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Rezensionen

Stemeseder Lillinger

Stemeseder Lillinger

Penumbra II

Penumbra II

Erste Akkorde des Pianos senden Signale aus, ihnen folgt ein Schweif von leuch- tenden Synthesizerklängen. Gleichwohl rappelt sich der Rhythmus auf, um mit »KH I (getragen)« in die neue gemeinsame Veröffentlichung von Elias Stemeseder (Klavier, Spinett, Synthesizer) und Christian Lillinger (Schlagzeug, Perkussion, Synthesizer, Electronics) zu starten. Obgleich Lillingers Spiel – wenn man ihn live erlebt – einer Maschine gleichkommt, entlockt er dem Schlagzeug auch bedachte, zarte und an die Melodie angeschmiegte Klänge und lässt kaum Repetitive aufkommen. Währenddessen flirren, funkeln und sausen die Tonfolgen des Klaviers hinreißend. Besonders sind jedoch die Synthesizer, die wunderbar glühen, raunen, zucken, funkeln und leuchten. So türmen die beiden Musiker mit dem Stück »EL (betraechtlich)« geräuschvolle Impulse auf, die mal an fast vergessene PC-Sounds vergangener Jahre erinnern und mal eine außerweltliche Weite suggerieren. Die auf Platte gebannte Improvisation »Penumbra II« der Musiker fasziniert durchgehend, ist unglaublich kurzweilig und gibt eine herrliche Energie frei. Zudem entziehen sich Stemeseder und Lillinger mit jener Veröffentlichung den Streamingdiensten – insbesondere jenem, der immer wieder damit auf sich aufmerksam macht, Künstlerinnen und Künstler unangemessen zu entlohnen sowie mit KI-generierter Musik zu wirtschaften. Daher kann »Penumbra II« nur über Lillingers Label Plaist Music und dessen Bandcampseite bezogen werden. Claudia Helmert

Teethe

Teethe

Magic of the Sale

Magic of the Sale

Das Quartett aus Texas schafft auf seinem zweiten Album »Magic of the Sale« 14 wundervolle Soundminiaturen, verspielt, verträumt, umarmend. Über verschiedene Bandprojekte fanden die vier Ende der Zehner in der Band Crisman zusammen und bildeten Teethe, um neue Dinge zu probieren. Gleichberechtigt schreiben sie alle Stücke gemeinsam und teilen sich auch den Gesang. Das Debüt, 2020 im Eigenvertrieb veröffentlicht, war ein roher, ungeschliffener Diamant und erhielt viel Aufmerksamkeit und Anerkennung von anderen Künstlerinnen und Künstlern. Das schwierige zweite Album ist anders als der Vorgänger, ruhiger, elegischer, wärmer und doch eine logische Fortführung. Teethe bewegen sich im Schmelztiegel von Bands wie Low, Beach House oder den Red House Painters, mäandernd und Schlieren ziehend zwischen Slowcore, Americana und Lo-Fi-Pop. Eingängig, aber nicht unterkomplex. Einfach, aber nicht simpel. Der perfekte Soundtrack zu einem Sommer der Unzufriedenheit. Inhaltlich sind die Texte ein Kommentar zum existenziellen Kampf, dem wir uns als Menschen täglich stellen, insbesondere in diesen unruhigen Zeiten. Dabei kommen weniger die Wut und Verzweiflung zum Ausdruck als vielmehr die Hoffnung auf bessere Zeiten. Teethe nehmen uns in den Arm und mit in Richtung Ausweg. Lars Tunçay

