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Rezensionen

Milch ins Feuer

Milch ins Feuer

D 2024, R: Justine Bauer, D: Karolin Nothacker, Johanna Wokalek, Pauline Bullinger, 78 min

Katinka ist 17 und will den Hof ihrer Familie übernehmen. Doch von der Landwirtschaft kann kaum mehr einer leben und als Frau muss sie ohnehin einen wohlhabenden Bauern erwischen und heiraten, so ist es üblich. Ihre Mutter würde es lieber sehen, wenn sie eine Ausbildung bei Aldi macht oder im Schlachthof anfinge, statt wie sie ein Leben als Bäuerin zu fristen. Katinkas beste Freundin Anna will lieber weg. Ihre Pläne zerbrechen, als sie schwanger wird. Aber Omas Tomaten sind in diesem Jahr so gut geworden wie nie zuvor. Es sind die Frauen, die den Hof zusammenhalten. Aber gerade sie sind es, die am wenigsten Einfluss auf ihre ohnehin ungewisse Zukunft haben. Regisseurin Justine Bauer, die an der Leipziger HGB studierte, geht es in ihrem Debüt vor allem um eine realistische Darstellung der Bäuerin im Film, die viel zu selten im Kino sichtbar ist. Bei aller Aktualität ist »Milch ins Feuer« ein Sommerfilm, herrlich leicht inszeniert – wie der Schwung der Schaukel, die in der ersten Einstellung minutenlang über den Fluss fliegt. Die Darstellerinnen und Darsteller, viele von ihnen im Dorf gecastet, wirken frei und unverstellt, von Pedro Carnicer mit der Kamera fast dokumentarisch eingefangen. Gedreht wurde in der Region Hohenlohe, im Nordosten von Baden-Württemberg, was sich auch in der Mundart widerspiegelt. Die Geschichte könnte sich aber überall in Deutschland abspielen. LARS TUNÇAY

Was ist Liebe wert − Materialists

Was ist Liebe wert − Materialists

USA 2025, R: Celine Song, D: Dakota Johnson, Pedro Pascal, Chris Evans, 119 min

Lucy ist es gewohnt, die Menschen nach ihrem Marktwert zu beurteilen. Alter, Größe, Statur und vor allem ihr Bankkonto sind dabei entscheidend. Ihr Job in einer großen Dating-Agentur für gut betuchte New Yorker läuft bestens. Privat scheitert sie dagegen an ihren eigenen Ansprüchen. Als ihr der reiche, gutaussehende Harry den Hof macht und sie ihren Ex, den mittellosen Schauspieler John wieder trifft, muss sie sich entscheiden: Geld oder Liebe? Celine Song hat sich nach ihrem Oscar-Erfolg »Past Lives« dem ewigen Thema in der Menschheitsgeschichte angenommen. War ihr berührendes Debüt im Kern eine persönliche, aber universelle Geschichte einer Frau zwischen zwei Kulturen, ist »Materialists« vor allem ein New-York-Film. Wer im Big Apple leben und nicht nur überleben will, braucht viel Geld. Reich heiraten ist ein Weg, der hier wenig mit Liebe zu tun hat. Celine Song rechnet ehrlich und pointiert mit den Klischees der klassischen RomCom ab und dem amerikanischen Streben nach Besitz, zu dem auch der richtige Partner oder die richtige Partnerin gehört. Dakota Johnson verkörpert die abgeklärte Lucy zwischen Businesswoman und bester Freundin. »Mandalorian«-Pedro Pascal und »Captain America«-Chris Evans sind hier mal nicht die Helden. Der Weg zur Erkenntnis, dass Geld allein nicht glücklich macht, dürfte aber für manch einen kürzer sein als die Laufzeit von rund zwei Stunden. LARS TUNÇAY

Bitter Gold

Bitter Gold

D/CHL 2024, R: Juan Francisco Olea, D: Katalina Sánchez, Francisco Melo, Daniel Antivilo, 83 min

