin: Guggolz 2022. 189 S., 22 €

Viktor Schklowski.

Es sind Liebesbriefe, die so tun, als wären sie keine. Ein russischer Emigrant im Berlin des Jahres 1922 schreibt an eine Frau, die nichts von ihm wissen will. Sie duldet die Briefe – antwortet sogar von Zeit zu Zeit –, aber nur nach Maßgabe, dass es nicht um Liebe gehen darf. Und er hält sich daran, meistens jedenfalls. Stattdessen schreibt er über literarische Zeitgenossen wie Andrei Bely und Marina Zwetajewa, über Autos, über Bücher, über einen Besuch im Varieté. Viktor Schklowski war einer der einflussreichsten Literaturtheoretiker der russischen Avantgarde, ein Mitbegründer des russischen Formalismus, der die technischen »Verfahren« von literarischen Texten analysierte. »Konterrevolutionärer Umtriebe« bezichtigt, musste er 1922 aus Leningrad fliehen, über Finnland gelangte er nach Berlin, wo er ein gutes Jahr blieb. In dieser Zeit entstand auch »Zoo« – ein eigentümliches Buch. Neben dem unglücklichen Briefeschreiber und seiner Angebeteten ergreift Schklowski selbst das Wort. Der Briefroman ermöglicht Sprünge und Brüche, Ton- und Stilwechsel. Entstanden ist eine flirrende Sammlung von Texten, in der ein skurriles Märchen ebenso Platz hat wie das Heimweh des Emigranten. Alles, wirklich alles kann Teil von Schklowskis Roman werden. Dass es die unglückliche Liebe tatsächlich gab – von wegen alles nur »Verfahren« –, erläutert das aufschlussreiche Nachwort der Übersetzerin Olga Radetzkaja. Der Anmerkungsapparat erleichtert den Zugang zum russischen Berlin der 1920er Jahre. Den schön gestalteten Band beschließt ein Essay des Schriftstellers Marcel Beyer, in dem er über sein Verhältnis zu Schklowski nachdenkt und über dessen große Bedeutung als Autor. Maurus Jacobs