Lyra Pramuk

Lyra Pramuk

Hymnal

Hymnal

»A cappella is dead« hörte man seit dem traurigen Niedergang der legendären Backstreet Boys ob ihrer einst herzerwärmenden Live-Einlagen durch die Straßen raunen. 2020 durfte die Welt beziehungsweise ein mikroskopischer Ausschnitt davon dann nach Björks famosem Zwischenspiel »Medulla« einen weiteren unerwarteten Wiederbeatmungsversuch des Genres bezeugen. Er hörte auf den Namen »Fountain«, kam in Gestalt von Lyra Pramuks Debütalbum daher und fand seine Signatur in umherschwirrenden und bedarfsgerecht aufgeschichteten Stimmfragmenten. Auch auf dem Nachfolger »Hymnal« setzt Pramuk ihre Stimme als zentrales Instrument ein, während auf Lyrics wiederum quasi gänzlich verzichtet wird; Form schlägt bedeutsamkeitsfixierten Authentizitismus. Im Kernstück »Oracle« werden so zum Beispiel zur Unkenntlichkeit verzerrte Laute auf Repeat und voll in den Dienst seiner auratischen Qualitäten gesetzt. Das folgende »Babel« erinnert in seiner humanoid röhrenden Bassatmosphäre an Fever Ray, bevor es im chamberesken »Meridian« plötzlich aufklart und Pramuk die einzig wirklich verständlichen Worte des Albums in die allgemeine Bläser- und Streichergemengelage haucht: »Licking the sun / Licking the soil«. Nur um diese Sonne in »Gravity« prompt wieder in ein schwarzes Nichts zu versenken und fast schon Endzeitstimmung heraufzubeschwören. »Hymnal« lässt gekonnt verschiedene Soundsensibilitäten ineinanderfließen und präsentiert sich als beeindruckende Fortführung der hoffentlich noch um einige Kapitel zu erweiternden Diskografie Pramuks. Peter Zeipert

Mae Powell

Mae Powell

Making Room For The Light

Making Room For The Light

Über die Aufnahmen zu diesem Werk gab Powell zu Protokoll: »Es hat sich angefühlt wie im Ferienlager. Wir haben alle zusammen im Studio geschlafen. Und immer, wenn uns die Arbeit genervt hat, sind wir im Fluss baden gegangen und haben dann irgendwann am Album weitergearbeitet.« Diese offenkundige Entspannung ist der Platte anzuhören. »Making Room For The Light« ist der zweite Longplayer der Künstlerin, die in der San Francisco Bay Area lebt. Neu war, dass die Songs diesmal in echter Bandarbeit entstanden. Das Einspielen des vielversprechenden Debüts hingegen ähnelte eher dem Zusammenfügen von Puzzle-Teilen. Jenes entstand während der Covid-Pandemie und die Schlagzeug-Spuren etwa trudelten per E-Mail im Studio ein. Diesmal dienten als Inspiration unter anderem Bob Dylans »Nashville Skyline« und »Watch What Happens« von Chris Montez. Passend dazu gelingt Powell in den elf Songs ein galanter Spagat zwischen Folk, Country und Easy Listening. Stimmlich und auch musikalisch bewegt sich Powell in ähnlichen Gefilden wie Katy J. Pearson, Alice Phoebe Lou und Kacey Johansing. Wer ein Herz für diese Musikerinnen hat, sollte sich das Album nicht entgehen lassen. Kay Engelhardt

Nourished by Time

Nourished by Time

The Passionate Ones

The Passionate Ones

Ja, wir wissen es alle: Der Name ist weird, und man kann ihn sich nicht einfach merken. Aber die Musik macht so viel Spaß, dass es keinen Ausweg gibt, außer sich dieses Pseudonym einzuprägen und in Dauerschleife zu sagen: Nourished by Time hat ein neues Album rausgebracht! (und das bitte mal zehn). Nach der Perle seines Debüts von 2023, das Produzent und Singer/Songwriter Marcus Brown einen Deal mit XL Recordings bescherte, warteten R&B-Enthusiastinnen und Enthusiasten gespannt auf Album Nummer zwei. Mit »The Passionate Ones« führt Brown seinen Stil fort: Vintage-Texturen zwischen späten Achtzigern und frühen Neunzigern (SWVs »It’s All About Time« lässt grüßen), gespickt mit New Wave, R&B, Elektrofunk, Dreampop und House im DIY-Mantel. Die Platte startet mit melancholischen, souligen Balladen und steigert sich zu tanzbaren Momenten, getragen von Baltimore-Club-Beats und Browns beiläufiger Rap-Delivery. Der Kontrast zwischen hochgepitchten Vocals und Browns dunklem, heißem Bariton – mal à la D’Angelo, aber auch mal à la Prince – erzeugt soulige Wärme und sommerliche Euphorie. So erzählt er zugänglich von der Schattenseite des »American Dream«: von belastenden Bürojobs (»925«) und Existenzangst (»Max Potential«) – mit Liebe und Leidenschaft als Rettungsanker. Ein Album, das nicht überrascht, aber zwischen Melancholie, Euphorie und Dancefloor der Arbeiterklasse treu bleibt. Libia Caballero Bastidas