Der Stein gerät früh ins Rollen. In der chilenischen Atacama-Wüste wartet Pacífico auf seinen Angestellten Humberto. Torkelnd taucht der auf. Betrunken und viel zu spät. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Männern, der jedoch fürs Erste eine Lösung findet. Humberto springt zu den anderen Arbeitern auf die Ladefläche. Gemeinsam fahren sie zu der kleinen Mine, in der die Arbeiter für Pacífico nach Kupfer schürfen. Filme wie etwa Jane Campions »The Power of the Dog« haben eine Kunst daraus gemacht, ihre zugrundeliegenden Konflikte langsam schwelen zu lassen. In »Bitter Gold« kommen die Dinge rascher zum Punkt. Nach einem Kampf sitzt Pacífico mit einer Schussverletzung in seinem Haus. Totenbleich und bewegungsunfähig. Plötzlich ist es an seiner Tochter Carola, sich mit den Arbeitern herumzuschlagen, den Schein zu wahren, während beide einen Plan aushecken, wie sie ihr karges Leben endlich hinter sich lassen können. Die junge Frau wächst über sich hinaus. »Bitter Gold« sieht aus wie ein Neo-Western. Er hat alle Zutaten: leere Landschaften, einsame Helden, Gold, Duelle und Dynamit. Doch leider fängt er wenig damit an. Die stärksten Momente gehören der von Katalina Sánchez gespielten Carola. Einer auch ihrem Vater Pacífico (Francisco Mello). Insgesamt bleibt der Film allerdings blass. Zwischendurch ertappt man sich beim Wunsch, das Drama möge einmal so explodieren, wie der Sprengstoff in den Stollen. Josef Braun

In die Sonne schauen

In die Sonne schauen

D 2025, R: Mascha Schilinski, D: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, 159 min

»In die Sonne schauen« von Mascha Schilinski ist eine Komposition von über 100 Jahren deutscher Geschichte und menschlichen Empfindungen. Im Zentrum stehen vier Protagonistinnen aus vier Generationen und ein Vierseitenhof in der Altmark. Darum drehen sich kanonisch die Geschichten, auf Platt- bis Hochdeutsch, die von Euphorie und Schmerz, Einsamkeit und Todessehnsucht erzählen. Die kleine Alma inszeniert im deutschen Kaiserreich ihren eigenen Tod auf dem Sofa, auf dem traditionell die Toten der Familie fotografiert werden, während die kleine Nelly im 21. Jahrhundert darüber fantasiert, wie traurig ihre Mutter wäre, wenn sie beim Baden ertrinken würde. Zum Einschlafen singt ihre Mutter »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt«, ein Schlaflied von 1868. Schilinski lässt die Empfindungen ihrer Protagonistinnen nebeneinander existieren, sich aufeinander beziehen und überblenden, wodurch eine meisterhafte Inszenierung von Zeit und Raum, Licht und Schatten, von Geschichte gelingt. Die Perspektive der ausschließlich weiblichen Protagonistinnen wird dabei nicht als spezifisch weibliche, sondern als menschliche Erfahrung erzählt, in der es stets auch um Gewalt und Unterdrückung geht. »In die Sonne schauen« ist ein Gesamtkunstwerk von herausragender künstlerischer Qualität und hat zu Recht den Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Eine absolute Empfehlung. Greta Jebens

Wenn der Herbst naht

Wenn der Herbst naht

F 2025, R: François Ozon, D: Hélène Vincent, Josiane Balasko, Ludivine Sagnier, 102 min

Nachdem Michelle ihrer Tochter Valérie mit einem Gericht aus selbst gesammelten Pilzen unbeabsichtigt eine Vergiftung beschert hat, bricht die Tochter nicht nur den gemeinsam mit ihrem Bruder Lucas angesetzten Urlaub bei der Oma frühzeitig ab, sondern gleich den ganzen Kontakt zu ihr. Für Vincent, den gerade aus der Haft entlassenen Sohn von Michelles bester Freundin Marie-Claude, hat Valérie den Bogen damit deutlich überspannt. Ohne Michelles Wissen fährt er nach Paris, um Valérie zur Rede zu stellen. Von da an nehmen die Ereignisse eine unerwartete Wendung. Mit seinem letzten Film »Mein fabelhaftes Verbrechen« hat der französische Regiestar François Ozon sein Faible für Kriminalstoffe wiederentdeckt. Auch »Wenn der Herbst naht« ist kriminalistisch angelegt. Daneben geht es hier aber auch (wie in »Alles ist gut gegangen«) um die Gebrechen im Alter und die Einschränkungen, die diese mit sich bringen. Und um die Schattenseiten einer Vergangenheit, die immer wieder zum Problem in der Gegenwart werden können. Ozon hat seine von Hélène Vincent grandios verkörperte Hauptfigur Michelle sympathisch und liebenswert in vielen Details charakterisiert, so dass man diese von Anfang an ins Herz schließt, woran auch ihre düstere Vergangenheit, die erst später enthüllt wird, nichts ändern wird. Mit seinem 23. Film gelingt Ozon eine sensible Charakterstudie mit originellen Kriminalelementen. Frank Brenner

Vermiglio

Vermiglio

I/F/B 2024, R: Maura Delpero, D: Tommaso Ragno, Roberta Rovelli, Martina Scrinzi, 119 min

Vermiglio, eine kleine italienische Gemeinde in Südtirol, abgeschnitten von der Außenwelt, in der 1944 Krieg herrscht. Die Männer, die das Dorf verlassen, kehren selten zurück. Hierher verirrt sich der Deserteur Pietro. Der schweigsame Mann aus Sizilien weckt das Interesse von Lucia, der ältesten Tochter der Familie Graziadei. Aber auch in der heranwachsenden Ada regen sich Gefühle. Mit genauem Blick, in sorgfältig komponierten Einstellungen setzt Regisseurin Maura Delpero (»Maternal«) das Leben der Familie in Szene und versetzt das Publikum so in eine andere Zeit. Inspiriert wurde sie dabei von der eigenen Familiengeschichte und ihrem Großvater, der in Vermiglio aufwuchs. Behutsam betrachtet sie jede ihrer Figuren, legt sie komplex und vielschichtig an. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Rolle der Frauen jener Zeit. Aber der Patriarch des Hauses ist kein Tyrann, sondern bei aller Strenge auch ein liebevoller Vater. Delpero vermeidet Klischees. Ihre Herkunft vom Dokumentarfilm ist sichtbar. In langen Einstellungen beobachtet sie ihre Figuren und bleibt dabei immer auf Augenhöhe. So entspinnt sich ein mitreißendes Drama, das sich vor den kunstvollen Landschaftspanoramen von Bildmeister Mikhail Krichman (»Leviathan«) abspielt. In Venedig gab es dafür viel Applaus und den Großen Preis der Jury. Lars Tunçay

Copa 71

Copa 71

GB 2023, Dok, R: Rachel Ramsay, James Erskine, 91 min

Dass es Frauenfußball immer noch schwer hat, erkennt man etwa an den geistarmen Kommentaren in diversen Foren. Früher war alles sogar noch schlimmer. »Copa 1971« beleuchtet den Kampf der Frauen am Ball gegen Verbände, Vorurteile und ein patriarchalisches System, das die schönste Nebensache der Welt nur für sich reklamiert. Im Fokus: das von der FIFA damals als »Schande« bezeichnete und nicht offiziell als Weltmeisterschaft anerkannte Turnier in Mexiko mit sechs Teams – und das trotz Zuschauerzahlen von rund 100.000 Fans, bei einem Spiel wohlgemerkt. Die Doku lässt damalige Nationalspielerinnen erzählen: etwa die Mexikanerin Silvia, die von ihrem Vater geschlagen wurde, wenn sie vom Kicken kam und die Engländerin Carol, die von ihren Spielen sechs Zuschauer gewohnt war. Ein deutsches Team war nicht dabei. Garniert wird die Dokumentation mit Archivmaterial und teils kuriosen Originalkommentaren des Turniers sowie einordnenden Worten. Trotz des Erfolgs des außerplanmäßigen Wettbewerbs ging es danach für den Frauenfußball in manchen Ländern sogar weiter bergab: In England wurde die Kapitänin der Nationalelf bei einem Vereins-Event gedemütigt, das Team konnte rund 50 Jahre nicht über das historische Ereignis reden. »Copa 71« ist nicht nur ein Film über ein offensives und historisch kaum beachtetes Sportgeschehen, sondern auch über den Geschlechter-Zweikampf um Recht, Macht und Identität – der leider in die Verlängerung geht. Markus Gärtner

Agent of Happiness

Agent of Happiness

BT/HUN 2024, Dok, R: Arun Bhattarai, Dorottya Zurbó, 93 min

Der kleine Staat Bhutan erlangte weltweite Berühmtheit, als dessen König Wangchuck in den 1960er Jahren erstmals das »Bruttonationalglück« seiner Bevölkerung ermitteln ließ. Seine Politik sollte nach den Bedürfnissen des Volkes ausgerichtet sein, nicht nach dem individuellen Streben nach Profit. Aber ist Bhutan deshalb heute das glücklichste Land der Erde? Die Dokumentarfilmer Arun Bhattarai und Dorottya Zurbó begleiten den Beamten Amber Gurung und seinen Kollegen auf einer Reise quer durchs Land, von Tür zu Tür. Mit ihrem Kleinwagen sind sie unterwegs durch Berg und Tal und denken dabei über ihre eigenen Träume, Ziele und Wünsche nach. Sie reden mit den Menschen und ordnen ihr persönliches Glücksempfinden in ein Raster ein. Aber wie viel sagt das über das Schicksal der Menschen aus? Und sind die Inspektoren selbst eigentlich glücklich? Die Frage nach dem eigenen Glück stellt sich auch unweigerlich das Publikum dieses außergewöhnlichen Dokumentarfilms, der seine Premiere beim Sundance-Filmfestival feierte. Mit wunderschönen Landschaftspanoramen erzählt er mal heiter, mal nachdenklich, vom Leben in Bhutan und vom Glück, das sich eben nicht nur am materiellen Besitz messen lässt. »Agent of Happiness« stellt ganz grundsätzliche Fragen des Lebens und zeigt, was Menschen verbindet. Ein Film, der einfach glücklich macht. Lars Tunçay