Hallo Volte

Hallo Volte

Anderswo EP

Anderswo EP

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Zum Beispiel diese: Eine Schülerband namens Saitenweise gründet sich Anfang der 2000er im schwäbischen Sigmaringen. Der Bandname legt ebenso wie die Musik nahe, dass Begriffe wie »Tocotronic« oder »Blumfeld« mutmaßlich keine Fremdwörter für das junge Quartett sind. Doch bevor es zu einer ersten Veröffentlichung kommt, verlieren sich die Spuren der Band im Sand. Es folgen Studium, Jobs, Karriere. Nun, gut zwanzig Jahre später, ist die Band unter neuem Namen (Hallo Volte) und mit ihrer Debüt-EP zurück. Und was soll man sagen: »Anderswo« ist seit, sagen wir: Kettcars »Ich vs. Wir« das stärkste Comeback im Bereich des deutschsprachigen Indie-Pop. Nicht nur deshalb, weil die Band in den fünf Songs mindestens fünfzig tolle Melodien eingearbeitet hat (Kettcar haben in 25 Jahren bekanntlich keine einzige zustande gebracht); sondern auch – und für Epigonen der Hamburger Schule nicht ganz unwichtig –, weil Sänger Jörn Dege (der nebenbei bemerkt Geschäftsführer des Literaturinstituts Leipzig ist und einst die Edit mit herausgab) Texte für die Ewigkeit, wenn nicht sogar für den Moment schreibt. Kaum zu glauben, aber wahr: Dank Songs wie »Deko für den Flur« oder »Ein Versuch« fängt man an zu vergessen, dass man Kante je vermisst hat. Luca Glenzer

Power Plush

Power Plush

Love Language

Love Language

Zwischen warmem Dreampop und aufgeladenem Indie-Rock formt das Chemnitzer Quartett Power Plush mit seinem neuen Album »Love Language« einen Sound, der direkt ins Herz geht – und einen dabei fast dazu bringt, selbst mal wieder Liebesbriefe zu schreiben. Power Plush, das sind Drummer Nino sowie die Sängerinnen Anja, Maria und Svenja, die mit drei völlig unterschiedlichen Gesangsstimmen jedem Song des Albums eine neue Farbe verleihen. Ob Retro-Vibes in »Blue«, moderne Dreampop-Balladen wie »Date Me Once« oder »U Deserve Better« oder für Power-Plush-Verhältnisse ungewohnt rockige Indietracks wie »Crush« und »Better Luck Next Time«: »Love Language« schmiegt sich in die knallbunte, glitzernde Welt von Power Plush ein und überzeugt mit ausladenden wie unaufdringlichen Melodien und vielschichtigen Gitarren. Lyrisch verarbeitet die Band ein ganzes Feuerwerk an emotionalen Ausbrüchen und innersten Gefühlen. Im Kern: die Liebe, in all ihren Facetten und Ausschweifungen; laut oder leise, verzweifelt oder glücklich, anbahnend oder beständig, herzerwärmend oder missglückt. Als Grande Finale der titelgebende Song »Love Language«: ein gebührender, energiegeladener Abschlusstrack, bei dem sich Anja, Maria und Svenja mit ihren Gesangsparts harmonisch abwechseln. Nächsten Monat touren Power Plush mit ihrem neuen Album »Love Language« durch Deutschland und Österreich, vom Auftakt in Dresden am 2.10. bis zum Heimspiel in Chemnitz am 24.10. Celina Riedl

Hypochondrische Ängste

Hypochondrische Ängste

Real Authentic Berlin Street Love

Real Authentic Berlin Street Love

Die Trommel wirbelt und treibt den stolpernden Bass voran. Es folgen die Bewusstseinsströme von Jorinde Minna Markert, deren Assoziationen nur so sprudeln und Hörerinnen und Hörer allzu leicht mitreißen. Mit ihren Texten baut sie Kulissen, Kostüme, Dialoge und Stimmungen, formt so ganze Szenen, um die titelgebende »Real Authentic Berlin Street Love« zu beleben. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr, denn Markert arbeitete als Schauspielerin, schreibt nun fürs Theater und ist frische Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Die Stücke erzählen beispielsweise davon, wie es ist, eine Liebesbeziehung neu auszuloten: »Du so Negation, du Postpostrevolution / Du so Kaffee aus Gerste und Milch ungeschäumt / Du so ungesüßt, du so ungeträumt / Ich so: Hab dich so gern! / Du so: Du hast mich nicht / Haben hat nur der Konzern«. Die verbalen Eindrücke sausen in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit vorbei, passen ganz gut zur Schnelllebigkeit unserer Zeit. So grenzt sich die Wirkung der Spoken-Word-Kunst deutlich von namhaften Personen aus dem Genre ab, wie etwa Kae Tempest oder Mira Mann, die sich mehr darauf besinnen, ihre Worte atmen, wachsen und viel gediegener wirken zu lassen. Zu den Texten hieven Hypochondrische Ängste mittels Gitarre, Vibrafon, Bass und Drums zumeist hektische, bisweilen auch ruhig flirrende Klanggefilde ihren Hörerinnen und Hörern über – und das beeindruckt durchgehend. Claudia Helmert

The Swell Season

The Swell Season

Forward

Forward

Die Geschichte begann vor rund zwanzig Jahren. Der irische Singer-Songwriter Glen Hansard, Frontmann der auf der Insel enorm populären Band The Frames, und die junge tschechische Pianistin Markéta Irglová sind seit vielen Jahren befreundet. Auf musikalischer Ebene treffen sie sich mit dem Projekt The Swell Season. Als Hansards Freund, Regisseur John Carney, die beiden Hauptdarsteller für seinen Film »Once« sucht, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Musikern, übernimmt der Sänger kurzerhand den männlichen Part und empfiehlt Irglová für den weiblichen. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Tabloids lieben. Sie erhalten den Oscar für »Falling Slowly« und verlieben sich ineinander. Der nachfolgende Ruhm, die gemeinsame Tour und die Trennung behandelt der Dokumentarfilm »The Swell Season« und nach dem Break-up-Album »Strict Joy« ist 2009 erst mal Schluss. Hansard und Irglová beginnen erfolgreiche Solokarrieren, finden neue Partner und ein neues Zuhause. 14 Jahre später ist die Zeit nun reif für ein neues Album. Die neun Stücke von »Forward« zeigen beide in songschreiberischer Bestform und ergeben ein harmonisches Ganzes, trotz ihrer unterschiedlichen Ausdrucksformen. Hansards kraftvolle Folksongs strahlen ebenso wie Irglovás gefühlvolle Balladen und zu großen Pop-Songs finden beide Stile wunderbar zusammen. Lars Tunçay

Superspace

Superspace

Superspace

Superspace

KI als Bedrohung für die Kulturszene? Maurice Summen und Tom Hessler scheinen unbesorgt zu sein. Zumindest könnte man das denken, wenn man das Debütalbum der beiden Musiker hört, das dieser Tage unter dem superben Alias Superspace veröffentlicht wurde. Denn so düster das Gros der gegenwärtig diskutierten Zukunftsszenarien erscheint, so zuversichtlich und unbekümmert groovet das selbstbetitelte Werk des Duos, das sich musikalisch irgendwo zwischen House, Dub, Minimal Techno und Ambient bewegt. Entstanden ist es an der Schnittstelle von Mensch und Maschine, im Zusammenspiel von Vintage-Equipment und KI-Anwendungen. Damit werfen Summen und Hessler bewusst Fragen nach Urheberschaft und der Einzigartigkeit künstlerischen Ausdrucks auf. Doch auch fernab philosophisch-ethischer Fragestellungen bieten Stücke wie »Superspace Heaven«, »Superspace Feeling« oder »Superspace Business« feinste Electronica-Tunes, die wahlweise an Gruppen wie Nightmares on Wax, Air, Thievery Corporation oder Massive Attack erinnern. Das ist zwar musikalisch nicht durchgehend begeisternd, doch stellt das Album im Wechselspiel mit der thematischen Meta-Ebene eine längst überfällige künstlerische Intervention dar. Wer also über die wahlweise utopischen oder dystopischen Potenziale der KI im Kontext künstlerischer Arbeit nachdenkt, hört dabei zukünftig am besten Superspace. Luca Glenzer

Allo Darlin’

Allo Darlin’