Memoiren einer Schnecke

Memoiren einer Schnecke

AUS 2024, R: Adam Elliot, 95 min

Nach dem weltweiten Erfolg von »Mary & Max« arbeitete der Australier Adam Elliot mehr als eine Dekade an seinem zweiten Langfilm. Mit »Memoiren einer Schnecke« ist ihm dabei erneut eine herzzerreißende Trickfilmballade gelungen, die jede Minute der langen Wartezeit wert ist. Er erzählt die Geschichte von Grace Pudel, die geradezu besessen ist von Schnecken. Am liebsten würde sie sich selbst gern in ihr Haus zurückziehen, um der harschen Welt zu entfliehen. Ihr einziger Anker ist Zwillingsbruder Gilbert, der sich stets für sie einsetzt, wenn sie mal wieder an der Schule gehänselt wurde. Doch nach dem Tod des alkoholkranken Vaters muss Gilbert in eine Pflegefamilie am anderen Ende von Australien. In ihren Briefen versuchen die beiden, einander näher zu sein, doch Grace muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Hilfe bekommt sie dabei nur von der lebensfrohen Pinky, einer älteren Dame aus der Nachbarschaft. Grace’ Schicksal zertrümmert immer wieder unser Herz, um es dann – gleich des Kintsugi, der japanischen Kunst der Reparatur – mit goldenen Momenten zu kitten. Adam Elliots Dioramen sind herrlich detailverliebt und ebenso liebevoll gestaltet wie seine Figuren. Besonders Grace wächst uns ans Herz. Das kleine Mädchen mit den traurigen Augen will man einfach nur in den Arm nehmen. Die Animationskunst, mit der Elliot den liebenswert-verschrobenen Figuren Leben einhaucht, ist einzigartig. Lars Tunçay

Diva Futura

Diva Futura

I 2024, R: Giulia Louise Steigerwalt, D: Pietro Castellitto, Tesa Litvan, Barbara Ronchi, 128 min

In den späten siebziger Jahren finden sich der italienische Self-Made-Man Riccardo Schicchi und das ungarische Model Ilona Staller alias Cicciolina. Die beiden revolutionieren mit ihrem amoralischen Ansatz zunächst mit erotischen Fotografien, später mit Porno-Filmen die gesellschaftliche Einstellung gegenüber erotischen Darstellungen – in Italien und kurze Zeit später weltweit. Unter dem Namen »Diva Futura« gründen die beiden eine Modelagentur, einen Nachtclub und ein Pornolabel, in dem später auch Moana Pozzi und Schicchis große Liebe Éva Henger zu Pornoqueens aufgebaut werden. Trotz des immensen Erfolgs ist das Unternehmen auch immer wieder von Rückschlägen betroffen, sei es durch neidische Mitmenschen oder Krankheiten. Mit der Verfilmung der Geschichte vom Aufstieg und Fall von »Diva Futura« hat die Schauspielerin Giulia Louise Steigerwalt nach ihrem preisgekrönten Regiedebüt »Settembre« ihren zweiten Spielfilm realisiert. Dieser beruht auf den autobiografischen Erinnerungen von Schicchis Sekretärin Debora Attanasio, die ihre Zeit in der Pornobranche als die schönsten Jahre ihres Lebens beschrieb, weil das Label Kunst und Erotik mit Herz produzieren wollte. Dass Steigerwalt im Film munter zwischen den Zeiten hin- und herspringt, macht es einem Publikum ohne Vorkenntnisse etwas schwer, den komplexen Verwicklungen immer sofort folgen zu können. Aber insgesamt hat sie die Bahn brechende Ära in der Porno-Historie hier anschaulich aufbereitet. Frank Brenner

Der Salzpfad

Der Salzpfad

GB 2025, R: Marianne Elliott, D: Jason Isaacs, Gillian Anderson, James Lance, 115 min

Eine Frau und ein Mann kämpfen gegen den nächtlichen Einfall der Flut in ihr Zelt. Ein Zeitsprung zurück: Mit dem Bus fahren die beiden – sie heißen Raynor und Moth, sind Ende 50 und seit Jahrzehnten glücklich verheiratet – zum Startpunkt des tausend Kilometer langen Salzpfads, der rund um Südwestengland führt. Das Paar ist nahezu pleite und will das Leben nun auf Wanderschaft verbringen. In Rückblenden erfahren wir, dass Raynor und Moth aufgrund eines dubiosen Geschäfts, in das ein Freund sie hineingezogen hat, ihr Haus, Hab und Gut verloren haben. Moth leidet außerdem an einer degenerativen Erkrankung des Nervensystems und die Ärzte geben ihm nur noch wenig Zeit. Während der Reise begegnet das Paar genretypisch den verschiedensten Menschen und wächst an den Herausforderungen, die sich ihm stellen. Basierend auf Raynor Winns autobiografischem Bestseller von 2018 bietet »Der Salzpfad« exakt das, was das Publikum von einer adäquaten Verfilmung erwarten darf: Erkenntnisse über das Leben und die Liebe inmitten grandioser Landschaften, getragen von einem großartigen und uneitlen Darstellerduo: »Akte X«-Ikone Gillian Anderson ist als ebenso liebevolle wie starke Raynor eine Protagonistin nach Maß, während der sonst oft als Fiesling besetzte Jason Isaacs aus den »Harry Potter«-Filmen als Moth zeigt, dass ihm auch eine sympathische Hauptrolle mit Galgenhumor gut zu Gesicht steht. Peter Hoch

Leonora im Morgenlicht

Leonora im Morgenlicht

D/MEX/RO/GB 2025, R: Thor Klein, Lena Vurma, D: Olivia Vinall, Alexander Scheer, Ryan Gage, 103 min

Die britische Malerin Leonora Carrington (1917–2011) zieht Ende der dreißiger Jahre nach Paris. Dort geht sie eine komplizierte Liebesbeziehung mit Max Ernst (1891–1976) ein, durch den sie Zugang zum Kreis der Pariser Surrealisten erhält. Sie verweigert sich dem Mythos der Muse und eckt so mit der männerdominierten Kunstszene an, verschafft sich jedoch durch ihre eigene Bildsprache zunehmend Respekt. Wie die meisten Frauen und Künstlerinnen dieser Zeit muss Carrington sich gegen Repressionen behaupten, die sie letztlich in eine spanische Nervenklinik führen, wo sie schwer misshandelt wird. Ihre Selbstbehauptung findet Carrington schließlich in ihren Bildern und in Mexiko, wo sie ab 1951 lebt und arbeitet. Die Aufnahmen dieser Episode sind von sattem Grün und langen Einstellungen geprägt, ihr Stil verschmilzt dort europäischen Surrealismus mit mesoamerikanischer Kultur und »redefiniert eine lange verlorene weibliche Spiritualität«, wie es im Epilog heißt. Carringtons surrealistische Bildsprache wird im Film durch magisch-realistische Elemente und surreale Einschübe übersetzt, was nur teilweise gelingt. Dennoch überzeugen einige literarisch anmutende Dialoge und die atmosphärische Dichte der Inszenierung. Sicher hätte es interessantere Wege gegeben, Leonora Carrington zu porträtieren als durch die Verfilmung des Buches von Michaela Carter. Die große (Kino-)Leinwand verdient Carrington jedoch ohne Zweifel. Greta Jebens