Bright Nights

Bright Nights

Mit »Bright Nights« veröffentlicht das britisch-australische Quartett nach ganzen elf Jahren Pause leicht unerwartet ein neues Werk. Immerhin klang die Auflösung im Jahr 2016 nach drei Alben und ausgiebigem Touren recht endgültig. Die Veröffentlichung kommt aber eben nur leicht überraschend, da die Mitglieder von Anfang an freundschaftlich eng miteinander verbandelt waren. Das rückblickend temporäre Ende erfolgte nicht aufgrund eines Zerwürfnisses, sondern war viel eher das Resultat der zum damaligen Zeitpunkt unterschiedlichen Lebenspläne. In der Zwischenzeit widmeten sich Sängerin Morris und Bassist Botting jeweils ihren Solo-Projekten. Das vorliegende Allo-Darlin’-Album schließt quasi nahtlos an ihr letztes vor der Pause an. Die Band klingt so vertraut, als ob sie nie weg gewesen wäre. Musikalisch gibt es die bewährte Mischung aus Country, Folk und Twee-Pop. Album Nummer vier ist ein Spiegel der letzten Jahre, in denen sich die Mitglieder insbesondere während der Corona-Pandemie regelmäßig via Zoom trafen. Die Texte der zehn Songs behandeln mit Liebe, Geburt und Tod klassische Erwachsenen-Themen. Botting steuert erstmals auf einem Album von Allo Darlin’ einen Song mit seinem Leadgesang bei. Morris singt so wunderbar nahbar und samtig wie eh und je und versüßt uns damit den Sommer. Alles in allem ist »Bright Nights« ein gleichermaßen reflektiertes wie frisches Album, das die Band in ihrer Kontinuität bestätigt. Kay Engelhardt

Black Honey

Black Honey

Soak

Soak

Wenn etwas Selbstverständliches wie Milch dir Gänsehaut macht, dann wird’s gruselig. In »Clockwork Orange« schafft Gang-Leader Alex das unter anderem mit dem immer wieder süffisant verlangten »Moloko«, dem gar nicht so harmlosen milchhaltigen Cocktail, und einem zynischen Blick. »I know what You like« singt Izzy B. Phillips in »Dead« und diese unschuldige Textzeile kriecht genauso direkt unter die Haut wie der »Moloko«. Der leichte Gesang täuscht nicht darüber hinweg, wie die Zeile weitergeht: »Just press on the Knife« und dann noch weiter: »You can’t kill me now / Cause I’m already dead«. Die einfache Gitarren-Melodie verdichtet sich zu einem drohenden Gewitter. Und das Schlagzeug stampft unbeirrt im monotonen Rhythmus weiter, während Izzy von existenziellen Krisen und schreienden Stimmen im Kopf singt. Das ist also die zweite Single von »Soak«, dem vierten Studioalbum des britischen Indie-Vierers Black Honey. Die zwölf Songs des Albums atmen Stanley Kubricks Geist: Da ist keine brachiale Gewalt, sondern kriechende, leise Spannung. »Insulin« zum Beispiel beschreibt fast poetisch den Tod durch eine Überdosis Insulin. Und wieder der leichte, aber auch süffisante Gesang, begleitet vom reduzierten, sich langsam aufbauenden Schlagzeug. Es ist aber nicht nur die Stimmung, die an Stanley Kubrick denken lässt, sondern auch die Ästhetik der Videos bis hin zum Albumcover: Immer wieder taucht vor allem eines auf: die durch Klammern weit aufgerissenen Augen. In »Clockwork Orange« ist das die zentrale Szene, in der Alex psychologisch umprogrammiert werden soll. Bei Black Honey ist es der Trigger eines schleichenden, unguten Gefühls. Es erinnert uns daran, dass etwas nicht stimmt und dass sich ein Unheil zusammenbraut. Vielleicht in der Welt, in der Gesellschaft oder in der Natur … »Soak« ist der Appell, nicht wegzuschauen und es zu ignorieren, sondern vorbereitet zu sein. Kerstin Petermann

Little Simz

Little Simz

Lotus

Lotus

»Lotus« steht für Reinheit, Wiedergeburt, Reinigung. Klingt nach Zen – ist es vielleicht auch. Aber eben auch zornig. Die Rede ist von Little Simz’ sechstem Album, benannt nach der Blume. Es ist ihr erstes ohne Kindheitsfreund und Stammproduzent Inflo (Sault). Der Grund für den Bruch ist skandalös und öffentlich: Im Dezember 2023 verklagte Simz ihn wegen des Diebstahls von 1,7 Millionen Pfund. Drama genug für ein Konzeptalbum – so let’s go! Mit dem neuen Produzenten Miles Clinton James entwirft Simz eine 50-minütige Klanglandschaft aus Rap, R&B, Afrobeat, Post-Punk, Jazz und Rock – voller Features (u. a. Michael Kiwanuka, Yussef Dayes, Wretch 32), wie man es aus ihrer Diskografie kennt, was natürlich die klangliche Vielfalt des Albums verstärkt. Schon die ersten Tracks sind eine offene Abrechnung, mit zwischen Wut und Enttäuschung oszillierenden Zeilen wie: »Thief / And you know what it means / Selling Lies / Selling Dreams«. Doch mit dem Song »Young« kippt die Stimmung: Simz klingt plötzlich verspielt, kindlich, punkig. Ab hier wird’s weicher: Bossa Nova, dreamy Keys, Streicher (viele Streicher), R&B-Gesang von Sampha und Obongjayar, Tropicalia und sogar Dance-Punk à la ESG. Das Album mäandert also zwischen Zorn, Tanzfläche, spielerischer Indifferenz und Traurigkeit. Vielleicht etwas zu breit für echte Kohärenz – aber trotzdem stark. Vielschichtig, eigenwillig, königlich gerappt. Simz bleibt: Rapping King und Rapping Queen. Libia Caballero Bastidas