Der Fleck

Der Fleck

D/CH 2024, R: Willy Hans, D: Leo Konrad Kuhn, Alva Schäfer, Shadi Eck, 94 min

Nach etwa zwanzig Minuten sitzen alle am Wasser. Eine Gruppe Jugendlicher in einer Wald- und Wiesenlandschaft. Es ist ein warmer Tag, die Stimmung träge. Ein Pärchen flüstert sich unter dem Handtuch heimlich Liebesschwüre zu. Andere spielen Karten. Etwas abseits von ihnen sitzt Simon. Aus einer Laune heraus hat er den Unterricht verlassen. Jetzt ist er bei der Gruppe, die er kaum kennt. Hört zu, ohne wirklich dazuzugehören. Simon ist der Protagonist im Spielfilmdebüt des Hamburger Regisseurs Willy Hans. Ein stiller, in sich gekehrter Typ. Erkennungsmerkmal: seine Flasche, die er immer wieder hoch in die Luft schleudert und überall mit sich herumträgt. Wunderbar gespielt von Leo Konrad Kuhn hat Simon Ähnlichkeit mit dem Protagonisten aus Alice Rohrwachers’ »Glücklich wie Lazzaro«. Beide verbindet dieses leichte Neben-sich-Stehen. Ihre durchdringenden Blicke, die unmerklich zum Blick des Films selbst zu werden scheinen. Ruhig bewegt sich die Kamera zwischen den Jugendlichen und begleitet Simon, wie er sich mit einem Mädchen Pommes teilt. Wie sie später durch den Wald streifen. Scheinbar Alltägliches wird dabei zum visuellen Ereignis. Das gilt auch für die Naturaufnahmen. Selten sahen Wasser, Wind und Blätter auf der Leinwand so gut aus. Bedenkt man dann noch den – an klassischer Musik geschulten – Soundtrack sowie das tolle Ensemble, bleibt nur ein Schluss: »Der Fleck« ist ein fantastisches Debüt. Vielleicht gar das Debüt des Jahres. Josef Braun

Zikaden

Zikaden

D/F 2025, R: Ina Weisse, D: Saskia Rosendahl, Nina Hoss, Vincent Macaigne, 100 min

In der Szenerie eines drückenden Sommers auf dem brandenburgischen Land begegnen sich Anja und Isabell. Anja braucht dringend einen neuen Job, nachdem sie in der Spülküche entlassen wurde. Sie hat ein Kind, das sie versorgen muss. Dieses streunt selbstständig im Dorf umher. Hier steht auch das eindrucksvolle Ferienhaus von Isabells Eltern. Isabell ist, wie auch ihr Vater, gelernte Architektin und lebt eigentlich in Berlin. Seit dem Schlaganfall ihres Vaters kümmert sie sich um das leere Haus und saugt darin die toten Fliegen auf. Während ihre Ehe mit dem Franzosen Philipp in die Brüche geht, sucht sie nach einer Pflegekraft für ihre Eltern. Die ungleichen Frauen Anja und Isabell fühlen sich voneinander angezogen und kommen sich näher. Anstelle einer Rettungsinszenierung gelingt Ina Weisse in ihrer dritten Regiearbeit eine Geschichte von Menschen und Leiden unterschiedlicher Generationen und Lebenswelten, von den Sorgen einer Alleinerziehenden und den Fragen Kinderloser, vom Geldhaben und Geldbrauchen und vom Sterben. »Zikaden« ist eine leise Befreiungsgeschichte in den ruhigen Kameraeinstellungen Judith Kaufmanns, die keine Angst hat, Zeit vergehen zu lassen, mit den herausragenden Schauspielerinnen Saskia Rosendahl und Nina Hoss sowie einem monumentalen Bau als Schauplatz von Macht und Enge, trotz luftiger Architektur zum Sound zirpender Zikaden. Greta Jebens

The Ugly Stepsister

The Ugly Stepsister

NOR/SWE/PL/DK 2025, R: Emilie Blichfeldt, D: Lea Myren, Flo Fagerli, Isac Calmroth, 105 min

»Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« ist nicht nur bei uns zum Weihnachtsklassiker avanciert. Auch »The ugly Stepsister«, die norwegische Neuinterpretation des Grimm’schen Märchens, huldigt dessen Look zeitweise. Aber ein hübscher Familien-Fantasyfilm ist das beeindruckende Debüt von Emilie Blichfeldt ganz sicher nicht! Vielmehr hat sich die Regisseurin und Drehbuchautorin die jahrhundertealte Vorlage geschnappt, durch den Fleischwolf gedreht und den Fokus weg vom hier gar nicht so netten Aschenputtel hin zu einer der beiden Stiefschwestern gelegt. Die von Lea Myren uneitel verkörperte Heranwachsende namens Elvira ist das hässliche Entlein ihrer kleinen Familie, die die ehrgeizige Mutter durch eine zweite Ehe absichern wollte. Doch den betagten neuen Gatten rafft es schnell dahin und außerdem hat er nicht das erhoffte Vermögen hinterlassen, sodass Elvira es nun richten soll. Um sie für den Brautschauball des attraktiven Prinzen Julian begehrenswert zu machen, führt der windige Dr. Esthétique Schönheits-OPs an ihr durch und auch sie selbst unterzieht sich allerlei obskuren Livehack-Prozeduren, mit grausamsten Folgen. Die wurden unverkennbar vom Werk des Body-Horror-Papstes David Cronenberg inspiriert: Augenspritzen, Fußverstümmelungen und Bandwurmei-Einnahme dienen als Metaphern für die Schwächen und Dilemmata der Protagonistin, verweisen zudem auf Themen wie Klassenunterschiede und Schönheitswahn. Peter Hoch

Saint-Exupéry ­− Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen

Saint-Exupéry ­− Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen

F/B 2024, R: Pablo Agüero, D: Louis Garrel, Diane Kruger, Vincent Cassel, 98 min

Argentinien im Jahr 1930: Antoine de Saint-Exupéry und sein Mentor und bester Freund Henri Guillaumet liefern mit Flugzeugen Eilbriefe aus. Ein schwieriges und mitunter tödliches Unterfangen. Da die Post-Fluggesellschaft kurz vorm Bankrott steht, konstruieren die beiden Freunde eine Maschine, die auch in der Lage ist, die hohen Berge der Anden zu überfliegen und damit Zeit zu sparen. Beim ersten Versuch verschwindet Guillaumet allerdings spurlos, weswegen sich Saint-Exupéry mit Henris Frau Noëlle daranmacht, seinen Freund wiederzufinden, bevor dieser in den Minustemperaturen der Gebirgskette unweigerlich erfriert. Pablo Agüeros Film versteht sich als Hommage an die Abenteuer des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry (1900–44), die dieser unter anderem in seinem Buch »Nachtflug« zu Papier gebracht hatte. Die durchweg sehr künstlich wirkenden Bilder und die nicht immer perfekt gestalteten visuellen Effekte wirken auf den ersten Blick etwas befremdlich. Man kann diese aber auch als märchenhafte Referenz auf »Der kleine Prinz« lesen. Die überdeutlichen Farben und teilweise wie gemalt wirkenden Hintergründe passen schließlich ganz gut zu einer Geschichte, die von Heldenmut und wahrer Freundschaft erzählt. Fans des »kleinen Prinzen« dürfte es darüber hinaus erfreuen, dass in dieser Story auch immer wieder kleinere Bezüge darauf durchschimmern. Frank Brenner

One To One: John & Yoko

One To One: John & Yoko

GB 2024, Dok, R: Kevin Macdonald, 100 min

1972 war ein Jahr des Umbruchs in den Vereinigten Staaten. Die politische Stimmung war auf dem Siedepunkt. Der Protest entlud sich auf der Straße in blutigen Schlachten zwischen der Polizei und Demonstrierenden. Die Politik von Präsident Richard Nixon wurde zunehmend radikaler, die Musik von John Lennon immer politischer. Nach der Trennung der Beatles im Jahr 1970 war Lennon die vielleicht prominenteste Person auf dem Planeten. Die Stimmung in England wurde zunehmend feindseliger. Er floh mit Yoko Ono nach New York und veröffentliche mit »Some Time in New York City« ein Album mit Protestsongs, trat für Frauenrechte ein, gegen Rassismus und den Krieg in Vietnam. Diese Zeit in der Zwei-Zimmer-Wohnung in Greenwich Village veränderte die Sicht des Musikers. Sie mündete im Auftritt beim »One to One«-Benefizkonzert im Madison Square Garden am 30. August 1972. Der schottische Filmemacher Kevin Macdonald (»Der letzte König von Schottland«) förderte bisher ungesehenes Material aus den Archiven, kombinierte private Videos und Mitschnitte der Telefonate, in denen John und Yoko Mitstreiter mobilisieren und ihre Aktionen koordinieren, mit Werbeclips und Nachrichtenmeldungen – ohne unnötigen Kommentar oder Betrachtungen aus der Gegenwart. Für 100 Minuten macht »One to One: John & Yoko« die Stimmung jener Zeit spürbar. Mit der exzellenten Montage von Sam Rice-Edwards entsteht ein Flow und die Vergangenheit wird lebendig. Ergänzt wird das Material mit besonderen Momenten des Konzerts. Es sollte die einzige Live-Show von John und Yoko bleiben. Lars Tunçay

Die Bonnards – malen und lieben

Die Bonnards – malen und lieben

F/B 2023, R: Martin Provost, D: Cécile de France, Vincent Macaigne, Stacy Martin, 122 min