Clipse

Clipse

Let God sort em out

Let God sort em out

Sechzehn Jahre ist es her, seit die Gebrüder Thornton – Pusha T und Malice – ihr letztes Album als Clipse veröffentlicht haben. Die beiden Rapper aus Virginia machten um die Jahrtausendwende von sich reden – mit Songs über den Handel mit Kokain und Beobachtungen aus dem Milieu, die der alten Trope neues Leben einhauchten. Über die wegweisenden Beats des Produzentenduos Neptunes, die sich nicht vor Synthie-Elementen scheuten, flogen ikonische Kokain-Vergleiche, die gleichermaßen schmunzeln wie staunen ließen. Nach drei Alben war 2009 Schluss: Genervt von Labelquerelen und persönlichen Differenzen gaben die Brüder bekannt, sich auf Solokarrieren zu fokussieren. Pusha T fand Gefallen daran, den Bogeyman der Szene zu spielen, Malice zu Jesus. 2025 nun das große Reunion-Album: produziert von Ex-Neptune Pharrell Williams, die Erwartungen hoch an das spektakulärste Release des Jahres. Mit 48 (Pusha T) und 52 (Malice) sind die beiden im jungen Rapgame graue Eminenz. It’s a young Man’s game? Keine Spur. Kalte Sprüche dafür en masse, die erste Veröffentlichung »So be it« schaffte Tatsachen. Über ein geniales Sample saudi-arabischer Volksmusik rappt Pusha T: »Your Soul don’t like your Body, we’ll help you free it« und in der letzten Strophe wird Travis Scott gedisst, als wäre es nichts. Die Beats von Pharrell haben immer noch die Tiefe und die einzigartigen Drums, »All Things considered« klingt wie ein finsteres Schachspiel um Leben und Tod während Clipse über Macht und ihre Implikationen rappen, als wären es Cäsar-Zitate. Ein Sample zieht sich durch das Album, auf dem eine KI-Frauenstimme emotionslos »This is culturally inappropriate« sagt. Hip-Hop im Jahr 2025 braucht das. Jan Müller

Motusneu & Steve Swell

Motusneu & Steve Swell

War der Clown gar nicht echt?

War der Clown gar nicht echt?

So verspielt wie das farbenfrohe Mixed-Media-Cover aus fabelhaft überzeichneten Pola- roids (Oskar Rottenbach) ist auch die Musik von Motusneu. Das 2022 gegründete Trio mit Bruno Angeloni am Saxofon, Stephan Deller am Kontrabass und Steffen Roth an Schlagzeug, Zimbeln und anderen Objekten schafft gemeinsam mit dem US-amerikanischen Musiker Steve Swell an der Posaune Improvisationen mit einer Kraft von mindestens 1,8 Meganewton. Ausgezeichnet ist die Arbeit des Trios – und zwar mit dem jüngst verliehenen Jutta-Hipp-Preis in der Kategorie Improvisation. Mit der aktuellen Veröffentlichung »War der Clown gar nicht echt?« bewegen sich die Musiker durch filigrane, herrlich versponnene Klanggewebe. So heben im dritten Song (»1«) die Bläsermelodien in außerweltliche Höhen ab, woraufhin sich die tiefen Kontrabass-Spielereien leichtfüßig um das eher dezent tönende Schlagwerk winden. Mit dem vierten Song (»8«) wird die Energie, die der Musik innewohnt, ganz unmittelbar durch den Atem der Bläser hörbar. Die Musiker experimentieren organisch mit allerlei Geräuschen, die sie auf ganz unterschiedliche Weisen ihren Instrumenten entlocken. Diese Eindrücke unterlaufen die Erwartungen, die der erste Track (»7«) weckt, der eher in das Album hineinpoltert und mit eifrigen Tönen die Hörerinnen und Hörer mit sich zerrt. Es lohnt sich allerdings, dem zu folgen, denn die Kraft, die sich mit den Livekonzerten der Musiker entlädt, wirkt auch gebannt auf der Platte – und das ist wirklich bemerkenswert. Claudia Helmert