Auf über 140 Bildern und 700 Zeichnungen ist sie angezogen oder nackt zu sehen, die Muse seines Lebens: Marthe de Méligny (1869–1942). Als Pierre Bonnard (1867–1947) ihr zum ersten Mal begegnet, ist sie zunächst nur eine von vielen jungen, hübschen Frauen, die für den aufstrebenden Maler Modell stehen. Doch zwischen den beiden entwickelt sich eine stürmische Liebesbeziehung, die der Regisseur Martin Provost (»Séraphine«) über vier Jahrzehnte hinweg erzählt. Pierre lässt auch im Laufe ihrer Beziehung nicht von anderen Frauen ab. Die resolute Marthe leidet zunächst darunter, findet dann aber ihren eigenen Weg, sich mit der Situation zu arrangieren. Provost zeigt sie auch als eigenständige Künstlerin, deren Bilder stets im Schatten der Arbeiten ihres Mannes standen. Cécile de France und Vincent Macaigne spielen die komplizierte Beziehung mit Leidenschaft. »Die Bonnards« ist die Geschichte einer großen Liebe, die bei allen Zerwürfnissen im Zentrum ihrer gemeinsamen Geschichte steht. Guillaume Schiffman, Oscar-nominiert für seine kunstvollen Schwarzweiß-Aufnahmen in »The Artist«, fasst die Chronik einer Liebe in die kräftigen, farbenprächtigen Bilder des Sommers, untermalt von der wundervollen Musik des amerikanischen Komponisten Michael Galasso, dessen Musik schon den Filmen von Wong Kar-Wai (»In the Mood for Love«) Stil verlieh. Lars Tunçay

Das Fest geht weiter

Das Fest geht weiter

F/I 2023, R: Robert Guédiguian, D: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Lola Naymark, 106 min

Die Stadt Marseille wird von einer großen Tragödie erschüttert: Zwei baufällige Häuser stürzen ein, acht Menschen kommen dabei ums Leben. Es ist ein reales Unglück aus dem Jahr 2018, das der französische Autor und Regisseur Robert Guédiguian als Ausgangslage für seinen neuen Spielfilm »Das Fest geht weiter!« benutzt. Anhand einer fiktiven Familie, deren Dreh- und Angelpunkt Krankenschwester und Kommunalpolitikerin Rosa ist, zeichnet er ein vielfältiges Bild der Bürgerschaft Marseilles. So engagiert sich besonders ihre Schwiegertochter in spe Alice nach dem Einsturz für die Umsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner baufälliger Häuser, von denen es mehr als genug in ihrem Stadtteil gibt. Währenddessen überlegen Rosas erwachsene Söhne Minas und Sarkis, wie sie ihren armenischen Wurzeln gerecht werden können, während das Land vom Krieg erschüttert wird. Zudem taucht auch noch Henri auf, Alices Vater, der seine Buchhandlung aufgegeben hat, und nun mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen möchte. Selbst in Marseille geboren, reißt Guédiguian zahlreiche Themen an, persönliche und politische, versteht sich als Vertreter des Agitprop, und bedient sich im Film unterschiedlichster Stilmittel – vom inneren Monolog bis zu literarischen Zitaten. In diesem Potpourri aus gewichtigen Botschaften und Familiendramen bleibt die tiefere Beschäftigung mit den einzelnen Schicksalen aber leider zu oft auf der Strecke. Hanne Biermann

Chaos und Stille

Chaos und Stille

D 2025, R: Anatol Schuster, D: Sabine Timoteo, Anton von Lucke, Maria Spanring, 83 min

Dirigent Jean und Pianistin Helena leben für Noten und Töne – und ihr neugeborenes Baby. Finanziell sind eher Molltöne angesagt. Ihrer Vermieterin Klara hingegen geht es derartig gut (oder schlecht), dass sie dem idealistischen Paar plötzlich die Miete erlässt, ihre Sachen verschenkt, das sechsstellig gefüllte Konto auflöst und kurzerhand aufs Dach zieht. Psychotische Phase, spirituelle Einkehr oder einfach nur Flucht nach oben? Währenddessen geht es weiter bergab mit dem Musikerpaar: Sie kämpft mit ihren Erwartungen und denen ihrer Eltern, bei seinen Konzerten bleiben zu viele Sitze leer, seine Stelle fällt in der nächsten Spielzeit weg. Schließlich scharen sich die Jünger um Klara, deren Abkehr von der konsumfixierten Mainstream-Gesellschaft als Trend gehypt wird, ehe auch Gegner und Psychiater auflaufen. Kommt es zum großen Paukenschlag – oder eher zum Piepen? Die Musik spielt nicht nur thematisch die erste Geige, sondern wird auch teils experimentell oder konträr auf die fein komponierten Bilder gestreut. Anatol Schusters Film wirkt teilweise eher wie eine Meditation über Akustik, Sinn und den Wert von Mensch und Ding. Diese freie Komposition reißt viele Themen und Szenen an, mäandert aber auch etwas zwischen pseudointellektuellen Weisheiten und einem althergebrachten Aussteiger-Narrativ, dem kaum eine neue Note entlockt wird. Markus Gärtner