Sally Shapiro

Sally Shapiro

Ready to live a Lie

Ready to live a Lie

Mit ihrem fünften Studioalbum sind Sally Shapiro und Johan Agebjörn auf dem US-Label Italians do it better angekommen. Das passt nicht nur wegen des Namens perfekt, sondern auch wegen Labelmates wie den Chromatics. Mit denen teilt das Duo die Liebe zu Synthwaves der Achtziger, der melancholischen, artifiziellen Seite des Pop. 18 Jahre nach ihrem Debüt »Disco Romance« sind die Schweden ihrem Sound treu geblieben. Ein Klangkosmos, der keine Veränderung braucht. Immer noch baden sie im sehnsuchtsvollen Italo-Disco-Sound von Giorgio Moroder und italienischen One-Hit-Wundern wie Raf, Baltimora und Gazebo, die diesen Stil Mitte der Achtziger prägten. Shapiros Gespür für eingängige Popmelodien und Agebjörns kristallklare Produktion machen daraus ein einzigartiges Studioprojekt, das auf Promo- oder Liveauftritte verzichtet. Die Melancholie ist auf »Ready to live a Lie« präsenter denn je. War auf den ersten Alben noch die Euphorie des Verliebtseins zu spüren, zeigen sich jetzt überall Risse in den Beziehungen, die Zweisamkeit ist einer vorherrschenden Einsamkeit gewichen. Eine umarmende Traurigkeit umspielt die zehn Stücke, zu denen auch ein makelloses Cover des Pet-Shop-Boys-Hits »Rent« zählt. Sehnsucht verpackt in Synthflächen, Electro-Drums und Shapiros gehauchtem Gesang. Der melancholische Soundtrack zum Sommer. Lars Tunçay

Bed

Bed

Everything hurts

Everything hurts

Samstag, 7. Juni, Kantine am Berghain. Auf der Bühne: eine weißbezogene, herzförmige Matratze – grenzwertig kitschig, ja, aber irgendwie auch sexy und verdammt passend zum Abend. Denn die Band heißt schließlich Bed und singt Zeilen wie: »Heart-shaped Bed / Bugs in my Head / My Life is a Lie / That sells well.« Nicolás Astorga (Gesang), Sol Astolfi (Bass, Gesang) und Jon Brinkmann (Gitarre) stellen ihr Debütalbum »Everything hurts« vor. Statt bravem Shoegaze-Bodenstarren gibt’s Interaktion und zarte Erotik. Im roten Licht verschmelzen Stimme, Gitarre und Bass zu einem dichten Soundschleier. Astorgas Gesang ist kaum verständlich, völlig verfremdet: Durch den Octaver-Effekt wirkt die Stimme weiblich, engelsähnlich, choral, verhallt, verhüllt. Live bleiben Bed fast exakt am Albumklang. Musikalisch irgendwo zwischen My Bloody Valentine und Cocteau Twins – nur eben ausgesprochen queer, clubbig und mit Spoken Word. Ein bisschen mehr Körper würde sicher nicht schaden (wir sagen nur: Schlagzeug!), aber das wird schon noch. Entstanden aus toxischen Liebesgeschichten ist das Album hochpoetisch und klingt wie etwas, das man sicher kennt, ohne es je gehört zu haben: ein Phantomschmerz im eigenen Musikgedächtnis. Verwirrend schön oder angenehm falsch. Libia Caballero Bastidas

Jeanines

Jeanines

How long can it last

How long can it last

Alicia Jeanine und Jed Smith stecken hinter diesem etwas schwer auszusprechenden Projektnamen. Ihre Wahlheimat ist New York. Aber seit beinahe zehn Jahren huldigen sie dem Sound der späten Achtziger und frühen Neunziger Großbritanniens. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Tour-Bassistin Maggie Gaster haben sie dieses flotte und knackige Album eingespielt. Die Bands auf Sarah Records im Besonderen und das C86-Genre im Allgemeinen sind fraglos gute Koordinaten in ihrem Klangkosmos. Textlich handelt »How long can it last« vom üblichen Fluch und Segen des Lebens: Turbulenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Suchen und Finden von Verbindung und verschiedenen Formen des Scheiterns. Das Markenzeichen der Jeanines ist es, Pop auf den Punkt zu bringen. Elf der hier versammelten dreizehn Songs sind kürzer als zwei Minuten. Dennoch enthalten sie alles, was einen guten Song ausmacht: großartige Melodien, tolle Basslinien und vor allem jangly Gitarren. Auch wenn wir es nicht anders von dieser Band kennen, ist es doch immer wieder verblüffend, mit welcher Perfektion und Präzision ihr das gelingt. Stimmlich erinnert Alicia Jeanine oft an Vashti Bunyan, auch wenn der Sound der Jeanines ein anderer ist. The Garlands, Pale Lights und Dolly Mixture sind weitaus bessere Referenzen, wenn es darum geht, das Album musikalisch dingfest zu machen. Kay Engelhardt

Wet Leg

Wet Leg

Moisturizer

Moisturizer

»All Day long on the Chaise Longue«, mit diesem Reim für die Pop-Geschichtsbücher und dem dazugehörigen Song über gepolsterte französische Liegemöbel begann vor vier Jahren der – hier kann man diesen abgegriffenen Superlativ ruhig mal verwenden – kometenhafte Aufstieg der Indie-Band Wet Leg. Das Duo von der britischen Isle of Wight wurde mit seinem schnoddrigen Mix aus Indie-Rock, Post-Punk und Riot-Grrrl-Attitüde quasi über Nacht zu einer der gefragtesten Gitarren-Bands des Landes. Nun kam in Diskussionen über das Phänomen Wet Leg gelegentlich die Frage auf, ob es sich bei der ganzen Sache womöglich bloß um eine medial gehypte popmusikalische Eintagsfliege handele. Zumindest das lässt sich nach dem Hören des zweiten Albums »Moisturizer« mit einem ganz energischen Nein beantworten. Der Platte merkt man an, dass das anfängliche Just-for-Fun-Projekt mittlerweile zu einer eingespielten und musikalisch ehrgeizigen Einheit verschmolzen ist. So ist Wet Leg nun auch ganz offiziell kein Duo mehr, sondern zur fünfköpfigen Band angewachsen. Insgesamt legt »Moisturizer« auf die bewährten Wet-Leg-Sound-Komponenten noch mal eine ordentliche Schippe drauf (und spart allerhöchstens beim Ohrwurmpotenzial). Die Songs sind tighter, rotziger, lauter, crunchier, sassier, selbstbewusster (man könnte noch so einige weitere Adjektive aufzählen), verlieren dabei aber auch nicht die frische Unbekümmertheit und charmante Selbstironie des Debüts. Die gewohnt nonchalanten Lyrics drehen sich um das obsessive Chaos des In-Love-Seins, aber auch um das Gegenteil, sprich: unangenehm aufdringliche Typen: »I just threw up in my Mouth, when he just tried to ask me out.« Also alles in allem hat der Pressetext Recht: »Fun and freaky and fabulous!« Yannic Köhler

Pulp

Pulp

More

More

Oasis oder Blur?, lautete in den Neunzigern eine (viel) zu oft gestellte Frage, auf die es stets nur eine Antwort geben konnte: Pulp. Nicht nur, weil das Quintett aus Sheffield stets cleverer, subtiler und humorvoller war als seine prominente Konkurrenz, sondern vor allem, weil es mit Mastermind Jarvis Cocker sowohl den besten Songschreiber als auch den begabtesten Sänger in seinen Reihen hatte. Mit ihren beiden Alben »His ’n’ Hers« und »Different Class« stiegen Pulp ab 1994 in den britischen Pop-Olymp auf, bevor 2001 nach dem siebten Album »We Love Life« Schluss war. Doch ebenso wie ein klassischer Pulp-Song steckt auch die Geschichte der Band voller unerwarteter Wendungen. Und so erschien just im Juni nach 24 Jahren der langersehnte Nachfolger – mit dem schlichten Titel »More«. Und mehr meint in diesem Falle wirklich mehr, denn das Album ist weit entfernt von einem lauen Aufguss früherer Tage. Noch immer sprudeln lupenreine Hits aus Cockers jung gebliebenem Geist, der immerhin auch schon 61 Jahre zählt. Mit Songs wie »Spike Island«, »Grown ups« oder »Got to have Love« gelingt der Formation der Spagat zwischen den Neunzigern und der Gegenwart, was auch phänomenale Zeilen wie »I haven’t got an Agenda / I don’t even got a Gender« unterstreichen. Ein besseres Comeback wird es 2025 nicht mehr geben. Da werden höchstens die Gallagher-Brüder widersprechen. Luca Glenzer